Roter Wein mit Brombeernote - Sissi Flegel - E-Book

Roter Wein mit Brombeernote E-Book

Sissi Flegel

0,0
5,99 €

Beschreibung

Der Traum vom großen Glück – gewürzt mit tiefer Freundschaft: Die turbulente Komödie „Roter Wein mit Brombeernote“ von Sissi Flegel jetzt als eBook bei dotbooks. Wenn das Abenteuer anklopft … Rike weiß ihr beschauliches Leben zu schätzen – wären da nur nicht die Kinder, die auch im reifen Erwachsenenalter noch eine Kummerkastentante in Sachen Liebe brauchen. Als dann auch noch ihr Mann in eine handfeste Midlife-Crisis schlittert und Trost in fremden Armen sucht, ist für Rike Schluss mit lustig. Kurzerhand hängt sie ihre Verpflichtungen an den Nagel und begleitet ihre beste Freundin Lotte auf eine Reise quer durch Afrika. Doch dort werden die beiden in ein dunkles Kapitel aus Lottes Familiengeschichte verwickelt … Berührend, herzerwärmend, amüsant: Ein Roman über die Kraft von Freundschaft und die große Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der erfrischende Roman „Roter Wein mit Brombeernote“ von der Autorin des Bestsellers „Die Geheimnisse der Sommerfrauen“. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 509

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Wenn das Abenteuer anklopft … Rike weiß ihr beschauliches Leben zu schätzen – wären da nur nicht die Kinder, die auch im reifen Erwachsenenalter noch eine Kummerkastentante in Sachen Liebe brauchen. Als dann auch noch ihr Mann in eine handfeste Midlife-Crisis schlittert und Trost in fremden Armen sucht, ist für Rike Schluss mit lustig. Kurzerhand hängt sie ihre Verpflichtungen an den Nagel und begleitet ihre beste Freundin Lotte auf eine Reise quer durch Afrika. Doch dort werden die beiden in ein dunkles Kapitel aus Lottes Familiengeschichte verwickelt …

Berührend, herzerwärmend, amüsant: Ein Roman über die Kraft von Freundschaft und die große Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen.

Über die Autorin:

Sissi Flegel (1944–2021) veröffentlichte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden, bevor sie begann, sehr erfolgreich auch für erwachsene Leser zu schreiben; darunter ihre Bestsellerreihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen«.

Bei dotbooks veröffentlichte Sissi Flegel ihre Bestseller-Reihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen« und »Die Träume der Sommerfrauen« sowie ihre heiteren Romane »Die Geheimnisse der Lavendelfrauen«, »Der Sommer der Apfelfrauen«, »Der Geschmack von Wein und Liebe«, den historischen Roman »Die Keltenfürstin« und mehrere Kinder- und Jugendbücher.

»Die Geheimnisse der Sommerfrauen« sind auch in folgenden Einzelromanen erhältlich:»Vier Frauen und eine SMS«»Vier Frauen und ein Feuerwerk«»Vier Frauen und ein Baby«»Vier Frauen und ein Garten«

***

Aktualisierte eBook-Neuausgabe Februar 2018

Dieses Buch erschien bereits 2012 unter dem Titel »Weiber, Wein und Wibele« bei dotbooks GmbH, München

Unter dem Titel »Liebe für Fortgeschrittene« erschien dieses Buch 2008 erstmals im Knaur Taschenbuch Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2008 Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Copyright © der aktualisierten Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/udra11

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-265-8

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter.html (Versand zweimal im Monat – unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Roter Wein mit Brombeernote« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Sissi Flegel

Roter Wein mit Brombeernote

Roman

dotbooks.

Teil 1

1. Kapitel

»Sie sind wirklich der netteste ältere Herr, den ich kenne«, sagte Rike anerkennend.

Oskar Billek hob ihre Hand an seinen Mund. »Und Sie, Rike, sind die sympathischste Grüne Dame Stuttgarts und eine sehr aufmerksame Zuhörerin.«

»Ihre Geschichte ist aber auch atemberaubend«, meinte Rike und griff nach ihrer Jacke. »Selbst wenn nur die Hälfte davon wahr ist, ist sie es wert, dass Sie sie aufschreiben. Das tun Sie doch, oder?«

»Aber nein! Wer sollte sich denn heute noch dafür interessieren, was vor mehr als fünfzig, sechzig Jahren geschehen ist?«

Rike zögerte. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Geschichte meiner besten Freundin erzähle? Weymoden war ihr Mädchenname.«

»Tatsächlich? Was für ein Zufall. Aber wissen Sie, Rike, in Ostpreußen gab es vermutlich einige Familien mit diesem Namen. Nein, ich habe nichts dagegen, dass Sie ihr die Geschichte erzählen. Ich habe Ihnen alles geschildert, was ich selbst erlebt habe und was mir später berichtet wurde. Wann kommen Sie wieder?«

»Nächste Woche, gleicher Tag. Wie immer, Oskar. Und die

Briefmarken vergesse ich bestimmt nicht!«

Friederike Thalacker hatte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft studiert, war jetzt fünfundfünfzig und seit dreißig Jahren mit Heiner verheiratet. Sie hatte ihn kurz vor dem Ende seines Jurastudiums kennengelernt, war mit ihm nach seinem Examen zum Entsetzen ihrer Eltern drei Monate lang durch England, Schottland und Irland getrampt, danach hatte Heiner eine Stelle in einer Stuttgarter Bank angetreten. Nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, heirateten sie und bekamen zwei Töchter. Heiner machte Karriere, sie kauften ein älteres Haus und bauten es um, pflanzten nicht nur einen Baum, sondern mehrere Bäume, und führten ein weitgehend sorgenfreies Leben.

Als Rikes älteste Tochter Fiona in Tübingen studierte und Elina die zwölfte Klasse besuchte, begann sie ehrenamtlich in einem Stuttgarter Krankenhaus als Grüne Dame Dienst zu tun – nicht, weil sie sich gelangweilt hätte, sondern weil sie davon überzeugt war, zum Ausgleich für ihr Glück etwas Gutes tun zu müssen.

Grüne Damen kümmern sich um das, was nicht in den medizinischen oder pflegerischen Bereich fällt. Sie bringen für die Patienten Briefe zur Post, erledigen Botengänge, besorgen Haarshampoo und Hautcreme, kaufen auch mal ein Nachthemd oder den neuesten Bestseller, der in der Krankenhausbibliothek noch nicht vorrätig ist, und erleichtern den Patienten den Aufenthalt so gut wie möglich; diejenigen, die alleinstehend sind oder deren Angehörige nicht am Ort wohnen und die daher selten oder nie Besuch bekommen, sind ganz besonders auf die Grünen Damen angewiesen.

Anfangs hatte Rike unter der Krankenhausatmosphäre gelitten. Sie hatte die Professionalität und das Einfühlungsvermögen der Ärzte und Schwestern zwar bewundert, zugleich aber auch deren Distanz gespürt. Nach und nach war sie in die Aufgabe hineingewachsen; sie hing an »ihren« Patienten, zu denen zurzeit auch der kinderlose achtzigjährige Witwer Oskar Billek gehörte.

Früher war er viel und weit gereist, seit einem Sturz lag er mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Sein Wissensdurst war ungeheuer; er hatte mehrere Tageszeitungen abonniert, las täglich ein paar Seiten in der Odyssee, um sein Griechisch nicht zu vergessen, und jedes Mal, wenn Rike kam, fragte er ihr Löcher in den Bauch. »Warum heißt Ihre älteste Tochter Fiona? Das ist doch ein irischer Vorname, nicht wahr?«

»Mein Mann und ich lieben Irland«, hatte sie geantwortet und ihm von ihrer dreimonatigen Tramptour berichtet. Er hatte sich mit der Schilderung einer Alaska-Reise revanchiert, und heute hatte er sie mit einer schier unglaublichen Geschichte überrascht – doch nicht allein diese war es, die sie jetzt so schnell wie noch nie aus dem Krankenhaus und zu ihrem Auto trieb. Es lag an dem Namen Weymoden und daran, dass ihre beste und älteste Freundin, Lieselotte Velthaus, vor ihrer Heirat so geheißen hatte.

Rike fädelte sich auf der Prag, dem berüchtigten Stuttgarter Nadelöhr, in den Verkehr ein und parkte zehn Minuten später im Bohnenviertel.

Das war heute Teil der Innenstadt, doch früher hatten dort Gärtner und Weinbauern Bohnen und anderes Gemüse in ihren Gärtchen gezogen. Später kam das Viertel in Verruf, weil leichte Mädchen und »Schlamper« auf dem Katzenkopfpflaster hin- und herspazierten und auf Kundschaft warteten. Die Gässchen waren eng, die Häuser klein und schmalbrüstig, aber das Beste war, dass man sich kannte und meist auch einen kleinen Schwatz hielt, wenn man sich über den Weg lief.

Daran hatte sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn das Viertel längst von Künstlern erobert worden war und als charmante In-Adresse galt. Es beherbergte Antiquitätenläden, Galerien, schicke Läden, Bistros – und Lottes Weinhandlung, das Vinum.

Links davon machte eine Trattoria mit Kübelpalmen, rosa und weißem Oleander und einem römischen Senator in arroganter Pose neben der Tür auf sich aufmerksam. Die schwäbische Wirtschaft auf der anderen Seite hielt nichts von Lean Cuisine oder gar Crossover-Gerichten; trotzdem oder vielleicht gerade deshalb war sie wegen ihrer bodenständigen Küche weit über die Grenzen des Bohnenviertels hinaus bekannt: Maultaschen, geschmälzt oder in der Brühe, Fleischküchle und Zwiebelrostbraten, der je nach Hunger mit Spätzle, Brot oder gerösteten Kartoffeln aufgerüstet werden konnte. Lotte liebte die schwäbische Küche und aß oft dort; vor allem der Nachtisch, Ofenschlupfer oder Apfelküchle mit Vanillesauce, hatte es ihr angetan; den Köstlichkeiten verdankte sie einige überflüssige Pfunde.

Das Äußere des Vinum hatte sie bewusst bescheiden gehalten; nur eine sonnengelbe Markise über dem Eingang lenkte die Blicke auf sich. Das war ganz im Sinne ihrer Stammkunden. »No nix Narrets«, sagten die und saßen auch heute, wie immer an warmen Tagen, an den Tischchen vor dem Haus. Die älteren Männer hielten das Gesicht in die Sonne, tranken mit bedächtigen Schlucken ihren Trollinger und kommentierten mit sparsamen Worten die Kunden, die bei Lotte ein- und ausgingen. Sie nickten Rike zu, die es heute ungewöhnlich eilig hatte.

»Brennt’s?«, fragte einer.

»Vielleicht«, entgegnete Rike und riss temperamentvoll die Tür auf. »Lotte – was für ein Glück, dass du gerade ohne Kundschaft bist!«

»Ist was passiert?«

»Nein.«

»Gott sei Dank! Alles andere ist nebensächlich.«

»Vielleicht nicht; ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Ein Patient hat mir eine Geschichte erzählt, die für dich alles andere als nebensächlich sein könnte.«

»Mach keine Witze! Ist’s ein alter Bekannter von mir? Ein vielversprechender Neuer?«

»Dazu ist er zu betagt.«

»Dann interessiert er mich nicht.« Lotte nahm zwei Gläser aus dem Regal, öffnete eine Flasche und schnupperte am Kork. »Hier, versuch mal den Wein und sag mir, was du davon hältst. Es ist ein eleganter deutscher Riesling mit angenehmer Säure und duftiger, blumiger Nase.«

Rike verdrehte die Augen, während Lotte einschenkte.

»Mensch, Lotte, es gibt interessante Männer, die du noch nicht in deinem Bett hattest.«

»Leider. Was für ein Jammer. Na, wie ist der Wein?«

»Süffig«, antwortete Rike anerkennend. »Gib mir mehr davon. Was ich sagen wollte …«

Ein Kunde trat ein und verlangte sechs Flaschen »klassischen« Barolo. Bei dem Wort »klassisch« hob Lotte fast unmerklich die linke Augenbraue, was, wie Rike wusste, ätzenden Spott ausdrückte. Sie beobachtete fasziniert, wie sich ihre Freundin dem Kunden widmete, wie sie ihm Wein zu kosten einschenkte, seinen »geschulten Geschmack« pries, sein »sicheres Urteil«, und ihn so immer mehr für sich einnahm. Lotte liebte gutes Essen und hervorragende Weine, erfreute sich demzufolge üppiger Kurven und lebte in dem Wahn, schwarze, eng anliegende Kleider mit tiefgezogenem Ausschnitt machten schlanker. Vielleicht mogelten sie ja tatsächlich zehn, zwanzig Gramm von ihren Rippen und Hüften; alles Übrige präsentierten sie aber in einem derart vorteilhaften Licht, dass Lottes Kunden zu neunzig Prozent aus Männern bestanden – sehr zu ihrer Freude.

»Weißt du, Rike, Männer sind viel leichter zufriedenzustellen als Frauen«, hatte sie ihr einmal erklärt. »Sie sind großzügiger, begeisterungsfähiger, weniger wählerisch, und ob der Wein nun zu einem Hähnchenschlegel oder einer Entenbrust passt, ist den meisten nicht besonders wichtig; Hauptsache, er schmeckt ihnen und sie können sagen, er sei eine schicke Neuentdeckung und keinesfalls Mainstream.« Innerhalb weniger Minuten füllte sich der Laden. »Komm nach Geschäftsschluss zu mir«, sagte Rike rasch. »Glaub mir, es ist wichtig!«

»Okay. Machst du mir ein Käsebrot?«

»Zwei.«

»Ich komme bestimmt!«

Auf dem Weg zum Parkhaus kaufte Rike eine Tüte Wibele und steckte sich sofort genussvoll ein paar in den Mund. Vor einem dunklen Schaufenster blieb sie stehen, prüfte ihr Spiegelbild und rümpfte die Nase. Um den Bauch herum hatte sie leider ein, zwei Pfund zu viel; der Rest von ihr, fand sie, war noch ganz passabel: Sie war mittelgroß und schlank, hatte dunkle Augen und Haare, die sie glatt und mit einem Seitenscheitel trug. Dass ihr Gesicht nur wenige Fältchen aufwies, lag am Erbgut und der sorgfältigen Pflege. Der Mund war in Ordnung, nicht zu groß und nicht zu klein, und mit der Lippenstiftfarbe hatte sie einen guten Griff getan.

»Man könnte schlechter aussehen«, sagte sie halblaut zu ihrem Spiegelbild und ging beschwingt – das mochte an Lottes Wein liegen oder an den Wibele – zum Auto, fuhr aus der Tiefgarage heraus, zwischen Altem und Neuem Schloss durch die Unterführung und wenig später am Hauptbahnhof vorbei, wo sie einen Blick nach links auf den teuersten Weinberg der Welt warf: Stuttgart, die Stadt zwischen Wald und Reben. Hier, fast noch in der Innenstadt, wuchsen die Weinstöcke auf verwittertem Keuper und lehmigem Ton. Die gut anderthalb Hektar große Fläche gehörte seit 1938 der Industrie- und Handelskammer, die den höchst exklusiven Wein – zwei Drittel Trollinger, ein Drittel Riesling – an Honoratioren und bedeutende Gäste der Stadt verschenkte. Rike fragte sich stets, ob sich die Lage zu Recht vinologischer Edelsteine rühmte … oder doch nur saure Kratzer hervorbrachte. Sie lächelte und fuhr den Hang weiter hinauf. Ihr Haus lag in bevorzugter Halbhöhenlage; hier war die Luft besser als unten im Kessel, darüber hinaus hatte sie einen wunderbaren Blick über die Stadt und auf den Fernsehturm auf dem gegenüberliegenden Hügelzug. Bei klarem Wetter konnte sie sogar die Bergrücken der Alb und das dunkle Grün des Schurwalds sehen. Sie hielt kurz an, um die Aussicht zu genießen, dann öffnete sie das Garagentor mit der Fernbedienung, und der Wagen rollte in die Einfahrt.

»Verdammt!« Erschrocken trat sie auf die Bremse und ließ das Fenster herunter. »Elina!« Ihre jüngere Tochter rannte um die Ecke.

»Ich weiß, Ma, der Kinderwagen steht dir im Weg!«

»Und ob er das tut! Ich wusste gar nicht, dass du kommst. Wo sind die Kinder?«

»Pa ist mit den beiden auf den Spielplatz gegangen. Du hast wieder Wibele gegessen, ich seh’s an den Krümeln auf deinem Pulli. Hast du welche übriggelassen?«

Rike knüllte die leere Tüte zusammen. »Du hast dich nicht angekündigt.« Während sie wartete, bis Elina den Kinder wagen zur Seite geschoben hatte, dachte sie wieder einmal, dass man ihrer zierlichen Tochter das Alter wirklich nicht ansah. An diesem Tag betonte sie ihr mädchenhaftes Aussehen mit zwei absurden, weil ausgesprochen kurzen Zöpfchen. Zu engen, wadenlangen Jeans mit grünem Gürtel und Ballerinas in demselben Grünton trug sie ein pinkfarbenes T-Shirt, darüber ein Trägerhemd in Orange und ein kurzes, mit Goldfäden besticktes, weinrotes Samtwestchen vom Flohmarkt. Jetzt drehte sie sich lachend um und hob den rechten Daumen. »Bahn frei!«, rief sie übermütig.

Rike seufzte. Ihr Verhältnis zu Elina war nicht frei von Spannungen. Natürlich konnte nicht jedes Mädchen so tüchtig sein wie Fiona, die wie ihr Vater Jura studiert hatte und jetzt in einer Frankfurter Anwaltskanzlei arbeitete. Aber warum Elina in der heutigen Zeit zwei Kinder von verschiedenen Vätern bekommen musste, das konnte sie noch immer nicht verstehen. Kinder waren eine Bereicherung, keine Frage, aber sie bedeuteten auch Verantwortung; unter dem Strich war das Leben ohne sie sehr viel einfacher.

Elina sah das anders. Ihr erstes Kind, Mariacarla, hatte sie sieben Wochen nach dem Abitur bekommen. Thomas, der Vater, war ein Jahr jünger als Elina, ging aber in ihre Klasse, und die vier Großeltern waren der einhelligen Meinung, dass man ein Ungemach, nämlich die Schwangerschaft, nicht mit einer verfrühten Ehe toppen müsse. Als Elina Modedesign zu studieren begann, teilten sie das Kinderhüten unter sich auf.

Das änderte sich, als sich Elina zwei Jahre später von Axel schwängern ließ, das Studium an den Nagel hängte und in Axels Fünf-Personen-WG zog, um dort zunächst einmal gnadenlos ihr erstes Ziel zu verfolgen: die Mitbewohner rauszuekeln.

Mariacarla war ein temperamentvolles Kleinkind, das zu Zornausbrüchen neigte und nächtliche Schreiorgien liebte. Elina unterstützte die Anstrengungen ihrer Tochter weidlich. Außerdem lebte sie ihre schwangerschaftsbedingten Brechattacken unüberhörbar und vorzugsweise am sehr frühen Morgen aus, betonte die Ringe unter ihren Augen mit grauem Lidschatten und bat mit schwacher Stimme und leidvoller Miene die Mitbewohner, sich bitte ein klein bisschen um Mariacarla zu kümmern. Dann verzog sie sich mit einem Becher allerfeinster Trinkschokolade und einem Buch der Sorte »Wie man ein echtes Miststück wird« ins Bett. Zwei Wochen später lagen die Nerven der Mitbewohner blank; sie begaben sich auf Zimmersuche und ahnten nicht, dass sie Elinas Nestbauinstinkt, der einem Killerinstinkt gleichkam, zum Opfer gefallen waren.

Als die anderen Studenten ausgezogen waren, verschwand Elinas Übelkeit im Handumdrehen, Mariacarla wurde für ihre aktive Mitarbeit jeden Abend mit einem Fläschchen extra belohnt, schlief fortan selig durch die Nächte, und die dreieinhalb Personen waren alleinige Bewohner einer wunderbaren Beletage mit fünf Zimmern, einem großen Abstellraum, Küche, Bad, Wintergarten und Balkon in zentraler, aber dennoch ruhiger Lage inmitten hoher, alter Bäume.

Den Rest ihrer zweiten Schwangerschaft verbrachte Elina damit, ihr Nest angemessen auszupolstern und für Axel Modell zu stehen. Mit seinen Fotos von ihrem wachsenden Bauch verhalf er nicht nur einem Naturkosmetikunternehmen und einem Energydrink zu beachtlichen Verkaufszahlen, ihm gelang auch der Durchbruch als Werbefotograf. Das zweite Mädchen, Radita, war nun ein halbes Jahr alt. Rike lächelte, als sie an Lottes ersten Besuch bei Elina dachte, die ihr Patenkind war. Sie hatte der glücklich strahlenden Mutter einen Weingeschenkkarton mit riesiger, roter Schleife überreicht.

»Ich stille«, hatte Elina gesagt. »Vielen Dank, aber den Wein kann ich erst viel später trinken.«

»Du könntest ihn auch mir schenken«, sagte Heiner.

»Warum soll der Großvater nicht auch etwas bekommen?« Lotte lachte frech. »Elina, mach das Geschenk auf.«

Elina zog die Schleife auf, öffnete den Karton – und starrte fassungslos auf den Inhalt. Im ersten Fach lag ein großer Gutschein für die Pille, im zweiten eine imponierende Auswahl an Kondomen in allen nur denkbaren Farben und Formen, im dritten stapelten sich allerlei Schächtelchen mit Zäpfchen zum Einführen – und in der Mitte der Herrlichkeiten prangte ein rotbackiger Apfel mit einem Fähnchen, auf dem stand: »Anstatt funktioniert nicht!«

Heiner hatte zuerst »Wie kannst du nur, Lotte!« gerufen und dann den Inhalt sehr interessiert gemustert.

»Pa, soll ich dir was abgeben?«, hatte Elina gefragt. Daraufhin hatte Heiner einen roten Kopf bekommen und fluchtartig das Zimmer verlassen.

»Warum grinst du, Ma?«, fragte Elina und nahm ein Glas

Essiggurken aus dem Kühlschrank.

»Weil ich gerade an Lottes Geschenk gedacht habe … Sag mal, bist du schon wieder schwanger?«

»Nö. Geht nicht. Axel hat einen Auftrag von einem Sportbekleidungshersteller; ich ziehe die Hemdchen an und muss schlank sein. Deshalb die Gurken. Der Auftrag ist auch der Grund, weshalb ich die Kinder heute schon zu euch bringe. Wir müssen morgen in aller Herrgottsfrühe los, ich will noch zum Friseur, und außerdem müssen wir mal wieder eine Nacht für uns haben. Das verstehst du doch, Ma, nicht wahr?«

»Das hättest du mir früher sagen müssen. Oder wisst ihr das erst seit heute?«

»Das mit dem Auftrag? Nein. Aber dass ich mal wieder so eine richtig gute Nacht mit Axel haben muss, das weiß ich seit vier Stunden. Ich bin der Meinung, dass eins seiner Models zu häufig am Telefon hängt. Ganz entschieden zu häufig! Du solltest ihre Stimme hören, Ma. Süß und zart, sage ich dir. Es ist die Blonde, die Axel für die Unterwäschefotos engagiert hat, du kennst sie von den Bildern. Ihr Künstlername ist Trezza.«

»Die langhaarige Schönheit mit den schrägen, grünen Augen?« Rike pfiff leise durch die Zähne. »Ich kenne sie nicht nur von den Bildern; wir haben sie doch auf eurem Fest letzten Sommer kennengelernt.«

»Stimmt, jetzt erinnere ich mich. Waren nicht auch Lotte und ihr Freund da? Wie heißt der noch mal?«

»Wend. Wend von Scharenberg. Die Blonde hat Lotte und mich damals mächtig auf die Palme gebracht. Sie hat uns so behandelt, als wären wir eine Mischung aus Putzfrau und Matrone jenseits jeglicher Geschlechtlichkeit. Wir schienen für sie gar nicht zu existieren. Zuerst hat sie hemmungslos mit Wend geflirtet, danach hat sie sich von deinem Vater beraten lassen; es ging um ein paar hundert Euro, für die sie einen sicheren Aktientipp wollte. Angeblich!«

»Genau die ist es, Ma. Das Biest ist ja so was von berechnend, die schreckt vor nichts zurück.«

»Ich bitte dich, Elina! Übertreibst du da nicht ein bisschen?«

»Ich weiß, was ich sage, Ma«, ereiferte sich Elina. »Das Mädchen hat’s auf jeden Mann abgesehen, auch auf meinen Axel. Sie betet ihn an – jedenfalls vermittelt sie ihm den Eindruck. Schlichte Anbetung ist leider das Höchste für viele Männer; egal, wie intelligent sie sind, sie fallen immer gerne darauf herein.«

»Mach’s doch genauso«, empfahl ihr Rike.

»Falsches Elternhaus, falsche Erziehung«, entgegnete Elina ungerührt. »Also, du nimmst doch die Kleinen? Ich habe das Nachtprogramm nämlich schon vorbereitet, hab ein neues Parfum gekauft und bei Lotte eine Flasche Champagner besorgt.«

Rike seufzte. Das war Elina in Reinkultur: ehrlich, offen und direkt. Deshalb konnte man ihr auch so schlecht was abschlagen. »Okay, wann holst du die beiden wieder ab?«

»Überübermorgen. Ich geh dann mal, ja? Bevor Pa zurückkommt, will ich weg sein.«

Elinas Timing war perfekt. Heiner kam eine Viertelstunde später mit den Kleinen und rief schon am Gartentor: »Radita stinkt!«

Mariacarla sprang Rike entgegen. »Oma, ich muss nicht in den Kindergarten! Meine Mama hat gesagt, ich darf die ganze Zeit bei euch bleiben. Und sie hat gesagt, ich darf Nutella essen, so viel ich will. Auch mit dem Löffel!«

Rike nahm ihrem Mann die Kleine ab. »Puh! Radita braucht wirklich eine frische Windel.«

Zusammen gingen sie ins Bad. Rike legte Radita auf den Wickeltisch, den sie und Heiner wieder aus einer Abstellkammer geholt hatten, und öffnete die Druckknöpfe am Höschen.

»Axel hat einen großen Auftrag bekommen«, sagte Heiner nicht ohne Stolz.

»Ja, und Elina hat sich ein neues Parfum gekauft.«

»Hat das eine etwas mit dem anderen zu tun?«, fragte Heiner verdutzt.

»Und ob. Axel ist erfolgreich, er arbeitet mit attraktiven

Models … Na, dämmert dir was?«

»Hat er etwa schon jetzt ein Verhältnis? Radita ist doch erst ein halbes Jahr alt!«

»Wie bitte? Wie meinst du das denn?« Rike säuberte Raditas Po mit einem nassen Waschlappen. »Ab wann ist deiner Meinung nach ein Verhältnis angebracht?«

»Dazu habe ich überhaupt keine Meinung«, nuschelte Heiner und verließ rasch das Bad.

Rike stutzte. Nach dreißig Ehejahren kannte sie ihren Mann. Diese Reaktion schien hochverdächtig.

»Tut dir der Kopf weh, Oma?«, fragte Mariacarla.

»Warum?«

»Weil du immer so machst: h-h-h …«

»Ich mache h-h-h, weil Radita einen wunden Po hat.«

»Da musst du Salbe drauftun«, riet Mariacarla. »Oma, weißt du, dass ein Rhinozeros nicht so steile Füße hat wie eine Giraffe? Und weißt du, dass ich schon einen Dino malen kann? Weißt du, dass Dinos Feuer spucken? Aber das ist gefährlich. Ich male das Feuer lieber nicht, das ist zu gefährlich.«

»Stimmt, Mariacarla. Feuer ist immer gefährlich.«

»Das sagt meine Mama auch. Deshalb male ich auch kein Dino-Feuer. Oma, jetzt hast du schon wieder h-h-h gemacht. Warum? Hast du Angst vor dem Feuer?«

Rike fühlte sich ertappt. »Nein«, antwortete sie entschieden. »Ich habe keine Angst vor dem Feuer.«

»Weil du so alt bist?«

Rike lachte laut heraus. »Du kannst einen kleinen Dino malen, der ein kleines Feuer spuckt. Du kannst aber auch einen großen Dino malen, der ein ganz gewaltiges Feuer spuckt. Was meinst du, Mariacarla, welches Feuer ist gefährlicher?«

»Das große«, antwortete Mariacarla prompt. »Weil das mehr Wucht hast. Jetzt hast du die Windel neben den Eimer geworfen, Oma.« Mariacarla bückte sich. »Meine Mama sagt, ein kleines Feuer kann man auspusten. Bei einem großen reicht die Puste nicht, da muss man die Feuerwehr rufen. Meine Mama sagt, das kommt teuer.«

2. Kapitel

Rikes Küche war in einem sonnigen Toskana-Orange gestrichen. Die Vorhänge aus englischem Leinen mit dem typischen bunten Nelken- und Rosenmuster nach orientalischen Vorlagen aus dem siebzehnten Jahrhundert waren zugezogen. In den offenen Fächern eines ebenfalls englischen Küchenbüfetts glänzte das Silber, das sie in vielen Jahren gesammelt hatte. Den runden Holztisch und die Stühle hatte sie in einem Antiquitätenladen im Schwarzwald erstanden, und zusammen mit den gerahmten Sticktüchern und Mariacarlas temperamentvollen Fingerfarbenbildern an den Wänden war die Küche zu dem geworden, was Rike sich immer gewünscht hatte: ein gemütlicher Treffpunkt für die Familie. Als Lotte klingelte, roch es nach warmem Kakao und Penatencreme. Beide Enkelinnen waren bettfertig, Heiner fütterte Mariacarla mit Nutellahäppchen, und Rike gab Radita das Fläschchen.

»Du hast nicht gesagt, dass du Familiendienst leistest«, rief

Lotte verwundert.

Rike deutete mit dem Kinn auf den Stuhl an ihrer Seite.

»Heute Nachmittag wusste ich auch noch nichts von meinem Unglück.«

Lotte kannte ihre beste Freundin seit fünfundvierzig Jahren. Jetzt warf sie ihr einen fragenden Blick zu, doch bevor sie nachhaken konnte, fragte Heiner rasch: »Soll ich dir auch ein Nutellabrot streichen?«

»Mir wurden zwei Käsebrote in Aussicht gestellt. Den Wein dazu habe ich mitgebracht.«

»Du meinst, zwei Käsebrote gegen einen Schluck Roten?«

»Zwei Käsebrote gegen eine ganze Flasche«, stellte Lotte richtig. »Es ist ein österreichischer Zweigelt; sehr rund im Geschmack, weich und fruchtbetont. Erinnert an schwarze Früchte wie Brombeeren und Johannisbeeren.«

»Klingt interessant.«

»Interessant?«, wiederholte Lotte empört. »Es ist ein Spizenwein, du Banause!«

Der Banause war seit einem halben Jahr im Ruhestand, hatte allerdings einige Beraterverträge und verbrachte zwei, drei, manchmal sogar vier Tage in der Woche in unterschiedlichen Firmen. Er war stolz darauf, nicht den Bauchansatz alternder Männer zu haben, und sah mit seinen grauen Haaren noch sehr attraktiv aus. Jetzt ließ er sich von Lotte das Glas füllen, schnupperte, kostete und hob anerkennend die Augenbrauen. »Nicht schlecht! Lotte, du kannst morgen Abend wiederkommen.« Er griff nach der Flasche. »Rike, du weißt, dass ich morgen bei Huber bin. Die Besprechung dauert den ganzen Tag, Beginn um halb neun, danach gibt es ein gemeinsames Abendessen. Entschuldigt mich; ich muss mich noch in die Problematik einarbeiten.« Er verzog sich in sein Arbeitszimmer.

Lotte runzelte die Stirn. »In letzter Zeit sieht dein Mann um Jahre jünger aus, Rike. Hat er etwa herbstliche Frühlingsgefühle? Und warum sind die Kinder bei dir?«

Radita hatte das Fläschchen ausgetrunken. Rike klopfte ihr sanft auf den Rücken, bis sie aufstieß. »Brav«, lobte Rike, setzte die Kleine Lotte auf den Schoß und legte Käse, Brot und Butter auf eine Platte. »Elina begegnet den geballten Reizen des raffinierten Models, das du auch kennst, mit einer heißen Nacht, neuem Parfum und einer Flasche von deinem Schampus und will Babygeschrei im entscheidenden Augenblick vermeiden. Was mit Heiner los ist, weiß ich nicht.«

»Wie wär’s mit einem neuen Parfum?«, fragte Lotte spöttisch.

»Vor zwei Wochen habe ich eines gekauft!«, rief Rike empört. »Aber obwohl ich mich bis zum Atemstillstand einnebelte, hat der Kerl nichts gerochen!«

»Hm. Dann hatte er entweder ein noch stärkeres Parfum in der Nase, oder es ist Alzheimer. Nachlassender Geruchssinn ist ein früher, aber sicherer Hinweis. Bei dem Wein gerade eben hatte er allerdings keinerlei Probleme.«

»Und überhaupt!«, protestierte Rike. »Was redest du da von Frühlingsgefühlen? Der Mann ist über sechzig!«

»Na und? Ich liebe Männer über sechzig. Komm, Mariacarla, jetzt geht’s ins Bett. Zähneputzen fällt aus, wenn Tante Lotte da ist.«

Nachdem die Kinder im Bett waren, setzten sich die Freundinnen ins Wohnzimmer. Die Terrassentüren standen auf, der Abendwind trug den Duft von Rikes Rosen herein und wehte die langen weißen Vorhänge ins Zimmer. Lotte entkorkte die zweite Flasche und füllte die Gläser für sich und Rike. Die sank in ihren Sessel und legte der Krampfadern wegen die Beine hoch.

»Hat sich Heiner verändert? Ist dir etwas aufgefallen?«, fragte Lotte.

Rike schüttelte den Kopf. »Nichts. Seine Beraterjobs machen ihm Spaß und halten ihn auf Trab, so dass er ausgeruhter und besser gelaunt ist als früher … Aber sonst? Nein, mir ist nichts aufgefallen. Nur heute, heute hat er etwas Merkwürdiges gesagt. ›Hat Axel etwa jetzt schon ein Verhältnis?‹, hat er gefragt.« Rike runzelte die Stirn. »Ja, so hat er sich ausgedrückt. Merkwürdig, oder?«

»Das kann alles und nichts bedeuten. Es kann heißen, dass er mal ’ne kurze Affäre hatte, von der du nie erfahren hast, es kann heißen, er kennt Männer, die so was immer brauchen, es kann heißen, dass er jetzt eine kleine Freundin hat oder in Erwägung zieht. Mach dir keine Sorgen, Rike, ich bin Expertin für diese Fragen und stehe dir mit Rat und Tat zur Seite.« Rike ließ den Wein im Glas kreisen. »Ich werde ihn beobachten, Lotte. Aber Heiner ist heute Abend nicht das Thema, ich habe etwas viel Wichtigeres auf Lager.«

»Die Geschichte deines alten Patienten?« Lotte rümpfte die

Nase. »Warum sollte die mich interessieren!«

»Nur Geduld. Deine Mutter war eine verheiratete Weymoden, stimmt’s? Sie stammte, wie auch ihr gefallener erster Mann, aus Ostpreußen?«

»Das weißt du doch alles«, bestätigte Lotte ungeduldig.

»Warte. Lass mich die Vorgeschichte auf die Reihe bekommen, ich will keine Fehler machen.« Rike runzelte die Stirn.

»Deine Mutter hat nach ihrer Flucht zunächst in Niedersachsen gewohnt, dort ihren zweiten Mann, deinen Vater, kennengelernt und ist dann mit ihm nach Stuttgart gezogen, wo du geboren bist.«

»Du machst es spannend.« Lotte gähnte.

»Es wird noch viel spannender! Der zweite Mann deiner Mutter hieß Zweigle …«

Lotte setzte ihr Glas ab. »Zweigle! Dieser Name war für meine Mutter undenkbar. ›Ich bin eine ostpreußische Gutsbesitzerstocher, habe einen angesehenen Gutsbesitzer geheiratet und soll den Namen Zweigle annehmen?‹, sagte sie immer. ›Niemals!‹ Sie lebte mit meinem Vater in ›wilder Ehe‹; nicht nur wegen des Namens, sondern auch, weil die erste Frau meines Vaters verschollen war und erst Jahre später für tot erklärt werden konnte. Ich war fünfzehn, als die beiden doch noch heirateten – wegen der Rente, ist ja klar. Aber den Namen meines Vaters hat meine Mutter nicht angenommen.«

»Dein Mädchenname war also immer Weymoden?« Lotte hob die Augenbrauen. »Ist das so wichtig?«

»Es ist der Knackpunkt der Geschichte«, erklärte Rike.

»Oskar Billek, den ich als Grüne Dame seit einigen Wochen betreue, stammt ebenfalls aus Ostpreußen. Er wurde im Russlandfeldzug verwundet und nach einem Lazarettaufenthalt zur Genesung nach Hause geschickt. Als sich immer mehr Familien zur Flucht gezwungen sahen, wollte er nicht zurückbleiben, strandete aber schon nach vier Tagen auf eurem Gut. Es ging ihm so schlecht, dass deine Mutter ihm sagte, er könne bleiben, bis auch sie sich dem Treck anschließen würden.« Rike hob den Kopf. »Mir als Nachkriegsgeborene war nicht klar, dass der ›Treck‹ aus vielen einzelnen Grüppchen bestand, die aus allen Richtungen kamen, zueinanderstießen und gemeinsam weiterzogen. Jedenfalls verbrachte Oskar neun Tage auf einem Gut namens Weymoden. Der Besitzer war an der Front, Frau Weymoden war wenige Monate zuvor Mutter von Zwillingen geworden. Zweieiige Jungs sind es gewesen, und …«

»Dann muss es sich um unser Gut gehandelt haben!«, rief Lotte aufgeregt. »Hat er dir von meiner Mutter erzählt?«

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. »Nein!«, rief Lotte. »Nicht jetzt, wo du endlich zur Sache kommst!«

»Moment.« Rike nahm den Hörer ab. »Fiona! Liebes, gibt’s was Neues?«

Lotte fuhr sich durch die Haare. Da hatte Rike doch tatsächlich einen Zeitzeugen aufgetrieben! Jemand, der das Gut kannte, ihre Mutter, ihre Halbbrüder, jemand, der sich sicher noch daran erinnerte, wie die Landschaft aussah, das große Haus samt Park, die Stallungen, die …

»Ist es so schlimm, dass du dir sogar einen Tag freinehmen musstest? Na so was! Aber selbstverständlich bist du jederzeit willkommen«, hörte sie Rike sagen. »Wir sprechen morgen darüber, ja? Ich melde mich. Jetzt machen wir’s kurz, Lotte ist da.«

Rike legte auf. »Fiona hat Liebeskummer, muss sich ausweinen und will getröstet werden. Wo war ich stehengeblieben?«

»Bei dem Mann, der …«

»Ach ja, bei Herrn Billek. Also, während Oskar bei euch festhing, weil seine Wunde wieder aufgebrochen war, bekam er natürlich mit, wie sich deine Familie zur Flucht bereitmachte. Er war dabei, als der große Leiterwagen beladen wurde …«

»Tatsächlich? Meine Mutter hat uns Kindern immer wieder von diesem Wagen erzählt. Sie besaßen noch zwei Pferde und konnten allerlei mitnehmen.«

Rike nickte. »Davon hat er auch gesprochen. Er konnte zwar nicht helfen, aber er hat gesehen, wie die Koffer, Kisten, Bündel und Decken aufgeladen wurden, während er auf die Zwillinge aufpasste, die in einem Kinderwagen lagen. Die Kleinen weinten, und um sie zu beruhigen, wollte er sie auf dem Hof umherfahren, doch das war gar nicht einfach. Der Wagen aus weißlackiertem Peddigrohr hatte nämlich, wie es sich gehört, vier Rädchen – aber keinen Schiebebügel.«

»Genau dieser Bügel spielt in der Familiengeschichte eine große Rolle! Was wusste dein Patient?«

»Langsam, Lotte. Oskar hat mir erzählt, wie kurz vorm Aufbruch am frühen Morgen das Kochgeschirr, einige Bündel Holz und der Kinderwagen – mit Schiebebügel – dazukamen. Später hätte ein alter Schmied oder Schreiner des Guts mit ihm eine kostbare letzte Zigarette geteilt, der Mann hätte auf den Wagen gedeutet und gesagt: ›Das ist eine ganz dreckige Geschichte. Irgendwann wird sie ans Licht kommen … Na, aber vielleicht überleben die Bälger ja auch nicht.‹«

»Wen meinte er mit ›Bälger‹?«, fragte Lotte erstaunt. »Doch nicht die Zwillinge? Die waren damals erst wenige Monate alt.«

»Er war sich sicher, der Alte hätte mit den Bälgern die Zwillinge gemeint.«

»Das glaube ich nicht.«

»Aber das ist noch lange nicht alles! Billek ist mehr tot als lebendig im Westen angekommen und wurde von einer Frau, deren Mann in Frankreich gefallen war, gesundgepflegt. Die beiden haben geheiratet. Als Oskars Frau dann vor etwa zwanzig Jahren starb, fiel ihm vor Kummer und Einsamkeit die Decke auf den Kopf. Er hatte keine Kinder, alle Familienangehörigen waren verstorben, und so hat er sich schließlich aufs Reisen verlegt.«

»Warum erzählst du mir denn das alles?«

»Hör zu. Vor fünf Jahren nun hat ihn eine Tour durch Namibia und Botswana geführt. In einer Lodge am Rand der Kalahari saß die Reisegesellschaft dann abends vor dem Kamin, wobei sich alle recht unbehaglich fühlten, denn die Frau des Besitzers war erst eine Woche zuvor gestorben. Alles ging noch drunter und drüber, und weil das Essen nahezu ungenießbar gewesen war, füllten sie ihre knurrenden Mägen mit Bier. Später kam dann doch noch der Besitzer dazu und bemühte sich, sie mit einigen Jagdstorys bei Laune zu halten.«

»Den Löwen, dessen Fell links an der Wand hängt, habe ich unter Lebensgefahr erlegt?«

Rike nickte. »So ähnlich wird es gewesen sein. Jedenfalls – zwischen den Geweihen über dem Kamin entdeckte Oskar ein ausgebleichtes Stück Peddigrohrgeflecht. Er fragte nach, was dies zu bedeuten habe, und der Besitzer der Lodge hat dann berichtet …«

»Der Wein ist leer. Hast du noch eine Flasche für uns, Rike?«

»Später. Vielleicht brauchst du dann ohnehin etwas Stärkeres, warte also«, antwortete Rike und holte eine Flasche Mineralwasser aus der Küche. »Das Peddigrohrgeflecht, hatte der Besitzer der Lodge erklärt, habe zu einem Kinderwagen gehört. Dessen Besitzer seien im Frühjahr 1945 aus Ostpreußen geflohen und hätten …«

»Weymoden geheißen«, beendete Lotte Rikes Satz. »Das darf nicht wahr sein! Das glaube ich einfach nicht! Wie soll ein Stück unseres Kinderwagens in die afrikanische Wüste kommen? Kannst du mir das sagen, Rike?«

»Das kann ich«, erklärte Rike ruhig. »Tatsache ist, dass sich deine Mutter nicht allein mit deinen Halbbrüdern und einigen ihrer Leute dem Treck angeschlossen hat. Wenige Tage vor dem Aufbruch war eine angeheiratete Nichte deiner Mutter …«

»Lena. Ihre ganze Familie war umgekommen. Meine Mutter erzählte immer wieder, wie Lena drei Tage und zwei Nächte geritten und halbverhungert auf dem Gut angekommen sei. Auf der Flucht allerdings … aber sag du zuerst, Rike.«

»Ja. Deine Mutter und Lena sind wohl mehrmals in gefährliche Situationen geraten, weshalb sie dazu übergingen, die Zwillinge nicht im Wagen zu schieben, sondern in einem Tuch auf dem Rücken zu tragen. Das war gut so, denn nicht nur Zivilisten befanden sich auf der Flucht. Oskar sprach von motorisierten Verbänden, Soldaten in Lastwagen, die auf dem Rückzug waren und die, wenn sie von hinten daher rollten, die Flüchtlinge von der Straße oder vom Weg drängten. Im späten Frühling hatten die steigenden Temperaturen viele Landstriche in Morast verwandelt, weshalb diese Ausweichmanöver ziemlich gefährlich gewesen waren. Einmal, schon in der Dämmerung, seien tatsächlich mehrere Wagen, darunter auch euer Leiterwagen, umgekippt, die Pferde hätten wild um sich getreten, es sei ein schreckliches Durcheinander gewesen. Erst tief in der Nacht, als man endlich gerettet hatte, was zu retten möglich war, hätte man Lena und einen der Zwillinge vermisst. Deine Mutter wäre untröstlich gewesen, aber ihn, Oskar, hätte am meisten verwundert, dass sie ständig geschrien hätte: ›Wo ist der Kinderwagen?‹ Dass deine Mutter nicht den Verlust ihres Kindes und einer Nichte beweinte, sondern um einen abhandengekommenen Kinderwagen jammerte, hätten alle dem Schock zugeschrieben.«

»Bis zu ihrem Tod hat meine Mutter immer wieder von dieser Nacht erzählt. Meine Brüder und ich konnten die Geschichte schon nicht mehr hören. Es ging ja nicht nur um Lena; jeder dachte, sie sei – na ja, du kannst dir vorstellen, was die Leute über ein Mädchen und Soldaten gedacht haben.«

»Obwohl es unsere eigenen Soldaten waren?«

Lotte hob die Schultern. »Keine Ahnung. Was genau mit ihr in jener Nacht geschehen ist – ob ihr überhaupt etwas geschehen ist – und wie sie sich mit dem kleinen Horst hat retten können, hat sie nie berichtet. Es gelang ihr aber, meine Mutter im Westen ausfindig zu machen, und so stand sie dann eines Tages mit Horst auf dem Arm vor der Tür.« Lotte trank den letzten Schluck Wasser und nahm die Beine vom Tisch. »Ich habe Lena immer für eine richtig coole, taffe Heldin gehalten.«

Rike nickte. »Das muss sie wohl gewesen sein, denn sie war ja so geistesgegenwärtig, nicht nur deinen Halbbruder, sondern auch noch den Kinderwagen mitzunehmen.«

Lotte führte das Glas zum Mund, erinnerte sich, dass es leer war, und stellte es hart auf den Tisch. »Was willst du damit sagen?«

»Du meinst: Welche Fragen hat Billek sich wohl gestellt? Warum wurde der Schiebebügel des Kinderwagens erst am Morgen der Flucht montiert? Warum verschwand Lena mit dem Wagen? Und warum hing ein Stück des Rohrgeflechts noch fünfzig Jahre später am Kamin einer Lodge in Afrika?« Rike ließ ihre Freundin nicht aus den Augen. »Lotte, was weißt du über den Kinderwagen?«

Lotte zog hörbar die Luft ein. »Meine Mutter«, antwortete sie langsam, »meine Mutter hat meinen Brüdern und mir erzählt, dass sie im hohlen Bügel einige Schmuckstücke und verschiedene Dokumente versteckt hätte.«

»Genau das vermutete Oskar damals auch. Am Morgen erfuhr er vom Besitzer der Lodge, dass dessen Frau Lena aus Ostpreußen stammte und Weymoden geheißen habe. Durch den Krieg hätte sie Heimat und Familie verloren, und weil sie nichts und niemand mehr in Deutschland gehalten habe, hätte sie sich nach Afrika durchgeschlagen. Das Peddigrohrgeflecht sei eines von zwei Erinnerungsstücken aus der alten Heimat gewesen und habe deshalb den Ehrenplatz überm Kamin erhalten.«

»Hat sich Billek auch nach dem zweiten Erinnerungsstück erkundigt?«, fragte Lotte gespannt.

»Ja.«

»Ja!? Und? Was ist es? Befindet es sich noch in der Lodge?«

Rike schüttelte die Haare aus dem Gesicht. »Vor fünf Jahren, sagte er, war es noch in der Lodge. Er hat es nicht nur gesehen, er hat es sogar in der Hand gehalten.«

»Und? Was war’s denn?«

»Ein Stück von einem Schiebebügel.«

3. Kapitel

Rike sah auf die Uhr. Es war spät geworden. Sie stand auf und öffnete die Tür zu Heiners Arbeitszimmer. Leer; er musste schon zu Bett gegangen sein, morgen war er bei Huber … oder auch nicht.

»Ich muss die Geschichte erst mal überschlafen«, sagte Lotte. »Sie ist so unglaublich, dass … dass ich mir wünschte, meine Mutter wäre noch am Leben.«

»Willst du jetzt einen Schnaps?«

»Ja, aber den trinke ich bei mir zu Hause, ich muss ja noch fahren.« Lotte griff nach ihrer Handtasche. »Sag mal, könnte ich deinen Patienten besuchen? Ich würde ihn gerne noch einiges fragen.«

»Ich denke schon. Nur möchte ich ihn auf dich vorbereiten. Vergiss nicht, er ist über achtzig.«

»Wann siehst du ihn wieder?«

»Heute in einer Woche.«

»Das ist ein bisschen spät. Geht’s nicht schon am Wochenende? Überleg dir’s, ich rufe dich morgen an, ja?«

Als Lotte weggefahren war, schaute Rike nach Mariacarla, deckte sie zu und hob Raditas Kuscheltier vom Boden auf.

Heiner schlief bereits. Oder tat er nur so? Sie lauschte, zuckte dann die Schultern und ging ins Bad.

Am Morgen wurde sie viel zu früh von Raditas Gebrüll geweckt. Schlaftrunken wälzte sie sich auf die Seite, richtete sich auf und stellte überrascht fest, dass Heiner schon aufgestanden war. Im Kinderzimmer war er aber nicht, er war nicht im Bad, nicht in der Küche und auch nicht im Esszimmer. Rike tappte auf bloßen Füßen durch das Haus und meinte schließlich, seine Stimme im Arbeitszimmer zu hören. Behutsam öffnete sie die Tür. Tatsächlich – er saß im Schlafanzug an seinem Schreibtisch. »Gut, dann bis spätestens um acht«, sagte er gerade leise in den Hörer.

Rike schaltete blitzschnell. Geräuschlos zog sie die Tür wieder zu. Würde sie ihn jetzt fragen, würde er den Namen eines Kollegen nennen und eine Besprechung vortäuschen. Wie hieß es noch? Die Ahnungen einer Frau sind sicherer als die Beweise eines Mannes. Rike runzelte die Stirn und ging ins Kinderzimmer.

Um halb acht stand Heiner fein angezogen und meilenweit nach Rasierwasser duftend in der Tür. »Liebes, ich habe keine Zeit fürs Frühstück. Olaf hat gestern Abend noch angerufen, es geht um eine Vorbesprechung. Ich muss fort. Bis dann, ja?«

Rike platzte heraus. »Heiner! Denk an deine Familie! Mach nichts kaputt!«

»Opa! Opa, ich will dir guten Morgen sagen! Ich will ein Küsschen!«, rief Mariacarla. »Opa, warte doch!« Die Tür war bereits ins Schloss gefallen.

Mariacarla begann zu weinen. »Warum hat Opa mir keinen Kuss gegeben? Warum hat er mir nicht guten Morgen gesagt?«

»Er hatte es eilig«, erklärte Rike und nahm die Kleine in den Arm. »Wenn er zurückkommt, gibt er dir ganz viele Küsse.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt.«

Um halb neun, als die Kinder angezogen und gefüttert waren, konnte sie endlich Lotte anrufen. »Heiner hat tatsächlich eine Freundin. Er trifft sie heute um acht. Wenn du seine Stimme gehört hättest! So zärtlich spricht er nicht mal mit den Kleinen. Und, Lotte, er ist ohne Frühstück aus dem Haus gegangen.«

»Oh! Das ist ein ganz schlechtes Zeichen. Bist du sicher? Wie hast du’s erfahren?«

»Ich habe gehört, wie er telefoniert hat.«

»Aha. Du hast gelauscht. Hat er das bemerkt?«

»Nein. Was soll ich tun?«

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. »Bist du noch dran?«, fragte Rike.

»Hat Heiner mit dem Handy telefoniert oder …«

»Ich hab gesehen, dass er den Apparat in seinem Arbeitszimmer benutzt hat.«

»Hast du schon die Wahlwiederholungstaste gedrückt?«

»Natürlich. Aber das hat nichts gebracht.«

»Aha. Nummer unterdrückt also … Kannst du Heiners Unterschrift nachmachen?«

»Ich denke schon. Aber Lotte, das ist doch eine Fälschung!«

»Auf wessen Namen wurde euer Telefonanschluss angemeldet?«

»Auf Heiners«, antwortete Rike überrascht. »Wieso?«

»Weil wir herausfinden müssen, wen er angerufen hat«, erklärte Lotte. »Und dafür brauchen wir Heiners Unterschrift.«

»Die ich fälschen soll?«

»Die du fälschen wirst. Hast du Skrupel?«

»Ja. Aber ich mach’s trotzdem«, antwortete sie, trotzig wie ein kleines Kind.

»Gut.«

Lotte hielt Wort. Kurz vor eins, die Kinder hielten gerade Mittagsschlaf, stürmte sie ins Haus und legte einen Antrag auf Nachweis angenommener und abgehender Telefongespräche auf den Tisch.

»Los jetzt«, sagte sie kurz. »Ich habe nicht viel Zeit. Hast du Heiners Unterschrift geübt?«

»Ja. Wie findest du sie?« Rike reichte ihrer Freundin ein Blatt Papier.

»Nicht übel«, meinte Lotte anerkennend und faltete das unterschriebene Blatt sorgfältig zusammen. »Ich hab’s so eilig, weil ich den Antrag gleich auf dem Amt abgeben möchte. Ich kenne da nämlich jemanden, der mal für kurze Zeit ein guter Freund von mir war. Ich hoffe, dass er die Anfrage rasch und unbürokratisch beantworten wird.« Lotte kniff ein Auge zusammen. »Lass den Kopf nicht hängen, Rike, du hast mich als Verbündete, und ich sage dir, niemand kennt sich mit diesen Themen besser aus als ich!« Lotte eilte auf klappernden Absätzen aus dem Haus.

»Warte!«, rief Rike sie zurück.

»Was ist?«

»Was ist, wenn … wenn …«

»Wenn wir den Namen haben?« Lotte lachte. »Dann setzen wir uns zusammen und machen einen feinen Plan. Ach, tu mir den Gefallen und frag Billek bald, ob ich ihn besuchen kann!«

Während Rike die Küche aufräumte, fragte sie sich, warum sie sich nicht aufregte, nicht hysterisch war, kein Bedürfnis hatte, gutes Geschirr zu zertrümmern oder teure Krawatten zu zerschneiden, nicht heulen und nicht zagen wollte und überhaupt nicht das Gefühl hatte, sie stürze ins Nichts.

Na, vielleicht deshalb, weil es bis jetzt nur eine Vermutung ist, erklärte sie sich ihr Verhalten.

Als Mariacarla und Radita nach ihrem Mittagsschlaf aufwachten, zog sie die beiden sorgfältig an, lud den Kinderwagen in ihren Golf und schnallte die Kleinen an. Bonbonpapierchen und Kekskrümel, Bilderbücher, eine farblich sehr gewagte Quietschente, eine Stoffpuppe und pädagogisch wertvolle Holzspielsachen lagen auf dem Rücksitz und dem Boden. Das Wageninnere muss unbedingt mal wieder ausgesaugt werden, dachte Rike, fuhr los und hielt an einer Tankstelle, wo sie die neueste Zeit und den Spiegel für Oskar Billek und einen giftgrünen Lutscher für Mariacarla kaufte. Wenn Elina die Farbe sehen würde, würde sie – wie sagte sie immer? – eine Krise bekommen. Aber das war das Gute, wenn man Großmutter war; man konnte den Enkeln all das schenken, was man in ihrem Alter gerne geschenkt bekommen hätte. Zu ihrer Zeit, dachte Rike und fuhr los, wäre das Waldmeisterbrause gewesen. Oder Himbeerbrause. Oder, noch kostbarer, weil von großem Seltenheitswert, Kaugummi.

Rike erinnerte sich an ihren ersten Kaugummi. Damals hatte sie mit Bruder und Eltern in einem der Häuser gewohnt, die um die Jahrhundertwende gebaut worden waren. Eines Tages lag ein rosa Klumpen auf einer Treppenstufe.

Ihr älterer Bruder bückte sich und hob das mit Zahnabdrücken versehene Ding auf. »Das ist ein Kaugummi«, sagte er ehrfürchtig und schob den Klumpen in seinen Mund.

»Lass mich auch mal«, bat sie. Sie musste ziemlich oft bitten, bis er ihr den Kaugummi zum Probieren überließ. »Nur drei Mal!«, hatte ihr Bruder gesagt und genau darauf geachtet, dass sie nicht ein viertes Mal zubiss.

Rike schüttelte sich. »Ist dir schlecht?«, fragte Mariacarla.

»Nein, nein. Wie schmeckt der Lutscher?«

»Gut. Willst du auch mal?«

»Lutschen? Später vielleicht, vielen Dank, Mariacarla.«

»Dann ist er weg, Oma.«

Oskar Billek freute sich sehr über den unverhofften Besuch.

»Sogar Ihre Enkelinnen haben Sie mitgebracht; wie reizend von Ihnen! Und auch noch Lesestoff, das wäre wirklich nicht nötig gewesen, Sie wissen doch, über Sie freue ich mich mehr als über alles andere.«

Da Elina nach der Geburt ihrer zweiten Tochter nur einen Tag auf der Entbindungsstation verbracht hatte, war das Mariacarlas erster Besuch in einem Krankenhaus. »Warum riecht es bei dem Mann so komisch?«, wollte sie sofort wissen. »Warum liegt er im Bett? Ist er krank? Warum ist das Bett so hoch? Warum hat es Hebel und Schrauben an der Seite?« Sie rannte herum und entdeckte die Nasszelle.

»Oma, komm mal! Da steht ein Stuhl in der Dusche!« Mariacarla zerrte ihn über die Fliesen. »Oma, hilf mir, der Stuhl muss raus!« Sie stellte so viele Fragen, dass Rike nicht zum Zuge kam. Schließlich begann auch noch Radita zu jammern – Rike stand auf. »Es war wohl keine gute Idee, mit den Kleinen herzukommen. Übrigens habe ich meiner Freundin Ihre Geschichte erzählt. Nun würde sie sich gerne mit Ihnen unterhalten …«

»Oma, warum hat der Mann ein Spinnennetz im Gesicht?«

»Ein Spinnennetz?« Sekundenlang schauten Oskar und Rike sich fragend an, bis die Kleine mit einem Fingerchen die tiefen Falten des alten Mannes nachfuhr.

»Ah!« Er lachte. »Alle alten Menschen haben Spinnennetze im Gesicht.«

»Meine Oma hat keines.«

»Deine Oma ist noch nicht alt.«

»Meine Mama sagt, Oma ist alt«, beharrte Mariacarla. Inzwischen verweigerte Radita den Schnuller und brüllte wie am Spieß. »Tut mir leid, aber wir müssen gehen. Kann meine Freundin …«

»Jederzeit! Sie kann kommen, wann immer sie möchte.«

So rasch Mariacarlas kurze Beinchen es zuließen, eilte Rike, die brüllende Radita auf dem Arm, durch die langen Gänge. Sie ärgerte sich über die missbilligenden Blicke der anderen Besucher. Klar, Außenstehende schlagen sich immer auf die Seite der Winzlinge, dachte Rike wütend. Das war schon so, als meine Kinder klein waren.

Radita brüllte im Krankenhaus, vor dem Krankenhaus, auf dem Parkplatz, aber kaum war sie in ihrem Babysitz, steckte sie den Daumen in den Mund, machte die Augen zu, schluchzte noch ein einziges Mal – und war eingeschlafen, bevor Rike Mariacarla angeschnallt hatte.

Rike ließ sich in den Fahrersitz fallen und drehte den Zündschlüssel. Verdammt, wütete sie innerlich, meine Tochter genehmigt sich auf Kosten meiner Nerven eine heiße Nacht mit ihrem Lover, mein Mann, dem ich dreißig Jahre lang vertraut habe, streckt seine Hände – und wahrscheinlich noch mehr – nach Frischfleisch aus … Und ich? Ich bin der Familientrottel!

Ihr fiel das Telefongespräch ein, das sie ihrer Ältesten versprochen hatte. Sie drehte sich um und fragte Mariacarla: »Möchtest du ein Eis essen?«

»Ein Nutella-Eis?«

»Ist das ein Schokoladeneis?«, fragte Rike vorsichtig.

»Es ist ein Nutella-Eis«, behauptete Mariacarla. »Ich will ein Nutella-Eis.«

Rike hielt zum zweiten Mal an diesem Tag an der Tankstelle. Radita schlief selig, also sagte sie zu Mariacarla: »Such dir selber das Eis aus, ja?«

Es gab kein Nutella-Eis; Mariacarla entschied sich schließlich für ein grellgelbes Wassereis und schleckte genüsslich, während Rike auf die eingespeicherte Nummer ihrer Ältesten tippte.

»Fiona, Liebes, was ist los?«

»Mama, ich packe gerade! Ich muss einfach nach Hause kommen, Ma, ich brauche Tapetenwechsel und liebevolle Betreuung. Jan ist ja so ein fieser Kerl. Stell dir vor, er hat noch eine Freundin, eine kleine Sekretärin, neu in seiner Bank, dumm, blond – aber süß und raffiniert!«

Rike lachte. »In diesem Fall solltest du besser mit deiner Schwester reden!«

»Wieso? Hat Axel …«

»Nein, das wohl nicht, aber …«

»Oma, das Eis rutscht vom Stäbchen!«, rief Mariacarla.

»Ich bin in drei Stunden bei dir, Mama. Sind die Kleinen dann weg?«

»Sie bleiben drei Tage.«

»Das darf nicht wahr sein! Ma, ich komme trotzdem!« Inzwischen war die gelbe Pampe auf Mariacarlas Hose gelandet; Rike säuberte diese mit einem Papiertaschentuch und schnallte die Kleine wieder an.

Dann wählte sie Lottes Nummer. »Du kannst Billek jederzeit besuchen, er erwartet dich«, sagte sie. »Vielleicht komme ich später kurz bei dir vorbei, aber ich habe die Kinder bei mir und – nicht, Mariacarla, du weckst Radita auf! … Bis dann, Lotte!«

Sie drückte die Aus-Taste und nahm Mariacarla die Stoffpuppe aus der Hand, mit der sie Radita bearbeitet hatte.

»Wehe, wenn du deine Schwester aufweckst. Ich werde sehr böse mit dir sein, hörst du?« Mariacarla verzog das Gesicht.

»Es wird nicht, geweint!«, sagte Rike energisch, dann startete sie das Auto.

Als sie am Hauptbahnhof vorbeifuhr, wachte Radita auf. Also parkte Rike gleich in der Schlossgartengarage, packte den Kinderwagen aus und die Kleine hinein, nahm Mariacarla an der Hand und spazierte durch den Park in Richtung Bohnenviertel. Vielleicht schlief Radita wieder ein, so dass sie ein paar Worte mit Lotte wechseln konnte. Mit einem Blick stellte sie fest, dass alle Tischchen vor dem Gartencafé besetzt waren, und wünschte sich im Augenblick nichts sehnlicher als einen doppelten Espresso. Plötzlich rief Mariacarla »Opa!« und rannte los – auf Heiner zu, der tatsächlich an einem der weißlackierten Tische saß. Nicht allein; eine Blonde leistete ihm Gesellschaft.

Rike schoss das Blut ins Gesicht. War das nicht Axels Model, die mit den schrägen, grünen Augen, die, wegen der sie Elinas Brut hüten musste? Hatte sie etwa wegen dieser Person zum ersten und hoffentlich auch letzten Mal in ihrem Leben eine Unterschrift gefälscht? Sie biss die Zähne zusammen, schob den Kinderwagen weiter und sah, dass ihr Mann nicht nur einen knallroten Kopf bekommen, sondern auch die beiden oberen Knöpfe seines hellblauen Bankerhemds geöffnet, die Krawatte abgenommen und die Ärmel locker hochgekrempelt hatte. Plötzlich musste sie lachen; wie benahm sich eine fünfundfünfzigjährige Frau in einer solchen Situation? Da hatte man das Abitur bestanden, studiert, Examen gemacht, dreißig Ehejahre er- und durchlebt, zwei Töchter großgezogen, zwei Enkelinnen bekommen, war ehrenamtliche Grüne Dame und was sonst noch alles – na klar, im Repertoire ihres Lebens hatte dieses Stück noch gefehlt. Wie also gab man diese Rolle?

Noch immer lachend drückte Rike mit dem linken Fuß die Kinderwagenbremse hinunter, winkte dem Kellner und verlangte ihren doppelten Espresso.

»Wie schön, dich so unerwartet zu sehen«, sagte sie fröhlich und gab Heiner, der aufgestanden war, einen Kuss mitten auf den Mund.

Dann streckte sie der Blonden die Hand entgegen. »Wir kennen uns bereits. Reizend, meinen Mann in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu finden.« Sie freute sich über die Verlegenheit der jungen Dame.

»Es … ich geh dann mal«, stotterte diese. »Dann wird der Stuhl frei.«

»Danke. Ich trinke meinen Kaffee gerne im Sitzen«, antwortete Rike und registrierte spöttisch lächelnd, wie sich die Grünäugige zwischen den Tischchen durchschlängelte.

»Willst du ein Eis?«, fragte Heiner Mariacarla und nahm seine Enkelin auf den Schoß.

»Oma hat mir schon eines gekauft. Und einen Lutscher.«

»So. Schade, dann kann ich dir leider keines mehr bestellen.«

»Nein. Wie heißt die Frau?«, fragte Mariacarla.

»Welche?«

»Die da.« Mariacarla zeigte mit dem Finger auf den Rücken der blonden Grünäugigen.

Heiner schwieg.

»Weißt du das nicht?« Heiner runzelte die Stirn.

»Meine Mama sagt, man muss antworten, wenn man gefragt wird.«

Rike grinste spöttisch. »Sie heißt – wahrscheinlich heißt sie

Monika.«

»Stimmt das, Opa?«

Heiner sagte noch immer nichts. Plötzlich und sehr verspätet packte Rike eine unbändige Wut. Wie konnte Heiner sie so kaltblütig belügen! Und auch noch die Dummheit besitzen, mit seinem Liebchen auf einem der belebtesten Plätze Stuttgarts Kaffee zu trinken! Sie stand auf, öffnete ihre Handtasche und nahm Autoschlüssel und Parkticket heraus. »Mein Wagen mit den Kindersitzen steht in der Schlossgartengarage. Du wirst ihn finden. Ich fahre später mit dem Taxi nach Hause. Und, dass ich’s nicht vergesse: Fiona kommt. Sie hat Kummer mit ihrem Freund, will sich ausweinen und trösten lassen. Er hat«, sagte sie im Gehen, »eine zweite Beziehung. Mit einer Blonden. Du wirst deine Tochter also wunderbar beraten können.«

Ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen oder auf Mariacarlas »Oma!«-Rufe zu achten, eilte sie durch die Passage und zum Taxistand am Hauptbahnhof. Weg, sie musste weg, sie brauchte einen klaren Kopf, vor allem aber brauchte sie Lotte.

Es war der helle Wahnsinn, zum nahe gelegenen Bohnenviertel ein Taxi zu nehmen. Doch jetzt musste es sein! Nach wenigen Minuten stieg sie vor Lottes Weinhandlung aus und grüßte die Stammgäste, während sie den Fahrer bezahlte.

»Lotte ist nicht da«, rief ihr einer der Gäste zu. »Sie macht einen Besuch im Krankenhaus.«

»Bitte warten Sie einen Augenblick«, sagte Rike zum Taxifahrer und fragte nach: »Wann ist sie gegangen?«

»Sie hat mir noch den Wein gebracht. Dürfte so zehn Minuten her sein.«

Sie kann nur zu Billek gefahren sein, überlegte Rike und stieg kurzentschlossen wieder ins Taxi.

»Zum Krankenhaus?«, fragte der Fahrer. »Welches denn?«

»Das Robert-Bosch-Krankenhaus auf der Prag.« Rike umklammerte mit beiden Händen die übereinandergeschlagenen Beine. So, dachte sie wütend, verzweifelt und hilflos zugleich, jetzt ist’s sicher: Heiner hat eine Freundin. Die blonde Grünäugige ist’s, die, von der wir alle gedacht haben, sie hätte es auf Elinas Axel abgesehen … Wie kann er mir das nur antun! Nicht nur mir – was ist mit seinen Töchtern und Enkelinnen? Warum denkt er nicht an uns alle? Sind wir ihm gleichgültig? Weiß er denn nicht, was auf dem Spiel steht? Unsere gemeinsame Vergangenheit, das vertrauensvolle Altern? Was geschieht, wenn er krank werden sollte? Pflegt ihn dann das schöne Model? Was ist mit unseren Freunden? Was werden die Töchter von ihm denken? Rikes Gedanken überschlugen sich; keinen einzigen dachte sie zu Ende, konnte es auch nicht, der Jammer stürzte über ihr zusammen.

Viel zu schnell kam das Krankenhaus in Sicht. Sie bezahlte, stieg mit wackligen Knien aus und hatte den Eindruck, als rinne ihr die Sicherheit ihres bisherigen Lebens wie Wasser aus allen Poren. In was für einer Schmuddelpfütze stehe ich jetzt, stöhnte sie innerlich und wünschte sich auf einmal, nicht hier, sondern zu Hause im Bett zu liegen, die Decke über den Kopf ziehen und sich tot stellen zu können. Um ruhiger zu werden, setzte sie sich auf eines der Bänkchen, die zwischen den Blumen und Sträuchern der kleinen Anlage vor dem Eingang standen, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und wartete, bis ihr Herz nicht mehr so schmerzhaft pochte.

Dann kramte sie ihr Taschentuch aus der Handtasche, und als sie sich die Nase putzte, fiel ihr Blick auf einen sehr jungen Mann im Rollstuhl. Sein Kopf steckte in einer Art gepolsterter Klammer, er hatte nur noch ein Bein und zündete sich gerade eine Zigarette an. Plötzlich schaute er auf.

»Ihnen geht’s auch dreckig, was?«

Rike schossen die Tränen in die Augen. »Kann man wohl sagen!«

»Unfall wie ich?« Der junge Mann deutete auf den dick bandagierten Beinstummel.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf und stand auf. »Kein Unfall, aber auch ein Verlust.«

Der junge Mann zog heftig an seiner Zigarette. »Scheißleben«, fluchte er leise. »Scheißleben nach dem Scheißunfall. Aber eines weiß ich: Ich lass mich nicht unterkriegen. Ich kämpf mich auch mit nur einem Bein durch. Und Sie? So wie Sie aussehen, geben Sie klein bei, was?«

Rike fuhr zusammen und meinte, ein schwarzes Tuch senke sich über sie. Sie starrte den Jungen an und schluckte krampfhaft. »Ich weiß es noch nicht.«

4. Kapitel

Während Rike zum Krankenhaus fuhr, saß eine aufgeregte Lotte bereits bei Oskar Billek im Krankenzimmer. Noch in der Nacht nach Rikes Enthüllung hatte sie so lange in den Hinterlassenschaften ihrer Mutter gewühlt, bis sie gegen zwei Uhr morgens vier Fotoalben und die Tagebücher gefunden hatte. Die nächste Stunde hatte sie an ihrem Schreibtisch verbracht und die Eintragungen ihrer Mutter aus dem Frühjahr 1945 überflogen. Gegen drei Uhr markierte sie einige Seiten mit rot-weißen Klebestreifen. Dann goss sie sich ein Glas Cognac ein, zündete eine Zigarette an, dachte konzentriert nach und entwickelte einen Plan.

Lotte war ganz klar eine Frau der Tat; wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, trödelte sie nicht herum, sondern erledigte alles, was damit zusammenhing, schnell und ohne unnötiges Hin oder Her. An diesem Morgen war es nicht anders gewesen.

Als Aushilfe und um private Termine wie Friseur- und Arztbesuche wahrnehmen zu können, hatte sie einen nicht mehr ganz jungen und ziemlich mittellosen Balletttänzer, Norberto, auf Stundenbasis eingestellt. Noch im Nachthemd, die Tasse mit brühheißem Kaffee in der Hand, rief sie ihn an und bestellte ihn für den Nachmittag in die Weinhandlung.

Dann öffnete sie ihren Kleiderschrank und wählte ein besonders vorteilhaftes, besonders eng anliegendes, besonders tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid, schlüpfte in hochhackige Sandalen in Pink, legte eine geräumige Tasche in demselben Pink bereit, schminkte sich sorgfältig, um den fehlenden Schlaf zu kaschieren, und frisierte ihre Haare so, dass sie locker um ihre Schultern schwangen. Dann steckte sie ein Album und ein Tagebuch in die Tasche und war bereits an der Tür, als sie Rikes Anruf erreichte: »Heiner hat eine Freundin!« Das hatte jedoch keine Auswirkungen auf ihren Plan.

So stand sie nun also gegen fünf Uhr an seinem Bett, reichte ihm mit strahlendem Lächeln die Hand, legte ihm einen trockenen Merlot aus Bad Cannstatt – im Barrique gereift – und einen Strauß gelber Rosen auf die Bettdecke und registrierte zufrieden sein Entzücken.

»Wie schade, dass ich Ihnen nichts anbieten kann«, sagte er mit aufrichtigem Bedauern. »Aber nehmen Sie doch bitte diesen Stuhl und setzen Sie sich hier an meine Seite, Frau …?«

»Velthaus«, sagte Lotte und fügte ohne Umschweife hinzu: »Geborene Weymoden. Ich habe von Rike erfahren, dass Sie meiner Mutter begegnet sind.«

»In der Tat habe ich gegen Kriegsende eine Frau Weymoden kennengelernt«, erwiderte Billek vorsichtig. »Das war tatsächlich Ihre Mutter?«

Lotte hob die Schultern. »Ich vermute, ja.«

Sie deutete auf den Merlot und erzählte ihm zunächst von ihrer Weinhandlung und lud ihn ein, sie am Tag seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu besuchen. »Ich bin sicher, Rike wird auch kommen«, versicherte Lotte fröhlich. »Dann wird gefeiert! Ich habe gehört, dass Sie Witwer sind.«

»Sie sind nicht verheiratet?«, fragte Billek vorsichtig.

»Schon lange nicht mehr. Ich habe meinen Mann nach fünf drei viertel Jahren Ehe verlassen und lebe seither allein. Sehr gerne allein«, setzte sie lachend hinzu. »Mir bekommt die Ehe nicht, wissen Sie.«

Billek zog die Augenbrauen hoch. »Das verstehe ich nicht.«

»Mein Mann wollte ein Aquarium, ein Haus, zwei Kinder. In dieser Reihenfolge.«

Lotte wunderte sich über sich selbst. So vertrauensselig war sie schon lange nicht mehr gewesen; jetzt erzählte sie diesem Fremden bereits nach wenigen Minuten ein Kapitel aus ihrem Leben, über das sie sich sonst nach Möglichkeit ausschwieg. »Vor allem aber wollte mein Mann seine Ruhe. Nachdem wir das Aquarium gekauft und das Haus gebaut hatten, verließ ich ihn. Mir ging die Ruhe, nein, der Stillstand, auf die Nerven. Ich bin der Ansicht«, setzte sie hinzu, »Ruhe kann lästiger sein als Lärm. Meine Mutter zum Beispiel fand Altersheime, eingebettet in gepflegte Parks, einfach unwürdig.«