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Ist es möglich, dass ein Gerät, was Elektro-Sex bieten kann, auch zu töten vermag? Die Antwort scheinen mehr Leute zu wissen, als es Kommissar Brozio recht ist. Er hat eine Todesserie infolge Elektrizität aufzuklären, die mit einem sonderbaren Apparat in Verbindung steht.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Arne Siegel
Ein sonderbarer Apparat
Krimi schräg (4)
Roman
Über das Buch:
Ist es möglich, dass ein Gerät, was Elektro-Sex bieten kann, auch zu töten vermag? Die Antwort scheinen mehr Leute zu wissen, als es Kommissar Brozio recht ist. Er hat eine Todesserie infolge Elektrizität aufzuklären, die mit einem sonderbaren Apparat in Verbindung steht.
Tags: Elektro-Sex, Reizstrom, Höhepunkt, willenlos, Paralyse, Folter, Tötung, Anarchie
Der Autor:
Arne Siegel, geboren 1962 in Dresden, ist Bautechniker, ursprünglich gelernter Zimmerer. Nachdem er sich für zwei Jahrzehnte als Unternehmer betätigt hat, entdeckt er seine Begeisterung für das Schreiben. Der Autor lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Anmerkung:
Obwohl alle meine Geschichten der Fantasie entsprungen sind, so basieren sie zum Teil doch auf eigenen Erlebnissen. Insofern sind Ähnlichkeiten mit vorhandenen Personen, Institutionen oder Firmen, die es in der Realität gibt nicht immer zu vermeiden. Dennoch bedeutet es, dass keine derselben, die darin vorkommen, in der Wirklichkeit existieren.
A. S.
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Der Anruf vom Finanzamt geht gegen 9 Uhr und 30 Minuten in der Polizeihauptwache Lahrburg ein. Inspektor Semmelhahn hebt den Hörer ans Ohr. Am anderen Ende der Verbindung offeriert sich ein Herr namens Dr. Bernwart Aßfalg. Er sagt, er sei Leiter der Abteilung ›Besteuerung Beamter und Freiberufler‹ im Lahrburger Finanzamt und er beklagt die zum Zeitpunkt mehr als eine Woche andauernde Abwesenheit eines seiner Mitarbeiter.
Wieder eine schnöde Vermisstenanzeige, konstatiert Semmelhahn, der sich allerdings wundert, dass diese vom Finanzamt herrührt. Dr. Aßfalg indes fährt in seiner Rede inhaltsgemäß fort wie folgt:
›Ein Angestellter der Landesfinanzbehörde namens Walter Bierolf enthalte sich seit zehn Tagen ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben seiner Tätigkeit. Man habe eine Gesandtschaft zu seiner Wohnung geschickt, um nach dem Rechten zu sehen, ohne aber den Beamten dort anzutreffen. Bierolf ist bekanntermaßen ein Einzelgänger. Er habe keine nahen Angehörigen, weswegen man annehmen muss, dass ihm etwas Ernstes zugestoßen sein könne.‹
Inspektor Semmelhahn greift zu Kugelschreiber und Protokollblock. Er nimmt die Personendaten der Reihe nach auf. Dann äußert er den Wunsch, sich von der Lage vor Ort ein Bild machen zu dürfen, woraufhin Dr. Aßfalg ihm unmittelbare Hilfe zusichert. Im Glauben, die Angelegenheit für heute ordnungsgemäß bei den Akten zu wissen, will der Ermittler die Verbindung unterbrechen. Der Finanzbeamte lässt sich allerdings nicht so einfach aus der Leitung werfen. Rasch stellt er klar, dass es angezeigt wäre, eine sofortige Inspektion der Wohnung vorzunehmen, da möglicherweise Gefahr im Verzug sei. Semmelhahn sichert ihm ungern, wohl aber vom Gedanken getragen, dass auch er ein Amtmann ist, in der Gottorpsstraße 8c, Lahrburg Osterbrook, einen Ortstermin in den nächsten Stunden zu. Für einen dienstbereiten Aufsperrdienst, soweit es vonnöten wäre, müsse er jedoch selbst sorgen. Aßfalg krächzt etwas in die Sprechmuschel, was sich wie ›Kein Problem und tschüss!‹ anhört und hängt ein.
Inspektor Semmelhahn zieht die Brauen dicht.
›Ein leitender Finanzbeamter vermisst einen seiner Beschäftigten!‹
Er blickt noch einmal auf die Notizen und vergleicht sie mit den Erinnerungen an das Telefonat, sieht aber nur die Bestätigung dafür, dass er sich um keinen Deut verhört hat. Mit dem Kugelschreiber füllt er die übrigen Kästchen von Datum und Uhrzeit aus, setzt sein Signum darunter und heftet den Vordruck in einem Ordner ab.
Zirka 90 Minuten später stehen Kommissar Brozio und Inspektor Semmelhahn mit hochgeschlagenen Jackenkragen vor der Gartenpforte des Hauses von Walter Bierolf. Sie warten auf Dr. Aßfalg und den Schlüsselservice, weil der Briefkasten überquillt und der Hausbesitzer trotz mehrfachen Anläutens nicht reagiert. Ein Bernwart Aßfalg vom Finanzamt ist auch nach einer Viertelstunde weit und breit nicht zu erblicken, an seiner Stelle tritt plötzlich ein, mit einem Auftrag wedelnder Handwerker in Aktion.
»Der Herr vom Finanzamt ist verhindert«, verkündet dieser rasch. »Ich stehe Ihnen aber für jegliche Öffnungs- und Schließangelegenheit zur Verfügung.«
Na, wenigstens der Wichtigere von beiden zeigt sich der Sache zugetan, findet Brozio, der es angesichts der Fakten für richtig hält, die Wohnung sofort zu öffnen. Er erübrigt ihm ein lapidares ›Bitte aufschließen!‹, woraufhin sich der Mechaniker sofort mittels medizinisch anmutender Gerätschaften am Sicherungsmechanismus zu schaffen macht.
Wie er den Türflügel alsdann ins Innere aufschwenkt, weht den Kriminalisten ein alltäglichen Wohnens eher unüblicher Geruch aus den Räumen entgegen, der sie reflektorisch an ihre Nasen greifen lässt. Der Mann vom Schlüsselservice lässt sich den Auftrag quittieren und bittet um telefonische Meldung, sollte ein erneuter Schließdienst notwendig werden. Dann entfernt er sich auf der Stelle.
Beide Kriminalbeamte treten in den Flur. Eine auf dem Boden liegende abgewetzte Umhängetasche eröffnet ihnen ein inhaltliches Arrangement, bestehend aus Faustring, Baseballschläger, Vorschlaghammer sowie einigen braunen Ampullen. Abgerichtet wie Spürhunde folgen sie der intensiven Geruchsmarke, die sie erst im Schlafzimmer des Hausbesitzers zum Stillstand kommen lässt. Dort erblicken sie eine, die Stirn in die Computertastatur gesenkt haltende, reglose männliche Person. Bei näherer Betrachtung wird ihnen klar, dass der Mann wahrscheinlich seit mehreren Tagen verstorben ist.
Kommissar Brozio zieht sein Handy heraus, um die Spurensicherung anzuberaumen, Inspektor Semmelhahn zückt seinerseits Kamera, Stift und Protokollblock.
Als augenfälliges, für die Todesursache mögliches Indiz, sind zahllose bunte Drähte auszumachen, die an bestimmte Leibespartien des Herrn angeschlossen sind. Der damit verbundene elektronische Apparat befindet sich in voller Funktion, wobei ein kleiner Monitor sich wechselnde Grafiken präsentiert, die die Beamten an Fieberkurven erinnern. Der Körper des Mannes zeigt sich dehydriert, vermutlich infolge Elektrizitätseinwirkung, was ihn bis zur Fasson einer Mumie hat schrumpfen lassen. Deutlich zeichnet sich das Skelett unter der Haut ab. Sein in aufrechter Haltung befindlicher Rumpf, der sich noch immer warm anfühlt, neigt sich bedenklich zur Seite; einzig seine pappartige Beschaffenheit sorgt dafür, dass er nicht umfällt. Hier, dessen ist sich Brozio gewiss, sorgt Totenstarre und Verdunstung für die nötige Stabilität, die den Mann in bizarrer Attitüde wie eine Schaufensterpuppe an ihrem Fleck harren lässt.
Semmelhahn begutachtet indes die auf der Tischplatte befindliche Apparatur, von der farbige Kabelstränge auf den Toten hinzugehen. Herauszufinden, ob dieses Kästchen für die Todesursache verantwortlich zeichnet, bliebe vorerst den Spezialisten überlassen, aber dass es direkt damit zu tun hat, steht zu vermuten. Zumindest hat es die Leiche durch Entfeuchtung konserviert, was ja auch etwas wert ist, schätzt der Inspektor, der sich sofort einen schriftlichen Vermerk dazu macht.
Ein davon nicht weniger beeindruckter Kommissar wagt nicht, das Gerät mit Fingern zu berühren, geschweige denn, etwas daran zu verändern, bis sich die Experten der Spurensicherung ein umfassendes Bild davon gemacht hätten. Er versucht dennoch, sich eine Vorstellung von dessen Ziel und Zweck zu machen, da es ausgesprochen professionell gefertigt wirkt. Er liest den per Siebdruck aufgeprägten Schriftzug: MX-2 Digital Torturer - Altura Electronics S. A.. Hoffend auf einen klärenden Kommentar versucht Kommissar Brozio Inspektor Semmelhahn - jener ist Vater zweier halbwüchsiger Töchter, die einen Faible für elektronische Spielereien haben - um sein diesbezüglich elterliches Wissen zu erleichtern. Die Bezeichnung ›Altura Electronics‹ ist Folker Semmelhahn nicht unbekannt, doch hat er keinerlei Vorstellung, worum es hierbei im Besonderen gehen könnte. Eins ist den Ermittlern bei ihren Beobachtungen auf jeden Fall klar geworden: Der Tod des Mannes, dessen Identität noch geklärt werden muss - sie vermuten aber, dass es sich um den Hauseigentümer handelt - ist wahrscheinlich durch die Einwirkung elektrischen Stroms eingetreten, wovon die Male auf der Haut, die sich insbesondere um Hand- und Fußgelenke gebildet haben, zweifelsfrei zeugen. Ob er sich selbst oder eine zweite Person ihn in die missliche Lage gebracht hat, gilt es zu untersuchen; augenscheinlich deutet nichts auf Spuren einer gewaltsamen Auseinandersetzung hin.
Im selben Moment schrillt die Wohnungsglocke.
»Der Kriminaltechniker kommt!«, heisert der Chef freudig.
»Hallo, ihr beiden!«, sprudelt ein hinzutretender Ronald Bakes in den Raum. »Hier riechts aber komisch! Ich soll euch von Dr. Aßfalg ausrichten, er bittet seine Abwesenheit zu entschuldigen. Ihn interessiert es allerdings sehr, ob ihr in der Zwischenzeit Herrn Bierolf gefunden habt. Für Anfragen steht er auf jeden Fall gern und jederzeit zur Verfügung.«
1.
Vor zwei Monaten:
In der Studentenwohngemeinschaft der Trutzburg, in Lahrburg Fühlshorn, lebt ein seit Jahren freiberuflich arbeitender Aktionskünstler mit dem Aliasnamen Pepe. Eine Vielzahl seiner meisterlichen Fertigkeiten erlernt er autodidaktisch, anderes wird ihm von skurrilen Berühmtheiten der Szene beigebracht. Aufgrund seiner enormen Kreativität als auch seinem damit einhergehenden sozialen Engagement, erreicht er in überschaubarer Zeit einen achtbaren Grad an Bekanntheit. Sein Repertoire spannt sich von Kleintheater über Feuerdarbietungen zu Aktionen, worin sich einstürzende Türme wie von Geisterhand erneut zu alter Höhe aufrichten, bis hin zu frappierenden Abfolgespielen nach dem Dominoprinzip. Eine Raffinesse seiner Künste stellt ein, vom Tidenhub angetriebenes Mechanikspiel dar, was er im Auftrag der Stadt Boogshave an der alten Mole errichtet hat und was bei jedem Wechsel des Wasserstandes aufs Neue zum Leben erwacht.
Im zeitlichen Nachlauf seiner ersten künstlerischen Erfolge bekommt Pepe allerdings Ärger mit dem Finanzamt. Ein Streit von unbestimmbarer Zeitdauer stellt sich ein, worin Pepe, scheinbar ohne ersichtlichen Grund, von einem fiskalischen Fettnäpfchen ins nächste tritt. Während dieser Phase verbinden sich die Probleme, wie Pepe unlängst festgestellt hat, mit dem Namen eines Mannes, der für all die verhassten Bescheide verantwortlich zeichnet: Dem Bearbeiter für Umsatz- und Einkommensbesteuerung Beamter und Freiberufler: Walter Bierolf.
Wenn man selbständig ist, so bedeutet das für einen steuerlichen Laien wie Pepe in erster Linie sein eigener Chef zu sein. Von Buchhaltung hat er keine Ahnung. Er will davon auch gar nichts wissen. Seine Kumpels raten ihm, sich mit dem Fiskus gut zu stellen, quasi mit ihm zusammenzuarbeiten, das heißt, auf seine Forderungen angemessen zu reagieren, anstatt zu mauern und zu schlampen. Doch scheint dieses ohnehin zwecklos, zumal Pepe, wie es Künstlern zuweilen zukommt, die Einhaltung von Bürgerpflichten als Schikane empfindet, wobei die Probleme in seinem persönlichen Fall, so mag es ihm vorkommen, sich als besonders vielgestaltig und verzwickt präsentieren. So tätigt er Investitionen, weil er Assistenten beschäftigt, die aber keinen Arbeitsvertrag mit ihm haben und er sich darum auch keine steuermindernden Lohnkosten anrechnen kann; er verzeichnet Aufwendungen an Werk- und Betriebsstoffen, deren Rechnungen er in einem Schuhkarton verschwinden lässt, anstatt sie regelmäßig zu verbuchen. Von einem Jahr ins andere realisiert Pepe beachtliche Umsätze, wenngleich ohne nennenswerten Gewinn; das darauf folgende Jahr schließt er mit einem Minus ab. Finanzbearbeiter Bierolf fordert ihn auf, seine wirtschaftliche Situation erklärende Belege beizubringen, da obligate Zahlungen an das Finanzamt ausbleiben. Während einer mehr als dürren Auftragslage wächst Pepe alles über den Kopf. Er muss trotz desolater Wirtschaftslage und obwohl es ihm zutiefst widerstrebt, den gesamten Bestand der vergangenen Jahre aufarbeiten, sich um professionelle Hilfe bemühen, was ihn schließlich mit einer Steuerberaterin namens Iolanthe Klare zusammen führt.
Einer seiner größten kaufmännischen Irrtümer muss wohl gewesen sein, das Geld für einen Schüleraustausch - Pepe arbeitet auch mit Kindern - über ein privates Konto, was er für geschäftliche Zwecke nutzt, geldlich transferieren zu lassen. Wider der Forderung seiner Hausbank, die ihm neben dem Giro-, die gebührenpflichtige Führung eines Geschäftskontos dringend nahe legt, denn ein Freischaffender sei im erweiterten Sinne ja auch ein Geschäftsmann, verfügt Pepe nach wie vor und törichter Weise nur über ein einziges Girokonto wie ein regulärer Gehaltsempfänger.
22.000 rasante Euro für die Jugendarbeit, welche er, ohne sie auch nur im Geringsten angetastet zu haben, rechtschaffen an dienstliche Stellen weitergeleitet hat, kreidet der Fiskus ihm fälschlicherweise als Ertragsumsatz an. Gleichwohl handelt es sich dabei nur um einen durchlaufenden Posten, der keinen Einfluss auf die Bildung von Salden hat. Iolanthe Klare, als Pepes buchhalterischer Beistand in spe, hat insoweit alle Hände voll zu tun, das Problem der Lahrburger Taxbehörde nachvollziehbar zu gestalten, um Duldsamkeit gegenüber dem Steuerbürger Pepe zu erwirken.
Als das alles beim Finanzamt in erwünschter Form durchgegangen ist, empfiehlt ihm Iolanthe Klare - konspirativ, versteht sich - mit freiem Kapital, sollte es erneut in größeren Summen zur Verfügung stehen, tunlichst betriebliche Rücklagen zu bilden, um später, inklusive Zinsen, steuergünstig daraus schöpfen zu können. So viel Geld kommt bestimmt kein zweites Mal zusammen, denkt Pepe, der die strittige Summe, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was für Erklärungen er an das Gemeinwesen dazu abzugeben hätte, längst überwiesen hat.
Eine andere Sache ist die: Weil bei Pepe alles über ein einziges Konto läuft, bekommt das Finanzamt auch Einblicke in seine privaten Transaktionen, die mit Geschäftlichem bei weitem nichts zu tun haben, aber dennoch Anstöße zu Nachfragen ergeben können. So trägt er sich seit einiger Zeit mit Bedenken schwanger, sofort etwas zahlen zu müssen, sobald sich sein Kontostand vom Minus ins Plus erhebt. Er hat sich angewöhnt, wenn er zum Beispiel von Kumpels Geld leiht, alles in bar und gegen Quittung abzuwickeln.
Iolanthe Klare erfasst die Problematik. Sie versucht ihrem Klienten den Sinn von Steuergesetzen sowie die damit verbundenen Rechte und Pflichten zu erklären. Zum anderen wird sie Herrn Bierolf Pepes Situation und die Besonderheiten seiner bisherigen Buchführung zu verdeutlichen haben. Es braucht seine Zeit, bis Pepe es verinnerlicht, dass ein Gemeinwesen in der Endkonsequenz auch von irgendetwas bezahlt werden muss.
»Aber nicht mit der Holzhammermethode!«, knirscht Pepe, in dem Wut schwelt. Das Mahlen seiner Zwickmühle ist dank professioneller Beratung allenfalls gebremst, doch mitnichten zum Stillstand gebracht worden. Der Fakten ungerührt, dreht es die Behörde nach wie vor so, wie es ihr am profitabelsten erscheint und findet ihr unerhörtes Vorgehen sogar rechtens, weil es ja dummerweise, wie er nun weiß, für alles Paragrafen gibt. Der Aktionskünstler, der sechs Meter hohe Türme einstürzen lässt, die sich scheinbar von allein zu ehemaliger Größe aufrichten, versucht die subjektive Komponente seines Falls von den maschinellen Abläufen zu trennen und stößt dabei stets auf denselben, alles zu seiner Einbuße verflechtenden, zutiefst verabscheuungswürdigen Namen: Walter Bierolf. Ein Nomen, fast wie ein Markenzeichen. Ein kleines Rädchen im gewaltigen fiskalischen Getriebe mit so viel Macht über Personen. Einfach per Gesetz richtet dieser Mann eine Menge menschlichen Schaden an. Pepe reizt es über alle Maßen einmal zur Selbstjustiz zu greifen und dem Monster in Menschengestalt die Gänze seines Ärgers retour zu schicken. Ihn flehen zu sehen wie ein ins Joch gespannter Delinquent.
Die Adresse eines Herrn Bierolf lässt sich zu seinem Erstaunen schnell aus dem Telefonbuch herauslesen.
2.
Annes Miep, ebenso wie Pepe, Bewohnerin der Studentenwohngemeinschaft in der Trutzburg, hält sich für eine Schauspielerin, obwohl sie das Mimen nie unter professionellen Gesichtspunkten gelernt hat. Irgendwann legt sie ihre Visionen in dieser Hinsicht ad acta und beginnt zu kellnern wie damals in den Semesterferien, als sie drei Jahre Politologie studiert hat. Ihre Freunde nennen sie Miez, was nicht von ungefähr kommt, weil Annes sich in ihrem Naturell einer Felis in verschiedenen ihrer Eigenschaften durchaus ebenbürtig zeigt. Doch versinnbildlicht sie dahingehend eher das wilde Tier der Gattung als sein domestiziertes Pendant. Anmutig gleitet sie durch die Domäne. In einer, von gegeltem Raspelhaar umrahmten Miene, blitzen brillante Zähne zwischen von Silberschmuck perforierten Lippen. Aus fingerlosen Handschuhen ragen grell lackierte Nägel hervor.
Miez, was für ein goldiger Name für so ein kratzbürstiges Tier in Menschengestalt, mag sich der eine oder andere ihrer Verehrer gedacht haben, der ihren Mut und ihre Zähigkeit leidvoll zu spüren bekommen hat. Die gleichsam Mondäne ist nämlich auch eine Harte und Rebellische. Bei Gefechten mit Gesetzeshütern während der Aufzüge linker Kräfte im Kiez haben Miez und ihre Kumpels zahlreiche Blessuren aufgrund polizeilicher Schläge davongetragen. Seit Jahren ist es ruhiger geworden auf den Straßen. Die Behörde hat erwogen besonnener einzuschreiten. Ein Aufgebot an Ordnungskräften besteht zwar nach wie vor, Restriktionen gegenüber Demonstranten und Hausbesetzern lockert man jedoch und billigt ihnen eine größere Anzahl von Rechten zu. Hiernach avancieren ehemalige Rebellenführer zu Politikern, militante Hausbesetzer zu Eigentümern.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt engagiert sich Miez neben ihrem Job als Kellnerin in der GuTiW-Aktionsgruppe. Die Abkürzung GuTiW steht als Akronym für etwas, was man im Prinzip nicht will: Gewalt und Terror im W
