Der Mitreiser und die Überfliegerin - Mira Valentin - E-Book

Der Mitreiser und die Überfliegerin E-Book

Mira Valentin

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Beschreibung

Ist es Magie? Oder einfach nur das Leben? Die Welt des 18-jährigen Milan gerät aus den Fugen, als seine Sandkastenfreundin Jo bei einem Kletterunfall ums Leben kommt. Doch dann fliegt ihm plötzlich ein weißer Wellensittich zu, der ihn ganz bewusst zum Zirkus Salto lockt. Dort lernt Milan die schöne, aber womöglich verrückte Trapezkünstlerin Julie kennen. Angezogen von ihrer sonderbaren Theorie über magische Menschen und Seelentiere reist Milan mit dem Zirkus und lernt: Es erfordert eine Menge Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Oder Magie – ganz wie man es nimmt.

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Seitenzahl: 366

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Table of Contents

Title Page

Impressum

Widmung

Julie's Song

Prolog

Vogel

Gewissheit

Ankunft

Gespenster

Vertreter

Gaben

Flucht

Tarzan

Ti-ger-quä-ler

Pferde

Rampenlicht

Entscheidungen

Angst

Panik

Absturz

Weiter

Über die Autorin

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Mira Valentin

 

 

Der Mitreiser und die Überfliegerin

 

 

 

 

www.mira-valentin.de

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Inhaltswarnung:

Personen, die an Depression leiden, suizidale oder selbstverletzende Gedanken haben, könnte beim Lesen dieses Buches aufwühlende Szenen und Beschreibungen finden.

 

Dies ist eine fiktive Erzählung. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

© 2017 Mira Valentin

Amselweg 5

35232 Dautphetal

Lektorat und Korrektorat: Katharina Areti Dargel

Cover: Rica Aitzetmüller

Illustration: Anne Hartwig

 

Für alle, die sich da draußen verloren fühlen.

Ihr seid nicht schuld.

Ihr seid magisch.

 

 

 

Sei leise.

Sei professionell.

Passe dich an.

Übertreibe nicht.

Sei nicht peinlich.

Hab die richtigen Hobbies.

Und die richtigen Klamotten.

Schwimm mit dem Strom.

 

Und wann lebst du?

Wann liebst du?

Wann hört man deinen Frühlingsschrei durch die Wälder klingen?

Wann beginnst du mit den Lerchen zu singen?

Wann wagst du den Sprung ins kalte Wasser?

Wann wirst du lauter und bunter und krasser?

Wann, wann, wann, wenn nicht jetzt?

 

Pass auf! Sie kommen und sie holen dich.

Sie lachen und reiben die Hände sich.

Sie rupfen deine Federn und klauen dein Gold.

Sie stehlen deine Magie, denn das ist ihr Sold.

 

Sie machen dich erfolgreich.

Wie alle. Aus einem Guss.

Verpassen dir den Todesstoß

Und werfen dich zurück in den Fluss.

 

Wo du für immer mit dem Strom schwimmen wirst.

Lauf!

 

(Julie Montalbano)

 

Prolog

Jo starb an ihrem siebzehnten Geburtstag. Es war der 13. April und ein Freitag. Aber damit hatte ihr Tod nichts zu tun. In Wahrheit lag es daran, dass Milan nicht den Mut aufbrachte, sie zu küssen. Auch wenn die Erwachsenen später behaupteten, es sei ganz anders gewesen.

Alles begann damit, dass die beiden am Nachmittag aufeinandertrafen. Milan saß in der Gabelung einer Weide und bereitete sich ebenfalls auf seinen Geburtstag vor, denn auch er wurde heute siebzehn. Sie waren exakt gleich alt.

»Nur Affen und Freaks hängen in ihrer Freizeit auf Bäumen herum«, spottete Jo, während sie ihre Finger in die knorrige Rinde des Stammes grub und sich hochzog.

»Wer darf der Affe sein?«, fragte Milan grinsend. Er freute sich darüber, dass Jo ihn gefunden hatte. Einsame Geburtstage waren schlechte Geburtstage. Der Junge saß mitten in einem riesigen Herz aus Holz. Denn direkt über seinem Kopf fanden die beiden Ausläufer der Gabelung wieder zusammen. »Herzbaum« hatten sie die Weide deshalb früher genannt, aber mittlerweile vermieden sie den Ausdruck. Er warf zu viele Fragen auf.

»Du siehst aus wie der Wassermann aus dem Sandmännchen«, stichelte Milan, als Jo ebenfalls die Herzmitte erreichte.

Schwer atmend ließ sie sich neben ihn plumpsen und verpasste ihm einen Hieb auf den Oberarm. »Du guckst das Sandmännchen?«

Sie lachten beide. Jos Lachen war ansteckend. Das war es immer gewesen. Die grünen Haare verstärkten ihre Ausstrahlung noch mehr, fand Milan. Er hatte sie mit allen möglichen Haarfarben gesehen, schwarz, rot, blau, gescheckt. Doch grün mochte er am liebsten. Jo wusste das.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte sie leise, wobei sie ihn mit ihren Glitzeraugen musterte. Ihre Wimpern waren lang und dicht, vielleicht etwas verklebt von all der schwarzen Schminke, aber dennoch anziehend. Atemberaubend war wohl eher das richtige Wort. Milan schluckte. Er riss seinen Blick von ihr los und starrte über die Schlossmauer hinweg in die Ferne. »Das wünsche ich dir auch.« Seine Stimme klang heiser.

Jo legte einen Arm um ihn. Aber auch ihre Bewegungen waren steif. Er hätte gern gewusst, warum das so war. Hatte sie die gleiche Angst wie er, etwas kaputt zu machen? Oder widerstrebte es ihr einfach, ihn anzufassen? Sie beide waren hundertprozentig die besten Freunde. Aber ob sie auch mehr sein konnten, wusste er nicht. Was, wenn es nicht funktionierte? Milan hatte so viel Angst davor, Jo zu verlieren, dass er darauf verzichtete, einen Versuch zu wagen. Ein Leben ohne Jo – das wäre, wie Arme und Beine gleichzeitig zu verlieren. Und den Kopf noch dazu. Nein, es wäre wie sterben. Seine Brust krampfte sich bereits bei dem Gedanken daran schmerzhaft zusammen. Er schüttelte sich, um das erdrückende Gefühl loszuwerden.

Jo verstand die Bewegung falsch und ließ ihn los. »Also«, stieß sie etwas unsicher hervor und strich sich die grünen Strähnen aus den Augen. »Wo steigt deine Geburtstagsparty?«

Er versuchte sich an einem Lächeln. »Ich dachte, dieser Baum sei der perfekte Platz, um meine Kerzen auszupusten. Und wo steigt deine?«

Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Ich hatte in etwa dieselbe Idee.«

Also hatten ihre Punkerfreunde sie wohl vergessen. Milan war das nur recht. Er feierte seinen Geburtstag nicht mehr, seit die Kinderpartys zu Saufgelagen verkommen waren. Außerdem gab es nicht viele Gäste, die er gerne eingeladen hätte – mit Ausnahme von Jo natürlich. Ein angenehmes Prickeln machte sich in seinem Bauch breit und er musste sich eingestehen, dass es Freude war. Dafür schämte er sich, denn Jo hätte eine ausgiebige Punkparty mit viel Toten Hosen, Wodka und Nietenarmbändern wahrscheinlich der Baumsitzerei mit ihm vorgezogen. Ihm hingegen hätte heute nichts Besseres passieren können. Er streckte die Beine aus und lehnte sich ein Stück zur Seite, um an den Inhalt seiner Jackentasche heranzukommen. Dann zog er lächelnd zwei Kerzen daraus hervor und hielt sie Jo vor die Nase. »Eine für dich, eine für mich!«

Sie grinste und griff als Antwort in ihre Umhängetasche. Hervor kam – wie sollte es anders sein – eine volle Flasche Wodka. »Eine für dich und mich zusammen.«

Schicksalsergeben zog Milan eine Augenbraue hoch und nickte den Plan ab, wie er es immer tat. Jo hatte die verrückten Ideen, er spielte mit. So war das schon gewesen, als sie sich an ihrem achten Geburtstag kennengelernt hatten. Und nächstes Jahr, wenn sie beide volljährig würden, würde es immer noch so sein. Er hoffte, dann wieder im Herzbaum mit ihr aufeinanderzutreffen und nicht in irgendeinem Partyzelt. Feierlich zündete er die Kerzen an und klebte sie mit ihrem eigenen Wachs in die Äste über ihnen.

Die folgenden drei Stunden verbrachten sie damit, in der Weide zu sitzen und sich zu betrinken. Sie redeten über Leute aus dem Dorf, über Schulkameraden und Kurt Cobain. Jo drehte sich einen Joint und Milan zog zweimal daran, um ihr nicht die Lust an ihrem Geburtstag zu verderben. Irgendwann waren die Kerzen heruntergebrannt und die Sonne näherte sich dem Horizont. Von ihrer Wohnungstür aus schrie Jos Mutter nach ihrer Tochter, aber sie bekam keine Antwort. Das Schlossareal von Falkenstein, auf dem sie beide lebten, war eine Welt für sich. Aus undefinierbaren Gründen zogen nur Menschen hierher, deren Leben an einem gewissen Punkt gescheitert war. Alleinerziehende, Geschiedene, Insolvenzler, brotlose Künstler. Hinter dem Fachwerkschloss selbst, das ziemlich unbekannt war und nur wenige Touristen anzog, gab es ein ehemaliges Stallgebäude und ein altes Gesindehaus, durch eine kleine Mauer voneinander getrennt. Jo wohnte mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Gesindehaus, Milan mit seiner Mutter im Stallgebäude. Die Wohnungen waren alt und billig. Im Winter war es so kalt, dass man sich den ganzen Tag über in Daunendecken einwickeln musste, obwohl die Kohleöfen auf Vollgas brannten. Ganze Familien schliefen zusammen im Bett, um sich gegenseitig warmzuhalten. Aber im Sommer gab es keinen schöneren Ort auf der Welt. Trat man vorne durch das bemooste Steintor des Schlossareals, so fiel etwas von einem ab. Es war, als ließe man all den Schmutz und Dreck der Welt dort draußen hinter sich und wurde reingewaschen von einem unsichtbaren lauwarmen Regenschauer. Auf einmal war man kein Freak mehr, sondern ein strahlendes Lichtwesen voller pulsierender Energie. Leider schwand das Gefühl bereits beim ersten Schritt hinaus, hatte Milan festgestellt.

»Woran denkst du?«, klinkte Jo sich in seine Gedanken ein.

»An das hier«, antwortete er, wobei er eine ausschweifende Geste über alles machte, was auf ihrer Seite der Schlossmauer lag.

»An unsere Käseglocke«, sagte Jo und nahm einen großen Schluck Wodka.

Milan lächelte. Es war nie nötig, ihr irgendetwas zu erklären, denn sie wusste genau, was er meinte. Vielleicht lag es daran, dass sie am selben Tag geboren worden waren. Aber womöglich war es auch mehr als das. Sie kannten sich eben in- und auswendig.

»Wenn ich hier drin bin, bin ich ganz ruhig«, sagte Jo. »Aber draußen pocht mein Herz immer wie verrückt. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich das Schloss verlassen muss.«

Milan fühlte dasselbe. »Vielleicht müssen wir das nicht.«

Sie sah ihn ernst an, ohne das Funkeln in ihren Augen. Aber das lag sicher am Alkohol. »Wir müssen«, stellte sie dann fest, nahm noch einen Schluck aus der Flasche und starrte ins Abendrot. »Selbst ich werde irgendwann mit der Schule fertig sein. Und du hast es sogar verpasst, oft genug sitzenzubleiben, um die Sache hinauszuzögern. Nächstes Jahr um diese Zeit hängst du schon an Unis rum und suchst dir ein WG-Zimmer.«

Er wollte darauf antworten, dass ihn das nicht davon abhalten würde, jede mögliche freie Sekunde mit ihr zusammen im Herzbaum zu sitzen, war aber nicht betrunken genug, um ein solches Gespräch zu wagen. Eine Bewegung unten auf der Straße, die an den Schlossberg angrenzte, lenkte sie beide ab.

»Was ist das denn?«, fragte Jo und kniff die Augen zusammen. Sie war kurzsichtig, weigerte sich aber seit Jahren hartnäckig, eine Brille zu tragen.

»Sieht wie ein Konvoi aus«, kommentierte Milan. Ein Wohnwagen nach dem anderen schlängelte sich die schmale Straße entlang, um dann direkt auf der Wiese unter ihnen Halt zu machen. Den Wohnwagen folgte eine Reihe von heruntergekommenen Lastwagen, aus denen jede Menge Tiergeräusche zu hören waren. Die Aufschrift darauf machte ihnen endgültig klar, womit sie es hier zu tun hatten.

»Ein Zirkus!«, rief Jo erfreut und klatschte in die Hände. Dabei entglitt die fast leere Wodka-Flasche ihren Fingern, doch Milan fing sie auf.

»Willkommen im Reich der Magie!«, las er die bunte Schnörkelschrift auf den Lastwagen vor, »Zirkus Salto verzaubert dich.«

Jo stieß ein glucksendes Lachen aus. »Das ist doch mal was!« Mittlerweile lallte sie leicht. »Ein Zirkus in Falkenstein. Ich glaub, das gab’s noch nie.«

Auch Milan konnte sich nicht erinnern, dass jemals eine Artistentruppe in ihrem kleinen Örtchen Halt gemacht hätte. Dafür gab es in der Gegend viel zu viele größere Gemeinden und Städtchen mit mehr Publikum. Wahrscheinlich war dieser Zirkus Salto so unbekannt – oder so schlecht –, dass er sich keinen anderen Stellplatz leisten konnte. Sie beobachteten, wie die einzelnen Fahrzeuge sich im Kreis auf der Wiese gruppierten. Dann stiegen Menschen aus und fingen an, zielstrebig herumzuwuseln. Die ganze Aktion schien einigermaßen hektisch, aber dennoch routiniert vonstatten zu gehen.

»Wieso kommen die hier abends kurz vor Sonnenuntergang an?«, wunderte sich Milan.

»Ist doch egal«, sagte Jo. »Ich finde sie faszinierend! Stell dir vor, wir könnten unsere Käseglocke einfach mitnehmen. Egal wo das Leben uns hin verschlagen würde, wir hätten unsere Heimat stets dabei. Für immer in Sicherheit ...«

Sie hatte einen träumerischen Zug um den Mundwinkel, als sie das sagte. Und ihre Augen glitzerten wieder, türkisblau wie das Meer. Dann streckte sie plötzlich den Zeigefinger aus und deutete auf eine der mittlerweile ziemlich undeutlich erkennbaren Silhouetten dort unten. »Was macht dieser Typ da nur?«

Milan war nicht kurzsichtig, doch auch er musste seine Augen anstrengen, um zu sehen, was Jo meinte. Als er es dann erkannte, runzelte er die Stirn. »Ich würde sagen, es ist eine Frau. Eine alte Frau. Sie läuft im Kreis um die Wohnwagen und betet. Oder so was Ähnliches.«

»Sie betet?« Jo setzte ein ungläubiges Gesicht auf.

»Na ja, vielleicht ...« Er sah genauer hin. »Vielleicht beschwört sie auch irgendwas. Sieht komisch aus. Sie fuchtelt mit den Armen herum und wiegt sich im Kreis. Das ist ganz schön abgefahren.«

»Nein, das ist Magie!«, jubilierte Jo und sprang auf. Der Ast, auf dem sie nun stand, geriet von der heftigen Bewegung ins Schwanken. Sie strauchelte. Doch bevor sie aus dem Gleichgewicht geraten konnte, war Milan bei ihr und umklammerte sie mit beiden Armen. Die Wodka-Flasche machte endgültig einen Abgang nach unten und zerschellte auf einem Stein.

»Um ein Haar wärst du ...«

Schon lange waren sie sich nicht mehr so nahegekommen, wie in diesem Moment. Küss sie einfach, schrie eine innere Stimme in Milans Kopf. Jo sah ihm jetzt direkt in die Augen. Er fühlte den Druck ihrer Fingerspitzen auf seinem Rücken. Sein Mund näherte sich ihrem ganz von selbst. Dann fiel ihm auf, wie ernst der Ausdruck in ihrem Gesicht war. Sie wird dir eine Ohrfeige geben und abhauen! Das durfte auf keinen Fall passieren. Himmel, was hatte er sich nur dabei gedacht! Schnell ließ er sie los und brachte eine Armlänge Abstand zwischen sie. Jos Stirn runzelte sich beunruhigend heftig. Aber woher ihr Missfallen rührte, verriet sie nicht. Einfach, um irgendetwas zu sagen, machte Milan den Vorschlag, sich den Zirkus genauer anzusehen.

»Von mir aus«, murmelte Jo, nur halbherzig interessiert. Und das, obwohl sie gerade noch so fasziniert von den Artisten und ihrem Hokuspokus gewesen war. Behänder, als er es ihr zugetraut hätte, drehte sie sich um und kletterte an der Weide hinab. Milan tat es ihr gleich. Dabei hatte er das Gefühl, mit einem eiskalten Waschlappen verprügelt worden zu sein. Mit den Händen in den Hosentaschen lief er Jo hinterher, die dem Verlauf der Schlossmauer folgte. Sie schwankte jetzt kein bisschen mehr. Sein plumper Versuch, sie zu küssen, schien sie völlig ernüchtert zu haben. Aber Milan kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Denn auf einmal blieb sie stehen, beugte sich über die Schlossmauer und sah hinunter. »Hier war es doch, oder?«, fragte sie.

»Hier war ... äh, was?«

»Na, an dieser Stelle sind wir letztes Jahr runtergeklettert, oder?«

»Ja. Das müsste hier gewesen sein.«

Milan war nicht ganz bei der Sache. Erst als Jo ein Bein über die Mauer schwang, kam er wieder zu sich. Er hatte ihr Handgelenk gepackt, ehe er darüber nachdenken konnte, ob es klug war, sie gerade jetzt wieder anzufassen.

Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und streifte ihn ab wie ein lästiges Insekt. »Uuuh, wenn Gefahr im Raum steht, wächst der große Milan über sich hinaus«, sagte sie spöttisch, aber es schwang ein Hauch von Frustration in ihrer Stimme mit.

»Tu das nicht!«, rutschte ihm heraus. Er wusste genau, wie sinnlos es war, Jo von etwas abzuhalten, das sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Mit Belehrungen gelang das schon gar nicht. Aber anders wusste er sich nicht zu helfen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn in eine solche Situation brachte.

»Wir haben es letztes Jahr getan. Also was spricht dagegen, die kleine Klettertour zu wiederholen?«

Alles, wollte Milan sie anschreien. Es ist dunkel, du bist betrunken und wir haben keine Gurte und kein Seil, um uns zu sichern!

»Nichts. Außer, dass zehn Meter weiter ein wunderbar einfacher Weg nach unten führt.«

Jos Augen blitzten. Sie schwang auch das zweite Bein über die Mauer. »Dann nimm doch den!«, sagte sie provozierend, drehte sich um und begann mit dem Abstieg.

Die Schlossmauer war bestimmt zwanzig Meter hoch und mündete unten direkt auf die Wiese, wo der Zirkus stand. Sie bestand aus gelbem Sandstein, der an vielen Stellen ausgebrochen und mit Gestrüpp überwuchert war. Das machte das Klettern auf der einen Seite leicht, denn man fand überall Halt. Auf der anderen Seite wusste man nie, welche Steine lose genug waren, um darauf abzurutschen. Als sie letztes Jahr hinabgestiegen waren, hatten sie ihre Sicherheitsgurte nicht gebraucht. Doch wer sagte ihnen, dass es heute wieder so sein würde?

Ohne weiter darüber nachzudenken, kletterte Milan seiner Freundin hinterher. Er wählte einen Weg zwei Meter weiter rechts, um keine Steine auf sie hinabrieseln zu lassen – und weil dadurch die Möglichkeit bestand, sie zu überholen und im schlimmsten Fall vielleicht aufzufangen. Eigentlich kletterte Jo besser als er. Aber heute waren ihre Bewegungen langsamer als sonst. Unkoordinierter. Er schlug sich an einem spitzen Stein ein Knie blutig, griff mit den Fingern in Dornen, merkte aber nichts davon. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem grünen Haarschopf unter ihm, dem er Meter um Meter näherkam. Sie befanden sich jetzt fast auf halber Höhe der Mauer. Milan sah hinunter und spürte einen Anflug von Schwindel aufkommen.

»Warte auf mich!«, bat er.

Jo hielt kurz inne und sah zu ihm hoch. In ihren Augen stand so etwas wie Belustigung. »Hast du Angst?«

»Ja«, keuchte Milan. »Ja, ich habe Angst, stell dir vor!«

»Um mich oder um dich?«

Solange sie redete, hielt sie inne, und nur das war jetzt wichtig. Er arbeitete sich einen weiteren Meter auf sie zu.

»Um uns beide. Aber eigentlich mehr um dich.«

»So?« Eine ihrer Augenbrauen tanzte nach oben. »Was würdest du tun, wenn ich das hier mache?« Sie nahm eine Hand von der Wand und winkte in Richtung des Zirkus. »Oder das?« Die zweite Hand. Jetzt stand sie nur noch auf einem schmalen Steinabsatz.

»Jo, bitte! Bitte hör damit auf!« Milans Herz begann zu rasen. Er trat mit dem Fuß einen Mauerbrocken aus der Wand, verlor kurz den Halt und rutschte mit dem Schienbein an den Steinen entlang. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, aber er war nichts gegen den Aufruhr, der in seiner Brust tobte. Zentimeter für Zentimeter kämpfte er sich weiter nach unten.

»Nun sag schon«, stichelte sie. »Was würdest du tun, um mich davon abzuhalten?« Dabei ruderte sie mit den Armen. Unter ihren Füßen bröckelten die Steine.

Er hatte keine Ahnung, was er darauf sagen sollte. Denn es gab einfach gar nichts, das er dagegen tun konnte. Jo machte, was sie wollte. Regeln und Grenzen hatte sie schon immer gehasst.

»Bitte, Jo ... Was willst du denn, dass ich tue?«, keuchte er.

»Komm her und küss mich!«

Das Adrenalin, das schon die ganze Zeit durch Milans Adern rauschte, schien sein Gehirn zu vernebeln. Hatte sie das wirklich gesagt? Ein Blick in ihre Augen bestätigte es ihm. Sie glänzten herausfordernd, beinahe hungrig. Gerade fegte ein lauer Windstoß durch ihre Haare, der letzte Schein des Abendlichts zauberte geheimnisvolle Schatten auf ihr Gesicht. Sie sah so verwegen, so unglaublich anziehend aus. Milan lächelte.

»Ich komme«, sagte er.

In dem Moment gab der Steinabsatz nach und Jo stürzte in die Tiefe.

Ein Jahr später

 

 

Vogel

Das Gefühl kam nicht wieder. Das Schlosstor war entzaubert. Die pulsierende Energie, der unsichtbare Regenschauer, die Käseglocke. Alles verloren, abgestürzt, tot. Keine Lichtwesen mehr, nur noch Überlebende, innerhalb des Schlossareals und außerhalb. Grau wabernde Nebelmasse. Das war alles, was Milan noch wahrnahm. Ohne Jo zu leben, müsse sich anfühlen wie selbst zu sterben, hatte er damals gedacht. Es war schlimmer. Jeder Gedanke an sie zerfetzte ihn in tausend Stücke, setzte ihn wieder zusammen und riss ihn erneut entzwei. Es hörte einfach nicht auf.

Was der Psychologe wohl sagen würde? Er war nicht der erste seiner Art, der es mit ihm aufnehmen wollte. Milan kannte die Fragen in- und auswendig, die diese Leute stellten.

»Was fühlst du, Junge?«

»Grau wabernde Nebelmasse. Zerbrochene Käseglocke.«

Vielleicht hielt er besser den Mund. Er wollte nicht wieder eingesperrt und festgebunden werden. Auch keine Tabletten mehr. Es sei an der Zeit, Jos Tod zu verarbeiten, hatte seine Mutter gesagt. Aber gemeint hatte sie: Zeit, um sie zu vergessen. Zeit, um endlich das Schuljahr zu wiederholen, an die Zukunft zu denken, erwachsen zu werden. Das war es, was alle von ihm wollten. Neu anfangen. Nicht mehr täglich auf dem Friedhof herumsitzen. Die zerzausten schwarzen Haare abschneiden und wieder blond färben. Über Witze lachen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Er hatte nicht die geringste Lust, den Psychologen zu treffen. Lieber wollte er zurück zu Jos Grab gehen und ihr noch ein Lied vorspielen. Milans Finger wanderten über die Musikbox in seiner Jackentasche. Ob er besser verschweigen sollte, dass sie weiterhin zusammen Linkin Park hörten? Für solche Einfälle kam man in die Klapse, oder? Und da musste er so schnell nicht wieder hin.

Er dachte immer noch darüber nach, auf dem Absatz kehrtzumachen und zurück auf den Friedhof zu gehen, als seine Beine plötzlich wie von selbst ihren Dienst verweigerten. Ruckartig blieb er stehen und starrte auf den weißen Wellensittich, der fast auf Augenhöhe mit ihm auf einem tiefhängenden Zweig am Wegrand saß. Er zwitscherte nicht, flüchtete nicht, sondern hockte regungslos da und fixierte Milan mit seinen schwarzen Knopfaugen.

»Na, Vogel«, murmelte er. »Abgehauen? Hast du gut gemacht.«

Er machte einen Schritt auf ihn zu, aber der Vogel wich nicht zurück. Im Gegenteil – er starrte ihn so provozierend an, dass es fast schon einer Herausforderung gleichkam. Das Tier war irgendwie seltsam. Aber Milan dachte nicht weiter darüber nach. Er wusste nur eines: Dieses kleine Federknäuel war kein Teil der grau wabernden Nebelmasse. Es war weiß. Wie Schnee. Wie die Unschuld. Wie ...

»Wie Jo.«

Er streckte den Finger nach ihm aus und der Wellensittich stieg ohne zu zögern darauf, trippelte Schritt für Schritt an Milans Arm nach oben und nahm schließlich auf seiner Schulter Platz. Mit einem Mal war es wieder da, das Gefühl. Es kam einfach so zurück, wie die Blüten am Apfelbaum nach einem langen Winter. Plötzlich öffneten sich ohne erkennbaren Grund die Knospen und der Frühling war da. Zum ersten Mal seit einem Jahr fühlte es sich so an, als könne man im Schlossareal wieder frei durchatmen.

Milan schielte zu dem Vogel auf seiner Schulter hinüber und betrachtete ihn genauer. Es war ein ganz normaler Wellensittich, nur eben nicht bunt, wie die meisten seiner Artgenossen, sondern schneeweiß. Er war garantiert aus irgendeinem engen Käfig entflohen. Aber warum brachte er diese unglaublich helle, positive Stimmung über ihn? Ein ganzer Schrank voller Psychopharmaka hatte das im letzten Jahr nicht geschafft.

Nachdenklich, aber immer noch seltsam befreit, marschierte er über das holperige Kopfsteinpflaster am Schloss vorbei in Richtung seines Hauses. In der Einfahrt parkte ein schwarzer Mercedes, wahrscheinlich der Wagen des Psychologen. Bei dem Anblick bohrten sich die Krallen des Vogels in seine Schulter, wesentlich heftiger, als er das von einem Wellensittich erwartet hätte.

Milan unterdrückte einen Schmerzenslaut und blieb stehen. »Was denn? Das ist nur ein Arzt. Kein Vogelfänger.«

Als Antwort hackte ein spitzer Schnabel nach seinem Ohrläppchen. Milan zuckte zurück. »Autsch, spinnst du?«

Auf seiner Schulter wurde es plötzlich hektisch. Aufgeregt, beinahe hysterisch, flitzte der Vogel hin und her. Milan widerstand dem Impuls, nach ihm zu schlagen. Um nichts in der Welt wollte er riskieren, dass er davonflog und das Gefühl wieder mitnahm. Er brauchte es so dringend. Jetzt, da es wieder da war, wurde ihm erst bewusst, wie sehr er es vermisst hatte.

»Halt still, wir gehen jetzt da rein. Du kannst so lange in meinem Zimmer herumfliegen, aber bleib da, okay?«

Er griff nach dem Wellensittich, war jedoch nicht schnell genug. Der Vogel breitete seine kleinen weißen Flügel aus und flog weg. Mit ihm zog das Gefühl davon. Die Käseglocke zerbarst. Der lauwarme Regenschauer gefror zu Eis.

»Nein!«, flüsterte Milan und drehte sich nach allen Seiten um. »Wo bist du? Komm zurück!«

Da sah er ihn. Er saß jetzt auf der Mauer, die das Stallgebäude vom Gesindehaus trennte. Aber er drehte sich bereits um und nahm Abflugposition in Richtung des Hügels ein, der sich in der Mitte des Schlossareals auftat. Dort oben gab es zwischen einer Menge undurchdringbaren Gestrüpps, ein paar alten Grabsteinen und verwitterten Steinskulpturen eine kleine Höhle, deren ursprünglicher Zweck sich ihm nie erschlossen hatte. Milan war seit einem Jahr nicht mehr dort oben gewesen, denn neben dem Herzbaum war die Höhle der häufigste Ort gewesen, an dem er sich mit Jo getroffen hatte. Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als der Vogel genau in diese Richtung davonflog.

»Verdammt!«

Er entschuldigte sich innerlich bei dem Psychologen, den sicher keine Schuld daran traf, dass sein verrückter Patient einen unsagbaren Drang verspürte, lieber einem Vogel hinterherzurennen, als die Sitzungen mit ihm aufzunehmen. Dann rannte er zum Hügel und kämpfte sich durch das Dornengestrüpp nach oben.

Der Vogel wartete an der Höhle auf ihn. Ja, er wartete. Eine andere Erklärung als diese gab es nicht. Er saß nicht etwa auf einem Zweig, wie es sich gehörte, sondern thronte auf dem steinigen Boden direkt im Eingang. Sobald er Milan erkannte, tschilpte er. Es war ein rührender Laut, fast wie ein Freundschaftsangebot. Milan atmete einmal tief durch. Dann setzte er sich und begann, von Jo zu erzählen. Der Vogel legte den Kopf schief und lauschte.

 

***

 

»Wo hast du gesteckt? Der Psychologe ist vor einer Stunde wieder gefahren«, sagte Milans Mutter vorwurfsvoll. »Und was ist das für ein Vogel?«

Im Gegensatz zu vorhin hatte der Wellensittich sich diesmal ganz ohne Gegenwehr mit ins Haus nehmen lassen. Er saß friedlich auf Milans Schulter, ohne seine Krallen oder seinen Schnabel in Einsatz zu bringen.

Seine Mutter stand in der Küche und rührte in einem Topf herum. Dabei musterte sie ihn gleichzeitig vorwurfsvoll und mitleidig. Man konnte erkennen, dass sie wieder geweint hatte. Auch wenn seine Mutter sicher ebenfalls um Jo trauerte, so ahnte er doch, dass sie sie gleichzeitig hasste für ihren Tod. Hätte Jo niemals beschlossen, in der Abenddämmerung betrunken an einer zwanzig Meter hohen Mauer hinabzuklettern, so wäre Milan jetzt ein lebenslustiger Student und kein depressiver Schulversager. Das war die Meinung seiner Mutter. Milan selbst sah es etwas anders.

»Tut mir leid, dass ich nicht gekommen bin«, brachte er als Entschuldigung hervor. »Ich fühle mich irgendwie austherapiert.«

Seine Mutter legte den Kochlöffel beiseite und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Dann ließ sie sich schwerfällig auf einen Stuhl am Esstisch plumpsen. »Wie lange soll das so weitergehen?«, fragte sie leise.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Milan. Für immer. Für ewig. Bis wir uns wiedersehen.

»Was mit Johanna passiert ist, war ein furchtbarer, tragischer Unfall. Aber du bist nicht gestorben, Milan. Du musst damit anfangen, wieder zu leben. Richtig zu leben.«

Ich habe niemals gelebt. Nur dann, wenn sie in meiner Nähe war. Und jetzt ist sie fort.

»Gib mir noch etwas Zeit. Ich schaff das schon.«

Seine Mutter seufzte, dann fiel ihr wieder der Wellensittich ein, der immer noch reglos auf Milans Schulter hockte.

»Wo hast du den her?«, wollte sie wissen.

»Ich habe ihn vorhin am Schlosseingang gefunden. Oder er mich, wie man’s nimmt.«

In kurzen Worten berichtete er ihr, wie »Vogel« bereitwillig auf seinen ausgestreckten Finger gestiegen war, verschwieg aber den Teil mit dem Wagen des Psychologen.

»Wenn er dir gut tut, behalte ihn«, sagte seine Mutter. »Ich kauf dir morgen einen Käfig. Aber sieh zu, dass dein Teppichboden solange sauber bleibt.«

Er spürte ihre Blicke in seinem Nacken, als er die Küche verließ, um nach oben in sein Zimmer zu gehen. Er war schon auf der Treppe, da kam sie ihm hinterher.

»Du weißt schon, dass es nur ein Vogel ist, oder?« Ihre Stimme klang unsicher.

Milan nickte.

Nur ein Vogel.

Im Laufe des restlichen Tages kamen ihm Zweifel. Vogel benahm sich, als sei er eben genau das nicht. Er setzte sich auf die Stange am Kopfende seines Bettes, wenn Milan zu lesen versuchte. Und solange er dort saß, funktionierte es auch. Auf einmal konnte Milan sich wieder auf die Geschichte konzentrieren. In letzter Zeit war er dabei in Gedanken bei Jo gewesen, während seine Augen eine inhaltslose Aneinanderreihung von Buchstaben abgrasten. Heute ging es plötzlich.

Dann pickte Vogel an einem Fotoalbum von früher herum. Milan nahm es heraus, obwohl er genau wusste, wie randvoll es mit Bildern von Jo war. Seit Monaten hatte er ihr Gesicht nicht mehr gesehen. Der Anblick haute ihn dermaßen um, dass er über eine Stunde lang weinend auf seinem Bett lag. Danach fühlte er sich seltsam befreit. Vogel spazierte über die Fernbedienung seines Fernsehers hinweg – ob nun bewusst oder unbewusst – und das Gerät schaltete sich ein.

»Aha, nun gönnst du mir Ruhe«, murmelte Milan. Er sah nicht auf den Bildschirm, sondern betrachtete stattdessen seinen neuen Mitbewohner ganz genau. Aber er konnte nichts entdecken, was auch nur ansatzweise gespenstisch oder wenigstens ungewöhnlich gewesen wäre. Schließlich entschied er, dass er nun endgültig zu spinnen anfing. Wahrscheinlich hätte er den Psychologen dringend nötig gehabt. Welches Geheimnis Vogel auch immer umgab – in dieser Nacht schlief Milan seit langer Zeit wieder tief und fest. Selbst die Albträume ließen ihn ausnahmsweise in Ruhe.

Am nächsten Morgen räumte er alle seine Schulsachen aus seinem Rucksack und steckte stattdessen Vogel hinein, mit einem kleinen Luftloch am Ende des Reißverschlusses. Er wollte nicht riskieren, dass sein neuer Freund ihm abhandenkam, nur weil er sechs unsinnige Stunden in der Schule absaß, wo er ohnehin nicht zuhörte, sondern sich nur in sein inneres Schneckenhaus verkroch. Solange er keinen Käfig für Vogel hatte, würde er ihn nicht allein lassen, hatte er beschlossen.

Er verließ das Schloss wie jeden Morgen, doch anstatt zur Bushaltestelle wandte er sich Richtung Friedhof, um zusammen mit Jo ein paar Lieder zu hören. Kaum war er um die letzte Kurve gebogen, wo das Dorf endete und der Weg sich Richtung Wald weiterschlängelte, blieb er abrupt stehen. Auf der Wiese vor ihm stand derselbe Zirkus wie letztes Jahr. Er musste wieder nachts gekommen sein, denn gestern Abend war noch kein einziger Wohnwagen da gewesen. Innerhalb einer Millisekunde beschleunigte sich Milans Puls auf Höchstgeschwindigkeit. Bilder aus dem letzten Jahr rasten in schrecklichen Fetzen durch seinen Kopf. Er sah Jo fallen, wieder und immer wieder. Sah sich selbst hilflos in der Steilwand hängen, schluchzend, die Finger in die Fugen der Mauer gekrallt. Die Erinnerungen überwältigten ihn wie Faustschläge. Erst als er den Flügelschlag neben seinem Ohr bemerkte, konnte er sie abschütteln. Vogel hatte sich durch das Luftloch im Rucksack befreit und flog davon, genau in die Richtung des Zirkus.

»Komm zurück!«, schrie Milan. Er merkte selbst, wie schrill und hysterisch seine Stimme klang. Doch der Wellensittich beachtete ihn überhaupt nicht. Zielstrebig flog er auf einen der kleineren Wohnwagen zu, schlüpfte durch das gekippte Fenster und war verschwunden.

Milan trat von einem Bein aufs andere. Dieser Zirkus machte ihm Angst. Welche Form von Angst es war, konnte er nicht benennen. Vielleicht verband er die bunten Wohnwagen und die Zaubersprüche einfach viel zu stark mit dem schlimmsten Tag seines Lebens. Vielleicht war da aber noch mehr. Geh einfach weiter!, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Aber dieselbe Stimme hatte ihm auch geraten, Jo nicht zu küssen. Er wollte nie wieder auf sie hören. Entschlossen verließ er den Weg und steuerte auf den Wohnwagen zu, in dem Vogel verschwunden war. Kurz davor blieb er stehen, denn ein gut eineinhalb Meter hoher Zaun aus ineinander verhakten Metallelementen versperrte ihm den Weg. Daran hing ein Schild mit der Aufschrift »Lebensgefahr! Betreten verboten!«. Milan warf seinen leeren Rucksack ins Gras und kletterte hinüber.

Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, da ertönte ein markschütterndes Grollen, ganz in der Nähe. Er fuhr herum. Erst jetzt fiel ihm der riesige Käfig auf, der zwischen ihm und dem Zirkuszelt stand. Das Grollen kam von einem Tiger, der soeben seinen Unterschlupf verlassen hatte und ihn nun aus gelben Raubtieraugen anstarrte. Er öffnete sein Maul, entblößte die gewaltigen Fangzähne und brüllte aus vollem Hals. Innerhalb weniger Sekunden sprangen weitere fünf Raubkatzen aus ihren Behausungen und stimmten in das Gebrüll mit ein.

»Was zum Teufel suchst du hier?«, schrie eine Stimme vom Wohnwagen her.

Milan war vor Schreck wie gelähmt. Er konnte den Blick kaum von den Tigern abwenden, auch wenn sie scheinbar sicher hinter dicken Eisenstangen eingeschlossen waren. Die Naturgewalt, die von ihnen ausging, zwang ihn trotzdem in die Knie. Am ganzen Körper zitternd wandte er sich zu der menschlichen Stimme um, die gerufen hatte. Ein junger Mann, nicht viel älter als er selbst, stampfte gerade aufgebracht und mit großen Schritten auf ihn zu.

»Wieso kletterst du über unseren Zaun?«

Je näher der Zirkusmann kam, desto kleiner wurde er. Als er Milan erreichte, ging er ihm gerade noch bis zum Kinn. Sein Auftreten wirkte mindestens doppelt so groß. »Bekomme ich vielleicht mal eine Antwort, du Einbrecher?«

»Ich wollte ... mein Vogel ... er ist in deinen Wohnwagen geflogen ...«, stotterte Milan.

»Das ist nicht mein Wohnwagen.«

»Na dann eben ... in diesen Wohnwagen.« Er zeigte auf genau das Gefährt, das der kleine Mann gerade verlassen hatte. Und dort, in den Türrahmen gelehnt, stand eine junge Frau mit hüftlangem tiefschwarzem Haar. Sie trug einen türkisfarbenen hautengen Overall, der über und über mit hunderten von glitzernden Strasssteinen geschmückt war. Es war die Farbe von Jos Augen. Und derselbe Glanz. Auf ihrer Schulter saß Vogel und tschilpte. Das Bild verschwamm vor Milans Augen.

»Ach, jetzt heul doch nicht gleich«, sagte der kleine Mann und schlug ihm eine Hand auf den Rücken, die dem Aufprall nach eine wahre Pranke sein musste. »Wir machen hier immer ein bisschen Radau, wenn so etwas geschieht. Sonst brechen hier bald alle Privaten ein.«

»Alle ... was?«

»Egal. Julie, bring mal den Vogel her!«

Er winkte in Richtung der Schwarzhaarigen und sie kam seiner Aufforderung sofort neugierig nach. Milan wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und blinzelte. So konnte er sehen, dass ihre Bewegungen nicht weniger geschmeidig waren als die der Tiger. Es schien, als würden ihre Füße den Boden beim Gehen überhaupt nicht berühren. Sie schwebte vielmehr über die Wiese. Sobald sie ihn erreicht hatte, blieb sie stehen und musterte ihn von oben bis unten. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war erst genau so, wie man ihn von einer Zirkusartistin erwartete: geheimnisvoll, bezaubernd und ein wenig hochnäsig. Aber dann änderte er sich plötzlich grundlegend.

»Ich kenne dich«, sagte sie beinahe erschrocken. »Deine Haare sind anders als letztes Jahr. Aber ich weiß, wer du bist.«

Also hatte sie den Unfall irgendwie mitbekommen. Das war naheliegend, denn die Zirkusleute waren ihnen an diesem Abend am nächsten gewesen. Wahrscheinlich hatten sie sogar die Polizei angerufen. Im Gegensatz zu dem Mädchen konnte Milan sich aber nicht mehr daran erinnern. Das Letzte, was er noch wusste, war der Moment, als er sich in die Mauer gekrallt und darüber nachgedacht hatte, ebenfalls loszulassen. Er schüttelte sich, um den Gedanken zu verdrängen.

»Ich will meinen Vogel zurück«, sagte er, anstatt darauf einzugehen.

»Deinen Vogel?«, sagte das Mädchen, nun wieder fast spöttisch. »Wie kommt du darauf, das sei dein Vogel?«

Sie hatte kaum ausgeredet, da flatterte Vogel von ihrer Schulter auf die von Milan und rieb seinen Schnabel an seinem Hals.

»Genügt das als Antwort?«

Das Mädchen nickte, langsam aber überzeugt. Dann streckte sie ihm plötzlich die Hand hin. »Ich bin Julie. Das ist Damian. Ihm gehören die Tiger. Ich hab eine Ratte.«

Ohne es zu wollen, musste Milan lachen. »Eine Ratte? Was für eine Show zeigst du denn mit einer Ratte?«

Julie schüttelte entrüstet den Kopf. »Fauntleroy ist nicht für die Show. Er ist mein Seelentier, so wie dein Vogel bei dir.«

Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, als wollte sie seine Reaktion auf diese Aussage ganz genau ergründen. Milan blickte von ihr zu Damian, der ihn ebenfalls gespannt beobachtete, und dann wieder zurück.

»Seelentier«, sagte er dann.

»Seelentier«, bestätigte Julie. »Ich hätte nicht erwartet, dass du eines hast.«

»Warum nicht?« Er hatte zwar keine Ahnung, was ein Seelentier war, aber die Aussage, dass sie ihm keines zutraute, beleidigte ihn trotzdem.

»Weil du Privat bist«, antwortete der Tigerdompteur anstelle von Julie.

»Was ist Privat?«

»Das kannst du so nicht sagen, Damian«, mischte sich nun wieder Julie ein. »Es gibt jede Menge Privater, die Seelentiere haben. Wir kriegen das bloß nicht mit, weil wir nicht mit ihnen in Kontakt kommen. Sie leben alle hinter dem Zaun. Und wie oft gehst du da hin?«

Damian machte eine abwehrende Geste mit beiden Händen.

»Ich war letzte Woche mit Nancy im Kino. Ich kenne jede Menge Privater.«

»Das kannst du deiner Oma erzählen«, spottete Julie.

Milan sah von einem zum anderen und merkte, wie die Anspannung allmählich von ihm abfiel. Er verstand zwar weiterhin nur die Hälfte von dem Gespräch der Zirkusleute, aber in gewisser Weise hatten sie dieselbe Wirkung auf ihn wie Vogel. Wie es Jo gehabt hatte. Also gab es irgendetwas, das sie alle verband. Erst als das Schweigen neben ihm plötzlich auffallend wurde, merkte er, dass Julie und Damian sich irgendwie geeinigt hatten und ihn nun beide interessiert anstarrten.

»Was kannst du?«, fragte das Mädchen.

»Was meinst du damit? Was soll ich denn können?«

»Na, deine Gabe!«

Ihre Augen waren wirklich riesengroß. Sie trug zwar auch jede Menge Schminke, um die mandelartige Form noch zu betonen, aber Milan war sich sicher, dass diese Augen auch von Natur aus so tiefschwarz und geheimnisvoll aussahen.

»Meine Gabe ist, mich und andere in Schwierigkeiten zu bringen«, sagte er tonlos. »Ich kann gut falsche Entscheidungen treffen und feige sein, wenn Mut lebenswichtig wird.«

Damian ließ einen Seufzer hören, aber Julie schüttelte den Kopf. Sie trat noch ein Stück näher an ihn heran und funkelte ihn an. »Du kannst etwas«, sagte sie dann überzeugt. »Du bist noch magisch. Irgendetwas hat dich beschützt. Fragen wir Madame Veritas!«

Damit nahm sie einfach seine Hand und zog ihn hinter sich her. Die Tiger fingen wieder an, sich aufzuregen, aber Damian hob seine Hand, pfiff sachte durch die Zähne und das Knurren verstummte augenblicklich. Dann hastete er ihnen hinterher. Sie passierten drei weitere Wohnwagen, bevor sie den letzten erreichten. Er war in verschiedenen Blautönen gestrichen und über und über mit Mosaiken beklebt. Vor dem Eingang baumelten Ketten aus Glasperlen, Knochen und trockenen Pflanzen. »Madame Veritas sieht in deine Zukunft!« stand in silbernen Buchstaben quer über die gesamte Front.

»Eine Hellseherin. Ihr wollt mich hochnehmen, ja?«, versuchte Milan einzuwerfen. Aber da hatte Julie ihn schon die Treppe hinauf- und durch den Vorhang aus bunten Stoffbändern hineingeschoben. Milans Augen brauchten eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, die im Inneren des Wohnwagens herrschte. Warum mussten Wahrsager ihre Prophezeiungen immer in der Finsternis erfinden?

»Weil nur derjenige hellsehen kann, der seine oberflächlichen Sinne durch Dunkelheit lähmt. Und ich erfinde grundsätzlich nichts«, sagte jemand ganz dicht an seinem Ohr. Milan erschrak. Er wandte den Kopf nach rechts und fand sich Auge in Auge mit einer alten Frau wieder. Ihr Gesicht bestand aus Hunderten winziger Fältchen, aber ihr Haar war nur von einigen grauen Strähnen durchzogen, der Rest war schwarz. Sie trug es offen, genau wie Julie.

»Haben Sie gerade meine Gedanken gelesen?« Es war Madame Veritas selbst, die seine Frage in Worte fasste. Dabei senkte sie ihre Stimme, damit sie mehr nach einem jungen Mann klang. Gleich darauf lieferte sie auch noch die Antwort dazu, diesmal mit ihrer normalen Stimme: »Aber nein. Gedankenlesen ist unmöglich, oder?«

Ein schelmisches Grinsen, wie man es einer so alten Frau normalerweise nicht zutrauen würde, schlich sich über ihr Gesicht. Milan räusperte sich.

»Ich glaube nicht an Magie«, antwortete er so gefasst wie möglich. Diese ganze Szene verwirrte ihn unendlich. Gleichzeitig machte sich eine prickelnde Aufregung in ihm breit, ein Gefühl, das er seit Jos Tod nicht mehr erlebt hatte. Es roch nach Morgentau und Lagerfeuer und wärmte ihn von ganz tief innen heraus.

»Du glaubst nicht an Magie«, wiederholte Madame Veritas kopfschüttelnd. »Und dennoch sprühst du nur so davon. Du würdest mich entzünden, wenn ich nicht ohnehin schon lichterloh brennen würde.« Sie griff nach seiner Hand und schloss die Augen. Als sie dann weitersprach, wurde ihre Stimme leiser. Und trauriger: »Dein Schutzkreis war durchbrochen, aber dein Seelentier hat die fehlenden Bruchstücke geliefert. Für eine Weile wird der Bann halten. Doch schon bald werden sie dich finden. Sie sind bereits auf der Suche nach dir.«

Nun bekam Milan es doch mit der Angst zu tun. Er entzog ihr seine Hand. Die Wahrsagerin öffnete die Augen und sah ihn forschend an.

»Wer? Wer ist auf der Suche nach mir?«

Auf einmal tauchte Julies Gesicht neben ihm auf.

»Die Vertreter«, sagte sie ernst. »Die Feinde der Magie. Sie jagen uns und entziehen uns unsere Zauberkraft. Sie haben Angst, andere Menschen würden durch uns in den wahren Kreislauf zurückgeführt werden, deshalb hassen sie den Zirkus. Denn zu Beginn seines Lebens ist jeder Mensch magisch. Aber die Welt, die die Vertreter erschaffen haben, hat keinen Platz für Magie. Ihnen geht es nur um Macht, Fortschritt und Geld. Magische Menschen verstehen sich nicht auf so etwas. Je weniger Magie in den Menschen wohnt, desto besser gedeiht die Vertreter-Kultur. Kannst du das nicht erkennen? Sieh dich doch mal in deinem Leben um!«

Es war nicht so, dass Milan ihr bis ins Detail folgen konnte. Es war nicht einmal so, dass er ihr glaubte. Aber ganz eindeutig war es so, dass diese Geschichte vieles erklärte.

»Dort oben im Schloss ...«, murmelte er. »Ich hatte das Gefühl, die Mauer würde uns beschützen. Aber dann, als Jo starb ...«

»... fehlte die wichtigste magische Person. Der Bannkreis zerfiel und die Vertreter suchten euch heim.«

Das konnte einfach nicht stimmen. Milan wollte es nicht glauben. Trotzdem musste er plötzlich an Andreas denken, einen Bildhauer, der im Gesindehaus direkt über Jos Familie gewohnt hatte. Nur wenige Wochen nach dem Unfall war er plötzlich von einem Krankenwagen abgeholt worden und nie mehr zurückgekehrt. Es hieß, er sei verrückt geworden und hätte sich selbst in die Klinik eingewiesen. Nicht viel später war etwas Seltsames mit dem Studenten in der Wohnung darüber passiert. Milan erinnerte sich nicht mehr an seinen Namen, wohl aber daran, dass er tagaus, tagein auf seiner E-Gitarre gespielt hatte. Bis zu dem Tag, an dem er aus unerklärlichen Gründen mit der Musik aufhörte, schwarze Anzüge trug und jeden Morgen pünktlich das Haus verließ, um irgendwelche Versicherungen zu verkaufen. Er hatte nie darüber nachgedacht, warum diese Menschen plötzlich eine solche Veränderung durchlaufen hatten.

»Der Psychologe ... Vogel sah das Auto und hielt mich davon ab, mit ihm zu sprechen«, fiel ihm siedend heiß ein.

»Das ist es, was Seelentiere tun. Sie schützen ihre Partner vor den Vertretern. Er hat dich gewarnt und so konntest du entkommen«, sagte Julie.

»Aber was soll das alles mit dem Bannkreis?« Milan wehrte sich dagegen, die Geschichte der Zirkusleute zu glauben. Es war einfach zu extrem, zu abgefahren, zu unglaubwürdig. »Ich habe gesehen, wie Sie einen solchen Bannkreis erschaffen haben«, wandte er sich an Madame Veritas. »Jo hat so etwas nie getan. Ich glaube, ich wüsste davon, wenn irgendjemand aus dem Schloss jemals so einen durchgeknallten Tanz aufgeführt hätte.«

Die Alte lachte aus vollem Herzen. »Du glaubst doch wohl nicht, dass ihr das nötig hattet? So viele magische Personen an einem festen, umzäunten Ort. Der Bannkreis entstand ganz von selbst. Wahrscheinlich wusste keiner von euch, wie viel Macht ihr hattet«, sagte sie. Dann schlich sich wieder die Traurigkeit in ihr Gesicht und sie senkte ihre Stimme: »Aber nun sind viele von euch weg. Du und dein Seelentier werdet nicht lange durchhalten. Ich habe es in deiner Hand gelesen.«

Milan wusste nicht, ob er darüber lachen oder schnellstmöglich Reißaus nehmen sollte. Die Menschen hinter diesem Zaun waren zweifelsfrei Verrückte, genau wie der Bildhauer Andreas, genau wie ... Jo!

Er spürte eine Ader an seiner Schläfe pochen. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so zerrissen gefühlt. Eine Seite von ihm wollte sich auf diese Geschichte einlassen und sich mit vollem Herzen ins Verderben stürzen. Einfach abtauchen und genauso verrückt werden wie sie. Aber endlich wieder fühlen, endlich wieder leben. Eine andere Seite sagte: Geh nach Hause und lach darüber. Morgen schreibst du einen Mathetest.

»Du wolltest nie wieder auf diese Stimme hören«, sagte die Wahrsagerin ganz nah an seinem Ohr. Er spürte Vogels flaumige Federn an seinem Hals entlangstreichen. Julie berührte seinen Arm. Irgendwo da draußen knurrten Damians Tiger.

»Komm mit uns«, sagte Madame Veritas. »Wir werden dich lehren, die Vertreter abzuschütteln. Und wir finden heraus, was deine Gabe ist.«

Gewissheit

Während der folgenden zehn Stunden schwor Milan sich, diese Menschen fortan zu meiden. Ein paar Tage, höchstens eine Woche lang, musste er ihre Nähe ertragen. Dann würden sie weg sein und damit aufhören, ihm diese Dinge zuzuflüstern. Diese verwirrenden, aufwühlenden Dinge, die ihn ganz zappelig machten. Im Grunde war es eine Gemeinheit, was Julie, Damian und diese angebliche Wahrsagerin getan hatten. Sie hatten seine innere Not und die tiefe Depression, in der er seit einem Jahr steckte, ausgenutzt, um sich über ihn lustig zu machen. Endlich wieder ein »Privater«, der ihre Geschichten glaubte. Der sich mitreißen und verarschen ließ – das war es doch, was wirklich hinter all dem steckte: eine Show.

Es war erneut Vogel, der Milan am Abend zurück zum Zirkus brachte. Vielleicht war auch Milans Mutter schuld, obwohl sie ganz sicher nicht im Sinn gehabt hatte, etwas zu tun, das ihr ihren einzigen Sohn entreißen würde. Der Teil, den Milans Mutter dazu beitrug, das Schicksalsrad in Gang zu setzen, war denkbar klein, aber deshalb nicht weniger bedeutend: Sie vergaß, den Vogelkäfig zu kaufen. Ihr Vermieter habe sie abgelenkt, weil er über eine Hausmeistertätigkeit mit ihr sprechen wollte, sagte sie später. Milans Mutter verdiente ihren Lebensunterhalt eigentlich mit dem Bemalen von Tonscherben und Steinen. Sie nahm alte Fachwerkhäuser auseinander, sammelte zerbrochene Fliesen und konnte aus einem Stück Holz ein Kunstwerk schnitzen, sowohl mit einem Messer als auch mit einer Kettensäge. Was auch immer ihre geschickten Hände erschufen, war einzigartig und besonders. Ihre Kunstwerke verkaufte sie im Geschenkeladen einer Freundin und auf dem Markt. So hatten sie immer ihre Miete zahlen können und niemals Hunger leiden müssen. Mehr als das war eigentlich nicht nötig gewesen. Warum sie gerade heute über eine Hausmeistertätigkeit sprach, so kurz nach dieser verrückten Geschichte mit den Vertretern, machte Milan fertig. Dennoch verharrte er trotzig im Schneidersitz auf seinem Bett bis zum Abend. Vogel blieb bis fünf vor sechs Uhr hinter ihm auf seiner Stange sitzen. Dann startete er seinen revolutionären Rettungsflug durch das gekippte Fenster hinaus in Richtung Zirkus.

Milan fand ihn fünf Minuten später auf dem Fensterbrett des Kassenhäuschens, das die Zirkusleute vor den Zaun gestellt hatten. In der Scheibe hing ein Schild mit der Aufschrift »Junger Mann zum Mitreisen gesucht«. Direkt daneben stand Julie und wedelte mit einer Eintrittskarte. Diesmal trug sie auf den ersten Blick einen Bikini mit einem extrem knappen schwarzen Minirock. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte Milan, dass es sich bei dem Kostüm um einen knallengen Einteiler mit zahlreichen hautfarbenen Stellen und silberglänzenden Ziernähten handelte.

»Du bist spät dran«, empfing sie ihn mit leicht säuerlichem Tonfall. »In zwei Minuten geht die Vorstellung los. Sei froh, dass dein Vogel rechtzeitig da war, um mich aufzuhalten, sonst wäre ich längst hinter dem Zelt. Die anderen Leute sind schon drin. Der Platz ist in der Loge, da siehst du am besten.« Damit drückte sie ihm die Eintrittskarte in die Hand und verschwand um das Zelt herum. Milan blieb davor stehen und starrte den Eingang an. Es war ein klassisches rot-gelbes Viermaster-Zelt, wie die meisten Zirkusse es hatten. Nichts wies darauf hin, dieses hier könnte etwas Besonderes sein. Von drinnen tönte so etwas wie Orchestermusik aus den Siebzigern an sein Ohr. Er wollte nicht hineingehen. Nicht die anderen Leute aus dem Dorf sehen, keine Mütter mit Kleinkindern, erst recht keine Klassenkameraden. Er wollte nicht lachen und nicht applaudieren. Nur nach Hause.

»Komm, Vogel, lass uns einfach ...« Da flatterte der Wellensittich auf und setzte sich auf seine Schulter. Als er sich zum Gehen umwandte, pickte er ihn ins Ohr.

»Verdammt, warum zwingst du mich? Ist das wieder so ein Vertreter-Scheiß? Was passiert mit mir, wenn ich nicht hineingehe? Werde ich vernichtet, ausgesaugt, meiner Seele beraubt?«

Vogel tschilpte. Was sollte er auch anderes antworten.

Ich stehe vor einem Zirkuszelt und rede mit einem Vogel.

Ich traue mich nicht hinein, weil ich Angst vor dem Leben habe.

Ich konnte Jo nicht auffangen.

Diese Stimme. Diese Stimme, die ihn immer wieder hemmte, bremste, lähmte. Allein schon, um ihr ein Schnippchen zu schlagen, setzte er seine Füße in Bewegung und trat durch den Zelteingang. Er landete in einem kleinen Vorraum, der zu beiden Seiten mit Pommes- und Süßwaren-Buden vollgestellt war. Dazwischen einige Stände mit blinkendem Kinderspielzeug. Es roch nach Zuckerwatte und Popcorn. Alle anderen Gäste saßen offenbar schon im Zelt, denn außer ihm und Vogel befand sich nur noch ein kleiner Junge am anderen Ende des Raumes und hielt ihm mit einer neckischen Verbeugung den Vorhang zur Manege auf. Er sah aus wie ein Zirkusdirektor im Miniaturformat, mit leuchtendrotem Anzug, goldenen Knöpfen und einem glänzenden Zylinder auf dem Kopf. Milan drückte ihm die Eintrittskarte in die Hand. Daraufhin tippte der Junge sich an die Krempe seines Huts und zwinkerte ihm zu. Nein, er zwinkerte Vogel zu, aber das registrierte Milan erst, nachdem er schon durch den Vorhang getreten war. Hier wurde das Retro-Orchester gerade von einer Art mystischer Trailermusik abgelöst, die wohl den Beginn der Show ankündigen sollte. Eine Nebelmaschine leitete Massen von Kunstnebel in die Manege und Milan hatte Probleme damit, sich durch die Dunkelheit und das immer wieder wechselnde Farbenspiel der wenigen Lichtstrahler zur Loge vorzukämpfen. Wer hinter ihm in der Dunkelheit saß, konnte er nicht erkennen. Viele Leute konnten es nicht sein, denn Falkenstein war klein und die meisten Einwohner hatten mit Zirkus und halbnackten Körpern nichts am Hut. Hier wohnten anständige Leute, die sonntags zur Kirche gingen und die Primeln in ihrem Vorgarten auf gleiche Länge stutzten. Er fand schließlich einen Holzstuhl direkt vor der Bande, auf den er sich setzte, Vogel immer noch auf seiner Schulter.

Der Kunstnebel breitete sich mittlerweile über den kompletten Innenraum der Manege aus. Von dem sandigen Boden war nichts mehr zu sehen. Milan erschauderte.

Grau wabernde Nebelmasse.

Sphärische Klänge und Trommeln. Dann trat eine schmale Gestalt durch den Hintereingang, eingehüllt in einen weißen Umhang, die Kapuze bis tief in die Stirn gezogen. In der Hand hielt sie eine brennende Kerze. Ihre Schritte setzte sie im Takt zur Musik. Sie ging nicht, sie schwebte. Eine Glocke ertönte, ernst und episch. Zwölfmal hintereinander schlug sie, dann kehrte gespenstische Stille ein. Milan erwischte sich dabei, wie er die Kapuzengestalt anstarrte und den Atem anhielt.

Im gleichen Moment, als die Rockmusik einsetzte, riss die Gestalt sich den Umhang vom Leib und blies die Kerze aus. Lichtreflexe tanzten über das schwarze Haar der Frau. Es war Julie. Nur für Sekunden drehte sie sich zu der neuen Musik im Kreis, jeden Muskel ihres Körpers bis zum Zerreißen gespannt. Dann hatte der Ring sie erreicht, welcher von der Decke aus zu ihr herabschwebte. Sie griff ihn mit einer Hand und ließ sich hochziehen, lächelnd, als sei es das Einfachste der Welt. Ihr Blick streifte den von Milan, aber nur für Sekunden, bevor sie sich wieder im Glanz ihrer Darbietung verlor, vollkommen in dem Rausch aufging, sich zu wiegen und zu verbiegen, durch die Luft zu tanzen und auf die Schwerkraft zu spucken.

Milan sah die meiste Zeit nicht hin. Es war ein Jahr her, aber Mädchen, die zu hoch über der Erde turnten, konnte er weiterhin nicht ertragen. Den Anblick nicht und das Sehnen nicht, das ihn dabei überkam. Dieser Moment. Komm her und küss mich!

So falsch. So widersprüchlich. So ungerecht! Er würde niemals darüber hinwegkommen, niemals. Es war vollkommen gleich, ob er das Schuljahr fertig machte oder mit einem Zirkus davonzog. Übrig blieb doch nur der Scherbenhaufen, der einmal seine Seele gewesen war. Dunkelheit und Nebel.

Eine Träne tropfte auf seinen Oberschenkel, als Julie an ihrem Ring von der Decke wieder herabpendelte. Sie strahlte, verbeugte sich, nahm den dünnen Applaus entgegen, der bereits verriet, dass sich höchstens zehn oder fünfzehn Menschen in dem Zelt befanden. Gut so, fand Milan. Jeder Dorfbewohner, der ihn nicht im Zirkuszelt weinen sah, war ein Gewinn.

Im selben Moment, in dem Julie durch den Samtvorhang hinter die Bühne verschwand, trat der Zirkusdirektor hindurch und begrüßte sein Publikum. Er sah im Grunde genauso aus wie der kleine Junge, der die Eintrittskarten kontrolliert hatte, nur größer, älter und schmerbäuchiger. Sein gezwirbelter Schnurrbart und die runde Brille verliehen ihm den Anschein, er sei direkt aus einem tschechischen Märchenfilm entsprungen, als hätte eine fantastische Welt ihn versehentlich in die böse Realität ausgespuckt, wo er überhaupt nicht hingehörte.

»... werden wir Ihnen heute Abend den Atem rauben, Sie verführen und verzaubern«, sagte er eben. »Wir werden Ihre Sinne betäuben und Ihnen eine Welt zeigen, zu der Ihr Denken keinen Zutritt hat, sondern nur Ihr Gespür. Lassen Sie Ihren Verstand zurück und benutzen Sie Ihr Herz. Gehen Sie verloren und finden Sie sich selbst. Willkommen im Wunderland des Zirkus Salto.«

Applaus, immer dieser Applaus. Aber da war auch die anregende Musik und dieser Duft von Sägespänen und Kakao, von Schweiß und karamellisierten Erdnüssen. Irgendetwas von der Stimmung in diesem Zelt war stärker als Milans Gegenwehr. Er hätte später nicht mehr sagen können, was es war. Aber plötzlich wusste er, wie das Abenteuer roch. Er wusste, dass hinter der Schlossmauer von Falkenstein die Welt weiterging. Dass es Klänge gab, die den Takt seines Herzschlags zu ändern vermochten. Und vielleicht auch Menschen, die es wert waren, ihnen zuzuhören. Vielleicht.

Eine Stunde lang saß er in seiner Loge, spürte Vogel auf seinem Rücken herumturnen und den gefiederten Kopf an seine Wange drücken. Er sah Damian mit seinen Tigern zu, entdeckte den Jungen vom Einlass hinter einer roten Nase wieder, zusammen mit einem alternden Clown. Er bewunderte eine Schlangenfrau, die ihren Körper bis zum Gehtnichtmehr verbog. Doch endgültig fasziniert war er erst in dem Moment, als ein Gespann von acht schwarzen Pferden in weißem Geschirr und mit wehenden Straußenfedern geschmückt die Manege betrat. Ihre herumwirbelnden Hälse, die fliegenden Mähnen, das Stampfen ihrer Hufe synchron zur Musik – all das ließ ihn vor Ehrfurcht erstarren. Nie zuvor war ihm bewusst gewesen, dass eine simple Pferdedressur ihn so faszinieren konnte. Es war völlig absurd. Diese Pferde und ihr Trainer, sie waren wie ein Wesen. Wie ein Gehirn mit vierunddreißig Beinen. Dieser kleine Mann mit dem schütteren Haar und den Schweißflecken auf der Stirn – er musste lediglich seine Schulter ein wenig drehen, um die Pferde zu einer Kehrtwendung aufzufordern. Er musste nur einmal mit der Zunge schnalzen und sie wechselten die Gangart. Und wenn er sich vor sie stellte und beide Peitschen in die Höhe reckte, dann erhoben sie sich auf die Hinterbeine. Sie rollten die Hälse ein, ließen ihre Mähnen fliegen wie schwarze Wellen auf einem düsteren See. Es war ihre Kraft, die Milan faszinierte, diese tierische, unendliche Kraft, die auf so spielerische Art und Weise kontrollierbar erschien.

Nach dieser Darbietung bekam Milan nichts mehr mit. Zwar hätte er danach noch sagen können, dass Julie einen weiteren Auftritt mit einem Tuch in schwindelerregender Höhe hatte, der Clown und die Schlangenfrau auch jonglieren konnten und Madame Veritas sich mit undurchschaubaren Zaubertricks in Szene setzte. Aber all das erreichte nicht mehr sein Herz. Das nämlich schlug jetzt schneller als zuvor, in einem bedrohlich abenteuerlustigen Rhythmus. Durch seinen Kopf geisterten absurde Dinge, die allesamt mit einem Leben auf vier Rädern zu tun hatten, mit gebrannten Mandeln und Leierkastenmusik. Vogel schien diesen neuen Rhythmus ebenfalls zu spüren, denn er raste wie verrückt auf Milans Schultern hin und her. Aufgeregt, in freudiger Erwartung.

Milan saß immer noch in der Loge, nachdem längst alle anderen Gäste gegangen waren. Durch die offene Zelttür zu seiner Rechten drang das Licht der Abendsonne herein und tauchte die Manege in ein zauberhaftes Orange. Es war die Farbe des Untergangs, des Aufbruchs und des Neuanfangs. Dass Julie plötzlich vor ihm stand, wunderte Milan nicht allzu sehr, denn er hatte mit ihr gerechnet. Diesmal hatte sie die Showklamotten in eine Ecke gepfeffert und sich etwas Bequemes angezogen, bevor sie nach ihm gesucht hatte. Ihre muskulösen Beine steckten in einer grauen Jogginghose, darüber hing ein schwarzes Schlabber-T-Shirt, aus dessen Ausschnitt eine rosafarbene Nase mit langen, schwarzen Schnurrbarthaaren hervorlugte. Das musste wohl ihre Ratte sein. Milan stand auf.

»Und? Hat es dir gefallen?«, fragte Julie.

Er nickte. »Ihr seid gut. Viel besser, als ich gedacht habe. Irgendwie ...« Die richtigen Worte wollten nicht so recht kommen.

»... magisch«, vollendete Julie den Satz. »Hab ich dir ja gesagt. Uns haben sie noch nicht erwischt.«

»Und du meinst, ihr seid deshalb so gut?« Ein Hauch von Spott lag in Milans Stimme. »Weil dir deine Ratte sagt, mit wem du reden darfst und mit wem nicht? Das ist Bullshit, Julie, das weißt du im Grunde, nicht wahr?«

Anstelle einer Antwort runzelte sie nur die Stirn. Dann griff sie mit der rechten Hand in ihren Ausschnitt und zog die grau-weiß-gefleckte Ratte heraus. Das Tier schnupperte kurz in seine Richtung, dann krabbelte es an Julies Arm nach oben und platzierte sich frech auf ihrer Schulter. Die hervorstehenden, schwarzen Knopfaugen musterten Milan und seinen Vogel eingehend.

»Das ist Fauntleroy«, stellte Julie ihn vor. »Und, ja, er ist der Meinung, dass ich gefahrlos mit dir reden kann.«

»Hat er dir das gesagt?«, fragte Milan spitz.

»Ja«, gab sie entrüstet zurück. Einen Moment lang betrachteten sie einander kritisch, bevor Milan die Arme vor der Brust verschränkte und einen Schritt zurücktrat.

»Aha. Und wie hat er das gemacht? Hat er gesagt: Rede mit Milan. Er ist nicht gefährlich. Sein Gehirn ist noch damit beschäftigt, die Tatsache zu verkraften, dass er seine Freundin in den Tod hat stürzen lassen. Er ist noch nicht wieder auf dem besorgniserregenden Niveau anderer Männer angekommen, die dir gefährlich werden könnten. Rede ruhig mit ihm, der ist harmlos wie eine tote Laus.«

Anstatt zu lachen oder überfordert von einem Bein auf das andere zu treten, wie andere Mädchen das für gewöhnlich in einer solchen Situation taten, musterte Julie ihn eine ganze Weile schweigend. So lange, bis ihr Blick unangenehm wurde und Milan sich seiner Worte schämte.

»Nein, es ist eher wie bei deinem Vogel. Wenn mein Gegenüber den Vertretergeruch verströmt, dann schlägt Fauntleroy Alarm. Er wird hektisch, rast wie ein Wilder umher und beißt mich im Notfall sogar in die Hand. Aber bei Menschen wie dir, an die man sich gefahrlos heranwagen kann, bleibt er ganz entspannt.«

»Bist du sicher? Dass man sich gefahrlos an mich heranwagen kann?«, fragte Milan schneidend. Er wusste selbst nicht, warum diese verrückte Artistin mit ihrer Ratte ihn plötzlich so aus dem Konzept brachte, ja, nicht einmal, ob er nun aggressiv oder eher verunsichert auf sie reagierte. »Immerhin ist bereits jemand durch meine Schuld in den Tod gestürzt. Gerade du mit deinem ... deinem Beruf ... solltest dich besser von mir fernhalten.«

Was war das hier? Gerade eben hatte er noch von einem Leben im Wohnwagen geträumt. Von der Leichtigkeit des Seins und der großen Chance, sich nie mehr zu binden. Niemals mehr an einen Ort zu gehören, nie mehr jemanden zu verlieren. Und da erinnerte sie ihn kurzerhand daran, dass auch der Zirkus keine Zuflucht für ihn war, nicht durch ihre Worte, einfach so durch ihre Präsenz. Sie war der lebende Beweis dafür, dass man auch in dieser Welt abstürzen konnte. Mehr noch als in jeder anderen. Julie schien seine Stimmungsschwankung zu spüren. Ihre Gesichtszüge wurden mit einem Mal weicher. Sie streckte eine Hand nach ihm aus, doch er wich zurück. Da ließ sie die Hand wieder sinken und kraulte stattdessen ihre Ratte damit.

»Das stimmt wohl«, sagte sie seufzend. »Es wäre besser, sich von dir fernzuhalten. Denn deine Seele ist rabenschwarz. Du bist kaputt und auseinandergerissen und solche Leute ziehen das Unglück an. Wahrscheinlich kann man nicht mit dir lachen. Oder Spaß haben. Ich denke, du bist kein guter Gesellschafter.«

Anstelle einer Antwort gab Milan nur einen dumpfen Ton von sich.

»Hast du gedacht, ich sage etwas anderes?«

Er nickte. »Ja, ich ... so etwas kannst du mir doch nicht einfach vor den Kopf knallen. Du kennst mich doch gar nicht!«

»Nein.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber muss ich dich deswegen anlügen?« Sie schien das wirklich ernst zu meinen. Ihre dunklen Augen waren so groß, so rein und so ehrlich, dass einfach keine Heimtücke dahinterstecken konnte. Wenn überhaupt, dann war sie einfach irre. Durchgeknallt wie diese Madame Veritas und der Typ, der sein Leben im Tigerkäfig aufs Spiel setzte. Das schien es zu sein – sie waren alle lebensmüde.

Milan räusperte sich. »Ist okay, ich ... ich geh dann mal.« Er strich Vogel übers Gefieder, um sich zu beruhigen. Die glatten, warmen Federn unter seiner Haut, fühlten sich gut an. Sofort verlangsamte sich sein Herzschlag. Julie lächelte. »Bist du traurig, weil niemand mehr in deine Welt passt oder weil du in keine Welt mehr passt?«, fragte sie unvermittelt.

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«