Der Kostja-Clan Teil 4: Amish-Connection - Norma Banzi - E-Book

Der Kostja-Clan Teil 4: Amish-Connection E-Book

Norma Banzi

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Beschreibung

Gebunden durch einen Blutschwur, gehorsam bis in den Tod – Pjotrs Leben ist seit seiner Geburt vorgezeichnet. Er ist einer der persönlichen Leibwächter des russischen Milliardärs Dimitri Kostja und mit seinem Job praktisch verheiratet. Viel Zeit bleibt ihm nicht für die reizvolle Heidi, die während ihres Rumspringas heftig mit ihm flirtet und ihm ihre Jungfräulichkeit schenken möchte. Wird er ihren Wunsch erfüllen, obwohl er sich für unwürdig hält, einen Engel wie sie zu berühren?

Die junge Amishe sieht den liebenswerten und freundlichen Mann hinter der Fassade des knallharten Bodyguards mit den blutbefleckten Händen und bietet ihm einen Moment des Glücks an. Aber die Liebe zwischen Heidi und Pjotr ist so flüchtig wie ein Augenblick, denn sie möchte zu ihrer Familie zurückkehren und auf ihn wartet eine dunkle Aufgabe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Norma Banzi

Der Kostja-Clan Teil 4: Amish-Connection

Illustrierte Ausgabe

Bildquellen:DepositphotosDie Sims 4 Gestaltung des Coversund der Illustrationen:Norma Banzi

Inhaltsverzeichnis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Epilog

Ausblick

Social Media

Impressum

In diesem Werk bediene ich mich meiner Imagination. Klar habe ich verschiedene Einzelheiten auch recherchiert. Wo die Realität nicht zum Plot passte, habe ich sie im Buch sanft angepasst. Das hier ist schließlich keine Dokumentation.

Eins

Hin und wieder kaufte sich Pjotr eine Busfahrkarte und fuhr eine Tour durch Beverly Hills mit, so, als sei er ein ganz normaler Tourist, der sich die Villen der Stars ansah. Damit kundschaftete er aus, was für Anekdoten die Touristenführer über die Bewohner der Villen zu berichten hatten. Sein Boss, der Milliardär Dimitri Kostja, schätzte Pjotrs flexible und einfallsreiche Ideen, mit der er dazu beitrug, die Familie Kostja zu beschützen. Pjotr gehörte zu Dimitris persönlicher Leibgarde. Erzählten die Tourführer etwas, was sie nicht hätten wissen dürfen, dann wusste Pjotr, dass es irgendwo im Haushalt ein Leck gab. Zum Glück war das bisher noch nicht vorgekommen. Die meisten seiner Angestellten verehrten Dimitri, er zahlte gut und beschäftigte ganze Familien. Schon Pjotrs älterer Bruder hatte für ihn gearbeitet, damals in Russland, als Dimitri noch im Drogenhandel mitgemischt hatte. Oleg war bei einer Auseinandersetzung um ein Bordell erschossen worden. Dimitri zahlte seinen Eltern seitdem eine Rente. Ihren jüngeren Sohn Pjotr hatten sie nicht davon abhalten können, sich Dimitri anzuschließen.

Pjotr hatte nach seinem kurzen Wehrdienst bei Dimitri vorgesprochen, um seinen Bruder zu rächen und Dimitris Unterstützung dabei zu erbitten, die dieser ihm gewährt hatte. Nach der blutigen Tat hatte ihn Dimitri auf seiner Finca auf Mallorca versteckt und ihn dort zum Gardisten ausbilden lassen. Die Finca war zwar ein luxuriöser Wohnsitz, aber auch ein Trainingslager für einen Teil von Dimitris Sicherheitskräften. Dimitri leistete sich eine eigene, kleine Privatarmee, und der Ausbilder Jaume hatte Pjotr praktisch durch die Mangel gedreht und ihm den letzten Rest jugendlicher Illusionen ausgetrieben.

Nachdem Gras über Pjotrs Racheaktion gewachsen war, hatte Dimitri ihn erst für die Bewachung seines französischen Schlosses in Frankreich eingesetzt. Als Gardist arbeitete Pjotr seit dem Tod des deutschen Leibwächters Falk, der bei einem Anschlag auf Dimitris Leben getötet worden war. Viel Freizeit gab es nicht und wahrscheinlich würde er in Dimitris Diensten jung sterben. Da machte sich Pjotr keine Illusionen. Immerhin gab es einen Hoffnungsschimmer. Boris, der ehemalige Chefleibwächter, lebt noch. Er hatte sich wegen eines Hüftleidens widerwillig aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und arbeitete nun als Dimitris persönlicher Butler. Den Plan, sich in Mallorca zur Ruhe zu setzen, hatte Boris aufgegeben, als Dimitris langjähriger, treuer Schatten Vadim an Krebs erkrankte und in London mit einer Chemotherapie behandelt wurde. Von Woche zu Woche schwand die Hoffnung, dass Vadim zurückkehrte. Boris interpretierte die Pflichten eines Butlers ziemlich eigenwillig. Ob ihm seine Arbeit Spaß machte oder er nur eine Ausrede suchte, um in der Nähe von Dimitri und Sascha zu bleiben, wusste Pjotr nicht. Der neue Chefleibwächter Andrej trug es mit Fassung, dass Boris ihm immer noch über die Schultern schaute.

Pjotr war nun nicht mehr der Neuling im persönlichen Leibwächterteam. Ein Franzose namens Gil rückte nach. Im Prinzip fühlte sich Pjotr immer im Dienst, selbst wenn er frei hatte. Sein Liebesleben bestand derzeit darin, es sich hin und wieder einmal mit der Hand zu machen. Klar, er konnte sich mit einer Edelnutte treffen. Er bekam hier in den USA einen Sonderpreis bei der Begleitagentur Volupia. Manchmal tat er das auch. Wenn er sich auszog, gab es allerdings diesen einen Moment, bei dem die Frauen entweder beim Anblick seiner Tattoos zurückzuckten, die, die wussten, was sie bedeuteten, und die anderen fragten ihn neugierig aus. Seine Antworten blieben einsilbig und das drückte dann auf die Stimmung. Er war, was er war und er hoffte, eines Tages im Clan eine Partnerin zu finden, also eine Frau vom Personal, der er keine Märchen erzählen musste, die wusste, woher er kam, jedenfalls so ungefähr.

Das Kindermädchen Roxanne gehörte zu seinem Freundeskreis und sie reagierte wunderbar unbefangen auf seine Tattoos. Allerdings gab es so gar keine körperliche Anziehung zwischen ihnen. Roxanne behauptete nicht nur, asexuell zu sein, sie strahlte das auch aus. Trotz ihrer Attraktivität regten sich in Pjotr bei ihr keine sexuellen Gefühle – die sie ohnehin nicht erwidert hätte.

Im Bus neben ihm, nur durch den Gang von ihm getrennt, saßen zwei junge Frauen, die Pjotrs Interesse weckten, obgleich er sie nicht als gefährlich einstufte. Er fand sie mit ihren einfachen, schwarzen Kleidern und ihren seltsamen weißen Hauben sehr eigentümlich gekleidet. Das hielt ihn aber nicht davon ab, Fantasien zu entwickeln, wie er die aparte, langhaarige Brünette über den Sitz des Busses drückte, ihr den Rock hochschob und sie von hinten vögelte, bis sie vor Lust schrie. Dass sie ihm interessierte Blicke zuwarf, machte die Sache nicht leichter. Sie verhielt sich nicht unbedingt flirtend, aber sie schien mächtig neugierig auf ihn zu sein. Ihre Freundin stieß sie mahnend mit dem Ellbogen an, als sie wieder einmal zu ihm herüberblickte und mit ihrem geflochtenen Zopf spielte, der ihr über die Schulter floss. Unschuldig schien die Geste, doch lenkte sie Pjotrs Aufmerksamkeit auf ihre Brüste. Die beiden Frauen kicherten und unterhielten sich in einem altertümlichen Deutsch, von dem Pjotr nur Bruchstücke verstand. Das musste ein Dialekt sein, den er nicht kannte. Pjotr konnte vier Sprachen fließend – Russisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Sein Spanisch hatte sich nach ihrem langen Aufenthalt auf Mallorca im letzten Jahr auch erheblich verbessert. Sehr zu seinem Missfallen quälte er sich derzeit mit einem Arabischkurs, den Dimitri allen Sicherheitskräften der Matunus aufs Auge gedrückt hatte. Die Matunus hatte einen Vorvertrag mit dem Emir des Scheichtums Asad Aljabal abgeschlossen. Obwohl es für Pjotr als Gardist von Dimitri unwahrscheinlich war, dorthin geschickt zu werden, galt auch für ihn diese Arbeitsanweisung.

Als der Bus langsam an der Gablestone-Villa vorbeifuhr, was den Businsassen die Gelegenheit gab, ausgiebig zu glotzen und ihre Sensationslust zu befriedigen, sagte die Brünette zu ihrer Freundin: „Da wohnt mein Onkel Daniel.“

„Ehrlich? Besuchen wir ihn morgen? Ist er da angestellt?“

„Jacob meint, er würde dort mit seinem Freund Orlando leben. Onkel Daniel ist von zuhause weg, als ich noch ganz klein war. Er erinnert sich bestimmt nicht an mich.“

Die jungen Frauen plauderten eine Weile über Onkel Daniel und Pjotr wurde jetzt sehr, sehr aufmerksam. Er versuchte, so viel wie möglich von ihrer Unterhaltung mitzubekommen. Es gab keinen Daniel in der Gablestone-Villa. Andererseits sah diese junge Frau nicht so aus, als würde sie ihrer Freundin einen Bären aufbinden wollen. Die Frauen sprachen jetzt von ihrem Geldmangel und verwendeten das Wort Rumspringa. Was auch immer das zu bedeuten hatte. Er notierte es sich in seinem Smartphone und würde es später googeln. Die beiden planten doch wirklich, morgen am Tor der Villa zu klingeln und nach Arbeit zu fragen. Pjotr hielt sich gerade noch so zurück, um nicht laut loszulachen. Alle Angestellten von Vincent und Marc waren handverlesen und wurden sehr, sehr gründlich durchleuchtet. Orlando, der die Einstellungen durchführte, bediente sich in der Regel einer renommierten und sehr teuren Agentur. Die Frauen würden eine große Enttäuschung erleben. Ihre Naivität berührte ihn und er hatte das Gefühl, dass ihr Zuhause an einem ruhigeren Ort lag, an dem die Hetze und die Regeln der modernen Welt nicht galten. Vielleicht stammten sie aus einem dünn besiedelten, ländlichen Gebiet der USA, wo die Uhren noch anders tickten, so wie es in Russland noch immer Gegenden gab, in denen ein Esel oder eine Pferdekutsche das meistbenutzte Fortbewegungsmittel waren.

Später, als sie wieder an ihrem Ausgangspunkt ankamen, schritt Pjotr vor den beiden den Gang entlang und stellte sich vor dem Bus so hin, dass er ihnen beim Aussteigen behilflich sein konnte. Die Blonde schaute ihn irritiert an und verschmähte die dargebotene Hand, die Brünette dagegen nahm sie, lächelte ihn an und ließ ihre Hand länger als nötig in der seinen.

„Heidi!“ Die Blonde blickte missbilligend, als traute sie Pjotr nicht einen Deut über den Weg. Pjotr schmunzelte in sich hinein, weil sie mit ihrem Misstrauen dem Grunde nach richtig lag. Das Blut der Feinde klebte an seinen Händen und er tötete sie gnadenlos. Naive Provinzmädchen hatten allerdings nichts vor ihm zu befürchten. Nur in Gedanken zog er die unschuldige Brünette aus und genoss lustvoll ihren biegsamen Körper. In der Realität ging er zu Huren, Frauen aus seiner Welt.

„Was denn?“, fragte das Engelchen namens Heidi, von dem Pjotr angezogen wurde, wie eine Motte vom Licht, und das jetzt zu seiner Begleiterin blickte, was Pjotr bedauerte. In die samtbraunen Augen zu schauen, war ein Vergnügen.

„Wir müssen los.“

Von sich selbst überrascht, hörte sich Pjotr sagen: „Schade! Ich dachte, ich lade euch beide noch zu einem Burger ein.“ Nun gut! Es gab taktische Gründe für den Vorschlag, redete er sich ein. Vielleicht erfuhr er noch mehr über den ominösen Onkel Daniel.

Heidi lächelte ihn an und er sah bereits die Zustimmung in ihren ausdrucksvollen Augen, aber ihre Freundin zog sie eilig zur Seite. Die Frauen diskutierten leise. Die Blonde fand es unanständig, sich von einem Engländer einladen zu lassen, Heidi setzte ihre knappen Geldreserven dagegen.

„Ich bin übrigens Russe“, sagte Pjotr in ihre Richtung.

„Siehst du!“

Die Blonde rollte mit den Augen. Die Aussicht auf eine kostenlose Mahlzeit zerstreute ihre Bedenken zwar nicht gänzlich, aber sie schob sie beiseite.

Pjotr führte die beiden zu McDonalds, wo sich Heidi neben ihn auf die Bank setzte. Himmel! Sie sah praktisch aus wie eine Nonne und flirtete dabei heftig mit ihm, jedenfalls unter dem Tisch, wo er ihr Bein sehr deutlich an seinem spürte. Sie wirkte unschuldig und gleichzeitig abenteuerlustig. Wenn das nur gutging. Seit wann fand er Unschuldslämmer sexy, fragte er sich selbst. Das Kribbeln in seiner Lendengegend signalisierte ihm jedoch auffallend, wie sein Schwanz sich die Sache dachte. Er ignorierte ihn und unterhielt die Mädels mit ein paar mehr oder weniger ehrlichen Anekdoten aus seinem Leben.

Als Heidi erfuhr, dass er einige Monate im Jahr in Los Angeles wohnte, erkundigte sie sich, wohin er tanzen ging.

„Hab kaum Freizeit. Manchmal gehe ich ins Blue Velvet.“

Das stimmte sogar, irgendwie jedenfalls. Er begleitete Dimitri und Sascha als Leibwächter in die angesagtesten Clubs. Privat leistete er sich selten das Vergnügen.

„Wie ist es da?“

„Teuer“, antwortete er trocken.

Heidi schmollte und er war versucht, sie dorthin einzuladen. Nur, wie sollte er ihr klarmachen, dass sie in ihrer Nonnenkleidung niemals in den Club gelassen werden würde? Das musste so eine Art Tracht sein. Bevor er dazu kam, sie zu fragen, woher sie stammte, traten zwei junge Männer an den Tisch, die seltsam geschnittene Hosen mit noch seltsameren Hosenträgern und altmodisch wirkenden Hemden trugen. Diese Jungs wirkten so, als würden sie gleich auf Pjotr losgehen, weil er es wagte, mit ihren Kameradinnen zu reden. Vielleicht waren das auch die Freunde oder Ehemänner der Frauen. Pjotr wollte die merkwürdig gekleideten Burschen nicht verletzen. Also hob er beschwichtigend die Hände und stand auf. „Ich verabschiede mich. War schön, mit euch zu plaudern.“

xxx

Zurück in der Villa ging Pjotr erst einmal in seine kleine Wohnung und erledigte das Problem in der Körpermitte mit seinen Händen. Diese Heidi hätte er zu gerne unter sich gehabt. Danach wusch er sich die Finger, klappte sein Notebook auf und googelte das Wort Rumspringa. Er hatte es falsch aufgeschrieben, aber dank der Autovervollständigung fand er bald, was er suchte.

Aha! Die beiden Frauen waren also Amishe, Mitglieder einer friedlichen, deutschstämmigen Glaubensgemeinschaft, die technische Neuerungen ablehnte, und ihre Angehörigen erst im Erwachsenenalter taufte, wenn sie eine Weile das Leben außerhalb ihrer Gemeinschaft kennengelernt hatten, beim Rumspringa. Einige kehrten nicht nach Hause zurück und wurden dann zu Ausgestoßenen. Es gab Gemeinden, deren Mitglieder nicht mit diesen Personen sprechen durften, andere reagierten nicht so drakonisch.

Pjotr hörte ein Kratzen an der Tür und ein forderndes Miauen. Er stand auf und ließ Gata in den Raum, die kleine Samtpfotenwaise aus Mallorca, die sich ihn als Gesellschafter ausgesucht hatte und wie eine Klette an ihm hing. Beharrlich weigerte er sich, ihr einen Namen zu geben, aber nach einer gewissen Zeit war aus Katze Gata geworden, das spanische Wort für eine weibliche Katze. Er hob sie hoch und streichelte sie ausgiebig. Während sie hingebungsvoll schnurrte, überlegte er.

Wer war nur dieser Daniel? Vielleicht hatte einmal ein Daniel auf dem Gablestone-Anwesen gearbeitet und war längst weitergezogen? Pjotr entschloss sich, Orlando zu fragen, und rief ihn an.

„Ja?“

„Gab es bei euch unter den Angestellten einen Daniel, vielleicht bei den externen Sicherheitskräften?“

Orlando schwieg und Pjotr fing an, sich zu wundern. „Wie kommst du darauf?“, fragte Orlando schließlich und Pjotr meinte, eine gewisse Vorsicht aus dessen Stimme herauszuhören.

„Ich mache manchmal aus sicherheitsstrategischen Gründen diese Bustouren für Touristen mit und heute saßen da zwei junge Frauen, die sich über einen Onkel Daniel unterhalten haben. Die mit dem Namen Heidi hat behauptet, er würde in der Gablestone-Villa wohnen.“

„Komm rüber!“, befahl Orlando und legte auf. Streng genommen musste Pjotr von Orlando keine Anweisungen entgegennehmen. Aber Orlando war mehr als nur der Lebensgefährte von Vincent, Marc, Marina und Marius drüben in der Gablestone-Villa. Einem so gefährlichen Mann wie Orlando schlug man den Wunsch nach einem Gespräch nicht einfach ab. Außerdem gehörte dieser zu den persönlichen Freunden Dimitris. Entweder tat Pjotr jetzt, wie ihm geheißen oder er erhielt später einen verärgerten Anruf von Dimitri, was er sich einbildete, Orlando warten zu lassen. Also setzte Pjotr Gata auf der weichen Liegefläche ihres Kratzbaums ab, schloss die Tür zu seiner Wohnung nicht ganz, falls sie in den Garten wollte, und machte sich auf den Weg.

Zwischen der Gablestone-Villa und der von Dimitri lag noch der Geschäftssitz der Jamastone, Marcs Musiclabel. Pjotr passierte einfach ein paar Gartentore, um zur Gablestone-Villa zu gelangen. Orlando erwartete ihn in seinem Büro. Es stand schon eine Tasse Tee und etwas Gebäck für Pjotr bereit.

„Hast du ein Foto von den beiden Frauen gemacht?“, fragte Orlando von seinem Schreibtischstuhl aus, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Finger aneinandergelegt. Seinen dunklen Blick so intensiv auf sich gerichtet wissen, bereitete Pjotr ein gewisses Unbehagen. Er konterte mit seiner patentierten Neutralitätsmiene, die er gerne als eine Art Schutzschild einsetzte, um den in der Befehlskette höher gestellteren Personen zu verdeutlichen, dass ihre Einschüchterungsversuche bei ihm nicht fruchteten.

Kommentarlos rief Pjotr das Bild in seinem Smartphone auf und zeigte es ihm.

„Amishe“, murmelte Orlando, musterte die Frauen intensiv und gab ihm das Gerät zurück. Die Anspannung in ihm blieb, aber er wirkte nun nicht mehr auf Pjotr, als wolle er gleich wie ein böser Wolf zuschnappen.

„Du erkennst diese seltsame Kleidung?“

„Ja! Erzähl mir ganz genau, was du gehört hast“, befahl Orlando und Pjotr tat es, während er bei den leckeren Keksen zugriff und den Tee trank.

„Danke, du kannst wieder gehen. Schick mir bitte das Foto an meinen E-Mail-Account.“

„Das ist alles? Gibt es hier einen Daniel? Muss ich mir Sorgen machen – ich meine sicherheitstechnisch?“ Wenn es darauf ankam, schaffte Pjotr den Wolfsblick auch und er wendete ihn an.

Orlando seufzte und spielte mit seinem Verlobungsring. „Okay! Warte einen Augenblick!“ Er nahm sein Handy, suchte nach einem gespeicherten Kontakt und rief jemanden an. „Hallo Jacob!“

Dieser Jacob schien Marius, den Verlobten von Orlando, zu kennen, denn er erkundigte sich nach dessen Gesundheit, wollte wissen, wann er und Orlando endlich heirateten und ob er eine Einladung zur Hochzeit bekommen würde. Geduldig beantwortete Orlando diese Fragen, dann stellte er selbst die eine, wegen der er diesen Jacob wohl angerufen hatte. „Hast du eine Schwester namens Heidi und genießt sie gerade ihr Rumspringa?“

Das überraschte Ja von Jacob vernahm Pjotr selbst auf die Distanz. Die Rückfrage erschloss sich ihm allerdings nur aus Orlandos Antwort: „Es scheint, ihr geht das Geld aus und sie möchte sich morgen hier bewerben. Wenn ich nicht durch Zufall davon erfahren hätte, dann würde sie jemand von der Sicherheit am Tor abwimmeln. Wir lassen hier normalerweise keine Leute rein, die einfach so klingeln.“

„Ja, wir passen hier gut auf deine kleine Schwester auf. Grüß Samuel von mir!“

Orlando beendete die Verbindung und seufzte. „Kein Sicherheitsproblem. Heidi und ihre Freundin suchen nur einen Job.“

„Und wer ist Onkel Daniel?“

Orlando sah so aus, als wolle er Pjotr die Antwort verweigern. Er seufzte erneut, strich sich durch die Haare, sprang von seinem Stuhl auf und ging ans Fenster, wo er eine Weile in den Garten starrte. Dann drehte er sich um und sagte: „Marius ist ein Amisher. Er ist als Daniel Hochleitner aufgewachsen und hat bei der Navy seinen Namen geändert, damit seine Familie keine Schwierigkeiten wegen seiner Lebensentscheidungen bekommt. Die Amishen sind bei bestimmten Themen sehr streng.“

„Verstehe.“

„Behalte es bitte für dich. Ich habe Marius vor einiger Zeit erzählt, woher er kommt, weil er das unbedingt von mir wissen wollte. Aber er erinnert sich natürlich nicht daran.“

„Solange keine Sicherheitsbelange betroffen sind.“

Zwei

Als Heidi am Tor klingelte, befand sich Pjotr gerade auf dem Gablestone-Anwesen und der Chefleibwächter Joel erlaubte ihm, ihm über die Schulter zu sehen.

Die Paparazzi hielten Heidi offenbar für ein neues Dienstmädchen und machten sich nicht die Mühe, sie zu fotografieren. Pjotr sah sie auf dem Monitor der Überwachungsanlage. Sie war allein. War sie den ganzen Weg von der Bushaltestelle hierher gelaufen? Wahrscheinlich. Ein Taxi konnte sie sich bestimmt nicht leisten.

Joel war von Orlando auf sie vorbereitet worden und wunderte sich daher nicht über Heidis Erscheinen. Normalerweise wurden die Gespräche mit Leuten, die am Tor vorsprachen, an das Callcenter ihrer Sicherheitsfirma umgeleitet. Dutzende Fans und Schaulustige klingelten hier täglich und sie durften ihre Anliegen gerne bei einem Callcenter-Agent loswerden. Die meisten Leute freuten sich, dass sie mit jemand hatten reden dürfen und die Sprechanlage funktionierte. Ungefähr einmal die Woche mussten sie allerdings die Polizei rufen, wenn ein besonders hartnäckiger Fan sich einfach nicht abwimmeln ließ und hysterisch wurde, weil er nicht mit Angel sprechen durfte.

„Heidi Hochleitner. Ich bin die Nichte von Daniel Hochleitner, also ich meine … er heißt ja jetzt Mike Grell, glaube ich … Ich, ich … wollte nach Arbeit fragen.“

„Bitte warten Sie einen Augenblick, Miss Hochleitner. Wir schicken jemanden, der Sie am Tor abholt.“

Joel schickte einen Sicherheitsmann, der Heidi in das Gästebüro führte. Leider wurde Pjotr zu diesem Gespräch nicht eingeladen. Er vertrödelte seine Zeit im Aufenthaltsraum des Personals. Als Joel eintrat, um sich einen Kaffee zu holen, fragte dieser: „Privates Interesse an dem Mädchen?“

„Du hast mir ja meine letzte Freundin weggeschnappt“, murrte Pjotr. Er meinte damit Marinas sexy Assistentin Maxine, mit der er einmal eine heiße Nacht verbracht hatte. Zur gleichen Zeit wie Pjotr hatte auch Joel ein Auge auf die charmante Frau mit dem außergewöhnlichen Bekleidungsgeschmack geworfen. Mittlerweile lebte sie mit ihm zusammen, sofern sie nicht gerade mit Marina auf Reisen war. Wenn Pjotr vorher von Joels Interesse gewusst hätte, dann hätte er sie nicht mit in seine kleine Wohnung genommen. Man schnappte einem ehemaligen Offizier der französischen Fremdenlegion keine Frau weg, es sei denn, man würde ihn bewusst provozieren wollen. Und so toll hatte Pjotr Maxi nun doch nicht gefunden, um sich Joel zum Feind zu machen.

Joel lächelte säuerlich über diese kleine Spitze und zeigte ihm den Mittelfinger. Allzu ungehalten war er nicht, denn er setzte sich zu Pjotr und sie unterhielten sich ein wenig über Football, bis Joels Handy summte. Orlando beorderte ihn in sein Büro.

Zehn Minuten später klingelte Pjotrs Handy. „Hast du Zeit? Möchtest du Miss Hochleitner zu ihrer Unterkunft fahren, damit sie dort ihr Gepäck abholt?“

Wollte Joel Amor spielen? Warum auch nicht. Vielleicht revanchierte er sich jetzt dafür, dass Pjotr sich von Maxi zurückgezogen hatte, damit sie Joel eine Chance gab. Da Pjotr gerade frei hatte, sagte er zu. Er meldete sich schnell noch telefonisch bei Andrej ab und ging dann in die Vorhalle, wo Heidi wartend auf einer Bank saß.

„Miss Hochleitner? Ich bin Ihr Fahrdienst.“

„Pjotr! Arbeitest du auch hier?“ Sie sprang auf und lächelte ihn an.

„Nein, ich arbeite zwei Villen weiter für Mr. Kostja. Wollen wir?“

„Wohin?“

„Zur Garage!“

Heidi staunte über die vielen Fahrzeuge. Joel schlug vor, sie mit einem der Sportwagen zu fahren, nur war ihr das zu auffällig. Pjotr kannte so eine Zurückhaltung bei Frauen nicht, die normalerweise begeistert auf die Gelegenheit reagierten, in einem teuren Sportwagen chauffiert zu werden. Sie einigten sich auf das Chrysler Cabrio. Pjotr trug sich in die Liste ein und nahm den Schlüssel aus dem Schlüsselkasten, zu dem er die Kombination wusste. Auf der Straße gab es die übliche Knipserei des Paparazzos vom Dienst. Wann wurden die es endlich müde, ein Auto mit getönten Scheiben zu fotografieren, durch die man ohnehin nicht sah, wer darin saß? Als Pjotr sicher war, nicht verfolgt zu werden, drückte er einen Knopf und das Verdeck öffnete sich. Heidi strahlte ihn an.

„Hast du einen Job im Gablestone-Haushalt ergattert?“, fragte Pjotr.

„Ja, ich mache ein dreimonatiges Praktikum bei einer Frau namens Lisette. Ich bekomme Kost und Logis, außerdem noch ein bisschen Geld.“

„Freut mich für dich.“

„Und was machst du?“ Neugierig musterte ihn Heidi von der Seite.

„Ich gehöre zum Leibwächterteam von Dimitri Kostja.“

Heidi erschauerte sichtlich. Wenn man bedachte, dass die Amish jede Form von Gewalt ablehnten, das hatte Pjotr jedenfalls bei Wikipedia gelesen, wunderte es ihn nicht. Sie rückte aber nicht ab, eher rutschte sie noch näher zu ihm heran.

„Lädst du mich in diesen Club ein, von dem du erzählt hast?“, fragte sie und klimperte mit den Wimpern. Bestimmt hoffte sie, damit unwiderstehlich zu wirken. Pjotr fand sie ganz reizend.

„Hast du Kleidung, die du dort anziehen kannst? Etwas anderes als deine … hm … Tracht? So lassen sie dich da nämlich nicht rein.“

Heidi wurde rot. „Reichen Jeans und eine Bluse?“

„Nicht wirklich.“

Jetzt wirkte Heidis Gesicht sehr enttäuscht. „Ich habe nicht das Geld, um mir tolle Kleider zu kaufen.“

„Vielleicht kennt Maxi einen Second Hand Laden.“

„Maxi?“

„Das ist Marinas Assistentin. Sie entwirft ihre Kleidung meistens selbst, aber wenn ich mich richtig erinnere, stöbert sie auch gerne in Second Hand Läden. Frag sie einfach.“

„Wer ist Marina?“

Pjotr lachte herzlich. Als Amish hatte man wohl keinen Zugriff auf Klatschblätter, das Internet oder das Fernsehen.

„Marina ist sozusagen die Hausherrin auf dem Gablestone-Anwesen. Sie kümmert sich aber nicht um den Haushalt. Dafür hat sie das Personal. Ich bin mir sicher, der Butler wird dich noch einweisen und dir die Zusammenhänge erklären.“

„Was ist ein Butler?“

„Hm, wenn ich Diener sagen würde, wäre Bruno wahrscheinlich beleidigt. Der Butler ist ein besonderer Angestellter im Haushalt. Er organisiert und leitet das übrige Personal an. Manche Butler sind auch versiert in Kampftechniken. Butler nehmen ihren Herrschaften viele Dinge ab.“

„Du hältst mich jetzt bestimmt für dumm …“

„Ich? Nein! Unerfahren … wunderschön.“

Ein kleiner Blick zur Seite zeigte Pjotr, wie sehr sie sich über das Kompliment freute. Ihre Wangen röteten sich, aber sie lächelte. Er konnte es kaum erwarten, sie näher kennenzulernen, bis ihm einfiel, dass sie wahrscheinlich noch Jungfrau war. Soweit er wusste, hatte er noch nie eine unerfahrene Frau gehabt. Pjotr stand auf Sex ohne Verpflichtungen und Komplikationen. Bestimmt wollten Jungfrauen sanft behandelt werden und neigten dazu, romantische Gefühle zu entwickeln.

In seiner Welt wurden die blutjungen, leichtgläubigen Frauen nur selten mit Samthandschuhen angefasst. Es gab Männer, die es mochten, sie zu brechen und sie in die Prostitution zu zwingen. Pjotr selbst war mit diesen Aspekten des Gewerbes nicht direkt in Berührung gekommen. Zwar hatte Dimitri nach dem Tod seines Schwagers dessen Bordelle geerbt, dort aber einige menschenfreundliche Neuerungen eingeführt. In Dimitris Bordellen hatten die Frauen freiwillig gearbeitet – mehr oder weniger jedenfalls. „Wir sind Menschen, keine Tiere!“, hatte der kleine Pjotr ihn einmal sagen hören. Pjotr hatte aber auch gesehen, wie Dimitri einem seiner Feinde gnadenlos ins Gesicht schoss.

Wenn Dimitri es einem befahl, handelte man, ohne Fragen zu stellen – man schoss, schlitzte Kehlen auf oder Bäuche. Das alles hatte Pjotr für seinen Chef getan. Es war wohl besser, seine blutbefleckten Finger von diesem abenteuerlustigen Unschuldsengel zu lassen, der da gerade neben ihm im Wagen saß.

„Weshalb hast du die Touristentour überhaupt mitgemacht?“, lenkte Heidi ihn von seinen düsteren Gedanken ab.

„Ich wollte mir anhören, welche Lügen und Halbwahrheiten die Busunternehmen über die Stars erzählen.“

„Aus sicherheitstaktischen Gründen also?“

„Schlaues Mädchen!“

Vor ihrer Unterkunft, einem preisgünstigen Hostel in einer nicht allzu miesen Gegend, parkte Pjotr den Wagen. Heidi bestand darauf, alleine hineinzugehen. Pjotr ließ sie in dem Glauben und folgte ihr einige Minuten später unauffällig. In einem der Zimmer, die Tür war nur angelehnt, stritt sie sich mit ihrer Freundin, die sie drängte, mit ihr zusammen bei McDonalds zu arbeiten. Außerdem standen zwei junge Männer im Raum. Heidis Freunde hielten es für sicherer, wenn sie bei der Gruppe blieb, sie dagegen wollte lieber bei ihrem Onkel sein. Als einer ihrer Kameraden sie hart am Arm packte, ging Pjotr dazwischen.

„Gibt es hier ein Problem?“, fragte er. Ein Griff, noch einer, und der Mann schrie auf, weil Pjotr seinen Fingern sehr, sehr weh tat. Heidi schnappte sich ihre Tasche und versteckte sich halb hinter Pjotr.

„Was machst du denn hier?“, fragte die Freundin unwirsch.

„Ich bin der Fahrer, was dagegen?“

„Du willst doch nicht etwa mit dem abhauen? Spinnst du?“ Mit dem Zeigefinger tippte die Blondine gegen ihre Stirn und Pjotr unterdrückte den Impuls, ihr den Finger umzuknicken. Er beschützte Frauen, er tat ihnen nicht weh, auch den garstigen nicht. Außerdem führte er sich vor Augen, dass sie Heidi dem Grunde nach nur behüten wollte.

Pjotr behielt die beiden Jungs genau im Blick. Der andere war nicht so dumm wie sein Freund und versuchte nicht, ihn anzugreifen oder Heidi anzupacken.

„Ich arbeite für die Haushälterin meines Onkels, das habe ich dir doch schon gesagt. Sie ist Französin und ich lerne bestimmt eine Menge von ihr.“

„Du brauchst nicht französisch kochen zu lernen, zu Hause kochen wir deutsch“, zischte der Junge, der sich immer noch die schmerzenden Finger hielt. Pjotr hatte darauf verzichtet, sie ihm zu brechen.

„Ich will aber das Leben kennenlernen, bevor ich nach Hause zurückkehre.“

„Und mit dem da ins Bett hüpfen?“ Der Junge reagierte in seiner Eifersucht gehässig und der Schmerz, der ihm da im Gesicht stand, wurde wahrscheinlich nicht nur von dem verstauchten Finger verursacht. Möglicherweise war er in Heidi verliebt. Sie aber nicht in ihn. Ein wenig empfand Pjotr Mitleid mit ihm.

„Mit wem ich ins Bett gehe, geht dich gar nichts an!“ Mit dem Fuß stampfte Heidi auf und sie ballte ihre Hände zu Fäusten.

„Hure!“

„GENUG!“, schnauzte Pjotr den Jungen an. Alle zuckten zusammen und Heidi schmiegte sich noch ein bisschen enger an Pjotrs Seite, was dieser ganz erstaunlich fand. Obwohl er zu ihren Gunsten gesprochen hatte, wusste er doch, dass jemand wie er eher einschüchternd wirkte, sobald er etwas Temperament zeigte.

„Ich weiß nichts von euer amishen Kultur und euren Gebräuchen, aber in meiner Gegenwart wird keine Frau beleidigt. Haben wir uns verstanden, Freundchen?“

Der Junge nickte verschreckt.

„Entschuldige dich bei Heidi!“

Widerwillig presste der Junge ein „Verzeihung“ hervor.

„Hast du alles?“

„Ja!“, hauchte Heidi und hob ihre Tasche vom Boden. Pjotr nahm sie ihr ab und sie gingen zum Wagen zurück.

„Tut mir leid“, murmelte sie.

„Was tut dir leid?“

„Meine Freunde sind sonst nicht so. Sie wollen mich beschützen. Aber ich habe keine Angst vor der Familie meines Onkels. Und vor dir auch nicht.“

„Vor mir solltest du vielleicht Angst haben.“

„Warum?“

„Weil ich einer von den Bösen bin.“

Heidi lachte auf. Sie hielt seine Bemerkung für einen Witz. Er lieferte sie wohlbehalten auf dem Gablestone-Anwesen ab und trug ihr noch die Tasche in die Vorhalle. Dann führte er sie in die Küche, wo Lisette sie lächelnd in Empfang nahm. Pjotr verabschiedete sich. Auf dem Kostja-Anwesen sah er, dass Dimitri und Sascha ausgegangen waren. Da sie erst in einigen Stunden zurückerwartet wurden, nutzte er die Gelegenheit und sprang in den Pool, wo er trainierte, bis er einen Teil seiner Anspannung losgeworden war. Die persönlichen Leibwächter durften die Pools in den Residenzen von Dimitri benutzen, solange sie nicht störten. Nach dem Schwimmtraining plauderte Pjotr ein bisschen mit Boris und Roxanne, die gemeinsam versuchten, Ordnung in Saschas Kleiderschrank zu bringen. Quinn vom Gablestone-Anwesen hatte ihnen gezeigt, wie man T-Shirts und Unterhosen nach den Regeln der Butlerkunst faltete.

„Bei Quinn hat das so leicht ausgesehen“, murmelte Boris. Wahrscheinlich war es Sascha scheißegal, wie seine Unterhosen gefaltet wurden. Er freute sich, dass Boris noch zum Team gehörte, auch wenn er nicht mehr als Leibwächter arbeitete.

Die zweite Nanny der Familie, Julian, trug Dimitris Pflegetochter Aurelia in den Raum und der kleine Wonneproppen streckte die Arme nach Roxanne aus. Pjotr zog sich schnell aus dem Zimmer zurück. So sehr er Aurelia auch mochte, wollte er heute doch nicht ihr Pferdchen spielen. Das Klammeräffchen suchte sich nämlich gerne und zielstrebig einen der Gardisten aus und ließ sich von ihm herumtragen. Pjotr fand diese Entwicklung gefährlich für das Sicherheitskonzept und ermunterte Aurelia in ihrem Verhalten nicht noch. Sie hatte zwei Nannys, zwei Väter und drei Onkel, denen sie auf der Nase herumtanzte.

Drei

Normalerweise erhielt man nicht so schnell Zugang zu Dimitris Grundstück, aber Orlando bürgte für Heidi und daher wurde ihr Fingerabdruck im System gespeichert. Sie konnte nun mittels des Fingerabdruckscanners die Gartentore passieren und besuchte Pjotr in seiner Wohnung.

Gata beäugte sie zunächst misstrauisch, bis sie ein Kräuterbündel aus der Tasche zog, welches an ein Band geknotet worden war. Begeistert spielten die beiden miteinander, bis Gata sich schließlich auf die Couch fallen ließ, gähnte und die Augen schloss.

„Süß! Wie heißt deine Katze?“, fragte Heidi und setzte sich neben Gata. Sie strich über ihre Jeans und schmunzelte kurz danach, als habe sie sich bei einem Automatismus erwischt. Ob es damit zusammenhing, dass amishe Frauen traditionell nur Kleider und Röcke trugen? Mit einer Jeans setzte man sich einfach, Kleider mussten umständlich zurechtgezupft werden. Das wusste Pjotr von Valentina, Saschas verstorbener Mutter, die er als Leibwächter gelegentlich begleitet und deshalb ihre kleinen Eigenheiten kennengelernt hatte. Pjotr vermisste sie ein bisschen und hatte wegen ihres Tods noch immer ein schlechtes Gewissen, obwohl er gar nicht für ihren Schutz eingeteilt gewesen war. Ein Gardist wie er ließ sich nicht so schnell von kapriziösen Damen abschütteln, die glaubten, keinen Schutz zu benötigen. Hätte, hätte, hätte – die Gardisten konnten sich nicht an zwei Orten gleichzeitig aufhalten. Pjotr hatte damals Sascha nach Los Angeles begleitet.

Erwartungsvoll schaute Heidi Pjotr an und er antwortete: „Ich habe ihr keinen Namen gegeben. Die anderen nennen sie Gata. Das bedeutet Kätzin auf Spanisch.“

Behaglich schnurrte die Katze, als Heidis schlanke Finger sie zwischen den Ohren streichelten. Ein wenig neidisch wünschte sich Pjotr, die Hand auf sich selbst zu spüren, aber nicht zwischen den Ohren, weiter unten in seiner Körpermitte. Eilig gebot er seiner Fantasie Einhalt, bevor sie sich verselbständigte.

„Gehört sie dir gar nicht?“, wollte Heidi wissen.

„Lange Geschichte. Ich gehöre der Katze.“

Vergnügt lachte Heidi auf und öffnete eine der Papiertüten mit dem Aufdruck eines Second Hand Shops. Gatas Ohren zuckten und sie beobachtete interessiert, wie Heidi Pjotr mehrere Kleidungsstücke präsentierte. Dieser hatte wenig Ahnung von weiblicher Kleidung, aber er fand süß, was Maxi ihr ausgesucht hatte. Ausreichend passend für einen Besuch im Club war eines der Kleidchen auf jeden Fall. Leider hatte Pjotr wegen erhöhter Alarmbereitschaft gerade keinen Ausgang. In seiner freien Zeit blieb er auf Abruf auf dem Grundstück.

Heidi redete wie ein Wasserfall und erzählte von ihrer Arbeit für Lisette. Während sie ihm begeistert von den Backrezepten berichtete, erforschte Gata eine der knisternden Tüten und schlief bald darin ein. Pjotr fand die Stimmung so friedlich und kuschelig, dass er selbst fast einnickte, bis Heidi ein Thema anschnitt, bei dem er die Ohren spitzte.

„Onkel Daniel ist zwar nett, aber er wirkt so verloren. Er erinnert sich nicht an seine Abstammung und ich soll ihn Marius nennen. Irgendwie bekomme ich keinen Draht zu ihm. Mom wird enttäuscht sein, wenn ich ihr davon erzähle.“

„Du weißt schon, dass du nichts von dem, was du als Angestellte auf dem Gablestone-Anwesen erlebst, nach außen tragen darfst?“, erinnerte Pjotr sie.

Heidi wurde rot. „Sorry, daran habe ich nicht gedacht. Bekomme ich jetzt Ärger, weil ich dir von meinen Alltag erzählt habe?“

Pjotr strich ihr eine von den Haarsträhnen hinter das Ohr, die sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst hatte. „Nein, ich bin kein Außenstehender. Dimitri und Sascha sind mehr als Nachbarn für Vincent und Marc. Meine Verschwiegenheitspflicht bezieht sich auch auf alles, was auf dem Gablestone-Anwesen passiert.“

„Darf ich meiner Mama nichts über Onkel Daniel ... ich meine Marius ... erzählen?“, fragte Heidi nun besorgt.

„Das musst du mit Orlando besprechen. Ich denke, er hat nichts dagegen.“

Heidi lächelte. „Orlando ist nett.“

Pjotr lachte leise. Ja, Orlando war ein netter Mann – meistens. Pjotr hatte ihn auch schon ganz anders erlebt. Dieser ehemalige Navy SEAL ging für die Sicherheit seiner Familie, derjenigen, die er liebte und beschützte, über Leichen.

Heidi griff nach der Fernbedienung und fragte: „Schauen wir und Bloody Stackhouse im Fernsehen an? Das ist meine Lieblingsserie.“

„Warum nehmen wir das nicht auf und sehen es später? Dann können wir die Werbung vorspulen.“

„Man kann Fernsehserien aufnehmen?“, fragte Heidi erstaunt.

Sie wirkte so süß, wenn sie etwas nicht wusste, was für andere selbstverständlich war. Pjotr verkniff sich ein Lächeln und nickte. Er zeigte ihr, wie man eine Aufnahme programmierte. Mitten in seinen Erklärungen klingelte sein Handy. Scheiße! Der Klingelton gefiel ihm nicht. Andrej rief ihn zum Dienst – auf der Stelle!

„Ich muss los!“

Mit großen Augen sah Heidi zu, wie er eilig eine Schublade in seinem Schrank aufschloss und sich bewaffnete. Ja, sie sollte ruhig sehen, was für ein gefährlicher Mann er war, mit wem sie sich da einlassen wollte.

„Geh zurück zum Gablestone-Anwesen!“, befahl er ihr. Seine Stimme klang hart und Heidi zuckte etwas zusammen.

---ENDE DER LESEPROBE---