Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Endlich kann Waylon sein Leben wieder genießen. Nach der Kreuzfahrt mit Karoline, kommen sich beide wieder näher. Im neuen Frühling sieht er endlich alles positiver. Dann landet ein unzustellbares Päckchen für Mrs Pepper bei ihm. Die alte Dame jedoch ist spurlos verschwunden. Dies ist der Beginn neuer, sich bald überschlagender Ereignisse. Ein geheimnisvoller Wagen taucht auf. Sophie, Mrs Peppers Adoptivtochter, steht aufgelöst vor seiner Tür. Doch ebenso unerwartet verschwindet auch sie, während ihre Mutter wieder auftaucht. Bald stellt sich heraus, dass diese mehr weiß, als sie sollte. Und dann begegnen sie der ›Sternenbruderschaft‹ …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Das Buch
Endlich kann Waylon sein Leben wieder genießen. Nach der Kreuzfahrt mit Karoline, kommen sich beide wieder näher. Im neuen Frühling sieht er endlich alles positiver. Dann landet ein unzustellbares Päckchen für Mrs Pepper bei ihm. Die alte Dame jedoch ist spurlos verschwunden. Dies ist der Beginn neuer, sich bald überschlagender Ereignisse. Ein geheimnisvoller Wagen taucht auf. Sophie, Mrs Peppers Adoptivtochter, steht aufgelöst vor seiner Tür. Doch ebenso unerwartet verschwindet auch sie, während ihre Mutter wieder auftaucht. Bald stellt sich heraus, dass diese mehr weiß, als sie sollte. Und dann begegnen sie der ›Sternenbruderschaft‹…
Der Autor
FINLEY MOUNTAIN wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er in alten Klassikern, darunter auch Kurt Laßwitz und Jules Verne. Durch einen Comic kommt er zum Schreiben. Zeichnete er anfangs noch seine Charaktere, stellte er jedoch bald fest, dass ihm das Wort besser liegt. So entstehen erste, zaghafte Versuche. Unter Pseudonym veröffentlicht er im Internet Anfang 2000 zahlreiche Texte. Mit dem Morgenkristall legte er sein Debüt in der Fantasy-Literatur vor, die mit dem vorliegenden zweiten Teil nun seine Fortsetzung findet.
FÜR UDO
HANDLUNGEN UND PERSONEN SIND FREI ERFUNDEN. JEDE ÄHNLICHKEIT IST REIN ZUFÄLLIG UND UNBEABSICHTIGT.
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Der Sonnenbasilisk
Der Winter ist ein Flop. Und was für einer. Schnee ist Schnee von gestern, soll heißen: Nicht ein einziger Krümel! Dagegen stürmt es ununterbrochen. Die Meteorologen und einige selbsternannte Experten schieben alles dem Klimawandel in die Schuhe. Ist schon ein Phänomen, wie leicht es diesen Leuten fällt. Und dabei gab es in der Erdgeschichte oftmals schon Wetterverschiebungen! Auch nachgewiesen! So!
Waylon schaltet das TV-Gerät kommentarlos ab. Entweder wollen die einen kirre machen mit solch widersprüchlichen Meldungen, oder aber die denken, man ziehe die Hosen mit der Beißzange an. Beides unverschämt und dazu noch dämlich. Dafür gibt es nur ein treffendes Wort: Verdummung! Aber bei der heutigen Schulbildung kein Wunder! Frag mal einen Jugendlichen nach dem amtierenden Premier! Waylon lacht in sich hinein. Häufig hört er dann Obama…
Alles ist eben anders als Früher und – Früher ist ein für alle Mal vorbei. Wenn er damals so desinteressiert gewesen wäre… Keinen müden Penny hätt' er verdient! Alles richtig gemacht soweit! Lebensziel erreicht! Hm. Einiges würde er allerdings doch anders machen, wenn er jetzt so richtig darüber nachdenkt.
Seit seinen Erlebnissen im letzten Jahr vermeidet Waylon solch geartete Gedanken. Die bringen einen mehr in eine Zwickmühle, als dass sie helfen. Das hat er gelernt! Vielleicht fühlt er sich gerade deswegen heute so gut. Karoline hat aber auch einen großen Anteil am Seelenheil! Kaum schwirrt sie in seinem Kopf, flattern unsagbar viele Schmetterlinge im Bauch.
Auch wenn sie nichts überstürzen wollen, behält jeder seine gewohnten vier Wände. Einmal die Woche verbringen sie einen Tag zusammen. Er wünscht sich zwar, dass es ein bisschen mehr sein könnte, jedoch braucht alles seine Zeit. Mit der Ex nochmal eine Beziehung aufbauen, ist schon mehr als verrückt. Doch warum eigentlich nicht?
Aus seiner Schwärmerei reißt Waylon der plötzlich auftauchende Gedanke, dass Karoline nächste Woche Geburtstag hat! Ups! Daran hat sich eben nichts geändert; diese ewige Vergesslichkeit markanter Daten. Er könnte sich gerade in den Hintern beißen! Eilig sucht er nach dem Kalender. In der Hoffnung, dass Datum markiert zu haben, wühlt er sich durch einen Stapel Papiere.
›Wie oft wollte ich das Ding schon aufhängen! Aber nein, Waylon Latham hat's wieder mal vermasselt! Wie doof kann man eigentlich sein!‹
Dieser Stapel ist es nicht. Der da… Hm. Ihm fällt ein, in der Küche könnte der Kalender zuletzt gesichtet worden sein. Also auf! Im Laufschritt geht’s in die Küche. Irgendwie muss Waylon den Staubsauger übersehen haben. Aufräumen ist auch so ein Punkt, welchen man nicht als Hobby, besser als Übel bezeichnen kann. Zwar notwendig, doch das ist schon das einzig Positive an der Sache. Also stößt er mit dem Fuß voll dagegen, bleibt hängen und knallt unglücklich mit der Schläfe gegen den Türrahmen.
Sterne sieht er keine, aber es tut verdammt weh! Ein langgezogener, halb unterdrückter, archaisch grollender Schrei geht durchs Haus. Sekundenlang durchströmt der Schmerz Waylon. Kräftig ein- und ausatmend dämpft er yogaartig sein Leid. Humpelnd und die Stirn haltend geht er übervorsichtig in die Küche.
Doch erst mal ein Schluck Wasser auf den Schreck. Oder doch gleich ein Aspirin? Öhm – so schlimm ist es eigentlich nicht. Aber schaden kann es ja auch nicht, so aus reiner Vorsorge?
Das Glas ist rasch mit Leitungswasser gefüllt. Gierig nimmt er den ersehnten Schluck. Was ist das denn?
›Ich glaub, mich tritt ein Pferd. Da hängt der vermaledeiter Kalender doch!‹
Mit dem Alter ist es eben doch so eine Sache! Diese Worte kann er nicht oft genug wiederholen. Körperlich gut beisammen, hängt manchmal das Hirn hinterher. Aber das der Kalender bereits hängt – unverständlich!
Waylon zuckt demonstrativ mit den Schultern.
Auf dem Wand-Almanach prangt ein mit rotem Marker gemalter Kreis, wobei Anfang und Ende unberührt bleiben.
»Du bist ein Schatz, Karoline!«, ruft er glücklich.
Was zwei Dinge beweist! Erstens: Sie hat ihn aufgehängt, das Datum markiert und Zweitens: Er hatte Recht – ihr Geburtstag ist nächsten Freitag! Yes!
›Bist doch gar nicht so dumm, wie du manchmal aussiehst, Way!‹
Schallend lacht er.
»Laus mich doch der Affe!«
Schlagartig verstummt Waylon. Irgendetwas löst dieses Wort bei ihm aus. Ein Gefühl zwischen überschwänglicher Freude und wehmütiger Traurigkeit. Woher es allerdings kommt, liegt tief verborgen im Dunkel einer Erinnerungslücke.
Nach einer halben Stunde ist Waylon zu Fuß unterwegs. Seine tägliche Runde ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden. Bei Wind und Wetter geht er so seine zwei Meilen. Es ist also nicht nur ein Spaziergang um den Block.
Nach der Kreuzfahrt liebäugelte er ein paar Tage mit dem Gedanken, sich einen Hund anzuschaffen. Auch Karoline war dafür, doch irgendwie konnte er sich nicht dazu durchringen. Eine innere Stimme sagte ihm, dies sei nicht richtig. Und so ließ er es auf sich beruhen.
Es nieselt. Wenigstens gibt es keinen Nebel, dennoch reicht die Feuchtigkeit aus und geht in die Knochen. Waylon hat die Jacke festgeschlossen, die Hände in die Taschen gesteckt und den Kopf eingezogen. Auf dem Kopf trägt er den in New York gekauften Hut.
Oft weicht er Pfützen aus, in denen es leicht ölig schimmert. Kann natürlich auch Benzin sein, so genau ist das nicht ersichtlich. Wenigstens ist die Luft frisch und nicht von Autoabgasen geschwängert. Gottseidank steht der Wind günstig, ansonsten gäbe es noch eine schwefelbelastete Dunstglocke.
Ein Wagen mit getönten Scheiben fährt vorüber. Waylon beachtet ihn nicht weiter. Zu sehr ist er damit beschäftigt, nicht zu frieren. ›Ist auch verdammt unangenehm heute…‹
Wie sagte er früher immer? »Mach dir warme Gedanken!« Außer abwehrende Handbewegungen kam meist keine Antwort. Karoline hingegen erwiderte auf diesen Spruch: »Die allein helfen auch nicht«.
Sein Weg biegt links ab, von Ziersträuchern eingerahmt und ziemlich schmal. Gerade mal zwei schlanke Leute passen hindurch. Nachts würde er einen Bogen darum machen. Unbeleuchtet und voller Ungeziefer, hinzukommen die streunenden Katzen. Wenn die ihre Revierkämpfe ausfechten, geht’s zur Sache, dass die Fetzen fliegen. Einmal glaubte Waylon ein weinendes Kind zu hören. Bis er auf den Trichter kam, dass es ein Kater war. Noch jetzt sträuben sich sämtliche Nackenhaare!
Der Weg will nicht enden. Gerade Mal die Hälfte geschafft und der Regen wird stärker. Waylon beißt auf die Unterlippe. Eine Angewohnheit bei innerer Anspannung. Bei dem Wetter scheucht man nicht mal den Hund vor die Tür. Und nun zieht es komisch in der Blasengegend. Toll! Noch ein Drittel und er ist an der Hauptstraße. Bald daheim!
Als er aufsieht fährt der Wagen schleichend gerade an der einsehbaren Mündung vorbei. Das muss der Gleiche sein wie eben! Dieselben getönten Scheiben, dunkle Metallic-Farbe. Was mag der suchen? Komisch… In der Gegend gibt es doch nichts Besonderes, auch keine großartigen Firmen!
Als Waylon den schmalen Durchgang hinter sich gebracht hat, will er nur noch nach Haus. Die Jacke hält den Regen kaum noch zurück. Vom Rücken her fröstelst ihm.
›Gleich eine heiße Dusche…‹
Ohne es bewusst zu steuern, werden seine Schritte schneller. Gleich da vorn um die Ecke, dann ist die Zielgerade erreicht. Dann aus den nassen Kleider heraus. Inzwischen weht ein strammer Wind, der zusätzlich Kälte in die Knochen drückt. Solche Tage hasst Waylon. Glücklicherweise muss er nicht raus, so wie früher. Das ist einer der Punkte, eines zufriedenen Rentner-Daseins.
Er kommt von der anderen Seite in seiner Straße an. Hundert Meter trennen ihn vom Haus. Schon spürt er die Wärme, riecht frischgebrühten Kaffee und seine Füße werden noch schneller. Am Grundstückstor sucht er nach dem Schlüssel. Ein Geräusch, das langsam rotierende Räder auf den Asphalt verursachen, lässt Waylon aufhorchen.
Extrem langsam fährt der dunkle Wagen mit den getönten Scheiben an ihm vorbei. Durch die Abdunkelung ist es unmöglich, drinnen etwas zu erkennen; nicht einmal den Umriss des Fahrers. Waylons Augen folgen gebannt dem Geister-Auto. Auf Höhe von Mrs Peppers Haus kommt es Waylon vor, als verringere der Wagen nochmals die Geschwindigkeit. Dann entschwindet er aus dem Blickfeld.
Das stürmische Klingeln an der Tür lässt Waylon zusammen fahren. Es ist nach zwanzig Uhr. Wer mag das sein? Da der Klingler keine Ruhe gibt, steht er auf und öffnet, sichtlich missgelaunt. Es ist der Postbote, der voll im Regen steht.
»Sorry, Sir. Würden Sie ein Päckchen für Pepper entgegennehmen?«
»Mrs Pepper ist nicht da?«
»Hab mehrmals geklingelt, Sir. Sie würden mir einen wahren Dienst erweisen.«
»Wenn's denn sein muss«, murmelt Waylon, für den Boten unverständlich. Laut fügt er hinzu: »Ich komme!«
Der Postbote nickt freudig.
Hat er die Nachbarin nicht gestern gesehen? Sie verlässt doch wahrscheinlich nie das Haus. Entweder die alte Dame schaut aus dem Fenster, oder sie sitzt im Vorgarten. Stets freundlich grüßt sie. Aber vielleicht ist sie ja verreist.
»Also gestern hab ich noch mit ihr gesprochen«, beginnt Waylon.
»Dann muss ich sie verpasst haben, Sir. Danke für Ihre Mühe.«
»Nicht der Rede wert. Wo ist denn das Paket?«
»Nur ein kleines Päckchen, Sir. Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden?«
Nach geleisteter Quittierung hält Waylon ein ziemlich winziges Päckchen in der Hand.
»Das hätten Sie aber auch einfach in den Briefkasten…«
»Kommt aus dem Ausland. Ist mit Empfangsbestätigung. Sorry, Sir. Schönen Abend noch.«
»Ihnen auch…«
Doch der Postbote hat bereits das Auto gestartet und fährt los. Das Päckchen wiegend geht Waylon ins Haus. Unwillkürlich sieht er zu Mrs Peppers Haus hinüber. Alles ist dunkel. Kein Licht einer Kerze, kein Flackern des Fernsehers. Morgen wird er bei ihr klingeln. Solange wird er die Sendung aufbewahren. Kein Problem!
Gegen halb elf geht er ins Bett. Ein Geschenk muss her! Es wäre lieblos und käme bestimmt nicht gut an, wenn Karoline nichts bekommen würde. Wenigstens eine Kleinigkeit! Waylon hat sich den Abend über bereits den Kopf zerbrochen, ja regelrecht hineingesteigert. Doch wie immer fällt ihm nichts ein! Totale Leere! Noch nicht einmal einen Hauch von Ahnung kann er herausquetschen. So geht er mit gemischten Gefühlen schlafen. Wahrscheinlich kann er noch nicht mal das!
Kurz nach der Kreuzfahrt hat Waylon Mrs Peppers Schlüssel bekommen. »Für alle Fälle«, hatte sie gemeint. Ihre Tochter wohne zu weit weg. Etwas wiederwillig nahm er den Schlüssel an sich. Seitdem hängt er am Schlüsselbrett. Eine Veränderung fiel Waylon danach an Mrs Pepper auf. Sie war wie ausgewechselt. Alte Redseligkeit erwachte aufs Neue. Mit jedem weiteren Tag blühte sie auf. Keine Spur mehr von Anzeichen einer Krankheit.
Das kleine längliche Päckchen in der Hand, läutet Waylon. Drinnen bleibt es ruhig. Alle Fenster sind verschlossen und die Vorhänge zugezogen. Eindeutige Zeichen, dass die alte Dame verreist ist. Auch bei mehrmaligem Läuten hört er nichts. Okay! Dann wird sie für ein paar Tage bei ihrer Tochter sein! Waylon findet das innige Verhältnis zwischen beiden als ausgesprochen angenehm. Mrs Pepper schwärmt ihm oft vor, und bedauert stets den großen Altersunterschied zwischen ihrer Tochter und Waylon. Natürlich will sie damit nur sagen, wie sehr sie ihn schätzt. Ernst nimmt Waylon dies nicht. Ist der alten Dame doch nicht entgangen, dass Karoline regelmäßig zu ihm kommt.
Die Tochter ist nicht ihr leibliches Kind. Vor vielen Jahren kam ein junges Ehepaar auf unerklärliche Weise ums Leben. Mrs Peppers Schwester wohnte mit im Haus. Waren die Eltern unterwegs, spielte sie gern die Babysitterin. So auch an diesem schicksalsträchtigen Tag. Da Mrs Pepper keine eigenen Kinder hatte, adoptierte sie das Mädchen. Weitere Einzelheiten weiß Waylon nicht, fragte auch nie nach. Die jetzt Dreißigjährige wohnt mehr als dreihundert Kilometer entfernt. Wo genau weiß Waylon nicht. Auch hat er keine Nummer. So geht er unverrichteter Dinge.
In der Post liegt ein Brief, den Waylon nicht als wichtig einstuft und demzufolge erst einmal auf die Seite legt. Stattdessen begibt er sich in den Keller. In dem kleinen Reich hat er eine ›Werkstatt‹ eingerichtet. Am meisten hat es Waylon das Geflecht angetan. Ein dicker Stoß Papier, voll mit mehr oder weniger gelungener Skizzen, zeigen verschiedene Versuche. Auf der Werkbank rechts liegt ein Stück Holz, das bereits zehn Zentimeter dieses als Relief zeigt. In mühsamer Kleinarbeit hat Waylon seinen Kindheitswunsch erfüllt: Schnitzen. Im Nachlass der Großmutter fand er alte Schnitzmesser und Kerbwerkzeuge, die jetzt zum Einsatz kommen. Einen nicht beschreibbaren inneren Drang folgend, hofft er so, einige Details festzuhalten, die immer mehr verschwimmen.
An einigen Tagen glaubt er, alles sei nur geträumt. Dann ist alles so weit weg, als dass es wirklich erlebt wurde. Auf der Kreuzfahrt konnte Waylon des Nachts kaum ein Auge schließen. In seinem Kopf entstand Rebeccas Figur. Sie sang, wobei er nur die Melodie vernehmen konnte. Ihr Antlitz, so rein und schön, verschwamm; nur ein verlaufener Klecks mit zwei großen Augen erkannte er. Außer der schönen Fremden ist da noch die Pyramide deutlich erkennbar und Teile des Zugangs auf dem Felsvorsprung.
Um zu vermeiden, dass alles verschwimmt oder gar völlig verschwindet, zeichnet Waylon Markantes. Ein Blatt zeigt den Umriss eines weiblichen Kopfes. Er ist nicht das, was man weitläufig als begnadeten Zeichner nennt, aber wider Erwarten sehr talentiert. Ebenfalls ein lang gehegtes und später total vernachlässigtes Hobby aus der Jugend. Vielleicht kehren Rebeccas Züge ja irgendwann wieder, wenn nach und nach das Erinnerungsbild irgendwann Konturen annehmen sollte.
Auf einem anderen weiteren Blatt rankt das Flechtband. Das Papier zeigt deutliche Radierspuren, die an manchen Stellen unschöne, verwischte Flecken aufweisen. Gut erkennbar sind die einzelnen Verflechtungen.
Gedankenvoll betrachtet Waylon die Skizzen. Irgendwie fehlt heute der Antrieb weiterzuarbeiten. Nur ein einziges Ornament oder Piktogramm haftet wie eingebrannt im Hirn: Das Zeichen der Unendlichkeit. Andere sind wie ausradiert…
Trotz solch gearteten Gedächtnislücken nimmt er ein leeres Papier und beginnt die Pyramide zu skizzieren. Schon nach den ersten Strichen wird radiert und ausgebessert. Nein! Heut ist kein guter Tag!
Eine Weile starrt er auf einen sehr weit entfernten, nicht vorhandenen Punkt.
Der Nachrichtensender zeigt zum Teil erschütterte Bilder eines Selbstmordanschlages. ›Zum Teil‹ deshalb, weil diese Berichte rund um die Uhr laufen und der Zuschauer daran gewöhnt ist. Früher hat es das nicht gegeben! Da zählte noch Moral, Anstand und vor allem Ethik! Heute…?
Auf der Straße bremst mit quietschenden Reifen ein Auto. Eine Tür springt auf und knallt zu.
›Wird doch nichts passiert sein?‹
Angesichts der schrecklichen Bilder im TV denkt Waylon sofort an einen Unfall. Angespannt lauscht er. Soll er vielleicht doch besser nachsehen? Aber was geht es ihn schon an…
Im selben Moment klingelt es an der Tür. Sämtliche Nerven scheinen im Körper zu elektrisieren. Erschrocken fährt er hoch. Noch einmal klingelt es, diesmal Sturm.
Mit Unbehagen öffnet er.
»Mr Latham?«
Es ist eine junge Frau.
»Ja?«, ruft er verärgert zurück.
»Ich muss Sie sprechen! Ich bin Sophie.«
›Sophie? Ich kenn keine Soph…‹
Wie ein Schlag trifft Waylon die Erkenntnis, dass er doch eine Sophie kennt! Mrs Peppers Tochter! Aber was will die hier?
»Einen Moment bitte!«
Die Abendluft ist kühl, aber wenigstens regnet es nicht. Am Tor wartet Sophie ungeduldig auf den Hausherren.
»Ist etwas… passiert?«, fragt Waylon, als er ihren beklemmenden Blick auffängt.
Sie zuckt mit den Schultern.
»Können wir drinnen weiter sprechen?«
Nervös schaut sie sich um.
»Klar doch. Bitte verzeihen Sie…«
Als Waylon das Tor aufgesperrt hat, huscht sie schnell herein und verschwindet unaufgefordert ins Haus. Kaum drin, ist sie nicht mehr zu sehen. Waylon drängt sich der Gedanke auf, dass sie womöglich dringend auf die Toilette muss, und will schon laut rufen, als er im Augenwinkel eine Bewegung wahrnimmt.
›Was macht der denn schon wieder hier?‹
Es ist derselbe dunkle Wagen mit den tönernen Scheiben, den er bereits mehrmals heute gesehen hat. Hat Sophies Auftritt etwas mit denen zu tun?
Um jeglichen Verdacht abzuwenden, öffnet Waylon betont lässig seinen Briefkasten. Der Wagen fährt weiter; verdammt langsam!
Schlendernden Schrittes geht Waylon ins Haus. Hinter der Tür steht Sophie, fest an die Wand gedrückt und leicht zittrig.
»Beruhigen Sie sich, Sophie.« Beruhigend spricht Waylon auf sie ein. Nichts Gutes ahnend, fügt er hinzu: »Er ist vorbeigefahren. «
»Löschen Sie das Licht!«, flüstert sie ängstlich.
»Sie sind weg, Miss…«
»Bitte… Löschen Sie das Licht…«
Eine Diskussion wäre fehl am Platz, deshalb kommt er Sophies aufforderndem Wunsch nach. Wenn die Situation anders wäre, könnte der diesbezügliche Umstand ziemlich verfänglich sein. Im Dunkeln mit einer jungen Frau… Was würde dann wohl Karoline denken?
Sophie atmet schnell. Ihre pure Angst ist sehr real und greift unheilvoll nach Waylon. Stumm stehen sie da und warten.
Um nicht von draußen gesehen zu werden, besteht Sophie darauf in einer nicht einsehbaren Ecke des Flures zu bleiben. Waylon dagegen sitzt auf dem Sessel und schaut auf den tonlos gestellten Fernseher. Sollte er beobachtet werden, dann sieht es aus, er sei allein.
»Mum ist verschwunden, einfach so«, erzählt Sophie mit weinerlicher Stimme. »Gestern Nachmittag habe ich mit ihr telefoniert. Da schien noch alles in Ordnung. Sie erzählte von Ihnen und Karoline. Dass sie sich darüber freue. Plötzlich wurde sie still. Ich musste mehrmals nachfragen, ehe eine Antwort kam. Ihre Stimme war so… so… anders, irgendwie komisch halt. Mum antwortete nur noch sporadisch, so floskelhaft und nicht wie sie selbst. Dann wurde ihre Stimme brüchig und panisch…«
Sophie verstummt. Das leise, anhaltende Schluchzen verrät Waylon den Grund. Auch er fühlt Traurigkeit. Was mag passiert sein? Hätte er doch ins Haus gehen und nachschauen sollen? Da fährt Sophie fort: »Ich fragte energisch nach, was los sei. Da berichtete sie mir von einem komischen Wagen, der in der Gegend herumfährt. So, als suche man jemanden. Ich machte noch Witze darüber. Sagte so was wie: ›Die werden es doch nicht auf dich abgesehen haben?‹. Doch Mum lachte nicht, was sie sonst immer tat. – Nach einer langen, wirklich sehr langen Pause, meinte sie trocken, dass genau das der Fall sei und sie müsse nun auflegen. Dann war die Leitung unterbrochen und blieb es auch…«
Waylon will etwas sagen, bringt aber kein Wort heraus. Der Kloß lässt sich nicht so ohne weiteres hinunter schlucken. Da Sophie schweigt geht Waylon in die Küche. Ohne Licht zu machen holt er eine Flasche Mineralwasser und trinkt sie aus.
»Hätten Sie auch was für mich?«
So unauffällig wie möglich reicht er ihr eine im Vorbeigehen. Bevor er sich setzt bemerkt er am Fenster einen Schatten. Soll er wirklich…?
Ärgerlich stellt er sich demonstrativ ans Fenster und sieht hinaus. Der Schatten kommt von einem vorbei fahrenden Fahrrad. Ansonsten ist alles ruhig und unauffällig.
›Werde ich etwa paranoid?‹
Es gibt nur einen Weg Gewissheit zu erhalten: ›Ich muss in das Haus!‹
Sollte aber doch etwas an Sophies Geschichte dran sein?
»Da ist ein Päckchen gekommen.« Keine Ahnung, warum es ihm gerade jetzt einfällt. »Ich bring es Ihnen.«
Lang hält Sophie es in Händen und starrt es einfach nur an. Sie scheint zu überlegen.
»Wann ist es geliefert worden?«
»Gestern Abend.«
»Wir sollten nachsehen.« Sophie klingt entschlossen. Obwohl er sie nicht gut kennt – eigentlich gar nicht, außer das, was Mrs Pepper erzählte –, weiß er jedoch, wie ernst es ihr ist.
Papier reißt, knistert und fällt achtlos auf den Boden. Dann klingt es hohl. Waylon hat sich vorsichtshalber wieder gesetzt, kann aber nicht widerstehen, in Sophies Richtung zu schauen. Neugierig wartet er ab.
»Das müssen Sie sehen…«
Kurz nachdenkend kommt Waylon ihren Worten nach. Er schaltet den Fernseher aus, löscht das Licht und kauert sich neben Sophie. In der rechten Hand ruht eine längliche, leere Zigarrenhülle; in der linken eine Silberkette. – Großmutters Kette!
In der Nacht macht Waylon kaum ein Auge zu. Er hat Sophie das Gästezimmer im oberen Stock angeboten. Dies ist nun vier Stunden her. Angesteckt von ihren Schilderungen findet er sich stehend am Fenster wieder. Nichts Außergewöhnliches! Alles ruhig und friedlich! Sobald Waylon allerdings wieder liegt, befallen ihm Zweifel. Kann es nicht auch die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm sein?
Irritiert ist er besonders von der Silberkette in der eigentümlichen Zigarrenampulle. Sophie erkannte die Schrift, die eindeutig ihrer Mutter gehört! Ansonsten lag kein Zettel dabei. Wenn Mrs Pepper die Kette geschickt hat, dann stellt sich unvermeidlich die Frage: Warum? Und: Weshalb schickt sie das Päckchen an sich selbst, wo sie doch nicht daheim ist?
›Die werden es doch nicht auf dich abgesehen haben?‹ Wie war noch gleich Mrs Peppers Antwort, bevor sie auflegte? ›Genau das ist der Fall!‹
Waylon fährt hoch. ›Sie muss es gewusst haben. Aber wieso waren die hinter ihr her? Hm. – Mal langsam, Way. Wenn der Wagen etwas damit zu tun hat, wovon nach Sophies Reaktion auszugehen ist, und der kurvt noch immer da draußen rum, dann heißt das: Sie haben Mrs Pepper nicht!‹
Erneut schwingt er sich aus dem Bett. Der Gedankengang hört sich logisch an! Nirgends ist der geheimnisvolle Wagen zu sehen. Durch die aufgerissenen Wolken scheint der Mond hindurch. Sophies Kleinwagen parkt einige Meter entfernt. Sollte jemand da draußen sein, dann ist er unsichtbar! Man kennt so was ja aus Krimis! Waylon kann ein Grinsen nicht unterdrücken. Gleich darauf tippt er sich an die Stirn.
›Wo bin ich da nur wieder reingeschlittert!‹
Davon darf keiner erfahren, die würden ihn alle als unzurechnungsfähig deklassieren! Oder als diffizil verrückt! Laut vernehmlich atmet er aus.
›Was ist, wenn Mrs Pepper weiß, dass das Paket zu ihm kommt, weil sie weiß, sie ist nicht da? Oder der Postbote war gar kein Postbote – jedenfalls kein Echter! –, sondern ein von ihr Beauftragter? – Da kommen wir der Sache schon näher… Hm. Wem kann man trauen? Bestimmt keinem Fremden! Nein, bestimmt nicht. Es muss mindestens ein Bekannter sein. Hm… Ein sehr guter Bekannter!‹
Waylon frohlockt. Darüber wird er mit Sophie reden morgen.
›Morgen? Eher heute! Mein Gott, schon fünf Uhr!‹
Ausgestreckt und ganz zugedeckt denkt er an Karoline. Wenn er mit ihr doch nur darüber reden könnte. Sie müsste ja nichts sagen, einfach nur zuhören. Wie sie wohl reagieren würde? Ob Karo ihn überhaupt ernst nähme?
»Keine gute Idee«, flüstert er. Waylon wechselt die Seite. Dieses andauernde Hin und Her… Bescheuert!
Waylon fühlt sich wie gerädert. Oder besser, wie durch den Fleischwolf gedreht. Auch die Dusche bringt nicht wirklich die erhoffte Besserung. Er streift sich den Jogginganzug über und geht los. Vielleicht hilft ja die kühle Morgenluft?
Alle selbstauferlegte Vorsicht des Vorabends ignorierend, verlässt Waylon das Haus. Nebel! Seinen Rhythmus aufnehmend trabt er los. Die Route hat sich ihm irgendwann eröffnet. Sie ist abwechslungsreich und nicht allzu lang. So kommt der Kreislauf in Wallung und er wird nicht überfordert. Vor Jahren noch belächelte Waylon die Leute, die sich derartig durch Wald und Wiese schleppen. Einige sind noch immer unterwegs. Sie grüßen freundlich, doch er findet keinen Draht zu denen. Der lockere Lauf tut ihm gut, stärkt zudem das Immunsystem.
Von dem mysteriösen Wagen keine Spur. Erst jetzt fällt ihm auf, dass er nicht mal den Typ weiß. Gut, er ist nicht allzu bewandert in Sachen Autos. Wenigstens nach dem Nummernschild sollte er schielen. Da aber der Wagen nirgends zu sehen ist, will Waylon diesen Vorsatz im Auge behalten.
Nach zwanzig Minuten und einigen Sekunden passiert er im gleichbleibenden, schlürfenden Schritttempo Mrs Peppers Haus. Die Straße ist immer noch leer; keine Menschen, keine Autos. Er sieht zum Küchenfenster, aus dem die alte Dame meist herausblickt und ihm einen »Guten Morgen« zuruft und Waylon wiederum winkt ihr, aus Mangel an Atem, einfach nur zu. Jetzt bleibt das Fenster geschlossen. Keine Mrs Pepper. Trapsend erreicht er sein Haus, macht vor dem Tor einige Dehn- und Streckübungen. Noch ein bisschen die Glieder ausschütteln, dann geht’s hinein.
O-Saft aus dem Tetra Pack löscht angenehm den Durst. Schmeckt relativ frisch und ist gesund. Kurz überlegt er. Wie wäre es, wenn er Frühstück macht und den Tisch anrichtet? Er muss mit Sophie ausführlich die Lage besprechen. Es besteht noch immer die Möglichkeit, dass sie sich irgendwo hinein steigert.
Doch erst mal 'nen Kaffee!
Quirlig arbeitet die Pad-Maschine. Ist schon eine klasse Erfindung, das Maschin'chen. Geht schnell und kommt seinem exorbitanten Kaffeedurst sehr entgegen. Schnell noch umziehen, dann wird er den Tisch decken. Eier? Hm. Ob Sophie sie mag? Klar, zu einem guten Frühstück gehören auch Eier! Waylon isst jeden zweiten Tag welche. Meist weichgekocht, manchmal mit Speck verrührt angebraten! Hmm… lecker! Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen. Sophie wird sie lieben, seine Eier!
Minuten danach durchströmt ein leckerer Brat-Duft das Haus. Vom unerwarteten Besuch ist nichts vernehmbar. ›Ich werde sie wecken müssen…‹, denkt er beiläufig. ›Sie braucht die Erholung. Wer weiß, was sie alles durchgemacht hat…‹ Zwei Teller, Besteck, Toastbrot, Butter, Wurstaufschnitt – alles landet geordnet auf dem Tisch. Fehlen nur noch die Eier, die gleich fertig sind.
Ein Schlüssel wird in den Zylinder geschoben, klackend geöffnet und die Haustür geht auf. ›Sophie war bestimmt drüben im Haus gewesen.‹
»Bin in der Küche!«, ruft Waylon laut. »Frühstück ist in drei Sekunden fertig!«
Die Haustür wird geschlossen, etwas Schweres abgestellt. Kleidung raschelt.
»Alles in Ordnung? Haben Sie etwas gefunden, Soph…«
»Morning, Way. Das riecht aber lecker!«
»Karo… Karoline! Das ist… ja eine – Überraschung…«
Vor ihm steht Karoline, in jeder Hand ein Einkaufsbeutel.
»Ich war einkaufen, da dachte ich… Komm ich ungelegen?«
Sein verdatterter Gesichtsausdruck erinnert an einen ertappten Jungen, der mit der Situation konfrontiert wird, die er leichtsinnig herbeigeführt hat, und nicht weiß, wie er sich rechtfertigen kann.
»Nein… Ich freu mich… Aber…«
Karoline sieht Waylon skeptisch in die Augen. Dann meint sie leicht angesäuert: »Freude sieht anders aus.«
Nicht jetzt eine dieser nichts fruchtenden Szenen! Bitte nicht!
»Du hast – Besuch?« Ihre Stimme ist kalt und für seinen Geschmack zu scharf. Hörbar atmet er aus. Früher hatten sie oft Streit. Es ging nicht um die Sache, mehr ums Prinzip. Waylon überlegt, welche Wirkung die Szenerie auf ihn haben würde, wenn es umgekehrt wäre. So beschließt er, die Flucht nach vorn anzutreten.
»Setz dich doch, Karoline. Ich muss dir was erklären…«
Nun ist sie ihrerseits sichtlich konsterniert. Wortlos stellt sie die Taschen ab und folgt seinem Wunsch.
Waylon berichtet ihr ausführlich vom gestrigen Abend. Etwas umständlich, aber für seine Begriffe nachvollziehbar, erzählt er von gemachten Beobachtungen und Gedanken. Sie hört aufmerksam zu, ohne jegliche Zwischenfrage. Als er endet herrscht lang betretendes Schweigen.
»Und wo ist sie jetzt?«
»Im Gästezimmer. Wird noch schlafen…«
Wieder setzt Schweigen ein. Beide hängen eigenen Gedanken nach. Plötzlich ertönt ein schrilles Piepen! Der Rauchmelder! Von den Stühlen aufspringend rennen beide zeitgleich los. Karoline reißt das Fenster auf, während Waylon die Pfanne mit den innig geliebten Eiern vom Herd nimmt und dann den Melder abschaltet. Den Schreck noch in den Gliedern, lächeln sie sich an.
»Ich glaub, dein Essen ist für die Tonne…«
»Denk ich auch… Oder für den Abguss…«
»Meinst, du könntest dich mit frischen Brötchen begnügen?«
Er nickt, deutlich erleichtert, dass Karoline keine Szene macht.
»Wir sollten noch ein Gedeck auftragen und Sophie wecken«, überlegt Karoline. »Du deckst, und ich geh zu ihr…«
Schwingt da nicht doch eine versteckte Botschaft in ihrer Stimme?
»Gute Idee. Ich muss eh noch den Saustall aufräumen.«
Karoline will gehen, da setzt Waylon hinzu: »Ach, Karo! – Danke…«
»Sie ist nicht da!«, schreit Karoline von oben.
Waylon glaubt sich verhört zu haben.
»Was soll das…«
»Das Zimmer ist leer, das Bett gemacht. Nur das hier«, sie gibt Waylon die Zigarrenampulle und einen handschriftlichen Zettel. Merkwürdig! Sophie musste gegangen sein, als er noch schlief…
Sorry, Mister Latham! Ich halte es hier nicht mehr aus! Tut mir leid, dass ich Sie mit hineingezogen habe. Ich glaube, die Luft ist rein. Darum gehe ich. Sollte es etwas Neues geben, melde ich mich. Sophie
»Und jetzt?« Karoline reißt ihn aus den Gedanken. Waylon ist ratlos. Was soll er davon halten? Antriebslos setzt er sich auf den nächsten Stuhl und stützt sich mit den Ellenbogen ab. Wie zum Gebet faltet er die Hände ineinander.
»Ich weiß nicht…«
Karoline legt eine Hand auf Waylons Schulter.
»Wenn du willst«, beginnt sie zögernd, »überlegen wir zusammen.«
»Lieb gemeint. Doch ich weiß nicht, was ich glauben soll…«
»Wir frühstücken erst mal, Way. Dann wird uns schon was einfallen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, nimmt sie ein paar Brötchen aus der Tasche. Während sie schweigsam essen, kommt Waylon immer mehr zu dem Schluss, Sophie falsch verstanden zu haben. Es gibt sicherlich eine ganz einfache Erklärung. Und die wird so banal sein, dass sie diese im Moment übersehen. Mrs Pepper könnte aber auch krank sein. Das er daran nicht schon eher gedacht hat! Man könnte die umliegenden Krankenhäuser kontaktieren! Ein Vorwand ließe sich bestimmt finden.
»Du wirst in Mrs Peppers Haus gehen«, sagt Karoline entschlossen. Scheinbar lässt es ihr ebenfalls keine Ruhe.
»Bitte?«
»Schau einfach nach!«
»Ich kann doch nicht einfach…«
»Och, du kannst. Bist doch ein fürsorglicher Nachbar!«
Stimmt!
»Aber wenn Sophie doch Recht hat?«
»Du meinst mit dem Wagen?«
»Ja. Wenn die uns doch beobachten?«
»Lass sie doch! Die werden nur einen Nachbarn sehen, der einer alten Dame einen Besuch abstattet.«
»Alles schön und gut. Und wie erklärst du ihnen, dass ich mit eigenem Schlüssel die Tür aufsperre?«
»Hm. Wart mal. Da wohnt doch schräg gegenüber diese Mrs…«
»Mrs Dewey?«
»Yepp.«
»Wieso die? Dewey ist eine wandelnde Tratsch-Tante.«
»Eben…« Karoline lächelt allwissend verschmitzt.
»Ich versteh nicht so ganz deine Intuition…«
»Verwickle sie in ein lautes Gespräch, am besten über die Straße, dass es auch wirklich jeder hört.«
»Ist nicht schwer. Die schreit von ganz allein.«
»Wir benutzen sie. Ich…« Karoline verstummt mit überlegender Miene. »Ich backe einen Kuchen. Den nimmst du mit. Du erzählst Mrs…«
»… Dewey…«
»… dass Mrs Pepper sich den Fuß verstaucht hat, und du einen Krankenbesuch machst.« Triumphierend lächelt sie Waylon glücklich an.
»Gar nicht so übel, Mrs Fryer! An dir ist ja eine wahre Alibi-Architektin verloren gegangen?«
Waylon strahlt zurück.
»Kannst gern Stunden bei mir nehmen. kostet zwanzig Pfund!«
Beide lachen ausgelassen. Er kann nicht anders, als sich zu erheben und Karoline einen zarten Kuss aufdrücken. Über seine Courage nicht wenig erstaunt, wird er verlegen. Doch Karoline sieht ihn weiterhin liebevoll lächelnd an.
* * *
Der Rührkuchen geht schnell auf. In der Zeit des Backens, telefoniert Waylon alle möglichen Krankenhäuser ab; erfolglos, dennoch erleichtert legt er auf. Lange müssen sie nicht auf Quasselstrippe Dewey warten. Kurz nachdem Karoline diese Frau gesichtet hat, machen sie sich auf den Weg. Überfreundlich verwickelte Karoline die Alte in ein belangloses Gespräch. Waylon ist nicht in der Lage, eine angemessene Konversation zu entwickeln. Dafür mag er die Frau nicht besonders, und das ist sehr human ausgedrückt. Demonstrativ laut ruft er ins Haus hinein, nachdem er mit zitternder Hand aufgeschlossen hat, um ihr Kommen nach außen hin anzukündigen. Drinnen schließt Karoline sogleich die Tür und die Suche beginnt.
Mrs Pepper ist wirklich nicht da! Jeder Raum ist leer. Ob er darüber froh sein soll oder doch enttäuscht, darüber ist sich Waylon unschlüssig. Soeben löscht er das Licht im Keller. Entgegen den eigentlichen ›Plan‹, ist Karoline mitgekommen. Sicher wurde sie bereits gesehen, als sie zu Waylon am Morgen kam. Und wie hätte es ausgesehen, wenn er allein rüber gegangen wäre zum vermeintlichen Besuch?
»Wann sagtest du, hast du mit ihr gesprochen?«
»Vorgestern.«
»Sicher?«
»Natürlich!«, sagt er angefressen. ›Jetzt kommt gleich, dass man in meinem Alter schon mal was verwechseln könne, was Zeit oder Wochentag betrifft…‹
»Welcher Tag ist heute?«
›Also doch. Darauf läuft es also hinaus!‹
»Donnerstag?«
Nun ist er doch unsicher.
»Also war es am Dienstag…«
»Yepp.«
Karoline verfällt in tief gehende Grübelei. Sie macht dabei ein abwesend ernstes Gesicht, das ihre Grübchen direkt ins Auge fallen.
»Sag mal, Karo, wenn heute Donnerstag ist, musst du nicht arbeiten?«
»So wie die ganze Wohnung aussieht, kann sie nicht erst seit – Dienstagabend? – abgereist sein…«
»Wieso das denn?«
»Ich hab frei genommen. – Dafür ist es zu staubig…«
Typisch Karo! Diese Kunst, zwei Antworten zugleich zu geben, verwirrt Waylon immer wieder.
»Hörst du mir zu?«
»Wie?… Na klar…«
»Way, es stinkt, merkst du es nicht?«
Stinken? Er atmet bewusst tief durch die Nase.
»Ich rieche nichts.«
»Doch nicht wirklich, Way! Ich meine es sinnbildlich.«
Nun steht er völlig auf der Leitung. Von was spricht Karoline eigentlich?
»Du bist nicht bei der Sache, Waylon Latham! Und die stinkt. Aber gewaltig!«
»Mal langsam. Ich fragte dich, ob du heute nicht arbeiten müsstest, und erfahre so ganz nebenbei, dass du freibekommen hast!«
»Ich sprach davon, dass an der ganzen Sache etwas faul ist, Waylon. Übrigens ist heut der Tag?«
»Welcher der Tag?« Er könnte rasend werden.
»An dem wir uns kennenlernten. Ich wollte den Tag mit dir verbringen. Nicht so wie jetzt, aber… du weißt schon…«
Die Welt ist so oft unverständlich! Doch nichts im Vergleich zu jetzt!
›Wie konnte ich Idiot dies nur vergessen!‹ Er könnte sich ohrfeigen, steinigen…
»Aber nun ist es, wie es ist. Hauptsache wir sind zusammen!«
Der flüchtige, auf gehauchte Kuss beruhigt Waylon ungemein. Er umarmt sie.
»Hab ich vergessen, Karo.«
»Schon gut. Lass uns der Sache auf den Grund gehen.«
»Wie willst… wollen wir vorgehen…«
»Wir essen Kuchen!«
Karoline brüht auf altehrwürdiger Weise den Kaffee auf. Waylon sucht inzwischen zwei Teller und Tassen sowie Kuchengabeln und ein Messer. Zum Glück liegt das Wohnzimmer nach hinten raus, nicht einsehbar von neugierigen Blicken und vor allem dieser schrecklichen Mrs Dewey. Waylon fällt ein Geräteschuppen im Garten auf. ›Dort haben wir nicht gesucht!‹
»Deine Mrs Pepper hat Geschmack.«
Waylon folgt Karolines Blick. Stilvoll eingerichtet! Prächtige Bilder alter Meister schmücken die Wand über einem alten, sehr gut gepflegten Chaiselongues. Keine großen Meister – auch ist zu bezweifeln, dass sie echt sind –, doch es hat was. Das antike Polstermöbel wird Mrs Pepper bestimmt für ein Schläfchen zwischendurch nutzen.
»Wie im Museum, aber gemütlich.«
Nach dem Kaffee gehen sie in den Garten.
»Könnte mehr gepflegt sein…«
»In ihrem Alter, Waylon. Schau mal deinen an!«
»Soll das heißen, dir gefällt mein Garten nicht?«
Karoline macht eine nachdenkliche Miene. »Wenn der Rasen gemäht ist, die Hecken gestutzt und das Unkraut gejätet… doch, würde mir gefallen…«
»Hab verstanden, Mrs Fryer!« Abwehrend hebt Waylon den Arm. »Werde mich bei Gelegenheit drum kümmern!«
