Wallaby Mail - Arne Siegel - E-Book

Wallaby Mail E-Book

Arne Siegel

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Beschreibung

Ein australischer Meteorologe händigt den Eltern einer Lahrburger Studentin an der Wohnungstür einen Brief aus. Glücklicherweise ist er in englischer Sprache abgefasst, so dass jene den Inhalt nicht gleich erfahren. Für die Empfängerin hingegen stellt sich das Leben ob dessen Inhalt auf den Kopf. Um den Konflikt zu lösen, muss sie ihren Angehörigen gegenüber zu fragwürdigen Mitteln greifen.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Titel

Arne Siegel

Wallaby Mail

Krimi schräg (2)

Roman

Wissenswertes

Über das Buch:

Ein australischer Meteorologe händigt den Eltern einer Lahrburger Studentin an der Wohnungstür einen Brief aus. Glücklicherweise ist er in englischer Sprache abgefasst, so dass jene den Inhalt nicht gleich erfahren. Für die Empfängerin hingegen stellt sich das Leben ob dessen Inhalt auf den Kopf. Um den Konflikt zu lösen, muss sie ihren Angehörigen gegenüber zu fragwürdigen Mitteln greifen.

Tags: Familie, Hodenbruch, Australien, Supertochter, Giftschlange, Herzschrittmacher, Blutkrebs, Amnesie

Der Autor:

Arne Siegel, geboren 1962 in Dresden, ist Bautechniker, ursprünglich gelernter Zimmerer. Nachdem er sich für zwei Jahrzehnte als Unternehmer betätigt hat, entdeckt er seine Begeisterung für das Schreiben. Der Autor lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Anmerkung:

Obwohl alle meine Geschichten der Fantasie entsprungen sind, so basieren sie zum Teil doch auf eigenen Erlebnissen. Insofern sind Ähnlichkeiten mit vorhandenen Personen, Institutionen oder Firmen, die es in der Realität gibt nicht immer zu vermeiden. Dennoch bedeutet es, dass keine derselben, die darin vorkommen, in der Wirklichkeit existieren.

A. S.

Besuchen Sie auch meine Webseite unter http://arnesiegel.yooco.de/!

Wenn es einfach wäre

1.

An einem wolkenverhangenen Nachmittag schellt in Lahrburg Hainholt, Fagottweg 94, bei den Eheleuten Schnarrendreyer die Wohnungsglocke. Gerlinde Schnarrendreyer, eine ergraute Mittfünfzigerin mit toupiertem Haar, lugt interessiert durchs Guckloch. Als sie das Gesicht eines wildfremden Mannes darin gewahrt, wendet sie, auf Klärung bedacht, ob sie Hausierer oder andere lästige Subjekte abzuweisen habe, energisch den Schlüssel im Zylinder, so dass es im Treppenhaus schallt. Etwa eine Hand breit, bis sich die Sperrkette ins letzte Glied spannt, bewegt sie den Türflügel ins Innere, die größtmögliche Nähe für eine vage Kommunikation mit dem Fremden ermessend.

In Gerlindes Blick indiziert sich sodann ein unsicher wirkend, jedoch bemerkenswert gut aussehender Mann - schlank, sonnengebräunt, die Koteletten grau meliert -, den sie in dieser illusteren Fasson allenthalben aus Fernsehmagazinen zu kennen glaubt; er schaut sie aus tiefblauen Augen an und hebt zur Begrüßung einen breitkrempigen Hut aus der Stirn.

»Wie sind Sie denn hier hereingekommen?«, will eine argwöhnende Schnarrendreyer von ihm wissen.

»Excuse me Ma'am! The door was unlocked«, gibt der Typ ihr zu bedenken. Eine Sprache, die ihr vom Klang her bekannt vorkommt, die sie aber beim besten Willen nicht zu übersetzen vermag. Die Wortmelodie weckt gedankliche Assoziationen zu Szenen in ›Dinner for one‹, worin sich Mrs Sophie in wahren Koloraturen an wörtlicher Rede ergeht und was Wohlklang und Aussehen betrifft, könnte der Herr durchaus eine Berühmtheit oder gar ein Schauspieler sein. Gewiss kommt er von weit her, weil er einen Trolley und ein Musikinstrument dabei hat, schätzt Gerlinde, die nun verlegen ist, weil sie nicht weiß, wie sie den Dialog aufs rettende Gleis bringen soll.

»Hi! I'm Thich from Australia«, fährt der Angereiste unverweilt fort.

Er zieht ein Kuvert aus der Innentasche der Jacke und hält es ihr vor die Nase.

»Wollen Sie damit etwa zu uns?«, hakt Schnarrendreyer nach, die innerlich zwischen Interesse und Zurückweisung kämpft. In der Zwischenzeit nähert sich Ehemann Karl und späht ihr neugierig über die Schulter.

»He, Linde! Sperr' endlich die Pforte auf und lass den Mann in Ruhe sein Anliegen vortragen. Dass er nicht von hier ist und womöglich etwas Wichtiges mitzuteilen hat, das sieht man ihm doch an!«

Gerlinde nimmt seine Maßregelung wortlos hin. Dann hakt sie die Sicherungskette aus der Falle, zieht die Tür nach innen; sie macht eine linkische Bewegung, die so etwas wie ›Bitte, herein!‹ bedeuten soll und lässt die Sperre gegen den Rahmen baumeln.

»What's your problem, Mister?«, versucht Karl Schnarrendreyer eine einfache Konversation. Der weit Gereiste tritt näher. Mit schlaksigem Charme entgegnet er, dass er aus dem südlichen Adelaide mit dem Flieger angereist sei und die Aufgabe habe, einen Brief an Ioris Schnarrendreyer abzugeben mit der Bitte um sofortige Beantwortung.

Mutter Schnarrendreyer kann sich außer dem Namen ihrer Tochter kein Wort von alledem klar machen und zuckt verständnislos mit den Schultern.

»Ioris ist nicht zu Hause!«, verdeutlicht sie Herrn Thich in ihrer Muttersprache.

»It's allright Ma'am. Please give her the letter! Mrs Stewart is waiting for a call.«

Wechselnden Blickes schaut sie vom Absender über die Adresse auf das Postzeichen, was sich in der linken unteren Ecke der Sendung präsentiert. Nervös wendet sie den Umschlag in den Fingern, hoffend auf den alsbaldigen Aufbruch des absonderlichen Boten, dem sie billigend zunickt.

Der Meteorologe Dr. Saul Servatius Bosworth der sich den Spitznamen Thich verliehen hat, sieht den Erfolg, aber auch das unabdingbare Ende seiner Visite für gekommen. Er zeigt ein Lächeln, hebt kurz den mit Dingozähnen besetzten Lederhut aus der Stirn. Dann geht er treppab in Richtung Portal.

Gedankenverloren das Kuvert in der Hand haltend, lässt Gerlinde Schnarrendreyer sein unwiderstehliches Odeur, bestehend aus Moschus, Tabak, Abenteuer und Weite in ihrer Nase wirken. Ihr Gatte befindet die Angelegenheit für unwichtig genug, sich lieber der bereits laufenden TV-Übertragung eines Fußballspiels zu widmen. Sie schiebt sich stattdessen die Lesehilfe auf die Nase. Die dunkelblaue Reihe kursiv gestellter Blockbuchstaben, die den Schattenriss eines im Sprung befindlichen Kängurus überzeichnen, wirkt auf sie frappierend. WALLABY MAIL. So, als ob der Name der Postgesellschaft das Hüpfwesen bezeichnet, was die australische Post in seinem Beutel durch die Wüste transportiert. Doch seltsamerweise ziert keine Briefmarke mit amtlichem Stempel die edle Hülle. Aus unerfindlicher Ursache geht die Sendung von Hand zu Hand, was einen rätselhaften Hintergrund ahnen lässt.

Mutter Gerlinde entziffert den Namen des Absendenden und erinnert sich sofort daran, dass die Stewarts die australischen Eltern gewesen sind, bei denen ihre Tochter Ioris ein Jahr lang nach dem Abitur als Au-pair-Mädchen gelebt hat. Bei den Verfassern muss es sich also um besagte Gastfamilie handeln, allerdings sind seit dieser Zeit mehr als zwei Jahre vergangen. Damals hat Ioris ihren Aufenthalt in Adelaide um mehr als zehn Monate verlängert, ohne jedoch ihren Eltern eine Erklärung dafür zu geben.

›Was diese Leute jetzt noch von ihr wollten?‹

Zwickende Neugier nagt in Schnarrendreyers Gemüt.

›Sicher nichts Weltbewegendes. Oder vielleicht doch?‹

Zu gern möchte sie den Brief öffnen und lesen, doch ist er wahrscheinlich in englischer Sprache abgefasst, was ihr ja dann nicht allzu viel nützte.

Während sie fieberhaft darüber nachdenkt, was es bedeuten könnte, von einem Boten aus Australien einen Brief überbracht zu bekommen, geht ihr auf, dass die Stewarts Ioris' alte Anschrift, die womöglich noch immer ›Studentenwohnheim Albert Schweitzer‹ für sie heißt, nach der bislang verstrichenen Zeit nicht aktualisiert haben. Diesen Fakt hätte man zwar übers Einwohnermeldeamt in Erfahrung bringen können, aber eine Familie jenseits des Globus? Darüber hinaus scheint es ihnen ebenso an einer Telefonnummer von Ioris zu mangeln. Bei aller Spekulation in diese oder jene Richtung - den wahrhaften Grund werde ich erst erfahren, wenn ich den Inhalt des Briefes kenne -, sagt sich Gerlinde, die fortan überlegt, wie sie dieses Problem effizient gelöst bekommt. Gewiss muss jene Nachricht Wichtiges für Ioris beinhalten, denn es kann ja nicht anders sein, wenn sie dafür extra einen Cowboy auf die Nordhalbkugel schicken. Sie wird, wenn sie von der Ballettprobe nach Hause kommt, ihr Zeile um Zeile zu übersetzen haben, damit sie als Mutter Gewissheit hat und sie hofft sehr, dass es nicht damit verbunden wäre, dass Iorischen abermals für Wochen auf den fünften Kontinent entflieht, so wie sie es während ihrer Au-pair-Zeit mit Begeisterung getan hat. Bei aller Faszination für dieses ferne Land: Sie würde als Elter einer künftigen Primaballerina dieses während der Ausbildung auf keinen Fall zulassen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gelten einfach andere Prioritäten. Die Kleine, im gesegneten Alter von 21 Jahren, ist dabei, eine grandiose Tänzerin zu werden. Dass sie Talent hat, haben ihr Kenner des Metiers bereits bestätigt, ihr Avancen dafür gemacht, sie bis zum Status einer Assoluta protegierend zu begleiten. Den Vertrag mit einem Meisterlehrer hat sie bereits in der Tasche. Insgesamt darf es sich, bei des Cowboys Bericht, also um nichts Störendes in der Angelegenheit handeln. Sicher wird es um etwas gehen, was der Familie Schnarrendreyer ohnehin zur Genüge bekannt sein dürfte. Im anderen Fall hätte Ioris es ihr längst gebeichtet. Sie beide haben seit je her ein sehr offenes Verhältnis zueinander, bei dem es einfach Bedürfnis ist, dem anderen alles, bis ins Kleinste hin, anzuvertrauen. So lange das Studium, vor allem das des klassischen Balletts währt, darf sich das Liebchen keine ausschweifenden Vergnügungen leisten. Dafür wird sie als achtsame, stets im besten Sinne handelnde Mutter unbedingt zu garantieren haben. Dazu zählen eben auch Reisen und Ähnliches, was sie aus ihrem gewohnten Rhythmus bringen könnte, im schlimmsten Fall aber Männerbekanntschaften. Ein von Verliebtheit benebeltes Hirn wird keine achtbaren Attitüden tanzen lassen und, Gott bewahre, eine ungewollte Schwangerschaft wäre das Letzte, was sie brauchen könnte, obwohl sich Gerlinde Schnarrendreyer nichts mehr auf der Welt wünscht als ein Enkelkind. Dennoch ist ihr klar, dass sie sich, zumindest was Ioris anbetrifft, damit noch etwas in Geduld fassen muss. Nichtsdestoweniger könnte ihre Schwiegertochter Agnes ihr den Wunsch nach Großmutterschaft erfüllen, aber genau die hat nicht das geringste Interesse daran. Ihren Sohn Arthur - er ist der Einzige, der auf seine Frau in dieser Hinsicht positiven Einfluss nehmen könnte - bekommt sie, seitdem er diese, die familiäre Eintracht hintertreibende Person geheiratet hat, nur noch selten zu Gesicht. Seiner Agnes hingegen erfüllt er jeden erdenklichen Wunsch. Eine recht einseitige Zuwendung in der Tat. Eine Affenliebe, will man meinen und dazu gehört anscheinend, dass die mittlerweile zwei Jahre währende Ehe zunächst ledig an Nachkommen zu bleiben hat, obwohl Arthur ausgesprochen kinderlieb ist und sogar ein Haus mit Garten erworben hat. Mutter Schnarrendreyer zieht die Brauen dicht und schürzt die Lippen. Über dieses Thema will sie jetzt eigentlich keine übrigen Gedanken verschwenden.

Schrägen Blickes äugt sie auf das Logo der australischen Postgesellschaft: WALLABY MAIL. Ob das Känguru dort tatsächlich die Post zustellt? Wohl eher nicht. Sie schmunzelt ob der infantilen Parabel, wo sie doch weiß, dass die Tiere das Leibesbehältnis nur dafür verwenden, um ihren Nachwuchs darin zu beschützen. Wofür so ein Säckchen praktisch sein kann, spekuliert sie fort, wobei ihr beim nächsten Gedanken in diese Richtung eiskalt ums Herz wird. So hat sie als Neuigkeit erfahren müssen, dass ihr Sohn mit seinen 27 Lenzen durch einen Sportunfall sein ..., na eben dieses Beutelchen sich verletzt hat. Arthur, dieser Tollpatsch! Er hat sich seinen Testis, so nennt man es wohl medizinisch, mittels einer herabstürzenden Hantel geprellt oder gequetscht oder wie auch immer. Gerlinde weiß seit drei Tagen, dass sie den Wunsch auf ein Enkelkind für die nächsten Jahre oder sogar für alle Zeiten in den Wind schreiben kann. Und zu welcher Zeit seiner Schwester das Kinderglück hold sein würde, bleibt bei ihrem außergewöhnlichen Beruf von vornherein ungewiss.

Aus diesen Unwägbarkeiten heraus wurmt es Gerlinde Schnarrendreyer ungemein, dass sie nichts Genaues über den Sportunfall ihres Sohnes in Erfahrung bringen kann. Die vagen Informationen, die sie für sich klarstellt, stammen lediglich aus zweiter Hand. Arthurs faktische Impotenz basiert auf einer unbestätigten Meldung, die ihr der Trainer zugetragen hat. Der Mediziner, der die Versorgung leistet, beruft sich hingegen auf seine Schweigepflicht. Dennoch scheint die Diagnose eindeutig. Es handelt sich um eine Hodenquetschung, was für Gerlinde einer apokalyptischen Katastrophe gleichkommt. Hoden! Dieses entsetzliche Wort, das sie weder gern denkt, geschweige denn in den Mund nimmt. In ihrer Ehe mit dem Nachrichtentechniker Karl Schnarrendreyer hat sie sich über Angelegenheiten, die unter der Gürtellinie passieren, nie im Detail ausgetauscht. Dass Kinder gezeugt und geboren werden, bringt das Leben so mit sich, wenn alles mit natürlichen Dingen zugeht. Kommt es jedoch auf dem Gebiet der Fortpflanzung zu Komplikationen, ist das Problem oft schwer in Worte zu fassen.

Auch ein anderes Thema bereitet der Familienmutter Unbehagen: Es ist die unverblümte Antipathie, die sich zwischen beiden Schwägerinnen entsponnen hat. Agnes unterstellt Ioris eine dümmliche, jedoch zu ihrem Vorteil inszenierte Koketterie gegenüber Eltern und Autoritätspersonen, von denen sie abhängt, des Weiteren, eine abschätzige Einstellung gegenüber Leuten, von denen sie sich nichts verspricht. Gerlinde Schnarrendreyer weiß nicht, was sie davon halten soll, doch ist sie sich zumindest darüber im Klaren, dass sie voll und ganz mit Ioris' Loyalität rechnen kann. Arthur ist längst dem elterlichen Haushalt entsprungen, um mit diesem weiblichen Antipoden familiärer Traditionspflege sein künftiges Leben zu bestreiten. Insoweit verbleibt ihr nur das gut geratene, in ihrem Sinne erblühende Kindlein. Ihr einziger Stolz kurzum. Dass jenes seine Mutter ohne Vorbehalte annimmt, hat Ioris ihr stets unter Beweis gestellt, wohingegen die erst 26-jährige Agnes Fuchs-Schnarrendreyer, die von ihren Freunden passenderweise ›Nessie‹ genannt wird - Gerlinde weiß, dass ein Seeungeheuer so heißt -, den Rat der Ältesten ohne Umschweife ablehnt.

Diese Gegebenheiten sind nicht erbaulich für eine Mutter, die die Geschicke aller nur zum Besten bewenden will. Abermals betrachtet sie das ominöse Briefkuvert, als sich ein Schnalzen im Zylinder der Schließgarnitur vernehmlich macht, das sie jäh aus ihren Gedanken reißt. Gleichwohl kehrt ob des Schreckens Freude in ihr Herz zurück. Das fleißige Kind kehrt soeben von der Ballettprobe zurück, für das gemeinschaftliche Abendessen ist jedoch noch nichts angerichtet worden. Wichtiger würde es jetzt allerdings sein, Ioris mit dem Brief aus Australien zu überraschen, um daraufhin gleich etwas über dessen Inhalt in Erfahrung zu bringen.

2.