Die Liebeslüge: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 1 - Sissi Flegel - E-Book

Die Liebeslüge: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 1 E-Book

Sissi Flegel

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Beschreibung

Immer Ärger mit der Liebe! Der turbulente Jugendroman »Die Liebeslüge« aus der »Villa Rosa«-Reihe von Bestseller-Autorin Sissi Flegel jetzt als eBook bei dotbooks. Wie Pech und Schwefel … Auf den ersten Blick schon können sich die wohlerzogene Elena und Wildfang Charly nicht ausstehen – zu dumm, dass sie sich als Neuankömmlinge im Internat »Villa Rosa« am Genfer See ein Zimmer teilen sollen! Zu allem Überfluss machen ihnen auch noch die anderen Schüler das Leben schwer. So müssen sich Elena und Charly wohl oder übel zusammenraufen ... und entdecken, dass sie mehr verbindet als gedacht: Beide haben ein Geheimnis, das alles auf den Kopf stellen könnte. Und dann ist da auch noch die verflixte Liebe, die einfach keine Ruhe gibt. Umso wichtiger, dass man eine neue beste Freundin hat, mit der man durch dick und dünn gehen kann! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der witzig-freche Jugendroman »Die Liebeslüge« von Bestseller-Autorin Sissi Flegel für Mädchen ab 12 Jahren – Band 1 der »Abenteuer in der Villa Rosa«-Reihe. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 382

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Über dieses Buch:

Wie Pech und Schwefel … Auf den ersten Blick schon können sich die wohlerzogene Elena und Wildfang Charly nicht ausstehen – zu dumm, dass sie sich als Neuankömmlinge im Internat »Villa Rosa« am Genfer See ein Zimmer teilen sollen! Zu allem Überfluss machen ihnen auch noch die anderen Schüler das Leben schwer. So müssen sich Elena und Charly wohl oder übel zusammenraufen ... und entdecken, dass sie mehr verbindet als gedacht: Beide haben ein Geheimnis, das alles auf den Kopf stellen könnte. Und dann ist da auch noch die verflixte Liebe, die einfach keine Ruhe gibt. Umso wichtiger, dass man eine neue beste Freundin hat, mit der man durch dick und dünn gehen kann!

Über die Autorin:

Sissi Flegel hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

Bei dotbooks veröffentlichte Sissi Flegel folgende Romane:

in der Jugendbuch-Trilogie Internat Sternenfels die Einzelbände Wilde Hummeln, Die Superhexen und Die Vollmondparty;

in der Kinderbuch-Reihe Schülerstreich und Lehrerschreck die Einzelbände Bühne frei für Klasse Drei, Wir sind die Klasse Vier, Wir sind die Klasse Fünf und Klasse Fünf und die Liebe;

in der Kinderbuch-Reihe Die Grundschul-Detektive die Einzelbände Klassensprecher der Spitzenklasse, Klassensprecher auf heißer Spur und Klassensprecher für alle Fälle;

in der Kinderbuch-Reihe Emil und seine Freunde die Einzelbände Gruselnacht im Klassenzimmer, Zum Geburtstag Gänsehaut und Mutprobe im Morgengrauen;

in der Freche Mädchen-Reihe die Jugendbücher Lieben verboten, Kanu, Küsse, Kanada, Liebe, Mails & Jadeperlen, Liebe, List & Andenzauber, Liebe, Sand & Seidenschleier, Coole Küsse, Meer & mehr und Küsse, Kompass, Kerzenschein & Mittsommernachtskuss;

sowie die Jugendbücher Schneeballflirt und Weihnachtszauber und Band 2 der Villa-Rosa-Reihe: Der Liebeszauber.

Bei dotbooks veröffentlichte Sissi Flegel für erwachsene Leser außerdem ihre Bestseller-Reihe Die Geheimnisse der Sommerfrauen und Die Träume der Sommerfrauen sowie ihre Romane Roter Wein mit Brombeernote und Der Geschmack von Wein und Liebe.

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eBook-Neuausgabe Mai 2019

Copyright © der Originalausgabe 2010 cbj Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Dserov

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-849-0

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass du dich für dieses eBook entschieden hast. Bitte beachte, dass du damit ausschließlich ein Leserecht erworben hast: Du darfst dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem du dich strafbar machst und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügst. Bei Fragen kannst du dich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Sissi Flegel

Die Liebeslüge

Roman

dotbooks.

If you run, you might lose.If you don't run, you lose.

Prolog

Es gibt Augenblicke, in denen ändert sich das Leben. Vielleicht durch einen Unfall, oder weil ein naher Angehöriger stirbt, die Eltern sich trennen oder aufs Neue binden, ein Umzug ansteht oder ein Schulwechsel, weil man den besten Freund verliert oder die beste Freundin.

Manchmal stopft das Schicksal einige dieser Veränderungen in ein Paket.

Wer zu den Unglücklichen zählt, die so ein Paket erhalten, ist völlig überrumpelt und hat keinen Plan, wie die kommende Stunde, geschweige denn der nächste Tag oder gar Monat durchzustehen ist, und hofft nur, irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Wenn jemand dabei hilft, Freundinnen vielleicht oder ein guter Freund, hat man Glück im Unglück.

Ist in dem Paket aber etwas, wofür man ganz allein die Verantwortung trägt, spielt einem das Schicksal einen besonders schlimmen Streich.

Für Elena und Charly endete das gewohnte Leben zu Beginn des neuen Jahres.

VILLA ROSA

Kapitel 1

Sonntag, 17. Februar

»Das wär's«, sagte Charly energisch, setzte sich auf den großen Koffer, drückte den Deckel herunter und ließ die beiden Schlösser einschnappen. »Alles drin, Ma. Wir haben nichts vergessen.«

»Bist du sicher, Kind?« Zina Wyss runzelte die Stirn. »Fünf Schlafanzüge, drei Nachthemden. Das sollte reichen. Aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch noch etwas Unterwäsche kaufen sollte.«

»Es gibt Waschmaschinen, falls dir das bisher entgangen ist«, meinte Charly fröhlich. »Möchtest du uns nicht eine letzte Tasse Café Latte kochen?«

»Wenn du meinst. Kommst du mit in die Küche?«

»Bin gleich bei dir.« Charly kreuzte die Arme vor der Brust und wartete, bis ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte. Ihr Blick streifte die beiden Koffer, in die ihre Mutter ihre Kleidung gepackt hatte, sauber gewaschen und liebevoll zusammengelegt natürlich. Sie blickte auf die Tasche mit den Schuhen, die geräumige Reisetasche mit ihren Schulbüchern, den Beutel mit allerlei Krimskrams und den schicken roten Lederbehälter fürs Waschzeug und die Kosmetika.

Sie nickte zufrieden, streifte die Schuhe von den Füßen, griff nach einem Müllbeutel, schüttelte ihn auf und sprang mit einem Satz aufs Bett. Mit raschen Bewegungen riss sie die Poster von der Wand: das lange Panoramabild der Schweizer Alpen, ein Foto vom Matterhorn, eines vom Slalomrennen der Damen, ein Ausschnitt der rabenschwarzen, sehr schwierigen Piste vom Klein-Matterhorn-Rosa im Morgendunst. Sie knüllte die Poster zusammen und stopfte sie in den Sack. Dann nahm sie eine nach der anderen die gerahmten Urkunden von der Wand: Siegerin beim Abfahrtslauf der Zwölfjährigen, zweiter Platz beim Abfahrtslauf der Dreizehnjährigen, Siegerin beim Slalom der Vierzehnjährigen, der Fünfzehnjährigen.

Charly machte sich nicht die Mühe, die Urkunden aus ihren Rahmen zu lösen, sie schmetterte jede einzelne gegen ihr Knie, sodass Glassplitter aufs Bett regneten und das Papier riss, drückte ein-, zweimal die hölzernen Rahmen zusammen und warf sie, wie auch eine Handvoll Medaillen, in den Sack.

Da, wo die Poster, die Urkunden und die Medaillen gehangen hatten, waren jetzt helle Erinnerungs-Flecke auf der Tapete. Die muss unbedingt neu gestrichen werden, dachte Charly und hüpfte vom Bett. Es schepperte, als sie den Sack neben ihren kleinen Schreibtisch stellte, auf dem das schwarze Kästchen mit der Sammlung ihrer schmalen Armreifen stand. Sechs Stück waren es, drei silberne und drei goldene, die streifte sie über ihre rechte Hand, dann zog sie die obere Schublade heraus und entsorgte den ganzen Schulmüll, der sich über die Jahre angesammelt hatte.

Als die Schublade bis auf ein paar Kekskrümel und steinharte Gummibärchen leer war, schob sie sie zu, warf die rotblonden Locken nach hinten, kniete nieder, zögerte, gab sich einen Ruck und zog langsam die untere Schublade heraus.

Sie schien leer – doch ganz hinten lag ein Bündelchen. Keine Briefe, sondern Zettelchen und Zettel, zusammengehalten von einem roten Gummiband. Sie zog es ab, schnellte mühelos hoch, rannte ins Badezimmer nebenan, ließ zuerst das Gummiband, dann ein Zettelchen nach dem anderen in die Kloschüssel fallen und drückte so lange die Spülung, bis nichts mehr im Wasser trudelte.

»Der Kaffee ist fertig!«, rief ihre Mutter von unten herauf

»Komme sofort«, schrie Charly und rannte in ihr Zimmer zurück. Mit einem schnellen Fußtritt schloss sie die Schublade und schaute sich in ihrem Zimmer um. Die Bilder- und Mädchenbücher standen noch im Regal, aber gegen die hatte sie nichts, die konnten bleiben. Der Schrank, die Wäschekommode und der Schreibtisch waren ausgeräumt, die Bettwäsche würde ihre Mutter abziehen – blieb nur noch eins, was sie erledigen musste.

Sie hob die Matratze etwas an und zog ein Medaillon an einer Kette hervor. Charly schnupperte daran, verzog das Gesicht; es roch nach nichts mehr, einfach nur nach nichts. Der Verschluss schnappte auf Mit dem Fingernagel löste sie das ovale Bildchen, wollte es schon zerreißen, überlegte es sich anders, legte das Papierchen mit der Bildseite nach unten zurück, schloss das Medaillon und ließ es in die Tasche ihrer Jeans gleiten.

»Wo bleibst du denn nur so lange?« Ihre Mutter stand plötzlich in der Tür, in jeder Hand einen Becher, und schnappte entsetzt nach Luft. »Charly! Bist du wahnsinnig? Was hast du mit deinen Urkunden und Medaillen gemacht?« Sie stellte die Becher ab.

»Ich habe aufgeräumt«, antwortete Charly fröhlich. »Einen Schlusspunkt gesetzt, verstehst du?«

»Aha«, sagte ihre Mutter mit ausdrucksloser Stimme. »So also stellst du dir das vor? Du meinst, wenn du alles beseitigst, was dich an die Vergangenheit erinnert, hast du sie abgeschlossen?«

»Aber natürlich! Keine Erinnerungsstücke, keine Vergangenheit. Ich bin bereit für alles Neue. Es wird herrlich werden, absolut einmalig! Den Kaffee trinken wir unten! Nun komm schon, wir haben nicht mehr viel Zeit; in einer halben Stunde steht Pa vor der Tür, und du weißt ja, dass er nicht gerne wartet!«

In der Küche ließ Charly kaltes Leitungswasser in den Becher laufen. »Ich erfinde mal den sofort trinkbaren Kaffee«, meinte sie ausgelassen. »Ma, wie steht mir der neue Pulli? Sag, dass das Orange gut zu meiner Haarfarbe passt. Es passt doch, oder? Ich finde, dass der Pulli toll an mir aussieht. Richtig glamourös, stimmt's? Aber jetzt muss ich das Gepäck herunterschleppen. Dauert keine Sekunde!«

Kaum war sie auf der Treppe, fischte sie ihr Handy aus der Hosentasche. Sie schloss nachdrücklich ihre Zimmertür hinter sich, lehnte sich an die Wand und wartete ungeduldig auf die Verbindung. »Jenny«, sagte sie hastig. »Vergiss nicht, was du mir versprochen hast. In einer halben Stunde sind wir weg. Die Tür in den Keller hab ich aufgeschlossen, du kommst also ohne Weiteres herein. Im Abstellraum sind meine Skier und das Snowboard, der Sack mit den Anzügen, den Stiefeln, dem Helm und allem anderen. Verkauf alles, aber pass auf, dass du nicht übers Ohr gehauen wirst, es sind teure Stücke. Behalte das Geld.«

Mit angehaltenem Atem lauschte sie der Stimme ihrer ältesten Freundin, die im Nachbarhaus wohnte. »Okay«, meinte sie erleichtert. »Ich verlass mich auf dich. Niemand wird dich verdächtigen, absolut niemand. Also mach's gut und schick mir mal 'ne Mail, hörst du?«

Ohne auf Jennys Antwort zu warten, brach Charly die Verbindung ab und schleppte ihr Gepäck vor die Tür. Als ihr Vater mit dem Elektroauto vor dem Haus hielt, hatte sie schon den Mantel an und war bereit.

»Auszug aus dem alten Land«, sagte sie heiter, setzte sich auf den Rücksitz und drehte sich nur noch einmal um, um einen letzten Blick aufs Ortsschild zu werfen: Zermatt. Das Matterhorn stach durch seine erhabene Schönheit die anderen, kaum minder spektakulären Gipfel aus, die in reinem, strahlendem Weiß in den blauen Winterhimmel ragten.

Die Schneewälle links und rechts der stellenweise vereisten und sehr engen Straße reichten bis in den ersten Stock der kleinen braunen Holzhäuser im alten Dorfgebiet. Das Elektroauto – nur solche und Kutschen waren in der Stadt erlaubt – schlitterte leicht um eine Kurve. Einmal musste ihr Vater eine Gruppe Skifahrer mit geschulterten Brettern vorbeigehen lassen. Bei diesem grandiosen Wetter, bei diesem herrlichen Schnee auf die Piste, dachte Charly, schloss die Augen und ballte die Fäuste ...

Als sie die Haltestelle der Matterhorn-Gotthard-Bahn erreicht hatten, stellte ihr Vater das Elektroauto ab, sie stiegen in die Bahn und waren in zwanzig Minuten in Täsch, dem Endpunkt, wo in einem riesigen Parkhaus ihr normales Auto parkte.

Ihr Vater drehte sich zu ihr um. »In wenigen Stunden ist der Winter für dich zu Ende.«

»Ist das nicht wundervoll? Wir fahren schnurstracks in den Frühling. Mein neues Leben beginnt mit der neuen Jahreszeit. Ich freue mich ja so! Aber dass wir Omi in Martigny besuchen, finde ich unnötig. Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es doch, und ehrlich gesagt, hasse ich es, aufgehalten zu werden!«

»Deine Großmutter freut sich auf dich. Wer weiß, wann du wieder mal Zeit für sie hast«, antwortete ihre Mutter ruhig.

Ihr Vater nickte zustimmend. »Und hast du noch immer nicht verstanden, dass nicht alles gut und richtig sein muss, was du dir in den Kopf gesetzt hast?«

Charly biss sich auf die Unterlippe und warf die langen rotblonden Locken heftig nach hinten. »Das war eine fiese Antwort, Pa.«

Kapitel 2

Einige hundert Kilometer nördlich stand Elena

Gerber in ihrem Zimmer und starrte vor sich hin. Auch hier waren Koffer und Taschen gepackt; jetzt zog sie die Bettwäsche ab, faltete sie ordentlich zusammen, nahm dann ein Tuch in die Hand und staubte sorgfältig die Väschen, Figürchen, Döschen und Püppchen ab, die in dem Regal neben ihrem Schreibtisch standen.

»Bist du verrückt? Warum machst du das?«, erkundigte sich Hanna, ihre Freundin, die neben dem Schreibtisch stand. »Bis du mal zu Besuch kommst, ist doch alles wieder verstaubt.«

Elena runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

»Lass das.« Hanna riss ihr das Tuch aus der Hand. »Mensch, freu dich! Endlich bist du deine Familie los und darfst ins gelobte. Land reisen. Du freust dich doch, oder?«

Elena hob die Schultern. »Weiß nicht.«

»Du bist mir eine«, schimpfte Hanna. »Wenn meine Eltern so viel Geld hätten, dass ich eins der besten Internate besuchen könnte, würde ich ausflippen. Aber was ist mit dir? Du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und tust so, als würdest du in die Verbannung geschickt! Mensch, Elena, auf dich wartet die glamouröse Welt eines Upper Class Internats!«

Elena ließ sich aufs Bett sinken und biss in den Knöchel ihres rechten Zeigefingers. Das machte sie immer, wenn sie sich unsicher fühlte.

»Lass das«, fuhr Hanna sie wieder an. »Das werden sie dir bestimmt abgewöhnen«, meinte sie dann in versöhnlicherem Ton, »also lass es lieber gleich bleiben. Und noch etwas, Elena. Ich kapier nicht, weshalb du dir nicht einen schicken Haarschnitt geleistet hast. Ich finde, wenn jetzt das neue Leben für dich beginnt, hättest du damit ein Zeichen setzen können.«

»Wie meinst du das?«

»Na, ein neuer Haarschnitt wäre doch ein Symbol gewesen: die neue Elena ist bereit für ihr neues Leben – so was in der Art.«

Hanna griff in Elenas dunkelbraune, absolut glatte Haarsträhnen. »Du machst einfach nichts aus dir. Warum das so ist, weiß ich ja, aber es ist schade. Kein Wunder, dass du bis heute noch keinen ... aber was nicht ist, kann ja noch werden – bald lernst du ja neue Leute kennen«, setzte sie hastig hinzu.

Langsam stand Elena auf, hob den Arm – und fegte mit einer einzigen Bewegung die gerade abgestaubten und ordentlich arrangierten Nippes vom Brett. »Ich will nicht weg! Ich wollte nie weg von hier! Ich hasse alles Neue!«, brach es aus ihr heraus.

»Spinnst du? Was soll das denn jetzt!« Hanna starrte sie ungläubig an und bückte sich dann, um die am Boden liegenden Gegenstände aufzuheben.

Da wurde die Tür aufgerissen. »Abfahrt in fünf Minuten!«, bellte Elenas Vater. Mit einem ärgerlichen Blick, den Elena wie eine Ohrfeige empfand, musterte er seine Tochter und das Chaos am Boden. »Gut, dass du dich endlich von dem nutzlosen Krempel trennst«, schnaubte er. »Los, mach schon. Komm runter. Hanna wird dir mit dem Gepäck behilflich sein.«

Wie zwei begossene Pudel schleppten Elena und Hanna die Koffer und Taschen ins Erdgeschoss. »Ich versteh dich wirklich nicht«, flüsterte ihr Hanna an der Tür zu. »Warum willst du nicht weg, wo dich doch deine Eltern so schnell wie möglich loswerden wollen?!« Elena zuckte nur mit den Schultern.

Während Elenas Vater die Gepäckstücke im Kofferraum verstaute, umarmten sich die Mädchen ein letztes Mal. »Mail mir«, flüsterte Elena. »Ich will wissen, was sich hier tut.«

»Falls sich etwas tut«, entgegnete Hanna leise. »Klar, mach ich. Nütz die Chance, stopf die Vergangenheit in einen großen Sack, versenke ihn im Genfer See und fang endlich ein neues Leben an. Vielleicht besuche ich dich mal!«

Elena hob die Schultern, als wäre ihr kalt. »Sag denen in unserer Klasse –«

»Wird's bald? Hast du dich von deiner Mutter verabschiedet oder musst du das auch noch erledigen?« Herr Gerber ließ sich auf den Fahrersitz fallen und knallte die Autotür zu.

Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern setzte sich Elena auf den Rücksitz. Sie drehte sich um und sah, wie der Vorhang am Küchenfenster beiseitegeschoben wurde, aber niemand winkte. Ihr Vater gab Gas und schoss mit überhöhter Geschwindigkeit den Philosophenweg herunter. Elena blickte ein letztes Mal auf den Fluss, die Brücke, die vielen Studenten, die sich lachend, sich unterhaltend, gemächlich oder hastig durch die Straßen schoben, auf die Silhouette der Altstadt mit dem alles überragenden Schloss und dann, wenige Minuten danach, aufs Ortsschild Heidelberg.

Heidelberg – das war ihre Geburtsstadt, ihre Heimatstadt, die Stadt, die sie liebte, geliebt hatte – und jetzt einfach nur von Herzen hasste. Nicht die Stadt hatte ihr Böses getan, aber die Erinnerung an das, was in diesem Ort geschehen war, hing ihr wie ein zentnerschwerer Mühlstein um den Hals.

Ihr Vater ordnete sich links ein und lenkte den silbergrauen Daimler auf die Autobahn. Natürlich benutzte er nur die linke Spur; wenn ihm der Vordermann nicht sofort die Bahn frei machte, fuhr er so lange Schlangenlinien, bis der Fahrer rechts einscherte. Auf der Höhe von Karlsruhe öffnete er zum ersten Mal den Mund.

»Ich hoffe, du weißt unsere Großzügigkeit zu schätzen. Dein Internat kostet mich monatlich eine schöne Stange Geld.«

O Gott! Elena krampfte die Hände ineinander und nickte schließlich.

»Was hast du gesagt? Ich hab nichts gehört!«

»Danke«, flüsterte Elena.

»Lauter; meine Ohren sind nicht mehr so gut wie früher.«

»Danke.«

»Wie bitte?«

»Danke!«, stieß Elena hervor. »Danke, danke, danke!«

»Na bitte! Geht doch!«

Zwischen Basel und Sissach fing der Regen an; zuerst fielen einzelne große Tropfen, aber urplötzlich goss es wie aus Kübeln. Die Fahrbahn war nur noch zu erahnen, selbst ihr Vater nahm den Fuß vom Gas, und bald staute sich der Verkehr. »Das bisschen Regen«, knurrte er. »Kostet mich Minuten.«

Mich – nicht uns, dachte Elena und biss sich auf den Zeigefingerknöchel.

Kurz nach Bern ging der Regen in Schnee über. Die Flocken prallten waagrecht gegen die Windschutzscheibe, die Bäume links und rechts waren zu dunklen Schemen geworden, der Schnee hatte den Himmel verschluckt, die Welt bestand nur noch aus dichtem Grau. Trotzdem brauste ihr Vater statt mit der auf Schweizer Autobahnen vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometer mit mindestens 135 durchs Land. Hätte ihm jemand gesagt, er möge doch langsamer fahren, hätte er nur geknurrt: »Wo ist das Problem? Es gibt keines!«.

Die groben Hände ihres Vaters ruhten schwer auf dem Lenkrad, sein Stiernacken warf Falten, die grauen Stoppelhaare standen ab, und im Spiegel sah Elena sein breites rotes Gesicht mit der zu kleinen Nase und dem aggressiven Kinn. Er schielte etwas; ein Erbe der Großmutter, das, wie auch die vorstehenden Schneidezähne, an Elena weitergegeben worden war, allerdings bemerkte man bei ihr das Schielen nur, wenn sie sehr müde war. Sie trug eine Brille und zur Regulierung der Zähne nachts eine Klammer.

Ihr Vater legte keine Pause ein, an keiner Raststätte hielt er an, nie sagte er »Lass uns einen letzten Kaffee trinken« oder »Hast du Durst? Willst du etwas essen?« oder »Musst du auf die Toilette?« Als Elena kurz vor dem Ziel, in der Nähe von Fribourg, tatsächlich auf Klo musste, knurrte er etwas von »Extrawünschen«.

Nach Bulle ließ der Schneefall nach, und als sie über die tief verschneite Hochebene fuhren, sah Elena ein Schild, das auf die Wasserscheide von Rhein und Rhône aufmerksam machte.

Kurz danach führte die Straße leicht abwärts, der Schnee ging in Regen über, und dann, als nach einer Kuppe die Fahrbahn steil bergab ging, sah sie zum ersten Mal den Genfer See und dahinter die weißen Berge.

Die Schönheit der Landschaft nahm sie kaum wahr. Ihr Vater dünstete Wut aus, die das Wageninnere füllte und machte, dass Elena sich immer mehr verkrampfte. Ihr Magen war ein einziger kalter Klumpen, ihre Hände waren feucht und klamm, ihre Glieder starr. Mit wachsender Verzweiflung sehnte sie das Ende der Fahrt herbei – und gleichzeitig fürchtete sie sich davor.

Ihr Vater beließ den Tempomat bei 135 Stundenkilometern, obwohl ein Hinweisschild das Gefälle der Fahrbahn anzeigte und den Fahrern empfahl, die Motorbremse zu benutzen. Die Stimme aus dem Navigationsgerät riet kurz vor Montreux, die Autobahn zu verlassen und der Straße in Richtung Glion zu folgen.

Elena zuckte zusammen. O Gott! Gleich waren sie am Ziel ... Sie hasste Glion! Sie hasste den Genfer See, sie hasste, hasste, hasste alles! Ihr Leben war ein Schrotthaufen, sie hasste ihren Schrotthaufen ...

Elena kniff die Augen zusammen, riss sie aber erschrocken auf, als ihr Vater so plötzlich abbremste, dass ihr der Gurt in die Brust schnitt.

»Bitte wenden! Bitte wenden Sie jetzt!«, warnte die Stimme aus dem Navigationsgerät. Obwohl ihr Vater so gut wie nie das tat, was eine andere Person ihm empfahl, folgte er jetzt der Stimme, wendete und bog in eine schmale Straße ein, die sich in engen Kehren steil den Hang hinaufzog.

Plötzlich war die Jahreszeit zurückgesprungen, jetzt war wieder Winter, der Schnee türmte sich zu mehr als einen halben Meter hohen Wällen, erst vor Kurzem musste der Pflug ihn zur Seite gefräst haben, denn die Kanten waren noch scharf und deutlich sichtbar.

Im Ort verzweigte sich die Straße; nur zögernd folgte ihr Vater der steilen, engen und stellenweise sogar vereisten Route, da er ums Blech seines kostbaren Autos bangte. Als ihm dann tatsächlich ein anderes Fahrzeug entgegenkam und er hätte ausweichen müssen, zwang er durch wütendes Hupen und halsstarriges Halten den andern, rückwärtszufahren.

Oben schneite es wieder aus dunkelgrauen Wolken, aber über den gegenüberliegenden Bergen leuchtete ein blauer Fleck. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel aufs bleifarbene Wasser, und zum ersten Mal, seit sie hinter ihrem Vater im Auto saß, empfand Elena Interesse. Dem Klimawechsel auf so kurzer Entfernung werde ich nachgehen, dachte sie. Vielleicht. Mal sehen.

Als es dann so weit war, als ihr Vater vor dem Internat hielt und das herrschaftliche Gebäude musterte, drehte er sich nicht zu ihr um und sagte etwas Tröstliches wie: »Hier wird es dir bestimmt gefallen, Elena.« Stattdessen pfiff er kurz durch die Zähne und knurrte: »So was kostet natürlich eine Menge Geld.« Er lud ihr Gepäck vorm Portal aus, sagte: »Ich geh dann mal zur Rezeption«, und ließ sie stehen.

»Eine Schule ist kein Hotel«, hätte Elena ihm gerne gesagt. »Eine Schule hat keine Rezeption!« Aber was hätte ihr das gebracht? Nichts. Er hätte geschnaubt und genau das getan, was er gerade tat: Er ließ sie stehen und marschierte mit ausgefahrenen Ellbogen ins Gebäude.

Am liebsten hätte sie ihn gepackt und angeschrien. Abertausendmal hatte sie sich vorgestellt, wie sie ihn mal anschreien würde: »Es ist nicht meine Schuld, dass ich auf der Welt bin! Kapier das endlich und schieb mir nicht die alleinige Verantwortung für das in die Schuhe, was mit Stefanie passiert ist!« Verdammt, warum konnte sie ihrem Vater die banale Tatsache nicht ins Gesicht schleudern, dass er und ihre Mutter für ihr Dasein und Anderssein als ihre Schwester verantwortlich waren? Warum nur?

Mit hängenden Schultern stand Elena neben ihrem Gepäck und schrak zusammen, als sich ihr Vater umdrehte und von der obersten Stufe der breiten Freitreppe herunterschrie: »Was ist? Was stehst du herum? Komm endlich!«

»Ich denke, du willst alleine ...«, stammelte Elena.

»Du gehst hier zur Schule, nicht ich!«

O Gott! Elena ballte die Fäuste und stolperte mehr, als sie ging, die Stufen hinauf. Trampel, stöhnte sie in sich hinein, Trampel, Trampel ... Sie stieß gegen den linken Ellbogen ihres Vaters, als der in der Halle stehen blieb. »Trampel!«, zischte auch er. »So pass doch auf!«

Elena stiegen die Tränen in die Augen. Verschwommen nahm sie die strahlend weiße Halle wahr, den schwarzweiß gefliesten Fußboden, die hohen Spiegel in ihren goldenen Rahmen. »Feudal«, sagte ihr Vater knapp. »Wo ist die Rezeption?« Er wandte sich nach rechts, blieb vor einer Tür stehen, las laut: Sekretariat, ging weiter und klopfte energisch an eine zweite mit dem Schildchen: »Professor Mori, Rektorat.«

»Nimm dich zusammen«, fauchte er noch, dann stand eine Dame im Türrahmen und sah ihn fragend an.

»Gerber«, sagte er. »Ich bringe Ihnen meine Tochter.«

Elena wand sich vor Verlegenheit. Bin ich etwa ein Gepäckstück?, fragte sie sich und sah zu Boden.

»Guten Tag, Herr Gerber«, sagte die Dame gelassen. »Ich bin Benita Mori, die Leiterin des Internats. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Und das ist Ihre Tochter?« Sie reichte zuerst Elenas Vater, dann Elena die Hand. »Du bist Elena? Willkommen in Villa Rosa.«

Mit einer Handbewegung bat sie beide in den Raum und wies auf die Sitzgruppe vor dem hohen Fenster. »Bitte nehmen Sie doch Platz.«

»Ich hab nicht viel Zeit«, knurrte Elenas Vater und ließ sich in einen der Ledersessel fallen. »Das Geschäftliche ist meines Wissens geregelt; fürs Private sind Sie zuständig.«

»So ist es«, entgegnete Professor Mori ungerührt. Sie wartete, bis eine Frau in ihrem Alter, Elena schätzte beide auf Mitte Fünfzig, drei Tassen, ein Milchkännchen, eine Zuckerdose und eine Kanne auf den runden Tisch gestellt hatte. »Für eine Tasse Kaffee wird es doch sicher reichen.«

Elenas Vater saß breitbeinig auf der Sesselkante, ließ drei Würfel Zucker in den Kaffee fallen, rührte um und beließ das Löffelchen in der Tasse. Warum benimmt er sich so miserabel?, fragte sich Elena und fühlte, wie ihr wieder die Röte ins Gesicht stieg.

»Hatten Sie eine gute Reise?«, erkundigte sich Madame Mori höflich.

»Ging so. Elenas Zeugnisse, überhaupt alle Unterlagen haben Sie bereits. Fehlt etwas?« Er hielt das Löffelchen mit dem Zeigefinger vom Mund fern, während er geräuschvoll den Kaffee schlürfte.

»Sollte etwas fehlen, wird sich unsere Sekretärin mit Ihnen in Verbindung setzen. Aber nun wollen Sie doch sicher das Zimmer sehen, in dem Ihre Tochter wohnen wird. Und die anderen Räumlichkeiten, die Turnhalle, unsere ganze Anlage –«

»Keine Zeit«, unterbrach sie Herr Gerber. »Ich muss schnellstmöglich nach Heidelberg zurück. Hab eine Speditionsfirma und bin ein hart arbeitender Geschäftsmann.«

Elena sah, wie sich Professor Moris Augen für den Bruchteil einer Sekunde weiteten.

»Verstehe«, entgegnete sie höflich. »Dennoch bitte ich Sie noch um einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit.«

Elenas Vater knurrte etwas Unverständliches.

»Was sagten Sie gerade?«, erkundigte sich Professor Mori höflich.

»Nichts. Ich sagte nichts.«

Die Leiterin blätterte in Elenas Unterlagen. »Ich vermisse den Bericht des Hausarztes. Leidet Elena unter Allergien, zum Beispiel –«

»Das Mädchen ist gesund.«

Das Mädchen! Nicht »meine Tochter«! Elena biss sich auf die Unterlippe und verwünschte ihren Vater in die heißeste Hölle.

»Das ist erfreulich.« Professor Mori wandte sich Elena zu. »Keine Gefahr bei einem Wespen- oder Bienenstich? Das ist schön. Essen kannst du auch alles? Gut. Treibst du Sport, Elena?«

Bevor Elena noch antworten konnte, war ihr Vater aufgestanden. »Die Fragen können Sie ohne mich klären«, meinte er ungeduldig.

»Einen Augenblick noch. Bitte setzen Sie sich wieder.« Professor Moris Ton war höflich, aber so bestimmt, dass Herr Gerber tatsächlich noch einmal Platz nahm.

»Was gibt es denn noch?«

»Ich fragte, ob Ihre Tochter Sport treibt«, wiederholte Professor Mori ungerührt. »Elena, möchtest du Tennis-, Golf- oder Reitstunden nehmen? Wenn ja, bräuchte ich dafür die Einwilligung deines Vaters.«

Elena schüttelte den Kopf. »Außer Schulsport mache ich nichts.«

Herr Gerber fuhr auf »Wie bitte? Ich hör wohl nicht recht! Du fährst Ski! Und das, seitdem du auf den Beinen stehst! Ist das etwa nichts?«

»Doch. Natürlich.« Elena senkte den Kopf »Aber Professor Mori hat ja gefragt, ob –«

Professor Mori nickte ihr freundlich zu. »Gut. Ich denke, wir haben nun alles geklärt. Sollten weitere Fragen auftauchen, wird sich meine Sekretärin an Sie wenden, Herr Gerber.« Die Schulleiterin stand auf

»Sie erreichen mich über meine Firma.« Elenas Vater stand bereits an der Tür, öffnete sie und schritt mit wuchtigen Schritten zur Treppe.

Professor Mori fasste Elena am Arm, beide folgten ihm in normalem Tempo, sodass er an seinem Auto warten musste.

»Herr Gerber«, sagte Professor Mori und reichte ihm die Hand, »ich kann mir denken, wie schwer Ihnen der Abschied von Ihrer Tochter fallen muss. Glauben Sie mir, wir werden alles tun, um –«

»Schon gut«, fiel er ihr ins Wort, fasste Elena an der Schulter, schüttelte sie kurz, sagte: »Mach's gut«, stieg ins Auto und brauste so ungestüm von dannen, dass der Wagen auf dem festgefahrenen Schnee ins Schleudern und dem eisernen Torpfosten gefährlich nahe kam.

Zum ersten Mal seit Wochen atmete Elena erleichtert auf Plötzlich fühlte sie sich frei; so frei, dass sie hätte tanzen mögen und vielleicht tatsächlich ein paar Hüpfer gemacht hätte, wenn sich nicht ein Auto genähert hätte und dicht vor ihr und ihrem Gepäck zum Stehen gekommen wäre.

Schlagartig änderte sich alles.

*

Ein Mädchen mit langen rotblonden Locken sprang aus dem Wagen, drehte sich schwungvoll um die eigene Achse und warf die Arme in die Luft, wobei Elena das Klappern von Armreifen hörte.

»Mein Gott, ist das hier schön! Viel, viel schöner und viel, viel herrschaftlicher, als ich es mir erträumt habe! Pa, schau doch nur die herrliche Parkanlage an, und Ma! Da ist der See, die Weinberge, die Berge – das ist ja eine Aussicht! Wie findet ihr das? Seid ihr genauso überwältigt wie ich? Sagt, dass ihr es hier auch schön findet! O, ich danke euch, dass ihr ausgerechnet diesen Ort ausgesucht habt!«

Elenas Magen krampfte sich zusammen. Wie konnte man nur so überschwänglich sein? Da! Jetzt stürmte die Lockige sogar auf sie zu!

»Bist du auch neu hier?«, rief sie. »Du musst neu sein, du stehst ja neben deinem Gepäck! Es ist doch dein Gepäck, nicht wahr?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte sie auf Professor Mori zu.

»Sind Sie Frau Professor Mori? Sie müssen Professor Mori sein! Ich bin Charly, Carla Wyss aus Zermatt. Ich freue mich ja so sehr, dass ich hier sein darf.« Sie wirbelte herum. »Das sind meine Eltern, Frau Professor Mori. O, aber das kann ich nicht zulassen, dass sie mein Gepäck ausladen, während ich faul herumstehe.« Schon wollte sie losrennen, als sie Professor Moris Blick traf. »Willkommen in Villa Rosa.« Sie reichte Charly die Hand.

Charly hielt dem Blick nicht nur stand; sie musterte Madame Mori frei und ungeniert, was die Leiterin anerkennend zu registrieren schien. Elena beobachtete, wie Charlys Vater den Arm um seine Tochter legte und sie liebevoll an sich zog, während die Mutter die beiden lachend und voller Stolz anschaute.

Elena versuchte, ihren widerstreitenden Gefühlen Herr zu werden. So warmherzige, so unkomplizierte, so lebhafte Eltern hätte sie sich auch gewünscht! Wie gerne wäre sie so temperamentvoll und offen wie Charly! Das Mädchen musste ein Liebling der Götter, musste mit einer Glückshaut geboren sein, wohingegen sie als Pechmarie zur Welt gekommen war. Wieder fühlte sie, wie ihr Tränen in die Augen traten. Verdammt, was war heute denn nur los mit ihr? Sie zwinkerte das Nasse weg und sah dann zwei Mädchen, die die Auffahrt heraufschlenderten.

Auch Professor Mori hatte sie gesehen. »Bei uns ist es Sitte, dass einer Neuen eine Patin zur Seite gestellt wird. Hier kommen eure beiden Betreuerinnen«, sagte sie zu Elena und Charly.

»Wie schön die sind«, sagte Charly ehrfürchtig.

In diesem Punkt stimmte Elena ihr zu. Die Kleinere, Zierlichere, Schwarzhaarige trug eine feuerrote Jacke, enge schwarze Hosen und Stiefel, die bis übers Knie reichten. Der weiße Mantel der Größeren musste eine Menge Geld gekostet haben. Verlegen kreuzte Elena die Arme vor der Brust und hätte sich am liebsten in sich selbst verkrochen. Ich passe nicht hierher, nie im Leben werde ich in diesem Internat Fuß fassen, dachte sie verzweifelt. Auslachen würden sie alle, fertig machen, niederbügeln, sie würde der Loser des Hauses sein! Warum nur hatte ihr Vater dieses Internat ausgesucht! Es musste doch auch bescheidenere geben!

Plötzlich wurde ihr klar, weshalb ihr Vater auf diesem Internat bestanden hatte: Er will, dass ich mich hässlich, mies und unterlegen fühle; das ist ihm das viele Geld wert! Elena biss auf ihren Fingerknöchel.

»Tu das nicht«, sagte die Schwarzhaarige scharf. »Das ist unappetitlich.«

»So lass sie doch«, entgegnete die Blonde träge. Elena hätte das nett gefunden, wenn sie nicht das boshafte Aufblitzen der blauen Augen bemerkt hätte.

Professor Mori ging mit scharfem Ton dazwischen:. »Swetlana und Valerie! Ich verlasse mich darauf, dass ihr euren neuen Mitschülerinnen nach besten Kräften helft, bei uns so schnell wie möglich heimisch zu werden. Ihr führt die beiden in ihr Zimmer, und wir«, sie drehte sich zu Charlys Eltern um, »wir unterhalten uns ein paar Minuten.«

Kapitel 3

»Ihr seht einfach umwerfend aus.« Charlys Bewunderung war nicht gespielt, was Swetlana mit herablassendem Kopfnicken und einem Gegenkompliment quittierte. »Dein Pulli ist schick.«

»Danke!« Charly strahlte. »Ich finde, er steht mir besonders gut. Er ist absolut neu und hat genau die Farbe, die ich am liebsten mag. Er passt perfekt zu meinen Haaren, meint ihr nicht auch?«

Charlys Haarfarbe schien Valerie nicht die Bohne zu interessieren. Sie deutete auf das Gepäck. »Kommst du aus Zermatt?«

»O ja!«

»Tatsächlich? Dann frage ich mich, weshalb du deine Skier nicht mitgebracht hast. Du fährst doch Ski? Oder Snowboard? Oder beides?«

»Warum willst du das wissen?« Innerlich zählte Charly bis zehn.

»Weil sie die beste Skiläuferin des Internats ist und bleiben möchte«, erklärte Lana.

»Echt? Was ist deine Spezialität? Abfahrt oder Slalom? Welche Pisten sind –« Charly riss sich zusammen, sie räusperte sich. »Ich meine, fährst du hier in diesem Gebiet?«

»Ich fahre überall und jede Piste. Da du aus Zermatt kommst –«

»Ach, weißt du«, fiel ihr Charly ins Wort, »mein Vater ist Arzt. Er ist der Ansicht, dass Skifahren überbewertet wird. Außerdem ist es echt gefährlich: all die Knochenbrüche, die genagelt werden müssen. Die Kopfverletzungen mit bleibenden Schäden ...«

»Und die Todesfälle infolge Lawinenabgang«, ergänzte Valerie spöttisch. »Komisch, deine Eltern sehen ziemlich sportlich aus. Wie kann man nur in Zermatt wohnen und nicht Ski fahren! Schwimmst du wenigstens?«

»Na klar. Und du? Schwimmst du nur Brust und Kraul, oder auch Schmetterling?«

»Brust und Kraul. Aber wie ist es möglich, dass du nicht Ski fährst? Skatest du wenigstens? Ehrlich gesagt –«

»Valerie, deine Fragen nerven«, sagte Lana gelangweilt. »Wir müssen uns um unsere Pflichten kümmern. Kommt!«

»Einen Augenblick noch.« Charlys Armreifen klirrten, als sie eine weit ausholende Handbewegung machte. »Die Halbjahresferien sind vorbei. Wieso ist hier alles so ruhig? Es müsste doch vor Jungs und Mädchen nur so wimmeln?«

Valerie schaute auf die Uhr. »Die meisten werden in ein, zwei Stunden kommen. Dann ist hier der Teufel los.«

»Warum seid ihr schon hier? Habt ihr die Ferien im Internat verbracht? Geht das denn?«

»Ja.«

»Also?«

»Also was?«

»Warum seid ihr nicht nach Hause gefahren?«

»Ganz einfach«, antwortete Valerie betont gleichgültig. »Meine Mutter ist vergangene Woche umgezogen.«

»Klar, da wärst du ihr im Weg gewesen. Oder du hättest helfen müssen«, entgegnete Charly verständnisvoll. »Swetty, ist deine Mutter auch umgezogen?«

Für den Bruchteil einer Sekunde verlor Swetlana ihre Gelassenheit. »Ich heiße Swetlana. Nenn mich nie mehr Swetty, hörst du?«, sagte sie heftig. »Und nein, meine Mutter ist nicht umgezogen.«

»Sondern?«

Swetlana schwieg.

»Es ist doch nichts dabei, wenn du es ihnen sagst«, meinte Val lachend. »Swetty! Dich Swetty zu nennen wäre mir nie im Traum eingefallen! Nun sag schon, dass deine Mutter ein Baby bekommen hat.«

»Das ist ja herrlich!«, rief Charly. »Hast du eine neue Schwester oder einen neuen Bruder?«

»Es ist eine Halbschwester. Aber nun kommt endlich.«

»Nein.« Jetzt drehte sich Charly um. »Ich will erst noch die Gegend bewundern. Elena, schau dir nur diese grandiose Bergkette an. Strahlend weiß und wie mit Puderzuckerglasur überzogen. Und der See! Und die Parkanlage! So viele alte Bäume ...«

Charly hatte sich vorgenommen, glücklich zu sein, einfach nur glücklich. Natürlich gehörte zu jedem Glück auch ein kleines Wermutströpfchen – obwohl, in ihrem Fall war das Tröpfchen eher ein satter Tropfen ... Charly schüttelte die Gedanken ab und folgte den dreien, die zum Portal vorausgegangen waren. »He!«, rief sie. »Weiß eine von euch, was Wermut ist?«

Swetlana und Valerie starrten sie an, als stellten sie ihren Geisteszustand infrage. Elena runzelte nur kurz die Stirn.

»Wermut? Wermut oder Absinth. Korbblütler. Silbriggrüne gefiederte Blätter, gelbe Blütenköpfe. Bitteres Gewürzkraut. Darf nur in geringen Mengen verzehrt werden. Das abgeschnittene Kraut sollte man keinesfalls auf den Kompost werfen. Man spricht von Wermutstropfen, wenn –«

»Sag bloß!«, fuhr Lana dazwischen.

»Bist du eine Intelligenzbestie? Schreibst du in jedem Fach nur Einser?«, fragte Valerie.

Elena wurde rot. »Ich mag Bio.«

»Also hast du in diesem Fach eine Eins. Und in den übrigen?«

Elena hob die Schultern. »Na ja ...«

»Sag schon!«

»Brillant bin ich nicht.«

»Ehrlich?«

»Ja.«

»Aber gute Noten schreibst du, was?«

»Es geht so.«

»Hast du Hobbys? Reiten? Tennis? Segeln? Wasserski? Vielleicht Golf?«

Elena zuckte die Schultern. »Nein. Ich lese gerne.«

»O Gott! Wenn das ein Hobby sein soll ...« Valerie drehte sich verächtlich um. »Charly, wie sieht es bei dir mit den Noten aus?«

Charly strahlte Valerie an, obwohl sie sie insgeheim zum Teufel wünschte. »Auf meinen Schultern sitzt ein kluges Köpfchen.«

Valerie schaute sie herausfordernd an. »Wenn das stimmt, hat Swetlana endlich die gewünschte Konkurrentin bekommen. Aber dein kluges Köpfchen wird sich ganz schön anstrengen müssen, Charly.«

»Ich liebe Herausforderungen; ich finde, sie sind das Salz in der Suppe des Lebens.«

Swetlana grinste spöttisch. »Du nimmst den Mund mächtig voll.«

»Meinst du? Ich finde das nicht; Herausforderungen bringen mich in Schwung. Geht es dir auch so, Elena?«

Elena schrak zusammen. »M-m-mir?«, stotterte sie.

»Du lieber Himmel! Ich wollte dich nicht erschrecken!« Charly blieb wieder stehen. »Anstatt uns mit dem Haus vertraut zu machen, verplempern wir Zeit mit unwichtigen Gesprächen. Lassen wir das, bis wir alles gesehen haben.«

Charly ärgerte sich wirklich über sich selbst; kaum war sie hier, hielt sie keine einzige der Regeln ein, die sie sich selbst gestellt und sich vorgenommen hatte, unter allen, ALLEN! Umständen einzuhalten. Natürlich stimmte es, dass sie kaum einer Herausforderung widerstehen konnte; aber musste sie das den ersten Mitschülerinnen, die ihr hier über den Weg liefen, auf die Nase binden? Und warum musste sie ausgerechnet das schüchterne Mädchen, diese unscheinbare Elena mit der hässlichen Brille, noch mehr verunsichern, als sie ohnehin schon war? Idiotisch war das, idiotisch und unnötig.

»Welche Aufgabe haben eigentlich Betreuerinnen, wie ihr es seid?«, erkundigte sie sich treuherzig.

»Erklärt sich das nicht von selbst?«, entgegnete Swetlana. »Wir betreuen euch.«

Charly runzelte die Stirn. »Wenn sich eine von uns den Fuß verstaucht, bringt ihr das Essen ans Bett? Beispielsweise? Oder seid ihr dafür verantwortlich, dass wir hier alles so schnell wie möglich auf die Reihe bekommen?«

»Such dir's aus«, meinte Valerie.

»Das ist das Haupthaus«, erklärte Swetlana, nachdem sie weiter in das Gebäude vorgedrungen waren. »Hier im Erdgeschoss befinden sich links die Wirtschaftsräume und die Küche, geradeaus liegt der Speiseraum mit der Gartenterrasse, rechts sind die Verwaltungsräume, das Sekretariat und Professor Moris Rektorat.«

Charly folgte Swetlanas Ausführungen höchst interessiert und mit blitzenden Augen, während Elena stumm neben ihr herstolperte.

»Im ersten Stock«, erklärte Valerie, während sie die breite Treppe hinaufgingen, »befindet sich direkt über dem Speiseraum unser Aufenthaltsraum.« Sie öffnete eine breite Tür und ging den anderen voraus. »Daran schließen sich das Fernsehzimmer und die Bibliothek an.«

»Nicht übel.« Charly deutete auf die Regale voller Bücher und die gemütlichen Sessel und Tischchen vor einem Kamin. »Und einen Flügel haben wir auch? Das ist ja allerhand!«

»Spielt eine von euch ein Instrument?«, erkundigte sich Valerie.

Charly sah Elena an, dann schüttelten beide die Köpfe.

»Da wird Claudio Torelli aber sehr enttäuscht sein!« Swetlana zwinkerte Valerie zu.

»Claudio Torelli?« Charly hob die Augenbrauen.

»Unser Musiklehrer. Er lebt in der Hoffnung, ein musikalisches Wunderkind könne mal den Weg zu uns finden.« Valerie lachte spöttisch.

Charly hob den Deckel des schwarz lackierten Flügels und tippte auf die Tasten.

»Alle meine Entchen.« Swetlana klatschte spöttisch mit zwei Fingern Beifall. »Du kannst ja doch spielen!«

»... schwimmen auf dem See«, ergänzte Charly lachend. »Das ist mein gesamtes Repertoire!«

»Immerhin«, meinte Valerie gönnerhaft und trat wieder auf den langen Flur hinaus. »Hier sind unsere Schulräume, und ganz am Ende des Flurs befinden sich die Appartements von Miss Reeves, unserer Englischlehrerin, und von Mademoiselle Cugat, der Sportlehrerin. Im zweiten Stock«, sie ging zur Treppe und bedeutete Elena und Charly, sich etwas zu beeilen, »wohnen die Fünft- bis Achtklässlerinnen in Dreier- und Viererzimmern, und hier, im dritten Stock, sind alle ab Klasse Neun untergebracht.«

»Auch in Dreier- oder Viererzimmern?«, platzte Elena verwirrt heraus.

»Wo denkst du hin?! Ab Klasse Neun teilen sich zwei Mädchen einen Raum.« Valerie sah sie neugierig an. »Bist wohl nur ein Einzelzimmer gewöhnt? Da musst du dich umstellen. Das gibt's hier nicht.«

»Im Turm«, schaltete sich Swetlana jetzt ein und deutete mit dem Daumen nach oben, »sind noch vier Zimmer, die Abiturientinnen vorbehalten sind.«

»Die Zimmer sind erstklassig«, ergänzte Valerie. »Die Treppenstufen knarren und warnen vor unerwünschtem Besuch.« Sie kicherte, warf Swetlana einen bedeutungsvollen Blick zu und fuhr eilig fort: »Unterm Dach sind dann nur noch die Abstellräume für Koffer und Taschen, und im Untergeschoss sind die Schuhräume und die Übungszimmer mit den Klavieren.«

Charly ärgerte sich über Valeries überhebliche Art, aber über »Swetty« ärgerte sie sich noch viel mehr. Sie hätte nicht sagen können, ob es die lässige, gedehnte Sprechweise, die trägen Bewegungen oder die ihr unverständlichen Anspielungen waren – Swetlana ging ihr gegen den Strich. Charly war offen und direkt; Swetlana schien jeder Info ein Geheimnis mitzugeben, das nur einem Insider bekannt war. Und sie war, verdammt noch mal, kein Insider. Sie war gerade erst angekommen!

Als Swetlana schließlich eine der Türen in dem langen Flur öffnete, mit einer lässigen Handbewegung ins Innere deutete und von oben herab »Das ist euer Zimmer« sagte, trat Charly ein und zog Elena am Arm mit. »Danke fürs Herführen.«

Dann drehte sie sich um und versperrte dabei den beiden anderen den Weg. »Elena und ich möchten jetzt allein sein. Wo finden wir euch später?«

»Bitte?«

»Wo ist eu-er-Zim-mer?« Charly sprach jedes einzelne Wort betont deutlich aus, als habe sie es mit Schwerhörigen zu tun.

»Dritte Tür links«, antwortete Swetlana verdutzt.

Charly lächelte süß. »Danke, Swetty.« Dann schlug sie Swetlana die Tür vor der Nase zu.

Charly fuhr zu Elena herum. »Mit den beiden werde ich Krach bekommen, Elena! Fragen die uns doch in den ersten Minuten über unsere Noten und was weiß ich sonst noch alles aus! Das tut man doch nicht! Warum –«

Es klopfte.

»Herein!« Charly riss die Tür auf.

»Das Gepäck.« Der ältere Mann lächelte sie an. »Ich bin der Hausmeister. Karl Appenzell ist mein Name.«

»Stellen Sie es einfach hier ab.« Charly wartete, bis die Koffer und Taschen im Zimmer standen. »Danke, Herr Appenzell.«

Kaum war der Hausmeister verschwunden, wirbelte sie herum. »Welches Bett möchtest du, Elena? Das linke oder das rechte?«

Elena schüttelte ihre Erstarrung ab, konzentrierte sich mit aller Macht und blickte sich in dem rechteckig geschnittenen Zimmer um. Der Tür gegenüber befanden sich zwei von der Decke bis zum Boden reichende Fenster mit einem geschwungenen schmiedeeisernen Gitter davor. Lange, seitlich geraffte sonnengelbe Vorhänge mit weißen Punkten rahmten sie ein. Zwischen den Fenstern war ein hohes offenes Regal, davor ein rundes Tischchen mit zwei gelb bezogenen Sesselchen und einer Stehlampe, an jeder Wand waren ein sehr breiter Schrank, ein Bett sowie ein Nachttisch, und in der Mitte des Zimmers standen sich zwei Schreibtische gegenüber.

Charly runzelte die Stirn. »Fürs Erste werden wir die Möbel nicht umstellen. Oder was meinst du? Sollen wir die Schreibtische vor die Fenster und das Tischchen mit den Sesseln in die Mitte rücken?«

Elena hob die Schultern und schwieg. Die Rache meines Vaters hätte nicht schlimmer ausfallen können, dachte sie verzweifelt. Jetzt würde sie nie mehr allein sein, keine Sekunde des Tages wäre sie für sich! Wie sollte sie das nur aushalten? Selbst wenn sie Hausaufgaben machte und mal vom Heft aufschaute, würde sie eine fremde Person sehen ...

»Also ich find's toll, dass ich nicht mehr alleine bin«, hörte sie Charlys Stimme. »Weißt du, ich bin ein Einzelkind und hab mir immer Gesellschaft gewünscht. Die hab ich jetzt. Ist das nicht toll? Ich finde es super!«

O Gott, was für eine energische, tatkräftige, alles schön findende Mitbewohnerin! Schlimmer hätte sie es nicht treffen können! Elena sank auf das linke Bett.

»Du willst also diese Seite?« Charly ging zum Fenster. »Gut. Aber du weißt, dass mir die Morgensonne ins Gesicht scheint? Ich mag das. Bist du mehr für die Abendsonne?«

»Darüber hab ich noch nie nachgedacht.«

Charly lachte sie an. »Mensch, Elena, du kannst ja über mehr als nur Wermut sprechen!« Sie kniete nieder und öffnete ihren Koffer. »Okay, packen wir zuerst aus. Aber dann schauen wir uns die Umgebung an. Alleine, nur wir beide. Einverstanden?« Sie grinste. »Valerie und Swetty. Immer wenn ich mich über Swetlana ärgere, werde ich sie Swetty nennen. Was glaubst du, wie schnell das die Runde machen wird!«

Elena presste die Hände zwischen die Knie. »Das wird sie dir übel nehmen.«

»Ich hab ihr die neugierigen Fragen übel genommen. Natürlich wollen die Alten alles über die Neuen wissen, ist ja klar. Aber doch nicht schon in den ersten Minuten, oder?«

Charly nahm eine Schere und zwei Rollen Schrankpapier aus dem Koffer. »Meine Mutter hat wirklich an alles gedacht«, meinte sie gerührt. »Eine Rolle mit hellblauen Vergissmeinnicht und eine mit roten Röschen! Wie sinnig: ›Vergiss mich nicht‹ und ›Ich liebe dich‹! Welches Muster hat dein Papier?«

»Ich hab keines.«

»Das stand aber auf der Liste der Gegenstände, die wir mitzubringen haben.« Charly sprang auf. »Hier, wähl eine Rolle aus. Welches Muster willst du?«

»Danke, ich will kein Schrankpapier.« Elena verzog das Gesicht. Verdammt, diese Charly hatte wohl alles Glück dieser Welt gepachtet. Nicht allein, dass sie liebevolle Eltern und eine fürsorgliche Mutter hatte, sie war auch noch ein fröhliches, soziales Einzelkind und passte überhaupt nicht in das Schema, das sich ihre eigene Mutter zurechtgelegt hatte: Einzelkinder sind Egoisten, Einzelkinder können sich nicht durchsetzen, Einzelkinder sind schwierig, Einzelkinder sind nicht anpassungsfähig. Was für ein Blödsinn! Im Grunde genommen hielt ja nichts einer Prüfung stand, was ihre Mutter je von sich gegeben hatte. Elena stand auf. »Mal sehen, was meine Mutter noch alles vergessen hat.«

*