Der Kreis der Dämmerung – Teil 1: Das Jahrhundertkind - Ralf Isau - E-Book
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Der Kreis der Dämmerung – Teil 1: Das Jahrhundertkind E-Book

Ralf Isau

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Beschreibung

Am 1. Januar 1900, genau mit dem ersten Glockenschlag des neuen Jahrhunderts, wird David Camden geboren, ein Kind mit schneeweißem Haar. Seine Hebamme ist sich sicher, dass David etwas Besonderes ist. Ein Jahrhundertkind. Ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten und dazu bestimmt, eine große Gefahr von der Welt abzuwenden. Und tatsächlich verfolgt ein geheimer Zirkel – der Kreis der Dämmerung – einen finstren Plan, der die Menschheit in den Untergang stürzen soll. Nur widerwillig nimmt David sein Schicksal an und begibt sich auf das größte Abenteuer seines Lebens ... Band 1 der vierteiligen Reihe "Der Kreis der Dämmerung"! -

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Ralf Isau

Der Kreis der Dämmerung – Teil 1: Das Jahrhundertkind

 

Saga

Der Kreis der Dämmerung – Teil 1: Das Jahrhundertkind

 

Copyright (c) 2022 by Ralf Isau, vertreten von AVA international GmbH, Germany

(www.ava-international.de)

Die Originalausgabe ist 1999 im Thienemann Verlag erschienen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1999, 2022 Ralf Isau und SAGA Egmont

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN: 9788728390368

 

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

 

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit,

nichts ist exotischer als unsere Umwelt,

nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.

Egon Erwin Kisch (»Der rasende Reporter«)

ERSTES BUCH

Jahre des Erwachens

Für religiöse Fanatiker ist es ganz typisch, ... dass die »Befehle«, die sie von Gott erhalten, im Wesentlichen immer eines besagen: »Du sollst töten.« Der Gott aller Fanatiker scheint eher der Teufel zu sein.

Amos Oz

Ein unwiderstehliches Angebot

Tage wie diese sollte es wirklich nicht geben. Jeff tunkte das letzte Stück Brot in die Schale, wartete, bis es ganz mit Milch voll gesogen war, und schob es sich in den Mund. Wieder eine »letzte Mahlzeit«. Wie viele davon hatte er in den vergangenen zwei Jahren nun schon zu sich genommen!

Er blickte trübe durch das kleine Fenster auf die Straße hinaus. Der Spätsommer protzte da draußen mit Licht und Farben, als wolle er sich über den ernsten Jungen im Gasthaus lustig machen. Aber Jeff dachte gar nicht daran, sich von diesem eitlen Gehabe anstecken zu lassen. Gute Laune war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Er wollte leiden. Gründe dafür gab es jedenfalls genug.

Bei Sonnenaufgang hatte George ihn im Stall aufgesucht und ihn unsanft wachgerüttelt. Jeff war zunächst wie benommen. Er streckte sich wie ein Kater und rieb sich gähnend den Schlaf aus den Augen. Dann erst bemerkte er das Unbehagen auf dem versteinerten Gesicht des alten Mannes. Ehe der Wirt von Raven’s Court noch den Mund öffnete, wusste Jeff bereits, was ihn erwartete. Zu oft schon hatte er Worte wie diese gehört.

Er könne nicht länger im Gasthaus arbeiten, brummte der Alte missgelaunt. Ethelbert, sein Sohn, werde in Zukunft die Aufgaben des Hausknechtes übernehmen. Dessen angeschlagene Gesundheit mache ihm die Rückkehr zur Navy unmöglich. Und Raven’s Court werfe nicht genug ab, um noch mehr Mäuler zu stopfen. »Es tut mir Leid«, schloss George. »Blut ist eben dicker als Wasser. Nimm’s nicht persönlich, Junge.«

Jeff schlürfte den letzten Rest der Milch aus der Schale. Das warme Frühstück war Georges Abschiedsgeschenk, der Preis, mit dem er sein Gewissen freikaufte. Jeff seufzte. Es war Zeit, Tunbridge Wells den Rücken zu kehren. Das Unglück schien ohnehin auf der Stadt zu lasten wie ein dunkler Fluch.

Die besseren Tage des Badeortes südöstlich von London waren jedenfalls schon lange vorbei. Diese Einsicht gehörte zu Jeffs neuesten Errungenschaften. Zu Beginn des Sommers hatte er sich noch der trügerischen Hoffnung hingegeben, hier seinen Sorgen auf Dauer zu entkommen. Oder wenigstens für eine längere Zeit. Die wohlhabenden Gäste aus der Hauptstadt versprachen ein gesichertes Einkommen, entweder durch lukrative Hilfsarbeiten oder mittels gelegentlicher Diebereien. Jeff war kein Dieb aus Überzeugung, aber seit er sich als Vollwaise durchs Leben schlug, hatte er Sitte und Anstand doch gelegentlich seinem Hunger geopfert – mit zunehmendem Geschick.

Ein letztes Mal ließ er den Blick durch den leeren Gastraum schweifen. Sonntags um neun, noch vor Pater Garricks Predigt, war hier nie etwas los. Allerdings verlief sich auch sonst immer seltener jemand in das Gasthaus unweit der Flanierpromenade von Tunbridge Wells. George war oben bei seinem Sohn. Vor gut drei Wochen hatte die Influenza Ethelbert aufs Krankenlager geworfen. Inzwischen war der junge Seemann wieder auf dem Wege der Besserung. Sein Sieg über das Fieber kam einem Wunder gleich. Anderen in Tunbridge Wells war es nicht so gut ergangen. Im September hatte die heimtückische Krankheit schon vierzehn Einwohner des Ortes dahingerafft und etliche mochten noch folgen. Nein, Jeffs Zukunft lag ganz bestimmt nicht hier. Zum Sterben fühlte er sich noch zu jung.

Er erhob sich von seinem Stuhl. Der alte George Ames hielt nicht viel von rührseligen Abschiedsszenen. Wenn er wieder herunterkam, würde Jeff schon fort sein. Möglicherweise nicht einmal mehr in der Stadt. Er griff nach dem Bündel, das seine wenigen Habseligkeiten barg, packte seinen Wanderstab und ging zur Tür. Als er die Hand nach dem Griff ausstreckte, schien dieser förmlich vor ihm zurückzuschrecken.

Jeffs Augen waren noch an das schwache Licht der Gaststube gewöhnt. Doch nun blickte er unvermittelt auf ein sonnengleißendes Rechteck, in dem eine dunkle Silhouette aufragte. Entsetzt taumelte er zurück. Dieser Fremde – wer immer es auch sein mochte – hatte ihm einen fürchterlichen Schrecken eingejagt. Dabei hätte Jeff nicht einmal sagen können, was ihn an dieser Gestalt im Gegenlicht so verängstigte. Zugegeben, sie war riesig, wohl mindestens sechseinhalb Fuß hoch, und außerdem auch deutlich breiter als jeder Gast, den Jeff bisher im Wirtshaus gesehen hatte. Aber das allein war es nicht. Diesem Schemen haftete noch etwas anderes an, das den Jungen frösteln ließ, etwas ... Unerklärliches.

»Warum starrst du mich so an, Junge?«, fragte der Schatten mit einer hohen, leicht vibrierenden Stimme, die nicht unfreundlich klang, aber auch nicht besonders herzlich.

Es verliefen sich nur selten Angehörige der besseren Gesellschaft in dieses Gasthaus – Raven’s Court gehörte nicht gerade zu den Etablissements der gehobenen Klasse. Im Sommer hatte Jeff hin und wieder die herablassende Art dieses speziellen Menschenschlages zu spüren bekommen. Der Schemen in der Tür beherrschte diesen Ton auf eine bemerkenswert kalte und distanzierte Art, fast so, als spräche er nicht mit einem Knaben, sondern mit einem nicht ganz einwandfrei funktionierenden Regenschirm.

»Ich ... ich wollte nur ...« Jeff war zu eingeschüchtert, um auch nur ein vernünftiges Wort herauszubringen.

»Wer bist du, Junge?«

»Mein Name ist ... Jeff.«

»Ist das schon alles? Nur Jeff?«

»Eigentlich Jeff Fenton, aber so nennt mich hier niemand.«

Der lebendige Schattenriss machte einen großen Schritt auf den Jungen zu und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Dadurch wurden Jeffs Augen aufs Neue irritiert. Er konnte nur einen schwarzen, wallenden Umhang und einen Hut mit breiter Krempe erkennen.

»Wie alt bist du, Jeff?«

»Vierzehn«, murmelte der Junge zögernd. Erst ganz allmählich wich die Starre aus seinen Gliedern. Warum wollte der Fremde das wissen?

»Hättest du Lust dir etwas Geld zu verdienen?«

Jeff wurde hellhörig. »Wie viel Geld für welche Arbeit?«

»Du scheinst mir ein recht geschäftstüchtiger junger Mann zu sein«, antwortete der Schemen amüsiert. Sein Gesicht war unter dem weiten Schlapphut nur zu erahnen. »Da ich jetzt deinen Namen kenne, sollte auch ich mich zuerst vorstellen. Ich bin Negromanus, die rechte Hand von Lord Belial. Und nun zu deinen Fragen: Du müsstest heute von zwei bis gegen Mitternacht auf The Weald House, dem Landsitz meines Herrn, als Küchenjunge arbeiten. Dein Lohn beträgt einen Florin.«

Der Name des geheimnisvollen Adligen ließ einen weiteren Schauer über Jeffs Rücken laufen. Wie ein lauernder Wolf versteckte sich Lord Belials Anwesen in dem bewaldeten Hügelland außerhalb von Tunbridge Wells. Allein seine einsame Lage gab den Bewohnern der Stadt Anlass zu zahlreichen Gerüchten. Manche meinten zu wissen, dass The Weald House der Treffpunkt einer geheimen Freimaurerloge sei. Andere behaupteten, da draußen würden unheimliche Dinge vor sich gehen. Wer sich derart absondert, der kann nichts Gutes im Schilde führen, lautete eine weit verbreitete Ansicht.

In Jeffs Kopf tobte ein Bienenschwarm. Er war hin- und hergerissen. Ein Florin! Das waren zwei ganze Schillinge. Vierundzwanzig Pence! Ein unverhoffter warmer Regen, der ihn aus Tunbridge Wells fortspülen würde. Und das für nur zehn Stunden Küchendienst? Er konnte es nicht fassen, sah sich bereits auf der Suche nach einem besseren Ort unbekümmert über sonnige Landstraßen schlendern, ohne die Zeit mit Arbeit oder nächtlichen Beutezügen verschwenden zu müssen. Der Gedanke war verlockend.

Negromanus bemerkte das Zaudern des Jungen. Deshalb fügte er erklärend hinzu: »Der Lord hat ein knappes Dutzend Gäste eingeladen und besteht auf einem perfekten Ablauf des Abends. In der letzten Nacht ist uns unerwartet eine Küchenhilfe ausgefallen – das Fieber, du weißt schon. Deshalb zahlen wir dir diesen fürstlichen Preis, wenn du dich gleich jetzt entscheidest.«

Durch Jeffs Gedanken wirbelten unzählige Fragen: Kannte er den Bedauernswerten, dessen Unglück ihm nun zur Chance werden sollte? Er war »ausgefallen« – hieß das, er rang vielleicht schon mit dem Tod? Und weshalb bot Negromanus einem Küchenjungen so viel Geld? Sollten damit etwa die Bedenken erstickt werden, die in der Stadt kursierten? In Tunbridge Wells wurde viel über The Weald House geflüstert. Manche wollten sogar einen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen des geheimnisvollen Lords und der gefährlichen Epidemie sehen. Ach was! »Wer auf den Wind achtet, wird nicht Samen säen; und wer nach den Wolken schaut, wird nicht ernten«, hatte Pater Garrick in einer seiner Predigten einmal gesagt: Übertriebene Vorsicht brachte keinen Lohn. Schon gar nicht zwei ganze Schillinge. Jeff rief sich ins Gedächtnis, dass Lord Belial erst im Frühjahr auf The Weald House Einzug gehalten hatte. Für die einsame Lage des Landsitzes konnte der menschenscheue Adlige wirklich nichts. Und das abergläubische Gerede der Leute ...?

»Ich mach’s«, entfuhr es Jeff. Die unangenehmen Fragen schluckte er wie eine bittere Medizin herunter. Auch vermied er es tunlichst, seine Augen länger als nötig bei der beklemmenden Erscheinung des Negromanus verweilen zu lassen; der Diener des Lords schien die Dunkelheit förmlich anzuziehen.

»Ich gratuliere dir zu deiner Entscheidung«, erwiderte dieser. Seine Stimme klang amüsiert. »Du kennst den Weg zum Landsitz des Lords?«

»Ich denke, ich werde ihn finden.«

»Dies hier soll dir bei der Suche helfen. Also dann, bis um zwei. Sei pünktlich, Jeff Fenton.«

Der Junge hörte ein klimperndes Geräusch, dann das Öffnen der Tür. Sehen konnte er diesen Vorgang nicht, denn Negromanus hatte sich in einer schnellen Bewegung umgedreht und die Wolke seines wallenden Umhangs füllte für einen Augenblick den ganzen Türausschnitt. Dann war er verschwunden.

Erst jetzt hörte Jeff ein Klappern auf den Dielen. Er musste blinzeln, denn nun blendete ihn wieder das Sonnenlicht durch die offen stehende Tür. Dann sah er es aufblitzen, das Sixpencestück. Schnell bückte er sich und hob die Münze auf. Noch im Aufrichten blickte er auf die Straße hinaus. Von dem dunklen Boten fehlte jede Spur. Merkwürdig. Jeff zuckte mit den Schultern, auf den Lippen ein diebisches Grinsen. Und wenn schon. Ungeachtet aller Bedenken hatte sich diese Begegnung doch gelohnt. Vielleicht war der Diener des Lords ja einfach nur ein ruheloser Geist. Wie würde da erst sein Herr sein?

Warnsignale

Vielleicht hat dieser Tag ja auch sein Gutes, dachte Jeff, nicht weiter auf die Leute achtend, die selbst heute vor Dr.Bloomys Apotheke Schlange standen. Aus eigenem Entschluss hätte er Tunbridge Wells jedenfalls nicht so schnell den Rücken gekehrt. Aber nun hatte George Ames ihm die Entscheidung abgenommen.

Während Jeff die Pantiles Parade hinunterschlenderte, eine gepflasterte, von Säulen gesäumte Promenade, überlegte er, wohin er seine Schritte lenken sollte, wenn er erst den ganzen Lohn für seine Eintagsstelle in der Tasche hatte. Vierundzwanzig Pence! Er konnte es immer noch nicht glauben. Vielleicht wäre die Englische Riviera genau das Richtige für ihn. Das milde Klima von Torquay zog die wohlhabenden Leute aus ganz England wie ein Magnet an. Dort ein Auskommen zu finden, dürfte keine unlösbare Aufgabe sein.

An der Pforte der Kirche von St. Charles dem Märtyrer blieb er stehen. Jemand rempelte ihn an, murmelte eine Entschuldigung und eilte weiter dem Eingang des Gotteshauses entgegen. Um diese Zeit drängten die Menschen voller Erwartung unter Pater Garricks Kanzel, um wieder einmal eine seiner denkwürdigen Sonntagspredigten zu hören. Jeff kratzte sich hinter dem Ohr. Sollte auch er hineingehen, ein letztes Mal der feurigen Rede Pater Garricks lauschen und vielleicht noch ein Gebet sprechen? Immerhin lag eine ungewisse Zukunft vor ihm, möglicherweise auch Gefahren. Ein wenig himmlische Leitung konnte da gewiss nicht schaden.

Obwohl das Leben Jeff in den letzten Jahren arg mitgespielt hatte, besaß er noch immer seinen Glauben an Gott. Es musste mehr geben als nur das sichtbare Universum. Manchmal stellte er sich den Himmel wie London vor: Auf dem Thron saß der Allmächtige, erhabener noch als Queen Victoria im Buckingham Palace, und davor drängten sich die Cherubim, Seraphim, alle möglichen Engelssöhne eben. Einige waren dem Thron ganz nahe, damit sie ihrem Vater jeden Wunsch von den Augen ablesen konnten, und andere, die Rebellen, schmachteten im Tower (der heilige Petrus hatte diesen Ort Tartarus genannt). Diese gefallenen Engel hatten sich selbst zu Dämonen gemacht, indem sie Gottes größtem Widersacher nachfolgten: Satan, dem Teufel.

Jeff betrat die Kirche und suchte sich einen freien Platz in einer der hinteren Bänke. Vor ihm saß ein hoch gewachsener Mann in einfacher Kleidung, eine ideale Deckung, um dem bohrenden Blick des Geistlichen zu entgehen.

Schon bald erschien der Pater. Er betrat das Gotteshaus durch einen Seiteneingang. Obwohl das Gesicht des asketisch schlanken Mannes in Kontrast zu seinem schwarzen Habit nie wirklich rosig gewirkt hatte, kam es Jeff an diesem Tage noch blasser vor als sonst, geradezu aschfahl. Pater Garricks Miene prägte eine ungewohnte Verbissenheit. Vielleicht plagte den Gottesmann mit dem schütteren Haar ein verborgenes Leiden. Oder die Last der Worte, die er nun gleich zu Gehör bringen musste.

Pater Garrick erklomm in seltsam steifer Haltung die Kanzel, die mittig im Kirchenschiff aufgestellt war. Von hier aus konnte er seine Herde von Gläubigen gut überschauen. Er zog einige Blätter Papier aus seiner Robe, breitete sie auf dem Pult aus und schürzte die Lippen. Sein Blick wanderte über die Gemeinde. Hin und wieder runzelte er unwillig die Stirn, offenbar wenn er ein bestimmtes Gesicht nicht finden konnte. Jeff vermutete, dass der Gottesmann im Geiste eine Anwesenheitsliste führte, die er bei dieser Gelegenheit auf den neuesten Stand brachte. Endlich kam der Pater zum eigentlichen Zweck der Zusammenkunft: der Erbauung seiner Gemeinde.

Die Predigt ruhte auf einigen Grundpfeilern, die fast alle Ansprachen des Geistlichen trugen. Pater Garrick verfügte über ein bewundernswertes Geschick die gleichen Gedanken in immer neue Worte zu kleiden. Ebenso bunt fielen auch die Reaktionen seiner Zuhörer aus: Manche waren von Herzen gerührt, einige zu Tode gelangweilt und andere zutiefst erschüttert. Noch heute erinnerte sich Jeff an jedes Wort der ersten dieser Predigten, der er am zweiten Sonntag nach seiner Ankunft in Tunbridge Wells gelauscht hatte. In den Tagen davor hatte er sich zwei-, dreimal mit kleineren Diebereien über Wasser gehalten, aber dem setzte Pater Garrick mit seinen anschaulichen Worten vorerst ein Ende. Jeffs Frömmigkeit ging zwar nicht so weit, dass er dem Pater seine Sünden beichten mochte, aber in einer persönlichen Aussprache mit Gott versuchte er dennoch reinen Tisch zu machen.

Anschließend erhielt er die Stellung als Hausbursche in Raven’s Court, für Jeff eindeutig eine Antwort des Himmels. Es folgten sonnige Wochen ohne Hunger, mit einem festen Dach über dem Kopf, auch wenn es nur das eines Pferdestalls war. Seit dem Tod seines Vaters war Jeff nie mehr so lange an einem Ort geblieben wie hier in Tunbridge Wells. Er hatte sich geborgen gefühlt in diesem etwas heruntergekommenen Gasthof von George Ames und seiner Frau Amy.

Jeffs Mutter war schon im Kindbett gestorben. Sein Vater Adam, ein Silberschmied, hatte sich redlich um seine Erziehung bemüht, ihn später regelmäßig in die Schule geschickt, einen rundherum glücklichen Jungen aus ihm gemacht. Doch als der Vater dann vor zwei Jahren an einer Lungenentzündung starb, stellte sich heraus, dass er mit Geld weit weniger gut hatte umgehen können als mit Silber und Kindern. Von einem Tag auf den anderen wurde aus Jeff eine mittellose Waise. Er sollte in ein Heim gesteckt werden. Doch vorher hatte er sich aus dem Staub gemacht.

Jeff nahm seine Gedanken an die Kandare und versuchte sich wieder auf Pater Garricks Vortrag zu konzentrieren. Was der Geistliche da, gleichsam aus göttlicher Perspektive, auf seine Schäflein herniederprasseln ließ, glich einem Hagelschauer düsterer Visionen. »Und der Herr sagt: ›Hernach werde ich nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommet der Prinz der Welt.‹ So steht es im Evangelium des Johannes geschrieben, Kapitel vierzehn, Vers dreißig. Wo werdet ihr dann stehen, wenn jener kommt, vor dem der Herr Jesus uns da warnt?« Der Seelenhirt ließ die Frage hinreichend lang in das Bewusstsein seiner Gemeinde einsickern, während sein Blick über eingeschüchterte Gesichter streifte. »Glaubt nicht, ihr könntet ohne Beistand des Herrn jenem Prinzen widerstehen, der so viele Namen hat: Beelzebub, Luzifer, Satan, Teufel – unmöglich sie alle aufzuzählen! Nehmt euch die Worte des heiligen Paulus zu Herzen: ›Und euch hat er lebendig gemacht, die ihr tot wart in euren Verfehlungen und Sünden; in welchen ihr einst wandeltet gemäß dem Lauf dieser Welt, gemäß dem Prinzen der Gewalt der Luft, dem Geist, der nun wirket in den Kindern des Ungehorsams.‹«

Auf Pater Garricks Stirn standen Schweißtropfen. Er atmete schwer. Ließ seine Worte abermals wirken. Oder war es Erschöpfung, die ihn zum Innehalten zwang? Derart hat er sich noch nie verausgabt, dachte Jeff und beobachtete aus seiner Deckung, wie der Geistliche seine Predigt fortsetzte.

»Anscheinend gibt es einige in Tunbridge Wells – oder soll ich sagen, in dessen näherem Umkreis? –, die sich dieser Hilfe nicht versichern wollen. Nie besuchen sie eine unserer Andachten. Sie scheuen dieses Haus wie der Teufel das Weihwasser. Was Wunder, wenn der fromme Mann sich da zu fragen beginnt, welch unheiligem Treiben diese verirrten Seelen wohl frönen.«

Pater Garrick stockte. Jeff konnte deutlich sehen, wie er schwankte, sich mit knöchernen Fingern an der Brüstung der Kanzel festklammerte. Ein Murmeln ging durch die versammelte Gemeinde.

»Wenn uns Gott mit seinem Fluch bestraft, wenn er das Fieber über diese Stadt ausgießt wie einst Feuer und Schwefel über Sodom und Gomorra, dann wird er dafür auch einen Grund haben. Hütet ...« Pater Garrick stockte. Er schien kaum noch seinen Kopf gerade halten zu können. Sein Oberkörper war weit vorgebeugt. Der Atem rasselte. Auf dem Gesicht des hageren Mannes vereinten sich tausende feiner Schweißtröpfchen zu einer glänzenden Maske. Einige Zuhörer waren erschrocken von ihren Plätzen hochgefahren. Aber der zähe Geistliche wollte noch nicht aufgeben.

»Hütet ... euch vor dem, der böse ist. Die Schrift sagt: ›Unterwerft euch Gott; doch widersteht dem Teufel, und er wird von euch fliehen.‹ Wie ... wie könnten wir da jenen dienen, die selbst Knechte des Prinzen dieser Welt sind? Wieder sagt die Schrift: ›Fliehet ...!‹«

Pater Garrick bäumte sich unvermittelt auf, als hätte ihn ein unsichtbarer Dolch von hinten getroffen. Dabei verlor er das Gleichgewicht, stürzte rückwärts die Stiege hinunter und blieb mit grässlich verkrümmtem Rücken auf dem steinernen Kirchenboden liegen. Im gleichen Moment flog das Portal auf und ein Schwall hellen Sonnenlichts ergoss sich in das Mittelschiff. Wer wie Jeff nahe am Gang saß, konnte auf dem Fußboden einen grotesk in die Länge gezogenen Schatten sehen, der einem Mann zu gehören schien. Doch als sich zahllose Gläubige umdrehten, sahen sie nur ein leeres Tor.

Von des Paters letztem Ausruf bis zu dem allgemeinen Wenden der Köpfe waren nur wenige Augenblicke vergangen. Dennoch hatte diese Zeit vollauf genügt, um die andächtige Stille in das reinste Tohuwabohu zu verwandeln. Der Pater lag am Boden, als hätte er einen unsichtbaren Strick um den Hals, dessen anderes Ende seine Fußgelenke fest hielt und dadurch seinen Kopf auf abnorme Weise zurückzog. Vier oder fünf Helfer knieten schon bei ihm. Mit jeder Sekunde gesellten sich weitere hinzu. Andere rannten in Panik dem Ausgang entgegen. Die weitaus größte Zahl formierte sich jedoch zu tuschelnden Grüppchen, kleinen Festungen aus menschlichen Leibern, von denen aus der Fortgang des schrecklichen Geschehens im Schutze Gleichgesinnter verfolgt werden konnte.

Jeff für seinen Teil war wie betäubt. Ungläubig starrte er in die Richtung der größten »Menschenburg«, unter der sich Pater Garricks hingestreckter Leib befand. Am Rande des Gedränges bemerkte er einen geschniegelten jungen Mann, der sich zu einem der Spähtrupps im Kirchenschiff umwandte und traurig den Kopf schüttelte – eine stille Geste in der aufgewühlten See aus Jammern und Klagen, zum Himmel gerichteten Hilferufen und Unheil abwehrenden Sprüchen. Jeff verstand diese lautlose Botschaft sehr gut: Pater Garrick lebte nicht mehr. Was für eine Ironie des Schicksals! Ausgerechnet ihn, den wortgewaltigen Herold gottgesandter Heimsuchungen, hatte es nun selbst getroffen. War das ein himmlisches Versehen? Was nur hatte ihn so unerwartet dahingerafft? Oder sollte Jeff sich besser fragen, wer hatte es getan?

Das Haus im Wald

Jeff verabscheute Tage wie diesen. Seine Gefühle spielten verrückt. Er war hin- und hergerissen. Am Morgen hatte ihm George den Laufpass gegeben, wenig später war dieser dunkle Bote mit seinem Füllhorn voller Geld erschienen. Und nun das!

Fliehet! Pater Garricks letzte Worte hallten noch immer wie eine Unheil verkündende Warnung durch Jeffs Geist, während er mit weit ausholenden Schritten das Ende der Kolonnade passierte. Für gewöhnlich traf man hier auf eine Vielzahl von Menschen, die von dem Wasser der eisenhaltigen Quelle tranken, der Tunbridge Wells Namen und Ansehen verdankte. Jetzt jedoch war weit und breit niemand zu sehen. Die Nachricht von Pater Garricks plötzlichem Dahinscheiden konnte sich doch unmöglich so schnell verbreitet haben.

Fliehet! Warum hatte der Geistliche nicht gesagt, wohin? Und vor allem vor wem? Wohl die Mehrzahl der Gemeinde hatte Pater Garricks letzte Worte auf Lord Belial bezogen. The Weald House war nicht gerade als Hort frommer Gebete bekannt. Aber es gab, allem Gemunkel zum Trotz, auch keine Beweise für das Gegenteil. Den Gerüchten um das einsame Anwesen im Wald nachzugehen, glich dem sprichwörtlichen Haschen nach Wind. Offenbar hatte niemand diesen geheimnisvollen Lord bisher wirklich gesehen.

Der schnelle Marsch – oder war es eher eine überstürzte Flucht? – hatte für Jeff auch etwas Gutes: Seine Gedanken beruhigten sich endlich. Nachdem es am Ableben des Geistlichen nichts mehr zu deuteln gegeben hatte, war er mehr oder weniger kopflos aus der Kirche gerannt. Doch nun kehrte allmählich wieder jene klare Denkweise ein, die ihn in den letzten beiden Jahren am Leben erhalten hatte. Er kniete sich an einer ruhigen Stelle des kleinen Baches nieder, der aus der Heilquelle unterhalb der Pantiles Parade entsprang, und führte das kühle Nass in der hohlen Hand einige Mal zum Mund. Nachdem er genug getrunken hatte, wusch er sich das erhitzte Gesicht und betrachtete sein Antlitz in dem ruhiger werdenden Wasser.

Er hatte ein wenig zugenommen in den letzten drei Monaten. Die alten Kleider von Ethelbert passten nun sogar, einigermaßen jedenfalls. Mit seinen strahlend blauen Augen und dem dichten, über die Ohrenspitzen reichenden Haar sah er darin sogar ganz passabel aus. Die breiten Hosenträger sorgten zuverlässig dafür, dass die braunen Beinkleider aus derbem Stoff auf richtiger Höhe schwebten. Das helle kragenlose Leinenhemd darunter bot noch genügend Spielraum für Wachstum in jedwede Richtung. Die braunledernen Halbschuhe waren sogar neu besohlt. Alles in allem konnte Jeff zufrieden sein. Es ging ihm so gut wie lange nicht mehr. Zugegeben, auf jeden Fremden hätte er nur wie ein spindeldürrer Halbwüchsiger gewirkt, aber wer ihn heute sah, konnte ja auch nicht ahnen, dass dieser schlaksige Blondschopf vor einem Jahr nur Haut und Knochen gewesen war, zerlumpt und schmutzig wie ein Straßenköter.

Jeff hatte seine Lehrzeit für das Überleben unter freiem Himmel im Eiltempo absolviert. Er war den Sklavenfängern entkommen, die ihn als Karrenburschen für die Kohlengruben eingeplant, den Räubern, die es auch noch auf sein letztes Hemd abgesehen hatten; er lernte, wie man in der Natur seinen Hunger stillt und wie man lautlos in ein Haus einsteigt.

Dieser unrühmliche Teil seines Lebenslaufes machte ihm noch immer zu schaffen. Pater Garricks Predigt hatte ihn tief beeindruckt, nicht nur wegen des dramatischen Schlussakkords. Jeff wollte nicht zu den »Kindern des Ungehorsams« gehören, die dem Geist des »Prinzen der Welt« hörig waren. Aber was für eine Chance hatte er wirklich, etwas anderes zu sein als ein ungehorsames Kind, eben doch nur ein ganz gewöhnlicher Dieb?

Jeff schlug mit der Hand ins Wasser und zerstörte damit sein Spiegelbild. Schnell stand er auf, klopfte sich den Schmutz von den Knien und setzte seinen Marsch fort, im Stillen hoffend, dass der »Prinz der Welt« sich mit seinem Kommen noch etwas Zeit lassen würde.

Vorbei an viktorianischen Villen, den noblen Sommerhäusern der noch viel nobleren Londoner Gesellschaft, strebte er auf der Straße nach Norden dem Ortsausgang zu. Der kürzeste Weg zur Englischen Riviera war dies nicht, aber Jeff hatte beschlossen, sich nicht mit einem Viertel des Lohnes zufrieden zu geben, wenn er auch die ganzen zwei Schillinge bekommen konnte. Außerdem konnte er schwerlich auf dem Pfad der Tugend in Richtung Südwesten wandeln, wenn er noch eine unrechtmäßig erworbene Anzahlung in der Tasche trug.

Was immer man über diesen Lord Belial sagen mochte, das meiste davon dürfte auf dummem Geschwätz und der Rest auf kindischem Aberglauben beruhen. Wenn Pater Garricks letzte Andeutungen wirklich dem Lord gegolten hatten, dann doch wohl eher, um seiner Gemeinde die Ohren zu kitzeln. Die Leute hörten eben gern solch düsteres Gerede. Gruseln gehörte zum allgemeinen Zeitvertreib, nicht nur der besseren Gesellschaft. Das Prickeln an den Haarwurzeln hatte eine in vielerlei Hinsicht belebende Wirkung. Das konnte einem so spirituellen Menschen wie Pater Garrick nicht entgangen sein. Bei manchem förderte es eine bußfertige Haltung. Andere – wohl die meisten – würden aber auf jeden Fall auch zu seiner nächsten »Vorstellung« kommen. Leider hatte der gestrenge Gottesmann dabei sein vorzeitiges Ableben nicht mit ins Kalkül gezogen.

Es muss das Fieber gewesen sein. Jeff rief sich das auffällige Gebaren des Paters in den Sinn. Die steifen Bewegungen. Der Schweiß auf der Stirn. Der Schwindel. All das hatte er auch bei Ethelbert beobachtet, als ihn das Fieber auf das Krankenlager warf. Nur der Ausgang der Geschichte war unterschiedlich.

Und der Schemen? Hatte er nicht ganz auffällig jener Silhouette geglichen, mit der Negromanus in der Wirtshaustür erschienen war? »Unsinn!«, beschimpfte sich Jeff selbst. Noch einmal steigerte er das Tempo; sein schneller Atem würde ihm die düsteren Gedanken schon aus dem Kopf blasen. Der dunkle Schatten war nur für einen winzigen Augenblick am Kirchenfußboden erschienen. Und auch nur dort. Im Portal hatte niemand gestanden, um das Sonnenlicht am Eindringen zu hindern. Jeff schob die unangenehme Erinnerung beiseite. Warum sich mit dem trügerischen Spiel des Lichts aufhalten, wenn es doch viel handfestere Dinge im Leben gab, die seiner Aufmerksamkeit bedurften? Welche Personen mochten bei diesem Empfang wohl geladen sein, dass schon ein einfacher Küchenjunge wie ein Fürst entlohnt wurde?

Ein Florin, zwei Schillinge! Dafür bekam man gleich zwei gebundene Bücher wie die Railway Library, diese aufregende Geschichtensammlung von George Routledge. Jeff war ein begeisterter Leser. Seit er sich der Obhut des Königlichen Waisenhauses von Waltham Abbey entzogen hatte, war ihm dieses Vergnügen jedoch nur selten vergönnt gewesen. So würde er wohl auch dieses Mal seinen Lohn in Brot und anderem Lebensnotwendigem anlegen. Wenn er das Geld erst hatte.

The Weald House lag am Ende einer drei Meilen langen Zufahrt, die von der Straße nach London abging. Es war mitten in das dicht bewaldete Gebiet eingebettet, das man gemeinhin als The Weald of Kent bezeichnete. Das plötzliche Auftauchen des Anwesens zwischen den Laubbäumen hatte Jeff regelrecht überrascht. Er blickte zum Himmel empor. Die Sonne stand noch fast im Zenit: Er würde pünktlich sein.

Das graue Landhaus lag wie ein schlafender Drache im Wald. Es bestand größtenteils aus grob bearbeiteten Steinblöcken; nur im drei Stockwerke hohen Mittelteil konnte Jeff auch rötliches Fachwerk entdecken. Er lief direkt auf die Giebelseite dieses zentralen Baus zu, der weit aus den beiden flachen Seitenflügeln herausragte. Alle Gebäudeteile waren mit Spitzdächern versehen, auf denen eine nicht näher zu bezeichnende Anzahl Schornsteine thronte – offenbar verfügte hier jedes Zimmer über einen eigenen Kamin.

Wie weit sich der Bau hinter dieser Vorderansicht noch in die Tiefe erstreckte, konnte Jeff von seiner augenblicklichen Position aus nicht erkennen. Dafür entdeckte er auf der linken Seite, leicht versteckt unter den Bäumen, eine Hand voll Wirtschaftsgebäude, darunter auch die Stallungen. Es standen sechs oder acht Kutschen davor. Offenbar war die Mehrzahl der Gäste schon eingetroffen.

Jeff überquerte einen runden, mit Kies bestreuten Vorplatz und stieg die drei flachen Stufen zum überdachten Haupteingang empor. Er wollte gerade den Messingklopfer betätigen, als sich die Tür schon öffnete.

Diesmal wurde er weder geblendet noch von undurchdringlichen Schatten irritiert. Vor ihm stand ein molliges Dienstmädchen mit roten Haaren und einem schüchternen Lächeln auf dem Gesicht.

»Guten Tag«, sagte Jeff höflich. »Mein Name ist Jeff Fenton und ich komme, um hier zu arbeiten.«

Das Mädchen kicherte.

»Bei wem muss ich mich melden?«, fasste Jeff nach. Seine Stimme klang nun schon etwas fordernder. Er konnte kichernde Mädchen nicht ausstehen.

»Ich bin Dorothy«, gluckste die sommersprossige Magd, die etwa in Jeffs Alter sein musste. »Wer hat dich denn eingestellt, Jeff?«

»Die rechte Hand deines Herrn.«

»Du meinst ...?« Die Fröhlichkeit verflüchtigte sich jäh aus Dorothys pausbackigem Gesicht.

Nicht ganz unzufrieden über diese Entwicklung, bestätigte Jeff flüsternd: »Negromanus. Ein dunkler Geselle, nicht wahr? Er hat mich für Lord Belials heutigen Empfang engagiert.«

»Und was sollst du hier tun?«

»Eurem Küchenchef assistieren.«

Dorothy musste erneut kichern. Jeff verdrehte die Augen.

Als die Magd ihre Fröhlichkeit wieder einigermaßen im Griff hatte, erwiderte sie: »Ach, du bist der Aushilfsküchenjunge für die kranke Lissy. Das hättest du ja auch gleich sagen können.«

Jeff stöhnte innerlich. Eine Aushilfe für ein Mädchen! Vermutlich noch so ein gackerndes Huhn, das sich nun im Fieber wälzte. Er verkniff sich eine passende Bemerkung und antwortete betont gelassen: »Wo muss ich mich also melden?«

»Geh links ums Haus herum. Da findest du einen Dienstboteneingang. Den nimmst du und fragst dann den Nächstbesten.«

»Und warum kann ich nicht wie du den Haupteingang benutzen?«

»Der Haupteingang ist nur für die Herrschaften. Und natürlich für das Stammpersonal! Hilfskräfte müssen hinten rein.«

Dorothy ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und marschierte mit erhobener Nasenspitze in Richtung Stallungen an dem neuen Aushilfsküchenjungen vorbei.

Nach verhältnismäßig kurzer Zeit hatte Jeff seine Niederlage überwunden. Er schlug den von Dorothy beschriebenen Weg ein, fand den Dienstboteneingang und kollidierte hiernach fast mit einem der Hauspagen. Dieser wies ihm den Weg in die Küche, wobei er keinen Hehl daraus machte, was er von einem Ersatz für eine Hilfskraft hielt.

The Weald House verfügte zurzeit über den Luxus zweier Küchenchefs. Der eine war Italiener und hieß Alberto Rodari, der andere stammte aus Japan und kochte unter dem Namen Ohei Ozaki. Er war mit seinem Herrn eigens für dieses Treffen angereist und wurde vom übrigen Dienstpersonal der Einfachheit halber Double-O genannt. Weil niemand mit dem exotischen Zwerg aus dem Land der aufgehenden Sonne zu tun haben wollte, ordnete man ihm kurzerhand den Neuen zu – also Jeff.

Double-O war quirlig, ungefähr Anfang dreißig und konnte Englisch sprechen. Sogar recht ordentlich, wenn man bedachte, dass er mit Stäbchen im Mund aufgewachsen war (Jeff hatte das einmal in einer Zeitung gelesen). Der pummelige japanische Koch spannte seinen neuen Küchenjungen sofort ein. Jeff musste aus den Speisekammern hundert verschiedene Zutaten heranschleppen: Gemüse aus Kent, Fleisch von schottischen Rindern und Fisch aus der Straße von Dover.

Nach etwa einer Stunde wurde Double-O leutseliger. Während Jeff ihm riesige Töpfe mit Wasser heranschleppte, Gemüse putzte und andere Handreichungen verrichtete, lauschte er den Schwärmereien des schnurrbärtigen Kochs über dessen Heimatland. Mindestens in jedem dritten Satz erwähnte Double-O die Großtaten des Tenno. Auf Jeffs Frage hin, wer oder was denn ein Tenno sei, erging sich Ozaki ungefähr eine weitere Viertelstunde über den »himmlischen Kaiser« – dies nämlich sei die Bedeutung des japanischen Herrschaftstitels. Der göttliche Kaiser Meiji befände sich auf dem besten Wege Nippon zu jenem Ruhm zu verhelfen, der dem Inselreich von alters her zustehe. Er treibe seit 1868 umfangreiche Reformen voran, die Nippon – oder Japan, wie Jeff es nannte – bald an die Seite der großen westlichen Nationen stellen würden. In den letzten vierzehn Jahren habe Kaiser Meiji sein Land um mindestens einhundertvierzig Jahre vorangebracht. Dabei hätte man viel von Großbritannien gelernt, räumte Double-O ein. Er sprach sich anerkennend über das britische Militärwesen aus, insbesondere die Marine. Auch das englische Königshaus habe ihn sehr beeindruckt – wenn auch der Umstand, dass mit Victoria eine Frau auf dem Thron sitze, ihn ein wenig irritiere.

Im Verlaufe von zwei Stunden hatte es der kleine Asiate mit dem halblangen dicken schwarzen Haar und dem herabhängenden Schnurrbart geschafft, aus einem englischen Jungen einen Liebhaber japanischer Lebensart zu machen. Double-O sprach – abgesehen vom Tenno natürlich – über die Landschaft, das Essen, die Bräuche, das Kabuki-Theater, die verschiedenen unter dem Begriff Budo zusammengefassten Kampfkünste, die Musik, den heiligen Berg Fuji-yama, die Tuschmalerei, die Kettengedichte des Renshi und von so vielen anderen Dingen, dass Jeff gar nicht bemerkte, wie die Haut seiner Finger unter allerlei feuchten Verrichtungen immer schrumpliger wurde.

Etwa um die Zeit, als man für die Gäste auf den Zimmern Tabletts mit Tee und Gebäck herrichtete, nahm Jeffs kurzweiliger Küchendienst eine unerwartete Wende. Er war gerade dabei, Double-O in großspurigen Tönen von seinen Plänen in Hinblick auf die Englische Riviera zu berichten, als Alberto Rodari, der Küchenchef des Hauses, und ein weiterer Mann, den Jeff zuvor schon mehrmals hektisch durch den Raum hatte fegen sehen, sich unvermittelt vor dem japanischen Chefkoch aufbauten. In ihrem Schlepptau befand sich ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen, das Jeff bisher noch nicht aufgefallen war. Rodari hüstelte, bis Double-O, der gerade mit einem großen Messer in atemberaubender Geschwindigkeit einen Schikoree in Gemüsegries verwandelte, von seiner Arbeit aufsah.

»Ihr wünscht, Meistel Lodali?«, fragte Double-O stirnrunzelnd. Er konnte das R nicht richtig aussprechen, was seinem Unmut über die Störung eine gewisse exotische Note verlieh.

»Verzeiht, Meister Ozaki. Aber dies hier ist William Bloomberry. Er beaufsichtigt den reibungslosen Ablauf des Abends und wünscht Euch etwas zu sagen.«

Double-O verneigte sich in Richtung des besagten Mannes. Bei allem Respekt, aber was immer Bloomberry wolle, das sein hochverehrter Kollege Rodari ihm nicht selbst sagen könne, er möge sich bitte kurz fassen.

Bloomberry deutete ein Nicken an. »Das ist auch in meinem Sinne, verehrter Meister Ozaki. Ich habe hier«, dabei trat er einen Schritt zur Seite und zerrte das verschüchterte Mädchen in die hierdurch entstandene Lücke zwischen ihm und Rodari, »die kleine Maria. Sie ist die Tochter Rodaris. Eigentlich sollte Maria für die erkrankte Elizabeth einspringen, aber durch ein Versehen haben die Herrschaften erst zu spät davon erfahren und so wurde, völlig unnötigerweise, dieser Junge da eingestellt. Kurzum: Maria wird Ihnen von nun an weiter zur Seite stehen. Der Junge kann gehen.«

Jeff glaubte, der Himmel bräche über ihm zusammen. Doch er versuchte sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er hatte natürlich sofort durchschaut, was dieses Manöver Rodaris bedeutete. Bestimmt war nicht nur Jeff ein so ausgesprochen großzügiger Lohn für seinen sonntäglichen Arbeitseinsatz versprochen worden. Rodari wollte das Familieneinkommen aufbessern, indem er auch noch seine Tochter in den Kreis des Hilfspersonals bugsierte.

Jeff schätzte seine Chancen ab. Wenn er um seine Anstellung kämpfte, dann konnte er womöglich auch noch den Vorschuss verlieren. Die Aussicht, gegen den etablierten Küchenchef und den Obersten der Dienerschaft zu siegen, war wohl eher gering. Trotzdem – er erinnerte sich an Dorothys Reaktion bei der Erwähnung eines bestimmten Namens – wollte er sich nicht ganz kampflos geschlagen geben.

»Aber ich bin von Negromanus persönlich eingestellt worden.«

Die selbstgefälligen Mienen Rodaris und Bloomberrys gefroren jäh. Der Schlag hatte gesessen. Jeff wollte schon neue Hoffnung schöpfen, doch nach einer gewissen Erholungspause rappelte sich der Zeremonienmeister wieder auf. »Der ehrenwerte Negromanus hat sicher selbst erst zu spät von Marias freundlichem Hilfsangebot gehört. Er hat stets den Grundsatz verfolgt, nur in Ausnahmefällen auf fremdes Personal zurückzugreifen. Und er ist sehr gewissenhaft! Ich zweifle daher nicht, in seinem Sinne und vor allem im Interesse von Lord Belial zu handeln. Sollte dir Sir Negromanus auf deinem Weg nach draußen begegnen, dann kannst du ihn ja fragen, ob er nicht noch etwas anderes für dich hat.«

Ein geschickter Zug, dachte Jeff zähneknirschend. Was konnte er darauf noch erwidern? Bloomberry und Rodari hatten ihn schachmatt gesetzt. Double-O protestierte zwar noch eine Weile, aber Jeff hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Zu oft schon hatte er solche Kämpfe geführt, manche gewonnen, aber viel zu viele auch verloren. Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung von dem japanischen Koch und verließ die Küche.

Als die Tür hinter Jeff zugefallen war, befand er sich allein in einem langen Flur. Zu seiner Linken sah er die Treppe, durch die er zur Küche heruntergekommen war. Am Ende des Ganges befand sich eine zweite Stiege. Wenn er nicht völlig seine Orientierung verloren hatte, dann müsste das die Richtung zum zentralen Hauptbau sein. Hatte Bloomberry nicht gesagt, er könne Negromanus fragen, ob es noch andere Arbeiten für ihn gäbe? Jeff fasste dies als Einladung zu einem kleinen Streifzug durch das Haus auf.

Zuerst lief er durch den Kellergang und nahm dann die hintere Treppe hinauf zum Erdgeschoss. Bald stand er in einem weiteren Flur, breit und ganz mit Holz getäfelt. An den Wänden hingen langweilige Ölgemälde, ausnahmslos Porträts von Leuten mit bitterernsten Mienen. Auffällig war die Reihe geschmiedeter Ständer, größer als er selbst, die sich durch den Gang zog. Sie hatten oben Schalen, vermutlich Feuerbecken, mit denen nachts die finsteren Flure erleuchtet wurden. Er blickte nach links, folgte mit den Augen der Kette von Leuchtern und entdeckte so das Ende des Ganges. Dieser mündete in eine große Eingangshalle. Von dort musste die Magd Dorothy das Haus verlassen haben.

In der Zwischenzeit war Jeffs Unmut über das ihm zugefügte Unrecht in den Boden seines Bewusstseins gesickert und hatte dort die dünne Krume guter Vorsätze fortgespült. Diebische Instinkte regten sich nun in ihm. Er wusste, wie man ein Haus lautlos und ungesehen durchstöberte. Es war vielleicht nicht der Vorsatz, wirklich etwas zu stehlen, der ihn dazu veranlasste, nach rechts abzubiegen, aber warum konnte er nicht wenigstens dem Zufall etwas auf die Sprünge helfen? Wenn er Negromanus nur lange genug suchte, dann würde er ihm früher oder später auch über den Weg laufen – rein »zufällig« natürlich.

Jeff ließ sich Zeit. Er erkundete zuerst den südlichen Seitenflügel. Hier mussten sich die Zimmerfluchten der Gäste befinden. Hinter manchen der durch kunstvolles Schnitzwerk reich verzierten Türen hörte er Stimmen. Mehrmals wäre er um ein Haar irgendwelchen Lakaien in die Arme gelaufen, aber da sein geübtes Auge ständig nach dunklen Winkeln und Nischen Ausschau hielt, gelang es ihm immer wieder, rechtzeitig ein Versteck zu finden.

Im Erdgeschoss blieb Jeffs Suche erfolglos. Deshalb widmete er sich nun den oberen Stockwerken. Durch ein Fenster konnte er in den großzügigen Park hinausblicken, der sich hinter dem lang gestreckten Querbau befand. Der Garten wirkte ein wenig verwildert: Aus den niedrigen Hecken ragten lange Triebe und der Rasen war viel zu lang. Das mittlere Gebäude reichte weit in diese Anlage hinein. Für einen Vogel am Himmel musste Lord Belials Landsitz also wie ein riesiges Kreuz aussehen. Ob Pater Garrick das wohl gewusst hatte?

Wie schon unten entdeckte Jeff auch hier im Obergeschoss zahlreiche Anzeichen beachtlichen Reichtums. Abgesehen von den hässlichen Gemälden an den Wänden und den hohen Feuerschalen im Flur sah der Junge in den Zimmern goldene Leuchter, wertvolles Chinaporzellan und immer wieder Waffen. Ganze Räume waren ausgestattet mit Schwertern, Musketen, Hellebarden, Speeren, Armbrüsten und anderem martialischen Gerät.

Bald erreichte Jeff den Mittelbau. Seltsam, so hektisch es in der Küche zugegangen war, so ruhig bot sich ihm nun das Übrige dieses ausgedehnten Landsitzes dar. Von Negromanus fehlte noch immer jede Spur. Die Erforschung des größten Gebäudeteils brachte wenig Überraschungen.

Jeff entdeckte eine umfangreiche Bibliothek, spähte durch Schlüssellöcher weiterer Gästezimmer und fand Räume für kleinere wie auch größere Festlichkeiten. Dabei stieß er zwangsläufig auch auf den Saal, der dem abendlichen Empfang den passenden Rahmen verleihen sollte, unschwer daran zu erkennen, dass eine Schar von Dienern damit beschäftigt war, Tafelsilber auf dem runden Tisch zu verteilen.

Jeff blickte von einer Galerie in die Halle hinab, die über zwei Stockwerke reichte. Die beiden Längsseiten des Raumes schimmerten matt in dem Sonnenlicht, das durch die dunkel gefärbten Bleiglasfenster drang. An den holzgetäfelten Wänden der Stirnseite sowie am Geländer der Galerie waren zahlreiche farbige Wappen angebracht. Die große Festtafel in der Mitte des Raumes besaß die Form eines Ringes. Der obere Scheitelpunkt dieser Tafel lag unter einem nachtblauen Baldachin. Die Seitenteile des Gestells, das besser zu einem Himmelbett gepasst hätte, waren ebenfalls mit Samtbahnen verhängt. Nur von vorne, vom Tisch her, konnte man in diesen fürstlichen Unterstand hineinsehen, der zweifellos dem Gastgeber des Abends vorbehalten war.

Auch Jeff kauerte auf der Empore hinter einem blauen Samtvorhang und amüsierte sich über die akribischen Bemühungen eines einzelnen Herrn die nötige Akkuratesse in das blitzende Arrangement der Tafel zu bringen. Es musste sich wohl um den Obersten des Servierpersonals handeln, der da mit einem Zollstock den Abstand zwischen Messern und Gabeln maß, Teller um Haaresbreite verrückte, den Faltenwurf der Seidenservietten korrigierte oder hier und da ein Stäubchen vom weißen Tischtuch fächelte. Als ein Page den Wappensaal betrat und dem livrierten Pedanten etwas ins Ohr flüsterte, war das interessante Schauspiel vorbei. Jeff erinnerte sich wieder an den eigentlichen Zweck seines Hierseins und setzte den Erkundungsgang fort.

Nachdem er den Mittelbau ohne den erhofften Erfolg durchforstet hatte, kam nun der nördliche Seitenflügel an die Reihe. Auch hier reihten sich die hohen Ständer mit den Feuerbecken auf dem Boden und die griesgrämigen Gesichter an den Wänden. Mit jedem Zimmer, das Jeff – mal lauschend, mal spähend – untersuchte, schwand seine Hoffnung immer mehr. Negromanus blieb unauffindbar. Gleichzeitig wuchs die Versuchung, sich auf anderem Wege eine Entschädigung für das entgangene Entgelt zu verschaffen. Eigentlich wäre das nur gerecht, sagte eine Stimme hinter seiner Stirn, aber eine andere antwortete: Du Dummkopf, solange du nicht aufhörst zu klauen, wird nie etwas Gescheites aus dir werden. Denk an Pater Garricks Worte! Den Kindern des Ungehorsams wird es über kurz oder lang schlecht ergehen. Ist es das, was du willst?

Nein, sagte sich Jeff, während er die Treppe zum Erdgeschoss hinabstieg. Das wollte er natürlich nicht. Mutlos graste er die Räume dort ab. Als er die Eingangshalle schon fast erreicht hatte, hörte er plötzlich Schritte. Schnell verbarg er sich hinter einer großen Standuhr.

Zwischen dem hölzernen Uhrenkasten und der Wand befand sich ein schmaler Spalt, gerade weit genug, um Jeff hindurchspähen zu lassen. Es war der Herr über Messer und Gabeln, der sich da mit besorgter Miene vom Entree her näherte, ein kleiner, rundlicher Mann. Er hielt noch immer seinen Messstab in der Hand.

Jeff stockte der Atem. Wenn der Mann nicht völlig in Gedanken versunken war, musste er ihn im Vorbeigehen unweigerlich entdecken. Hastig sah sich Jeff nach einem besseren Versteck um, fand jedoch keines, das er erreichen konnte, ohne sich selbst zu verraten. Der Livrierte kam immer näher. Jeff schloss die Augen, als würde er dadurch unsichtbar. Noch drei, vier Schritte ...

Ein unerwartetes Klopfen ließ ihn aufmerken. Vorsichtig hob er die Lider und spähte durch den Schlitz hindurch. Auf der anderen Seite des Uhrenkastens stand der Diener, das Gesicht gegen die Wand gerichtet ... Nein, es war eine Tür – Jeff hörte ein knarrendes Geräusch, sah fahles Licht auf dem bangen Gesicht des Mannes und vernahm dann die unverkennbare Stimme.

»Tretet näher, Joseph. Gibt es irgendwelche Probleme?«

Negromanus! Dieses hohe Timbre, dieses schnelle Schwingen wie von einer losgelassenen Bogensehne und dazu dieser gleichgültige, kühl distanzierte Ton – Jeff hatte ihn sofort wieder erkannt. Durch den Spalt hinter der Wanduhr sah er den Bediensteten in das Zimmer treten.

»Entschuldigt, Sir Negromanus, dass ich Euch damit belästigen muss, aber Ihr selbst habt angeordnet Euch über jede, wenn auch noch so kleine Unregelmäßigkeit in Kenntnis zu setzen.«

»Schon gut, Joseph. Warum schwitzt Ihr so?«

»Einer unserer Aushilfspagen ist nicht zum Dienst erschienen.«

»Ihr redet von Eurer Serviermannschaft? Wollt Ihr damit sagen, dass Euch für das heutige Dinner keine elf Diener zur Verfügung stehen?«

»Es handelt sich um den Neffen des Paters von Tunbridge Wells, der sich – ein Bote der Familie hat die Nachricht soeben überbracht – außerstande sieht seinen Dienst anzutreten. Pater Garrick habe das Fieber niedergestreckt oder der Schlag getroffen oder ...«

»Mir ist bekannt, was mit dem Pfaffen passiert ist«, schnitt Negromanus dem Untergebenen das Wort ab. »So wie er immer gegen unseren Herrn gewettert hat, fällt es mir schwer, sein Ableben zu bedauern. Aber nun zu unserem eigentlichen Problem. Die ganze Küche ist doch voll von Personal. Könnt Ihr nicht von dort einen Servierburschen ausleihen?«

»Rodari will keinen von seinen Leuten zur Verfügung stellen. Wenn er denn jemanden entbehren könne, dann höchstens eine Frau.«

»Lächerlich! Der Lord duldet kein Weib an seiner Tafel. Ihr wisst das. Was ist mit dem Jungen aus Tunbridge Wells?«

»Sir?«

»Er heißt Jeff Fenton. Ich habe ihn heute morgen persönlich für den Küchendienst eingestellt.« Negromanus’ Vibratostimme verbreitete jetzt eine geradezu spürbare Kälte, aber auch die Furcht in Josephs Antwort war nicht zu überhören.

»Mir ist zu Ohren gekommen, Sir, dass ein Junge fortgeschickt wurde, weil Rodari lieber seine Tochter als Ersatz für das erkrankte Küchenmädchen einsetzen wollte.«

Inzwischen hatte sich Jeff leise von seinem Horchposten entfernt, hauptsächlich in der Absicht eine sichere Fluchtposition zu beziehen. Doch nun war plötzlich eine unangenehme Stille in dem Zimmer eingetreten, die ihn zur Bewegungslosigkeit verurteilte, wollte er sich nicht verraten.

Jeff schaute durch die halb geöffnete Tür, die zuvor den Obersten des Servierpersonals verschluckt hatte. Zum Glück war der gerade außer Sichtweite. Dadurch hatte der Junge einen unverstellten Blick auf einen wuchtigen Schreibtisch aus Buchenholz. Der Dieb in ihm bemerkte sogleich das wichtigste Detail des wuchtigen Möbels: Auf der Schreibplatte blitzte ein Kreis goldener Ringe.

Es mochten nur zwei Herzschläge gewesen sein, die Jeff zur Betrachtung dieser ungewöhnlichen Konstellation hatte. Aber diese genügten, um seine Neugier zu wecken. Wozu brauchte ein einzelner Mensch so viele Ringe? Und diese kreisförmige Anordnung auf einem hellen Blatt Papier oder Pergament – fast so, als hätte Negromanus aus Langeweile damit herumgespielt. Der Schreibtisch stand vor einer zweiflügligen Glastür. Durch das in viele viereckige Flächen unterteilte Fenster konnte man auf den Park des Landsitzes blicken. Das warme Licht des Nachmittags flutete ungehindert in den Raum. Ja, da befand sich ein gezeichneter Kreis auf dem bräunlichen Papier, trotz des ungünstigen Betrachtungswinkels war sich Jeff jetzt ganz sicher. Die schweren Siegelringe reihten sich auf der dunklen Linie aneinander wie die Stundenmarkierungen eines Ziffernblatts. Oder wie die Stühle an der runden Tafel im Wappensaal.

Negromanus’ schneidende Stimme beendete das Schweigen im Zimmer.

»Ihr wisst, dass unser Herr nur durch mich zum Personal redet. Wenn ich irgendwelche Anweisungen gebe, ist das für euch genauso, als hätte Lord Belial persönlich sie ausgesprochen. Ich werde mir zu gegebener Zeit eine Bestrafung für den Küchenchef einfallen lassen. Lasst Euch dies eine Lehre sein, Joseph. Es war jedoch gut, dass Ihr mir von dem eigenmächtigen Handeln Rodaris berichtet habt. Und nun schnell: Schickt jemanden dem Jungen hinterher, um ihn wieder zurückzuholen.«

Vor Schreck vergaß Jeff ganz zu atmen. Sein Glück hatte sich an diesem Tag schon so oft gewendet, dass er für einen Augenblick ganz durcheinander war. Wenn der Herr über Messer und Gabeln ihn hier vor der Tür erwischte, dann konnte er die gerade zurückgewonnene Anstellung gleich wieder verlieren. Erfreulicherweise schien der Bedienstete noch aus irgendeinem Grund zu zögern, denn aus der offenen Tür klang die ungeduldige Frage seines Vorgesetzten.

»Was ist denn noch, Joseph?«

Jeff schlich sich auf Zehenspitzen davon. Das Letzte, was er verstand, waren die Worte: »Ich bin es gewohnt, mit geschultem Personal zu arbeiten. Unser Herr ist sehr streng ...«

Ungesehen hatte Jeff die Eingangshalle erreicht. Erst jetzt fiel sein Atem wieder in den gewohnten Rhythmus zurück. Er blickte durch die Fenster im Hauptportal auf den Kiesplatz hinaus und entdeckte Dorothy, die gerade von den Ställen herüberkam; sie schien hier so eine Art Botengängerin zwischen den Kutschern der Gäste und dem Befehlshaber der Küche zu sein.

Ohne lange nachzudenken, öffnete Jeff die Tür etwa zwei Handspannen weit und ließ sie sogleich wieder geräuschvoll ins Schloss zurückfallen. Dann wandte er sich mit betont festem Schritt dem nördlichen Seitenflügel zu. Als er in diesen einbog, traf er auch schon auf den Bediensteten mit der Messlatte.

»Wer bist du? Ich habe dich hier noch nie gesehen«, fragte der streng, doch zugleich auch mit einem erwartungsvollen Unterton.

»Mein Name ist Jeff Fenton. Bloomberry meinte, Sir Negromanus habe vielleicht eine Arbeit für mich. In der Küche wollen sie nur Mädchen haben.«

Das runde Gesicht des Mannes erhellte sich. »Dich schickt der Himmel, Junge!«

Im Augenblick maß Jeff dieser Äußerung keine besondere Bedeutung bei. Das sollte sich erst später ändern. Jetzt war er einfach nur zufrieden, wie er den festgefahrenen Karren dieses verflixten Tages doch noch aus dem Dreck gezogen hatte. Der Florin war nun wieder in greifbare Nähe gerückt.

Joseph Frederick Dudley – so hieß der Oberste der Servierpagen mit vollständigem Namen – verpasste Jeff nun eine blaue Livree und anschließend einen Schnellkursus in hochherrschaftlicher Servierkunst. Dabei beschränkte er sich auf das Wesentliche und bläute dem Jungen wiederholt ein, er solle nachher im großen Wappensaal die anderen Diener aufmerksam beobachten und ihrem Beispiel folgen. Besser einen Moment zu spät servieren als falsch.

Das Wichtigste aber – Dudley erwähnte das fast so oft wie Double-O seinen Tenno – sei die Tagesorder des Lords: Vor und nach dem Dinner habe sich niemand von der Dienerschaft im Hauptgebäude aufzuhalten. Und wenn er, Dudley, niemand sage, dann meine er auch niemand.

Jeff nickte ergeben, hätte aber doch zu gern gewusst, was denn so geheim an dieser Zusammenkunft sein könne, dass man daraus eine derartige Staatsaktion machte. Vielleicht war an der Freimaurer-Theorie ja doch etwas dran. Er hatte darüber schon einiges gelesen. Angeblich gab es wirklich Geheimlogen, die sich mit allerlei abscheulichen Bräuchen die Zeit vertrieben.

Die Verschwörung

The Weald House besaß auf dem Dach seines Mittelgebäudes einen kleinen Uhrenturm. Gerade hatte die Glocke sechs geschlagen. Die Sitzung des Lords und seiner elf Gäste musste also in diesen Minuten begonnen haben. Dudley hatte noch einmal unmissverständlich das Verbot wiederholt, den Hauptbau in den nächsten sechs Stunden zu betreten. Nur diejenigen, die den Herrschaften in drei Stunden das Abendessen servieren sollten, würden für kurze Zeit Zutritt haben.

Jeff saß in dem Aufenthaltsraum für die Dienerschaft, der sich im südlichen Seitenflügel direkt neben dem Küchentrakt befand. Er blickte zu einem der drei Lichtschächte hinauf, die sich dicht unter der Decke befanden. Jetzt, im September, wurden die Tage schon merklich kürzer. Die Sonne konnte daher nur wenig zur Besserung der gedrückten Stimmung im Raum beitragen. Einige von der Dienerschaft spielten Karten. Andere unterhielten sich leise miteinander. Es war schon seltsam, wie wenig Enthusiasmus diese Männer für ihre Arbeit zeigten, wenn sie doch so reich dafür entlohnt wurden. Viele der Pagen waren wie Jeff nur Aushilfskräfte, wenn sie auch, im Gegensatz zu ihm, nicht zum ersten Mal an einer herrschaftlichen Tafel Speisen auftrugen. Möglicherweise hatten sie sich ja von dem Gerede in der Stadt anstecken lassen und schwankten nun zwischen frommen Bedenken und monetären Interessen.

Für Jeff war die Sache klar. Wenn er sich einmal für etwas entschieden hatte, dann stand er auch dazu. Er würde diese Arbeit hinter sich bringen und nachher noch lange von ihren Früchten zehren, vielleicht sogar darauf ein neues Leben aufbauen. Punkt und Schluss. Wenn er sich nur nicht so langweilen würde!

Der Laut einer hellen Glocke ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Dieses Schellen wurde in der Küche ausgelöst, so viel wusste Jeff schon. Er beobachtete, wie Dudley das messingfarbene Endstück eines Schlauches aus seiner Halterung befreite und hineinpustete. Dann hielt er den wie eine kleine ovale Schale geformten Messingstutzen gegen den Mund, sprach etwas Unverständliches hinein und drückte sich das Schlauchende anschließend gegen das rechte Ohr. Nachdem er die seltsame Vorrichtung wieder in ihrer Halterung verstaut hatte, rief er in die Runde der Dienerschaft: »Die Küche hat heißen Tee für die Kutscher draußen zubereitet. Zwei große Kannen. Irgendwelche Freiwilligen, die den Tee zu den Ställen bringen?«

»Hier, ich!«, rief Jeff, ohne lange nachzudenken. Jede Arbeit war besser als dieses tatenlose Herumsitzen.

Fünf Minuten später stolperte er mit zwei emaillierten Riesenkannen über den Hof, immer darauf bedacht, sich dabei nicht die Füße zu verbrühen. Die Knechte und Kutscher empfingen ihn mit einem vielstimmigen Vivat. Nun, vielleicht waren es eher Spott- als Hochrufe, die sie auf den nicht einmal fünfeinhalb Fuß großen Knaben mit seinen nur unwesentlich kleineren Kannen ausbrachten, aber Jeff machte sich nicht viel daraus, war er auf diese Weise doch wenigstens dem miefigen Maulwurfsloch im Landhaus entkommen. Dudley hatte ihm gesagt, er könne sich ruhig Zeit lassen. Es genüge vollauf, wenn er gegen halb neun wieder zurück sei. Sollte die persönliche Dienerschaft der erlauchten Gäste noch irgendwelche Wünsche haben, dann solle er es ihn wissen lassen.

Das Angebot hatte Jeff gerne angenommen, wenn ihm auch nicht sonderlich viel an der Gesellschaft dieser Kutscher lag, die sich allesamt für etwas Besseres hielten. Deshalb verabschiedete er sich schnell wieder, ertrug geduldig die Ermahnungen, sich nicht im Hauptgebäude blicken zu lassen, und versprach, später noch einmal vorbeizuschauen.

Gemächlich schlenderte Jeff zum Dienstboteneingang zurück. Als er den südlichen Seitenflügel umrundete, fiel sein Blick auf den Park. Noch war es nicht völlig dunkel und er beschloss im Garten des Lords ein wenig lustzuwandeln, so wie es sonst wohl nur die erlauchten Herrschaften dieses Hauses taten.

Während er die kiesbestreuten Wege abschritt, behielt er den langen Mittelbau im Auge. Dort, wo sich der große Wappensaal befand, schimmerte gedämpftes Licht aus den bunten Bleiglasfenstern. Sonst ließ sich nichts ausmachen – kein Schatten, der sich rührte, kein Laut, der in den Garten drang. Vielleicht war es ja auch besser so, sagte sich Jeff, hauptsächlich, um seine immer größer werdende Neugierde zu zügeln. Er umrundete die westliche Stirnseite des Mittelbaus und gelangte dadurch in die andere Hälfte des Parks.

Unbewusst zog sich Jeff in den Schatten eines Baumes zurück und spähte zum Nordflügel hinüber. Dort lag das Zimmer, in dem Negromanus mit Mr Dudley gesprochen hatte.

Der Raum war schwach erleuchtet. Jeff konnte vage eine dunkle Gestalt erkennen, die sich durch das Arbeitszimmer bewegte. Der gelbe Schein des Lichts zog ihn wie magisch an. Vorsichtig schlich er auf den Nordflügel zu.

Wie schon seine vorherige Flucht in die Deckung der Schatten, so entsprang auch die raubtierhafte Annäherung an das erleuchtete Zimmer einer Art Reflex. Es war ein Verhalten, das er sich in den letzten beiden Jahren anerzogen hatte. Erst kurz vor dem Fenster wurde ihm bewusst, was er da tat. Doch nun, da er schon einmal hier war, konnte er seine Beobachtung genauso gut fortsetzen.

Er zählte insgesamt fünf dicht gestaffelte zweiflüglige Glastüren, die in den Park hinausführten. Das Mauerwerk zwischen den hohen weiß gestrichenen Rahmen war höchstens eine Hand breit. Dadurch konnte Jeff, anders als am Nachmittag, nun den ganzen Raum überblicken – allerdings mehr schlecht als recht. Die einzige Lichtquelle in dem mit Regalen voll gestopften Zimmer war nämlich eine Petroleumlampe auf der Schreibtischplatte. Andere Teile des ungewöhnlich großen Arbeitszimmers waren in tiefe Schatten getaucht.

Jeff kauerte hinter einem Busch. Ein Frösteln überlief ihn, als er die dunkle Gestalt hinter den Fenstern wieder erkannte: Kaum zehn Schritte von ihm entfernt stand Negromanus, sein langer Schatten schien regelrecht vor der Schreibtischlampe über Fußboden und Wände zu fliehen. Doch dann stutzte Jeff. War es wirklich die rechte Hand des Lords, die er da sah? Er kniff die Augen zusammen.

Die Figur kam ihm jetzt kleiner und weniger massiv als noch am Morgen vor, auch fehlte der breitkrempige Hut. Zu dumm, dass diese Person nicht näher beim Licht stand. Alles war so undeutlich! Da gab es ein wallendes schwarzes Gewand, das fast jede Kontur des hohen Körpers verwischte. Auch der Kopf des Mannes lag unter einem Schleier tiefer Schatten; man konnte fast glauben ihn nur durch eine beschlagene Fensterscheibe zu sehen. Augen und Mund ließen sich nur erahnen. Die Existenz einer Nase war reine Spekulation. Der Schemen schien mit jemandem zu sprechen, aber Jeff vermochte weder zu erkennen, mit wem, noch ließ sich auch nur ein einziges Wort verstehen. Er hätte zu gerne gewusst, was dieses seltsame Selbstgepräch bedeutete.

In diesem Moment bemerkte er, dass eine der quadratischen Scheiben zersprungen war. Es handelte sich um die Tür ganz rechts, dort wo der Raum am dunkelsten war. Dicht daneben befand sich ein Busch. Jeff überlegte nicht lange. Er schlich sich noch näher heran.

Im Gittermuster der Terrassentür befand sich das beschädigte Fensterquadrat in der zweitletzten Reihe von unten. Ein kleiner Riss zog sich diagonal durch das Glas und an der oberen Ecke war ein ganzes Stück herausgebrochen. Jeff hatte sich inzwischen so weit an den Durchlass herangearbeitet, dass er im Knien sein Ohr ganz dicht an das Fenster heranbringen und gleichzeitig das Geschehen hinter der Tür weiter im Auge behalten konnte.

Die Gestalt im Zimmer stand jetzt nicht mehr still. Wie ein dunkler Mönch bei einer Prozession schritt sie langsam durch den Raum, mal ihren Schatten mit sich schleifend, dann wieder ihn vor sich her schiebend. Wortlos. Jeff war enttäuscht. Er hatte seinen Lauschposten umsonst bezogen. Als der wandelnde Schemen seinem Versteck auf einmal ganz nahe kam, packte den Jungen jäh die Angst. Bei der nächstbesten Gelegenheit zog er sich wieder leise zurück und setzte seine Beobachtungen aus sicherer Entfernung fort.

Noch immer wanderte die Gestalt durch das Zimmer. Was tat sie da? Warum befand sie sich nicht drüben im Wappensaal? Jeff meinte bleiche Hände zu erkennen, die sich wie zum Gebet vor der Brust umfassten. Aber angesichts dieses unheimlichen Anblicks zweifelte er daran, hier einem frommen Akt beizuwohnen. Als der Schatten gerade von einer Glastür zur nächsten wechselte, bemerkte Jeff ein kurzes Aufblitzen an den gefalteten Händen. Im nächsten Augenblick waren die bleichen Finger hinter dem schmalen Mauersteg verschwunden. Unwillkürlich musste er zum Schreibtisch hinübersehen. Täuschte er sich oder fehlte tatsächlich in dem Kreis aus Siegelringen einer, den er am Nachmittag noch gesehen hatte? Doch, es war der auf der Zwölfuhrposition, vom Fenster aus betrachtet. Als Jeff wieder zu dem wandelnden Schatten hinblickte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder – denn nun sah er zwei Gestalten im Raum.

Er war so benommen, dass er aus der Hocke rücklings auf sein Hinterteil rutschte. Seine Beine fühlten sich wie Pudding an. Sein Herz raste mit einem Mal in der Brust. Wie war das möglich? Dieser neue Schatten musste Negromanus sein, am Hut und an der kräftigeren Statur unzweifelhaft zu erkennen. Der andere hielt den goldenen Ring nun zwischen den Fingerspitzen. Auf der gravierten Siegelfläche spiegelte sich das Petroleumlicht. Jeff glaubte in dem goldenen Schimmer ein rotes Funkeln zu erkennen. Keuchend stieß er die Luft aus; er hatte ganz vergessen zu atmen. Mit einem Mal wusste er, wen er da vor sich hatte. Dieser zweite Schemen musste Lord Belial sein!

Verwirrt wanderten Jeffs Augen zur Tür. Es hätte ihm auffallen müssen, wenn Negromanus von dort gekommen wäre. Doch einen zweiten Eingang gab es nicht. Vom Garten her war der Raum praktisch lückenlos zu überblicken. Und die schlanken Mauerstege zwischen den Glastüren? Unmöglich. Eine Person von so baumstarker Statur wie Negromanus hätte sich niemals dahinter verstecken können. Aber er konnte doch unmöglich einfach so aus dem Nichts aufgetaucht sein!

Für einen Moment führten Furcht und Neugierde in Jeff einen erbitterten Kampf. Sein Wissensdrang obsiegte überraschend schnell. Er musste unbedingt hinter das Geheimnis kommen. Was war an dem Gerede der Leute wirklich dran? Obwohl seine Knie noch ganz weich waren, schlich er wieder zu dem beschädigten Fenster. Die beiden Schemen standen mitten im Raum. Etwas an ihrem Anblick beunruhigte Jeff noch über das Maß seiner bisherigen Erregung hinaus, doch darauf konnte er sich jetzt nicht konzentrieren. Er musste lauschen. Denn die Gestalten sprachen miteinander.

»... muss alles ganz schnell gehen. Hast du mich verstanden? Schnell und ohne Fehl. Nie darf jemand erfahren, was wirklich heute Nacht an diesem Ort geschehen ist.«

Jeffs Herz setzte einen Moment aus und begann gleich darauf wie wild zu rasen. Wenn ihn schon Negromanus’ Stimme hatte erzittern lassen, dann verwandelte ihn diese nun in einen lebendigen Eiszapfen. Es musste der Lord sein, der da zur Eile drängte, zu welchem Zweck auch immer. Obwohl seine Worte für Jeff keinen Sinn ergaben, übten sie auf ihn eine Kraft aus, der er sich kaum widersetzen konnte. Er verspürte den unerklärlichen Drang sich dem Lord zu unterwerfen. Doch Jeff war stark. Während die Unterhaltung in dem Raum ihren Gang nahm, kämpfte sein Wille gegen die zwanghafte Vorstellung an.

»Ich werde alles tun, wie Ihr es mir befohlen habt, mein Herr«, antwortete Negromanus unterwürfig.