Der Morgenkristall 5 - Finley Mountain - E-Book

Der Morgenkristall 5 E-Book

Finley Mountain

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Beschreibung

Waylon ist auf Uridräo geblieben; nichts zieht ihn nach Hause. In seiner Zeitebene erwartet ihn niemand. Vier Tage und Nächte verbringt er im liebgewonnenen Baumhaus. In der darauffolgenden Nacht wird er unsanft von hysterischen Schreien aus dem Schlaf gerissen. Es ist sein Vater Dako, der beunruhigende Nachricht bringt. Zuerst ist sein Pendant spurlos verschwunden, anschließend auch alle Zeitgleiter. In der Pyramide finden sie neun Stehlen vor; in jeder steckt ein Kristall - der Neunte aber fehlt. Gemeinsam mit dem Wächter Callum treten sie eine Reise ins Ungewisse an, um den Meister-Kristall wiederzufinden. Denn nur die Wiederherstellung der Kristallreihe kann den geöffneten Zeitentunnel wieder verschließen. Und die Suche führt sie auf ein ausgestorbenes Arimea.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Das Buch

Waylon ist auf Uridräo geblieben; nichts zieht ihn nach Hause. In seiner Zeitebene erwartet ihn niemand. Vier Tage und Nächte verbringt er im liebgewonnenen Baumhaus. In der darauffolgenden Nacht wird er unsanft von hysterischen Schreien aus dem Schlaf gerissen. Es ist sein Vater Dako, der beunruhigende Nachricht bringt. Zuerst ist sein Pendant spurlos verschwunden, anschließend auch alle Zeitgleiter. In der Pyramide finden sie neun Stehlen vor; in jeder steckt ein Kristall – der Neunte aber fehlt. Gemeinsam mit dem Wächter Callum treten sie eine Reise ins Ungewisse an, um den Meister-Kristall wiederzufinden. Denn nur die Wiederherstellung der Kristallreihe kann den geöffneten Zeitentunnel wieder verschließen. Und die Suche führt sie auf ein ausgestorbenes Arimea.

Der Autor

FINLEY MOUNTAIN wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er in alten Klassikern, unter anderen Charles Dickens, Daniel Defoe, Kurt Laßwitz und Jules Verne. Durch einen Comic kommt er zum Schreiben. Zeichnet er anfangs noch seine Charaktere, stellt er jedoch bald fest, dass ihm das Wort besser liegt. So entstehen erste, zaghafte Versuche. Unter Pseudonym veröffentlicht er im Internet Anfang 2000 zahlreiche Texte. Mit dem Morgenkristall legte er 2014 sein Debüt in der Fantasy-Literatur vor, der nun mit dem fünften Teil seine Fortsetzung findet.

FÜR I.

HANDLUNGEN UND PERSONEN SIND FREI ERFUNDEN.

JEDE ÄHNLICHKEIT IST REIN ZUFÄLLIG UND UNBEABSICHTIGT.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Kapitel Sechsundzwanzig

Kapitel Siebenundzwanzig

Kapitel Achtundzwanzig

Kapitel Neunundzwanzig

Kapitel Dreißig

Kapitel Einunddreißig

Kapitel Zweiunddreißig

Kapitel Dreiunddreißig

Kapitel Vierunddreißig

Kapitel Fünfunddreißig

Kapitel Sechsunddreißig

Kapitel Siebenunddreißig

Eins

»Waylon!«

Der Schrei reißt ihn aus dem Schlaf. Es ist tiefste Nacht. Gleichmäßig rauscht das Meer. Wellen schlagen an Land. Lau spielt der Wind mit den Blättern, vertreibt die Schwüle des vergangenen Tages nur mäßig. Draußen ist es stockfinstere Nacht. Es muss ein Traum gewesen sein. Keine Menschenseele weit und breit.

»Waylon!«

Schon wieder! Lauter und – verdammt nah.

Verschlafen setzt er sich auf. Er lauscht. Waren da eben Schrittgeräusche? Blieb er bisher ruhig, erfasst ihn jetzt ein ungutes, schwer definierbares Bauchgefühl. Im Unterbewusstsein arbeitet etwas, und das macht ihm Angst.

»Waylon! WAYLON!«

Verräterische Geräusche vermeidend, schleicht er ans Fenster, dass jede Nacht geöffnet bleibt. Im Schutze der Dunkelheit beugt er sich soweit vor, bis der Platz vor dem Baumhaus einsehbar ist.

Er glaubt eine Bewegung ausgemacht zu haben. Fahl reflektieren versprengte Wolken das tagsüber gespeicherte Licht. Aus mangelndem Kontrast schaut er in einen dunklen Schlund.

»Waylon! Bist du da?«

Direkt neben dem Stamm muss jemand stehen. Da sicherheitshalber die Flechtleiter immer eingezogen wird, besteht keine Gefahr. Wer kann das sein? Träumt er etwa immer noch?

»Wenn du hier bist, micinksi, zeige dich!«

Aber … das ist … Dako! Nein, das gibt’s nicht! Haben sie nicht vereinbart, dass er auf Waynúpa, Waylons Pendant in 1978, aufpasst? Es sind doch erst vier Tage her … Oder ist etwas passiert?

»Bist du es wirklich?«

»Sicher! Wer sonst? Oder hast du Besuch?«

»Nein, nein«, beeilt Waylon zu versichern. »Es ist nur so – ich hab deine Stimme nicht erkannt. Du klingst – anders …«

»Kommst du runter, oder soll ich zu dir hochklettern?«

»Moment. Ich lass die Leiter runter.«

In der beeindruckenden Stille, die einem einsamen Ort auszeichnet, werden Klänge menschlichen Tuns laut.

» Achtung …«

Haarscharf verfehlt die Flechtleiter Dako. Auch für den Naturmenschen ist es schwierig, sich in der Finsternis zurechtzufinden. Vor allem kennt er die hiesigen Verhältnisse nicht so wie Waylon.

Sportlich erklimmt Dako den Aufstieg.

»Es muss wichtig sein, dass du Strapazen auf dich nimmst.«

»Lass uns drinnen reden.«

Waylon zieht die Leiter wieder hoch, folgt den alten Freund und setzt das Türgeflecht ein.

Licht flammt auf, entzündet die bereitstehende Kerze. Geblendet schirmt Waylon seine Augen ab.

»Es ist erstaunlich, wie wohl du dich hier fühlst«, beginnt Dako. »Kein Vergleich zu deinem alten Leben.«

»Wer braucht schon Luxus«, erwidert Waylon. »Der macht uns bloß träge. Aber jetzt sag, was dich zu mir führt.«

»Den Lebensstil von euch Weißen, werde ich nie gutheißen. Er ist verachtend. Deswegen erfreue ich mich an …«

»Dako! Komm zur Sache! Zu dieser Stunde vertrag ich keine Philosophie!«

»Entschuldige, micinksi .«

»Schon gut, schon gut. Fang einfach an, auf den Punkt zu kommen!«

»Nun gut, wie du willst, Waylon.«

»Mach es doch nicht spannender, als es wirklich ist, Dako. Für Konversation bin ich einfach zu müde.«

»Deswegen bin ich nicht gekommen, das versichere ich dir.«

»Weswegen dann?« Waylon wird ärgerlich.

»Wegen dir …«, sagt Dako ernst. »Beziehungsweise deinem anderen Ich …«

»Was ist passiert!?«

»Nun …«, Dako sucht nach Worten. »… er ist … Waynúpa ist …«

Waylons Alarmglocken schrillen. Seine Augen hängen an Dakos Lippen.

»… verschwunden …«

* * *

Fünf Tage zuvor.

Der Gleiter landet. Ohne gesehen zu werden setzt er im Wald auf. Die Bordautomatik hat ein Gebiet ausgewählt, das relativ unzugänglich ist. Seit dem Eintritt ins Sonnensystem flogen sie im Tarnschirm-Modus. So wird ein Aufspüren durch die Überwachung des Orbits verhindert. Weder NASA, ESA, noch die Russen oder China bemerken den Eintritt.

Dako überprüft aus alter Gewohnheit die Gegend, um auch das Restrisiko zu minimieren. Erst dann öffnet er das Außenschott.

Es ist kurz vor Mittag. Nach den Tagen im Gleiter ist es eine Wohltat, ungefilterte Luft zu atmen.

»Dann wollen wir mal.«

Im Freien genießt er die wiedergewonnene Freiheit. Dako murmelt ein Gebet, der all seine Urahnen mit einbezieht, und dankt dem Großen Geist für die überstandenen Prüfungen.

Im nahen Unterholz steht ein äsendes Reh. Es hebt seinen Kopf, als es den Dakota bemerkt, kaut aber unbeeindruckt weiter. Keine Gefahr spürend zieht es weiter, senkt den Kopf und zupft an einem saftigen Grasbüschel.

Die Stille ist einzigartig. Wie die Natur selbst auch. Die Balance und Ausgewogenheit wirkt stärkend aufs Gemüt. Ein Grund mehr, alles zu tun, um solche Oasen zu erhalten.

Nachdem er mehrmals durchgeatmet hat, bemerkt er eine seltsame innere Unruhe. Etwas ist anders. Hintergründig versucht das Unterbewusstsein eine Tür zu öffnen, die ihn etwas zeigen möchte. Doch es misslingt. Stattdessen tritt eine Empfindung in den Vordergrund, die nichts Gutes verheißt. Ob es an Dakos ausgeprägter Intuition liegt, oder es sich nur um eine Art Vorahnung handelt, weiß er selbst nicht. Jedenfalls ist es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Sein Gespür hat ihn nie getrogen, weshalb nun dieses Spiel?

Nicht fassbare Gedanken kreisen in seinem Kopf. Was ist bloß los? Gravierendes liegt unheilvoll in der Luft. Er kann es regelrecht riechen!

Blitzschnell wendet er sich um, betritt den Gleiter und schließt das Schott. Dako beschleicht immer mehr das Bedürfnis, darüber zu reden. Natürlich! Vielleicht hat Waynúpa ja eine Idee! Das ihm das nicht gleich eingefallen ist! Manchmal klärt sich vieles, wenn es angesprochen und darüber diskutiert wird. Oft hat es Dako erlebt, dass sich die Dinge dadurch leichter lösen. Vermeintliche Probleme verschwinden, schaffen Platz für angenehmere Gedanken.

»Waynúpa!«, ruft er unvermittelt aus. Im Grunde genommen kann Dako auf diese Anrede verzichten, da sich nur einer von beiden an Bord aufhält.

»Waylon!«

Schnellen Fußes begibt er sich zu dessen Kabine. ›Eigenartig‹, denkt Dako noch, ›sonst reagiert Way gleich, wenn auch nicht immer wie erwartet.‹

Ohne zu zögern betätigt Dako den Öffnungsmechanismus der Kabinentür.

»Verzeih mein Eindringen, aber ich …«

In der Kabine ist kein Waylon. Sie ist leer.

›Wo steckt der bloß wieder!‹

Ungestüm, wie Waynúpa ist, traut Dako diesem so einiges zu.

»Waynú … Waylon!«

Ärgerlich durchsucht Dako den Gleiter. Er lässt keinen Winkel aus, selbst in den zugänglichen Hauptluftschacht wirft er einen Blick. Doch Waylon ist und bleibt verschwunden. In seiner Not weiß er nicht weiter. Sogar ein erweiterter Umgebungsscan bleibt erfolglos.

* * *

»… brach ich auf«, endet der sichtlich aufgewühlte Dakota. »Karoline öffnete die Tür, erkannte mich aber nicht. Auf meiner Nachfrage reagierte sie ungehalten. Sie betonte, sie kenne keinen Mr Latham und der wohne hier auch nicht. Energisch servierte sie mich ab, schloss die Tür. Dann sah ich es, das Schild an der Tür. Da stand ‹Fryer›.«

Waylon ist geschockt. Karoline hat noch ihren Mädchennamen an der Tür stehen? Er hätte schwören können, dass er das Richtige montiert hatte. Dass er sich so geirrt haben soll … Oder hat sich Karoline von ihm abgewandt? Mein Gott, dass ist über vierzig Jahre her! Wer hat da schon alles noch auf den Schirm?!

»Ich habe die Befürchtung, dass dir – äh … ich meine Waynúpa – was passiert sein muss … Du kannst dir vorstellen, wie froh ich bin, dich hier gefunden zu haben …«

»Du sagtest, er war nicht im Gleiter. Kann er ausgestiegen sein, ohne dass du es bemerktest?«

»Möglich. Aber unwahrscheinlich.«

»Gab es Streit?«

»Nein. Ich war in der Zentrale. Er zog sich zurück.«

»Hm. Sich einfach so davonzustehlen hätte ich nie getan.«

»Du kannst nicht von dir selbst ausgehen. Und schon gar nicht, als du dreißig warst.«

Waylon runzelt die Stirn.

»Ich weiß nicht, was du meinst …«

»Als du 1978 lebtest, bin ich nicht aufgetaucht, oder?«

»Verstehe«, nickt Waylon. »Nein. Bist du nicht. Ich kann mich auch nicht daran … erinnern … nur, das mit dem Unfall …«

»Das beweist doch, dass Waynúpas Zeit nicht hundert prozentig mit deinem Leben zusammenhängt.«

»Wahrscheinlich. – Paradox, nicht wahr?«

»Es ist jedenfalls sehr außergewöhnlich«, sinniert Dako. »Angenommen, eure beider Leben verlaufen tatsächlich unterschiedlich – was natürlich zugegeben weit hergeholt ist –, wo ist er?«

»Da ich noch da bin, und auch eine Erinnerung habe, beweist eines, nämlich das er real ist. Dies wiederum scheint deine Schlussfolgerung zu bestätigen. Ich suche nur nach der Unbekannten in der Gleichung.«

Eine Weile vergeht in vollkommener Stille. Dako seufzt laut.

»Es hat mit mir zu tun«, stellt er fest. »Irgendwann ist irgendetwas eingetreten, von dem ich im Moment keinen blassen Schimmer habe …«

»Ich habe eher den Kraken in Verdacht. Warum taucht jemand auf, um Nichts zu tun und verschwindet dann wieder? Oder sind die auf Uridräo etwa gelandet?«

»Das hätten die Sensoren gemeldet«, bestätigt Dako.

»Genau. – Es sei denn … es sei denn, die Kraken-Technik wäre der arimeanischen überlegen …«

Der Dakota sinkt in sich zusammen.

»Wer weiß schon, ob es Arimea überhaupt noch gibt«, sagt Dako mit rauer Stimme. »Das, was wir als ›moderne Technik‹ bezeichnen ist … uralt …«

»Und was ist mit Aiden, Callum und den Anderen?«, wirft Waylon ein.

»Wir haben leider nie geklärt, aus welcher Zeitebene sie wirklich kommen …«

Nachdenklich sieht Waylon starr auf den Boden. »Wie alt ist die Technik eigentlich?«

Dako zuckt mit den Schultern.

»Hundert Jahre, tausend … hunderttausend?«

Der Alte stöhnt.

»Solange wir nicht wissen, wann – nach unseren Maßstäben – die Arimeaner alles erbaut haben, können wir davon ausgehen, dass es sie noch gibt. Ich denke da an den Fortschritt.«

»Oder ich habe etwas verändert …«

»Irgendwas stört mich an deiner These, Dako. Glaubst du nicht, das hätte andere, dramatischere Auswirkungen? – Nein! Ich stütze mich auf meine Erinnerungen. Sie sind da. Also hat meine Vergangenheit nichts damit zu tun. Du kannst dich auch erinnern. Ergo: Wir haben damit nichts zu tun!«

Waylon springt auf. Jetzt ist er hellwach.

»Dako, ich sage dir eins: Das Raumschiff hat damit zu tun! Daran gibt’s keinen Zweifel!«

»Und wie?«

»Das gilt es herauszufinden.« Der Boden schwankt unter Waylons Hin-und-her-Gehen. »Ist nur die Frage: Wie!«

»Nehmen wir also an, dass was du sagst, trifft zu. Klingt logisch. Zuerst verschwand die Glaskabine, dann Waynúpa. Was verschwindet als Nächstes? Du? Ich? Der Gleiter? Und was dann?«

»Daran hab ich nicht gedacht«, gesteht Waylon. »Aber wir müssen etwas unternehmen …«

»Leicht gesagt …«

»Moment … einen Augenblick … Wir waren doch in der Pyramide, um nach den Kabinen zu sehen. Was haben wir gefunden?«

»Die Säulen!«

»Richtig, die Säulen! Und was fehlt?«

»Der letzte Stein?«

»Yapp. Der Neunte Kristall!«

Nun ist auch Dako von Waylons Euphorie angesteckt.

»Ein Puzzle … Es ist wie ein Puzzle …«

»Dann sollten wir anfangen, dieses Puzzle zu lösen!«

Zwei

Arimea, Inselenklave Methua, Erdzeit minus 154 Millionen Jahren.

Der aufgewühlte breiige Ozean macht die Passage unpassierbar. Spitze Klippen ragen drohend aus dem rotbraunen Meer. Seit Urzeiten ist die Insel unangetastetes Gebiet. In der isolierten Oase gedeihen Pflanzen und Bäume wie in der Frühzeit des Planeten. Durch hohe Berge umringt, ist ein einzigartiges Ökosystem entstanden. Ähnlich wie Burali mit keinem natürlichen Zugang versehen, blieb die Insel bis ins Technikzeitalter unbetretenes Land. Erst mit dem Aufkommen der Gleiter kamen verwegene Arimeaner hierher. Doch das Schicksal hatte eigene Pläne.

Quallenflügler sind die Herren der Lüfte. Am Boden jagen Sumpfläufer. Nur ein Teil im Nordosten der Insel bleibt von beiden vorherrschenden Spezies verschont. Dorthin zogen sich vier Alt-Arimeaner zurück, deren biblisches Alter die Gesellschaft beeinträchtigt hatte. Ein defektes Gen, das vor zweitausend Jahren zufällig entdeckt wurde, ist für die Langlebigkeit dieser Vier verantwortlich. Der Älteste unter ihnen ist Rhobal. Nach außen hin wirkt er wie ein Teenager. Trotzdem zählt er über vierzehnhundert Jahre.

Urio ist die Zweitälteste. Knapp eintausend Jahre verbringt sie auf Arimea. Noch immer trägt sie die Haare lang, so wie es damals Mode war. Sie hält den kleinen Trupp zusammen, kocht noch nach alten Rezepten. Dem neumodischen Zeugs traut Urio nicht. Zwar kann der Hydromator sämtliche Gerichte herstellen und sorgt somit für eine ausgewogene Ernährung, dennoch hat Urio ein Problem mit den künstlich gezüchteten Zutaten. Lieber sammelt sie lebendige Früchte, oder jagt auch mal einen Springschnorchler.

Dritter ist Sho-Ril, vom Inneren Ring. Lang weigerte sich seine Mutter, die Identität ihres Sohnes preiszugeben. Kurz vor ihrem Tod fehlte ihr die Kraft des ständigen Umziehens und Reisens. Als die Behörde dahinter kam, wurde er in die Enklave gebracht. Hier lebt er sehr zurückgezogen.

Bei Sulantrea wurde mit zweiundzwanzig der Gen-Defekt diagnostiziert. Verliefen die darauffolgenden Jahre normal weiter, entfaltete sich die Veränderung in der DNA erst mit Sulantreas achtunddreißigsten Geburtstag. Die Auswirkungen waren verheerend, und sie nicht in der Lage, damit umzugehen. Suizid gefährdet wurde sie umgehen in die Enklave geflogen.

Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, fristen sie ihr Dasein auf zweieinhalb Quadratkilometer bewohnbare Enklave. Kein Besuch, keine Verwanden. Und dennoch hat sich das ungewöhnliche Quartett mit dem Leben arrangiert.

Üblicherweise geht Sho-Ril einmal pro Tag ins Rogalit-Gewölbe. Heute betritt er zum zweiten Male die Leuchtgrotte. Eine innere Stimme drängt ihn dazu. Sho-Ril ist vertraut mit dem Kristallgestein. Er weiß um die bedeutsame Geschichte des Rogalits, das in Legenden die Zeit überdauerte.

Seine Mutter las ihm als Kind oft aus dem Arimeanischen Almanach vor. Dort drin waren alle überlieferten Geschichten enthalten, die man sich je erzählt hatte. Das ist mittlerweile fast vierhundert Jahre her. Später durchblätterte Ril selbst das Buch.

Wehmut befällt sein Herz, wenn er daran denkt. Allein der Geruch des Lhymholzes, der Jahre später noch am Papier haftete, löst angenehme Erinnerungen aus. Mittlerweile gibt es keine Bücher mehr. Alles gespeichert in hochwertigem Rogalit. Millionen von Wälzern finden Platz in drei Quadratzentimeter! Ril hat seine gesamte Bibliothek um den Hals hängen.

Doch deswegen ist Sho-Ril nicht ins Gewölbe gegangen. Er folgt einem seltsamen Ruf des Gesteins. Denn er ist der ›Kristall-Flüsterer‹. Diesen Namen hat er sich nicht selbst zugelegt, sondern Urio, die Sho-Ril leidenschaftlich gern bei seinen »meditierenden Unterredungen« zusieht. Genau beschreiben kann es Ril auch nicht, was er da tut. Er vergleicht es eher mit Telepathie. Allerdings gilt auf Arimea ein Grundsatz: Gedankenübertragung ist ausschließlich mit einem Lebewesen möglich, das mindestens ansatzweise über Bewusstsein verfügt. Demzufolge gelten, laut Urios Auslegung, Rogaliten als lebensfähige Materie. Darüber streiten und philosophieren die Zwei sehr häufig. Ril ist bisher nicht fähig, Urios Standpunkt handfest zu widerlegen. Insgeheim ist er mehr als einmal geneigt, der Leidensgenossin Glaube zu schenken.

Aber deswegen ist er, wie erwähnt, nicht hergekommen. Entschlossen folgt Sho-Ril die schmalen Stufen. Je näher er dem Gewölbe kommt, umso lauter die innere Stimme. Früher hat diese Stimme ihn beinahe in die Irre geführt. Mit der Zeit hat er gelernt, sie richtig zu deuten und auch zu würdigen. Die Artikulation erfolgt niemals mittels Worte oder Silben. Vielmehr werden – so vermutet Sho-Ril – über feine Stimulanzien Moleküle seiner Nerven angesprochen, die diese dann als Gefühl interpretiert weitergeben. Den Rest erledigt das Gehirn.

Der eigentliche Zugang ist ziemlich tief und er muss sich bücken. Ein vom Kristall abgegebenes Eigenleuchten taucht Sho-Ril in ein wundersames Licht. Jeder auch noch so zarte Strahl beeindruckt durch eine wundersame, sanft-zärtliche Berührung. Jedes Mal berührt ihn diese Art aufs Neue. Fast scheint es, ein guter Freund begrüße ihn.

In seinem Kopf reagieren die angeregten Zellen mit der Arbeit. Er empfindet es wie ein wisperndes Flüstern, nur unverständlich. Seitlich des Einganges bilden Rogaliten einen sitzähnlichen Platz. Hier setzt er sich und beginnt zu entspannen. Mit geschlossenen Augen nimmt er die Rogalitenenergie auf, gibt sich ihr hin. Aus dem Wispern werden begreifbare Gefühlsregungen. Gleichmäßig atmend schließt er die Augen und lauscht.

Sei willkommen, Sho-Ril, gaukelt sein Hirn ihm eine sanfte Stimme vor. Anfangs erschrak er darüber heftig. Mittlerweile akzeptiert Ril dieses Phänomen, wonach auch die Auseinandersetzung mit Urio einen wesentlichen Beitrag geleistet hat.

›Ich bin deinem Ruf gefolgt‹, formt er gedanklich.

Dafür danke ich dir.

›Ich verstehe nur nicht, was so dringend sein kann.‹

Alles ist von Wichtigkeit umgeben. Unser Sein braucht diesen Antrieb.

›Du bist eine Lebensform?‹

Es gibt unterschiedliche Formen, die bewusst ihre Umwelt wahrnehmen. Nicht alle würdest du als Leben bezeichnen. Existenzen kennen keine Grenzen. Sie sind überall vertreten, auch wenn du sie nicht siehst oder hören kannst.

›Weshalb wähltest du mich?‹

Die Antwort kennst du, Sho-Ril.

›Sagst du es mir dennoch?‹

In seinem Kopf beginnt ein Rauschen.

Hast du dich schon Mal gefragt, warum du mich hören kannst?

Das hat er wirklich.

›Ja.‹

Zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?

›Keine konkrete, um ehrlich zu sein.‹

Einige Minuten der Leere entsteht. Es fühlt sich wie ein Loch an, in das Sho-Ril hinein gezogen wird.

Bald wirst du es verstehen. Deswegen bat ich dich aber nicht zu mir.

›Weswegen dann?‹

Auf dieser Welt ist das, was du Rogalit nennst, überall vorhanden. Deinen Gedanken kann ich entnehmen, dass du darüber gut informiert bist. Sogar der Kern besteht zu dreißig Prozent aus diesem Mineral. Als euer Volk den Planeten eroberte, trieb es riesige Stollen in den Fels, um Rogalit zu fördern. Daraus erwuchs eine weltumspannende Industrie, die tiefe Narben hinterließen. Heute nutzt ihr es, seid aber immer noch unwissend.

›Inwiefern?‹

Auch das wird sich dir bald offenbaren.

Es folgt eine Pause, in der es Sho-Ril gelingt, an nichts zu denken.

In einer eurer Provinzen gibt es einen Rogaliten, der in der Anfangszeit dieses Planeten entstand. Dieser Kristall ist nun mit mir in Kontakt getreten.

›Es muss sich um etwas sehr wichtigem handeln.‹

Ja, Sho-Ril. Und es ist mir eine Ehre, vom ersten Rogaliten eingeweiht worden zu sein. – Doch nun zu meinem Anliegen. Mein Mineralium teilte mir mit, dass es einen weiteren von euch dort gibt.

›Noch einen? Wer?‹

Es ist ein Methelem namens Orinario.

›Ich glaube, den Namen bereits schon einmal vernommen zu haben …‹

Dieser Methelem hat große Gedanken. Ihr solltet miteinander in Verbindung treten.

›Welcher Art von Gedanken?‹

Gedanken, die euch gebührend geltend machen werden.

Drei

Er musste ihr einfach in die Augen schauen! Musste sich selbst überzeugen, dass sie ihn nicht kennt! Erst jetzt kann er es glauben.

Waylon steht teilnahmslos vor dem Panoramaschirm. In seiner Zeit lebte er von Karoline getrennt. Eine zweite Chance bot sich, als das Schicksal sein vierzig Jahre jüngeres Pendant seinen Weg kreuzen ließ. Nun ist alles anders. Nicht einmal ihn selbst gibt es noch …

Eine Welt ist zusammengebrochen. Seine Welt. Haben denn all die Erinnerungen daran noch den angemessenen Stellenwert? Sind sie echt, oder doch nur Wunschträume? Lebt er überhaupt? Ein Alptraum kann nicht schlimmer sein!

Unter ihnen zieht Uridräo seine Bahn. Er ist ein Ort von kosmischer Wichtigkeit. Wie anders ist sonst zu erklären, dass alle Wege hierher führen? Haben die alten Arimeaner etwa von dessen Bedeutung gewusst und deshalb als Stützpunkt erwählt?

Irgendwo und irgendwann entglitt die Geschichte völlig. Auch Dako ist niedergeschmettert und steht vor den Trümmern. Seiner Meinung nach liegt ein Fehler darin, dass er Cloe zum ahbleza berief. Es ist das erste Mal, dass er dies eingesteht. Was natürlich am derzeitigen Stand der Dinge nichts ändert. Aber altes rückgängig zu machen ist nahezu unmöglich geworden. Der Glaskabine beraubt, stehen beide Männer vor den angerichteten Scherbenhaufen gescheiterter Existenzen.

Von der Krake ist nichts zu sehen. In ausweglosen Situationen einen klaren Kopf zu behalten ist fast unmöglich. Dako kennt solche zur Genüge, hat jedoch ebenfalls immer seine Probleme damit. War er früher immer allein, fühlt er nun gegenüber Waylon eine gewisse fürsorgliche Pflicht. Was hat den Dakota bloß geritten, den eigenen Sohn mit hineinzuziehen? Der Gedanke martert sein Gehirn. Es gab Zeiten, in denen solche Menschen dafür an den Marterpfahl kamen. Heutzutage werden sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und dürfen nie zurückkehren.

Das Gesetz der Wildnis ist hart, dennoch gerecht; denn nur die Starken können überleben. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann der Stamm überleben und den Feinden strotzen. Schon komisch, was die Zeit verändert …

Auch Dako hat sich verändert. Nicht gerade positiv, wie er sich eingesteht. Nach dem Aufeinandertreffen der beiden Waylons überlegte er ernsthaft, ebenfalls sein jüngeres Ich aufzusuchen. Für einen Augenblick sah Dako darin die einzige Möglichkeit, zu ändern, was angerichtet wurde. Doch dann verwarf er es wieder, stellte es ad absurdum. Dafür aber reicht die Kraft nicht mehr aus.

Sanft und nahezu geräuschlos setzt der Gleiter nahe des Baumhauses auf. Nicht sofort steigen die Insassen aus. Geraume Zeit vergeht, bis Dako schließlich hinaus geht, gefolgt von Waylon. Beiden ist deren Niedergeschlagenheit anzusehen; ihr Gang ist schleppend, die Gesichter müde. Ohne ein einziges Wort treten sie hinaus und schlagen unterschiedliche Richtungen ein. Nichts deutet auf gemeinsame Ziele hin.

Unweit des Gleiters lässt sich Dako in den Sand sinken. Sein leerer Blick starr aufs Meer gerichtet, versucht er die Kopfleere mit Leben zu füllen.

Waylon geht es ähnlich. Nach einigen Metern bleibt er stehen. Um Jahre gealtert, fehlt von seiner bisherigen Rüstigkeit jegliche Spur. Ihm geht der Atem aus. Erschöpft setzt auch er sich nieder. Eine bleierne Schwere bemächtigt sich seiner. Gefühlt lasten Tonnen auf Waylon, die ihn zu erdrücken drohen. Ihm wird schlecht, der Untergrund wankt. Dann kippt er seitlich weg …

Ähnlich ergeht es Dako, den eine plötzliche Müdigkeit ereilt, mit dem Unterschied, dass er im Sitzen einschläft. Übergangslos sind Vater und Sohn ins Reich der Träume abgetriftet. Was löste dies aus?

Zehn Minuten früher. In der Stützpunktzentrale herrscht Hochbetrieb. Das Überwachungssystem löst einen gellenden Alarm aus.

»Eindringlinge«, ruft Jayden. »Sektor zwölf.«

»Wieviele?«

»Mindestens zwei, Callum.«

Die Wächter überprüfen nochmals den Scan.

»Airbugs?«

Callum nickt als Zeichen des Einverständnisses. Diese winzig kleinen Nano-Käfer übernehmen die Luftaufklärung. Sollten die Eindringlinge böse Absichten haben, führen die Bugs eine unangenehme Überraschung mit sich.

»Sind es Arimeaner?«

»Nein, auch wenn es sich um einen uralten Gleiter unseres Planeten handelt.«

»Bilder?«

»Noch nicht. Aber sie sind ausgestiegen.«

»Wir gehen kein Risiko ein. Schick die Bugs und setz sie außer Gefecht.«

Jayden bestätigt.

So fliegen ein halbes Dutzend der Nanoaufklärer los. Unbemerkt erreichen die kleinen Bugs den Landeplatz. Da es sich um Huminide handelt, aber nicht um Arimeaner, setzen sie sogleich zum Angriff an. Ein kurzer Stich in der Nackenpartie genügt, um ein einschläferndes Mittel zu injizieren. Die Folgen sind bekannt. Nach erfolgreicher Tat schwirren sie wieder in den Stützpunkt zurück.

Die kahlen Wände irritieren Waylon erst einmal. Mehrmalige Augenaufschläge vergehen, bis er erkennt, wo er sich befindet. Es ist die selbe Unterkunft wie damals, als Karoline, Sophie und Elionor hier waren. Wie lang ist das eigentlich her? Ein Jahr oder zehn? Waylon weiß es nicht. Durch die verwirrten Geschehnisse hat er sein normalerweise gutes Zeitgefühl verloren. Aber was macht das schon?! Zeit ist eben doch nur relativ. Für den einen vergeht sie schnell, für andere viel zu langsam.

Waylon gähnt herzhaft. Im weichen Bett hat er lang nicht mehr gelegen. Es ist wohltuend und er will gar nicht aufstehen. Müde und benommen dreht er sich auf die Seite. Nur noch fünf Minuten! Das sollte eigentlich drin sein.

Da fällt ihn ein, was Waylon am liebsten verdrängen möchte, nämlich weshalb es sie wieder nach Uridräo verschlagen hat. Hellwach springt er auf. Schnell wird klar, dass sich niemand im Raum befindet. Rasch sucht er die Nasszelle auf und macht sich fertig. Endlich wieder einmal als Mensch fühlen!

Frisch verlässt Waylon seine Unterkunft und wendet sich in Richtung Zentrale. Ihm kommt es vor, als sei es gestern gewesen, dass er hier war. So vertraut ist alles.

»Schön dich zu sehen, Waylon«, begrüßt ihn Callum wirklich herzlich.

»Ach, wirklich? Nach allem was passiert ist?«

Natürlich hat Waylon nicht vergessen, dass Callum Karoline entführte um den Kristall zu erpressen.

»Was hast du, Waylon? Habe ich dir etwas getan?«

›Ist das sein Ernst?!‹, denkt Waylon mit einem aufkeimenden Wutgefühlt. Laut fragt er: »Warst du schonmal auf der Erde?«

»Erde? Was ist das?«

Blitzartig erscheint in Waylons Geist das Bild des vermeintlichen Callum. Was sagte der damals noch? Waylon erinnert sich: »Mistel Latham! Ich weiß nicht, was Sie fül ein Spiel spielen! Sie wollen mich kennen, und ich kann mich nicht entsinnen, mit Ihnen jemals eine Untelhaltung gefühlt zu haben. Besinnen wil uns stattdessen auf unsel heutiges Anliegen, und lassen Flüheles luhen!«

Jetzt, da Callum direkt vor ihm steht und beides vergleicht, kommen Zweifel.

»Sorry, aber das ist alles so verwirrend …«

»Nicht der Rede wert«, beschwichtigt Callum mit einem gütigen Lächeln. »Seitdem du aufgebrochen bist haben wir uns nicht mehr gesehen.«

Waylon nickt traurig.

»Ich glaube, ich bin dir eine Erklärung schuldig.«

Und Waylon berichtet den verblüfften Wächtern ausführlich von seinem Scheitern. Je länger er spricht, umso mehr kommt er zu dem Schluss, wie sinnlos sein Unterfangen von Anfang an war. Er musste einfach scheitern!

Doch dann verstummt Waylon mitten im Satz, denn ihn kommt plötzlich ein Gedanke.

»Als ich von hier startete, wurde Uridräo vernichtet. Wie kann es sein, dass ihr …«

»Vernichtet?«, schaltet sich Jayden ein. »Du musst dich irren, Waylon!«

»Ich hab’s deutlich gesehen! Ich irre mich nicht!«, ereifert sich Waylon.

»Aber es ist alles so wie immer«, ergänzt Callum. »Sonst wären wir nicht mehr hier.«

Das ist eindeutig zuviel für Waylon. Er versinkt in schwindelerregende Grübeleien, einem nicht mehr zu entfliehen könnenden Morast selbstzerfleischenden Geistes.

Ruhig und gelassen bleibt dagegen Callum, der auf den Freund beruhigend einredet.

»Als du aufbrachst, war es sehr früh am Morgen. Du musst einer optischen Täuschung erlegen sein.«

»War es schon hell?«

»Nein, dunkel«, antwortet Jayden. »Du könntest es kaum erwarten, den Gleiter …«

»Ha!«, schreit Waylon. »Es war hell und ich nahm die Glaskabi …« Er verstummt und es entsteht eine unheimlich laute Stille. Alles in ihm schreit auf! Innerlich neigt er zur Hysterie, beherrscht sich aber soweit, dass er äußerlich ruhig bleibt.

»Ich bin mit keinem Gleiter gestartet damals«, sagt er jedes Wort betonend. »Sondern mit dem Transmitter. «

»Nein, Waylon. Ganz bestimmt hast du den Gleiter genommen. Wir haben keine Kabinen!« Jayden klingt überzeugend.

»Das mögt ihr vielleicht denken. Aber es war alles anders.«

Callum bleibt ruhig, doch in seinem Gesicht arbeitet es. Lang und eindringlich schaut er Waylon in die Augen. Der erwidert aktiv den Blickkontakt.

Während Jayden an seiner Version festhält und Waylon überzeugen möchte, versucht jeder in den Augen des Anderen zu lesen.

»Du kennst Transmitter, nicht wahr, Callum?«

»Nicht persönlich. Aber vor Jahrtausenden hat es einen Prototypen auf Arimea gegeben.«

»Und mit so einem Ding war ich unterwegs.« Waylon spricht sehr leise, aber klar und deutlich. Jayden will aufbrausend protestieren, wird von Callum jedoch zurück gehalten.

»Er sagt die Wahrheit, Jayden. Ich seh es in seinen Augen. Fragt sich nur, woher er den Transmitter hatte – und wo er jetzt ist.«

»Das kann ich euch sagen. Aus der Pyramide. Leider ist er vor zwei Tagen spurlos verschwunden. In Luft aufgelöst – weg.«

* * *

Nach der Diskussion benötigt jeder von ihnen frische Luft. Auf dem Felsvorsprung stehend, erzählt Waylon bruchstückhaft und ohne zeitliche Reihenfolge einige der für ihn einschneidendsten Erlebnisse. Immer wieder stockt er, wenn ungläubige Blicke ihn treffen. Besonders der hitzköpfige Jayden bringt ihn aus den Konzept.

Was Waylon jedoch am meisten verstört ist Callums gelassene Art, ganz so, als wisse er mehr. Der Dakota hingegen hält sich auffallend zurück, überlässt es Waylon zu sprechen. Stattdessen schlendert er in der Gegend umher. Insgeheim hofft er, durch einen Spaziergang den Kopf wieder freizubekommen. Inzwischen liegen dreißig Schritt zwischen Dako und der kleinen Gruppe.

Am Übergang zum Dschungel angekommen, werden auch dessen Geräusche vernehmlicher. Blätter wiegen sich im lauem Wind, stimmen ihn wehmütig. Ein Gefühl der Sehnsucht nach Heimat erwacht. In all den Jahren hat er seine Wurzeln verleugnet. Als ahbleza wollte er Gutes tun, stattdessen hat er alles verkompliziert. Nun steht Dako vorm hinterlassenen Scherbenhaufen und die scharfen Splitter drohen noch tiefere Wunden zu hinterlassen.

Ein ruckartiges Rascheln unterbricht die schmerzhaften Überlegungen. Erschrocken schaut Dako auf. Außer der grünen Pflanzenwand kann er nichts auffälliges entdecken. Vielleicht hat sich nur eine Spannung im Geschling gelöst, die der letzte Sturm hinterlassen hat. Mit diesem Gedanken wendet Dako sich ab und schlendert wieder zurück.

Da durchbricht etwas Schweres die Ranken und Dako zieht instinktiv den Kopf ein. Für den Moment verfällt er in eine Starre, bleibt regungslos stehen und lauscht. Er steht ohne Deckung da. Was immer hinter ihm steht, hat leichtes Spiel.

War das eben ein Fauchen? Aber hier gibt es doch so gut wie keine Raubtiere! Damals ein gewichtiger Grund, als Rebecca Uridräo auswählte.

Da – wieder!

Sich zur inneren Ruhe zwingend, dreht Dako ein wenig den Kopf. Im Augenwinkel kann er nichts sehen. Erleichtert wendet er den Kopf noch ein Stück weiter. War es nur Einbildung? Und dann trifft sein Blick den des Mohrenmakis.

Das Weibchen hat dich auf die Hinterpfoten gestellt und mit den Vorderpfoten vollführt es winkähnliche Bewegungen.

»Wihakayda! Du bist es!«

Erst jetzt erklingt das überschwängliche Flippern der Kleinen. Scheinbar hat ihr Dakos ungewöhnliches Verhalten sosehr irritiert, dass sich das Maki-Weibchen ebenso ruhig und abwartend verhielt. Nun aber gibt es kein Halten mehr und die Freude durchbricht alle vorherigen vermeintlichen Schranken. Und seine Stimmung verbessert sich schlagartig.

Neuen Mutes gehen Dako und Wihakayda zu den anderen zurück. Gerade beendet Waylon seine Geschichte.

»Es steckt viel Wahrheit in deinen Worten. Auch wenn ich nicht alles nachvollziehen kann. Dennoch glaube ich dir.«

»Danke, Callum.«

»Aber du glaubst ihn doch nicht wirklich?!«

»Vieles von dem, was Waylon erzählt hat, erinnert mich an die alten Legenden. Besonders das er von Dingen berichtet, die es nicht geben dürfte.«

»Aber es sind doch nur Legenden! Niemand kann sie bestätigen.«

»Aber doch gibt es sie, Jayden. Wenn Sie sich über all die Jahrtausende halten konnten, steckt mehr dahinter.«

»Für mich sind das allenfalls Märchen.«

»Die einen Ursprung haben. Und wir bewahren Sie, Jayden.«

»Was gedenkst du zu tun?«

»Unserem Kodex folgen. Waylon und Dako sind der Schlüssel dazu.«

»Schlüssel zu was?«

»Die Zeitirritation!«, murmelt Dako.

»Der normale Zeitstrahl wurde gestört. Und eine dunkle Ahnung in mir weist uns den Weg.«

Verblüfftes Schweigen begleitet fragende, auf Callum gerichtete Blicke.

»Waylon, Dako und ich werden heute noch aufbrechen.«

»Und wohin?«

»Zum Ursprung der Legenden, Waylon. «

Gänsehaut lässt Waylon frösteln.

»Und wohin genau?«

»Nach Arimea.«

Sie kommen aus den Staunen nicht mehr heraus.

»Mit einem Raumschiff?«

»Nein, Dako. Ein Schiff brauchen wir nicht. Wir nehmen das Transportsystem der Glocke.«

Vier

Arimea, Provinz Arkonim, Erdzeit minus 154 Millionen Jahren.

Tuteno geht noch einmal den Plan durch. Alle bisherigen Experimente versprechen endlich den lang ersehnten Durchbruch. Die Crew der »Sternengral« hat gute Arbeit geleistet. Milas Einsatz hat sich gelohnt, besonders ihr Mut, arimeanisches Erbgut zu verwenden. In absehbarer Zeit wird Lokar mit dem ›RZG‹ starten. Dann wird man sehen, welche Fortschritte das Leben des Randplaneten gemacht hat.

Alte Träume könnten bald wahr werden. Wenn alles gut geht, würden bald in einem fernen Universum arimeanischähnliche Wesen die Geschicke des Randplaneten lenken. Somit entstünde ein zweites Arimea, ganz im Sinne der Ahnen. Doch Tuteno denkt noch weiter. Er würde alles daran setzen, weitere Planeten zu finden und dort ebenfalls eigenes Leben einhauchen. Damit soll ein Siegeszug seiner Rasse das gesamte Universum durchziehen und ein Imperium entstehen, das unbesiegbar sein wird.

Bisher hat Tuteno noch mit keinem Vertrauten darüber gesprochen. Zuerst muss die Allianz weiter gestärkt und der Randplanet besiedelt werden. Dafür müssen neue, ungewöhnliche Wege gegangen werden. Dass sich bereits Individuen entwickelt haben, stört ihn nicht. Nichts deutet auf Intelligenz an. Selbst wenn, wird der eingeschlagene Weg unbeirrt weiter verfolgt. Daran besteht kein Zweifel. Solange wird er gegenüber der Öffentlichkeit schweigen.

Der Plan ist gut, befindet Tuteno selbstzufrieden. Und in der Crew hat er wichtige Verbündete gefunden. Lokar ist hochmotiviert und ein treuer Vasall. Solch aufstrebende loyale Männer braucht die Sache! Und Tuteno wird alles daran setzen, die Paladine weiter zu ermutigen.

Auch Orinario gedenkt er, auf seine Seite ziehen zu können. Wenn Tuteno nur dahinter käme, was der Älteste in seinen Gemächern treibt! Hierbei muss es sich um etwas gewaltig wichtiges handeln. Anders ist nicht erklärbar, weshalb Orinario manchmal über Tage seine Wohnwaben nicht verlässt. Dass den Wächter-Ältesten ein Geheimnis umgibt, ist offensichtlich. Nur welches?

Wenn er mehr herausfinden will, muss Tuteno bedacht vorgehen. Mit einem unerfahrenen Lokar gibt es keine Probleme. Bei Orinario, dem einiges nachgesagt wird, verhält es sich anders. Ein Umstand, der schwierig händelbar sein wird.

Tuteno atmet aus. ›Der Reihe nach‹, ruft er sich zur Ordnung. ›Schicken wir erstmal Lokar los.‹

Der Kommunikator an Lokars Arm summt. Auf kürzestem Wege geht er in seine Kabine, schließt die Luke. Dann erst nimmt er das Gespräch an.

Das Gesicht des Vorsitzenden des Wächter-Magistrats erscheint lebensgroß. Kurz und bündig fordert Tuteno ihn auf, sofort eine weitere Erkundungsreise zu unternehmen.

»Zu niemand ein Wort«, beschwört ihn Tuteno. »Ich habe die Befürchtung, dass die Blender sehr aktiv sind. Trau also niemandem!«

Lokar liegt eine Frage auf der Zunge, kommt allerdings nicht dazu. Die Verbindung ist längst unterbrochen.

Weitestgehend hat er freie Hand, was die Mission zum Erfolg führt. Neben Tuteno wurde er umfangreich von Orinario instruiert. Demzufolge überrascht es ihn nicht, dass die Blender die Ziele des Magistrats durchkreuzen wollen. Somit findet er die Geheimhaltung gerechtfertigt und legitim.

Natürlich entgehen Teasar die Vorbereitungen nicht.

»Gehts wieder los?«

Sichtlich erschrickt Lokar.

»Sieht so aus«, antwortet er kühl.

»Steht viel auf dem Spiel, nicht wahr?«

»Sieht so aus …«

»Richtig gesprächig bist du nicht. Schade.«

»Hab’s einfach eilig.«

»Ich will dich auch nicht aufhalten, Lokar. Wollte dir einfach nur Glück wünschen …«

»Danke.«

»Und soll dich lieb grüßen von Amerona …«

Jetzt schaut Lokar ein wenig irritiert seinen Freund an.

»… oh … Sie spricht noch mit dir?«

»Warum denn nicht?«, lacht Teasar auf. »Sie freut sich für mich.«

»Das … das ist schön …«

»Finde ich auch. Frage mich nur die ganze Zeit, weshalb sie des Kommandos enthoben wurde …«

Lokar wird es unbehaglich zumute.