Der Liebeszauber: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 2 - Sissi Flegel - E-Book

Der Liebeszauber: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 2 E-Book

Sissi Flegel

0,0
3,99 €

Beschreibung

Liebeschaos leicht gemacht: Der turbulente Jugendroman »Der Liebeszauber« aus der »Villa Rosa«-Reihe von Bestseller-Autorin Sissi Flegel jetzt als eBook bei jumpbooks. Die »Villa Rosa« steht Kopf: Das neue Schuljahr im Internat am Genfer See hat gerade erst begonnen, und schon haben die beiden Freundinnen Elena und Charly alle Hände voll zu tun. Sie sollen beispielsweise die neue Schülerin Fee unter ihre Fittiche nehmen … doch die scheint es darauf anzulegen, für möglichst viel Wirbel zu sorgen! Alle Jungs haben nur noch Augen für sie – Fee scheint ihr Herz aber schon längst vergeben zu haben. Kennen Charly und Elena den Auserwählten etwa? Die beiden spinnen einen tollkühnen Plan, um wieder für Ordnung in der Villa Rosa zu sorgen – oder sollte ihnen die Liebe etwa einen Strich durch die Rechnung machen? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der witzig-spritzige Jugendroman »Der Liebeszauber« von Bestseller-Autorin Sissi Flegel für Mädchen ab 12 Jahren – Band 2 der »Abenteuer in der Villa Rosa«-Reihe. Wer liest, hat mehr vom Leben: jumpbooks – der eBook-Verlag für junge Leser.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 428

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Die »Villa Rosa« steht Kopf: Das neue Schuljahr im Internat am Genfer See hat gerade erst begonnen, und schon haben die beiden Freundinnen Elena und Charly alle Hände voll zu tun. Sie sollen beispielsweise die neue Schülerin Fee unter ihre Fittiche nehmen … doch die scheint es darauf anzulegen, für möglichst viel Wirbel zu sorgen! Alle Jungs haben nur noch Augen für sie – Fee scheint ihr Herz aber schon längst vergeben zu haben. Kennen Charly und Elena den Auserwählten etwa? Die beiden spinnen einen tollkühnen Plan, um wieder für Ordnung in der Villa Rosa zu sorgen – oder sollte ihnen die Liebe etwa einen Strich durch die Rechnung machen?

Über die Autorin:

Sissi Flegel hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

Eine Übersicht über weitere Romane der Autorin bei dotbooks findest du am Ende dieses eBooks.

***

eBook-Neuausgabe Juni 2019

Dieses Buch erschien bereits 2011 unter dem Titel Die Liebesrache bei cbj Verlag, München

Copyright © der Originalausgabe 2011 cbj Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Svitlana Sokolova

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96053-268-2

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass du dich für dieses eBook entschieden hast. Bitte beachte, dass du damit ausschließlich ein Leserecht erworben hast: Du darfst dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem du dich strafbar machst und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügst. Bei Fragen kannst du dich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des jumpbooks-Verlags

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Liebeszauber an: [email protected] (Deine Daten werden nicht gespeichert.)

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

Sissi Flegel

Der Liebeszauber

Roman

jumpbooks

Jedes Ziel ist der Anfang eines neuen Rennens.Zarko Petan

DER START

Kapitel 1

Sonntag, 18. Mai

Fee stand in ihrem Zimmer vor dem weißgestrichenen Schrank. Darin befand sich ein Geheimfach, das sich wie ein Safe mit der Eingabe einer Zahlenkombination verschließen ließ. Sie tippte auf vier Tasten; nach dem Summton sprang das Türchen auf

Zuoberst lag die Rennwelt. Die Ausgabe aus dem Spätherbst des vergangenen Jahres zeigte auf der Titelseite das Foto einer Fuchsstute in gestrecktem Galopp. Ihr Fell glänzte; sie hatte die Ohren aufgestellt und den Kopf kampfesmutig vorgereckt: Es war das Bild eines kraftvollen Vollbluts auf der Zielgeraden. Der Jockey presste die Füße gegen die Flanken der Stute, er stand in den Bügeln, beugte sich über den Widerrist, hielt den Kopf gesenkt und die Zügel kurz. Man sah, dass er, wild entschlossen war zu siegen und das Letzte aus dem Tier herausholte.

Unten auf der Seite befand sich eine kurze Notiz.

LIZENZENTZUG

Bei Jockey Filipe Cordobes war nach dem Rennen in der Dopingprobe das verbotene Mittel ... festgestellt worden. Wegen Verstoßes gegen die Dopingbestimmungen wird ihm die Lizenz für die Dauer von vier Monaten entzogen. Außerdem hat Cordobes eine Geldbuße von Euro ... zu bezahlen.

Fee berührte das winzige Hufeisen, das an der Kette an ihrem Hals baumelte. Sie legte die Zeitung zurück und nahm eine langstielige, längst verblühte Rose heraus. Dann schloss sie das Geheimfach und ging auf ihren Balkon hinaus. Dort presste sie die welke Blüte zusammen und warf die Überreste in die Luft, wo sie, fein wie Staub, einen Augenblick zu schweben schienen, bevor sie von der morgendlichen Brise erfasst und verweht wurden. Der Stiel trudelte zu Boden.

Das war's, dachte sie. Aus. Schluss. Finito.

In der Nacht war ein Gewitter über das Land gezogen. Der Regen hatte die Luft reingewaschen, das Wasser tropfte noch von den Blättern der mächtigen Eiche mitten im Hof, Schwalben flogen aus den offenstehenden Stalltüren, tauchten ihre Schnäbel in die Pfützen und schwangen sich mit einem einzigen Flügelschlag über die Köpfe der Pferde und ihre Reiter hinweg und in die Ställe zurück. Da wurden die Boxen ausgemistet, die Böden mit frischem Stroh belegt, Heu und Hafer aufgefüllt, und soeben kanterte das erste Lot vom morgendlichen Ausritt zurück. Im Gestüt nahm alles seinen gewohnten Gang.

Für Fee änderte sich an diesem Tag das gewohnte Leben.

Gerade als Kalle, Azubi im 2. Lehrjahr, mit Ricco aus dem Stall kam, lenkte ihre Mutter den roten Sportwagen in den Hof Das Pferd hob den Kopf und wieherte. Im Nu sprang Fee aus dem Auto und hing an Riccos Hals.

»Ich kann das nicht«, schluchzte sie. »Ich will und will und will das nicht!« Riccos weiche Nüstern streiften ihre nasse Wange. Fee strich mit den Händen durch seine Mähne. »Ricco!« Sie fühlte das Pochen in seinen Adern, spürte seine Wärme, streichelte sein glänzendes Fell und weinte sich die Seele aus dem Leib.

Kalle legte seinen Arm um ihre Schultern. »Fee, lass es gut sein. Es ist kein Abschied für immer.«

»Keinen Tag halte ich es ohne Ricco aus!«

»Ich passe gut auf ihn auf. Glaub mir, er wird dich nicht vermissen«, versuchte Kalle sie zu trösten.

»Was weißt du schon«, schluchzte Fee und schüttelte seinen Arm ab.

Ihre Mutter drückte auf die Hupe, einmal, zweimal. »Fee! Komm endlich! Wir haben eine lange Fahrt vor uns!«

»Gleich!«

Niklas, der für Riccos tägliches Training verantwortlich war, schlug mit der Reitgerte gegen seinen langen schwarzen Stiefel. »Ich muss los, Fee. Die zweite Gruppe ist schon unterwegs.«

Einen Augenblick lang legte das Pferd seinen Kopf auf Fees Schulter, dann stampfte es mit dem rechten Vorderfuß auf und wieherte. »Hörst du's? Ricco will den Anschluss nicht verpassen.«

Ihre Mutter hupte schon wieder. »Nun mach schon, Fee! Du hältst Niklas von der Arbeit ab!«

Fee klammerte sich an Riccos Hals und schüttelte den Kopf »Nein!«

»Fee, es muss sein. Nun sei doch vernünftig.« Niklas stellte den Fuß in den Steigbügel, schwang sich in den Sattel und schnalzte mit der Zunge. »Los geht's, Ricco!«

Mit hängenden Schultern schaute Fee dem Pferd nach. Als dieses das Tor passierte, drehte es sich nach dem Mädchen um, wieherte und fiel dann in leichten Trab. »Schau mal, Fee, was ich für dich habe«, lockte Kalle. Er reichte Fee sein Taschentuch, blau mit grauen Punkten, und wartete, bis sie die Tränen getrocknet und die Nase geputzt hatte. »Hier. Das Hufeisen ist von Ricco; der Schmied schwört, es sei garantiert von ihm. Hundert Pro. Und das Haarbüschel hab ich extra für dich zur Seite gelegt. Da hast du etwas, was dich an deinen Liebling erinnert.«

»Ach Kalle ...« Wieder flossen die Tränen.

Kalle begleitete Fee bis zum Auto. »Schickst du mir eine SMS, falls ...«

»Ricco wird nichts geschehen, Fee. Glaub mir, ich passe so gut auf ihn auf, als wäre er mein eigenes Pferd«, versicherte Kalle. »Aber klar, ich halte dich auf dem Laufenden.« Kalle war ein bisschen in Fee verliebt. Auch ihm fiel der Abschied schwer; jetzt schluckte er und fuhr sich durch die kurzgeschnittenen Haare. »Und ... und wirst du mir auch mal 'ne SMS schicken?«

»Mensch, Kalle, glaubst du, ich würde dich vergessen? Aus den Augen, aus dem Sinn? Du hast sie ja nicht alle, du weißt doch, wie sehr ich ...« Wieder schluchzte Fee auf. »Das Gestüt, Ricco und du – ihr seid mein zweites Zuhause.«

Unbeholfen fasste Kalle nach Fees Hand und drückte sie. »Bis zu den Sommerferien ist's nicht lang. Die paar Wochen hältst du durch, Fee. Als mein Bruder bei der Bundeswehr war, hat er 'ne Liste gemacht und jeden Abend den vergangenen Tag durchgestrichen. Auf die Art hat er die Zeit locker überstanden.«

Wider Willen lachte Fee auf »Guter Tipp!« Inzwischen standen sie am Auto.

»Steig ein, Fee!« Kalle umarmte sie. »Mach's gut, halt die Zügel kurz und denk dran: Mit dem richtigen Schwung nimmst du jedes Hindernis!«

»Nicht, wenn es zu hoch ist und der Reiter den Mut verloren hat«, widersprach Fee.

Kalle riss die Augen auf. »Wie bitte? Ausgerechnet du hast keinen Mut? Ich kenne keinen Menschen, der sich so viel zutraut wie du, Fee!«

»Ach nee! Und wohin hat mich mein Mut geführt?« Fee stampfte wütend mit dem Fuß auf.

»Stimmt. Da hast du Mist gebaut. Aber Mut bleibt Mut.«

Ihre Mutter war aus dem Auto gestiegen. »Wiedersehen, Kalle. Und nun komm endlich, Fee. Wir müssen wirklich los.«

Als ihre Mutter wendete, sah Fee zurück. Sie winkte Kalle ein letztes Mal, sie sah die Schwalben, die zwischen Stall und Hof hin und her schossen, sah die Spatzen, die sich um einen Pferdeapfel stritten, sah Lucy, die das Fell eines Rappens bürstete, sah einen anderen Azubi, der auf einem Schubkarren einen Ballen Stroh über den Hof karrte. Im Gestüt Eichenhof nahm der Tag seinen gewohnten Gang.

Nur ihr eigenes Leben war völlig aus den Fugen geraten. Und sie, sie allein, war schuld daran. Fee krümmte sich vor Schmerz.

Gestüt Eichenhof lag in der Nähe von Kressbronn am Bodensee. Fees Mutter fuhr zuerst nach Bregenz und danach auf die Autobahn Richtung St. Gallen, Zürich und Bern. Kurz nach Zürich steuerte sie eine Raststätte an. »Hunger?«

Fee schüttelte den Kopf.

»Du solltest etwas essen.« Frau Varel stieg aus. »Komm, Fee.«

Widerwillig folgte sie ihrer Mutter ins Lokal, wählte nach einigem Zögern einen Teller mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum und eine Cola, setzte sich ihrer Mutter gegenüber und stellte nach dem ersten Bissen fest, dass sie tatsächlich hungrig war.

»Ma, Kalle hat gesagt, ich sei mutig. Findest du das auch?«

Frau Varel spießte gerade eine Gurkenscheibe auf; jetzt ließ sie die Gabel sinken. »Und ob du mutig bist! Du konntest noch nicht mal laufen, da bist du über die Terrasse, durch den Garten und auf die Straße hinausgekrabbelt! Als du zum ersten Mal auf einem Pferd saßest, wärst du am liebsten über den Zaun gesetzt. Vor nichts und niemand hattest du Angst. Weißt du noch, wie du in der Nacht, bevor er gesprengt werden sollte, auf der Feuerleiter bis zum obersten Ende des Fabrikschornsteins gestiegen bist? Der Bericht und das Foto von dir erschienen in unserer Zeitung, Fee. Und du fragst mich allen Ernstes, ob du mutig bist?« Ihre Mutter schüttelte amüsiert den Kopf »Du bist nicht nur mutig, du bist leider auch tollkühn.«

»Hm.« Fee legte ein Stück Mozzarella auf eine Tomatenscheibe. »Jetzt hab ich Angst, Ma.«

Ihre Mutter schob den Teller beiseite. »Wovor denn?«

Konzentriert legte Fee ein Basilikumblatt mitten auf den Käse. »Vor ... vor der neuen Schule. Vor den anderen. Ich kenne ja niemand.«

»Ja. Es wird ein bisschen viel auf einmal sein. Aber du schaffst das. Schneller und leichter als du denkst, Fee.«

Fee hob den Kopf »Meinst du das ehrlich?«

»Aber sicher. Ein paar von den Neuen wirst du grässlich finden, ein paar werden gute Freunde werden, aber die meisten werden dir nicht viel bedeuten. So ist das immer. Und bestimmt wirst du dich verlieben. Nur –« Ihre Mutter zog den Teller wieder heran. »Pass auf, dass du denselben Fehler nicht noch einmal machst. Du würdest deinen Vater und mich sehr enttäuschen.«

»Wann darf ich wieder nach Hause? Zum Ende des Schuljahrs? Im Sommer?«

»Willst du denn das so sehr?«

Erneut füllten sich Fees Augen mit Tränen. »Ich möchte, dass alles so wird wie früher. Dass Pa mich wieder ... wieder ... du weißt schon, Ma, dass er mich wieder überallhin mitnimmt. Dass er stolz auf mich ist«, flüsterte sie.

»Was du getan hast, hat ihm sehr zugesetzt. Allein der Verdacht hat unserem Ruf geschadet, und dich hast du lächerlich gemacht.«

»Ich wollte doch nicht euch schaden!«

»Das wissen wir. Trotzdem – dein Vater steckt das Ganze nicht so einfach weg. Lass ihm Zeit, Fee.«

»Aber wie lange denn?«, rief Fee verzweifelt.

»Wie lange? Das kann ich dir nicht sagen.« Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Aber ich kann dir einen Rat geben. Willst du ihn hören?«

Fee nickte.

»Geh nicht auf Distanz zu ihm«, sagte ihre Mutter langsam. »Schick ihm, uns, Briefe. Oder Mails. Oder wenigstens ab und zu eine Postkarte. Halte ihn auf dem Laufenden, lass ihn an deinem Leben teilnehmen. Versuche, dich ins Internatsleben so schnell wie möglich zu integrieren. Übernimm eine Aufgabe, schreib gute Noten. All das nötigt ihm Respekt ab. Und vor allem, Fee, lass den Kopf nicht hängen. Vergiss nicht – du bist mutig.«

»Jetzt gerade nicht.«

»Blödsinn«, widersprach ihre Mutter energisch. »Das redest du dir nur ein. Ich kenne doch meine Tochter«, meinte sie aufmunternd. »Meine Felizitas lässt sich von nichts und niemand unterkriegen. Nicht mal davon, dass sie ihrem geliebten Pferd Ricco ein paar lächerliche Wochen lang nicht um den Hals fallen kann. Und die Sache mit ihrem Vater bekommt sie auch wieder geregelt. So wahr ich hier sitze und noch einen Kaffee trinken werde.«

»Sicher?«, fragte Fee zweifelnd.

»Ganz sicher. Im Übrigen hast du ja noch mich, wenn du mal Hilfe oder Unterstützung brauchst. Vergiss das nicht, Fee.« Frau Varel schaute auf die Uhr. »Wir kommen hoffnungslos zu spät. Ob Professor Mori mir eine Strafarbeit verpassen wird?«

»Einer Mutter?« Fee stand auf, um an der Theke zwei Tassen Kaffee zu besorgen.

Kapitel 2

Die Pfingstferien waren zu Ende, alle Schülerinnen und Schüler von Villa Rosa waren gesund und wohlbehalten ins Internat zurückgekehrt, hatten Koffer und Taschen ausgepackt, zu Abend gegessen und Professor Moris Begrüßungsrede über sich ergehen lassen, Jetzt richteten sie sich wieder in ihren Zimmern ein, bezogen die Betten oder tauschten mit Freunden und Freundinnen Neuigkeiten aus.

Nur Charly und Elena saßen auf der obersten Stufe der breiten Freitreppe von Villa Rosa. »Ob die Neue heute noch kommt?«

Elena schaute auf die Uhr. »Fünf nach neun. Ich schätze, das Mädchen hat kalte Füße bekommen. Wenn ich daran denke, wie viel Schiss ich hatte, kann ich das verstehen. Als mein Vater den Berg herauffuhr, wäre ich am liebsten aus dem Auto gesprungen und hätte mich im Gebüsch versteckt.«

»Ich hab mich auf Villa Rosa gefreut.« Charly blinzelte in die untergehende Sonne.

»Ja! Du! Du bist herumgetanzt, hast die Arme in die Luft geworfen und gejubelt! ›Ach, wie schön es hier ist! Ach, wie herrlich die Berge, und der See! Ach, der tolle Park!‹« Elena verzog das Gesicht. »Ich fand dich unmöglich. Umbringen hätte ich dich können, weißt du das?«

»So schüchtern, wie du damals warst, hättest du nicht mal eine Fliege gejagt.« Charly grinste ihre Freundin an. »Erinnerst du dich noch an die Fünf, die uns weismachen wollten, wir Neuen hätten den Mund zu halten?«

»Und die Alten zu ehren!« Jetzt lachte Elena laut auf. »Und du hast Swetlana gefragt, ob sie Drogen in ihrem Zimmer verstecke!«

»Sexspielzeug, Drogen und Diebesgut«, stellte Charly richtig. »Schon merkwürdig, dass wir mit ihr und Valerie von Anfang an nicht ausgekommen sind. Dafür haben wir gute Freundinnen in Mia, Victoria und Sophia-Leonie. Und du hast deinen Max.«

Unwillkürlich griff Elena in den Ausschnitt ihres roten Pullis und berührte das Schlüsselchen, das an einer silbernen Kette hing. Max hatte es ihr zu Ostern geschenkt – zum Zeichen seiner, ihrer Liebe.

Elena räusperte sich. »Max hat mich gebeten, für Jem ein gutes Wort einzulegen.«

Jem und Max waren wie auch Eric, Laurens, Vincent und einige andere seit der Fünften im Internat und dicke Freunde.

»Ein gutes Wort für Jem?«, wiederholte Charly verständnislos. »Klär mich auf, Elena.«

»Na ja ... Jem findet, da Max und ich ein Paar sind, wäre es doch nett, wenn er und du –«

»Niemals!«, fuhr Charly ihr ins Wort. »Niemals nie! Hast du ihm das nicht gesagt?«

»Habe ich. Klar. Aber Jem ist doch eigentlich ganz nett, oder?«

»Mit Jem hat das nichts zu tun. Ich will einfach keinen Freund.« Charly sagte das so entschieden, dass Elena eine ganze Weile lang schwieg. »Das kann niemand verstehen.«

Charly zuckte die Schultern. »Ist mir völlig egal.«

Die Sonne war hinter die Berge gesunken, deren Gipfel Ende Mai noch schneebedeckt waren, und im Genfer See spiegelte sich der wolkenlose Abendhimmel. Im Park und in der Einfahrt flammten die schmiedeeisernen Laternen auf, in den Zimmern der Jungs, die Haus Shelley bewohnten, waren die Lichter angegangen.

»Hast du schon daran gedacht«, nahm Elena das Gespräch wieder auf, »dass wir die Neue taufen müssen?«

»Wenn sie überhaupt kommt.« Charly strich eine rotblonde Locke aus der Stirn. »Aber falls sie kommen sollte, hätte ich eine Idee. Wir könnten –« Sie zuckte zusammen.

»Was macht ihr denn so spät noch auf der Treppe?« Professor Mori, die Leiterin von Villa Rosa, war aus dem Haus gekommen.

»Wir warten auf die Neue«, erklärte Charly sofort. »Aber wir glauben nicht, dass sie noch eintrifft, so spät wie es jetzt schon ist. Vielleicht hat sie der Mut verlassen.«

»Was schade wäre«, meinte Elena. »Wir haben ihr nämlich einen Blumenstrauß auf den Schreibtisch gestellt und ein Herzlich willkommen!-Plakatgemalt.«

»Diesmal habe ich also die richtigen Paten ausgewählt.« Professor Mori lächelte und setzte sich zu Charly und Elena auf die Treppe, obwohl ihr enger Rock aus den Nähten zu platzen drohte. »Swetlana und Valerie haben sich um euch ja leider nicht besonders eifrig gekümmert.«

»Ne, haben sie nicht«, stimmte Charly ihr zu. »Das machte uns aber nichts aus; Mia, Victoria und Sophia-Leonie sind eingesprungen.«

»Trotzdem. Es wäre Lanas und Vals Aufgabe gewesen. Ich dachte, nein, ich hoffte, sie hätten eine Lehre aus dem Fall Catia gezogen.«

Die Sache mit Catia geschah vor Charly und Elenas Zeit. Damals hatten Swetlana und Valerie eine Mitschülerin mit ausgesprochen fiesen Mitteln aus dem Internat geekelt. Allerdings waren sie so raffiniert vorgegangen, dass man ihnen nichts eindeutig beweisen konnte.

»Keine Sorge, Professor Mori«, sagte Charly beruhigend. »Wir werden mit Swetty und Val locker fertig.«

Professor Mori legte die Arme um die angezogenen Beine. »Ihr ja. Aber ich frage mich natürlich, ob unsere neue Schülerin den beiden gewachsen ist. Ich verlasse mich darauf, dass ihr die Augen offenhaltet. Einen zweiten Fall Catia will ich unbedingt vermeiden.«

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen«, meinte Charly, und Elena nickte zustimmend. »Was wissen Sie von ihr?«

»Sie heißt Felizitas Varel, lebt mit ihren Eltern in Deutschland, ist vor Kurzem siebzehn Jahre alt geworden und eine gute Schülerin. Sie wird in eure Klasse gehen und –« Sie reckte den Hals und rückte die Brille gerade. Ein Sportwagen mit offenem Verdeck rollte in den Hof. »– kommt gerade. Sie hat also doch keine kalten Füße bekommen.« Professor Mori erhob sich, schritt würdevoll die Freitreppe hinunter – und wäre fast von einem Jungen umgerannt worden, der aus der Tür stürmte und vor Schreck über den drohenden Zusammenprall einen Armvoll Bücher fallen ließ.

Charly und Elena drehten sich um. »Hi, Vincent!«

Rot im Gesicht sammelte er Bücher auf. »Warum sitzt ihr auf der Treppe?«, erkundigte er sich.

»Unsere Neue kommt gerade an.«

»In diesem schicken Schlitten? Nicht übel«, stellte er fest und setzte sich zu den Mädchen. Zu dritt beobachteten sie die Szene im Hof.

Zuerst stieg eine schlanke, große Frau mit schulterlangen honigblonden Haaren aus dem Wagen. Sie trug eine dunkelblaue Seidenbluse zu engen Jeans, reichte Professor Mori temperamentvoll die Hand und entschuldigte sich für die Verspätung. »Am Morgen machten wir noch einen Abschiedsbesuch und dann, wissen Sie, der Verkehr ...«

Professor Mori beruhigte sie. »Nun sind Sie ja heil angekommen.«

Langsam näherte sich den beiden ein kleines zartes Mädchen.

»Die Neue«, flüsterte Charly und stieß Elena an.

Vincent zog hörbar den Atem ein. »Weiße Jeans, weißes Hemd, weiße Haare. Sieht mir nicht wie ein Sozialfall aus.« Elena schüttelte den Kopf. »Nein. Aber weiß sind ihre Haare nicht. Hell- oder silberblond, würde ich sagen.« Sie seufzte. »Lang und glatt. Und diese Farbe! Ein Traum.«

»Nur kein Neid. Komm.«

Charly und Elena sprangen die Stufen hinunter und stellten sich neben Professor Mori.

»Das sind deine Paten«, sagte die. »Sie sorgen dafür, dass du dich gut einlebst und das Leben in Villa Rosa so schnell wie möglich kennenlernst. Bei Elena und Charly bist du in den besten Händen; beide sind nach den Faschingsferien zu uns gekommen und wissen, wie wichtig Freunde sind. Carla und Elena – das ist Felizitas.«

»Ich heiße Fee.«

Der Name passte zu ihrem Aussehen. Charly lächelte und reichte ihr die Hand. »Ich bin Charly.« Die drei Mädchen musterten sich.

Sie hat geweint,dachte Elena voll Mitgefühl, während Charly das goldene Kettchen mit dem Hufeisen am Hals der Neuen auffiel. Spontan und impulsiv wie sie war, platzte sie heraus: »Reitest du?«

Fee schrak zusammen. »Ja.« Misstrauisch wandte sie sich an Professor Mori. »Sie haben das meinen ... meinen Paten schon gesagt?«

»Ich habe deine Kette gesehen«, erwiderte Charly sofort. »Das Hufeisen, weißt du.«

»Ach so ...« Schützend legte Fee die Hand über den Anhänger, dann half sie ihrer Mutter, das Gepäck aus dem Kofferraum zu laden.

»Herr Appenzell wird es auf dein Zimmer bringen«, erklärte Professor Mori und wandte sich an Elena und Charly. »Zeigt ihr Fee das Haus und ihr Zimmer? Ich möchte mich noch mit Frau Varel unterhalten. Kommen Sie, Frau Varel!«

Gemeinsam folgten die drei Mädchen Professor Mori und Frau Varel in Richtung Eingang. Vincent hatte sich noch nicht vom Fleck gerührt. Er umklammerte die Bücher und ließ die Neue nicht aus den Augen, stand aber auf, als sie an ihm vorbeiging.

»Das ist Vincent, einer deiner neuen Klassenkameraden«, sagte Charly. Vincent räusperte sich. »Hi!«, krächzte er und starrte Fee an.

»Du erkältest dich, wenn du den Mund nicht zumachst«, flüsterte Charly.

»Wie? Was?«, stammelte Vincent. »Mensch, Charly, die Neue ist ein echter Hingucker!«

»Findest du?«, entgegnete sie schnippisch und ging kichernd an ihm vorbei.

In der Halle blieb Fees Mutter stehen. Die weißen Wände und die schwarz-weißen Bodenfliesen glänzten, die Spiegel in den vergoldeten Rahmen blitzten. »Schön«, sagte sie anerkennend. »Fee, hier wirst du dich wohlfühlen.«

Als Fee ihrer Mutter folgen wollte, hielt Elena sie zurück. »Bleib bei uns, Fee, wir zeigen dir jetzt das Haus. Hier geht es zum Rektorat von Professor Mori und zum Sekretariat von Frau Rode. Links sind die Wirtschaftsräume und Frau Pudts Küche, und geradeaus –«, sie öffnete den Flügel einer breiten Glastür, »– befindet sich unser Speisesaal. Im ersten Stock und genau darüber ist unser Aufenthaltsraum, die Bibliothek und das Fernsehzimmer, rechts und links davon sind die Schulräume sowie die Appartements von Miss Reeves, unserer Englischlehrerin und von Mademoiselle Cugat, der Sportlehrerin.«

Nebeneinander stiegen sie die Treppe hinauf.

»Im zweiten Stock«, fuhr Charly fort, »sind die Zimmer der Schülerinnen von Klasse 5 bis 8, hier im dritten Stock wohnen alle ab Klasse 9. Und das –«, sie stieß die Tür auf und knipste das Licht an, »– ist dein Zimmer.«

Fee blinzelte und bog die Mundwinkel nach unten. »In dieser Kammer soll ich wohnen?«, fragte sie ungläubig. »Mein Zimmer zu Hause ist mindestens drei Mal so groß. Und wo –«, sie blickte sich suchend um, »ist das Badezimmer?«

Elena lächelte. Sie dachte daran, welche Überwindung es sie gekostet hatte, sich im Beisein anderer Mädchen unter die Dusche zu stellen. »Den Flur vor und dann links. Immer zehn Mädchen teilen sich ein Badezimmer.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Du wirst dich daran gewöhnen müssen«, erklärte Charly ungerührt. »Und überhaupt, Fee, hast du verdammtes Glück. Du bewohnst das Zimmer allein. Jedenfalls so lange, bis noch eine Neue kommt.«

Fee sank auf ein Bett und sah sich um. »Na ja ... Ich schätze, ich muss mich mit dem Loch hier abfinden. Was ist mit dem Bett? Muss ich das beziehen, oder haben wir hier Personal?«

»Selbst ist die Frau!« Charly lachte. »Wir wohnen direkt nebenan. Du kannst jederzeit zu uns kommen, wenn du Hilfe brauchst.«

»Danke.« Fee stand auf und ging im Raum umher. Vor dem Bücherregal, das zwischen den beiden Fenstern stand, blieb sie stehen. »Das eine Bett, der Schreibtisch hier, der Stuhl und der Schrank – wenn diese Möbel weg sind, wird's gehen.«

»Das musst du mit Professor Mori besprechen«, sagte Elena. »Die Blumen sind von uns, und das Plakat haben wir extra für dich gemalt.« Sie wartete.

Fee warf den Kopf zurück. »Nett von euch. Wie komme ich zu Professor Mori? Ach ja, ich gehe runter bis ins Erdgeschoss, stimmt's?«

»Genau. Hast ein schlaues Köpfchen.« Elena sah, dass Charly neben ihr rot anlief. Offensichtlich kochte Charly. Nachdem Fee verschwunden war, stellte Herr Appenzell das Gepäck ins Zimmer. »Na, wie ist die Neue?«

»Hochnäsig. Die Lady rechnete mit Personal«, fauchte Charly, und Elena fügte hinzu: »Die Hälfte der Möbel will sie aus dem Zimmer werfen.«

»Da wird sie bei Professor Mori aber auf Granit beißen.« Herr Appenzell schmunzelte, denn er mochte Charly und Elena. »Habt ihr euch über sie aufgeregt? Das solltet ihr nicht. Ich habe schon ganz andere Wünsche gehört.« An der Tür drehte es sich noch einmal um. »Die Neue wird sich schon einleben. Ich finde, sie passt zu uns.«

Verdutzt schauten sich Elena und Charly an. »Wie wollen Sie das wissen, Herr Appenzell?«

»Hab ich im Gefühl, und eins sag ich euch: Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen.«

»Wenn Sie sich da mal nicht täuschen«, entgegnete Charly düster. »Herr Appenzell, es gibt immer ein erstes Mal.«

»Nicht bei der Neuen«, sagte er bestimmt.

Fee eilte den langen Flur vor, rannte die Treppe hinunter bis ins Erdgeschoss, bog nach rechts ab, stand vor einer Tür mit dem Schild Küche,drehte sich um, rannte in die entgegengesetzte Richtung, las Sekretariat,dann Rektorat,klopfte und öffnete ohne auf »Herein!« zu warten die Tür.

»Ma, mein Zimmer ist ein Witz!‹, platzte sie heraus. »Es hat nicht mal ein Bad!«

Konsterniert schaute ihre Mutter auf. Professor Mori sagte gefasst: »Bitte schließe die Tür. Und dann setzt du dich zu uns, Felizitas, und sagst uns, was dir nicht gefällt.«

»Das Zimmer ist nur 'ne Kammer. Meines zu Hause ist viel größer. Es hat einen Balkon. Und überhaupt stehen Möbel drin, die unnötig sind«, setzte sie übergangslos hinzu. »Die müssen raus.«

»Es ist ein Zweierzimmer.«

»Das sagten Elena und Charly auch. Aber ich bewohne es allein.«

»Im Augenblick ja. Das kann sich allerdings ändern, also bleiben die Möbel, wo sie sind.«

»Das sehe ich nicht ein.« Fee kreuzte die Arme vor der Brust.

»So ist's nun mal. Ich vertraue deiner Kreativität, das Zimmer im Rahmen der Möglichkeiten so zu gestalten, dass du dich wohlfühlst.« Professor Mori lächelte. »Deine Mutter hat mir soeben geschildert, dass du eine schwierige Phase hinter dir hast.«

Fee schoss das Blut ins Gesicht. »Du hast gepetzt, Ma? Wie kannst du nur!«

»Die Verantwortung für dein Verhalten trägst du«, entgegnete ihre Mutter ruhig.

Fees Atem kam stoßweise. »Aber ... aber musstest du es verraten?«

»Ich fragte deine Mutter, ob du im nahen Pferdehof reiten und dort vielleicht sogar dein eigenes Pferd unterstellen möchtest; die Möglichkeit besteht nämlich. Deine Mutter hat das verneint.« Frau Professor Mori hielt kurz inne. »Du hast ein privilegiertes, interessantes, vielleicht sogar aufregendes Leben geführt, Felizitas. In Villa Rosa geht es ruhiger zu, aber ich bin sicher, es wird dir bei uns nicht langweilig werden, dafür sorgen schon deine neuen Kameradinnen und Kameraden. Was besagte Information betrifft –«, Professor Mori schlug ein Bein übers andere, »– aus meinen vier Wänden dringt nichts hinaus. Es ist spät; werden Sie heute noch zurückfahren, Frau Varel?«

Fees Mutter stand auf. »Ich bin gern bei Dunkelheit unterwegs. Die Straßen sind nicht so voll wie am Tag. Fee –«

»Ich weiß, was du sagen möchtest, Ma«, fiel ihr Fee ins Wort. »Komm gut an. Gib Pa einen Kuss von mir. Und ...« Sie zwinkerte die Tränen weg. Vor Frau Professor Mori wollte sie sich keine Blöße geben, »... ich denke an deinen Rat.«

Ihre Mutter drückte sie an sich. »Mach's gut, mein Kleines. Sei tapfer.«

Mein Kleines! Das hatte ihre Mutter schon lange nicht mehr zu ihr gesagt. Jetzt konnte Fee die Tränen doch nicht mehr zurückhalten. »Ich bin tapfer! Und –«, sie löste sich aus der Umarmung und ballte die Fäuste, »– mutig bin ich auch!«

Langsam stieg sie die Treppe hinauf und ging im dritten Stock den langen Flur entlang. So viele Abschiede an einem Tag,dachte sie niedergeschlagen. Und alles wegen eines einzigen kleinen Schlucks. Hätte sie anders gehandelt, oder hätte sie überhaupt nichts getan, wäre sie noch zu Hause. Und würde täglich ihren Ricco umarmen. Aber ... Sie straffte die Schultern. Sie konnte nicht anders! Es musste sein! Sie würde es wieder tun!

Kapitel 3

Aus einem der Räume drang lautes Gelächter. Fee blieb stehen. Kann etwas richtig und falsch zugleich sein?, fragte sie sich und gab sich gleich selbst die Antwort. Ja! Ja und nochmals ja! Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die nassen Wangen und zog die Nase hoch. Natürlich hatte sie kein Taschentuch. Oder ... Na klar, da war doch noch Kalles Blaues mit den grauen Tupfen! Sie schnäuzte sich und sah dann, dass die Tür des Zimmers vor dem ihren nur angelehnt war. Sie lugte hinein: Elena lag schon im Bett, Charly stand noch vor dem Spiegel und cremte gerade ihr Gesicht ein.

»Hallo! Wo geht es denn nun zum Badezimmer?«

Charly schraubte die Tube zu. »Komm mit, ich zeige es dir. Du musst dich aber beeilen; Mademoiselle Cugat ist nämlich schon unterwegs. Seit zehn Minuten solltest du im Bett liegen. Hast du's denn schon bezogen?«

»Ne. Was hat das mit dieser Mademoiselle zu tun?«

»Cugat dreht ihre Runde, um zu kontrollieren, dass kein Schäfchen fehlt. Sie kann ziemlich unangenehm werden, wenn sie ein zweites Mal nachschauen muss«, erklärte Charly und griff nach Fees Arm. »Komm!«, wiederholte sie.

Fee blieb stehen. »Sag's mir einfach.«

»Okay. Zweitletzte Tür am Ende des Gangs. Brauchst du noch Hilfe?«

»Nein. Das heißt ... Wann muss ich morgen früh aufstehen?«

»Gewaschen und angezogen hast du um sieben im Speiseraum zu erscheinen. Verspätungen werden nicht geduldet. Warte mal ...« Charly kramte ein Blatt aus der Schreibtischschublade. »Das ist die Hausordnung. Wärst du früher angekommen, hätten wir dir alles erklären können.«

Fee hob die Schultern. »Ging nicht anders.«

»Na ja. Bis morgen dann. Wenn du einen Gong hörst, bedeutet das, dass du aufstehen musst. Alles klar?« Charly knallte Fee die Tür vor der Nase zu. Fee machte Katzenwäsche und verzichtete darauf, eines der beiden Betten zu beziehen. Als sie in der Dunkelheit nackt zwischen den Federn lag, wurde die Tür leise geöffnet, jemand flüsterte: »Alles in Ordnung?«

Da sie nicht antwortete, schloss sich die Tür so geräuschlos, wie sie geöffnet worden war.

Fee schob die Hände unter den Kopf und machte die Augen zu. Einige Zeit wälzte sie sich herum, zählte Schäfchen, versuchte langsam zu atmen, kniff die Augen zusammen. Es hatte keinen Sinn; sie war viel zu aufgewühlt, um einschlafen zu können.

Als sie die kleine Leselampe auf dem Nachttischchen anknipste und auf den Reisewecker – ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem fünfzehnten Geburtstag – schaute, war es Viertel vor eins. Mist! An ihrem ersten Tag im Internat würde sie verheerend aussehen!

Sie überlegte, was sie tun könnte. Zu Hause hatte sie nie Probleme mit dem Einschlafen gehabt ... Etwas lesen? Die Hausordnung vielleicht? Du lieber Himmel, das musste nun wirklich nicht sein. Was dann? Sie ließ den Blick umherwandern. Was hatte Professor Mori gesagt? Ich vertraue deiner Kreativität, das Zimmer im Rahmen der Möglichkeiten so zu gestalten, wie es dir gefällt!

Na bitte! Was sagte ihre Kreativität? Fee setzte sich auf und schob in Gedanken die Möbel hin und her. Plötzlich lächelte sie, schlug die Decke zurück und öffnete den Koffer, in dem sie ihren Jogginganzug vermutete. Sie entdeckte ihn tatsächlich, zog ihn an, streifte dicke Socken über die Füße, denn die Nacht in den Bergen überm Genfer See war alles andere als warm, und band die langen Haare zu einem Pferdeschwanz hoch.

Dann machte sie sich ans Werk.

Zuerst rückte sie die beiden Schreibtische vor die Tür. Dann stellte sie die Stühle, die beiden hellgelb bezogenen Sesselchen und das runde Tischchen darauf, denn sie brauchte Platz. Das Tischchen balancierte auf den Stühlen und wackelte; sie hoffte, es würde nicht runterstürzen. Die Schränke mussten bleiben, wo sie waren, die bekam sie keinen Millimeter vom Fleck.

Die Betten waren ein anderes Kapitel. Übereck gestellt würden sie tagsüber eine Art Sitzlandschaft bilden, wozu sie allerdings eine weitere Tagesdecke und etliche Kissen kaufen musste. Oder überhaupt zwei ganz neue, falls sie keine entdeckte, die zu ihrer mitgebrachten passte.

Das Bett ließ sich nur schwer bewegen; Fee warf Decke, Kissen und Matratze aus dem Gestell und schob es quer durchs Zimmer. Es rumpelte ziemlich, als sie es an die Wand und unter das linke Fenster schob – und dann polterte es noch viel, viel lauter, als das runde Tischchen vom Schreibtisch stürzte.

»Verdammt! Was ist denn hier los?« Charly streckte den Kopf durch den Türspalt. »Du hast sie wohl nicht alle! Was machst du denn mitten in der Nacht?«

»Das siehst du doch. Ich stelle die Möbel um.«

Jetzt erschien ein zweites Gesicht. »Darling, ich weiß nicht, wer du bist. Aber nur zu deiner Info: Du wohnst nicht in einem Einfamilienhaus; du logierst mit vielen in einem Internat, die alle ihren Schlaf lieben.«

»Dagegen hab ich nichts«, entgegnete Fee cool. »Halte ich euch vielleicht davon ab?«

»Und ob!« Ein drittes Gesicht erschien, eines, das von dunklen Locken eingerahmt wurde. »Mach mal Platz, Sophia-Leonie.«

»Darling, das kann ich nicht. Die Tür lässt sich nicht öffnen.«

»Lasst mich vor.« Das war Elenas Stimme. »Fee, schieb die Tische beiseite, damit ich reinkommen kann.«

»Ich brauche keine Hilfe!«

»Wir sind anderer Meinung!«

Elenas Kopf verschwand, Fee hörte leises Tuscheln, dann zählte jemand bis drei. Die Schreibtische samt Stühlen und Sesselchen bewegten sich Richtung Zimmermitte, das Tischchen wurde mitgeschoben, der Türspalt weitete sich – dann standen fünf Mädchen im Zimmer. Alle in Schlafanzügen oder Nachthemden, mit verstrubbelten Haaren und roten Wangen.

»So!«, sagte Charly, stemmte die Fäuste in die Seiten und holte Luft. »Du bist neu hier, deshalb ...«

Fee unterbrach sie sofort. »Ihr hättet früher kommen sollen. Jetzt hab ich's so gut wie geschafft.« Sie stellte das runde Tischchen auf die Beine und schob es vor die Betten. »Die Sesselchen müssen hierher. Ach, und der eine Schreibtisch soll ans Fenster. Hilfst du mir, Charly?«

»Nein!«

»Komm schon, Charly, natürlich helfen wir.« Elena schubste ihre Freundin.

»Nein!«

Mia und Victoria halfen, dann stand der eine Schreibtisch vorm Fenster, der zweite, nicht gebrauchte, wurde zusammen mit dem überzähligen Stuhl ans Fußende des einen Bettes geschoben, dann lud Fee ihre Gäste mit einer einladenden Handbewegung ein, Platz zu nehmen und sagte: »Schade, dass ich euch nichts anbieten kann.«

»Kannst's ja nachholen«, sagte Elena. »Mach erst mal das Licht aus. Es muss ja nicht jede, die gerade aufs Klo geht, sehen, dass hier was los ist.«

Mia sprang auf »Ich hol 'ne Kerze.« Auf bloßen Füßen tappte sie zur Tür und – »Aber Hallo! Hast du gelauscht, Valerie? Und Lana leistet dir Gesellschaft? Das ist ja wieder mal typisch für euch.«

»Wer sind Valerie und Lana?«, erkundigte sich Fee.

Charly hob die Hand. »Moment mal ...«

»Mitten in der Nacht einen solchen Lärm zu veranstalten! Ist doch klar, dass wir wissen wollen, was hier vor sich geht«, hörten sie Vals Stimme.

»Ihr hättet klopfen können!«

»Wollten wir auch«, verteidigte sich das andere Mädchen.

»Ist das Lana?«, wisperte Fee.

Die anderen nickten.

»Die Neue ist in der Dunkelheit gegen den Schreibtisch gestoßen. Reicht das?«

»Nur gestoßen? Es hörte sich nicht so an«, spottete Val. »Mach Platz; wir wollen selbst sehen, was ...«

Fee sprang auf und stellte sich neben Mia. »Hallo! Ich bin die Neue. So sorry,dass ich euch geweckt habe. Ich hab den Lichtschalter nicht gefunden. Überhaupt kenne ich noch niemand. Außer meinen Paten natürlich. Sag mal –« Sie wandte sich an Mia. »Wer bist du eigentlich?«

Mia schaltete sofort. »Ich wohne im Zimmer nebenan und heiße Mia. Wie gesagt, ich hole dir jetzt ein Glas Wasser. Das trinkst du, dann kannst du bestimmt wieder schlafen.«

»Danke. Tut mir leid, dass ihr aufgewacht seid. Soll nicht wieder vorkommen.« Sie streckte die Hand aus. »Ich heiße Felizitas.«

Valerie und Swetlana blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls vorzustellen.

»Gute Nacht. Wir sehen uns dann morgen«, sagte Fee höflich, lehnte sich an die Wand und wartete, bis die beiden in ihrem Zimmer verschwunden waren.

»Darling, das hast du gut gemacht«, lobte Sophia-Leonie, als sich Fee neben sie setzte.

»Sind das die Schnüffler von Villa Rosa?«

»Die beiden sind ein bisschen schwierig«, erklärte das Mädchen, das immer das Wort Darling benutzte. »Übrigens – ich bin Sophia-Leonie. Das ist Victoria, und Mia holt dir das Wasser.«

»Und die Kerze«, ergänzte Victoria, stand auf und zog die Vorhänge vor. »Wir fünf sind Freundinnen.«

Als Mia zurückkam, stellte sie zuerst die Kerze auf das runde Tischchen, zündete sie an, riss einen Fetzen von einem Papiertaschentuch ab, rollte ihn zusammen, presste ihn ins Schlüsselloch und schob mit dem Fuß sogar die eine Decke vor die Tür. »So. Ich hoffe, nun dringt kein Lichtschimmer nach außen. Nächtliche Zusammenrottungen sind nämlich verboten.« Mia hatte einen Bademantel angezogen. Jetzt holte sie eine Schachtel Pralinen aus der Tasche. »Bedient euch.«

»Sind die von Sven?«, fragte Charly und griff zu.

»Ne, von meiner Großmutter.« Sie bot Fee die Schachtel an. »Such dir eine aus. Und dann erzählst du uns von dir. Wo wohnst du, und warum kommst du ausgerechnet nach den Pfingstferien zu uns? Hättest du nicht bis zu Beginn des neuen Schuljahres warten können? Oder wollen?«

»Oder dürfen?«, ergänzte Charly flugs.

»Wer sind denn nun die Schnüffler von Villa Rosa?«, protestierte Fee.

»Cool. Du bist zart wie 'ne Fee und siehst aus, als könntest du kein Wässerchen trüben. Aber mir scheint, dass dein Anblick trügt. Zumindest bist du nicht auf den Mund gefallen«, meinte Victoria anerkennend.

»Meine Mutter sagt, ich sei tollkühn.«

»So?« Charly hob den Kopf. »Du kannst keiner Herausforderung widerstehen, was?«

»Ne, darum geht es mir nicht. Ich lasse mir nur nicht die Butter vom Brot kratzen.«

»Aha. Du bist also hier, weil jemand dir die Butter klauen wollte?« Mia kicherte. »Kann ich verstehen. Da hätte ich mich auch gewehrt.«

Sophia-Leonie beugte sich vor. »Wie hast du dich denn gewehrt, Darling? Dürfen wir das wissen?«

»Ne. Das geht euch nichts an.«

»Stimmt. Private Geheimnisse gehen niemand was an«, pflichtete Elena ihr bei. »Das Gute an einem Internat ist, dass man – wenn man so viel Glück hat wie ich – eine Freundin findet, die einem beisteht, wenn man es nötig hat.«

»Darling, du enttäuschst mich«, protestierte Sophia-Leonie. »Warum sprichst du von einer Freundin, wenn du doch vier hast?«

»Mir würde eine Einzige reichen«, sagte Fee leise. Dann warf sie den Kopf zurück und wechselte das Thema. »Ich wohne in Kressbronn. Das ist eine kleine Stadt am Bodensee. Dort –«

»Du segelst?«, unterbrach sie Victoria.

»Ja, das auch«, entgegnete Fee verdutzt. »Wieso?«

»Weil wir Rosianer ein eigenes Boot auf dem See haben.«

Charly hatte aufmerksam zugehört. »Du bist ziemlich sportlich, was? Du segelst, du reitest ...«

Fee nickte. »Mein Vater hat mich aufs Pferd gesetzt, bevor ich richtig gehen konnte. Reiten ist mein Ein und Alles.«

»Hast du dein eigenes Pferd mitgebracht? Wenn ja, hast du dir, ohne es zu wissen, eine Feindin zugelegt. Swetlana reitet und meint, sie sei der Star des Sports.«

»Der Meisterchampion«, verbesserte Fee. »Die Schnüfflerin reitet? Hat sie ein eigenes Pferd?«

»Nein«, antwortete Mia entschieden. »Hat sie nicht.«

Fee nickte verständnisvoll. »Ein Pferd zu unterhalten ist nicht gerade billig. Wollt ihr ein paar Fotos sehen?«

»Darauf warten wir doch seit einer geschlagenen Stunde! Merkst du das denn nicht?« Mia schob sich eine Praline in den Mund.

Fee angelte sich ihre Handtasche und holte ein kleines Etui sowie ihr Handy heraus. »Das ist mein Ricco«, erklärte sie leise.

Fünf Köpfe beugten sich über das Display. »Ein hübsches Pferd«, sagte Mia. »Ist es ein Männchen oder Weibchen?«

Fee schnalzte mit der Zunge. »Es ist eine Fuchsstute.«

»Aha.«

»Eine Vollblutstute.«

»So?«

Fee knipste das Handy aus. »Ihr habt wohl null Ahnung von Pferden?«

Die fünf sahen sich an. »Absolut richtig. Ich zum Beispiel kann ein Schaukel- nicht von einem Steckenpferd unterscheiden«, sagte Elena. »Dass dein Ricco kein Ackergaul ist, sehe ich, aber was ein Vollblutpferd bedeutet, weiß ich wirklich nicht. Wisst ihr's?«, wandte sie sich an die anderen. Die schüttelten die Köpfe.

Fee holte tief Luft. »Also –«

Charly legte ihr die Hand auf den Arm. »Mir scheint, das wird 'ne längere Geschichte. Treffen wir uns morgen Abend wieder, Fee? Du könntest was zu trinken besorgen.«

»Gute Idee. Leute, es ist schon nach zwei Uhr! In der Früh haben wir Ringe unter den Augen und sehen fürchterlich aus.« Mia deutete auf die Pralinenschachtel. »Der Rest gehört dir, Fee. Schlaf gut!«

Als sie zur Tür ging, hielt Sophia-Leonie sie zurück. »Moment mal, Darling.« Sie blies die Kerze aus, huschte zur Tür, schob die Decke beiseite und drückte leise die Klinke nach unten. Dann drehte sie sich um. »Wartet ...« Sekunden später wisperte sie. »Alles in Ordnung. Ihr könnt kommen.«

»Nehmt ihr die Schnüfflerinnen so ernst?«, erkundigte sich Fee verwundert.

»Darling, darüber reden wir morgen.«

Kapitel 4

Montag, 19. Mai

Fünf Pralinen lagen noch in der Schachtel. Fee ließ sie sich mit Genuss auf der Zunge zergehen, kuschelte sich dann ins unbezogene Bett und schlief sofort ein.

Als sie am Morgen vom Gong geweckt wurde, kramte sie gähnend den Bademantel aus einem Koffer, suchte und fand ihre Toilettentasche und stellte sich ohne einen Gedanken an die anderen Mädchen im Waschraum zu verschwenden unter die Dusche, schließlich war sie seit frühester Jugend Mitglied im Reitverein, hatte unzählige Ferien in Trainingslagern verbracht und sich längst ans Leben mit anderen Mädchen gewöhnt. Wäre der Anlass nicht ausgerechnet ein so blödsinniger gewesen, wäre sie gerne in ein Internat gegangen, möglichst in eines, in dem man Reitunterricht nehmen konnte. Aber wie die Dinge nun mal lagen, hatten ihre Eltern daran nicht gedacht. Absichtlich wohl nicht. Sie zog die Mundwinkel nach unten. Aber sie würde sich durchbeißen, und zu Anfang des neuen Schuljahres wäre sie ja dann wieder an ihrer alten Schule – und bei Ricco.

In ihrem Zimmer herrschte totales Chaos. Mit gerunzelten Brauen suchte sie sich frische Unterwäsche, eine Jeans und einen karamellfarbenen Pulli heraus – es war kalt, fand sie. Sie bürstete die Haare, straffte die Schultern und fühlte sich nicht besonders wohl. Ihr Magen rebellierte; das tat er immer, wenn sie vor einer großen Herausforderung stand. Wie zum Beispiel damals, als sie zum ersten Mal das Springen über Hindernisse trainierte. Wenn man dem Pferd nicht im richtigen Augenblick die Hilfen zum Absprung gab, sprang es leicht falsch ab oder verweigerte den Sprung. In jedem Fall landete der Reiter im Gras und konnte von Glück sagen, wenn ihn obendrein nicht noch ein Huf traf.

Fee schlüpfte in Ballerinas, karamellfarben wie der Pulli, band die Haare im Nacken zusammen und flocht einen dicken Zopf. Dann trat sie ans Fenster. Jungs, große und kleine, strebten Villa Rosa zu. Wohnen die nicht im selben Haus,fragte sie sich gerade als es klopfte.

»Bist du fertig?«

Fee drehte sich um. »Elena, wo kommen denn die Jungs her?«

»Die wohnen in Haus Shelley. Nach dem Mittagessen zeigen Charly und ich dir die ganze Anlage. Aber jetzt beeil dich, wir sind spät dran.«

Egal, was mich erwartet,dachte Fee noch, die drei Monate stehe ich durch. Die Aussicht auf das kurze Zwischenspiel in Villa Rosa machte sie fast übermütig. Was kann mir schon groß passieren,dachte sie und folgte Elena.

Die Mädchen im Flur und Treppenhaus nahmen kaum Notiz von ihr, nur ein kleines Mädchen mit Zöpfen rannte ihnen nach. »Elena, so warte doch!«

»Hallo Annie! Wie geht es dir? Hattest du schöne Ferien in Villa Rosa?«

»Ging so. War ein bisschen langweilig ohne dich.« Annie musterte Fee ungeniert. »Bist wohl die Neue, was?«

»Ja.«

»Du hast Glück, Elena und Charly als Paten zu haben.«

»Nun übertreib mal nicht, Annie.« Elena lachte. »Anne und ihrem Freund Percy entgeht nichts. Sie sind sozusagen unsere Hausdetektive.«

»Jetzt übertreibst aber du, Elena«, wehrte Annie ab, sah aber doch ziemlich geschmeichelt aus und folgte den beiden zum Speiseraum.

Dort hätte Fee am liebsten kehrtgemacht. Dieser Lärm! Diese Geruchsmischung aus Kaffee, Kakao, heißer Milch, gebratenen Würstchen, Rührei und was nicht sonst noch allem! Das war zu viel. Das hielt doch kein Mensch aus!

Elena schien gegen Geruch und Lärm völlig unempfindlich zu sein. Unbeirrt steuerte sie auf einen Achtertisch zu, an dem Mia, Victoria, Sophia-Leonie und Charly saßen. Und zwei Jungs.

»Das ist Jem.« Elena deutete auf einen kräftigen Jungen mit kurzem blondem Haar.

»Ich bin Max«, stellte sich der zweite vor. Er schien größer als Jem zu sein. Auf jeden Fall war er schlanker, hatte dunkelbraunes lockiges Haar und sah, alles in allem, verdammt gut aus.

»Darling«, sagte Sophia-Leonie. »Max ist unser Schulsprecher und Elenas Freund. Er ist nicht zu haben; lass die Finger von ihm, wenn dir dein Leben lieb ist.«

Max lächelte. »Setz dich zu uns und kümmere dich nicht um Sophia-Leonies Geschwätz.«

»Also bist du doch zu haben?«, entgegnete Fee forsch.

Charly fiel das Marmeladebrot aus der Hand.

»Willst du mich denn?«, konterte Max herausfordernd.

Fee spielte mit einer Haarsträhne und schaute ihn prüfend an. »Nein. Danke. Im Augenblick habe ich keinen Bedarf.«

»Glück gehabt, Elena«, murmelte Victoria.

Max legte den Arm um Elenas Schultern. »Du hättest dir eine Abfuhr geholt, Fee. Ich empfehle dir Jem, wenn du einen Freund willst. Der ist zu haben.«

»Gut, dass wir den Punkt geklärt haben. Nur zur allgemeinen Info: Ladenhüter, Sonderangebote und billige Schnäppchen interessieren mich nicht; ich will das Besondere. Soll heißen: Meine Freunde suche ich mir selbst aus.« Fees Stimme war kühl und sachlich.

»Freunde?«, wiederholte Charly. »Gleich im Plural? Reicht dir nicht einer? Brauchst du gleich mehrere? Bist du unersättlich, Fee?«

»Mein Gott«, fuhr Mia auf »Müsst ihr die Neue am ersten Morgen so nerven? Lasst sie doch mal frühstücken, bevor ihr euer Spielchen mit ihr treibt!« Mia sprang auf. »Komm mit ans Büfett, Fee!«

Verdutzt stand Fee auf Als sie ein Brötchen auf den Teller legte, fragte sie: »Gehörten die Fragen zu einem Spielchen, Mia? Ich dachte, sie seien ernst gemeint.«

»Natürlich waren sie nicht ernst gemeint! Jede Neue wird erst mal in die Ecke getrieben; je eher wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, desto besser. Gerade hast du dich gut gehalten, aber vergiss nicht: Das war nur der Anfang. Mach dich auf eine Fortsetzung gefasst, ja?«

Die erste Hürde habe ich also übersprungen; jetzt werde ich die Zügel kurz halten,dachte Fee, marschierte zum Tisch zurück und lächelte liebenswürdig. »Auf zur zweiten Runde. Jem, bist du gut im Bett?«

Fassungsloses Schweigen.

Fee wartete. Dann sagte sie: »Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich fasse es so auf, dass du liebestechnisch gesehen eine Niete bist. Tja, da werde ich mich tatsächlich nach einem anderen Jungen umsehen müssen. Könnt ihr mir einen Tipp geben, wer meinen gehobenen Ansprüchen genügt?«

Victoria hakte sofort nach. »Wie groß sind denn deine Ansprüche?«

»Gemessen an meinen Erfahrungen sind sie nicht leicht zufriedenzustellen. Ob er –« Sie deutete mit dem Löffel auf Jem, »– mithalten kann, wage ich zu bezweifeln. Er sieht reichlich unbedarft aus. Aber vielleicht ist er lernfähig und besitzt Begabungen, von denen er bisher gar nichts weiß?«

Jem war knallrot geworden. »Wie kannst du es wagen ...!«

Fee wandte sich ihm zu. »Habe ich vorschnell geurteilt? Okay, lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Wie wäre es gleich heute nach dem Abendessen?« Sie lehnte sich vor und fragte in vertraulichem Ton: »Wo ist man denn ungestört?«

Plötzlich lachte Max laut auf. »Eins zu null für dich, Neue! Du lässt dich wenigstens nicht einschüchtern. Gratuliere!«

Unbeschadet ins Ziel gekommen,dachte Fee erleichtert. »Ich lass mich nicht gerne verarschen.«

Charly nickte wissend. »Lieber drehst du den Spieß um, was?«

»Sagen wir es so: Ich ergreife gerne die Initiative.« Sie blickte Jem herausfordernd an. »Wie steht es mit dir? Ergreifst du auch gern die Initiative, oder lässt du dich lieber verarschen?«

Max fiel das Messer aus der Hand. »Fee«, sagte er drohend. »Das geht jetzt entschieden zu weit.«

»Findest du?« Fee schaute den Jungen an, der auf ihren Tisch zusteuerte und Max, dem Schulsprecher, einen Zettel neben den Teller legte.

»Von Professor Mori. Du sollst ihn ans Schwarze Brett pinnen«, sagte er und lächelte Fee an. »Ich bin Vincent. Wir haben uns gestern gesehen, als du angekommen bist. Willkommen in – .«

»Ob sie willkommen ist, wird sich noch zeigen«, knurrte Jem, sprang auf und rempelte ihn an, als er hastig an ihm vorbeieilte.

»Schlecht gepennt? Oder nur mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen?«, rief Vincent ihm nach. Der Junge war kräftig, ziemlich muskulös und groß; Fee schätzte, dass er sie um mindestens einen Kopf überragen würde. Er hatte strubbelige dunkelblonde Haare, ein kantiges Gesicht und sah aus, als würde er sich lieber im Freien als am Schreibtisch aufhalten.

»Du heißt Fee?«, wandte er sich an sie.

»Sie heißt zwar Fee, aber ob sie eine gute oder schlechte ist, wird sich zeigen«, antwortete Max grimmig. »Nimm dich vor ihr in Acht, Vin!«

»Aber weshalb denn?« Vincent zog Jems Stuhl heran und setzte sich.

Fee lachte. »Ich fresse kleine Jungs!«

»An mir beißt du dir die Zähne aus. Ich bin ein harter Brocken«, gab Vin schlagfertig zurück, schaute hektisch auf die Uhr und sprang auf. »Muss noch die Mathe-Hausaufgabe abpinseln. Bis später im Klassenzimmer, Fee!«

Nach dem Frühstück begleitete Elena Fee ins Sekretariat, wo Frau Rode ihr die Bücher, den Stundenplan und die Hausordnung aushändigte und sie über den Tagesablauf sowie allgemeine Regeln informierte: Nach neun Uhr kein Besuch der Jungs auf den Zimmern, Bettruhe, Lern- und Freizeiten, Aufgaben und Dienste, Namen der Lehrer und Lehrerinnen und so weiter und so fort.

Fee hörte sich alles geduldig und mit unbewegtem Gesicht an.

»Die erste Stunde hat schon begonnen. Miss Reeves, die Englischlehrerin, weiß, dass du jetzt bei mir bist. Aber nun haben wir wohl alles geklärt. Viel Glück in Villa Rosa, Felizitas.«

Fee bedankte sich und verabschiedete sich höflich. Warum soll ich mich beeilen, wenn diese Miss Reeves weiß, dass ich bei Frau Rode bin?, fragte sie sich und blieb in der Halle vorm Schwarzen Brett stehen, um die Anschläge zu lesen.

Hey!Ich suche meine roteTasche und meinen grü-nen Ordner! Falls ihr beides findet, meldeteuch bei mir!Laura, Klasse 12.

Suche meinegelbe Regenjackeund einegestrickte Mütze!Annemie,Zimmer 2.02

Fee verzog das Gesicht. Eine gelbe Regenjacke ... na ja. Aber eine gestrickte Mütze? Wie furchtbar!

AN ALLE!Wir suchen folgende DVDs:- Er steht einfach nicht auf dich- Zum Glück geküsst- 10 Dinge, die ich an dir hasse- Sweet Home AlabamaBitte bei uns vorbeibringen.Danke. Robbi und Anne

An alle!Ein Internatsbriefkasten wurdeeingerichtet!Anonym können Anregungen,Vorschläge und Sorgen mitgeteiltwerden, welche wir bei den Inter-natsvollversammlungen besprechen.Der Briefkasten befindet sich nebendem Briefkasten für die Ausgangspost.Wir bedanken uns für eure Mit-teilungen, weisen aber darauf hin,dass wir kein Verständnis fürblöde Witzchen haben.Eure Klassensprecher

Fee nahm sich vor, die Klassensprecher hin und wieder ein bisschen zu ärgern. Ihr Blick wanderte weiter zu der Rubrik

SCHULNACHRICHTEN

Achtung!Der Chor probt ab sofort mittwochs direktnach dem Abendessen im Musiksaal.Über euer vollständiges Erscheinen freutsich wie immerEure Beate

Klavierunterricht bei Frau Pech.Immer montags ab 16 Uhr.Gesangsunterricht bei Herrn Torelli und:Geigenunterricht bei Herrn Torelli.Jeweils freitags und samstags. Zeitenwerden individuell festgelegt.

Fee seufzte. Weit und breit gab's keinen Hinweis auf Reitstunden ... War ja auch nicht zu erwarten.