Krauttopf mit Rauchfleisch - Arne Siegel - E-Book

Krauttopf mit Rauchfleisch E-Book

Arne Siegel

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Beschreibung

Ein Phantom in einem Garten, ein verschollener Arbeiter auf einer brennenden Ölbohrinsel und ein zerkleinerter Mensch im Schredder einer Metzgerei scheinen miteinander in Verbindung zu stehen. So sieht es Kriminalassistent Nüchterlein, der in dem Dreifachfall recherchiert. Schließlich sieht er selbst dem Tod ins Auge, doch zwei Frauen wollen ihm aus der Klemme helfen.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Titel

Arne Siegel
Krauttopf mit Rauchfleisch
Krimi schräg (1)
Roman

Wissenswertes

Über das Buch:

Ein Phantom in einem Garten, ein verschollener Arbeiter auf einer brennenden Ölbohrinsel und ein zerkleinerter Mensch im Schredder einer Metzgerei scheinen miteinander in Verbindung zu stehen. So sieht es Kriminalassistent Nüchterlein, der in dem Dreifachfall recherchiert. Schließlich sieht er selbst dem Tod ins Auge, doch zwei Frauen wollen ihm aus der Klemme helfen.

Tags: Kühltruhe, Leichenteile, Fleischwolf, Feinschmecker, Mord, Detektivin, Phantom, Feuer

Der Autor:

Arne Siegel, geboren 1962 in Dresden, ist Bautechniker, ursprünglich gelernter Zimmerer. Nachdem er sich für zwei Jahrzehnte als Unternehmer betätigt hat, entdeckt er seine Begeisterung für das Schreiben. Der Autor lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Anmerkung:

Obwohl alle meine Geschichten der Fantasie entsprungen sind, so basieren sie zum Teil doch auf eigenen Erlebnissen. Insofern sind Ähnlichkeiten mit vorhandenen Personen, Institutionen oder Firmen, die es in der Realität gibt nicht immer zu vermeiden. Dennoch bedeutet es, dass keine derselben, die darin vorkommen, in der Wirklichkeit existieren.

A. S.

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Prolog

Gott sei Dank, denkt Friedrich Rondinelli. Die Fahrbahn, auf der ich kutschiere, ist endlich fertig gestellt. Teerig spiegelt sich die glatte Asphaltfläche im Sonnenlicht gegen den Himmel, gestreifte Absperrzäune haben die Arbeiter bereits an den Rand gezogen. Zufrieden ob des zu erwartenden Zeitgewinns blickt der Fahrer auf die Uhr zwischen den Instrumenten im Cockpit. Ich werde es pünktlich bis ins Lokal Roseneck schaffen, frohlockt Rondinelli. Vielleicht wird mir die Zeit die ich einspare vorab für eine Zigarettenlänge mit den Kollegen reichen.

Und während der Schuldirektor so über Termine an sich nachdenkt, singt der Sechszylinder unter der Haube seines grauen BMW 520 gleichmütig sein monotones Lied. Säuselnd drängt der Wagen durch sanft schwingende von Hügeln gesäumte Kurven, deren weiß gemalte Streifen unter dem Fahrwerk wie eine Stichnaht hindurch eilen.

Die Hand lässig auf dem Schalthebel platziert, erhascht der Direktor des Daxlander Musäus-Gymnasiums genießenden Blickes ein Meer blühender Obstbäume. Ein schöner Flecken Erde ist das hier, findet Rondinelli, der selbst nur in einem dicht bebauten Altbauviertel kampiert. Die Daxlander Kirsch- und Apfelgärten mit ihren parallel schreitenden Baumzeilen - sie sind seines Vetters Eusebius' weitläufige Besitztümer -, die ihm stets vorkommen, als hätte jemand die Landschaft mit einem Pferdekamm gestriegelt, kennt Friedrich Rondinelli, der geschätzte Abnehmer von Daxlander Obst, seitdem er ein Kind gewesen ist. Wie er seinen Weg und die damit verbundenen Erinnerungen im Geiste entlang der nächsten Baumkolonien beschreibt, indiziert sich etwas Unerwartetes in seinem Augenfeld. Rondinelli stutzt. Er lupft unwillkürlich den Gasfuß. Dann drückt er zweimal hintereinander den Handballen ins Volant. Ein sonores Dampfertuten wölbt sich unter dem Blech der Motorhaube in die Umgebung empor. Dann, wie nach einer Eingebung der besonderen Art, wechselt sein rechter Fuß auf das Bremspedal. Der Impuls, rein visueller Natur, der ihn zur Minderung des Tempos veranlasst, entspringt direkt dem Bild der Plantage selbst. Es handelt sich um einen schmächtigen, schwarz befrackten, unter schattigen Zweigen weilenden Mann. Diesem gilt Friedrichs Signal, woraufhin der Angehupte jedoch nicht erwartungsgemäß, vielmehr in stoischem Gleichmut ihm gegenüber, also überhaupt nicht, reagiert. Seiner vernehmbaren Geste zum Trotz lehnt er lässig, die Schulter gegen einen Baumstamm, den Hut in die Stirn gezogen, mit scheinbar zu Boden gerichtetem Blick.

Schade, denkt der Direx. Dieser Mann hinter dem Zaun kann nur mein Cousin Eusebius Fritsche in persona sein, wobei man ihn aus gewisser Distanz heraus betrachtet, auch für einen Star aus der Stummfilmzeit halten könnte. Friedrich Rondinelli freut sich über seinen einfallsreichen Vergleich, der zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr von ihm allein stammt. Dessen ungeachtet bleibt es ihm befremdlich, warum Fritsche fortwährend, stur, so scheint es, hinab ins Gras schaut, anstatt seine lautstarke Begrüßung zu erwidern. Er versucht es erneut, doch Eusebius ignoriert konsequent die ihm gebührende Achtungserweisung.

Nichts zu machen, versichert sich Rondinelli aus persönlicher Einsicht heraus - mein Vetter ist eben nicht mehr der jüngste - und sollte es sich ein anderes Mal so ergeben wie hier und heute, werde ich natürlich anhalten und ihm persönlich die Hand zum Gruß gereichen. Mit diesem ehrenhaften Vorsatz im Sinn verlässt Friedrich Rondinelli, der ob seiner zögerlichen Fahrt nun selbst von Verkehrsteilnehmern per Hornsignal gemahnt wird, das Daxlander Obstanbaugebiet in Richtung Roseneck.

Rund 15 Minuten später balancieren zwei 9-jährige Mädchen an der Grenze des Areals den Bordstein entlang. Vergessen ist die letzte Schulstunde und das elterliche Heim nicht mehr weit entfernt. Von jäher Aufmerksamkeit ergriffen, stößt Nima Brüsehafer ihrer Freundin Sigi Burmeister den Ellenbogen in die Seite. Ihr leiblicher Großvater steht dort kerzengerade wie ein Wachmann, einen Steinwurf weit entfernt, hinter der Abgrenzung in seinem Revier. Sein schwarzer Hut ist ihm in die Stirn gerutscht. Klares Sonnenlicht gleißt auf die, in den Kinderaugen seltsam anmutende Szene hinab.

»Als ob er von dieser Welt nichts mitkriegt«, raunt Nima ihrer Freundin Sigi zu, als handele es sich um ein Phänomen.

»Opa!«, ruft sie mit heller Kinderstimme, doch Fritsche wechselt seine Attitüde um keinen Millimeter. 

»Ob er mich nicht hören kann?«, will die blondbezopfte Minidiva von ihrer Klassenkameradin wissen, die nur verständnislos mit den Schultern zuckt. 

Genau in diesem Augenblick landet eine Elster auf Eusebius Fritsches Hut. Sie versucht mit dem Schnabel dessen Filz zu zermalmen. Nima Brüsehafer feixt mit Zahnspange über großen Schneidezähnen.

»Das geschieht ihm völlig recht, dass der ihn hackt. Opa kriegt nicht mal mit, dass ihm ein Vogel auf dem Kopf gelandet ist!« Ihre Stimme überschlägt sich förmlich vor Schadenfreude. »Das werde ich Mutti erzählen!«, insistiert die Enkeltochter fort. Eine indessen von der Sache gelangweilte Sigi Burmeister begreift nichts von alledem und richtet ihren Blick nach vorn. Nima macht eine unmissverständliche Geste in Opa Fritsches Richtung. Sie soll soviel wie ›Aufgeschoben ist nicht aufgehoben‹ oder ›Wir rechnen ab, sobald wir uns wieder sehen‹ bedeuten.

Zwei unausgegorene Primadonnen schieben ihre Daumen unter die Ranzengurte und tänzeln im Hopserschritt weiter in Richtung Teerosenweg.

Ohne Chance

1.

Der Geschäftsführer der Brüsehafer Wurst- und Fleischwaren GmbH, Caspar Brüsehafer, lehnt an diesem Abend entspannt im Sessel seines Büros. Beim Blättern in vergoldeten Bilanzen der letzten Wirtschaftsjahre schiebt er sich die Lesebrille etwas dichter auf die Nase.

Was haben uns all die Jahre gebracht, fragt sich der Chef, obwohl er genau weiß, dass es mehr als freundlich aussieht und sich die Frage mithin erübrigt. Die Firma brummt. Im Laufe der Zeit ist die ehemalige Metzgerei Fritsche zu einem, bis über die Landesgrenzen hinaus bekannten, fleischverarbeitenden Betrieb mit über 40 Angestellten herangewachsen. Alle am Produkt Beteiligte versuchen durch gleich bleibend hohe Qualität das gute Image der Firma zu erhalten - ein Bewusstsein, was Brüsehafer der Belegschaft stets aufs Neue zu vermitteln sucht. Die Waren mit der bekannten Aufschrift präsentieren sich in Regalen von Supermärkten bis weit über den betrieblichen Standort hinaus. Doch Brüsehafers ist mehr als nur das. Ein anderes identitätsstiftendes Produkt der Firma, was im Vergleich zu den üblichen Erzeugnissen eher indirekt mit der Wurst- und Fleischwarenherstellung zu tun hat und auch nicht zum regulären Marktsortiment gehört, heißt Brüsehafers Krauttopf mit Rauchfleisch. Es handelt sich um eine Eintopfspezialität, die in einer, dem Betrieb zugehörigen Großküche angerichtet und über den Werksabkauf an Suppentheken, Kantinen und Imbissstände ausgeliefert wird. Bekannt wird die Krautspezialität zu einer Zeit, als der Student und Hobbykoch Caspar Brüsehafer eine Allerleipfanne mit geräuchertem Rindfleisch, Speckzwiebeln und Weißkraut zubereitet und sie in der kommunalen Armenküche kostenlos an Minderbemittelte austeilt. Der heutige Firmenchef weiß nur zu sehr um seine Passion. Er kocht seit Zeiten gern Eintöpfe oder deftige Krautgerichte, am liebsten zu wichtigen Anlässen und für eine große Anzahl an Gästen.

Nach fernerer Überlegung kommt Caspar zu dem Schluss, dass sich darüber hinaus auch in seinem Privatleben alles zum Besten gewendet hat, wäre da nicht diese fatale Geschichte mit dem rätselhaften Verschwinden seines Schwiegervaters, für die er bislang keine Erklärung hat.

Noch vor wenigen Monaten haben Marion Brüsehafers Eltern die Villa im Teerosenweg 10 im Sinne des gemeinschaftlichen Erbes ihren Kindern notariell überschrieben. Selbst für das beerbende Paar, die Kaltmamsell Eleonore- und den Metzgermeister Eusebius Fritsche, sieht es oberflächlich betrachtet rosig aus. Die Senioren sind seit Jahr und Tag stadtbekannt und angesehen. Ein gleichnamiges Metzgereigeschäft mit gutem Leumund, was sie bis zum Altersruhestand gemeinsam bewirtschaften, sorgt in diesen Tagen für einen sorgenfreien Lebensabend. Ihr einziges Kind, eine Tochter namens Marion, hat gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Metzgergesellen wie späteren Diplom-Lebensmitteltechniker Caspar Brüsehafer, als studierte Ökonomin die alte Fleischerei übernommen und sie zu einem prosperierenden Industriebetrieb umgebaut. 

Caspar lernt zwar von der Pike auf bei Meister Fritsche das Handwerk der Metzgerei. Später absolviert er jedoch entgegen aller Erwartungen das Abitur an der Abendschule mit dem Ziel, ein Studium zu absolvieren. Sein Hochschulabschluss im Fachgebiet Industrielle Fleischverarbeitung bringt Caspar Brüsehafer jedoch nicht dazu, sich von der Dynastie Fritsche zu lösen. Die einzige, insbesondere in Caspars Augen, recht hübsche Tochter des Meisterpaares hat er beizeiten gefreit und es bis dato auch nicht gereut. Ein Jahr nach der Eheschließung gebiert ihm Marion einen Sohn namens Jakob und drei Jahre darauf eine Tochter namens Nima. Mittlerweile in vierter Generation lebt die Großfamilie Fritsche/Brüsehafer unter dem Dach der gemeinsamen Villa in Lahrburg Daxlanden, Teerosenweg 10. In Relation mit dem vorgezogenen Erbe der Immobilie bekommen die ehrwürdigen Herrschaften ihre letzte Wohnstatt im Souterrain, quasi als Altenteil hergerichtet. Sowohl ein betagter Schäferhund gemeinschaftlichen Besitzes namens Håkan, als auch zwei orange-weiße namenlose Meerschweinchen, die sich in Nimas Obhut befinden, runden das familiäre Bild ab.

Dass es aber nicht für alle Zeit so bleiben würde, das weiß Caspar Brüsehafer seit ein paar Tagen, zumindest seit dem Nachmittag, an dem sein Schwiegervater, der Metzgermeister Eusebius Fritsche, ohne sich dahingehend zu erklären, spurlos verschwunden ist. Was das für die Zukunft bedeutete, dessen ist sich Brüsehafer noch ungewiss. Er kann sich aber bildhaft ausmalen und da hat er nicht mal an das Schlimmste gedacht, was einem Menschen je widerfahren kann, dass, wenn man ihn nicht bald fände, nicht all zu viel Hoffnung bestünde, ihm in gewohnter Fasson gegenüberzutreten.

Sofern es denn einen speziellen Grund für sein unerklärliches Fortbleiben gibt, so möchte Caspar Brüsehafer ihn wissen, um jenen wunden Punkt aus den geplagten Gemütern der Familie zu tilgen.

2.

Ein Rückblick:

Für den heutigen Nachmittag hat Marion Brüsehafer einen Termin beim ortsansässigen Heimtierarzt Dr. Helmward Kolb ergattert. Die veterinärmedizinische Praxis liegt etwa zehn Minuten Autofahrt vom Daxlander Teerosenweg entfernt. Håkan, der Schäferhund, ein universaler Freund der Großfamilie, humpelt auf drei Beinen, das heißt, einen Lauf beim Gehen ohne Bodenberührung in der Luft balancierend, also ziemlich hundsmiserabel vor sich hin. Bereits kleinste infektiöse Risse in den Ballen der Pfoten führen zu schmerzhaften Schwellungen, was der Rüde auf seine alten Tage nicht mehr so leicht wegsteckt. Er hat in seinem Leben viele famose Hundejahre gesehen, doch summieren sich wie beim Menschen die Anfälligkeiten mit fortschreitendem Alter.

»Sein Jammern ist einfach steinerweichend«, wehklagt Marion stellvertretend für Håkan in den Telefonhörer von Dr. Kolb. Der Sprechstundenhilfe ihren Aufbruch avisierend, hängt sie ein, greift nach Praxisausweis und Schlüsselbund, eilt treppab durch die Wohnung der Eltern, dorthin, wo sie den Håkan eingesperrt hat. Heute ist der ›Freund der Familie‹, der normalerweise geweckt werden muss, wenn sie mit ihm spazieren gehen will, hellwach vor Aufregung. Er tippelt hin und her, drückt zuweilen die feuchte Nase an der gläsernen Tür platt, als wenn er das Weh des nahenden medizinischen Eingriffs ahnte.

Den Hund anzuschirren, ruft sie Hilfe ersuchend nach ihrer Mutter Eleonore, als diese nicht reagiert, nach ihrem Vater Eusebius. Es kehrt sowohl als auch keine Antwort an ihr Gehör zurück. Für einen Wimpernschlag hält sie inne und lauscht in die schimärische Stille. Dann schiebt sie den Türflügel beherzt ins Rauminnere. Dem Vierbeiner verbleibt keinerlei Möglichkeit zur Flucht, auf der Stelle verpasst sie ihm Maulkorb und Führungsleine. Dann drängt sie in berechtigter Eile mit ihm in Richtung Portal. Währenddessen sie langer Schritte den Korridor durchmisst, späht sie unterbewusst durch den Türspalt in den Hobbyraum. Dort gewahrt sie die Präsenz einer ihr bekannten männlichen Person. Auf einer Holzbank liegt ein kleiner alter Mann, der unzweifelhaft wie ihr Vater aussieht. Marion stoppt, bindet den Hund ans Treppengeländer, prüft die Verhältnisse und stellt fest, dass es sich bei der Person tatsächlich um ihren Vater handelt. Was Eusebius Fritsche betrifft, kann von einem geruhsamen Päuschen hierbei jedoch keine Rede sein. Seine Arme baumeln grotesk am dünnen Körper herab, seine Augen, schlaftrunken, sind nur bis zur Hälfte geöffnet. Sie blicken starr ohne Lidschlag aus faden Pupillen. Marion ist kurz davor ob seiner gewohnten Eskapaden einen Wutanfall zu bekommen, doch irgendetwas scheint verändert. Sie gewahrt Alkoholgeruch. Energisch greift sie nach seinen Revers, zieht ihn zu sich heran, versucht ihn mittels Schütteln und Anreden zu erwecken, doch Eusebius zeigt keinerlei Reaktion. Im Innern der Tochter, die an eine von ihm inszenierte Leblosigkeit glaubt, macht sich Zweifel breit. Ihr wird erneut bewusst, dass ihr Vater, obschon ein alter Mann, ein erstklassiger Schwadroneur und begnadeter Schauspieler ist, der schon viele Ahnungslose mit seinen Burlesken hereingelegt hat. Die Familie leidet unter seinen wechselhaften Launen, seinem schwer zu greifenden schmetterlingshaften Gemüt. Spindeldürr, stets in Frack, Fliege, Melone und mit einem Stock einherschreitend, offeriert er sich als eine Karikatur seiner selbst, die an erster Stelle an den berühmten Stummfilmstar Charlie Chaplin erinnert. Eusebius Fritsche, der mit sprühender Intelligenz und unverhohlener Aggressivität stets versucht, die niederträchtige Welt, die ihn umgibt, gehörig Maß zu nehmen, verbreitet eines Tages das Gerücht, dass er ohnehin dem Tode geweiht sei und alsbald im Keller auf der Bank läge, weil er dort zu sterben gedenke, was sich am folgenden Tag, zumindest äußerlich besehen, auch tatsächlich so zuträgt. Eleonore bringt es fertig, obwohl sie sich nicht annähernd vom faktischen Tod ihres Gatten überzeugt hat, sofort die Polizei über sein Ableben zu informieren. Als die Wachmänner nach etwa 20 Minuten einrücken, ist Fritsche wieder obenauf. Quicklebendig läuft er, einen jovialen Plausch mit den Uniformierten im Sinn haltend, im Garten auf und ab.

Seit dieser Geschichte ist die Polizeihauptwache Lahrburg vom Ehepaar Brüsehafer gebeten worden, Anrufe, die vom Anschluss Fritsche herrühren, mit entsprechender Vorsicht zu behandeln, nötigenfalls in die Firma zwecks Klärung umzuleiten, um fruchtlose Einsätze zu vermeiden, woraufhin der telefonierende Beamte klarstellt, dass ein Polizeiamt kein Wunschbriefkasten sei.

Marion Brüsehafers anfängliche Skepsis weicht zusehends, wie sie sich ihren Vater unter dem Gesichtspunkt seiner Vitalität betrachtet. Begreifend, dass sein Lebensfunke in der Tat erloschen sein könnte, dreht sie auf dem Absatz, stürzt durch den Flur; panisch erreicht sie das Wohnzimmer der Eltern. Dort angekommen, lässt sich eine Oma Fritsche selbst nach mehrfachem Ausruf nicht blicken. Marion zieht die graue Kostümjacke von den Schultern, hitzig wirft sie sie über die Stuhllehne, dann löst sie den obersten Knopf ihrer Bluse. In der Hoffnung, ihr Vater möge sich seines Lebens und seiner Mitmenschen noch einmal besinnen, richtet sie seinen Oberkörper auf. Rasch stellt sie jedoch fest, dass sie ihn ohne fremde Hilfe keinen Millimeter von der Stelle bewegt bekommt. Trotz Schlaksigkeit erweist sich seine Masse als immens; mechanisch klappt Fritsches Kopf vor und zurück. Håkan, der instinktiv spürt, was sich abspielt, tanzt wimmernd von einem Bein aufs andere. Es benötigt einen Moment, bis Marion dem nervtötenden Hund abermals ihren Willen aufzwingt. Sie zerrt ihn am Halsband bis zum nächsten Telefonapparat. Zittriger Finger langt sie den Hörer aus der Ablage und drückt die weltbekannte Folge dreier Ziffern ins Tableau. Am anderen Ende der Verbindung offeriert sich der Wachmann der örtlichen Polizeidienststelle. Er sieht den Namen Fritsche auf dem Display aufglimmen. Aufgrund berechtigter Vorwände ist er nicht geneigt, sogleich auf Brüsehafers vehementes Drängen zu reagieren. Ihr Tonfall indes wird drohender, der Mann gleichsam ratloser. Er unterbricht das Gespräch, woraufhin ein anderer Polizist sich der Sache annimmt, der die nächst verfügbare Streife sowie einen Rettungswagen in den Daxlander Teerosenweg 10 beordert.

Nach rund 15 Minuten kommt ein Auto der Lahrburger Stadtstreife vor der Villa Brüsehafer zum Stillstand. Zwei Polizisten in olivfarbenen Uniformen entsteigen dem Gefährt. Freundlicher Mienen tippen sie sich an das Mützenband, ziehen die Dienstausweise und stellen sich ihr als Wachtmeister Oliver Kern und Magnus Gutjahr vor. Sogleich verlangen sie den vermeintlich Leblosen zu sehen; sie seien über die näheren Umstände von der Bereitschaft in Kenntnis gesetzt worden. Marion führt die beiden hinunter zum Hobbyraum, den sie wohlweislich bis zur Ankunft der Ordnungshüter verschlossen gehalten hat. Als sie das Türblatt aufschwenkt und verdattert ins Innere blickt, verliert ihr Gesicht die vormals rosige Farbe. Die Dame des Hauses droht in sich zusammenzusinken. Kern und Gutjahr reagieren in jäher Geistesgegenwart. Sie greifen ihr unter die Arme; im Wohnzimmer Fritsche wird ein Kanapee ausfindig gemacht, worauf sie Frau Brüsehafer betten und zudecken. Aufmerksam schauen sich die Beamten in sämtliche Richtungen um. Kern guckt in alle Ecken, hinter alle Vorhänge und auf alle Schränke. Gutjahr zieht einen Protokollbogen aus seiner Jacke und verfasst zu seinen Feststellungen einige Zeilen Text. Nachdem Marion Brüsehafer ihr Bewusstsein wiedererlangt und auch das von den Männern bereitgestellte Glas Leitungswasser getrunken hat, begreift sie die Situation.

»Tut mir Leid, meine Herren!«, stammelt die Benommene, »eine vegetative Schwäche meinerseits. Ich habe niedrigen Blutdruck.«

»Das geht schon in Ordnung«, versichert Oliver Kern - Magnus Gutjahr nickt. Die Streipos registrieren ihre Erholung, was sie einerseits veranlasst, die Nothilfe zurückzuschicken, zum anderen, ihre Unterschrift auf dem Protokollbogen einzuholen, um damit das Ende des Einsatzes anzuzeigen.

»Sie können mich doch nicht einfach hier so sitzen lassen!«, klingt es klagend aus ihrem Mund. Die Polizisten wechseln einen Blick. Sie sehen keinen Grund für einen längeren Aufenthalt.

»Wir können Ihren Ehemann in der Firma benachrichtigen, wenn Sie das wünschen, Frau Fritsche.« Der Wachmann, der das sagt, bekommt sogleich einen Stoß vom Handrücken seines Kollegen in die Seite.

»Äh, Frau Brüsehafer! Ich bitte um Entschuldigung! Soweit sich Herr Fritsche nicht zurückmeldet, gibt es für uns hier nichts mehr zu tun. Ihre Personalien haben wir aufgenommen. Der vermeintlich Tote ist nicht vorhanden. Wir werden uns so lange in Geduld fassen müssen, bis er wieder in Erscheinung tritt. Wir können gern eine Vermisstenanzeige aufnehmen, wenn Sie das wünschen.«

Obwohl sie es nicht einsieht, dass die Polizisten einfach von dannen ziehen, so begreift sie doch die Unersprießlichkeit ihres Flehens. Ihr Vater ist schließlich in der Tat spurlos verschwunden.

»Auf Wiedersehen, Frau Brüsehafer! Melden Sie sich bitte, wenn sich Neuigkeiten ergeben sollten! Und bleiben Sie bitte sitzen, wir finden den Ausgang allein!« Gutjahr und Kern ziehen ihre Mützen und stolzieren zur Tür hinaus.

Was die beiden Männer sagen, ist ja völlig richtig, findet Marion Brüsehafer. Doch was nützt mir das hier und jetzt? Sie fühlt sich von ihrem Vater an der Nase herumgeführt. Wo denn nur meine Mutter so lange bleibt? Währenddessen sie noch über ihren Verbleib rätselt, steuert Eleonore Fritsche mit den Händen voller Sträuße frisch gerupfter Kräuter vom Garten aus direkt in die Küche.

»No, ja. Also, dann!«, ruft sie beim Anblick ihrer Tochter. Die Bündel breitet sie auf einer mit Löchern versehenen Ablage im Spülbecken aus. In Marions Miene malt sich ein mitleidiger Blick. ›Der zuständige Facharzt hat bei Mutter Demenz festgestellt. Darum muss man ihr mit Geduld begegnen, einfach nachsichtig sein.‹

»Kannst alles machen, kannste!«, hört sie die Seniorin beipflichten, obwohl sich Marion keiner diesbezüglichen Äußerung bewusst ist. Die Botschaft, dass sie ihren Vater vermisst, und dass sie vermutet, dass es mitnichten heilsam um ihn steht (Marion vermeidet sicherheitshalber das Wort ›tot‹), nimmt Eleonore ohne besondere Reaktion zur Kenntnis. Blätter des Thymians mit Fingern von den Halmen zupfend, äußert sie lapidar, dass Opa, wie man ihn halt kennt, höchstwahrscheinlich einen Ausflug ins Lokal Jägersrast am Wanderweg unternommen hat. Marion Brüsehafer nimmt das wider besseren Wissens hin. Trotzdem telefoniert sie mit dem Wirt namens Diegbert Edelmayer, der vom Stimmklang her auf Alkoholgenuss schließen lassend, die Präsenz von Herrn Fritsche in seinem Lokal unsicher, doch letztlich ohne Umschweife bestätigt. Den Beweis dafür lässt er allerdings offen. Die Bitte, ihren Vater für eine Minute an den Apparat zu holen, ignoriert er lax. Sie hört Restaurantgeräusche im Hintergrund, wenig später wird die Verbindung unterbrochen.

Den Termin beim Tierarzt hat Marion aufgrund ihrer Wut gegenüber Herrn Edelmeyer völlig vergessen. Der Hund ist voll und ganz ihrer Wahrnehmung entschwunden. Beim nächsten Augenaufschlag jedoch, als sich dieser in Eleonores Wohnstube muckst, fährt es ihr wieder in den Sinn. Sie wählt die Nummer der Tierarztpraxis Dr. Kolb. Nach einigen Künsten der Überredung bekommt sie sogar einen Ausweichtermin für heute in den Abendstunden. Der Vierbeiner streckt sich indes auf die Hundedecke unter Omas Tisch. Er schlummert verdrehter Augäpfel, so dass man das Weiße sieht, auf klaffendem abgeknickten Ohr.

Verwirrt von den Ereignissen stakst Marion treppauf in ihre Wohnung. Sie öffnet die Klappe der Hausbar, wählt aus Spirituosen wie Whisky, Slibowitz, Apfelkorn und anderen geistigen Getränken eine Flasche französischen Weinbrand aus. Sie schenkt sich ordentlich ein, trinkt davon einige Schlucke, woraufhin es ihr bald leichter ums Herz wird. Marion Brüsehafer spürt die angenehme Schärfe des Brandes im Magen. Die wonnige Seligkeit, die sich in ihrem Innern entfaltet, lässt sie das Glas ein zweites Mal füllen. Mit jedem Trunk scheint ihr die Welt versöhnlicher als zuvor. Sie sinkt in die Polster einer üppigen Ledergarnitur. Es vergehen Minuten, in denen sie in einer, ihre Zerwürfnisse lösenden, von allen Seiten wabernden Blase vor sich hin döst, bis sie, ihrer Wachheit beraubt, in eine hypnotische Schwere sinkt. Dann nickt sie sofort ein.

Etwa eine Stunde später schellt das Telefon. Marion hebt schwerfällig den Hörer ab und klemmt ihn sich hinters Ohr.

»Ja?!«

Am anderen Ende der Leitung offeriert sich die Sprechstundenhilfe der Tierarztpraxis Dr. Kolb.

»Hallo, Frau Brüsehafer! Sie können übermorgen einen Termin haben, wenn es Ihnen recht ist.« Die Frau spricht freundlich aber unduldsam, da der eigentliche Termin bereits seit einer Stunde verstrichen ist. Trotz Benommenheit begreift die andere sofort, worum es geht. Ihre geschwollenen Stimmbänder reagieren auf die willentliche Anforderung nur zögerlich.

»Nein, das ist viel zu spät!«, presst sie heraus. »Der Håkan tänzelt wie auf glühenden Kohlen. Er tyrannisiert mit seinem Geheul die gesamte Familie. Er muss unter allen Umständen zu Ihnen in die Praxis. Auf jeden Fall! Heute noch! Bitte!«, krächzt sie rau.

»Ja, aber ...«

Mit so viel Nachdruck hat die Sprechstundenhilfe nicht gerechnet. Nach einem Moment der Wortlosigkeit auf beiden Seiten übernimmt Helmward Kolb das Gespräch.

»Hallo, Frau Brüsehafer! Sie müssen auf der Stelle mit Ihrem Tier in die Praxis kommen, da ansonsten für heute in der Tat nichts mehr zu machen ist!«

Marion haucht erleichtert: »Okay, danke! Bis gleich!«

Sie schiebt den Hörer in die Ladestation. Ohne Fisimatenten reißt sie den ›Kameraden‹ aus seinem Hundetraum, führt ihn an strammer Leine bis ins Heckabteil ihres Wagens. Dann lässt sie den Schlag zufallen.

3.

Caspar Brüsehafer lächelt wissend, als sein Blick über die Rücken einiger Fotoalben streift. Seine Studentenjahre. Das waren die Besten. Er erkennt sich beim Aufblättern der ersten Bilder, seine Augen glänzen vor Freude. Er erinnert sich: Studierende der Fakultät Lebensmitteltechnik haben skurrile Experimente durchgezogen, so dass man von Glück reden kann, dass niemand einer Vergiftung zum Opfer gefallen ist. Doch ist es zum Schluss ganz anders gekommen. Brüsehafers Krauttopf mit Rauchfleisch kennt heute in Lahrburg jedes Kind, resümiert der gemachte Ingenieur nicht ohne Stolz. Er sieht sich auf Farbaufnahmen als Studierender des dritten Semesters, platziert hinter dem Tresen der kommunalen Suppentheke. Die Leute (auch junge Frauen) hängen mit begierigen Blicken an dem attraktiven Magier der Kochkünste, der die Zubereitung einer von ihm kreierten Krautpfanne mit geräuchertem Rindfleisch und Speckzwiebeln in Art einer Show zelebriert und freimütig austeilt, bis es keiner schafft mehr davon zu essen.

Man wird satt und geht. Aber die Erinnerung bleibt. Woher zu diesem Zeitpunkt sowohl das Rezept als auch die geldlichen Mittel für den Auftritt stammen, bleibt sein Geheimnis. Das Lahrburger Amt für Soziales zeigt sich offen für seine Initiative. Der Krauttopf wird in der Armenküche bald zu einer Regelmäßigkeit und Caspar Brüsehafer ein Held. Doch damit nicht genug. Brüsehafer versteht es stets, herzergreifende Anekdoten um seine Aktionen zu ranken. Bei Empfängen, Großhochzeiten, VIP-Partys und dergleichen, waltet Herr Brüsehafer als versierter Küchenmeister und Geschichtenerzähler, gern arrangiert mit Varieté, Autorenlesungen, Streicherquintett. Doch der wahre Mythos bleibt stets er selbst, denn so sieht er sich am liebsten: Der karitative Student und Food-Designer im Schlaglicht der Öffentlichkeit. Caspar Brüsehafer weiß um seine Lorbeeren und es erfüllt ihn mit berechtigter Zufriedenheit.

Er blättert in den Seiten des Fotoalbums und strahlt dabei. Günstige Umstände kommen im Verlauf der Ereignisse an einem bestimmten Punkt zusammen, als der Examinand in Lahrburg bekannt wird wie ein bunter Hund und es bleibt, bis an den heutigen Tag.

Zum einen verfügt Caspar über eine bekannte Rezeptsammlung für Suppen und Eintöpfe. Doch wie explizit jener namhaft gewordene Brüsehafers Krauttopf mit Rauchfleisch anzurichten ist, bleibt nach wie vor geheim, für unbestimmte Zeit, vergleichbar mit großartigen Kompositionen wie C'C' Cola, deren genaue Zusammensetzung nicht publik gemacht werden darf, was den hoch geschätzten Speisen eine Note verleiht, die man insbesondere schmeckt, wenn man nicht um die betreffenden Umstände weiß.

Der Lebensmitteltechnik-Studierende mit dem merkwürdigen Namen teilt seinen Eintopf gern persönlich und natürlich kostenlos vor allem an mittellose Leute aus. Die örtliche Suppentheke, ein soziales Lahrburger Projekt, profitiert von seiner selbstlosen Initiative. Caspar Brüsehafer wird infolge seines gesellschaftlichen Engagements in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen. Seine wohltätige Einsatzfreude (wie es die Lahrburger gern nennen) steigert die Beliebtheit des einstweilen zum Führer eines mittelständischen Unternehmens avancierten Ingenieurs enorm, was seine Nominierung zum Bürgermeister zur Folge hat.

Brüsehafer fühlt sich geehrt, erklärt aber, dass er lediglich ein Geschäftsmann mit karitativer Fußnote sei und sich nichts aus Kommunalpolitik mache. Die Suppentheke, einschließlich der darin vorkommenden Menschen seien sein Steckenpferd und nichts darüber hinaus.

Inzwischen ist Brüsehafers Krauttopf mit Rauchfleisch auch eine touristische Attraktion geworden. Der Besucher der Stadt wird über Reiseführer auf die Spezialität hingewiesen, eine Visite der kommunalen Suppentheke wärmstens empfohlen. Der steigende Bedarf nach freier Kost a la Brüsehafer macht es irgendwann erforderlich, die Austeilung über das Sozialamt in Form von Zuteilungscoupons zu organisieren. Bedürftige Bezieher bekommen sie monatlich in Form einer Sammelkarte im Rahmen ihrer Unterstützung ausgehändigt. Diese Restriktion ist nötig geworden, um den vorzeigbaren sozialen Charakter des Brüsehaferschen Engagements nicht zu unterminieren, wohingegen von Reisenden und anderen ›Unbedürftigen‹ im Gegenzug saftige Preise abverlangt werden. Der industrielle Vertrieb des Eintopfes, den mittlerweile auch Imbissketten beziehen, entwickelt sich für den Chef zu einem stabilen wirtschaftlichen Standbein.

Doch was soll nun werden, fragt sich Caspar Brüsehafer zu Recht. Über 36 Stunden sind bis jetzt vergangen. Sein Schwiegervater Eusebius der Fromme (wovon man in der Praxis allerdings nicht viel spürt), sein Lehrmeister, dem er ebenfalls diese tolle Karriere verdankt, hat sich von seiner Exkursion noch nicht zurück gemeldet.

Bis zum Morgen des folgenden Tages gibt der Rentner Eusebius Fritsche kein noch so geringes Zeichen von sich, als dass es in den Gemütern ein wenig Hoffnung verströmt. Nach einem anstrengenden Arbeitstag erkundigen sich Marion und Caspar bei den Bewohnern im Ort nach seinem möglichen Verbleib, doch streuen die Resultate in alle Richtungen. Man kann nicht einmal genau bestimmen, wer von den Leuten Eusebius zuletzt gesehen hat, da sich der Meister in der Regel randomisierend, das heißt, mit x-beliebigem Ziel innerhalb der Kommune bewegt. Dabei kümmert er sich um niemanden und nichts. Überall, wo er Leute kennt, erscheint er wie Phönix aus der Asche und wenn er ein oder zwei Schnäpse für lau zu sich genommen hat, verschwindet er ins Ungewisse. Jene Anrainer, die das betrifft, wissen zur Genüge um sein Gebaren und sind darauf eingestellt. Das Ehepaar Brüsehafer kennt mittlerweile die meisten seiner favorisierten Adressen. Anhand dieser versuchen sie eine, für den besagten Tag denkbare Laufroute zu verifizieren. Am Ende aller Nachforschungen gelangen Marion und Caspar jedoch stets zum selben geografischen Punkt: Eine idyllisch gelegene Waldschänke namens Jägersrast am Wanderweg. Großvater Fritsche hat bei seinen Spaziergängen ins Blaue selten den Besuch der Destille ausgelassen. Das weiß Gastwirt Diegbert Edelmayer zu berichten, der den Brüsehafers bei ihrer Suche auch nicht weiterhelfen kann.

4.

Caspar Brüsehafer legt das Journal vom 15-jährigen Firmenjubiläum auf die rechte Seite der Schreibplatte. Man hätte den Einband der Dokumentation wie auch das Layout professioneller gestalten können, befindet der Chef zu Recht. Zum gebührenden ›Silbernen‹ wird er im Vorfeld auf solche Formalitäten zu achten haben. Doch so wenig er auch will, ist der Geschäftsführer mit der anderen Hälfte seines Gehirns weitab von alledem entfernt. Er kann das Fortbleiben seines Schwiegervaters aus dem Kreis der Großfamilie von seinem Standpunkt aus einfach nicht nachvollziehen. Möglicherweise ist er tatsächlich gestorben, bloß dann würde er substanziell irgendwie und irgendwo ja noch vorhanden sein. Es wäre ungerecht, seiner Frau Marion gegenüber, die ihn kürzlich im Seins- beziehungsweise Nicht-Seins-Zustand gesehen haben will, sich das Verschwinden aber gleichfalls nicht erklären kann, einen Vorwurf zu machen, da sie sich sorgt um ihn bis zur Selbstaufgabe. Brüsehafer glaubt zu wissen, dass sich seine Schwiegereltern wohl fühlen unter dem gemeinsamen Dach. Die Senioren genießen den geregelten Altersruhestand. Im wohnlich gemachten Kellergeschoss der Villa beginnen sie sich ihrem Geschäftsalltag zu entwöhnen. Sowohl lange Werktage als auch intensive Arbeitswochenenden haben in der Vergangenheit an feierabendlicher Freizeit gezehrt, so dass beiden nie viel Muße für persönliche Gespräche geblieben ist. Das ändert sich nun mit ihrem zeitgleichen Eintritt in das gemeinsame Rentenalter, sagt sich der Chef, der denkt, dass damit alles zum Besten bestellt sei. Seit jenem Umbruch haben Eleonore und Eusebius jedoch die permanente Anwesenheit des jeweils anderen auf begrenztem Raum zu dulden und zu akzeptieren. Dass das Paar ein sehr temperamentvolles Wesen besitzt und von jeher ein von Konflikten gesäumtes Leben führt, ist Caspar Brüsehafer bewusst. Eleonore und Eusebius haben oft Streit, der sich, nachdem er aufflammt, auch recht schnell wieder schlichtet. Bereits früh am Morgen sind aus dem Kellergeschoss aufgebrachte Stimmen zu hören, was über den Vormittag hin oszilliert, bis der Schwiegervater seine alltägliche Tour antritt. Für Marion und Caspar Brüsehafer hat es sich nie wirklich geklärt, worum es bei den Meinungsverschiedenheiten der Eltern geht. Sie versuchen sich in das Wesen der alten Leute hinein zu versetzen, worin sie es im Ergebnis als förderlich ansehen, dass Reibungspunkte seniler Koexistenz aktiv gelebt werden müssen, um mit fortschreitendem Alter aktiv zu bleiben. Doch diese Erklärung ist lax und bei weitem nicht erschöpfend, geschweige denn heilsam, da man sich außerstande sieht, über die konkreten Verhältnisse sich ein Bild zu machen. Dem Ganzen bleibt ein herber Beigeschmack. Die Brüsehafers sind beileibe keine Psychologen, doch auch als Laien sich darüber im Klaren, dass der ungehobelte Umgang der Alten miteinander nicht von Dauer sein sollte. Eleonore Fritsche leidet an Demenz. Zwar unterzieht sie sich einer Therapie, die ihr jedoch nicht zu ehemaliger Gesundheit zurückverhelfen kann. Ihr Ehemann Eusebius, ein gestandener Trinker vor dem Herrn, begreift immerhin, dass ihre schwindende geistige Präsenz sie willfähriger ihm gegenüber macht, was ja nur von Vorteil sein kann. Zu jeder Zeit seines Lebens, die ihn der wörtlichen Rede befähigt, ist Eusebius Fritsche ein großartiger Erzähler gewesen. Mit Begeisterung erfindet er haarsträubende Geschichten, um sich vor Leuten interessant zu machen und wenn es richtig zur Sache geht, steigert er sich hinein in sein Rollenspiel, bis ihm die Kräfte schwinden und er schließlich den Faden verliert. Betreffende, die diese Charaktereigenschaft kennen, wissen um den geringen Ernst seiner Schwadronaden, sie lassen es ihn aber aus Diplomatie nicht spüren. Fritsche hingegen, meist wachsam genug, die Heuchelei zu durchschauen, was seinerseits oft in einem Wutanfall endet, entfernt sich barschen Wortes aus der Runde, um Kurs auf ein Ziel zu nehmen, wo die Show von neuem beginnt. In der Regel marschiert er dann in das Lokal Jägersrast am Wanderweg. Dort stärkt er sich allenthalben, nimmt einige Halbliter Lahrburger Leutnantspils in Einheit mit jeweils einem Kornbrand zu sich. Er redet lauthals auf wildfremde Menschen ein, denen er Bier und Schnaps spendiert, was stundenlang so gehen kann, bis ihm das Stehvermögen schwindet und er hiernach auf verschiedene Weise gen Heimat fortgeschafft wird. Seine Frau Eleonore befindet sich zu solchen Zeitpunkten oft in der Wohnung, erwartet ihn aber nicht mit ernsthafter Sorge, denn bisher hat die Trinkerei Eusebius noch nicht auf der Strecke gelassen. Die stämmige Mittsiebzigerin, mit der er seit 43 Jahren verheiratet ist, kennt die wichtigsten Eigenarten ihres Gatten seit geraumer Zeit und zur Genüge, nur findet sie, dass sich diese mit fortschreitendem Alter problematisch entwickelt haben. Sie ist sogar der Ansicht, dass sich parallel zu seiner Zerstreuung eine beginnende Aggressivität in seinem Wesen manifestiert hat. Eigentlich mag sie ja ihren Mann, einschließlich seiner Exzesse. Im Grunde ist Eleonore selbst gern dabei, Sprüche a la Eusebius in der Öffentlichkeit zu klopfen, doch erreicht sie nicht annähernd seine Begabung. Mangels geistiger Wendigkeit verfällt sie schnell in Stereotype. Was bei ihr nicht klappen will, wirft sie ihm im Umkehrschluss als Kritik vor. Fritsche muss sich unter anderem anhören, dass sie sein Verhalten gegenüber Fremden blamabel findet, und dass er im Grunde doch ein ehrbarer Mann sei, der Anbiederung nicht nötig habe. Eusebius Fritsche kümmert das nicht, weil er meint, dass seine Alte ohnehin eine Schraube locker hat.

So muss es kommen, dass Eleonore Fritsche sich ängstigt vor ihrem Ehemann. Seine unberechenbaren, zumeist mit spontanen Wutausbrüchen verbundenen Launen flößen ihr Furcht ein. Ihre minderen intellektuellen Kräfte ausnutzend, versteckt er schon mal in aller Bösartigkeit das Fernsehprogramm hinterm Schrank, ihre Pantoffeln in der Hausbar, das Kreuzworträtsel unter der Hundedecke. Oder er zieht einfach das Telefonkabel aus der Fernmeldedose, was eine seiner ärgsten Niederträchtigkeiten ihr gegenüber bedeutet. Für Eleonore ist es hingegen stets aufregend, wenn sie telefonieren kann. Insbesondere wenn eine Frau namens Annegret Siebenhüner anruft, um ihren Besuch im Teerosenweg zu avisieren. Frau Siebenhüner ist eine befreundete Altenpflegerin aus der ferneren Nachbarschaft. Sie erscheint an drei Tagen die Woche, führt Gespräche mit Eleonore, vollführt heilsame Kunsttherapien und sie prüft die Einhaltung der Medikation anhand ärztlicher Vorgaben. Nach getaner Alltagsunterstützung entspannen sich die Damen, je nach Möglichkeit, bei Kaffee und Kuchen unter der Markise der Gartenschaukel. Kaum dort angekommen und ins Kaffeekränzchen gestartet, schwafeln sie miteinander zusammenhangsloses, für Uneingeweihte schwer verständliches Zeug. Genau in diesem Sachverhalt sieht Gevatter Eusebius einen Affront gegen seine Person und damit einen Grund für Ressentiments gegenüber der Altenpflegerin Annegret Siebenhüner. Er hasst derartig geheimniskrämerische Kumpaneien, angesichts derer er sich sträflichst ignoriert und an den Rand gestellt vorkommt. Da hat es auch keinen Zweck ihm zu erklären, dass Annegret Siebenhüner eine Therapeutin ist, und dass sie für ihren Dienst auch bezahlt wird. Eusebius Fritsche will den Sinn von Kunsttherapie nicht begreifen müssen. Mürrisch dreht er seine Runden im Garten, wenn Frau Siebenhüner vor Ort souverän ihre Heilkünste zelebriert. Am meisten bringt es ihn jedoch in Rage, wenn er nicht wissen kann, worüber sich die beiden Frauen so dringend auszutauschen haben. Für Fritsche ist es ein immenses Rätsel, wie man überhaupt so wirr dareinlabern kann wie die beiden Schicksen.

»Wenn das Therapie sein soll, will ich Arnold Schwarzenegger heißen«, ereifert sich der Alte, der sich Frack, Stock und Melone greift und sich brüsken Wortes entfernt.

5.

Auch im Verlauf des zweiten Tages seiner Abwesenheit lässt Eusebius Fritsche die Welt über seinen Verbleib im Unklaren. Nach endlosen Diskussionen über das Thema liegen die Nerven der Sippe blank. So sehr sie sich auch um Abstand bemüht, Marion Brüsehafer kann das Erlebnis im Hobbyraum nicht ausblenden, geschweige denn ignorieren, so als sei von alledem nichts geschehen. Der letzte Anblick ihres Vaters hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, sie bis in ihre Träume verfolgt.

Am späten Nachmittag eines übrig durchlittenen Tages wendet sie sich telefonisch an die örtliche Polizeidienststelle. Wachmann Eduard Pommereit hört den Namen Brüsehafer, zieht die Brauen dicht und schürzt die Lippen. Ohne lange zu überlegen, stellt er den Anruf ins Kommissariat durch. Dort, am anderen Ende der Leitung, nimmt jedoch in diesem Augenblick niemand das Gespräch an. Marion Brüsehafer redet ohne Punkt und Komma auf Wachmann Pommereit ein. Als dieser im Gestus einer vagen Ausflucht sich aus der Verbindung zurücknehmen will, stellt sie ihm ultimativ klar, dass sie unter Androhung rechtlicher Schritte unverzüglich den ermittelnden Hauptkommissar oder seinen Vertreter zu sprechen wünscht. Ihren Missmut bedenkend, sucht Pommereit beflissen nach einer Lösung. Inspektor Peter Borgwaldt vom Dezernat für Eigentums- und Wirtschaftskriminalität, zu welchem er sie verbindet, ist glücklicherweise in seinem Büro zugegen. Stellvertretend für Kommissar Brozio den Fall aufnehmend, versichert er ihr, sobald als möglich, mit dem leitenden Ermittler einen Kontakt für sie zu arrangieren. Marion Brüsehafer verlässt sich jedoch auch darauf nicht. Sie gibt so lange keine Ruhe, bis sie Herrn Brozio noch am selben Tag, aber Stunden später an die Strippe bekommt. Anstatt gelassen seinen Feierabend anzugehen, hält sich der Kommissar im Anschluss an das Telefonat für ein gemeinsames Gespräch in seinem Zimmer für sie bereit.

Nachdem Marion Brüsehafer ihren silbergrauen Mercedes CLK-Zweisitzer auf dem Parkplatz der Polizeihauptwache Lahrburg Murathal abgestellt hat, läuft sie den Rest des Weges bis ins Gebäude zu Fuß. Sie passiert einen, ihr hinter der Glasscheibe zunickenden Wachmann. Bekleidet mit Pumps und fliederfarbenem Kostüm, umweht von einer Aura der berühmtesten Düfte dieser Welt, bewegt sie sich entlang an Türen mit Namens- und Dienstgradbezeichnungen bis ins Zentrum der örtlichen Verbrechensaufklärung.