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Der Führer eines pharmazeutischen Unternehmens wird von seinem Vertreter mittels einer Giftpille ermordet. Das Corpus delicti findet sich jedoch postmortal wieder am Tatort an. Es gerät in die falschen Hände. Ein irrwitziger Kampf um die Pfründe des Konzerns setzt ein. Ein komplizierter Fall für das Ermittlerteam um Kommissar Brozio, dessen Aufklärung Kriminalassistent Nüchterlein beinahe das Leben kostet.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Arne Siegel
Gift ohne Funktion
Krimi schräg (3)
Roman
Über das Buch:
Der Führer eines pharmazeutischen Unternehmens wird von seinem Vertreter mittels einer Giftpille ermordet. Das Corpus delicti findet sich jedoch postmortal wieder am Tatort an. Es gerät in die falschen Hände. Ein irrwitziger Kampf um die Pfründe des Konzerns setzt ein. Ein komplizierter Fall für das Ermittlerteam um Kommissar Brozio, dessen Aufklärung Kriminalassistent Nüchterlein beinahe das Leben kostet.
Tags: Giftpille, Amphetamin, Probanden, Punktierwaffe, Digoxin, Schwulencafe, Explosion, Millionenerbe
Der Autor:
Arne Siegel, geboren 1962 in Dresden, ist Bautechniker, ursprünglich gelernter Zimmerer. Nachdem er sich für zwei Jahrzehnte als Unternehmer betätigt hat, entdeckt er seine Begeisterung für das Schreiben. Der Autor lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Anmerkung:
Obwohl alle meine Geschichten der Fantasie entsprungen sind, so basieren sie zum Teil doch auf eigenen Erlebnissen. Insofern sind Ähnlichkeiten mit vorhandenen Personen, Institutionen oder Firmen, die es in der Realität gibt nicht immer zu vermeiden. Dennoch bedeutet es, dass keine derselben, die darin vorkommen, in der Wirklichkeit existieren.
A. S.
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1.
Hieronimus Kortzak befindet sich nervlich gesehen in einem Grenzzustand. Bebender Finger krampft er ins Steuer, versucht mittels eigenwilliger Lenkbewegungen seinen VOLVO V70 Dienstwagen auf Kurs zu halten. Besonnen reagierende Verkehrsteilnehmer, die ihm entgegen fahren, registrieren den indifferenten Kurs des Handelsreisenden; sie dirigieren ihr Gefährt achtsam, weil sie glauben, er sei betrunken.
Seit seiner Verkaufsfahrt in die Paracelsusklinik zeigt sich der Vertreter der XAXAL Pharma Lahrburg außerordentlich beunruhigt, denn was er dort erlebt hat, ist für sein Ermessen nicht mehr zu begreifen. Er vermeint, in seiner 8-jährigen Berufslaufbahn als Arzneimittelhändler jenes namhaften Unternehmens, sei ihm Derartiges noch nicht unterlaufen und er befürchtet, aus einem nur mit Feinsinn wahrnehmbaren Bauchgefühl heraus, dass es ihm erneut passieren könnte. Im Krankenhaus an der Mura, dem größten Abnehmer seines Niederlassungsbezirks, würde dies vermutlich sein berufliches Ende bedeuten, wenn es erneut vorkäme.
Der Sachverhalt: Eine leblose weiße Maus, womöglich ein Versuchstier der XAXAL-Forschung, lagert in mumifiziertem Zustand zwischen Blistern, Röhrchen, Fässchen; fein säuberlich in Versandschachteln verpackt und verschweißt. Kortzak ist sich nicht sicher, was in einem solchen Fall zu tun wäre. In der Paracelsusklinik hat er das Tier rechtzeitig, eher einem Reflex als dem Verstand gehorchend, wie eine gezinkte Karte im Ärmel verschwinden lassen, aber ob es ihm beim nächsten Verkaufsabschluss ebenso gekonnt gelänge, bleibt ungewiss.
Eins scheint in jedem Fall klar: Ein Fortgang derartiger Ereignisse wäre höchst fatal für den Branchenprimus und um sämtliche Packungen auf unbefugte Einlagerungen zu überprüfen, dafür fehlt im Geschäftsgespräch einfach die nötige Zeit. An Pillenschachteln vorher zu schnuppern, bevor er sie anböte, ist Hieronimus' geniale, wenngleich unsinnige Idee, die sich schon deswegen nicht praktizieren lässt, weil die betreffenden Kartonagen von Geruch abschirmenden Folien überzogen sind, was allerdings eine andere bedeutsame Schlussfolgerung für Kortzak zulässt: Niemand anders kann den Vierbeiner labormäßig dehydriert und gemeinsam mit dem Präparat arrangiert haben, außer der Erzeuger selbst. Zwischen Herstellung und Verpackung erfolgt seines Wissens bei XAXAL kein Zwischenschritt. So schwer es Hieronimus Kortzak auch fällt - ein derart verseuchtes Produkt gilt als nicht verkaufbar - ohne Pardon müsste er seinem Chef über jene Kompromittierung eine aufrichtige Mitteilung machen. Es würfe ein abträgliches Licht auf seine Tätigkeit als Händler, obwohl er an dem Vorfall nicht die geringste Schuld trägt. Viel eher folgert er, dass es sich bei dieser Maßnahme um eine Aktion subversiver Elemente der ihn beauftragenden Firma handelt, die nicht unbedingt gegen seine Person gerichtet sein muss. Beispielsweise ist ihm bekannt, dass der XAXAL-Seniorchef Professor Dr. Adolf Johannes Klar in einem geheimen Labor Tierversuche für die Entwicklung eines zur Selbsttötung animierenden Präparats vornimmt. Es ist nicht prüfbar, was anschließend mit den armseligen Kreaturen passiert, die der Lotse dort zu Massen verbraucht.
Kortzak rauft sich zerstreut mit den Fingern durch den Scheitel. Dann tritt er, von einem inneren Impuls erweckt, vehement in die Pedalerie. Bremsbeläge packen bärenstark zu. Das Kreischen seiner radierenden Pneus wechselt sich mit dem Hornsignal der sich gestoppt sehenden Nachfolger. Inmitten des Kreuzungsbereichs kommt der Pharmareferent mit seinem V70 zum Stillstand. Er transpiriert, atmet tief und heftig, sucht sich gedanklich zu sammeln. Dann schlägt er die Räder in Fahrtrichtung ein. Die Verkehrsteilnehmer, die ihre Fortbewegungsmittel in ausreichender Distanz zu seinem Wagen angehalten haben, geben ihm per Lichtzeichen den Weg frei. Kortzak dankt es ihnen mit einem Wink. Er entspannt die Bremse. Beim Antippen des Gaspedals setzt die Automatik dank sanftmütiger Leistungsentfaltung die Motorkräfte maßvoll in Bewegung um.
Hieronimus Kortzaks nächster Weg wird zu Ernst Unheilig, Inhaber der Apotheke am Weiher, nach Lahrburg Hainholt führen. Eine verzwickte Wegführung ist zu meistern, doch kennt der Vertreter sämtliche Verbindungen zu seinen Partnern aus dem Effeff, weshalb er der agitierenden Stimme des GPS-Navigationsgerätes ein striktes Redeverbot erteilt hat.
Nach 40 zeitzehrenden Minuten Dienstreise im automobilen Pendlerpulk, der sich über den, von Baustellen gespickten Außenring peristaltisch vorwärts quetscht, sitzt Hieronimus sodann im Büro der Apotheke am Weiher auf dem gleichen Rattanstuhl wie stets und bietet dem Filialisten neue wie alte Angebote feil. Beide Geschäftspartner sind sich seit Jahren persönlich bekannt. Ernst Unheilig hat sämtliche Schmerzmittel auf unbegrenzte Dauer gelistet und ist damit zum protegierten XAXAL-Treuepartner aufgestiegen. Insofern kann sich Kortzak gegenüber Unheilig die meisten Erklärungen zur XAXAL-Firmenphilosophie sparen und zügig zur Sache kommen, wenn nicht die üble Geschichte mit der weißen Maus gewesen wäre.
»Also, wenn Ihnen etwas absonderlich vorkommt, Herr Unheilig, verständigen Sie mich bitte umgehend über mein Mobiltelefon«, bittet ihn der Versorger eindringlich.
»Und was sollte das Ihrer Meinung nach sein?«, will der Arzneihändler wissen.
»Na ja, wenn es aus einer Schachtel ungewöhnlich riecht, dann bitte nicht öffnen, sondern sofort an mich zurücksenden. Auf meine Kosten natürlich. Sie bekommen postwendend gebührenfreien Ersatz.«
»Herr Kortzak! Was sollen diese Andeutungen? Sagen Sie klipp und klar, was los ist!«
Der Vertreter von XAXAL Pharma wiegt den Kopf zur Seite und rollt bedenklich die Augäpfel. Dann berichtet er Ernst Unheilig in allen Einzelheiten von seinem befremdlichen Fund.
»Erzählen Sie bloß keinem Menschen davon, Herr Unheilig! Vielleicht bedeutet es ja eine Kampagne gegen Tierversuche oder ich werde aus einem Grund gemobbt, den ich selbst noch nicht kenne. Heute muss ich jedenfalls noch ins Krankenhaus an der Mura, die bestellten Beruhigungsmittel abliefern. So etwas wie in der Paracelsusklinik darf mir dort auf keinen Fall widerfahren, dann kann ich den Job gleich an den Nagel hängen. Wohl oder übel werde ich sämtliche Packungen vorher öffnen und genau inspizieren müssen.«
Nachdenklich zieht Ernst Unheilig die Brauen dicht und schürzt die Lippen. Nach knapper Betrachtung der Einzelheiten des Erzählten zum geschilderten Fall erwägt er dazu einen Kommentar.
»Man flüstert in der Branche, ein Führungswechsel stünde in der XAXAL-Zentrale an. Der Hauptgeschäftsführer, von seinen Leuten auch der Lotse genannt, hat mehrere Schlaganfälle zu verkraften gehabt. Er soll nicht mehr fähig sein, den Konzern geschäftlich sittsam und souverän zu führen. Sein wichtigster Gesellschafter und heiß gehandelter Nachfolger, ein Franzose, ist jedoch wegen mehrfach fahrlässiger Tötung bei der Fachwelt in Kritik geraten. Es würde, so hört man hinter vorgehaltener Hand, in Versuchslaboren an Stoffen geforscht, die höhere Lebewesen in die Selbstvernichtung trieben. Das, was Sie mir da berichten, Herr Kortzak, erstaunt mich daher nicht im Geringsten. Bei den Spannungen in der Unternehmensspitze hat nach meinem Dafürhalten das eine unbedingt etwas mit dem anderem zu tun.«
»Das ist sicher richtig, Herr Unheilig, aber was soll ich kleines Licht denn dagegen unternehmen? Ich habe außer meinem, noch drei Mäuler zu stopfen. Was die XAXAL-Alchimisten in ihren Kellern für Obszönitäten verzapfen, darauf kann ich keinen Einfluss nehmen. Irgendwie muss ich meine Brötchen ja schließlich verdienen.«
2.
In einem minder ausgestatteten Apartment des Hochhausbezirks Lahrburg Schlauroth führt der Akteur eine blinkende Faustwaffe der koreanischen Streitkräfte in ein Lederfutteral ein. Er hat sie geölt, justiert und unter speziellen Einsatzbedingungen geprüft. Es handelt sich dabei um ein so genanntes NAYAMA-Punktierkampfgerät, verwendet von Paramilitärs im Gefecht hinter den Frontlinien, bei direkter Feindberührung. Die heimtückische, in der hohlen Hand geführte Waffe, die lediglich wie ein Ring am Finger aussieht und daher vom Gegner als solche meist zu spät erkannt wird, ist bei Kämpfern in der Welt beliebt und gefürchtet, weil sie in der Praxis einen schnellen wie auch sicheren Tod bewirkt. Kein Mensch im Kiez kennt ihn unter dem Aspekt eines Partisanen, den stolzen Besitzer des NAYAMA und man weiß darum auch nichts über das potentielle Risiko, was von ihm und seinem todbringenden Instrument ausgeht.
Eine im Zimmer anwesende, jedoch um 22 Jahre jüngere Person, heischt durchdringenden Geschreis nach zärtlicher Zuwendung. Der Akteur, seit Jahren abhängig von Amphetaminen, gibt, so gut er es eben vermag, seinem Kind die Liebe, die es braucht.
Das laufende Fernsehprogramm bietet keine willkommene Ablenkung, die beide gleichermaßen interessieren könnte. Spielzeug für Kleinkinder sind öde, die für Fortgeschrittene jenem Geschöpf zu anspruchsvoll. Das Kleine weiß nicht, was ein NAYAMA ist und hält ihn deshalb für ein lustiges Ding. Einhergehend mit Protesten wird ihm das gefährliche Gerät mittels energischen Handgriffs entzogen. Das sich getäuscht sehende Wesen plärrt, was das Zeug hält. Um den Lärmpegel im Plattenbau moderat zu halten, wird es durch Zureichung eines gesüßten Schnullers vorübergehend ruhig gestellt.
Der Akteur hält sich das, in ein Futteral gebettete NAYAMA vors Auge und beäugt es mit saturiertem Blick. Bei einem ›Engagement‹ anno dazumal hat jenes ihm einen erfüllenden Dienst erwiesen. Die Zeiten haben sich geändert, die Kämpfe sind erloschen. Doch würde es sich so gestalten wie damals, müsste er den ›Koreaner‹ zumindest auf Abruf bereithalten. Der Akteur weiß genau, dass nur wenige Personen in seinem Umfeld, eine Elite sozusagen, im Umgang mit dem NAYAMA geschult sind. Ihm fällt auf Anhieb nur sein Meister Kiou Tsing ein, dessen Foto in einem Standrahmen ewigem Gedenken gemahnt. Bei seinem Anblick kommen ihm Erinnerungen an Zeiten, in denen er, als die gesellschaftlichen Umstände es erforderten, in zivilem Bereich als Guerilla gekämpft hat. Da und dort, vor allem bei hektischen Aufläufen politischer Extremisten in der Stadt haben sich so genannte Camouflage-Faustwaffen als durchaus sinnvoll erwiesen. Man sollte ja grundsätzlich von Exekutionen im ›Feld‹ absehen, aber einmal ist es unumgänglich gewesen, nämlich da, als Cockroach auf der Fascho-Demo mit Plastiksprengstoff hantiert hat. Das will keiner gesehen haben, aber es hat ihm am Ende nichts genützt. Ein NAYAMA-Kämpfer muss seine Augen überall haben.
Ein Punktierkampfgerät aus Asien zu importieren ist nicht besonders schwierig, da es vom Aussehen her an ein chirurgisches Instrument erinnert, was keinen Verdacht erregt, soweit es bei der Ausfuhr als ein solches deklariert wird. Dieser Vergleich ist nicht abwegig, da mittels des NAYAMA-Schlages, der zielgenau wie ein Fechthieb erfolgen muss, die Halsschlagader des Gegners perforiert, dabei scherenartig aufgeweitet, zumindest aber zur Seite gedrückt wird. Die Arterie platzt auf oder versagt bestenfalls ihre Funktion, indem ihr Querschnitt infolge Druck so stark verengt wird, dass es zu einer Unterversorgung des Gehirns kommt. Nach spätestens fünfzehn Sekunden erlischt die Gegenwehr. Ist eine Minute erreicht, werden geistige Schäden oder der Tod folgen.
Ein weiterer Vorteil eines NAYAMA gegenüber anderen Nahkampfinstrumenten besteht darin, dass ein Außenstehender nur schwer zu erfassen vermag, was sich interaktiv abspielt. Viele lassen sich täuschen und denken, man wolle jemanden retten, weil die Waffe, respektive ihre Auswirkung, als solche nicht sofort zu erkennen ist. Man hält den Gegner, nachdem man ihn mittels eines Karate-Griffs zu sich herangezogen hat, nach erfolgtem Treffer so lange in körperlichem Kontakt, bis er in Ohnmacht fällt. Allein die empfindliche Verwundung wird ihn zögern lassen, auch wenn er selbst einen NAYAMA führt. Präzision und Schnelligkeit sind in jedem Fall entscheidend.
In der Zwischenzeit haben sich die Themen, die das Fernsehen zu bieten hat, in Richtung ›ernsthaftes Abendprogramm‹ verbessert. Eine hinlänglich sehenswerte Dokumentation über die Verschrottung russischer Atom-U-Boote am Nordmeer setzt ein. Als wenig später das Telefon klingelt, stellt der Akteur mit Hilfe der Fernbedienung den Ton des TV-Geräts auf ›unhörbar‹. Behände langt er den Apparat aus der Station und drückt ihn sich aufs Ohr.
»Ja?!«
Eine bemessene Dauer der Wortlosigkeit folgt, in der man das Kleine im Schlaf röcheln hört.
»Morgen Abend, gegen 20.00 Uhr, ist das okay für dich?«
Übriges Schweigen schließt sich dem an.
»Machs gut! Ciao!«
Die Verbindung bricht ab. Der Hörer landet in der Ladestation. Im Programm von LTV1 wechselt der Dokumentarfilm mit einem Werbeblock.
3.
Hinter dem schmächtigen Mann mit dem schlohweißen Haar fällt die gedämmte Metalltür des XAXAL-Laborkellers rasselnd ins Schloss. Als Ruhe in sein Gehör zurückkehrt, vernimmt Professor Dr. Adolf Johannes Klar die verhaltene Sinfonie aus wahllos interferierenden Rhythmen, die ihn an wiegendes Sirren afrikanischer Zikadenschwärme erinnert. Zu gern vertieft er sich in die Klangkulisse rastloser Maschinerien, die endlose Reihen an Pillen in Blister setzen, Folien darauf prägen, in Streifen zerstanzen. Sie sind das Resultat langwieriger Forschungen, die anhand diffiziler Verknüpfungen an Wirkstoffen das Potenzial besitzen, Schmerzen zu lindern, Heilung zu initiieren. Sonst weiß der Professor nichts. Seit seinem Schlaganfall vor rund einem halben Jahr, sieht die Welt in seinen Augen verändert aus. Sie ist wie ein Film, der in seinem Bewusstsein abläuft, der keine Aussage mehr hat.
»Gott sei Dank, dass ich noch über ein Labor verfüge, in dem ich ungestört meinen Experimenten nachgehen kann«, murmelt er mit der Einfalt eines abgehalfterten Spezialisten, der den Kampf um die Spitze noch nicht aufgeben will. »Denn was wäre XAXAL heute ohne mein Streben für das, was alle Menschen eint: Das unerschütterliche Vertrauen in bunte Kapseln.«
Aus der Kitteltasche fummelt der Alte ein Bündel, bestehend aus Stofftaschentuch, Visitenkarten, Gummis, Büroklammern und einem Kugelschreiber mit XAXAL-Wappen heraus. Trüben Blickes die Einzelheiten sondierend, ertastet Klar einen silbrigen Schweizer Doppelbartschlüssel. Er öffnet die Pforte zum Seitengang; im Schimmer der Notbeleuchtung beschreitet er die Grundfesten seiner ›Burg‹, in deren Nähe er sich bodenständig und geborgen fühlt. Hier unten ist er nicht nur ungestört und eins mit sich und der Welt, in dieser Abgeschiedenheit schlummert auch sein persönliches Geheimnis. Kein Mensch außer ihm hat ihn je betreten, den Raum, den er ausnahmslos für spezielle Studien hergerichtet hat. An diesem verborgenen Ort des Imperiums laufen alle Stränge innovativer Forschung wie Nervenfasern in einem Gehirn zusammen.
Bebender Finger entsperrt er die Kodierung des elektronischen Tastenschlosses. Ohne einen Laut von sich zu geben, schwenkt der schwere Türflügel nach innen und rastet in die Halterung ein. Der Professor betätigt einen, auf dem Putz der Wand montierten Schalter. Knisternd zucken bläuliche Blitze im Gehäuse, Röhrenlicht flackert auf und illuminiert einen tristen Werkraum.
Er kneift die Lider zusammen und sieht in seinen Gedanken noch einmal Feona. Die Zeit seiner Dozentur an der Uni Lahrburg lebt als quirliges Bild in seinen Gedanken fort. Sieben Jahre hat er den Lehrstuhl innegehabt und es ist nach seinem Dafürhalten die schönste Phase seines Lebens gewesen. Eine rasante Epoche mit Kontakten zu jungen Menschen in einer impulsiven Stadt. Klar versucht das Bild an die dunkelhaarige Schönheit, die eine große Liebe in seinem Herzen hat keimen lassen, festzuhalten, bevor ihm auch diese ins Nichts entschwindet. Im Versuch, mit sich selbst über den Anlass seiner Kellervisite in einen geistigen Dialog zu treten, schreitet er zögerlich dem Refugium hinzu, doch blitzt in seinem Innern trotz mentaler Anstrengung kein, die Situation erhellender Gedanke mehr auf.
4.
Im selben Gebäude betritt zu abendlicher Stunde der Leiter der XAXAL Forschung Dr. Sigean Philipe Thibault ein pharmakologisches Labor. Wie stets ist er bekleidet mit weißem Kittel, Kappe und Mundschutz. Der größte Teil seiner Mitarbeiter befindet sich bereits auf dem Heimweg, lediglich zwei Leute überwachen Routinen, die der Auswertung der am Tag eingelesenen Daten dienen. Aufgrund der eintretenden Phase der Softwareaktualisierung würde der Pharmazeut vom Team nicht gebraucht und kann sich ab nun eigennützigen Zielen widmen. Dr. Thibaults Besuch gilt jedoch nicht allein fachlichem Interesse, wie man es an der Stätte der Forschung von seiner Präsenz schlechthin erwartete. Viel mehr will er ein persönliches Agens entwerfen, was nicht unter die Liste der Heilmittel fällt. Das Scheinmedikament soll bestehende Symptome insoweit verändern, dass trotz vermeintlicher Indikation das Lebensende als Folge der Krankheit glaubhaft erscheint. Für kurze Zeit wirkte das Präparat wie ein Gift, die Tötung als solche würde aber postmortal nicht nachweisbar sein. Es hat sich gezeigt, dass der geschäftsführende Seniorpartner den Konzern nicht aus eigener Kraft administrieren kann. Sein Gesundheitszustand hat sich bedenklich entwickelt - sein Ende, so nah es zuweilen scheint, lässt sich jedoch Weile. So fehlte nur ein winziger Auslöser, der ihm das existenzielle Finale bereitet. Letal soll das von Thibault kreierte Präparat auf jeden Fall wirken, jedoch bei einer Autopsie an Klars Leiche nicht nachweisbar sein. Es würde a priori Stoffe enthalten, die keinerlei Verdacht auf ein Verbrechen erregten, weil diese bereits in Klars Blut enthalten sind und es soll äußerlich wie originales Erzeugnis dessen aussehen, was er tagtäglich zu sich nimmt. Die digoxinbasierte Substanz seines Herzmittels, gewonnen aus dem giftigen Fingerhut, die heilsam gegen myocardiale Insuffizienz, in Überdosierung aber lebensgefährlich wirkt, würde für sein Vorhaben eine optimale Basis bieten. Dr. Sigean Philipe Thibault hat sich bereits entsprechende Reagenzien beschafft und notwendiges Datenmaterial dahingehend erstellt. Darüber hinaus wird er die Erzeugung des falschen Pharmazeutikums in das Programm der Entwicklung schmerzstillender Substanzen integrieren, als wäre es ein reeller Forschungsauftrag. Ab diesem Punkt, soweit er ihn denn erreichte, doch die Zeichen deuten alle darauf hin, würde es sich erweisen, ob die Nachhut der XAXAL nichtsdestoweniger auf ihren König verzichten kann. Von umstürzlerischen Gedanken getrieben, platziert sich Thibault vor einen Bildschirm. Er startet den Rechner und loggt sich über den Geheimcode in das System ein.
5.
Seine Augen gewöhnen sich allmählich an die intensive Beleuchtung. Stecknadelkopfgroße Pupillen stechen durch trübe Gläser einer abgegriffenen Nickelbrille. Eine aus gebürstetem Nirostablech bestehende, elektronisch gesicherte Pforte, die an eine Panzerschranktür erinnert, schließt sich hinter seinem Rücken mit metallischem Schnalzen. Daraufhin erwacht auf einem Tableau ein gelber Lichtpunkt zu munterem Blinken. Die Elektromechanik verbarrikadiert das Schloss, was ab jetzt jede weitere Bewegung des Flügels untersagt.
Der Alte wirft Blicke in alle Ecken und auf alle Schränke. Geraschel, was aus einem gläsernen Behältnis dringt, lässt ihn aufhorchen. Er rastet den Deckel aus der Halterung und späht ins Innere. Ein gutes Dutzend weißer Mäuse schießen kreuz und quer durch die Hobelspäne, so dass die Reagenzgläser in ihren Halterungen klirren. Der Professor begreift ihr Begehren. Er langt in die Ablage, zieht ein Gefäß hervor, entstöpselt es und lässt eine bemessene Menge Getreidekost in die Schale rieseln. Die Nager preschen darauf zu und zermalmen die Körner zwischen ihren winzigen Kiefern. Ruhiger Hand hebt er ein Tier heraus und betrachtet es prüfend. Es besitzt samtenes Fell und einen rotäugigen Blick. Der Metallring, der sich um das streichholzdünne Bein schließt, trägt in seiner Gravur die Kennzahl der Versuchsreihe. Bei dessen Anblick zieht der Wissenschaftler die Brauen zusammen und schürzt die Lippen. Die Bezeichnung gibt ihm keinerlei Denkanstoß, sich wenigstens an den Namen des Piepsers zu erinnern. Adolf Johannes Klar hat eine Vorliebe für römische Namen. So nennt er seine nacktschwänzigen Vierbeiner zum Beispiel Cäsar, Romulus oder Quintus. Und er verwendet die Namen unisex, nicht nur weil es belanglos für das Experiment wäre, Professor Klar sieht sich außerstande mit bloßem Auge das Geschlecht einer Maus zu bestimmen.
Bäuchlings lässt er das Pelzchen zurück in die Späne gleiten. Später versucht er die Menge der Tiere mit einem Blick zu erfassen, weil er findet, dass ihre Anzahl nicht mehr stimmte. Er verwirft seine Absicht angesichts deren Rastlosigkeit aber sogleich.
Fahrig hantiert Klar an Steckern herum. Er stöpselt sie ein und wieder aus, bis er denkt, die richtige Verbindung zustande gebracht zu haben, die er benötigt, um ein, auf der Arbeitsplatte befindliches Notebook zu starten. Leise rappelnder Festplatte erwacht das Gerät aus seinem Schlummer. Der Browser startet automatisch und loggt sich beim Provider ein. Auf dem Bildschirm, der sich fortan erhellt, öffnet sich die Startseite des Internet-Dienstleisters communet.com, gefolgt von einem Hinweis auf zwei eingegangene Nachrichten. Die Listenerste, welche Werbung enthält, erregt kein Aufsehen in den Augen des Seniors. Bei der Zweiten jedoch handelt es sich um eine Meldung unbekannter Herkunft. Adolf Johannes Klar spürt sofort ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Er versucht tief und gleichmäßig zu atmen. Für sein Ermessen sollte es die völlige Unmöglichkeit sein, von woher auch immer, elektronische Post auf seine E-Mail-Adresse zu erhalten. Er hat sie unter der Maßgabe strengster Geheimhaltung einzig für seine Zwecke eingerichtet. Insofern kann sie auch keinem Menschen außer ihm beziehungsweise communet.com bekannt sein, denn er behält die Zugangsdaten ausschließlich in seinem Gedächtnis parat. Der Professor reibt sich livide Lider. Dann schiebt er die Brille dicht auf die Nasenwurzel. Achtsamen Blickes peilt er in sämtliche Winkel des ihm matt ins Antlitz schimmernden Monitors. Dann durchfährt ihn ein Gefühl der Erleichterung. Niemand sonst, außer ihm selbst, hat jene Nachricht an sein elektronisches Postfach gesendet. Eine Vorsichtsmaßnahme aus Gründen strikter Diskretion. Im Anhang des darin enthaltenen belanglosen Textes sind neuste Resultate seiner bisherigen Forschungen gespeichert. Unverbesserlich Neugierigen, insbesondere Leuten der Firma, sollen diese Informationen unzugänglich bleiben, weswegen Klar die Dokumente ausschließlich an sich selbst verschickt. Hierbei ist das Wissen um das Passwort der definitive Schlüssel, die Daten zu dekodieren. Aus diesem Grund hat er eine Chiffre aus diffizilen Zeichenverknüpfungen entworfen, die er keinesfalls vergessen darf, was für ihn kaum zu leisten ist. Darum verwahrt er die Kombination in einem sicheren Versteck, was in seinen Augen für Fremde als nicht lokalisierbar gilt.
Professor Klar öffnet per Mausklick das Verzeichnis einer Fotogalerie. Er startet den Bildlauf - eine Serie, die er inzwischen auswendig kennt -, verfolgt Aufnahme für Aufnahme, um bei einer bestimmten Ablichtung der Reihe zu stoppen. Es handelt sich um einen gescannten Agfa-Farbabzug aus seiner Lehramtszeit an der Einstein-Universität, Lahrburg Hainholt. Sehnsuchtvoller Miene heftet sich sein Fokus auf das Porträt einer 27-jährigen Frau. Gelöst lächelnd blickt Feona Zentgraf, in dieser Zeit noch seine künftige Verlobte, vor azurblauem Urlaubshimmel in die Linse des Fotografen. 16 Jahre ist es her, dass er nach einer Vorlesung ihr zaghaft sich nähert und sie anspricht. Wie es genau abgelaufen ist, kann er heute nicht mehr sagen, aber es muss eine göttliche Fügung gewesen sein, dass er es gewagt hat, die brünette Schönheit vor aller Studenten Gewahr auf sich aufmerksam zu machen. In diesem Sommer, er vermerkt es nicht ohne Stolz, sind sie beide bereits 11 Jahre miteinander verheiratet. Er öffnet einen Ordner mit Familienfotos und schwelgt in Erinnerungen. Vor seinen Blicken wechseln sich die Bilder seines einzigen Kindes aus erster Ehe mit Duglore Zabakuk, eines fragilen Geschöpfs von vier Jahren mit dem Namen Amina Fabia. Dieser eigensinnige Sprössling ist der wunde Punkt in seinem bislang schillernden Unternehmerdasein. Zu seiner Tochter hat Klar ein gestörtes Verhältnis. Seit ihrer Volljährigkeit hat sie sich kategorisch von ihrem wohlhabenden Elternhaus und dessen finanziellen Segnungen abgekehrt, um sich in Studentenkommunen auf eigene Faust durchzuschlagen. Sie hat ein Jurastudium begonnen, es nach drei Semestern von sich aus beendet und den Beruf des Kaufmanns erlernt. Sie zieht in eine kärgliche Wohnung. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Bilanzbuchhalterin bei einer Steuerberatungsgesellschaft.
Vor zwei Jahren hat Amina Fabia Klar ein Mädchen namens Hafsa geboren. Echte Großvaterfreuden sind bei Adolf Johannes aber noch nicht aufgekommen. Kontakte zu Tochter und Enkeltochter sind spärlich gesät. Sie verbirgt das Baby mit Argwohn und Abscheu vor den Leuten. Es gibt keine Anzeichen auf Besserung und die Tatsache, dass sie der Familie die Identität des Vaters nicht preisgibt, nährt die ohnehin brodelnde Gerüchteküche um die XAXAL-Enkelin. Professor Klar verschmerzt diese Gegebenheiten eher schlecht als recht. In seiner Wut hat er einen Versuch unternommen, den wahrhaften Erzeuger seiner Enkeltochter genetisch zu verifizieren. Diese Bemühung ist allerdings ohne Erfolg geblieben.
6.
Von einem Laboranten seines Teams bekommt Sigean Philipe Thibault ein zierliches Glasröhrchen mit gelblichen Pillen in die Hand kredenzt. Die Menge und Qualität, so ermisst der Vize, dürften reichen, um seinen Seniorpartner, Professor Dr. Adolf Johannes Klar, zielstrebig und ohne Wiederkehr aus dem Leben zu befördern. Der ehrerbietig lächelnde Laborant mag sich gefragt haben, was für eine Testreihe den Posten fahlgelbe Dragees hervorgebracht haben könnte, doch will er sich nicht mit entbehrlichem Interesse unnötige Probleme bereiten. Die Belegschaft glaubt, dass alles mit lauteren Dingen zugeht, denkt Dr. Thibault, der sich freut, dass fertig geworden ist, was er bestellt hat und der sich zu diesem Zeitpunkt bereits als die Nummer 1 der Unternehmensführung begreift. Das Beschaffen der Etikettfolie und deren Verschweißen auf den Blisterstreifen müsse als finaler Part der Initiative noch in die Wege geleitet werden. Auf jeden Fall sollte es außerhalb des Hauses geschehen, um unliebsame Nachfragen zu vermeiden. Augenzwinkernd bedankt sich Sigean Philipe Thibault für den ihm erwiesenen Dienst und verschwindet scheu wie ein Dieb mit dem Corpus delicti durch die luftdichte Schleusentür in den Sterilisationsraum.
Nach dem Umziehen gibt er seine Laborkleidung in den Wäschekasten. Er wirft sich in edlen Zwirn. Das Röhrchen mit den Pillen lässt er in seine Hosentasche gleiten. Bis jetzt ist das Unterfangen fast mühelos gewesen, findet der Pharmazeut, und anscheinend ist es niemandem in den Sinn gekommen, die genaue Formel des applizierten Wirkstoffs zu hinterfragen. Und warum auch, wundert er sich zu Recht. Wozu ist man Leiter einer Forschungsstätte von Weltniveau, dessen Aufgabe vor allem darin besteht, dem Personal verbindliche Anweisungen zu erteilen. Er steht mit seinen Intentionen jedoch erst am Beginn eines Vorhabens, dem nun zusätzliche Schritte folgen müssten. Bis der Professor endgültig von der Bildfläche in Richtung Jenseits verschwände, ist ein choreografisch anmutender Ablauf zu initiieren, in den seine Ehefrau, die künftige Zentgraf-Klar-Witwe, als Verabreichende des Giftes einbezogen wäre. Sie ist brennend daran interessiert und würde insoweit keine Unwägbarkeit darstellen. Eine andere Facette seines Plans ist für Thibault ebenfalls von gravierender Bedeutung: Die Analyse des Blutbilds eines Klar-Leichnams darf bei forensischer Untersuchung keinen inkriminierenden Verdacht heraufbeschwören. Auch hier hat Dr. Thibault vorgesorgt. Digoxinspuren im Blut sind aufgrund seiner Medikation rasch zu erklären. Eine fehldosierte Einnahme würde postmortal vom Prinzip her nicht nachzuweisen sein. Bliebe nur noch, dem letalen Domino ab jetzt den entscheidenden Anstoß zu geben. Zufrieden ob des bisherigen Gelingens schreitet der Vize durch verglaste Gänge, die Einblicke in staub- wie keimfreie Fertigungshallen präsentieren. In seinem Büro will er noch einmal Punkt für Punkt überdenken, seine Strategie gegebenenfalls verfeinern. Auf dem Treppenabsatz hinter der technischen Disposition begegnet ihm der leitende Mitarbeiter aus der Fertigung. Ein fähiger Mann, das weiß Dr. Thibault. Er erinnert sich daran, den Techniker vor rund einem Jahr, in Zusammenhang mit einer Stellenanzeige in die engere Wahl genommen und daraufhin eingestellt zu haben. Bislang hat er es nicht bereut. Diplomingenieur Norbert Zippel, fachlich kenntnisreich, gilt privat jedoch als schräger Typ. Menjoubart und Nasenpiercings, die Etikette nur zum Schein huldigend, grüßt er seinen Vorgesetzten knapp und mit abschätzigem Blick.
»Alles in Ordnung, Herr Zippel?«, rätselt der Doktor wie stets.
»Alles bestens, Doc«, erwidert Zippel in herablassendem Ton.
Sigean Philipe Thibault weiß um Norbert Zippels nötigendes Gebaren gegenüber den Mitarbeitern. Gleichwohl arbeitet der Kollege mit Durchsetzungsvermögen und Genauigkeit. Und, er ist homosexuell. Oder so etwas in der Art, was kein Mensch außer ihm versteht. Dr. Thibault gefällt weder seine zynische Art, noch möchte er auf sein untadliges Engagement in der Firma verzichten. Er misst seinem Benehmen noch keine nennenswerte Bedeutung bei, was sich aber ändern könnte. Förmlich erwidert der Vize seinen Gruß. Unbeirrt setzt er den Weg ins Büro fort.
7.
Hastig löscht Professor Klar das Deckenlicht. Ein fremdartiges Poltern schallt in seinen Gehörgängen. Dieses scheint sich wie ein Blitz aus heiterem Himmel seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort zu nähern und wie ein Gewitter darin loszubrechen. Im nächsten Augenblick vernimmt er schwersohlige Schritte, die über das Gitter des Lichtschachtes stampfen und das Fenster im Rahmen erzittern lassen. Schlagschatten tanzen hinab ins Dunkel. Reflexartig langt Adolf Johannes Klar nach einem gewichtigen Bündel, was er in einer Ablage verwahrt hält. Achtsam legt er es auf die Tischplatte, schlägt die Hülle auseinander. Ein sechsschüssiger, matt im Zwielicht schimmernder Revolver kommt zum Vorschein. Angesichts der Aufregung kommt Klar nicht dazu, die Waffe ordnungsgemäß zu prüfen. Normalerweise gönnte er dem Smith und Wesson DarkShot.45 nach so langer Zeit der Nichtbenutzung eine eingehende Durchsicht. Trotzdem hält er den S und W für zuverlässig. Er umfasst mit beiden Händen die metallenen Griffschalen, hält das Mündungsrohr in Richtung Fenster. Dann spannt er den Hahn und entsichert den Abzug. Das Tappen entfernt sich augenblicklich. Der Lärmpegel mindert sich vernehmlich. Als daraufhin nichts mehr geschieht, drückt er die Lamellen der Jalousette auseinander, um einen zaghaften Blick in die Höhe zu werfen. Im Gelände durchmisst eine fremde Person das Areal, so viel scheint sicher. Der Professor spitzt die Ohren, als er einen Motor starten hört. Ach, ja. Richtig. Bei dem Klang der Maschine fällt es ihm wieder ein. Der Wagen und dessen Fahrer gehören zum Unternehmen Pete Gloger Security
