Der Morgenkristall¹ - Finley Mountain - E-Book

Der Morgenkristall¹ E-Book

Finley Mountain

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Beschreibung

Der heißgeliebten Arbeit beraubt, gibt sich Waylon Latham depressiv dem freudlosen Nichtstun hin. Mehr und mehr versinkt er im seelisch, körperlichen Chaos. Zäh hält er am blumig verklärten Gestern fest. Durch ein zufälliges Ereignis im Stadtpark wendet sich schlagartig das Blatt. Als er plötzlich an einem völlig fremden Ort erwacht, glaubt er zu träumen. Doch dann macht er eine Entdeckung, die alles Bisherige verblassen lässt. Auf der Suche nach Antworten findet er Spuren einer hochentwickelten Zivilisation, deren Existenz weit in die Vergangenheit zurückreicht.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Der heißgeliebten Arbeit beraubt, gibt sich Waylon Latham depressiv dem freudlosen Nichtstun hin. Mehr und mehr versinkt er im seelisch, körperlichen Chaos. Zäh hält er am blumig verklärten Gestern fest. Durch ein zufälliges Ereignis im Stadtpark wendet sich schlagartig das Blatt. Als er plötzlich an einem völlig fremden Ort erwacht, glaubt er zu träumen. Doch dann macht er eine Entdeckung, die alles Bisherige verblassen lässt. Auf der Suche nach Antworten findet er Spuren einer hochent wickelten Zivilisation, deren Existenz weit in die Vergangenheit zurückreicht.

Der Autor

FINLEY MOUNTAIN wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er in alten Klassikern, darunter auch Kurt Laßwitz und Jules Verne. Durch einen Comic kommt er zum Schreiben. Zeichnete er anfangs noch seine Charaktere, stellte er jedoch bald fest, dass ihm das Wort besser liegt. So entstehen erste, zaghafte Versuche. Unter Pseudonym veröffentlicht er im Internet Anfang 2000 zahlreiche Texte. Mit dem Morgenkristall¹ legt er nun sein Debüt in der Fantasy-Literatur vor.

FÜR WILLI

HANDLUNGEN UND PERSONEN SIND FREI ERFUNDEN. JEDE ÄHNLICHKEIT IST REIN ZUFÄLLIG UND UNBEABSICHTIGT.

Inhaltsverzeichnis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Eins

Waylon ist seit einem halben Jahr Rentner. Zeit seines Lebens bestand sein Dasein aus Arbeit, Arbeit, Arbeit. Nun, es ist auf einer Seite sehr schön, sich einzubringen. Manchmal nervig, um nicht zu sagen: Stressig. Kaum ein Wochenende, das es dem Namen nach wirklich gab. Pünktlich Feierabend? Im Schnitt schrubbte Waylon pro Woche mindestens zehn Überstunden. Nun denn – geklagt hatte er nie. Im Grunde genommen war er das, was in modernem Sprachgebrauch Workaholic genannt wird. Ohne sich darüber im Klaren zu sein, fand er Erfüllung im Job. Unzählige, nicht enden wollende Zahlenreihen beherrscht er eben so gut wie harter Arbeit Hände. Einzig allein endlose Autofahrten stahlen ihm den Nerv. So war das – damals.

Eines Tages wechselte das Management. Zwei Monate hatte er noch. Eigentlich! Eine allgemeine Verjüngungskur stand auf der Tagesordnung. Ob’s am neuen Chef lag, der vielleicht mit dem Alter an sich auf Kriegsfuß stand, wurde zwar gemunkelt, aber nie bewiesen. Wozu auch! Somit hatten Waylon und sechs seiner Kollegen schlechte Karten. In einem Anfall von Galgenhumor nannten sie sich die ›Gefallenen Sieben‹, in Anlehnung des erfolgreichen Spielfilms in den Siebzigern. Ach ja, war ja im alten Jahrhundert. Seltsam schon, dass Filme – je älter sie werden – zu Klassikern werden. Und ein jedes Kind weiß, wie wertvoll Klassiker sind.

Sobald seine Gedanken in diese Richtung gehen, überfällt Waylon eine bisher ungekannte Wehmut. Nur selten gesteht er sich – in solch depressiven Anfällen – ein, nutz- und wertlos geworden zu sein. Plötzlich ist der Sinn des Lebens infrage gestellt. Und alles fließt nur noch ständig bergab.

Bereits eine Woche nach dem Stichtag will er sein altes Leben zurück. Die eine Woche empfand er noch als Urlaub, obschon nach zwei Tagen ihm die Decke auf dem Kopf fiel. Ablenkung fand er nicht. Weder das marode Fernsehprogramm noch etwaiges Lesen (Romane sind etwas für Weicheier und Hausfrauen) vermochten Waylon zu begeistern. In der darauf-folgenden Woche bekam er Herz-Rhythmus-Störungen. Unter seiner Brust entstand ein beängstigendes Trommelfeuer. Nur an den spärlich stattfindenden Treffen der ›Gefallenen Sieben‹ fand er Gefallen. Ja mehr noch: Waylon blühte regelrecht auf. Das Eintauchen in die Vergangenheit ließ das Hier und Jetzt vergessen. Vor dem geistigen Auge begann die verlorene Welt verklärt aufzuerstehen. Und die vielen Erzählungen, welche mit »Weißt du noch« begannen, wurden zum Fundament entstehender personalisierten Kleinlegenden.

Es ist schon eine Sache mit dem Alter. Erst kann man nicht schnell genug erwachsen werden, dann will man es nicht wahrhaben, den Zenit zu überschreiten.

Waylon erhebt sich aus dem Sessel. Dieser ist für ihn ein wahrlicher Freund geworden. In ihm schwelgt er gern und ausdauernd in der geliebten Vergangenheit. Hier ist sein schützender Hort, der ihm die Sehnsucht schenkt und ab und an ein Stündlein Schlaf. Ansonsten weiß er nichts mit der üppigen Zeit was anzufangen.

Seit einigen Tagen plagt Waylon ein weiteres Zipperlein. Die Schmerzen kommen überfallartig, bleiben vehement bis sie urplötzlich wieder verschwinden. Dabei sind sie nicht so Recht definierbar. Mal sind es die Gelenke, mal die Weichteile dazwischen. Waylon wusste gar nicht, was einem alles so wehtun kann. Wie winkte er doch abwegig ab, wenn früher die Alten meinten, er solle erst mal abwarten und werde dann schon sehen, was ab die Mitte Vierzig an Leibesschwäche auftritt. Jetzt hat er den Salat, oder was es auch immer ist.

»Ich will nicht Nichts machen!«

›Kommt geistiger Verfall eigentlich vor oder nach dem Körperlichen? Sollte dies eine rhetorische Frage sein, will ich Antworten finden. Bei philosophischen muss ich passen‹, denkt Waylon. Den Selbst-Überdruss den Kampf ansagen, ist genauso schwer, wie Golf mit einem Ei. Aussichtslos den Ball, oder besser das Ei, unbeschadet ins Loch zu bugsieren. Oh mein Gott!

Doch dieser scheint kein besonderes Interesse an Waylon, dem Leidenden, zu haben. Er muss etwas falsch machen! Schließlich gibt es immer einen Horizont. Wenn auch im Augenblick alles im Nebel liegt. Oder ist es Dunkelheit? Die tiefste Schwärze aller Schwärzen? Oder nur der nebeligste Nebel! Oder …

Sein Gedankenkarussell nimmt bedrohlich an Fahrt auf. Um nicht zu sagen an rasanter Fahrt. Er fühlt sich wie ein Fisch ohne Wasser in einer überschallschnellen Rakete ohne Luft. Wenn auch der Vergleich hinkt, trifft er doch genau des Pudels Kern. Nicht zu vergessen die viel publizierte Alterspyramide, die eine Zukunft prognostiziert, natürlich auf Statistikebene und wissenschaftlich untermauert, die perspektivlos und menschenunwürdig ist. Und er mittendrin im Dilemma.

Bei diesem Gedanken stellen sich sporadisch schon mal die Schmerzen ein, begleitet von komatöser Müdigkeit. Ideenlos, der jetzigen Realität entfliehen zu können, begibt er sich zu dem mittlerweile zur Heimat gewordenem Sessel und ergibt sich ganz seinem Schicksal.

Zwei

Zweiuhrzweiundzwanzig.

Irgendjemand spricht zu Waylon. Er kann die Stimme hören, verstehen nicht. Egal. Ich bin müde! Doch die Stimme ist hartnäckig. Vermutlich mag der oder die seine oder ihre Gedanken mit ihm teilen. Dafür hat aber Waylon nicht die winzigste Spur von Interesse. Und für ein Palaver über dies oder jenes oder gar dem Wetter sowieso nicht! Punkt und Ende!

Er dreht den Kopf auf die andere Seite. Für einen Augenblick wird die Stimme leiser, bewegt sich weg von ihm. Gut so. Doch der Augenblick ist weniger als ein Lidschlag (wenn Waylon die Augen geöffnet hätte). Wie lang ist doch noch mal ein Lidschlag? Ein paar tausendstel? Hm. Ohne Vorwarnung fällt die Stimme ihm lauter als zuvor in die aufkommende Gedankendiskussion. Er schnauft. Versucht zu blinzeln. Es fällt unsagbar schwer! Tief Luft einziehend (wohl mehr aus Wut über die Störung seiner Ruhe) kommt Bewegung in Waylons Leib. Zuerst zappeln die Zehen, dann die Füße. Warum auch immer, es ist ebenso. Hinzu gesellt sich manifestierendes Schnauben mit unrhythmischem Schnarchen. Noch immer beharrt die Stimme auf einer Unterhaltung – nur er möchte sie nicht! Mensch! Dessen unbeeindruckt wird aus einer Stimme zwei … Hä?

Mit den Füßen bewegen sich die Beine. Und beide Hände um krallen krampfhaft die Sessellehnen. Waylons Kopf geht von links nach rechts, von rechts nach links, von links nach rechts und von rechts nach links. Plötzlich bleiben seine Bewegungen erstarrt…

Nur ein klägliches Röcheln entrinnt seiner Kehle. Fast schon könnte man meinen … Aber dies ist nicht so. Sekunden später schreckt er panisch auf und starrt ohne festen Punkt in leere Fernen. Nur allmählich nimmt er die Realität wahr, die ihn umgibt und fest im Banne hält. Dann verschmelzen die schwärzeste aller Schwärzen und der nebeligste aller Nebel zum gewohnten Bild. Die Stimmen bekommen das Gesicht der oder die Nachrichtensprecher und alles ist beim Alten. Naja, beim Neuen, denn Waylon hängt am Alten seiner Vergangenheit, doch dies wurde ja bereits erwähnt. Gewohnheitsgemäß wandert sein Blick an die Wanduhr: Zweiuhrneunundzwanzig. Danach scheinen die Augen durchs Fenster. Da es dort ein unruhiges Flackern gibt, vom Fernseher verursacht und ansonsten alles dunkel ist, weiß Waylon, dass es mitten in der Nacht ist. Seit einem halben Jahr die Zeit, in der er sich unheimlich einsam fühlt und mehr und mehr Ängste ihn beschleichen. Erfahrungen, die er nie kannte und auch nicht kennenlernen wollte. In dieser Situation denkt er still an seine Ex, die mit dem Workaholic nie zu Recht kam und sich scheiden ließ, als er mit fünfunddreißig seinen Posten übernahm. Und schon beginnt von neuem das Gedankenkarussell, das erneut an Fahrt aufnimmt.

Mit einem Satz steht Waylon auf den Beinen. Kurz innehaltend, da die Schwärze ihn noch einmal überfällt und nicht loslassen möchte, hält er geübt das Gleichgewicht. Zweimal tief mit geschlossenen Augen durchgeatmet geht er im Anschluss ins Bad. Hier dreht er das Wasser auf. Ein heißes Bad tut so manches Wunder. Und genau diese Wunder braucht er jetzt …

Gegen sieben geht die Sonne auf. Ein goldenes Band erstreckt sich am Horizont in voller Breite. Nicht eine Wolke am Himmel! Auf der Westseite des Hauses ist es dagegen noch dunkel.

Angezogen wie vor einem halben Jahr geht Waylon vor die Tür. Geschniegelt und gebügelt fühlt er Vollkommenheit. Gierig zieht er die frische Morgenluft ein. Nach wenigen Schritten verfällt er wieder in den alten schnellen Schritt, der gehetzt und wichtig wirkt. Erst als er den Marktplatz erreicht, verlangsamt er bewusst seinen Gang. In einer knappen halben Stunde erst öffnet der Imbiss. Seit Jahr und Tag der erste morgendliche Gang. Ja, manches ändert sich wohl nie.

Gemächlichen Schritts und mit scheinbarer Gelassenheit schlendert Waylon über den Platz. In zweihundert Metern Entfernung strömen ungehindert Mengen von Menschen vorüber. Alle nur eines im Sinn, rechtzeitig auf die Arbeit kommen. Bereits die Hektik am Morgen verbreitend, mit müdem ernst drein schauendem Blick, hechten Frauen und Männer stressbeladen durch die Menge. Begleitet wird die Szene durch Nerv tötendem Hupen und Geplärre. Bremsen quietschen. Sirenen eines Rettungswagens durchschneiden den Lärm zusätzlich. Alles in allem: Ein ganz normaler, großstädtischer Tagesbeginn.

Noch siebzehn Minuten. Wenn die Zeit vergehen soll, bleibt sie stur und bockig im Gleichtakt. Aber wenn man sie brauchte. Waylon kann sich ein wissendes kopfschüttelndes Auflachen nicht verwehren. Und die Uhr zeigt nur eine Minute später an, als es eben war. Auf die brodelnde Menschenmasse hat Waylon im Moment überhaupt keinen Bock, somit ändert er die Richtung und wendet sich einer engen Nebengasse zu. Versunken im eigenen sumpfigen Ich schlendert er weiter. Sieht nicht die wenigen Menschen, die doch seinen Weg kreuzen. Ein schulpflichtiger Fahrradfahrer klingelt sicherheitsbewusst. Waylon schaut jedoch nur müde und abwesend auf. Immer weiter entfernt er sich so dem Markt, nicht bewusst, wohin es nun gehen wird.

Der unfreiwillige Rentner betritt gedanklich bereits weit zurückliegende Situationen im Leben. Durchlebt schöne Ereignisse, für die er dankbar ist, sie gelebt haben zu dürfen. Wischt einfallende negative Erfahrungen unwillig bei Seite. Irgendwie wirkt dies ein wenig unrealistisch. Einige der Passanten sehen ihn auch dementsprechend unsicher hinterher.

Zehn Minuten ist Waylon bereits unterwegs. Voll eingetaucht in Zeit und Raum einer Welt, die einmal die seine war. Nur wenige Meter trennen Waylon vom Stadtpark.

Drei

Sattes Grün begrüßt die Parkbesucher. Eine wahrliche Oase reinster Lebensquell. Wildwuchernde Pflanzen mit farbenfrohen Blüten gibt es ebenso wie glatt geschnittenen Rasen und gepflegten Baumbestand. Wege durchschlängeln sanft das Grün. Ähnlich kleiner Inseln im Atlantik, nur dass nicht Wasser sondern erdige Wege sie umflossen. Schon wenige Meter in den Park genügen, um das Stadtleben vergessen zu machen. Idylle soweit das Auge reicht. Mannshohe Hecken am Rand blocken Straßenlärm und -duft. Von zehn bis sechzehn Uhr scheint bei gutem Wetter die Sonne. Bäume bieten ein luftig-schattiges Plätzchen, und bei Regen ausreichend Schutz. Entspannung pur für Geist und Seele.

Ohne es bewusst zu bemerken steuert Waylon seinen Lieblingsplatz an. Er wohnt nunmehr achtundzwanzig Jahre in der Stadt. Vom Land kommend liebt er die Natur und weiß die beruhigende Wirkung sehr zu schätzen. So verrückt es auch ist: Heute sehnt er sich im Stillen nach miefigen Autoabgasen und klimatisiertem Büro. Nur zögernd nimmt er die Umgebung war. Erschrocken stiert Waylon auf den gigantischen Baum mit der alten verwitterten Holzparkbank davor. Wie oft hat er sich schon gefragt, weshalb dieses Ungetüm von Baum noch steht? Vom ersten Tag an, soweit er sich erinnert. Der Baum ist nicht schön, hat aber etwas. Er strahlt Geschichte aus und beständige Ruhe. Nach der Scheidung saß Waylon oft unter ihm und fand den verloren gegangen inneren Frieden wieder. Er sah in dem alten Baum eine Art Therapeut, wenn auch einen schweigsamen. So schweigsam jedoch ist der Baum auch wieder nicht. Wenn der Wind mit seinen Blättern spielt und man genau hinhört, kann man ihn sprechen hören. ›Wann nur war ich das letzte Mal hier?‹ denkt er. Sofort sind all die letzten Gedanken verschwunden und er fühlt des Baumes Kraft. Langsam, beinahe ehrfürchtig geht er näher. Waylon ist allein im Park. Kein Wunder, es ist ja Arbeitszeit. Je näher er kommt, umso mehr befällt ihn der Wunsch, sich dem Baum mitzuteilen. Wahrlich – einen besseren und verständnisvolleren Zuhörer gibt es einfach nicht. Die Bank ist nicht nur verwittert. Die linke Seite ziert ein Sprayer Bild, dessen Farben ausgewaschen sind. Eine Latte ist locker und hängt etwas herab. Die rechte Seite ist durchgewetzt und hat einen Riss. Waylon ist es egal. Er setzt sich einfach. Die Bank krächzt ein wenig, doch hält sie seinem Gewicht tapfer stand.

Einsetzendes Blätterrauschen erscheint dem Rentner wie eine vertraute Begrüßung. Ein Treffen unter alten Freunden kann harmonischer und freudiger nicht sein. Die aufkommende Rührung opfert Waylon eine winzige Träne ab. Ein glücklicher Seufzer entrinnt seinem aufgewühlten Inneren. Er, der leidgeprüfte und nutzlos gewordene, gealterte Mann ist Daheim. Dem Glücke nah schließt er die Augen. Lauscht auf dem Gesang der Blätter. Spürt den das Gesicht zart streichelnden Wind auf der Haut. Gerührt verharrt er in gleicher Stellung, länger als es ihm bewusst ist. Gewöhnlicher Alltagslärm ist dem Hier gewichen, um das Heut zu erleben und im Jetzt zu genießen. ›Könnt ich das nur immer haben!‹

Vergessen sind alle Sorgen, die belangloser nicht sein könnten. Als Teil von Mutter Natur, ja als Teil vom Ganzen fühlt sich das Leben plötzlich auch als Leben an. Ausgeglichen wie kaum vorher öffnet Waylon die Augen. So bunt wie gerade eben ist die Welt nur selten. Ist es real oder träumt er nur? Es ist schwer in völliger Entspannung Wahrheit von Illusion zu unterscheiden. Er kommt sich wie in einem Computerspiel vor, dessen virtuelle Welt sich kaum unterscheidet von der Wirklichkeit. Dank hochauflösender Grafik und schnellen Prozessoren. Selbst die Pixelwesen wirken echt. Die Gehirn-Wahrnehmung lässt sich leicht beeinflussen. Es gibt mittlerweile Tests, die Menschen in einer abgeschotteten virtuellen Welt zeigen, die mehrere Minuten brauchten, um wieder aus ihnen herauszukommen. Sie schienen verwirrt und desorientiert. In heutiger Zeit könnten die Menschen es leichter haben. Einst wurden Maschinen entwickelt, um die Arbeit zu erleichtern. Stattdessen wird das Leben unaufhaltsam schneller. Dank Mikroelektronik, die schon keine mehr ist, droht der Mensch in ihr unterzugehen. Er verliert stetig an eigener Entscheidungskraft, wirft sich modernen Kommunikationstechnologien unter, wie in der Antike Sklaven deren Herrschern. Ein maschineller Imperator sozusagen. Und die Entwicklung geht weiter. Noch kleiner, noch leistungsfähiger. Das Leben besteht bereits heute aus Bits und Bytes. Wie wird man es wohl in naher Zukunft nennen? Quantismus?

Das Rauschen des Baumes versiegt. Fast so scheint es, denke der alte Baum über Waylons Gedanken nach. Und wirklich, nach kurzer Zeit beginnt das Rauschen erneut. Diesmal leiser, bedächtiger. Waylon glaubt darin Worte zu hören. Wiederum schließt er die Augen. Ein Film läuft im Geiste ab. Wiesen und Felder, unzählige Blüten und Sträucher wiegen im Takt aufkommenden Windes. Sanft strahlt die Sonne. Es ist warm. Dann huscht ein Schatten über die Landschaft. Am Horizont wird es schlierig. Regen setzt sein. Aus dem Wind wird ein Sturm. Immer finsterer die Umgebung. In der Ferne zucken grelle Blitze. Donnerhall dringt bis an seine Ohren. Aus dem Sturm wird bald ein heftiges Unwetter, alles mit sich reißenden Böen. Der darauf einsetzende Orkan taucht alles stroboskopartig in finsteres Chaos ohne Ende. Die Intensität des Geschehens lässt Furcht aufkommen. Sie nagt am Verstand. Will nicht wahrhaben, was doch nicht abwendbar. Ein Entkommen ist nicht möglich. Ergeben im Schicksal wirkt Vergangenes verloren. Das Morgen ohne Chance, jemals den Tag erleben zu können. Die Sonne bleibt verborgen im Tal dunkler Albträume. Auch sie chancenlos. Inmitten ohrenbetäubenden Unheils kehrt plötzlich gnadenlose Stille ein. Auch sie schmerzt, wenn auch auf anderer Art. Nun bebt die Erde. Es ist genau spürbar, wie sie atmet. Wieder Stille. Und als sei nichts geschehen, werden Sterne am Firmament sichtbar. Einer nach dem anderen bahnt sich einen Weg durch die Nacht. Der Orkan wird zum Sturm und schwächt sekündlich weiter ab, um in einem lauen Nachtlüftchen zu verstummen. Kurz darauf geht der Mond auf. Weiche Schatten wirft sein fahles Licht. Seine Bahn am Himmel ist vorbestimmt. Unbeirrt nähert sich die Nacht dem Ende. Nachdem der Mond an Kraft verliert, beherrscht wieder Finsternis die Welt. Doch schon zeugt ein heller Streifen am Horizont vom nahenden neuen Tag.

Waylon öffnet die Augen. Er musste eingeschlafen sein, denkt er im ersten Augenblick. Erholt blickt er sich um. In der Nähe geht eine Frau mit dem Hund Gassi. Mehrere Kinder spielen mit einem Ball. Als er aufstehen will bemerkt er, dass er im Schatten sitzt, soweit ist der Tag bereits fortgeschritten. Sein Magen meldet sich. Ausgeruht steht Waylon auf. Kaum auf den Füßen muss er sich strecken. Oh, tut das gut …

Vier

Seit diesem Erlebnis geht Waylon jeden Tag zu dem alten Baum. Den Grund kennt er nicht, oder will ihn nicht wahrhaben. Ganz gleich: Es wird zu einem steten Ritual, aus dem er nicht nur neue Kraft sondern auch neuen Mut schöpft.

Die Zeit vergeht. Inzwischen ist es Hochsommer geworden. Einige Blumen sind bereits verblüht. Aus Baumknospen sind Früchte geworden. So schleicht die Zeit im Wandel dahin. Waylon findet des Nachts über ausreichend Schlaf, rasiert sich morgens sorgsam, erledigt anstehende Besorgungen. Aus negativen Gedanken sind positivere geworden. Spürbar geht es nun wenigstens nicht mehr bergab …

Sogar einen kleinen Tapetenwechsel, in Form einer Reise vor die Haustür, plant Waylon. Man muss nur wollen, dann kann nichts schiefgehen.

Die Tage vergehen. Mit der Zeit nimmt Waylon die ganze Sache lockerer. Heute ist Donnerstag. Nach einem Pott schwarzen Kaffees auf nüchternen Magen fühlt er sich stark genug, in den Tag zu starten. Der Großeinkauf steht an. Er greift nach der Geldbörse, den Einkaufszettel und ein paar achtlos zusammengeknüllte Plastiktüten, deren Aufdrucke bereits stark abgenutzt sind. Dann verlässt er das Haus. Sein Wagen steht in der Einfahrt. Gewohnheitsgemäß fasst er in die linke Hosentasche, um den Autoschlüssel herauszuholen. Dieser befindet sich an einem langen roten Band, damit er nicht verloren gehen kann. Doch egal wie Waylon auch in der Hosentasche sucht, kein Schlüssel! Panik will aufkommen. Verdammt. Ich muss noch mal zurück! Er macht auf der Stelle kehrt und geht auf die Haustür zu. Wo ist nur der Wohnungsschlüssel? Sämtliche Taschen der Hose sowie des Hemdes tastet er ab – nichts!

Mit einer Art stummen Stoßgebet und einer Andeutung eines Blickes nach oben drückt er gegen die Haustür, in der Hoffnung, dass sie nicht wirklich zu ist. Fehlanzeige! Schweiß läuft die Schläfe herab, der die Panik weiter verschärft. Sollte es wirklich wahr sein …?

Egal was er tut, es stellt sich als pure Wahrheit heraus: Der Schlüssel ist nicht auffindbar. »Verfluchter Scheißdreck!«, stößt Waylon anfallartig und auf hundertachtzig hervor. Sofort wird es ihm bewusst, eventuell gehört worden zu sein. Verlegen und mit tomatenrotem Kopf schaut er sich um. Wut und Panik gleichzeitig spürend geht über die Substanz. Was jetzt? Das Handy! Aufatmend greift er an die linke Brusttasche des längsgestreiften Hemdes. Im selben Moment glaubt er, das Herz bliebe stehen. ›Klar‹, denkt Waylon in einer klaren Sekunde, ›hab’s ja seit der Rente nicht mehr benutzt.‹ Der Blutdruck steigt rapide, die Lunge braucht dringend Sauerstoff. Erschöpft setzt er sich auf die Stufe. Gleich kipp ich um. Ich glaub ’s nicht! Ich. Glaub. Es. Einfach. Nicht! Im verzweifelten Versuch von moderner Selbstkasteiung und Eigenbeschimpfung der obszönsten Art, die man sich vorstellen kann (im Grunde genommen ist es noch viel schlimmer), stützt er den Kopf in die Hände. Betroffen vom dämlichen, beschissenen hirnlosen Versagen auf weiter Flur, kommt Waylon ganz langsam herunter und findet Beruhigung. Wenig später kann er wieder so denken, dass er Entschlussfähig und wieder bereit ist, zu handelt.

Entschlossen springt er auf und geht die zwanzig Meter in der Reihenhaussiedlung zum Nachbarn hinüber. Klopfenden Herzens klingelt er. Nichts. Nochmal klingeln. Wieder keine Reaktion. Zwei, drei Minuten wartet er, die ihm unendlich lang erscheinen. Erneut drückt der Daumen den Drücker länger als gewollt. Nichts. Waylon geht weitere zwanzig Meter. Nachbar Müller ist bestimmt daheim, überlegt er. Gleich oberhalb des Klingelknopfes fällt ihm der übervolle Briefkasten auf. Mist! Verdammter Scheißmist!

Mit hängenden Schultern und geneigten Kopf geht Waylon vierzig Meter zurück und wiederum zwanzig Meter weiter, um wieder einen Versuch zu starten.

»Morgen Waylon! Na, beim Morgenspaziergang?« Es ist Herbert. Der hat ihm gerade noch gefehlt.

»Man denkt ja trotz hohen Alters an die Gesundheit, Herbert.« Der klägliche Versuch eines Lächelns scheitert von Grund auf.

»Na, na, Waylon. Wirst doch nicht senil …« Herbert zwinkert ihm schelmisch zu. »Und die Siebzig hast du doch noch nicht erreicht, oder…«

Nein, hab ich nicht, will er entgegnen, bin ja nicht von alten Eisen. Stattdessen kommt eine abfällige Handbewegung zum Einsatz. Waylon geht weiter, da ihm nach einer gehobenen Konversation seinerseits etliches im Wege steht, und lässt den alten Bekannten einfach stehen.

An der Türklingel angelangt, wendet Waylon sich noch einmal um. Zuschauer braucht er jetzt überhaupt nicht. Erleichtert über Herberts Weitergehen läutet Waylon und geht in Phase zwei über. Es ist leichter, bestimmte Bemühungen in Prioritäten einzuteilen. Dadurch wird die Wegstrecke zum Ziel in kleinere Etappen aufgeteilt, und dies wiederum ermöglicht es schlussendlich auch die errungenen Etappen zu feiern. Über diese geistige Erklärung hat er übersehen, dass die Tür geöffnet und Mrs Pepper bereits auf den Weg zum Gartentor ist und er immer noch den Knopf gedrückt hält.

»Junger Mann, bitte. Für einen D-Zug bin ich zu alt.«

Ertappt nimmt Waylon den Daumen weg.

»Entschuldigung. Ich bräuchte mal Ihr Telefon.«

»Sie sind doch … Ja, Sie sind der Waylon. Wie geht es Ihnen denn?«

»Ganz gut…«

»Was macht die Arbeit?«

»Bin schon …«

»Waren Sie auf Geschäftsreise? Sie sehen überspannt aus. Ganz bleich im Gesicht. Da hilft ein guter Cognac, junger Mann.«

Waylon hat vergessen wie redselig Mrs Pepper ist. Wenn möglich macht er einen großen Bogen um die alte Frau. Und sie musste inzwischen uralt sein. Als Kind war sie ihm schon alt vorgekommen.

»Kommen Sie doch herein, Waylon. Dann trinken wir einen und …«

»Mrs Pepper. Entschuldigung. Ich müsste dringend telefonieren.«

»Oh, kommen Sie nur. Ich mach uns noch ein Tässchen frischen Filterkaffee.« Damit schließt sie das Tor auf.

Im Inneren des Hauses riecht es streng nach … ja, nach was eigentlich? Kräutern, abgestandener Luft, gewachsten Holz und nach süßlichem. Eben alt.

»Ist was passiert, Waylon? Geht es Ihrer Frau nicht gut?«

»Nein, nein. Sie ist – verreist.« Die Frage nach seiner Ex berührt ihn. Erst jetzt fällt ihm ein, dass die alte Dame zwar noch sehr rüstig, aber geistig weit in der Vergangenheit lebt. In diesen Moment kommen Waylons Probleme mehr als unwichtig und vor allem klein vor.

»Mein Schlüssel liegt im Haus, und ich muss dringend weg.«

»Ja, immer arbeiten. Sie müssen dringend ausspannen, Waylon. Machen Sie doch mal Urlaub!«

»Darf ich… telefonieren?«

»Aber sicher doch. Gleich links die Tür. Ich bin in der Küche und Brühe einen schönen Kaffee.«

Nicht lang muss Waylon suchen. Ein alter Apparat mit Wählscheibe steht auf einem uralten Telefontisch mit Deckchen. Er hebt ab. Es funktioniert. Schnell ist die Auskunft gewählt und bald darauf schildert er einem Schlüsseldienst sein Anliegen. Gut eine halbe Stunde brauche er, vernimmt Waylon. Dann ist das Gespräch beendet.

Kaum liegt der Hörer auf der Gabel und Waylon überlegt schon, wann er zum letzten Mal solch ein Museumsstück benutzte, kommt mit zwei Tassen auf einem Tablett Mrs Pepper.

»Setzen wir uns doch. Dann erzählen Sie mal.«

Wirklich noch alte Schule, denkt Waylon. Herzhaft und gastfreundlich.

»Ich muss gleich rüber, Mrs Pepper. Der Schlüsseldienst.«

»Trinken Sie doch. Milch und Zucker?«

»Danke. Schwarz genügt.«

Waylon nimmt die Tasse, die ebenfalls aus einem Museum stammen muss und nimmt einen schlürfenden Schluck. Angenehm des köstlichen Aromas wegen überrascht, entspannt er sich zusehends. Der erste Wow-Effekt des heutigen Tages. Inmitten des fremden Heimes kommen Erinnerungen auf. Wie bei Oma! Richtig heimelich! Immer willkommen. Ein wohliger Seufzer entfleucht. Auch Mrs Pepper ist still; genießt jeden einzelnen Schluck. Vielleicht genießt sie ja auch seine Anwesenheit. Ihre Augen scheinen zu leuchten. Schmunzelnd und hin und wieder nickend schwelgt auch die alte Dame in Erinnerungen. Rasch ist seine Tasse leer und das Schweigen hält an. Was ihm auffällt ist die Art des Schweigens. Es ist ein wohliges, entspanntes und verstehendes Schweigen. Keines, was kalt wirkt. Wär da nicht der anstehende Termin mit dem Schlüsseldienst, würde er gern länger verweilen. Vielleicht sollte er dies ja einfach mal tun …

»Ich muss leider, Mrs Pepper.«

Ohne eine Antwort abzuwarten erhebt er sich. Sie nickt.

»Danke für den Kaffee, er ist sehr köstlich.«

Wieder nickt sie. Mrs Pepper stellt die Tasse ab. »Besuchen Sie mich nur wieder einmal, Waylon«, sagt sie und steht ebenfalls auf.

»Ich kenne den Weg. Bis… später. Und danke.«

Zum Abschied hebt er den Arm. Draußen zieht er nachdenklich das Tor zu. Er kommt sich schäbig gegenüber der alten Frau vor. Schließlich ist er fast geflüchtet. Nicht vor ihr, versteht sich. Wohl eher vor der Güte und dem Wohlwollen. Und vermutlich vor der Krankheit, die schleichend ihren alten Körper anheimfällt. Sie muss um die Neunzig sein. Mrs Pepper war damals die erste Nachbarin, die ihn und seine Ex herzlich in der Siedlung willkommen hieß. Und von der damaligen Herzlichkeit hat sie nichts verloren.

Ein Wagen kommt näher, hupt. Endlich.

Im Supermarkt überfliegt Waylon den Einkaufszettel. Ganze hundertdreiundzwanzig Euro hat seine Gedankenlosigkeit gekostet. Nun heißt es: Was brauche ich am Nötigsten! Sinnlosigkeiten will er sich nicht leisten. Man weiß ja nie, was im Alter noch gebraucht wird!

Obst und Gemüse sieht heute nicht frisch genug aus. Gestrichen. Brot – weiter hinten. Getränke – äh, da. Ein Sixpack Bier, ein Pack Wasser. Reicht. Wurst. Ah ja. Am Fleischstand stehen unzählige Leute. Unter ihnen eine Inderin mit zwei kleinen quietschenden Kindern. Gerade wird ein Typ bedient, der ihm sehr bekannt vorkommt. Instinktiv bewahrt Waylon Distanz. Als der auch noch spricht, wird die Ahnung zur puren Gewissheit. Sofort schnellt Waylons Puls in unermessliche Höhen. Der Manager! Der Altenhasser! Ein geschniegeltes Jüngelchen mit gegeeltem Haar. Widerlich schnuckelig…

Angeekelt geht Waylon auf Dschungelkurs. So nennt er es, wenn er zwischen den Regalen und Menschen abtaucht, stets ein Auge auf potentiell gefährliche Begegnungen werfend. Wenn schon aus dem Arbeitsleben ausgeschieden, dann auch richtig. Und auf diesen Fatzke kann er getrost verzichten. Der stiehlt ihm nur die Luft zum Atmen. Außerdem – seine Freizeit gestaltet er so wie er will!

Ich muss hier weg!

Unvermittelt sitzt Waylon wie achteinhalb Monate früher auf diesen unbequemen Designerstuhl diesem Typen fassungslos gegenüber. Zwei Monate vor der regulären Rente. Misthund!

Schnell greift Waylon nach ein paar Konserven. Im durcheilen der Frischeabteilung fliegen mehrere tiefgekühlte Pizzen in den Korb, der erstbeste greifbare gefrostete Fisch und weiter geht’s zur Kasse. Zu guter Letzt erwischt er noch einen Beutel Brötchen zum selber backen. Shit! Verstopfte Kassen! Flüchtig wirft Waylon einen Blick in den Laden zurück. Keine Spur vom Feind. Schon will er aufatmen, als im äußersten Augenwinkel Waylon die unverwechselbare Statur des Flegels erkennt. Unwillkürlich zieht er den Kopf tief zwischen die Schultern. Starrt fest auf ein Paar Waren nahe der Kasse. Nur nicht hinübersehen!

Die Zeit zwischen anstehen, Waren aufs Band legen und endlich zahlen zieht sich ins Endlose. Dem Drang, einfach wegzulaufen, widersteht er – gerade so. Leider reicht seine Kraft nicht aus, nicht doch einmal zu schielen. Komisch. Das Jungchen scheint die Umgebung nicht wahr zu nehmen. Dafür flirtete der was das Zeug hält auffällig schmierig mit der Kassiererin. Waylon sieht diese nur von hinten. Lange blonde Haare, schlank bis zum Geht-nicht-mehr. Die typische naive Braut, die auf genau diesen Machogehabe abfährt. Unverhohlen beobachtet er die Beiden. Scheu los verfällt Waylon in die Beobachterrolle.

Piep. Piep. Pieeeeep.

Verwirrt zuckt er herum.

»Achtundfünfzig sechsundneunzig.«

Hä? Für die paar Dinge?

Mit herunter geklappter Kinnlade zieht er einen Fuffi aus dem Portmonee. Es folgt ein flüchtiger Blick in Richtung Flirt-Junkie und Blondine.

»Achtundfünfzig sechsundneunzig macht das!« Die Kassiererinnen Stimme wirkt bedrohlich fest und ungeduldig. Hinter dicken Brillengläsern sehen ihn zwei finstere Augen an, die keine Geduld zuließ. Waylon bemerkt seinen Fehler und krempelt das Portmonee um. Erfolglos stellt er fest, kein weiterer Schein! Auch im Kleingeldbereich nix als wertlose Cent Stücke. Notgedrungen zieht er die EC-Karte heraus, aber nicht ohne einen weiteren Blick Richtung – äh … Der Blondine. Schnuggelsche ist weg!

Den Pin muss er zweimal eingeben, ehe sie akzeptiert wird. Noch immer liegen die Errungenschaften am Band-Ende und irgendwie bekommt er das Gefühl nicht los, dass sich die Erde schneller dreht und er nicht in der Lage ist, ihr ebenbürtig zu folgen. Gefühlte Stunden später, feindlichen Blicken und eigener Langsamkeit ausgesetzt schafft er es endlich, verschwitzt und mit zittrigen Fingern und schlottrigen Knien, den Markt zu verlassen.

Daheim stehen die gefüllten Plastiktaschen verwaist im Flur. Wo ist Waylon? Kein Laut. Kein Geräusch. Sperrangelweit steht die Wohnzimmertür offen. Leises gleichmäßiges Ticken dringt aus dem Raum; untrügliches Zeichen vergehender Zeit. In der Raummitte wird es lauter, verliert aber nichts vom gleichmäßigen Klang. Einmal das Ticken vernommen, zieht es den Blick unweigerlich an. Bei dem hiesigen Zeitmesser handelt es sich um eine alte, aufwendig restaurierte Standuhr aus den neunzehnhundertzwanziger Jahren. Ein prachtvolles antikes Stück Jahrhundertgeschichte. Von unzähligen Besuchern bewundert, will das glanzvolle Stück nicht wirklich zu dem Stil der vorherrschenden Einrichtung passen. Dennoch fasziniert die Uhr einer vergangenen Epoche. Zur vollen Stunde erklingt melodiös das Schlagwerk. Selbst während der heftigsten Diskussion, die das Haus selbstredend in den Jahren schon erfahren hat, kehrt Stille ein. Und aus debattierenden Konkurrenten werden aufmerksame Zuhörer. Ein willkommenes Konzert der Zeit.

Auch jetzt, genau in diesen Augenblick, schlägt die Uhr. Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht – neun – zehn – elf. Im Nachhall des letzten Schlages kehrt der Augenblick der Gegenwart den Rücken. Und das Ticken tritt aus seinem Schatten, zählt minutiös ablaufende Sekunden.

Ein Stöhnen aus Richtung Sessel. Hier hat sich vor einer dreiviertel Stunde Waylon hingesetzt und den Kopf mit geschlossenen Augen in den Armen vergraben. Nur nichts mehr sehen, nur nichts mehr hören. Nur das Ticken begleitet seine Geistige Rückschau. Beide, Mensch und Mechanik, gehen in dieser Situation eine Symbiose beiderseitigen Beistands ein. Ohne die Zeit kann der Mensch nicht existieren, ohne Mensch wäre die Zeit nur eine Unbekannte. Auch wenn die Zeit nicht stets Waylons Freund ist, liebt er doch ihre Anwesenheit. Und sei es in Form der wundervollen Standuhr.

Nach dem elften klangvollen Schlag öffnet Waylon die Augen. War er eingenickt? Wahrscheinlich nicht, denn so aufgewühlt wie er war …

Schluss damit. Er ärgert sich über sich selbst.

»Latham du bist ein Idiot! Ein elender, verweichlichter, selbstbemitleidender Idiot.« Im Moment das einzig Richtige was er dazu sagen kann. Behäbig in der Bewegung geht er in den Flur. Missmutig nimmt er die Tüten. Aufkommende Gedanken ans Erlebte wischt er mit Ablenkung beiseite. Als die Gefriersachen tropfend ins Blickfeld kommen, hätte er aufschreien mögen.

Fünf

Der Reisetermin rückt näher. In zwei Tagen geht es los. Ein bisschen aufgeregt ist Waylon, aber auch froh. Endlich kommt er einmal heraus und auf andere Gedanken. Jedoch lehrte ihn das Leben, sich nicht zu sehr darauf zu freuen. Wie schnell floppt ein Ereignis. Enttäuschungen werden genährt durch überproportionale Erwartungen. Auch für Waylon eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung. Ein Jeder zahlt Lehrgeld, und Lehrjahre sind nun wirklich keine Herrenjahre. Damals wie heut – ja, manches ändert sich eben nie …

Eben deshalb bleibt Waylon auf den Teppich.

Am heutigen Tag gibt es dichten Nebel. Widerwillig steht er auf, geht ans Fenster. Die reinste Suppenküche! Missgelaunt und mit schleppendem Schritt geht er unter die Dusche. Schlaftrunken dreht Waylon am Hahn. Ein langgezogener, voller Inbrunst ausgeführter Schrei erfüllt die Stille. Schimpfend will er aus der Dusche springen, prallt aber am elastischen Plexiglas der Kabinentür ab und landet genau unter dem eiskalten Wasserstrahl. War der erste Schrei herzzerreißend, ähnelt der Jetzige schon eher dem heißeren Gebrüll eines Tarzan-Verschnitts. Diesmal gelingt es Waylon die Tür zu öffnen und entflieht somit den eiskalten Anschlag an diesem Morgen. Prustend und am Plexiglas Deckung suchend, dreht er mit lang ausgestreckten Arm das Wasser ab. Dabei verdrehen sich elegant seine Beine. Diese Schlacht ist gewonnen! Ha! Ha! Haaa!

Zwanzig Minuten später entnimmt Waylon dem Toaster zwei knusprige Sandwichescheiben. Dazu schwarzer Pad-Kaffee. Draußen ist es nebelig geblieben. Ungemütlich für einen Spaziergang. Im Hintergrund läuft der Lokalsender. Sanfte Musik, die Dramaturgisch seine Stimmung unterstreicht. Nach dem ersten Bissen ist er satt. Selbst der Kaffee Pott bleibt unberührt. Ein seltsamer Druck in der Magengegend verdirbt selbst den winzigsten Hauch Wohlgefühls. Der beste Grund für selbst verordnete Bettruhe. Meistens aber kommt alles anders…

An der Tür schellt es. Griesgrämig schreckt er auf. Vermutlich zögert er zu lange, denn es klingelt noch weitere Male. Waylon lugt vorsichtig hinter der Gardine hinaus. Trotzdem in diesen Jahr üppig geschossenen Hecke ist der Weg und das Grundstückstor trotz dichten Nebels gut einsehbar. Er ist erstaunt über den Anblick von Mrs Pepper. Was hat die Alte nur in der Hand? Weiteres Zögern seinerseits lässt die Nachbarin erneut klingeln. Genervt wegen der unwillkommenen Störung schleicht Waylon zur Tür.

»Hallo, Herr Nachbar! Ich bin Ihre Nachbarin. Pepper, Elionor Pepper. Ich heiße Sie hier recht herzlich willkommen!« Mit freundlicher Mine und einem alles einnehmbaren Lächeln empfängt sie Waylon, als er den Kopf herausstreckt.

Was sollte das denn!?

Irritiert öffnet er die Tür ganz.

»Guten Morgen, Mrs Pepper. Aber …«

»Frisch gebackener Apfelkuchen. Ist noch warm.« Dabei nickt sie auffordernd.

So seltsam es ihm auch vorkommt, bleibt Waylon nichts weiter übrig, wenigstens ans Tor zu gehen. Schon der Form halber. Denn irgendwie mag er die alte Dame ja.

»Hier, Mr Latham.« Fröhlich hält sie das Begrüßungsgeschenk über den Zaun.

»Aber ich wohne doch schon …«

»Ich war bei meiner Tochter. Kam erst gestern spät Abend nach Hause.«

Es war wirklich ihr Ernst. Der Alten Augen funkeln vor Begeisterung, und sie scheint sichtlich gerührt. Die Szenerie ist genau wie vor über zwanzig Jahren, denkt Waylon bei sich. Die gleiche Art, dieselben Worte.

Überrumpelt ergreift er den Kuchen. Mit den Worten »Lassen Sie es sich’s und Ihrer Frau schmecken« lässt Mrs Pepper los.