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Eifersucht im Alltag von Eheleuten, so weiß Kommissar Brozio, kann fatale Umstürze heraufbeschwören, besonders, wenn es sich um heimliche Pikanterien wie Callgirls und teure Dessous handelt. Die Lösung komplexer Zusammenhänge um falsch zusammengesetzte Damenunterwäsche und eine tote Frau in einem Einkaufszentrum stellt das Lahrburger Ermittlerteam erneut vor eine knifflige Aufgabe.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Arne Siegel
Der Haken ... hatte einen Haken
Roman
Über das Buch:
Eifersucht im Alltag von Eheleuten, so weiß Kommissar Brozio, kann fatale Umstürze heraufbeschwören, besonders, wenn es sich um heimliche Pikanterien wie Callgirls und teure Dessous handelt. Die Lösung komplexer Zusammenhänge um falsch zusammengesetzte Damenunterwäsche und eine tote Frau in einem Einkaufszentrum stellt das Lahrburger Ermittlerteam erneut vor eine knifflige Aufgabe.
Tags: Dessous, Sex, Tablettensucht, Frauen-Rivalität, Psychose, Blendung(Strafe), Mord, Zwillinge, Kuckuckskind, Tauchen
Der Autor:
Arne Siegel, geboren 1962 in Dresden, ist Bautechniker, ursprünglich gelernter Zimmerer. Nachdem er sich für zwei Jahrzehnte als Unternehmer betätigt hat, entdeckt er seine Begeisterung für das Schreiben. Der Autor lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Anmerkung:
Obwohl alle meine Geschichten der Fantasie entsprungen sind, so basieren sie zum Teil doch auf eigenen Erlebnissen. Insofern sind Ähnlichkeiten mit vorhandenen Personen, Institutionen oder Firmen, die es in der Realität gibt nicht immer zu vermeiden. Dennoch bedeutet es, dass keine derselben, die darin vorkommen, in der Wirklichkeit existieren.
A. S.
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An einem Nachmittag bei bestem Wetter für Wassersportaktivitäten vermeldet eine 18-jährige Frau namens Yokolele Knies dem Leiter der Boogshaver Tauchsportgruppe Wido Reinnagel den Verlust ihres Froschkostüms. Innerhalb der Reinigungskammer, in der die von Salzrückständen befreiten Anzüge zum Trocknen aushängen, spürt sie dem Set nach, ohne es jedoch darin ausfindig zu machen. Wido, der Leiter der Tauchschule, versteht die Welt nicht mehr. Weder sind Einbruchsspuren am Objekt festzustellen, noch kann einer der Sportler zu Yokoleles Verlust mit einer plausiblen Erklärung aufwarten, wobei man wissen muss, dass theoretisch alle BSTV-Taucher die Kleider von Kameraden an sich nehmen können, was aber wenig Sinn macht, weil es sich bei jedem Set um ein Unikat handelt.
Am Ende bleibt Reinnagel nichts weiter übrig, als jedes einzelne Mitglied zum Vorkommnis zu befragen, da kein auswärtiger Dieb in Betracht kommt und weil die zu beklagende Summe bis weit in die Vierstelligen geht. Doch bevor er sich nicht ein dezidiertes Bild von der Situation gezeichnet hat, um voreilige Beschuldigungen gegenüber seinen Mitstreitern auszuschließen, macht es wenig Sinn, Polizei und Versicherung über den angezeigten Schaden zu informieren. Ab und zu, so weiß Wido aus Erfahrung, verlassen Tauchfreunde die Reihen des Vereins, deren Anzüge sodann an neue Interessenten veräußert werden müssten. Die Sets verbleiben zumeist im Kreis der Szene und tauchen in anderen Klubs an passenden Rümpfen neuer Besitzer wieder auf. Daher ist es außergewöhnlich, dass eine komplette Montur verschwindet, zumal sie nur von einer bestimmten Person getragen werden kann. Als sich bei der Suche nach dem unterseeischen Gewand bis zum frühen Abend keine erhellende Spur auftut und auch kein Eingeweihter etwas zu dessen möglichem Verbleib sagen kann, sieht Wido Reinnagel sich veranlasst, die Polizei zu verständigen, um den Diebstahl anzuzeigen.
Eine Viertelstunde später kommt ein Streifenwagen mit Boogshaver Kennzeichen vor dem Eingang des BSTV zum Stillstand. Diesem entsteigen zwei Uniformierte, die sich als Wachtmeister Anders Theilen und Ernst Winfried Kowalewski unter Vorweisung ihrer Dienstpapiere bei den Anwesenden vorstellen. Einer von ihnen zückt Stift und Protokollblock, der andere schaut auf alle Schränke und in sämtliche Ecken. Daraufhin lässt sich Kowalewski - Theilen indessen, mithörend und -schreibend - die Geschichte des verloren geglaubten Taucheranzugs von einer betrübten Yokolele Knies der Reihe nach und in allen Einzelheiten auseinander pflücken. Als das geschehen ist, tauschen die Beamten einen Blick.
Der Polizist namens Ernst Winfried Kowalewski verdeutlicht Knies und Reinnagel, dass es sich bei der vorhandenen Konstellation, aus seiner Sicht, um eine Beraubung unter eigenen, zumindest involvierten Leuten handeln muss, da anscheinend Schlüssel für die Tat verwendet worden sind. In der Annahme, dass sich Frau Knies' Eigentum möglicherweise im territorialen Umfeld befindet, stellt er klar, dass das Hafenamt zum Sachverhalt verständigt werden sollte. Schließlich sind Teile des Sets mit Gravuren versehen, über welche man den Besitzer im Fall einer Entdeckung namhaft machen kann. Die Beamten signalisieren das Ende ihres Besuchs, indem sie sich an die Mützen tippen. Theilen holt rasch eine Unterschrift unter den Protokollbogen ein, bevor die Streife ihren Weg mit unbekanntem Ziel fortsetzt. Yokolele Knies schaut ihnen betreten nach.
1.
Sechs Jahre zuvor:
Auf dem Vereinsplatz der Kleingartenanlage Fraternitas Rosenhag in Rosenhag e.V. steht ein nahezu unbenutztes eingeschossiges Gebäude mit flachem Dach. Im Vergleich zu den Bauwerken in seiner Umgebung nimmt es sich in Form und Farbe beirrend, geradenwegs abstrus aus. Ein auffälliger architektonischer Kontrast gegenüber streng geometrisch gestalteten Gartenparzellen mit ihren würfelförmigen Hütten. Ein Affront gegen kleinkariertes Vereinsgebaren, mag der eine oder andere Promenierende bei dem befremdlichen Anblick meinen, der sich in diesem Moment von der Straße aus bietet. Vor drahtumzäunten Gartenvierecken, die horizontweit üppiges Grün in die geteilte Landschaft malen, wirkt jener Baukörper wie ein aus nackter Erde geschossener, zu umfänglich geratener hölzerner Pilz. Ein Torso, bestehend aus rustikalem, raumhohe Glasfenster umrahmenden Holzgebälk mit einem daran haftenden, die exotische Note unterstreichenden, folkloristisch anmutenden Malereiwerk. Hinter dem, das Areal umspannenden Drahtzaun, unweit der dominierenden Holzrotunde, duckt sich bescheiden das Vereinshaus der Kleingartenanlage Fraternitas Rosenhag in Rosenhag e. V. unter drei alte Moorbirken. Ungeachtet dessen administrativer Bedeutung bleibt das interessantere der beiden Bauwerke, für Anwohner, Vereinsleute und seinen Betreiber, fraglos, der illustre Pavillon selbst. Man kennt diese architektonisch bemerkenswerten Konstruktionen berühmter Architekten in bedeutenden Ballungszentren, zumeist aus Stahl, Holz und Glas, die ausschließlich Zwecken kultureller Darbietung dienen. Jenes Fantasiewerk vor Ort befindet sich allerdings in einem stadtnahen, fast ausschließlich zu gärtnerischen Zwecken genutzten Freizeitgebiet. Es ist Eigentum der privaten Bildungseinrichtung Schule freies Leben Rosenhag, die für dessen Erstellung die Baufläche vom Kleingartenverein gepachtet hat.
»Ein Hort pädagogischer Projektarbeit im Sinne globaler Völkerverständigung«, klingt es aus den Mündern begeisterter Initiatoren und Förderer. Und um dies auch visuell zu verdeutlichen, hat man über dem Eingang des Rundhauses eine ausladende, bereits von weitem erkennbare Tafel angebracht. Grellweiß prangt darauf ein Schriftzug in pittoresk gewundenen Buchstaben auf rotem Untergrund:
›Fraternité Lahrburg-Lukaka‹
Für Rosenhager Bürger ist das erste Wort der Trinität das Einfachste und in den meisten Köpfen präsent. So ist es doch abgeleitet vom gleichnamigen Kleingartenverein, in dessen Obhut man sich begeben hat. Fraternité, ein Wort, das aus dem Französischen stammt, bedeutet Brüderlichkeit. Für die Fraternitianer ist diese nicht nur Begriff, sondern auch gelebte Praxis. Den Sinn des nächsten Wortes muss man einem Lahrburger nicht extra erklären und die leise Ahnung, dass letzteres afrikanischer Herkunft sein könnte, bestätigt sich schnell, wenn man in dieser Sekunde einen Blick auf das Anwesen richtet, woran ein negroider Mann, bekleidet mit Jeansjacke und rotem Basecap, einer erbaulichen Beschäftigung nachgeht. Bei jener markanten Person handelt es sich um den Austauschlehrer Bokalu Mbosa, geboren in der westafrikanischen Republik Oganga. Herr Mbosa ist 30 Jahre alt, misst über 1,90 Meter an Körperhöhe und besitzt eine kräftige Statur. Seine Haut, die an frischen, in der Hitze flimmernden Bitumenbelag erinnert, absorbiert das Tageslicht wie ein Solarkollektor.
Seit einigen Monaten unterrichtet der Afrikaner an der Schule freies Leben Rosenhag in der Sekundarstufe 1 die Fächer Französisch und Geografie. Seine eigentliche Bekanntheit in der Stadt beruht insbesondere auf der Tatsache, dass es bei ihm um den belangreichen Mann geht, auf dessen Initiative hin die Idee des europäisch-afrikanischen Schulpavillons in die Realität geführt worden ist. Der Pavillon der Völker! Ein klangvoller Name, den man hier unbewusst mit der Schule freies Leben Rosenhag und dem Kleingartenverein Fraternitas, als selbst ernanntem Impresario des Projekts in Verbindung bringt. Ein Gemeinschaftswerk begeisterter Kinder, Lehrer, Eltern, Kleingärtner und zahlungskräftiger Gönner.
Unter didaktischer Anleitung von Frau Lunkenheimer und Herrn Mbosa treffen Schüler der Einrichtung erste Vorbereitungen, um an einem der kommenden Wochenenden in den Räumen des Hauses eine erste Schau zu zelebrieren. Ilka Lunkenheimer ist mit ihren 14 Dienstjahren bereits eine erfahrene Lehrkraft im Stoffgebiet Deutsch, Geschichte, Ethik und Religion. Sie hat zwar keine eigenen Kinder, jedoch einen späten Wunsch danach. In der Regel ist die engagierte Pädagogin rasch für ausgefallene schulische Projekte zu begeistern, so auch für Bokalu Mbosas Vorhaben, ein Schauhaus auf dem Fraternitasgelände zu errichten. Was die Arbeit mit Austauschlehrern fremder Nationen angeht, zeigt Frau Lunkenheimer stets fachliches wie auch privates Interesse. Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Herrn Mbosa, hat sie sich bereits im Vorfeld seiner Anstellung mit den Mentalitäten seines Volkes vertraut gemacht und ihr Französisch in Abendkursen aufgefrischt. Ergänzend zum regulären Unterricht entwickeln beide Lehrer eine Initiative in Form eines ethnischen Brückenschlages, der in den Kampagnen des Pavillon der Völker seinen geistig-kulturellen Niederschlag findet. Was Skeptikern am Anfang ein müdes Lächeln abringt, wird angesichts der Gegenwart des hochgewachsenen Lehrers aus Oganga, an der Seite der brünetten, durch Tauchsport konditionierten Power-Frau, in Verbindung mit jenem markigen Hort multikultureller Präsentation, zu einem mitreißenden Gedanken, der über die Ortsgrenzen hinaus strahlt. Ilka Lunkenheimer und Bokalu Mbosa haben sich als Startidee einem bilateralen Thema für die kommende Eröffnung gewidmet. Wie sich in gemeinsamen Gesprächen ergeben hat, stellt das Steigenlassen von Papier- respektive Stoffdrachen, kontinentalübergreifend, eine beliebte Art der Freizeitbeschäftigung dar. Insofern wird das Drachensteigen, in jeglicher Form und Ausprägung, Inhalt der nächsten Projekttage sein.
Lahrburger Schnurpiloten tun es auf ihren stadtnahen Höhenzügen. Völlig analog dazu funktioniert es auf den Hochebenen der Republik Oganga am Ostatlantik. Mit seinen rund 300 Metern Höhe über NN ist das Ogangische Plateau, nahe der gambischen Grenze, für das Drachenfliegen wie geschaffen. Ein windsicheres Gebiet mit viel Sonnenschein und ausgeglichenen Temperaturen lässt die Ogangen das gesamte Jahr über dieser Leidenschaft frönen.
Ilka Lunkenheimer hat zuweilen von Afrikanern zu lernen, dass deren Drachen in der Regel nicht industriell gefertigt sind. Sie stellen keine Regalware dar, so wie man es hierzulande kennt. Vielmehr repräsentieren sie durch und durch reine Handarbeit. Bereits zu dieser Stunde brennen die Schüler von Herrn Mbosa darauf, einen echt ogangischen Drachen, eigener Hände Geschick, unter Anleitung eines Afrikaners in der Manufaktur des Pavillon der Völker anzufertigen. Und sie wissen auch, dass dieses ausschließlich mit originalgetreuen Materialien, wie zum Beispiel Naturfarbstoffen zu verabfolgen hat. Im Geografieunterricht hat es Bokalu Mbosa ihnen bereits erläutert, dass das Drachensteigen in seiner Heimat, bei allem Vergnügen, was sich damit verbindet, auch eine religiöse Dimension innehat. Diese symbolisiert den Kontakt von den Erdbewohnern mit den Göttern im Himmel. Stürzt ein Drachen ab, oder steigt gar nicht erst auf, bedeutet es für die Menschen ein Fluch. Dieses, den Traditionen verhaftete Denken, wird von den Kindern ehrfürchtig zur Kenntnis genommen und in jeder Hinsicht respektiert.
Rund 30 Minuten später nähert sich ein edles Fahrzeug der grünen Domäne. Gemessenen Taktes bewegt sich ein, im Sonnenlicht erglänzender Kraftwagen der Marke Mercedes Benz auf das Portal des Pavillons hinzu. Dem mondänen Fortbewegungsmittel entsteigt ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters, der dem Fond eine Garnitur abkömmlichen Schulmobiliars entnimmt. Mbosa zeigt sich erfreut. Er begrüßt den Ehemann seiner Kollegin, den Architekten Tilmann Lunkenheimer, auf seine fremdländisch-afrikanische Art. Unter den Blicken des Bautechnikers hantiert er in athletischer Gewandtheit die mittels Ölspray gangbar gemachten Klappgarnituren ins Vestibül. Minuten später, als sie gemeinsam allen messetauglichen Kram im Pavillon verstaut haben, blicken die Männer mit zufriedenen Mienen. Nach feierlichem Abschied per Handschlag gleitet der Mercedes mit dem Architekten durch den Torbogen zurück ins Freie.
2.
Etwa eine halbe Stunde später schreitet ein weißhaariger Herr, den Jackenkragen hochgeschlagen und die Ballonmütze in die Stirn gezogen, in Begleitung eines honigfarbenen Hundes am Tor der Kleingartenkolonie den Gehsteig entlang. Sein Blick streift durch die Einfahrt und verfängt sich, wie nicht anders zu erwarten, am exotisch anmutenden, vergleichsweise deplatziert wirkenden, platzmittig erstellten Rundgebäude. Einen Lidschlag darauf sieht er den Afropädagogen durch die Tür treten. Kurt Vanderbilt verlangsamt seinen Schritt, er erhebt die Hand zum Gruß, was Mbosa mit freudigem Winken erwidert. Sein vierbeiniger Begleiter, ein Golden Retriever namens Harro, stemmt sich in sein Geschirr, was Vanderbilt nicht zum Stillstand kommen lässt. Beide Promenierende haben sich das nahe Katzenwäldchen als Ziel erkoren, was Harro auch nachts und bei dichtem Nebel ohne Umschweife finden würde. Auf dem Weg dorthin, schätzt Vanderbilt, dürfte sich ob des Vierbeiners Lust auf Bewegung keine Gelegenheit für eine Stippvisite im Pavillon Fraternité auftun. Auf der Rücktour hingegen, mit einem bedürfnisloseren Leinenfreund im Schlepp, würde sich dafür eher eine Möglichkeit bieten.
Der Ex-Matrose und Erlebnisschriftsteller Kurt Vanderbilt ist in Lahrburg so etwas wie eine lebende Legende. Seine Werke, in denen es um Fahrten in ferne Länder und die damit verbundenen Abenteuer geht, sind bei Lesefreunden auf dem gesamten Erdball angesagt. Bislang hat der weit gereiste Mann 27 Romane sowie zahlreiche Essays verfasst und erfolgreich veröffentlicht. Sein Eigenheim in Lahrburg Rosenhag, Zedernweg 44, erbaut anno 1921, ist im Vergleich zu anderen Wohnbauten im Umfeld enorm renovierungsbedürftig. Der Autor verwendet aber weder Zeit noch Mühe auf die Pflege von Haus und Garten. Lieber widmet er sich dem Schreiben oder seinem Hund, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, deren gut gemeinte Gärtnerei- und Wartungsangebote er beharrlich ausschlägt. So kommt es vor, dass die Villeneigner, Ilka und Tilmann Lunkenheimer, Vanderbilts unterwurzelndes Kraut, seine herein hängenden Äste an der Grenze ihres Territoriums zu beseitigen haben, ohne ihn dafür in gebührende Verantwortung zu nehmen. Irgendwann in vergangener Zeit hat es eine Geschichte gegeben, deren Wahrheitsgehalt bis heute umstritten ist, doch lastet der Verdacht nach wie vor auf dem freundschaftlichen Einvernehmen. Lemminge in Vanderbilts Garten, die dort in ihrem Bau leben und sich dabei ungestört vermehren, haben Schwarzwurzeln aus Lunkenheimers Gemüsebeet geraubt, um sie anschließend in ihren Kavernen zu bevorraten. Das Gerücht erzählt, dass der 61-jährige Witwer beim Graben mit dem Spaten (was eine Ausnahme darstellt) zufälligerweise auf deren Aushöhlungen gestoßen ist. Anschließend hat er die, von den Tunnelbewohnern säuberlich getrennten Wurzelfragmente entnommen, gedünstet und sie mit Kotelett und Salzkartoffeln verzehrt. Man darf annehmen, dass er selbst die Geschichte in Umlauf gebracht hat. Trotz aller Kritik an seinen Lebensgewohnheiten gibt es aber auch erfreuliche Seiten des Miteinanders. Bei Grillfeiern und Kaffeeklatsch auf Lunkenheimers Terrasse ist der Literat stets ein gern gesehener Gast. Kurt ist 36 Jahre lang als Matrose auf Schiffen der Handelslinien zur See gefahren. Seit Beginn dieser Zeit dokumentiert er seine Erlebnisse in einer für ihn unverwechselbaren Prosa. Sowohl beim Überqueren der Ozeane als auch auf Landgängen hat er viel Erzählenswertes erlebt und daher stets eine fesselnde Geschichte für ein abendliches Zechgelage parat. Nach eigenen Schilderungen hat er zweimal im Leben Schiffbruch erlitten und darüber hinaus mindestens 20 Kinder auf dem Globus gezeugt.
Im Leben mit Anrainern gibt es ein übriges personales Beispiel, hinsichtlich welchem Tilmann und Ilka Lunkenheimer sich glücklich schätzen, auf Mitbewohner setzen zu können, denen man in jeglicher Hinsicht vertrauen kann. Auf der rechts angrenzenden Brachfläche haben sich die Eheleute Eugen und Ariane Hüfner nebst Töchterchen Fanny ein preiswertes Schnellbauhaus erstellen lassen. Nach einem zweiten Kind besteht beider Partner Wunsch, doch kann er aus bestimmten Gründen nicht erfüllt, die Familienplanung nicht eingehalten werden. Ariane Hüfner erklärt den Lunkenheimers, dass aus ihrer Sicht die turbulente Bauphase am Ausbleiben des folgenden Nachkommen Schuld habe, dass man dieses aber zu bessern gedenke. Ilka schenkt jener Darstellung keinen Glauben. Dies sei keine plausible Erklärung für ein Ermangeln an Nachwuchs, da die Baufertigstellung inzwischen über ein Jahr zurück liegt. Sie vermutet daher eine andere Ursache. Tilmann ringt es stets ein süffisantes Lächeln ab, wenn das Gespräch auf die Hüfners kommt. Bei diesen Leuten handele es sich um ein, in der Architektensprache so genanntes Bausparehepaar, was sich nichts aus Gediegenheit mache. Ansonsten seien die Leute aber ganz in Ordnung. Ilka missbilligt Tilmanns despektierliche Art fremden Lebensgemeinschaften gegenüber. Für die dezidierte Art seiner Aufmerksamkeit im speziellen Fall vermutet sie jedoch einen anderen Grund, der mit der hilfsbereiten Anrainerin namens Ariane Hüfner zusammenhängen muss. Diese kontaktfreudige Person scheint aus allen gängigen Klischees herauszufallen. Aus der Meinung von Leuten sich nicht allzu viel machend, reflektiert sie nicht im Geringsten gut gemeinte Botschaften, wenn es um ihre fragwürdigen Aktivitäten beziehungsweise ihr äußeres Erscheinungsbild geht. Möglicherweise imponieren Tilmann ja genau diese Eigenschaften, ohne dass er es jemals zugeben würde. Ilka Lunkenheimer ist sich diesbezüglich nicht sicher, was sie glauben soll. Ariane Hüfner ist ein spindeldürres Wesen mit Wespentaille, gern im 70er-Jahre-Look gekleidet, mit großen Zähnen und zottigem dunkelblondem Haar. Sie sieht meistens ungepflegt und übernächtigt aus, obwohl sie keiner geregelten Arbeit nachgeht. Ab und zu putzt sie in einer Spedition, doch ist sie darüber hinaus zeitlich imstande, kleinere Dienste und Botengänge für die Anwohnerschaft zu erledigen, was sie offensichtlich mit großer Begeisterung tut.
So ist es denn gekommen, dass Frau Hüfner von den Eheleuten Lunkenheimer die Vollmacht dafür erhält, Päckchen, beziehungsweise Sendungen für das Architekturbüro, vom Postzusteller bis zu deren Abholung, in persönlichen Gewahrsam zu nehmen. Bislang hat sie das auch untadelig erledigt. Die Bezahlung dafür spielt keine Rolle, was die Sache in Ilkas Augen verdächtig erscheinen lässt. Sie weiß, dass Ariane eine Seele von Mensch ist und, aus welchem Grund auch immer, diese Art sozialer Interaktion benötigt wie die Luft zum Atmen. Denn, wo Ariane geht und steht, widmet sie sich mitfühlend, wachen Aug' und Ohres, den zutiefst privaten Angelegenheiten fremder Leute, wofür es eine einfache medizinisch verbriefte Erklärung gibt: Ariane Hüfner leidet unter pathologischer Neugier. Wenn es ihr versagt bleibt, Zusammenhänge über Menschen zu erfahren, um diese in ihr Weltbild einzuformen, verzehrt sie sich derart, dass es ihr körperliche Schmerzen bereitet. Sie krankt an einer Psychose, die den kritischen Blick auf die eigene Person verneint, auf andere hingegen manisch verstärkt.
»Je nachdem, wohinein sie ihre Nase gerade steckt«, scherzt Kurt Vanderbilt, der ihre unersättliche Wissbegierde zur Genüge kennt. »Gegen Lots Frau müsste Ariane ein Salzbergwerk sein«, charakterisiert er sie gern metaphorisch.
Eugen Hüfner, ihr, als ausgleichender Widerpart fungierender Ehemann, ist 37-jährig und damit 6 Jahre älter als seine Gemahlin. Er arbeitet als Techniker in einem namhaften Nahrungsmittelkonzern, der die einprägsame Bezeichnung Lahrfood Company AG führt. Hüfner befasst sich mit der Entwicklung einer weitgreifenden Palette von Artikeln der Fastfood-Branche. Nach seiner Vorgabe ist es dem Labor gelungen, einen, dem klassischen Hamburger nachempfundenen Imbisssnack, den legendären LAHRBURGER zu kreieren. Im Gegensatz zu Kurt Vanderbilt hält das Ehepaar Hüfner seinen spärlich bewachsenen Garten auch an dessen Rand frei von störendem Bewuchs. Eine hibbelige Tochter von fünf Jahren namens Fanny sowie zwei Katzen: Fizzi (orange getigert) und Mores (pechschwarz) runden das familiäre Bild ab.
3.
Seit dem ersten Tag des Anhabens gibt der Simonette-Stretchband Formbügel BH von Ilka Lunkenheimer Anlass zur Klage. Nach Einschätzung der ihn Tragenden beruht der Mangel in unzureichendem Zusammenhalt der verfestigenden Bestandteile untereinander. Ilka besitzt auch andere BHs, deren Segmente zu einem stabilen Komplex vernäht sind, doch sind diese nicht von Simonette und erreichen damit auch nicht den Komfort des Marktführers. Woran es aber genau liegt, kann die Lehrerin von ihrer Warte aus nicht beurteilen. Sie merkt nur, dass sich das gesamte Gefüge beim Tragen regelmäßig in seine Elemente entzweit. Das heißt, genau genommen lösen sich nur die Häkchen, die aussehen wie Fragezeichen in der Buchstabensuppe, von den Schlaufen, die die Träger mit den Körbchen verbinden. Eine Simonette-Spezialität, die einerseits den Vorteil mit sich bringt, dass man den BH zum Zweck des Waschens in seine Komponenten zerlegen kann. Doch ob es einen wirklichen Nutzen hat, fragt sich die Kennerin zu Recht, die nun weiß, dass man diese Besonderheit mit erheblicher Unzuverlässigkeit bezahlt. An diesem Beispiel wird ihr klar, dass es völlig gleichgültig ist, auf welche Weise eins mit dem anderen verbunden ist, Hauptsache alles bleibt fest miteinander verschlossen.
So kommt es, dass Ilka Lunkenheimer beginnt sich dafür zu interessieren, warum die Simonette AG sich überhaupt auf eine so gewagte Variante hin versteigt, wo sie doch zur Genüge Anfälligkeiten zeitigt. Andererseits wird ihr klar, dass es hierbei um ein Problem geht, was mehr mit Konstruktivität und Festigkeit denn mit modischer Schöpfung zu tun hat, und dass dieses eigentlich das Metier eines Statikers ist. Ebendiese komplexen, auf ruhenden Lastflüssen basierenden Zusammenhänge, haben Tilmann Lunkenheimer als versierten Konstrukteur auf den Plan gerufen und er hat, seinem beruflichen Stolz geschuldet, die Angelegenheit sachkundig geprüft und einen Kommentar dazu verfasst:
Die auf den Haken einwirkende Kraft führt aufgrund des unzentrischen Angriffs zu einer Außermittigkeit des Lastflusses. Das daraus resultierende Moment bewirkt ein Drehen des Hakens aus seiner Verbundstelle, hier als Schlaufe bezeichnet, und verhindert somit das angestrebte Kräftegleichgewicht. Im Ergebnis der Betrachtung muss man versuchen, das den Haken bewegende Moment konstruktiv zu verhindern, was nur durch eine Modifizierung der Form desselben zu erreichen ist.
T. L.
Bereits früh am Tag kann der Ärger beginnen, wenn es kurz nach dem Ankleiden geschieht. Ungelegenerweise in einem Moment, wo alles zugeknöpft und angeputzt ist und Ilka Lunkenheimer im Aufbruch begriffen. Aber auch wenn es unterwegs passiert, kann es in eine mittlere Katastrophe münden, zum Beispiel, wenn die gestandene Lehrkraft für Deutsch und Geschichte der Sekundarstufe 1 mit ausgehakten Trägern vor ihre Schülermeute tritt. Dem Bausachverständigen und Ehemann in einer Person obliegt es insoweit, das Problem zu lösen, zumindest erwartet sie es von ihm.
Ilka besitzt mehrere Büstenhalter der Firma Simonette mit jeweils der gleichen Analogie. Tilmann hat versucht, das Problem stets vom gleichen Standpunkt aus anzugehen, mit hinreichendem Erfolg wie sich zeigt. Die Lehrerin führt auch andere Marken in ihrem Verwahr, aber ausgerechnet die, mit Gel befüllten Cups, die sich so optimal ihrer Kontur anfügen, entfalten ein unvergleichliches Tragegefühl, wenn eben nicht dieses Dilemma mit den Haken wäre.
Doch damit ist des Übels noch nicht Genüge getan. Es sei vom Autor vermerkt, dass der Simonette-Stretchband Formbügel BH jene widrigen Haken nicht nur vorn, an den Körbchen, sondern ebenso hinten am Rückenband innehat. So muss es passieren, dass die Haken an den Schulterblättern, mangels Haltespannung, ebenso ihre Lage ändern wie deren frontseitiges Pendant, bevor Tilmann Lunkenheimer es schaffen kann, auch nur einen einzigen derer zufrieden stellend zu fixieren. Ein aufreibendes Unterfangen, was ihn eines Tages auf die Idee bringt, obwohl es ihm zutiefst widerstrebt, wenngleich aber sein Nervenkorsett schonen würde, die ›Fragezeichen‹ mit der Rohrlegerzange zu ansehnlichen Klumpen zu verquetschen, um das leidige Anliegen ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Ilka Lunkenheimer protestiert zu Recht gegen eine derart grobschlächtige Herangehensweise, was im Resultat dessen zu einer ehelichen Übereinkunft führt: Allmorgendlich klemmt sie die Träger zwischen die Fingerkuppen, strafft das Band, bis ihr Mann, kraft seiner Hände Geschick, mittels bohrender Bewegungen, einen vagen Halt erzielend, die Häkchen unter die Kappnaht zwängt. In unvorteilhafter Contenance steht die Pädagogin minutenlang, dem Kompromiss wenig Vertrauen entgegenbringend, was ihr notwendigerweise einiges an morgendlicher Energie und Konzentration abfordert. Irgendwann gelangt sie allerdings an einen Punkt, an dem sie nicht mehr bereit ist, diesen ungebührlichen Zustand auf die Dauer hinzunehmen. Fest dazu entschlossen, endlich Abhilfe zu schaffen, hat sie Zettel und Stift aus der Schublade genommen und sich damit an ihren Schreibtisch gesetzt. Wenige Minuten später greift sie zum Hörer und drückt eine bestimmte Ziffernfolge ins Tableau. Am anderen Ende der Verbindung ertönt das Signal, dem eine farblos klingende Stimme folgt, welche sich für den Kontakt mit dem Kundendienst der Firma Simonette Underwear and Lingerie AG in Waldreed/Mura verbürgt. Ungebetenerweise schlägt die Computerstimme anhand von Kombinationen einige Varianten des möglichen Reklamationsbegehrens vor, mit Bitte um beantwortende Eingabe ins Tastenfeld. Ilka Lunkenheimer lauscht aufmerksam, dann drückt sie zweimal hintereinander auf die 2. In gleich bleibender Freundlichkeit verkündet die Kunststimme: »Sie haben soeben 2 und 2 für Beanstandungen der Damenunterwäsche-Versandartikel gedrückt. Bitte warten Sie! Sie werden mit einer Mitarbeiterin verbunden.«
Sogleich erklingt eine Jingle, dann tutet es von fern. Eine lebensechte Angestellte namens Ursula Gröger stellt sich vor und will zuerst die Kundennummer wissen. Ilka nennt diese und daraufhin ihren Vor- und Zunamen. Dann beschreibt sie mit knappen Worten das Problem, weshalb sie angerufen hat.
Ob Ursula Gröger, die in keiner Weise einlenkend reagiert, überhaupt begreift, was man ihr zu erklären versucht, bleibt zunächst ungewiss. Es folgt, statt einer näheren Erläuterung, eine einstudiert wirkende Ansage ob der vorgebrachten Klage. Mittels normiert anmutender Phrasen beginnt die Sachbearbeiterin das Anliegen zu umreden, ohne sich auch nur im Geringsten in den Sachverhalt zu vertiefen. Sie bittet vielmehr um postalische Rücksendung des beanstandeten Artikels, natürlich portofrei, und versichert sofortigen, selbstverständlich kostenfreien Ersatz. Mit fröhlichem ›Servus‹ beschließt Ursula Gröger das Gespräch. Sie hat die Angelegenheit vom Tisch und die Kundin aus der Leitung.
Ilka Lunkenheimer schluckt die Geschichte erstmal runter, die so durchweg anders gelaufen ist, als sie sich das vorgestellt hat. Eine Kundendienstmitarbeiterin müsste sich schon dafür interessieren, warum man ihren Versand-Schnickschnack nicht anziehen kann. Ilka begreift wohl, dass es einen tieferen Grund für die Vorgehensweise geben muss und überhaupt ist es trotz aller Unverbindlichkeit ja die Ankündigung einer akzeptablen Lösung, die in ihrem Gemüt ein wenig Hoffnung verströmt. Am Ende der Wartezeit klappt auch alles so, wie Ursula Gröger es am Telefon versprochen hat.
Nach Rücklauf des Fehlartikels erhält Ilka Lunkenheimer innerhalb von zwei Tagen ein originales Stück Simonette-Bra, nur eben funkelnagelneu und vom örtlichen Paketdienst zugestellt. Wer sich hier in irgendeiner Weise dumm angestellt hat, würde sich nun in aller Klarheit erweisen, vermeint eine nun zuversichtliche Ilka, die den BH aus dem Papier wickelt, um ihn zwecks Vorreinigung der Wäschetrommel zuzuführen. Dabei mustert sie schrägen Blickes das Signet auf dem Pappkarton, den sie eben in den Altpapiervorrat verklappen will, hätte sich nicht in ihrem Fokus eine bestimmte Stelle der Kartonage verfangen, worin eine marginale Unrichtigkeit sie in ihrem Tun stoppen lässt. Eingehend betrachtet sie das Etikett, entziffert die Anschrift, Buchstabe um Buchstabe, sich abermals darüber versichernd, dass sie korrekt gelesen hat, was sie in Blockschrift vor sich stehen sieht. Zuerst kommt es ihr vor wie ein gewöhnlicher Druckfehler, der wohl beim Massenversand von Katalogartikeln nicht immer zu vermeiden ist. Im nächsten Augenblick erscheint es ihr wie ein schlechter Scherz, eine späte Simonette-Rache für ihre Begriffsstutzigkeit. Im Feld des Adressaufklebers entschlüsselt sie, anstatt des zutreffenden Vornamens, eine seltsame Bezeichnung, die einer Figur des Kinderfernsehens entstammen könnte, wenn es denn überhaupt eine amtliche Namensbezeichnung sein soll. Der Nachname hingegen ist korrekt ausgeführt.
ALFI LUNKENHEIMER liest die Lehrerin und versucht zu begreifen. Sämtliche Möglichkeiten in Betracht ziehend, versucht sie sich zu erklären, wie es zu solch rätselhaftem Fehler kommen kann, doch fällt ihr nichts nahe Liegendes dazu ein. Eine, den Lunkenheimerschen Paketverkehr beaufsichtigende Ariane Hüfner wird doch hier nicht ihre ruchlose Hand mit im Spiel haben? Zunächst zieht Ilka, die Inkorrektheit bei der Versandfirma vermutend, einen gedanklichen Strich unter die Angelegenheit. Immerhin ist alles heil und vollständig an die sonst korrekt angegebene Adresse angelangt.
In der Anfangszeit gibt sich der neue BH noch etwas sperrig und reibt auf der Haut. Dafür halten die Haken ganz ordentlich. Spätestens aber nach der zweiten Wäsche beginnt der Ärger von neuem. Die vermaledeiten Blechhaken rutschen bei der kleinsten Bewegung und in unpassenden Momenten wie eh und je aus ihren Halterungen. Mit ernüchternder Einsicht, dass hier ein gravierender, an philosophische Dimensionen grenzender Fehler von weltlicher Tragweite vorliegen muss, erwägt Ilka Lunkenheimer den in ihren Augen einzig möglichen Kompromiss. Sie will die Haken restlos entfernen, die verbleibenden Fragmente mittels Zwirnsfaden vernähen, weil es möglich sein kann, dass hier ein kollektiver Denkfehler vorliegt, der nie öffentlich bekannt würde, weil Menschen ihn kritiklos hinnähmen und ihn in ihrer Betriebsblindheit nicht ausmerzten. Gleichwohl sieht die Lehrerin nicht ein, warum ihr Hauslieferant so unbescholten aus der Sache herausgehen sollte und sie strengt darum Überlegungen an, in welcher Form man jene Schikane sühnen könnte. Sie denkt daran, ihrem Ausstatter die langjährige Treue zu kündigen, einfach die Marke zu wechseln, um ihm damit die kalte Schulter zu zeigen. Doch so einfach will sie es dem nachlässigen Schlüpferfabrikanten nicht machen. Er sollte auf jeden Fall für seine Versäumnisse einstehen.
Von Gelüsten nach Vergeltung getrieben, kontaktiert eine, sich nach Erlösung sehnende Ilka, abermals die Hotline des Simonette-Kundendienstes. Beim folgenden Gespräch erreicht sie immerhin, dass ihr wiederum der gleiche BH, bestückt mit festen Ringen, anstatt Haken, für einen Aufpreis zugeschickt wird. Sie vergisst in dieser Situation auch nicht, die Mitarbeiterin darauf hinzuweisen, ihren Vornamen in der Anschrift von Alfi nach Ilka zu korrigieren. Mit gebührender Höflichkeit weist Ursula Gröger jedoch darauf hin, dass der Vorname Alfi obschon zutreffend sei, weil der Kontoinhaber Herr Tilmann Lunkenheimer diesen via Onlinebestellung so angeben hat.
Jetzt ist Ilka Lunkenheimer doch etwas perplex, wie sie feststellen muss, in welche Richtung der Stein rollt, den sie nur wegen ein paar Haken losgetreten hat. Ihr eigener Gatte soll die Ursache des Etikettenschwindels sein, wobei sie einbegreift, dass das eine nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun haben muss. Trotzdem wirken hier zwei Gegebenheiten ineinander, die ein unschönes Ganzes ergeben. Unwillig macht sie Ursula Gröger klar, dass ihr Name schlichtweg Ilka und eben nicht, wie in der Adresse notiert, Alfi sei, und dass sie es ohnehin als Zumutung betrachtet, weswegen sie bereits ein zweites Mal bei Simonette anrufen muss.
Geschult im Umgang mit aufgebrachten Kunden wendet Ursula Gröger nach einem rhetorischen Zwischentext ein, dass sie an dieser Darstellung auch keinen Zweifel hegt, es aber in dem Zusammenhang völlig gleichgültig sei, ob sie nun Ilka oder eben Alfi Lunkenheimer hieße, da es sich dabei um einen rein formalen Aspekt handelt, der nun mal seine folgerichtigen Ursachen habe. Und eingedenk der Tatsache, dass die Sendung pünktlich wie schadlos beim Empfänger angekommen ist, wie sie höre, bestehe ohnehin kein Grund zur Beschwerde. Sie werde dennoch den Sachverhalt prüfen und ihn gegebenenfalls, sollte er sich als Fehler erweisen, in ihrem Sinne korrigieren. Nachdem sie Ilka Lunkenheimer viel Spaß mit dem neuen Artikel gewünscht hat, verabschiedet sich Ursula Gröger mit einem freundlichen ›Servus!‹.
Zwei Tage später trifft ein pinkfarbenes Päckchen aus dem Simonette-Versandzentrum bei Lunkenheimers im Zedernweg 46 ein. Keiner der berufstätigen Empfänger ist zu dieser Zeit anwesend als der Paketzusteller sich klingelnd bemerkbar macht. Wissend um die Vereinbarung zur Inverwahrnahme weicht der Mann in Richtung des benachbarten Gebäudes aus und läutet forsch. Eine sichtlich aufgeregte Ariane Hüfner winkt dem Boten aus dem Fenster heraus zu, signiert mit dem ihr gereichten Kugelschreiber den Begleitschein, händigt ihm ein Trinkgeld aus und beäugt das auf der Schachtel abgedruckte Simonette-Zeichen. Es entgeht ihr natürlich nicht, dass im Schriftzug der Postadresse, entgegen sonstiger Gewohnheiten, wiederum ALFI, anstatt ein anderer, für sie assoziierbarer Vorname steht. Bislang hat sie geglaubt, sämtliche Namen der Sippe zu wissen, wobei sich eine Alfi nach ihrem Dafürhalten mitnichten darunter befindet. Insofern könnte es sich bei dieser Person um eine, in Tilmanns Familie wurzelnde, ihr noch nicht vorgestellte Angehörige handeln, da dieses zumindest der Bräutigamsname impliziert. Oder aber, es handelt sich um einen Verschreiber seitens des Versenders, was vorkommen kann, doch sieht es für sie so ganz und gar nicht nach einem Schnitzer aus, eher dafür, dass sich ein leibhaftiger Mensch hinter der Bezeichnung verbirgt und eben kein Fantasiegeschöpf aus dem TV.
An dem Päckchen, was sie nun in den Händen hält, kann man, ohne es zu öffnen, was sie natürlich nicht wagt, leider nichts über dessen Inhalt, geschweige denn, über den Adressaten selbst, in Erfahrung bringen, um erste mögliche Rückschlüsse zu ziehen. Und überhaupt ist es aus ihrer Sicht nicht besonders aufmerksam von den Empfängern, sie hier und jetzt mit dem Simonette-Päckchen, worin sich bestimmt teure Unterwäsche befindet, so abträglich in ihrer Unwissenheit schmoren zu lassen. Eines wird Ariane Hüfner ohne Zweifel damit klar. Die gewünschten Informationen wird sie sich auf irgendeine Art und Weise beschaffen müssen.
Zu vorgerückter Stunde tritt Ilka Lunkenheimer auf Arianes Fußmatte und betätigt die Hausglocke. Als sich der Türflügel einen Spalt breit öffnet, entweicht eine schwarze Katze lautlos ins Freie, gefolgt von einem orange getigerten Pendant, was der Wartenden verräterisch um die Waden streicht. Dass wiederum ALFI im Adressfeld steht, einschließlich der Nachbarin begehrlicher Blicke, nimmt eine vom Tag ermattete Ilka pikiert zur Kenntnis, gibt aber keinen erklärenden Kommentar dazu ab. Ihre Erleichterung ob der Lösung zumindest eins ihrer Probleme übertüncht den Rest aller negativen Gefühle, die sich mit der Gesamtheit der übrigen verbinden. Auf dem Absatz drehend dankt Ilka Lunkenheimer kurzum. Dann entschwindet sie mit anmutiger Leichtigkeit dem Anwesen durch die Gartentür - zwei phosphoreszierende Augenpaare im Unterholz funkeln sie dabei an.
Minuten später befühlt sie das Objekt ihrer Wünsche achtsam mit Fingerspitzen, als sei es mit Goldstaub bepudert. Ein funktionstüchtiger Stretchband-Formbügel-BH, Größe 80 E, Farbe Natur, jedoch mit Ringen, anstatt mit Haken. Sofort probiert sie das Stück vorm Spiegel an. Alles klappt famos und es wird ihr klar, dass sich Tilmann ab jetzt nicht mehr seinen Statikerkopf über sich hinfort drehende Haken zerbrechen muss. Bei dieser Freude fährt es ihr in den Sinn, dass er gern an ihr, das heißt an ihren Verschlüssen herum posamentiert, wenngleich es nicht ausgerechnet morgens sein müsste. Von diesem Job ist er enthoben, für seine Vorlieben aber können andere Lösungen gefunden werden. Bleibt lediglich die Geschichte mit dem falschen Vornamen zu klären, der fortan von den Zustellungen getilgt gehört, damit ihr das Gesamte endgültig aus dem Sinn gerät. Für die Simonette AG ist dieses Anliegen ja belanglos, wie sich gezeigt hat. Ursula Gröger könnte ihr nichtsdestoweniger die gesamte Wahrheit über den rätselhaften Namen verraten, womit man die Sache endlich bereinigt bekäme. Ilka würde es noch einmal im Guten mit ihr versuchen, allein schon wegen des Geredes unter den Nachbarn. Und gerade deshalb empfindet sie es, nach ihrer tugendhaften Auffassung von Dienst am Kunden, als rücksichtslos, ja, im Grunde sogar beleidigend, dass dieser private, beinahe intime Umstand, vom Personal so lax hingenommen wird. Sie heißt nun mal Ilka und nicht Alfi, das müsste ein normaler Mensch doch begreifen. Und was soll dieser seltsame Name vom Alien aus der anderen Galaxie eigentlich bezwecken, wenn er denn überhaupt einen Zweck hat?
Nach einigem Grübeln geht es ihr durch den Kopf, dass er ja von Alfonsa stammen könnte, und dass es sich in der ausgeschriebenen Form um einen durchaus sympathischen Namen handelt. Von Alfons würde er sicher nicht herrühren, weil Männer nun mal keine BHs bestellen (oder doch?). Was die Klientel der Firma Simonette angeht, kann sie es sich nicht vorstellen, dass mit Alfi ein Mann gemeint wäre. Aber, ob es dem hingegen eine Alfonsa Lunkenheimer tatsächlich gibt? Eine spannende Frage fürwahr. Ilka versucht sich Alfonsa als eine junge und aparte Frau vorzustellen. Und ob im Ergebnis der Verwechslung gar ihre Bestellungen bei Alfonsa ankämen? Dass es nicht so sein kann, wird ihr deutlich, wenn sie bedenkt, dass alles Bestellte vollständig als auch pünktlich bei ihr eingetroffen ist. Mit berechtigtem Stolz, aber auch einem Gefühl von Zweifel, päppelt sie ihren Neuerwerb in den Wäschebehälter.
4.
Scheppernder Fahrräder und quietschender Kinderwagen ziehen Menschen aller Couleur, in fremden Sprachen konversierend, im dicht bewohnten Altbauquartier Lahrburg Schäfichen an ergrauten Hausfassaden entlang. Alte Platanen wechseln sich mit Sitzgelegenheiten unter nostalgisch anmutenden Gaslaternen. Blinde Schaufensterscheiben sind trotz drakonischer Strafandrohungen der Hausbesitzer mit Werbezetteln überklebt, die zum Teil zwielichtige Angebote enthalten. An einer bestimmten Stelle der Schäficher Tellstraße befindet sich ein Zeitungskiosk, dessen Markise derart mit neusten Gazetten behangen ist, dass man vom Verkäufer nur seine Geld einvernehmenden Hände sieht. Ein Werbebanner für ein bekanntes Lotterieunternehmen schwebt an Strippen. Es lärmt und flackert ohne Pause, so dass man von Apathie geschlagen sein muss, um dessen nicht gewahr zu werden; wie der Zeitungshändler das aushält, bleibt eine unbeantwortete Frage. Auf der Gegenseite der Straße strömen deftige Gerüche aus dem Abluftgitter einer Grillbude namens ALIBABARBECUE ins urbane Umfeld. Man sieht einen weiß bekappten Orientalen hinter einer beschlagenen Scheibe von einem Fleischspieß Krusten herunter säbeln. Von Zeit zu Zeit wärmt er Teigfladen auf, schnippelt Zulagen für Salate in bereitgestellte Schalen. Nebenbei bedient er behände wie ein Magier die stetig nachwachsenden Wünsche an Getränken.
Vor dem Imbiss nimmt in diesem Moment eine blitzende Limousine eine der knappen Stellflächen für Fahrzeuge in Beschlag. Kaum hörbar schiebt sich der links zu lenkende britisch-grüne Jaguar X-Type in einen der markierten Abstände und verstummt sogleich. Der Edelkutsche entsteigt ein stilecht in Anzug, Weste und Krawatte gekleideter Herr, der dem Fond, Mantel, Hut und Aktenkoffer entnimmt, ehe er die Türen mittels Funksignal versperrt. Wenige Minuten später kauft er am Kiosk eine Zeitung in englischer Sprache, um diese, weilend auf einer gusseisernen Bank, die gut und gern 100 Jahre auf dem Buckel hat, Zeile um Zeile in all ihren Details zu studieren. Es vergehen Minuten, in denen der scheinbar Lesende nichts weiter tut, als über den oberen Rand der Sunday Times hinweg all die Regsamkeiten der Straße in sich aufzunehmen. Zu einem Zeitpunkt jedoch, als sich eine weibliche Gestalt in seinem Fokus indiziert, verengen sich seine Augen zu Schlitzen. Beschwingten Schrittes spaziert eine junge Frau im Minirock, die Tasche geschultert, in seine Blickrichtung das Trottoir entlang. Ihr windumspieltes Haar hat sie mit Spangen zurückgesteckt. Ihre Kleidung wirkt leger, doch keinesfalls billig. Indes der Mann quert nervösen Blickes die Kolumnen seines Blattes in alle Richtungen. Er lässt Sekunden verstreichen, in denen er einen imaginären Punkt fixiert, bevor er das Periodikum zusammenfaltet und sich in die Innentasche des Jacketts schiebt. Schritt um Schritt nähert sich die Frau seiner Warte und als sie um eine Armlänge an ihm vorüberstreift, spürt er ihre betörende Duftnote in seiner Nase. Einen Lidschlag darauf, als ihre sich verflüchtigende Aura in seinem Riechorgan noch immer für Furore sorgt, erhebt sich der Genießende, greift nach Mantel, Hut und Koffer und folgt ihr gemessenen Schrittes. Die Frau schreitet einem Portal entgegen, woran sie das Schloss öffnet und seinem Blick kurzerhand ins Innere entschwindet. Ohne Hast bewegt sich der Mann hinzu. Er platziert sich vor den Eingang, worin sich die reizende Dame soeben verloren hat. Und tatsächlich! Als hätte jemand sein Kommen erwartet, schwenkt der Flügel leicht und leise, wie von Geisterhand bewegt, vor seiner Gegenwart zurück und vereinnahmt den vornehmen Herrn genauso wie die junge Schönheit zuvor.
Es mögen inzwischen über fünf Stunden vergangen sein. Es ist Abend geworden und über dem Dachfirst zeigt der Mond seine gelbe Sichel. Seit einiger Zeit ist der Jaguar X-Type von der lokalen Bildfläche verschwunden. Ortsansässige haben die wertvolle Parkbucht für ihre Zwecke in Anspruch genommen. Auch der Inhaber des Kiosks hat die Aushänge hereingenommen und sein Geschäft geschlossen. Lediglich der Araber mit der weißen Kappe hat sein kleines Restaurant voller Gäste. Er kommt mit Absicheln der Krusten und Bierzapfen kaum nach. Ein anderer Mann, der ihm ähnlich sieht, spaltet abseits des Tresens Paprikaschoten und Knoblauchzehen in ansehnliche Streifen.
Es vergeht ungefähr eine Viertelstunde, bis erneut eine schwere Limousine, allerdings mit einem Stern auf der Kühlerhaube, die allgemeine Achtbarkeit auf sich zieht. Hinter der Windschutzscheibe zeigt sich das Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes. Der säuselnde Motor verstummt, die Scheinwerfer wechseln auf Standlicht. Jene wohlig duftende Frau tritt durch den Hauseingang zurück ins Freie. Sie ist mit einem mintfarbenen Blazer bekleidet und sie hat sich ihr Haar flott zurechtgemacht. Der Fahrer sendet eine begrüßende Geste in ihre Richtung, die sie ihrerseits mit einem Handzeichen erwidert. Dann öffnet sie den Schlag und lässt sich an seiner Seite auf den Sitz fallen. Beide wechseln ein paar Worte im Schein der Innenbeleuchtung, die daraufhin sanft verlischt. Er startet den Motor und schaltet das Fernlicht ein. Leise gleitet die Limousine in die Mitte der Fahrbahn und zeigt dabei ihr üppiges Hinterteil. Ein sportives Symbol neben dem Kennzeichen, was trotz Dunkelheit für ein geübtes Auge gut zu erkennen ist, zeigt den Schattenriss eines Tauchers, der mit dem Schriftzug BSTV überzeichnet ist. Infolge beschleunigter Fahrt entledigt sich der Wagen neidvoller Blicke. Beide Reisende entschwinden mit unbekanntem Ziel in den Lichterstrom des Lahrburger Abendverkehrs.
5.
Auf der Schreibplatte in der Dachmansarde liegt ein Stoß schulischer Aufsätze. Ilka Lunkenheimer hockt auf ihrem Birkenholz-Rückenschemel und streckt ihre Extremitäten wechselnd in bestimmte Richtungen aus. Ihre Lesebrille klemmt auf der Nase, den Rotstift hält sie in der Hand, ihr Blick ist auf die Schreibunterlage gerichtet. Bis Ende der Woche muss sie 28 teils schwer leserliche, mit verwegenen Schriftzeichen gespickte Aufsätze durchsehen. Und um dies nicht auf einen Ritt bewerkstelligen zu müssen, hat sie sich schon heute zehn Niederschriften zur Korrektur vorgenommen. Kein Problem, vermeint Ilka, wie sie zuversichtlichen Blickes die Stellung der Zeiger auf dem Zifferblatt ihrer Armbanduhr misst. Es ist soeben 16 Uhr und 10 Minuten geworden. Zügig wie eh und je geht ihr das Redigieren von der Hand. Dann und wann lacht sie hell auf über gewagte Formulierungen ihrer Sprösslinge. Das Thema des Aufsatzes heißt:
Die Reise nach London - Der Gewinn des Kreuzworträtsels
Und es hagelt, wie erwartet, massenhaft Stilblüten, wo steht:
Meine Schwester kann Flugzeugfahren nicht ab. Deshalb hat sie gleich auf Mamas Schoß gebrochen. Mama gefiel das gar nicht, sie ist mit meiner Schwester gleich auf Toilette gerannt. Als sie wieder zurück waren, ist Papa längst eingeschlafen. Aus seinem Mund kamen schon langsame Tropfen Wasser raus.
In einem anderen Aufsatz liest es sich so:
Wir saßen auf den normalen Plätzen und auf den guten Plätzen saßen die Prominenten. Und wenn man auf die Toilette wollte, sah man die Prominenten. Und vorm Klo war eine riesige Schlange, aber ich glaubte nicht, dass die alle auf die Toilette mussten.
