Der Kostja-Clan - Teil 3 - Norma Banzi - E-Book

Der Kostja-Clan - Teil 3 E-Book

Norma Banzi

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Beschreibung

Wohin mit Baby Aurelia? Diese Frage müssen sich Dimitri und sein Lebensgefährte Sascha stellen, als ihre frühere französische Haushälterin sie in Tränen aufgelöst anruft und einen Pflegeplatz für ihre Urenkelin sucht. Werden sie der alten Frau helfen können?

Komfortabel lebt es sich auch in schwierigen Zeiten, wenn man eine luxuriöse Villa mit Swimming Pool und Personal auf Mallorca besitzt. Der lungenkranke Dimitri und sein Lebensgefährte Sascha haben sich zusammen mit ihrer Familie dorthin zurückgezogen und meiden ansonsten soziale Kontakte. Ein gemeines Verbrechen reißt sie jedoch aus ihrer gemütlichen Zurückgezogenheit. Als Chef des Kostja-Clans obliegt es Dimitris Verantwortung, eine neue, liebende Familie für Aurelia zu finden und sie vor dem Mörder ihrer Mutter zu beschützen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Norma Banzi

Der Kostja-Clan - Teil 3

Illustrierte Ausgabe

Bildquellen:DepositphotosDie Sims 4 Gestaltung des Coversund der Illustrationen:Norma Banzi

Inhaltsverzeichnis

Hinweis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Epilog

Ausblick

Impressum

Hinweis

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Eins

Das Scharren von Katzenpfoten im Tongranulat eines der großen Palmentöpfe weckte Dimitri aus seinem Schlummer auf dem Liegestuhl. Er blickte in die Richtung des Geräuschs und einer der vielen, namenlosen, felinen Bewohner des mallorquinischen Kostja-Anwesens starrte ihn überrascht an. Das kleine Biest setzte bald nonchalant sein Tun fort und einige Steinchen fielen auf die warmen Terracotta-Fliesen. Mit einem eleganten Satz sprang es in den Topf hinein, drehte sich mehrmals um die eigene Achse und kuschelte dann seine Nase unter die Pfoten. Immerhin verrichtete die Katze nicht ihr Geschäft darin. Auf dem Grundstück verteilt standen genug Kisten mit Katzenstreu und die meisten samtpfotigen Neuankömmlinge gewöhnten sich schnell daran. Dimitris junger Lebensgefährte Sascha brachte es nicht über das Herz, auch nur eine einzige halb verhungerte oder verletzte Katze am Straßenrand und bei ihren Spaziergängen ihrem Schicksal zu überlassen. Also nahm er sie mit zum Anwesen, wo sie versorgt und gefüttert wurden. Manche verschwanden bald wieder, die meisten lebten sich hier ein. Bei den streunenden Hunden sprach Dimitri allerdings fast immer ein Machtwort und überließ es einem der privaten Tierheime auf der Insel, sie einzusammeln. Er spendete regelmäßig Geld für ihr Futter und die Weitervermittlung. Ohnehin wagte es niemand, die Hunde zu töten, die jemand vom Kostja-Clan aufgelesen und dort abgegeben hatte.

Ein halbes Dutzend der größeren Köter hatten ihr Heim innerhalb der Mauern des Anwesens gefunden, solche, die sich als Wachhunde eigneten und die nachts über das Grundstück streiften. Einer von Dimitris Männern bildete sie aus und kümmerte sich um sie. Außerdem hielten sich manche Mitglieder des Hauspersonals einen eigenen Schoßhund.

Die Pfauenhenne, eine Anschaffung von Dimitris verstorbener Schwester Valentina, flatterte auf der gegenüberliegenden Seite des Pools hoch in die Luft, landete auf Seans Schulter und ließ sich von ihm an den Brustfedern kraulen. Der Hahn war vor einiger Zeit gestorben und seitdem lebte sie hier ohne Artgenossen. Die beiden hatten sich sowieso nicht verstanden. Mit stoischem Gesichtsausdruck akzeptierte Sean die scharfen Krallen des Vogels auf seiner nackten Haut. Dass er sich überhaupt ohne textilen Blickschutz zeigte, grenzte an ein kleines Wunder. Allerdings versteckten gerade raffinierte Zeichnungen die zahlreichen Narben auf seiner Haut. Angelo und Finn hatten seinen Körper mit wasserfesten Stiften bemalt und das Werk sah aus wie ein großflächiges Tattoo. Ob Sean mit dem Gedanken spielte, sich tätowieren zu lassen, und verschiedene Motive ausprobierte? Dimitri nahm sich vor, ihn später beim Abendessen danach zu fragen. Jetzt stahl die Henne ein paar Weintrauben aus einer Schale auf der Bar und flatterte davon. Sean drehte kurz die Schultern, wusch sich die Hände und halbierte Orangen, die er gleich darauf auspresste.

Neben sich hörte Dimitri seinen Augapfel Sascha kichern. Dessen Liege stand nur wenige Zentimeter von Dimitris entfernt. Offenbar las er gerade eine Komödie oder eine lustige Szene. Ein leichter Wind ließ die Strohfransen an den Sonnenschirmen rascheln. Nah am Pool saß Saschas Schmusekater Silver und beobachtete Finn, der sportlich seine Bahnen kraulte.

Bei jeder zweiten Wende drückte Finn den am Poolrand sitzenden Angelo einen feuchten Kuss auf den Mund, der sich das grinsend gefallen ließ. Träge schlürfte Angelo an einem Cocktail und kühlte seine Beine schaukelnd im Wasser. Der fröhliche und lebenslustige Angelo tat den Zwillingen Sean und Finn so gut.

Weil sein Körper nicht mehr ganz im Schatten des Schirms lag, griff sich Dimitri die Sonnenmilch vom Beistelltisch und rieb sich noch einmal die Arme und Schultern ein. Da summte sein Handy und er grummelte auf Russisch einen Fluch. Eilig wischte er sich an einem Handtuch die Finger ab und nahm das Gespräch entgegen. Eine Frau schluchzte am anderen Ende und Dimitri runzelte die Stirn. War jemand von seinem Personal in die Hände von Feinden gefallen? Noch erkannte Dimitri die Stimme nicht, aber wenn deren Besitzerin seine persönliche Handynummer besaß, dann hatte sie ein Recht darauf, sich bei ihm auszuweinen. Was immer sie auf dem Herzen hatte. Fast rutschte ihm wegen der Cremereste auf den Fingern das Gerät aus der Hand, als er auf das kleine Icon schaute, welches er für den Kontakt eingespeichert hatte.

„Bertha? Versucht die Leitung deines Altersruhesitzes wieder, dich an deinen täglichen Spaziergängen zu hindern? Ich dachte, mit dem letzten Anruf hätte Boris deutlich gemacht, was wir davon halten, wenn jemand der Unsrigen in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird.“

Ein weiterer Schluchzer. Bertha, die die Ruhe selbst gewesen war, solange sie in Paris für ihn gearbeitet hatte, atmete mehrmals tief durch, bis sie Dimitri mit gebrochener Stimme mitteilte: „Der Widerling hat Florence umgebracht. Was tue ich denn jetzt? Ich bin zu gebrechlich, um Aurelia großzuziehen. Hier darf sie nicht wohnen und für einen Umzug bin ich viel zu alt.“

Dimitri schoss von der Liege hoch und Sascha schaute ihn besorgt und mit gerunzelter Stirn an. Also stellte Dimitri das Handy auf Lautsprecher. Die aufmerksamen Zwillinge huschten heran. Angelo blickte verunsichert vom Beckenrand zu ihnen hin. Finn signalisierte ihm, dort zu warten. Besprachen sie zwielichtige Themen, mit denen Dimitri als ehemaliger russischer Mafiaboss gelegentlich konfrontiert wurde, blieb Angelo meistens zurück. Sie alle vertraten die Ansicht, dass seine sonnige Seele nicht mit den Schatten krimineller Aktivitäten in Berührung kommen durfte. Der grundehrliche Angelo hielt sich an die ungeschriebene Regel, sich auf Anweisung oder im Zweifelsfall zu entfernen, damit er nicht Zeuge unaussprechlicher Dinge wurde und so sein Leben in Gefahr geriet. Er stand auf und schlenderte zur Bar, wo er das Cocktailglas abstellte und sich aus der Karaffe ein Glas frisch gepressten Orangensaft eingoss.

Zu Bertha sagte Dimitri: „Der Widerling? Florences Freund und der Vater von Aurelia?“

„Ja!“ Das Wort endete in einem Schluckauf und Dimitri wusste nicht, wie er seine sonst so besonnene ehemalige Pariser Haushälterin beruhigte. Sascha nahm ihm das Handy ab und versicherte Bertha mit sanfter Stimme jegliche Hilfe zu, die sie benötigte. So bekam er aus ihr heraus, dass Jerome seine Lebensgefährtin Florence beschuldigt hatte, ihn mit Covid-19 angesteckt zu haben und sie aus Wut darüber so sehr verprügelt hatte, dass sie an den Verletzungen gestorben war. Florence war Berthas geliebte Enkelin gewesen und natürlich sorgte sich Bertha jetzt um ihre Urenkelin Aurelia. Niemand wusste, wo sich Florences Eltern aufhielten. Den letzten Brief hatten sie vor Jahren aus Indien geschickt und vergessen, einen Absender darauf zu notieren, die Traumtänzer. Sie führten ein Leben jenseits bürgerlicher Normen und hatten sich in der westlichen Kultur nie wohl gefühlt.

„Wo befindet sich Aurelia gerade?“, fragte Sascha.

„Bei einer guten Freundin von Florence. Sie und ihre Familie kümmern sich gerne um die Kleine. Aber natürlich muss ich schnell eine dauerhafte Lösung finden.“

„Wir nehmen Aurelia bei uns auf“, schoss es aus Sascha heraus und Dimitri öffnete den Mund, um zu widersprechen, schloss ihn aber wieder, weil sein analytischer Verstand ihn mit verschiedenen Szenarien bestürmte, die er später in Ruhe durchdenken wollte. Dimitri hatte so lange überlebt, weil er oft in emotional aufgeladenen Situationen strategisch klug agierte, während andere sich von den Gefühlen des Augenblicks treiben ließen. Hatte er Lust, ein Baby bei sich aufzunehmen? Himmel nein! Aber vielleicht winkte ihm hier das Schicksal zu und er wurde ­- wieder einmal - zum Helden seiner Gefolgsleute. Und zum Helden von Sascha.

„Tun wir doch, oder Dima?“, drängte Sascha ihn mit selbstbewusster und gleichzeitig bettelnder Stimme.

„Nun, zunächst setzen wir uns hin und reden in Ruhe darüber. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob Bertha überhaupt ...“

„Natürlich bin ich damit einverstanden, dass Aurelia bei dir aufwächst, Dimitri. Du hast dich rührend um die Jungs gekümmert und warst ihnen ein guter Pflegevater. Auf keinen Fall möchte ich, dass Aurelia in die Hände der Familie des Widerlings gerät. Du schaffst es ganz bestimmt, sie davor zu bewahren mit all deiner Macht ... deinem Einfluss.“

„Danke für dein Vertrauen, Bertha.“ Dimitri strich sich über den Kopf, weil die Sonne heiß auf seine Kopfhaut brannte. Er setzte sich den Strohhut auf.

„Du hast mich und meine Familie immer gut behandelt. Dir verdanke ich diese schöne, altersgerechte Wohnung im Stift, in dem man sich so nett um mich kümmert.“

„Wie du weißt, befinden wir uns derzeit auf Mallorca und igeln uns in der Finca ein. Ich möchte mich mit meiner Lungenkrankheit nicht ins coronaverseuchte Paris begeben. Aber ich lote die Lage aus und beauftrage einen Familienanwalt.“

„Tausend Dank, mein König! Ich küsse deine Hand.“

Dimitri zuckte bei der Anrede innerlich zusammen, unterließ es aber, Bertha zurechtzuweisen. Er musterte Sean und Finn, in deren Augen er Mordlust glitzern sah. Wahrscheinlich überlegten sie bereits, wie sie Jerome am besten um die Ecke brachten. Sie kannten Florence seit ihrer Jugend, die gelegentlich bei ihrer Großmutter in der Personal-Küche der Kostja-Wohnung gegessen oder ihre Hausaufgaben erledigt hatte. Viel Zeit hatten die Teenager nicht miteinander verbracht. Zu sehr unterschieden sich ihre Interessen. Dennoch fühlten sie sich bestimmt berufen, Florence zu rächen, weil sie zum Clan gehört hatte und weil niemand ungestraft mit einem Mord an einem der ihren davonkommen durfte. Dimitri Kostja kümmerte sich gut um seine Gefolgsleute und deshalb standen sie ihm treu ergeben zur Seite. Freilich kannten die älteren auch noch die grausame Regel, dass im Falle eines Verrats die gesamte Familie des Abtrünnigen von den Gardisten des Bosses ausgelöscht wurde, und flüsterten es ihren Kindern und Kindeskindern hinter vorgehaltener Hand. Ein solches Ereignis hatte es allerdings letztmalig gegeben, als Dimitris Schwager ermordet worden war und Dimitri die Geschäfte ganz übernommen hatte. Niemand brauchte zu wissen, dass Dimitri die zwei Kinder des Verräters verschont und nur deren Großeltern hingerichtet hatte.

Mit gerunzelter Stirn warf Dimitri sein Handy auf die Liege und fluchte erst einmal saftig. Dennoch traute sich Angelo, sich den anderen wieder zu nähern. Trotz der Distanz hatte er alles mitangehört. Wie seltsam es sich anfühlte, sobald das, was man in den Medien gelesen hatte, plötzlich zu seiner persönlichen Sache wurde – also der persönlichen Sache von Dimitri und Sascha. Aber schließlich arbeitete Angelo immer noch als Saschas Assistent und deshalb legte er ihm den Arm um die Hüften und fragte: „Wie kann ich helfen?“

„Gar nicht!“, antwortete Finn resolut, doch Angelo warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. „Ich bin auch Saschas Assistent, wenn es mal nicht um die Ordnung in seinem Kleiderschrank oder den Kauf eines Kunstwerks geht.“

Sascha drückte Angelo einen Kuss auf die Stirn. „Du hast mitbekommen, was Bertha gesagt hat?“

Angelo nickte. „Ich las davon heute Morgen in einer Online-Zeitung. Hätte ich geahnt, dass ihr das Opfer und deren Familie kennt, hätte ich euch sofort benachrichtigt. Gruselig!“ Ein kleiner Schauer durchfuhr Angelo und Finn legte ihm sogleich einen Bademantel um die Schultern.

„Mir ist nicht kalt!“ Angelo schüttelte ihn wieder ab und legte ihn nun seinerseits um Finn, der noch tropfte. Silver strich um Saschas Beine und er hob die Katze hoch, um sie zu kraulen.

„Besprechen wir uns im Arbeitszimmer!“, bestimmte Dimitri, streifte sich ein Hawaiihemd über, streichelte Silver kurz über den Kopf und machte sich auf den Weg. Sascha sammelte noch dessen Handy von der Couch auf und folgte ihm. Da ihm die große Waldkatze zu schwer wurde, stellte er sie auf halber Strecke ins Haus wieder auf den Boden zurück.

Mit verschränkten Armen drehte sich Angelo zu seinem Freund Finn. „Noch irgendwelche Einwände?“

Ruhig schüttelte Finn den Kopf und Angelo hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Derweil hatte sich Sean ein T-Shirt angezogen und reichte Angelo das Seinige. Angelo öffnete die Arme und nach einem fast unmerklichen Zögern schmiegte sich Sean hinein und kraulte ihm durch die flauschigen Brusthaare. Wie fast alle Gable-Männer trug Angelo seinen Pelz mit Stolz und die Zwillinge liebten es, sich an ihn zu kuscheln.

Die drei jungen Männer folgten Dimitri und Sascha. Auf der Markise des Laubengangs vor dem Haus saß eine der Jungkatzen und miaute herzzerreißend, als hätte sie sich dort oben verirrt.

„Ich gehe schon vor und kümmere mich um den Kaffee“, sagte Angelo zu den Zwillingen, die sich anschickten, die Katze zu retten. Er lächelte, wie sie sich behände gegenseitig halfen, das Dach zu erklimmen, statt einen der Hocker in der Nähe zu benutzen. Angelo hatte das Gefühl, dass die Wochen des coronabedingten Müßiggangs auf dem Anwesen bald der Vergangenheit angehörten. Also nicht alle Bewohner lebten so bequem wie er. Der Mallorquiner, Dimitris Ausbilder, hetzte die unter ihm dienenden Männer und Frauen der Sicherheitsfirma Matunus regelmäßig durch die schöne Landschaft. Gelegentlich sah Angelo sie vom Balkon seiner Suite aus joggen oder schwere Rucksäcke schleppen. Führte er seinen Hund Wuschel Gassi, plauderte er schon mal das eine oder andere Wort mit einer Sicherheitskraft. Aber das Herrenhaus mit seinem Park lag weit genug vom Ausbildungszentrum entfernt. Obwohl kein Zaun zwischen den beiden Bereichen des Anwesens stand, signalisierten doch naturnah gemauerte Stufen, wo sich die Grenze befand. Das Herrenhaus war etwas höher angelegt worden als die Dienstbotenquartiere.

Zwei

Durch die Lamellen der geschlossenen Fensterläden von Dimitris Arbeitszimmer drang nur wenig Licht und Sascha öffnete sie etwas. Hinter sich hörte er einen Fluch und als er sich umdrehte, sah er, wie Dimitri sein Knie rieb. Hatte er sich beim Hinsetzen wieder sein Bein an der dekorativen Blumenverzierung des Schreibtisches gestoßen. Kichernd aktivierte Sascha die Klimaanlage. „Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst den Schreibtisch umarbeiten lassen?“

„Aber ich mag ihn so lieber“, entgegnete Dimitri. „Außerdem mindert es seinen Wert, wenn ich die Blumen hier absägen lasse.“

„Als ob wir beide nicht genug Geld hätten.“ Sascha schnaubte.

„Es geht ums Prinzip. Vor zweihundert Jahren haben die Leute doch auch an solchen Schreibtischen gesessen.“

„Vielleicht waren sie damals kleiner?“, wandte Sascha ein. Er schnappte sich einen Stuhl und stellte ihn neben den von Dimitri, der seinen Laptop aus der abschließbaren Schublade nahm und hochfuhr. Gemeinsam lasen sie den Artikel des Online-Magazins, auf den Angelo sie aufmerksam gemacht hatte.

„Ich möchte Aurelia adoptieren“, eröffnete Sascha Dimitri, der weniger überrascht schaute, als Sascha vermutete.

„Hast du deinen Plan aufgegeben, Marina zu schwängern?“, entgegnete Dimitri mit einem amüsierten Unterton in der Stimme.

„Nun, ich denke, dafür müsste ich erst einmal wieder Gelegenheit haben, mich mit ihr und den anderen zu treffen. Und derzeit ist das so wahnsinnig schwierig. Corona, Vincents Leukämie ...“ Sascha seufzte.

„Außerdem würde Marina sicher darauf bestehen, dass ihr Baby bei ihr aufwächst. Vermutlich wirst du sie nicht von ihren sexy Männern loseisen.“

Erneut seufzte Sascha. „Das möchte ich gar nicht. Wir ...“

„Nein, wir verlegen unseren Hauptwohnsitz nicht von Ottawa nach Los Angeles“, bestimmte Dimitri und Sascha schmollte. Freilich verstand er Dimitris Gründe, sich vor so vielen Jahren für Kanada entschieden zu haben.

„Wirst du mich bei der Adoption unterstützen?“, fragte Sascha und schmiegte seine Hand in die von Dimitri. Eine Antwort blieb aus, weil die Zwillinge in den Raum traten. Sean trug eine schnurrende Jungkatze auf dem Arm, zwischen ihren Beinen rauschte Wuschel, Angelos kleiner Hund, mit einem getrockneten Schweineohr im Maul in den Raum. Er sprang auf die Polster der antiken Couch mediterranen Stils und knusperte zufrieden an dem Ohr. Niemand vertrieb ihn oder schimpfte mit ihm. Sabberte er das Polster voll, wurde es eben gereinigt oder ausgetauscht.

Finn spielte mit einem Klappmesser und Sascha schaute fasziniert seinen schnellen Bewegungen zu. Ihre Augen trafen sich kurz und Sascha wusste, dass Finn darüber nachdachte, wie er dieses Messer am raffiniertesten an dem Mörder von Florence einsetzte, um ihm möglichst große Schmerzen zu bereiten. Da Sascha nicht das geringste Mitleid mit dem Drecksack fühlte, nickte er Finn mit einem schmalen Lächeln zu. Dieses Problem würden sie später angehen. Erst einmal mussten sie die kleine Aurelia in Sicherheit bringen und in Saschas liebevolle Arme. Hoffentlich legte Dimitri kein Veto ein. Er wirkte nachdenklich, aber seine Haltung drückte keine konsequente Ablehnung aus.

Sascha hatte in den letzten Monaten, noch vor Corona, oft über ein leibliches Kind nachgedacht. Eine Leihmutter zu beauftragen und jemandem aus der Gable-Familie um eine Eizellenspende zu bitten, hatte er in die engere Wahl gezogen. Er mochte die Gables, besonders Vincent hatte es ihm angetan. Sascha rieb sich mit der Faust über die Brust, die sich vor Sorge um ihn zusammenzog. Vincent bereitete sich wegen seiner Leukämie auf eine Stammzellentransplantation vor, die bald durchgeführt wurde. Viel hatte Sascha über diese riskante Behandlungsmethode gelesen. Er fürchtete um Vincents Leben. Aber ohne Transplantation nur mit Chemo standen seine Chancen noch schlechter.

Das Schicksal konnte grausam sein. Florences sinnloser Tod erschütterte Sascha. Er trauerte mit Bertha um Florence und fühlte so sehr mit Aurelia. Hatte er doch selbst seine Mutter vor nicht allzu langer Zeit durch einen absurden Akt der Gewalt eines Wahnsinnigen verloren. Aber Aurelia brauchte ein Heim und je mehr Sascha darüber nachdachte, umso besser gefiel ihm die Idee, sie zu adoptieren.

Mit einem großen Tablett in den Händen trat Angelo durch die Tür. Sein Lächeln erhellte das Zimmer und vertrieb die Düsternis ein bisschen aus den Zügen von Sean und Finn. Der Duft von starkem, spanischem Kaffee zog durch den Raum. Aus einer verzierten und bauchigen, silbernen Kanne goss Angelo jedem von ihnen die dunkle Köstlichkeit in moderne Henkeltassen mit Eidechsenaufdruck. Er und die Zwillinge hatten die Motive selbst gestaltet und ein Dutzend davon auf Keramik drucken lassen. Die Zwillinge übernahmen es, das aromatische Heißgetränk je nach Geschmack des jeweiligen Anwesenden zu süßen und mit Milch aufzugießen. Sascha griff sich seine Tasse und ein paar der von der Haushälterin gebackenen Kekse.

Angelo setzte sich mit seiner dampfenden Flüssigkeit neben Wuschel und schaute Dimitri erwartungsvoll an. Der rührte in aller Ruhe den Zucker um und aß einen Keks. Endlich sagte er: „Also! Wie holen wir Aurelia am besten zu uns auf die Insel?“

xxx

Wie immer platschten die Flipflops geräuschvoll auf dem Weg, den Angelo vom Haupthaus zu den Quartieren der Angestellten entlangschlenderte. Auf der Treppe sah er ein paar lose Steine und nahm sich die Zeit, sie zu fotografieren und die Bilder dem Hausmeister zu schicken, damit dieser die Stelle reparierte. Einer der Gärtner winkte ihm zu und er grüßte zurück. Sascha hatte das Personal schon vor Monaten angewiesen, die Blumen nicht mehr zu gießen. Er wollte Pflanzen in seinem Park, die besser dem mediterranen Klima angepasst waren und weniger Wasser benötigten. Andererseits hing er an den Zitronenbäumen und Dimitri an den Zierpalmen. Für die beiden Gärtner gab es immer etwas zu tun - vertrocknete Blumen gegen genügsame Sorten austauschen, Sukkulenten pflanzen, die Palmen und Zitronen wässern, nach den Mandelbäumen schauen, den Gemüsegarten hegen und pflegen, die Zierblumen in der Nähe des Hauses gießen.

An einem Band um seinen Hals befestigt hing Angelos Mund- und Nasenschutz. Dimitri gehörte mit seiner Lungenkrankheit zur Corona-Risikogruppe und jeder hier auf dem Anwesen trug Maske, wann immer sich jemand aus Dimitris Familienkreis in der Nähe aufhielt. Leute, die für ihn arbeiteten, murrten nicht, wurde ihnen etwas angewiesen, sie gehorchten. Ja, Angelo hatte die Angestellten schon über diese und jene Maske diskutieren oder stöhnen hören. Aber niemand lehnte es generell ab, eine zu benutzen. Das Leben hier auf dem Anwesen war gemütlich, komfortabel und es wurden sogar regelmäßig gesellschaftliche Ereignisse organisiert – freilich nur unter den Bewohnern. Dimitri ließ sich die Bespaßung seiner Gefolgschaft etwas kosten. Bestimmt litt die eine oder andere Sicherheitskraft der Matunus unter mangelnden Gelegenheiten für ein Sexabenteuer. Freizeit außerhalb des Grundstücks gab es nämlich für sie derzeit nicht. Ansonsten bot das Gelände genug Platz, um sich die Beine zu vertreten oder mal für sich zu sein.

Angelo selbst fühlte sich hier selten eingesperrt. Er bewohnte mit den Zwillingen mehrere Zimmer im Haupthaus, absolvierte die Lektionen seines Kunststudiums online und zeichnete an privaten Projekten. Das leckere Essen mundete und außerdem schwamm er im Pool. Gelegentlich benötigte ihn Sascha als Assistent. Er fand das Leben schön. Natürlich durfte er niemals die Gefahr durch das Corona-Virus vergessen – um sich selbst zu schützen, aber vor allen Dingen, um Dimitri nicht zu gefährden. Deshalb setzte er pflichtbewusst die Maske auf, lange bevor er sich dem Häuschen näherte, in dem Monika, Dimitris Chefassistentin, zusammen mit Boris lebte. Boris war früher Dimitris Chefleibwächter gewesen und arbeitete jetzt als dessen persönlicher Butler. Es gab Leute im Clan, die das als Degradierung interpretierten, aber Angelo wusste es besser. Ein kalter Schauer durchlief ihn, sobald er daran dachte, welche Funktion Boris wirklich ausfüllte. Mit Boris beriet sich Dimitri, wenn es um die Angelegenheiten ging, die Angelo zu ignorieren hatte und bei denen er auf keinen Fall das Mäuschen im Raum spielen wollte. Die anderen schützten ihn vor den härteren Aspekten im Leben Dimitris, indem sie ihn aus dem Zimmer schickten, sobald sich brenzlige Themen ankündigten. Manchmal erhielt Dimitri einen Anruf und sein Gesicht verhärtete sich. Seine Augen glitzerten dann wie Eisgletscher, so wie heute, als seine ehemalige Haushälterin ihn um Hilfe gebeten hatte. Das Gespräch im Arbeitszimmer hatte sich um die Frage gedreht, wie sie Aurelia legal und so schnell wie möglich nach Mallorca holten. Die Aufgabe, dies herauszufinden, fiel an Monika und Angelo. Außerdem hatte Dimitri Boris telefonisch zu sich beordert. Angelo ahnte, worüber die Männer diskret miteinander sprechen würden. Aber er verbat es sich, darüber nachzudenken. Jemand wie Dimitri stellte seine eigenen Regeln auf und Angelo war heilfroh, auf seiner Seite zu stehen.

Auf der Terrasse ihres Hauses küsste Boris Monika zum Abschied und drehte sich um. Er grüßte Angelo lächelnd, bevor er sich ein Tuch über die Nase zog. Die Männer passierten einander auf dem Weg in respektvollem Abstand. Monika winkte Angelo zu sich herein und gemeinsam gingen sie in ihr geräumiges Arbeitszimmer. Zwei Schreibtische waren aneinandergeschoben worden und zwischen ihnen befand sich eine Plexiglasscheibe. Die Türen zur Terrasse standen offen und deshalb musste Monika den Luftreiniger nicht aktivieren, der Schadstoffe filterte.

Die Tupperdose mit den von der Haushälterin selbst gebackenen Keksen stellte Angelo zur Kaffeemaschine.

„Ach, wieder ein Angriff auf meine Linie“, seufzte Monika und zwinkerte Angelo zu. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und Angelo auf die andere Seite. Erst dann nahmen beide ihre Masken ab.

„Also los!“, meinte Monika, griff sich ihr Headset und rückte es auf ihrem Kopf zurecht. „Ich telefoniere zuerst mit dem Familienrechtsanwalt und arbeite mich danach zu den jeweiligen Behörden vor.“

Angelo legte seinen Laptop auf den Schreibtisch und fuhr ihn hoch. „Was erledige ich?“

„Zuhören, Notizen machen, lernen, zwischendurch mit Sascha oder Dima Kontakt aufnehmen, sollte ich eine Frage an einen von ihnen haben.“

„Okay!“ Angelo drehte die Schultern, um sie zu lockern.

Die nächsten Stunden assistierte Angelo Monika, so gut er es vermochte. Die meiste Zeit saß er da und hörte zu, was ihm nicht immer leicht fiel. Monika parlierte in Französisch und Spanisch, Sprachen, die er nur mittelmäßig beherrschte. Außerdem redeten sie und ihre Gesprächspartner zu schnell und sein armes Gehirn arbeitete noch am Verstehen eines Satzes, während sie schon drei Sätze weitergeredet hatten. Zwischendurch bereitete er ihr Tee und sich einen Café con leche. Fleißig tippte er seine Notizen in ein Schreibprogramm und schätzte sich glücklich, sich selbst als Jugendlicher das Zehnfingersystem beigebracht zu haben. So schrieb es sich einfach zügiger.

Gelegentlich verdonnerte ihn Monika, jemanden anzurufen. So teilte er beispielsweise der immer noch aufgelösten Bertha mit, dass in Kürze ein Bote des Anwalts bei ihr erscheinen würde, damit sie eine Vollmacht unterschrieb, die es Dimitri und Sascha erlaubte, Aurelia in ihre Obhut zu nehmen. Angelo raufte sich verzweifelt die Haare, weil sie in ihrer Aufregung sein Französisch nicht verstand. Also wechselte er ins Russische und glücklicherweise begriff sie endlich, was er von ihr wollte.

Nach dem Gespräch suchte er erst einmal das Bad auf und spritzte sich kaltes Wasser ins erhitzte Gesicht. Monika lächelte ihn verständnisvoll an, als er sich zurück auf seinen Platz setzte.

„Dann erzähl doch mal, was du alles mitbekommen hast, Angelo“, forderte sie ihn auf und er errötete.

„Mein Spanisch ist eine Katastrophe und außerdem redest du viel schneller Französisch, als ich es gewohnt bin.“

„Keine Sorge! Ich berichte Dimitri und Sascha ohnehin in einer Telefonkonferenz. Dennoch ist es vielleicht hilfreich für dich und deine Sprachentwicklung, dich mit mir auszutauschen.“

Nervös kratzte sich Angelo am Kopf.

„Nur Mut!“, ermunterte Monika ihn.

„Also zunächst hast du den Familienrechtsanwalt über die Situation informiert. Ich wusste gar nicht, dass Dimitri auch einen solchen Fachanwalt in seinem Juristenteam hat.“

„Ach, das resultiert aus der Zeit, als er die Zwillinge bei sich aufgenommen hat“, meinte Monika. „Das war aber vor meiner Zeit. Ich trat erst Jahre später in Dimas Dienste ein.“

Angelo kaute auf seiner Unterlippe und versuchte, aus seinen Notizen weitere Informationen herauszulesen. „Der Anwalt sagt, es wäre günstig, so schnell wie möglich zu handeln, damit wir gegenüber den Eltern des Kindsvaters im Vorteil sind und sie vor vollendete Tatsachen stellen, bevor sie selbst die Pflegschaft für Aurelia beantragen. Sie haben sich noch nicht bei den Behörden gemeldet, oder?“

„Wie es aussieht, nein. Ich habe das nicht direkt beim Jugendamt angefragt, damit die dort nicht noch auf die Idee kommen, diese Leute anzuschreiben.“ Monika gönnte sich jetzt den Keks, der bisher unberührt auf ihrer Untertasse gelegen hatte. Mit einem genussvollen Laut ließ sie ihn auf der Zunge zergehen.

„Habe ich es richtig verstanden, dass die Behörde derzeit wegen Corona unterbesetzt ist und du es geschafft hast, den Sachbearbeiter auf seinem privaten Handy anzurufen?“

„Also ich rief den Behördenleiter an. Er war damals Sachbearbeiter im Fall der Zwillinge und ist zur Führungskraft befördert worden. Wie wir ist er der Meinung, dass Aurelia bei den Angehörigen der verstorbenen Mutter des Kindes zunächst einmal besser aufgehoben ist.“

„Aber weder Sascha noch Dimitri sind mit Bertha verwandt, oder?“

„Nun ja ... Bertha und Sascha tragen einen ähnlichen Nachnamen, was reiner Zufall ist. Ich habe wohl im Laufe der Diskussion das Wort Tantchen fallen lassen und mein Gesprächspartner hat das aufgegriffen.“ Vergnügt zwinkerte Monika Angelo zu. „Sascha hat Bertha früher oft so genannt. Direkt gelogen habe ich also nicht.“

„Es gibt Probleme damit, Aurelia nach Mallorca zu holen, oder?“, fragte Angelo und Monika nickte mit nachdenklicher Miene.

„Bis ein Gericht endgültig über das Sorgerecht entschieden hat, möchte Monsieur Vilbert, dass Aurelia in Frankreich bleibt. Da Dimitri über zwei Wohnsitze dort verfügt, wird es schwierig sein, ihn umzustimmen.“

„Ziehen wir ins Schloss?“, fragte Angelo. Für ihn hatte die Idee ihren Reiz. Er mochte das prunkvolle Palais. Aber er wusste, dass Dimitri lieber auf Mallorca bleiben wollte, weil er daran glaubte, dass UV-Licht das Corona-Virus abtötete. Und auf Mallorca gab es nun einmal mehr Sonnentage als in der französischen Provinz.

„Nun, ich habe durchklingen lassen, dass die frische Seeluft hier auf Mallorca besser für ein krankes Baby wie Aurelia ist. Monsieur Vilbert hat sich bis morgen Bedenkzeit erbeten und erwartet die Vorlage eines ärztlichen Attestes. Das werde ich gleich nach unserem Gespräch organisieren.“

„Aurelia ist krank?“ Erschrocken schaute Angelo Monika in die Augen, die ihm zuzwinkerte. „Keine Ahnung! Vielleicht hat sie einen wunden Po von den Windeln und jemand in der Klinik ist bereit, das ein wenig auszuschmücken?“

„Tricky!“, erwiderte Angelo und grinste. „Gibt es keine Probleme mit den Corona-Auflagen? Darf unser Flieger überhaupt in Paris landen und wieder ausreisen? Nachher verweigert man ihm hier die Einreise.“

Lächelnd machte Monika eine lockere Handbewegung. „Ach, unsere kleine Fluggesellschaft hat eine Lizenz für den Transport von Waren, inklusive Medizinprodukte. Für solche Flüge gelten erleichterte Regeln.“

Drei

Vor der Tür warteten Finn und Sean auf Angelo. Wuschel ließ schwanzwedelnd einen Stock vor Angelos Füße fallen. Angelo nahm ihn pflichtbewusst auf und warf ihn für seinen Hund. Begeistert flitzte Wuschel hinterher. Finn legte Angelo die Jacke aus dem dünnen und federleichten Material um die Schultern, die Sascha vor ein paar Wochen im Internet entdeckt und für alle bestellt hatte. Zum Abend hin wurde es doch etwas kühler. Angelo bedankte sich mit einem sanften Kuss auf Finns Lippen.

„Holt ihr mich zum Essen ab oder habt ihr noch eine Verabredung mit Boris?“, fragte Angelo und legte behutsam einen Arm um Seans Hüften, der Tage hatte, an denen er Berührungen nicht aushielt. An anderen presste er sich geradezu an Angelo und bekam nicht genug von dessen Nähe. Heute schmiegte sich Sean willig an ihn. Sie schlenderten noch eine Weile durch den Park und Angelo sah sich die neuen Sukkulenten an. Hand in Hand mit Finn zu spazieren, geschah eher selten. Er wollte stets beide Hände frei haben, um sich und seine Begleiter vor möglichen Gefahren zu beschützen. Sein tief verwurzeltes Misstrauen legte er auch nicht auf dem privaten Grundstück ab. Gelegentlich zupfte er die Jacke auf Angelos Schultern zurecht, der es bewusst unterließ, sie ganz anzuziehen. Finns schlanke Finger auf sich zu spüren, genoss er in vollen Zügen, wann immer dieser meinte, dass das Kleidungsstück nicht richtig saß.

Auf der Treppe nach oben passierten sie den Hausmeister, der gerade den lockeren Stein wieder einzementierte, den Angelo vorhin gemeldet hatte. Angelo und die Zwillinge blieben kurz in gemessenem Abstand stehen und Angelo lobte den Mann für seinen Arbeitseifer. Sie plauderten noch ein paar Sätze über das auffällig gemusterte Tuch, welches der Hausmeister als Mund- und Nasenschutz trug.

Zurück im Haupthaus rannte Wuschel in die Küche, aus der es wunderbar nach Kräutern und mediterranen Gerichten duftete. Angelo duschte sich in der Suite noch schnell das Poolwasser vom Körper und zog sich frische Kleidung an. Vorsichtshalber nahm er den Laptop mit nach unten, falls er seine Notizen benötigte, um die Fragen von Dimitri und Sascha korrekt zu beantworten. Wie immer ging er in das kleinere, gemütliche Esszimmer für die Familie, fand den Tisch aber ohne Geschirr vor.

„Hier sind wir“, rief Sascha durch eine offen stehende Tür und Angelo trat durch sie hindurch. Dieser Raum wurde nur benutzt, wenn sie Gäste erwarteten, was offenbar der Fall war. Sieben Gedecke standen auf der langen Tafel, zwei davon in deutlichem Abstand zu den anderen fünf.

„Ich dachte, ich höre mir Monikas Bericht in netterer Atmosphäre an als über eine Videokonferenz.“ Dimitri zeigte auf den Tisch, auf dem schon jemand die Kerzen in den üppig verzierten Ständern angezündet hatte.

„Na hoffentlich müssen wir nicht brüllen“, scherzte Angelo und deutete auf die fünf freien Stühle zwischen den Gedecken der Familie und denen der Gäste. Für seinen frechen Kommentar erntete er eine Kopfnuss von Dimitri und Angelo flüchtete sich mit einem übertriebenen: „Aua, aua, aua“, in die Arme von Sascha, der ihm einen Kuss auf die Wange gab. Ja, sie boten Corona mit ihrem Lachen die Stirn, auch wenn Dimitri unter Asbestose litt und seine Lungenkapazität ohnehin eingeschränkt war. Dimitri lebte hier auf dem Anwesen luxuriös, aber von fast allen gesellschaftlichen Ereignissen ausgeschlossen. Er nahm nur sehr selten Einladungen von Freunden an und lud auch keine ein. Nicht jeder in seinem Bekanntenkreis verstand diese Selbstisolation, obwohl allgemein bekannt war, dass er an einer Lungenkrankheit litt. Steckte er sich mit dem Corona-Virus an, landete er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation und würde um sein Leben kämpfen müssen. Für einen solchen Fall standen zwei privat erworbene Beatmungsgeräte hier auf Mallorca zur Verfügung. Außerdem hatte er sich in eine Lungenklinik eingekauft, um sich im Ernstfall die bestmögliche medizinische Versorgung zu sichern. Angelos Mutter kommentierte Dimitris Vorbereitungen als obszön – die Geräte einfach so herumstehen zu lassen und für einen einzigen Patienten zu reservieren. So stimmte das nicht. Dimitri stellte seine Apparate in Paris, London, Berlin, New York, Los Angeles und Ottawa durchaus Kliniken als kostenlose Leihgaben zur Verfügung, die damit die Erkrankten unter seinen Gefolgsleuten beatmeten oder auch gänzlich Fremde.

„Was ist, sollte ich an Corona erkranken und könnte nicht mehr alleine atmen? Wärst du dann nicht froh, dass hier ein Beatmungsgerät steht, was mir das Leben rettet?“, wandte Angelo ein.

„Du bist doch noch jung, Angelo. Es ist also unwahrscheinlich, dass deine Krankheit so dramatisch verliefe.“

„Entwickelst du dich etwa zu einer Aluhut-Trägerin, Mom?“

„Natürlich nicht! Aber ...“

„Ja, Dimitri ist scheißreich und er schafft es deshalb, besser für den Ernstfall gerüstet zu sein. Jeder betreibt eben Corona-Vorbereitungen so gut, wie er kann. Die scheiß Geräte besaß Dimitri schon vor Corona. An deiner Stelle wäre ich froh, jemanden wie ihn zu kennen. Dad hat sich während seiner aktiven Zeit bei der Feuerwehr so einige Rauchvergiftungen zugezogen. Wer weiß, wie seine Lunge auf das Corona-Virus reagiert. Sollte ihm etwas passieren und in Chicago gäbe es nicht genug Beatmungsgeräte. Bei wem würdest du dann anfragen?“ Genervt tippte Angelo mit dem nackten Fuß auf die angenehm kühlen Fliesen seines Wohnraums. Er hörte ein heftiges Einatmen.

„Mal den Teufel bloß nicht an die Wand“, flüsterte Mom.

Schnell klopfte Angelo auf das Holz eines der Beistelltischchen.

Seit diesem Gespräch ließ Mom Dimitri immer ganz herzliche Grüße von Angelo ausrichten, wenn sie mit ihrem Sohn telefonierte.

Eines der Dienstmädchen kündigte die Gäste an und kurze Zeit später traten Boris und Monika in den Raum. Aus Respekt vor Dimitri trugen sie Mund- und Nasenschutz, obwohl sie sich an einem Ende des Zimmers aufhielten und Dimitri am anderen. Sascha griff sich sein Handy und aktivierte die beiden Luftfilter. „Ihr dürft die Masken jetzt abnehmen“, sagte er mit einem Lächeln. „Aperitif? Bitte bedient euch selbst.“

Boris und Monika schauten zu Dimitri, der knapp den Kopf neigte. Erst dann befreiten sie ihre Gesichter.

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Aufmerksam hörte Sascha zu, als Dimitri und Monika über den Leiter des Pariser Sozialamtes diskutierten. Der Mann war ihrem Fall durchaus wohlgesonnen. Nur wollte er Aurelia auf französischem Boden behalten. Ob er noch eine finanzielle oder anders geartete Zuwendung erwartete, vermochte selbst die gewiefte Monika nicht zu sagen. Weil Angelo mit am Tisch saß, nahmen sie das Wort Bestechung nicht in den Mund. Sie umschrieben das Thema mit Spende an eine soziale Einrichtung. Das ärztliche Attest lag jedenfalls vor. Eine verständnisvolle Ärztin hatte einen Ausschlag bei Aurelia diagnostiziert und als Behandlung Seeluft empfohlen. Sie wünschte sich dafür keine Gegenleistung, sondern half damit Bertha, wie sie betonte, weil Florence eine so fleißige, engagierte Krankenschwester und immer hilfsbereite Kollegin gewesen war. Niemand vertraute den Großeltern väterlicherseits, auch wenn sie vielleicht herzensgute Leute waren. Aber Florence hatte viel von ihrer Großmutter Bertha gesprochen und so gut wie gar nicht von den Eltern ihres Freundes. Wollte Bertha Aurelia ihrem ehemaligen Arbeitgeber Dimitri anvertrauen, hatte das in den Augen der Kollegen seine Richtigkeit.

Mit einem Stück Weißbrot tunkte Sascha die Soße des Kaninchenragouts vom Teller und seufzte leise. Weshalb sagte Monsieur Vilbert nicht einfach, wie viel Geld er haben wollte? Warum ließ er sie hier rätseln und hatte sie auf den nächsten Morgen vertröstet? Eine Hürde immerhin brauchten sie nicht zu bewältigen. Im Computer der Behörde war Dimitri immer noch als Pflegevater eingetragen. Diesen Status wieder zu aktivieren, bedeutete weniger Kontrollen, als ihn neu zu beantragen. Sascha steckte sich das Brot in den Mund und während die Soße über seine Zunge floss, überlegte er, welche Zutaten die Haushälterin verwendet hatte. So ganz rückte sie mit der Sprache nämlich nicht heraus.

Neben ihm kritzelte Angelo etwas in sein kleines Notizbuch. Interessiert beobachtete ihn Sean dabei und nahm ihm den Stift ab, um dem Entwurf selbst ein paar Striche hinzuzufügen – Künstler bei der Ideenentwicklung. Finn dagegen verfolgte das Gespräch zwischen Dimitri, Monika und Boris. Sascha hoffte, dass keine bösen Erinnerungen bei ihm geweckt wurden, weil die anderen gerade über seine und Seans Pflegschaft sprachen. Aber Finns Gesicht blieb weiterhin entspannt.

„Wie wäre es, wenn wir Monsieur Vilbert den Entwurf des Kinderzimmers zukommen ließen, das wir hier auf der Finca einrichten wollen?“, fragte Sascha.

„Wir haben noch keinen Entwurf“, wandte Dimitri ein.

„Was sich sehr schnell ändern lässt. Schließlich wohnen Künstler im Haus.“

Sean sah von dem Notizbuch hoch und Sascha erschrocken an. Also ein unbefangener Beobachter hätte wahrscheinlich keine Veränderung in seinen eher stoischen Gesichtszügen erkannt, aber Sascha wusste, worauf er achten musste.

„Wir wissen nicht, wie man ein Babyzimmer einrichtet“, meinte Finn.

„Ach, das schaffen wir gemeinsam schon“, entgegnete Sascha selbstbewusst und sprang von seinem Stuhl auf, um sein Tablet zu holen. Ihm folgte Angelo, der bestimmt die Skizzenblöcke organisieren wollte. Eine Viertelstunde später saßen sie alle, einschließlich Monika und Boris, bei Kaffee und Dessert und halfen bei der Ideenfindung. Freilich blieben Monika und Boris auf ihrer Seite des Tisches.

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Ikea! Dimitri plante doch tatsächlich, die anderen in das Möbelhaus zu begleiten. Normalerweise bevorzugte Dimitri Möbel des gehobenen Segments. Aber dort ließ sich, hoffentlich, alles schnell und komplikationslos organisieren. Sascha musterte seinen Liebsten besorgt und Dimitri legte das Brötchen zurück auf den Frühstücksteller. Mit dem Ellbogen rückte er das Kopfkissen in seinem Rücken zurecht.

„Ich trage eine gute Maske mit ausgezeichneten Filtereigenschaften, außerdem noch das Visier. Du brauchst also dein schönes Gesicht nicht mit Sorgenfalten belasten.“

„Ha, ha“, grummelte Sascha und rührte seinen Tee etwas zu laut um.

„Der Zucker ist jetzt bestimmt ganz aufgelöst. Nachdem du bereits zum dritten Mal den Tee umrührst.“

„Ich bin auf verschiedenen Ebenen nervös. Monsieur Vilbert hat immer noch nicht angerufen und nun möchtest du auch noch Möbel aussuchen – nicht im Katalog, nein, im Möbelhaus.“

„Die tägliche Corona-Ansteckungsrate befindet sich derzeit in einem Tief. Ich wage es also, mal rauszugehen, bevor mich hier noch der Lagerkoller packt. Vielleicht essen wir sogar Köttbullar?“

„Untersteh dich! Wenn du Köttbullar haben möchtest, braten wir sie uns selbst. Mit Brandy-Sahnesoße nach einem Rezept von dieser niedlichen Kochbloggerseite Beschwipstes Kochen.“

„Ich mag die Köttbullar von Ikea“, wandte Dimitri ein.

„Njet, nein, no!“

„Aber ich komme mit zu Ikea!“ Fast klang Dimitri ein bisschen flehend, der ehemalige russische Mafiaboss, der mit einem einzigen Blick sein Gegenüber in Angst und Schrecken versetzen konnte. Butterweich und nachgiebig verhielt er sich bei Sascha, seinem Ein und Alles, seinem Augapfel.

„Ich erlaube es dir nur, weil die blöden Touristen noch nicht über die Insel hergefallen sind. Sobald die Urlaubszeit beginnt, ist hier die Hölle los und die Zahlen schnellen erneut nach oben.“

„Ja, wahrscheinlich!“ Dimitri biss in das Brötchen und nickte anerkennend. „Die Erdbeerkonfitüre, die Marinas Großmutter uns geschickt hat, schmeckt vorzüglich.“

„Wann Monsieur Vilbert wohl anrufen wird? Versuche ich es besser bei ihm?“ Sascha starrte auf das Display seines Handys, doch Dimitri nahm es ihm weg und legte es auf seinen eigenen Nachttisch.

„Es gibt das Selbstbewusstsein reicher Menschen und es gibt Arroganz. Lass Monsieur Vilbert etwas Zeit. Er darf nicht das Gefühl bekommen, dass wir ihn mit unserem Geld kaufen wollen.

---ENDE DER LESEPROBE---