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Mehr als ein halbes Jahr ist nach den letzten Ereignissen vergangen. Nach seiner Rückkehr aus dem Mutterkristall wacht Waylon dreißigjährig neben Karoline im vor kurzem neu bezogenen Haus auf. Mit dem Leben zufrieden, ahnt er nichts vom bisherigen Geschehen, das ihn, von seiner Sicht aus, erst in knapp vierzig Jahren ereilen wird. Doch dem frisch vermählten Paar erwartet eine unruhige Zukunft. Was sucht ein Trupp Söldner nachts im Wald? Welche Entdeckung macht eine junge Polizistin? Wohin verschwindet Waylon? Wer ist der nackte Mann? Viele Fragen, deren Antworten eine Spur zum Neunten Kristall offenbaren.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Das Buch
Mehr als ein halbes Jahr ist nach den letzten Ereignissen vergangen. Nach seiner Rückkehr aus dem Mutterkristall wacht Waylon dreißigährig neben Karoline, im vor kurzem neu bezogenen Haus, auf. Mit dem Leben zufrieden, ahnt er nichts vom bisherigen Geschehen, das ihn, von seiner Sicht aus, erst in knapp vierzig Jahren ereilen wird. Doch dem frisch Vermählten Paar erwartet eine unruhige Zukunft. Was sucht ein Trupp Söldner nachts im Wald? Welche Entdeckung macht eine junge Polizistin? Wohin verschwindet Waylon? Wer ist der Nackte Mann? Viele Fragen, deren Antworten eine Spur zum Neunten Kristall offenbaren.
Der Autor
FINLEY MOUNTAIN wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er in alten Klassikern, unter anderen Charles Dickens, Daniel Defoe, Kurt Laßwitz und Jules Verne. Durch einen Comic kommt er zum Schreiben. Zeichnet er anfangs noch seine Charaktere, stellt er jedoch bald fest, dass ihm das Wort besser liegt. So entstehen erste, zaghafte Versuche. Unter Pseudonym veröffentlicht er im Internet Anfang 2000 zahlreiche Texte. Mit dem Morgenkristall legte er 2014 sein Debüt in der Fantasy-Literatur vor, das mit dem vierten Teil nun eine Fortsetzung findet.
HANDLUNGEN UND PERSONEN SIND FREI ERFUNDEN. JEDE ÄHNLICHKEIT IST REIN ZUFÄLLIG UND UNBEABSICHTIGT.
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Epilog
Charaktere, Personen & Begriffe
Jacky kläfft wie besessen. Das Ding in der Manteltasche seines Herrchens verheißt nichts Gutes. Der Mischling verspürt dessen gefahrengeladenes Potential. Instinktiv warnt er sein Herrchen davor. Doch dieser, ein Obdachloser und vom Leben auf der Straße geprägt, liegt erschöpft auf sein Lager. Hohes Fieber hat den Mann fest im Griff. Halluzinationen plagen ihn. Kaum dass er unterscheiden kann zwischen Real und Fiction.
Aus seinen Poren quillt ekliger, kalter, stinkender Schweiß. Wenigstens ist er nicht dem kalten, mit Feuchtigkeit geschwängerten Wind ausgesetzt. Ein stillgelegter Tunnel bietet ihnen Schutz. Jedoch wird ihn hier niemand finden, wenn er diesen Kampf verlieren sollte.
Die Abstände zwischen den heftigen Fieberschüben werden kürzer. Jacky zerrt aufgeregt am zerschlissenen, muffig riechenden Hemdsärmel. Außer einem klagenden Stöhnen erfolgt keinerlei Reaktion, die dem Hund zeigt, dass seine Bemühungen Früchte tragen.
Außer sich geht Jacky zu einem tiefen, gefährlichen Knurren über. Sein Herrchen muss hier raus! Heraus schleifen kann er ihn nicht; Herrchen ist zu schwer und Jacky zu klein dafür.
Der Mischling lässt vom Hemdsärmel ab, leckt sich über die Nase und Lefzen. Er stellt die Ohren auf. Mit schräger Kopfhaltung mustert er die Manteltasche. Das Kleidungsstück hängt an einem verrosteten Nagel und für ihn viel zu hoch. Nur die Unterseite des Mantels kann er erreichen. Doch das erfordert einige Mühe, wie sich sogleich herausstellt.
Mehrmals springt Jacky empor. Doch eine Haaresbreite fehlt! Hechelnd setzt er sich, starrt auf die Ausbeulung, als hypnotisiere er sie. Sein feines Gehör nimmt unbekannte Tonschwingungen auf. Überhaupt liegt in der Luft eine merkwürdige Vibration.
In diesen Augenblick stößt Jackys Herrchen unverständliche Wortfetzen heraus. Der Mischling springt zu ihm, leckt einige Male über dessen Wange. Eigentlich freut sich Herrchen darüber! Doch jetzt scheint er die Zuwendung nicht einmal zu bemerken!
Jacky läßt die Rute hängen, winselt. Herrchen zeigt keine Regung, die darauf schließen lässt, ihm ginge es besser. Erneut fährt die nass-raue Zunge des treuen Gefährten über das Gesicht des Herrchens. Nichts!
Jacky bellt schrill. Der alte Tunnel schluckt die Geräusche. Aus dem Instinkt heraus weiß Jacky, dass das hier herrschende Klima nicht gut ist bei Krankheit.
Noch einmal schnuppert der Mischling an Herrchen, wirft der Ausbeulung der Manteltasche einen knurrenden Blick zu. Dann huscht er hinaus, um Hilfe zu holen…
* * *
Der Raum ist lichtdurchflutet. Kein Accessoire schmückt ihn. Er wirkt dadurch sehr steril und ungemütlich. Nicht einmal ein Fenster gibt es. Das Licht, dass den klinischen Raum erhellt, stammt nicht von einer Lampe. Stattdessen leuchten die Wände.
Als er mühsam die Lider öffnet, erblickt er nur grelles Weiß. Wo ist er? Ein Hospital! Aber weshalb? Soweit er sich erinnert, lag er im vergessenen Tunnel, der auf der Rückseite eingestürzt war. Er weiß noch, dass es ihm schwindelig wurde und er sich ausruhen wollte. Morgen würde alles wieder gut sein. Wie so oft in der Vergangenheit. Von der Gesellschaft Vergessene ergeht es immer so. Im Stillen als Abschaum betrachtet, machen die Menschen einen großen Bogen um seinesgleichen. Doch das hatte auch eine gute Seite: Er blieb ungestört. Wer mit ihm nichts zu tun haben wollte, soll es einfach bleiben lassen. Er ist auf solche Leute nicht angewiesen. Da ist ihm deren Müll schon lieber. Von dem kann er leben!
Doch da war doch noch etwas, was ihm gerade nicht einfallen will. Jemand begleitet ihn, oder besser gesagt, lebt sein Leben. Nur wer ist das doch gleich nochmal?
Schon schlimm, wenn man sich so gar nicht besinnen kann. Scheiß Alkohol! Oder ist es etwas anderes?
Ihm ist kalt. Bitterkalt! Gewohnter Weise greift er nach einem Kleidungsstück, das ihm gewöhnlich als Decke dient. Erschrocken muss er feststellen, dass er nicht imstande ist, sich zu bewegen. Panik ergreift ihn!
Es fühlt sich an, als ist er mit dem Material verbunden, auf dem er liegt. Ihm gelingt nicht einmal, den Kopf auch nur um einen Millimeter zu bewegen! Schweiß entsteht auf der Stirn. Kalter, klebriger Angstschweiß! Verflucht nochmal! Was geht hier vor?!
Panikattacken befallen ihn schubweise. Kurzatmig zerrt er an etwas, was offensichtlich da ist, aber auch nicht. Unterdessen läuft ihm eine Schweißperle langsam Richtung Augenhöhle. Das kitzelnde Gefühl ist ätzend, zumal wenn man nicht entgegenwirken kann! Zwanghaft schließt er die Augen. Wenn er sie geschlossen lässt, hat er eine Chance, dass der Tropfen körpereigener Salzflüssigkeit nicht direkt ins Auge geht. Die Schweißperle arbeitet sich voran. Unentwegt und erschreckend langsam! Wenn das nur nicht so kitzeln würde!
Unter ›normalen‹ Umständen wäre es Sekundensache; wegwischen und fertig! Jetzt ein unsägliches Martyrium, was schon an Folter erinnert! Jedenfalls für ihm, dem jede noch so leichte Berührung auf der Haut unangenehm ist! Daran konnte er sich noch nie gewöhnen. Auch nicht, als sein Leben noch ›normal‹ verlief; jedenfalls so, wie es die Gesellschaft von einem erwartet. Doch was ist schon ›normal‹? Das, was einem vertraut ist! Reine Gewöhnungssache. Und das hier ist eindeutig ›unnormal‹!
In der Gosse zu leben hat natürlich auch seine Vorzüge. Er liebt das Alleinsein, die unmittelbare Nähe zur Natur. Früher hatte er große Mühe, seine Bude auf Vordermann zu bringen. Immer im Hinterkopf, es könnte Besuch kommen, putzte er widerwillig die Räume. Und all das Zeug was da rumstand! Staubfänger, die ausschließlich der Zierde dienen sollten, verdreckten im ständigen Zigarettenqualm und Staubgemisch. Das ›Gästezimmer‹ hatte er bereits umfunktioniert als Abstellkammer. Später, bei der Zwangsräumung, der er sich vorsorglich entzog, nannten sie es ›Müll‹. Seine Rede! Allerdings war das Zimmer bis knapp unter die Decke zugemüllt, und in Bodennähe lebten im künstlich erschaffenem Biotop krabbelnde Untermieter. Ihn hat das nie gestört, denn er ließ sie in Ruhe und sie ihn.
Dies alles gehörte der Vergangenheit an. Gut so! Wenn da nur nicht diese beschissene Schweißperle wär! Und erneut versucht er mit angespannten Muskeln der hilflos ausgelieferten Bewegungslosigkeit zu entkommen. Was er verhindern wollte, geschieht reflexartig. Im erneuten panischen Anfall reißt er die Augen weit auf. So rinnt die Schweißperle ungehindert in genau diesen Augenblick auf die Netzhaut, was eine unangenehme Reizung zur Folge hat. Schreiend windet er sich, ohne auch nur einen Millimeter seine Lage zu ändern.
Nach endlos währenden Kampf, denn nichts anderes ist es, wird der Mann ruhiger. Sein Auge tränt. Allmählich schwindet der Schmerz, der vom salzigen Tropfen ausgelöst worden ist. Vielleicht hat er sich auch daran gewöhnt. Egal! Geschwächt vom Zerren und der enormen Anspannung, verschwimmt sein Blickfeld in einem alles verschlingenden Nebel.
Im Schlaf geht der Geist meist verschlungene Wege. Ereignisse des vergangenen Tages fließen ebenso mit ein, wie all die anderen Dinge, die irgendwann einmal aufgenommen wurden. Es entsteht ein Mix von wirklichem und unwirklichem. Manche meinen auch, dass Schlüsselereignisse aus früheren Leben mit einfließen. Wie dem auch sei, träumt er dummes, wirres Zeug, an das er sich wahrscheinlich nie erinnern wird.
Er wird mit einem fahlen, dumpfen Gefühl erwachen. Doch auch das ist ihm nicht neu. Damit weiß er inzwischen auch umzugehen. Nämlich effektiv. Es ist so einfach! Einfach ignorieren und in den Tag leben. Der tägliche Überlebenskampf hilft dabei ungemein. Man kommt nicht auf unnötige Gedanken, die vielleicht philosophisch wertvoll, dennoch nicht zwingend den Hunger und den Durst stillen. Zum Lebensunterhalt gehört eben ein bisschen mehr als leere Worte. Und ein Mann der Worte war er noch nie.
So treibt der Geist ungehindert während der Schlafphase sein Unwesen und lässt den Gedanken freien Lauf.
Seit zwei Stunden jagt ein Traum den Nächsten. Bei genauerer Betrachtung sind es keine abgeschlossenen Handlungsstränge, eher zusammenhanglose Fetzen. Gerade eben erlebt er eine schmerzhafte Erfahrung, die in der Realität ebenfalls schmerzbehaftet und tödlich endet. Ein gesichtsloser Mann erhebt einen Revolver gegen ihn. Den Typ kennt er nicht, jedenfalls kommt ihm dessen Gestalt und Bewegungen nicht bekannt vor. Ohne dass ihm Zeit zum Begreifen bleibt, geht der Schluß los. Im nächsten Moment durchschlägt die Kugel das Brustbein, reißt ein überdimensioniertes Loch hinein. Dann wird ihm schwarz vor Augen.
Wellen schlagen gegen seine Beine. Die Sonne wärmt die Haut. In weiter Ferne zieht ein Schwarm Vögel vorbei. Er kann einzelne Tiere nicht erkennen; zu weit sind sie entfernt. Und doch weiß er, dass es Wildgänse sind. Das Bild ist ihm vertraut. Schenkt ihm Kraft und Energie. Die friedliche Idylle steht im krassen Gegensatz zu der Szene vorher. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Hinter seinem Rücken kommt jemand näher. Er muss sich nicht umdrehen, er kennt die Person. Vertraute Nähe wirkt beruhigend, auch wenn sie stumm bleibt. Plötzlich spürt er ungebändigte Lust. Erregt schaut er ihr in die Augen. Dass heißt, er blickt dorthin, wo normalerweise Augen sind. Was er sieht macht ihn Angst und Bang. Statt Augen und das vertraute Gesicht, ist dort nur ein verwaschener, unförmiger Fleck…
Der Schmerz im Auge ist verflogen. Zurück bleibt ein leicht verklebtes Lid. An seiner Lage dagegen hat sich nichts geändert. Noch immer ist er unfähig auch nur die winzigste Bewegung zu machen.
Das Licht aus den Wänden erscheint blasser. Oder aber seine Augen haben sich daran gewöhnt. Im Moment verspürt er innerliche Ruhe. Augenscheinlich hat er sich in sein Schicksal ergeben.
Da geht ein Stück der Wand am Fußende auf. Durch das helle Licht, das durch die Öffnung scheint, wird er geblendet. Dann geschieht etwas, was er, aufgrund der Unbeweglichkeit, mehr erahnt als sieht. Ein menschenähnlicher Körper wird in Form einer dunklen Silhouette sichtbar. Zuerst traut er nicht dem, was da auf ihn zukommt. Auch kann er nicht sagen, was es ist, geschweige denn, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.
Sein Blutdruck steigt. Die Atemfrequenz wird vor Angst erhöht. Schweiß bildet sich am ganzen Körper.
Das ›Silhouetten-Wesen‹ kommt näher. Es wirkt gespenstisch unnatürlich. Um der Gestalt flimmerte ein zarter Energie-Kranz, der es noch unwirklicher erscheinen lässt.
Er droht zu hyperventilieren! Es ist wie ein dämonischer Alptraum, dem man nicht entrinnen kann, und egal was man anstellt, ist es unmöglich aufzuwachen. Seine vor Entsetzen geweiteten Augen starren auf das verschwommen wirkende Wesen.
Zu allem Überfluss bewegt sich die Unterlage, mit der er auf merkwürdiger Weise verbunden scheint, aus der Waagerechten in einem Fünfundvierziggradwinkel. Er ist ausgeliefert! Hilflos wehrt er sich! Jede einzelne Faser seines in der Bewegung gehemmten Körpers droht vor Anspannung zu zerreißen.
Die Bewegungen des Wesen sind flüssig. Und sie kommt ungemein rasch näher…
Auf einmal hebt sie den rechten Arm leicht an. Der beginnt gleichzeitig zu glühen. Daraufhin spürt er eine Berührung auf der Haut. Leicht und zart, fast liebevoll. Er spannt die Muskeln weiter an. Will schreien! Jedoch verlässt sein Mund kein einziger Ton.
Stattdessen lässt das Wesen die Hand wieder sinken, und die Unterlage stellt sich vollends auf. Sekunden vergehen. Elend lange Sekunden, in denen er nicht weiß, was gleich passieren wird.
Hinter dem flimmernden Wesen tritt ein weiteres in sein Blickfeld. Ebenso in Gestalt und Art, wie das Erste. Sein Herz klopft immer schneller im Takt unendlicher Angstattacken. Auch das zweite Wesen hebt den Arm in gleicher Weise. Diesmal spürt er Wärme, die sein Inneres erfasst und ihn ruhiger werden lässt. Was soll das denn werden?
Unvermittelt ertönt in seinem Kopf ein zartes Stimmengewirr. Er öffnet den Mund um etwas zu sagen, jedoch kann er die eigene Stimme nicht hören! Erneut greift die Angst nach ihn, wenn auch weniger mächtig als vorher.
Ein drittes und viertes Wesen betreten den Raum. Jedes vollzieht die selbe Handlung wie die beiden Ersten. Für ihn ein furchtbares Seelen-Martyrium.
Inzwischen ist der Raum voll von diesen Wesen. Er kommt sich vor wie ein Affe in einem Zoo, den die Besucher begaffen und bestaunen; nur die Gitter fehlen. Mehr passiert im Grunde genommen nicht. Dennoch wird das Gefühl immer stärker, dass es nicht beim bestaunen bleibt! Irgendetwas sucht in seinem Kopf! Dabei scheint das Stimmengewirr eine gewichtige Rolle zu spielen. Manchmal schwirren verständliche Wortfetzen mit, doch er ist unfähig, sich zu konzentrieren. Die Anwesenden versetzen ihn in Angst!
Plötzlich treten die Wesen zur Seite und bilden eine Gasse, in der ein weiteres Wesen, das die anderen in der Größe weit überragt, sich ihm nähert. Auch dessen Kontur umhüllt eine flimmernd-blitzende, linienartige Struktur. In Comics werden die Ränder der einzelnen Figuren schwarz nachgezogen. Dieser Vergleich kommt ihn soeben in den Sinn, als eine engelszarten Stimme in seinem Kopf ertönt. Zuerst glaubt er, er drehe nun endgültig durch. Doch dies liegt daran, dass die Stimme nicht verständlich spricht. Eine Weile wiederholt die Stimme das Prozedere (ein anderer Ausdruck fällt ihn nicht ein). Ein weiterer Vergleich drängt sich ihm auf, der ihn an ein uraltes Radio erinnert, bei dem die Senderwahl schwierig ist. Man regelt und regelt, doch der gewünschte Sender will sich nicht richtig einstellen lassen. Entweder trifft man die Frequent nicht genau, weil die Technik dies nicht zulässt, oder es rauscht und schwankt.
Abgelenkt von diesen aufkommenden Gedanken, überwiegt die Neugier auf das Kommende die sich abschwächende Angst. Dennoch ist er gefangen in diesen Alptraum.
›Wer bist du!‹, erklingt erneut die zarte, unwirkliche Stimme. ›Wie nennst du dich!‹
Er ist baff! Klar und deutlich formten sich aus dem Nichts diese Worte in seinem Hirn. Er will sie abschütteln, jedoch wird ihm schlagartig bewußt, dass er noch immer bewegungsunfähig ist.
›Dir geschieht nichts, Mensch!‹
Wieder reißt er ungläubig die Augen weit auf. Was zum Teufel…
›Was ist das, Teufel!‹ Dies soll vermutlich eine Frage sein, hört sich allerdings eher wie eine Aufforderung an. Er öffnet den Mund, um eine dementsprechende Antwort zu geben, doch seine Stimme versagt.
›Du brauchst nur zu denken, was du sagen willst!‹
›Denken? Ich soll denken? Was bilden die sich ein?!‹
›Ja! Denke deine Gedanken, Mensch! Wir alle können dann deine und unsere Gedanken teilen!‹
Wiederum schnappt er nach Luft. Das ist absurd! Er muss einer Täuschung unterliegen. Die Angst! Natürlich! Die Angst gaukelt ihm etwas vor! So muss es sein…
Sieben Monate sind seitdem vergangen, was Waylon als »Vorleben« bezeichnen würde, wenn er sich denn daran erinnern würde. Für ihn geht das Leben seinen gewohnten Gang. Hin und wieder ereilt ihn ein Déjà-vu welches allerdings leicht abgetan wird. Manchmal träumt er seltsame Dinge, in denen er alt und schwach ist. Spielt auch keine Rolle. Jedenfalls nicht für ihn. »Was man nicht weiß, macht einem nicht heiß!« Außerdem liegen zwischen dem reellem Heute und dem was geschah, mindestens dreißig Jahre, die zudem noch in der Zukunft liegen. Und ein Jeder weiß, dass man sich nicht an Dinge erinnern kann, die noch nicht stattfanden! Das was noch kommt steht vielleicht in den Sternen! Also was soll er sich mit diesen komischen Träumen abgeben? Sich verrückt machen lassen? Dafür ist ihm die Zeit zu kostbar und auch zu schade! So ist nicht existent, was doch passiert ist.
Durch seine Rückkehr zum Morgenkristall setzt für Waylon die Zeit noch einmal dort ein, in der er die Weichen neu stellen kann, wenn er denn genau diese Entscheidung trifft.
Es begann mit dem Fund eines Kristalls. Kurz darauf wacht er auf, statt in der vertrauten Umgebung seines Schlafzimmers, auf einer Grasfläche, nahe eines Ozeans. Ist das ein Traum? Wie kommt er hierher? Bald wurde Waylon klar, dass er nicht so ohne weiteres zurück kann. In einem Baumhaus richtete er sich ein. Kein einziger Bewohner lief ihm über den Weg. Offensichtlich ist die Insel, wofür er das Fleckchen Erde hält, unbewohnt. Doch da machte er weitere Entdeckungen.
Im angrenzenden Dschungel stieß er auf die Überreste einer Pyramide, deren Tor sich mit dem gefundenen Kristall sich öffnen ließ. In einer unscheinbaren Glaskapsel wurde ihm eine längst vergangene Welt offenbart. Erst viel später wird Waylon bewußt, dass er in einer Zeitmaschine saß. Unbemerkt verfolgte ein Mohrenmaki den Gestrandeten. Später kommt es im »Appartement« zur ersten Begegnung beider. In einiger Entfernung lag ein Felsvorsprung. Auch dort verbargen sich mysteriöse Dinge. Wie sich später herausstellte, gehörten die unterirdischen Gänge zu einem weit verzweigten Höhlensystem, das wiederum vor langer Zeit den Arimeanern als Stützpunkt gedient hatte. Waylon erfuhr von der Zeitirritation, die das universale Gleichgewicht empfindlich zu stören begann.
Auf der Suche nach Antworten erfährt er von einer weitreichenden Verquickung seitens der alten Dame und Nachbarin Elionor Pepper. Die Geschehnisse überschlagen sich. Eine jahrtausendealte ›Sternenbruderschaft‹ tritt auf die Bildfläche, ebenso die Wächter. Und dann gibt es noch den Gewahrer. Der soll auf Erden für den Einhalt des Kodexes sorgen. So tritt Mrs Pepper mehr und mehr in den Vordergrund, denn sie ist die Nachfahrin eines Gewahrers. Ihre langwierigen Nachforschungen trugen endlich Früchte. Nachdem sie ihre Erkenntnisse mit Waylon ausgetauscht hatte, wollten sie gemeinsam das Rätsel lösen.
Dann wurde Sophie entführt. Die Spur führte wieder zu dem geheimnisvollen Ort, an dem Waylon damals erwachte. Dort lernten sie die Wächter kennen. Da die ›Sternenbruderschaft‹ mittlerweile in Gefahr geriet, taucht wenig später eine bewaffnete Vorhut der arimeanischen Streitmacht auf, und ein Kampf schien unmittelbar bevorzustehen. In letzter Minute gelang es Waylon mithilfe der Glaskapsel dem Untergang zu entkommen.
Obwohl sich Karoline und Waylon nach der Scheidung vorsichtig annäherten, entschloss sich Karoline eigene Wege zu gehen. Plötzlich wurde sie zum Ziel, fühlte sich bedroht. Einmal konnte sie den Verfolgern entkommen. Doch dann schlug das Schicksal hart zu. Ein Fremder mit asiatischer Herkunft bringt sie in seiner Gewalt.
Im an der Wohnsiedlung angrenzenden Wald suchte Sophie, Elionor Peppers Adoptivtochter, ihren alten Lieblingsplatz aus Kindheitstagen auf. Ungewollt wurde sie Zeuge, als ein Gleiter aus dem Nichts auftaucht und ein älterer Waylon aussteigt.
Alte Fotos von Karolines zweiten Mann brachten Licht ins Dunkle. Somit schloß sich der Kreis. Waylon wußte plötzlich, was zu tun war. Wo einst der riesige Asteroid fast alles Leben auslöschte, lag die Antwort auf alle Fragen. Im Inneren des Morgenkristalls entschied sich schließlich der weitere Verlauf seiner Existenz…
All dies bleibt Waylon natürlich verborgen. Und doch zeigt ihm sein Unterbewusstsein, in Form winziger Erinnerungsschnipsel, manchmal die Tür in diese Welt aus der er kam. Allerdings – mal ganz ehrlich: Wer denkt schon tief gehender über ein Déjà-vu nach?!
Mit dem Leben ist Waylon zufrieden. Die Beziehung mit Karoline gipfelte vor zwei Monaten in einer Hochzeit. Viele wurden nicht eingeladen; nur die engsten Familienmitglieder und Freunde.
Auch im Job geht es voran. Seine Überstundenwilligkeit zahlt sich endlich aus. Zweihundert Pfund Sterling im Monat mehr! Genau im richtigen Moment. Die Tilgung fürs Haus ist somit gesichert. Mit sechsundzwanzig Jahren hat Waylon einiges erreicht, im Gegensatz zu manch anderen seiner Altersstufe. Er hat also vieles richtig gemacht. Sogar über Nachwuchs denken beide schon nach. Ja, das Leben ist schön und schön ist es zu leben!
Die Wochenenden gehören ausschließlich Karoline und Waylon. Bisher hat es noch niemand geschafft, das beginnende Familienidyll zu durchbrechen. Und die Zeichen stehen gut, dass dies auch so bleibt.
Es ist Juli. Der Sommer ist für englische Verhältnisse ungewöhnlich trocken. Ende des Monats will das frisch verheiratete Paar die Hochzeitsreise endlich antreten. Es soll nach Venedig gehen, in die Lagunenstadt der Liebe. Ganz klassisch und traditionell. Die Siebzigerjahre im zwanzigsten Jahrhundert bieten für Gutverdiener alle Möglichkeiten, die die Welt zu bieten hat. Ein neues Lebensgefühl wird real: Reisen, wohin einem es zieht. Die Grenzen sind durchlässiger geworden. Jedenfalls was die westliche Welt betrifft. Die interessantesten und vielversprechenden Ziele liegen eh außerhalb des »Eisernen Vorhangs«.
Waylon ist ebenfalls der Meinung, dass Venedig sich vorzüglich als Hochzeitsreise eignet. Ein verzücktes Städtchen im Flair mittelalterlicher Romantik. Mit all seinen Kanälen, alten Gemäuern und natürlich den Menschen. Durch Karoline entdeckt er mehr und mehr seine romantische Ader. Auch besinnt er sich auf sein altes Interesse an alte Architektur. In der Jugend sog er regelrecht alles auf, was mit alten Gemäuern zu tun hat. Leider war die Familie nie so gut betucht, als dass sie sich viele Reisen gönnen konnten. Allerdings nutzte er die wenigen für ausgiebige Untersuchungen. Mit Block und Bleistift bewaffnet entstanden so viele Skizzen. Nicht gerade ausgereift in der Strichführung, aber ansehenswert allemal.
Eines hat es in einem Rahmen sogar an die Wand des Treppenaufgangs an die Wand geschafft. Es zeigt ein futuristisches Gebilde, das Waylon den »geflügelten Turm« nennt. Es ist die einzige Skizze die aus seiner Fantasie stammt.
Umgeben ist der »Turm« von atmosphärischer Finsternis. So jedenfalls nennt es Waylon. Inmitten eines heftigen Sturmes bewegt sich eine Gestalt und kämpft dagegen an. Die Gestalt ist in Wirklichkeit nur ein unförmiger Strich; doch in gebührendem Abstand wirkt sie realistisch.
Alles in allem eine Zeichnung aus der Jugend, die wenigstens für Waylon nichts besonderes darstellt. Karoline hingegen gefällt sein »Strich«, wie sie sich professionell auszudrücken pflegt. Sie würde gern sehen, dass er mehr aus diesen jugendlichen Hobby macht. Karoline sieht darin die schlummernde Fähigkeit eines Künstlers. Jedoch will er davon nichts wissen. Er tut es stets ab als missraten. Dennoch lässt er es hängen, allein seiner Frau wegen.
Ausgerechnet heute fällt ihm das Bild besonders auf. Insbesondere der »geflügelte Turm«. Dabei handelt es sich nicht einmal um einen richtigen »Turm«. Es ähnelt einfach einer übergroßen, fensterlosen Säule und wird nach oben hin spitzer. Wären da nicht die sieben Flügel eingezeichnet, könnte man meinen, einen alten Obelisken vor sich zu haben. Ganz oben an der Spitze liegt der Mittelpunkt der Flügel, die fast den Boden berühren.
Ohne weiter darüber nachzudenken geht er auf den Speicher, auf dem sorgfältig geordnet, all das in Kisten aufbewahrt wird, die sein bisheriges Leben beinhalten. Die Pappkartons sind nicht beschriftet. Er wird eine Weile brauchen, um zu finden, was er sucht.
Karoline steht atemlos im Speicher. Ihre Augen sind geweitet. Nicht wegen dem Treppensteigen, eher weil sie den gesamten Boden in einer befremdlichen Unordnung vorfindet. Überall stehen geöffnete Kisten, liegen Papiere herum. Und mittendrin Waylon. Sie ringt um Fassung.
»Was ist denn hier passiert?!«
Er ist so sehr vertieft, dass er sie nicht einmal bemerkt. Ihr bleibt nichts weiter übrig, als die Frage zu wiederholen; selbstverständlich mit erhobener Stimme und nachdrücklicher.
Waylon zuckt zusammen. Dabei entgleitet ihm ein Stapel loser Blätter.
»Hast du mich erschreckt«, stößt er hervor.
»Was machst du denn? Diese Unordnung!
Betreten senkt er den Kopf.
»Ich suche meine alten Zeichnungen«, versucht er zu erklären. Erst jetzt erblickt er, was er angerichtet hat.
Karoline hockt sich neben ihn.
»Ich helfe dir. – Suchst du etwas bestimmtes?« Ihre Stimme gesenkt vermittelt sie Waylon Verständnis.
»Das Bild an der Treppe brachte mich darauf.«
Sie lächelt ihn an.
»Willst du doch weiter zeichnen? Du weißt, das ich dieses Bild liebe.«
Er atmet hörbar ein. »Ich weiß nicht. Mein Talent reicht dafür nicht.«
»Finde ich doch! Nimm doch mal dieses hier!« In ihrer Hand hält sie eine Skizze mit einem stark verkrüppelten Baum, unter dem ein zerfallener Schuppen steht.
»Das ist im Garten meines Großvaters gewesen«, erinnert er sich. »Ich glaube, da war ich sieben oder acht.«
»Also für einen Achtjährigen eine sehr respektierliche Darstellung.«
Waylon lacht.
»Du erkennst, dass es ein Baum sein soll?«
Karoline streckt mit dem Blatt in der Hand den Arm aus und wiegt mit dem Kopf.
»Irgendwie schon«, argumentiert sie. Doch ihr gelingt nicht ganz, überzeugend zu klingen.
»Sieht eher wie ein Strauch aus. Die Proportion stimmt nicht. Und der Schuppen ist einfach nur eine unförmige Fläche, die alles sein kann.«
»Ein Meister fällt nicht vom Himmel, Way. Kuck dir das mal an.«
Wie eine Trophäe hält sie ein anderes Bild hoch.
»Das war in Wales.«
»Du hast die Burg gut getroffen.«
Er schaut genauer hin. Stellenweise zeichnete er sehr detailliert. Einzelne Steine sind erkennbar. Doch der Strich bleibt nicht konsequent. Deshalb wirkt die Skizze unruhig und kindlich dilettantisch.
»Ich bin nicht gerade stolz darauf, Karo. Mach dich nur lustig…«
»Ich mach mich nicht lustig, Way! Ich erkenne nur mehr darin, als du vermutlich jemals zugeben wirst.«
Plötzlich hält sie inne. Eine fleckige Aktenmappe kommt zum Vorschein.
»Hier, ist das vielleicht…«
Auch Waylon verharrt mitten in der Bewegung. Er schaut auf die Mappe, die mit Ölpapier umwickelt ist. Sein Herz schlägt schneller. Ja, das müsste das Gesuchte sein!
Ehrfürchtig überreicht ihn Karoline das Bündel fast schon feierlich, in der Hoffnung, er würde es sogleich und ohne Umschweife vor ihren Augen öffnen. Nur er reagiert eher apathisch, beinahe ängstlich.
»Nun mach schon«, ermuntert sie Waylon flüsternd. »Ich mach mich auch nicht lustig.«
Zögernd nimmt er das Bündel an sich, hält es abwägend in Händen.
»Lass uns erst ein wenig aufräumen. Ich denke, hier ist nicht der passende Ort dafür.«
Joshua Brown geht den Weg mit schnellen Schritten entlang. Immer wieder sieht er sich um. Er wirkt abgekämpft, um nicht zu sagen, gehetzt. Schweißüberströmt und schwer atmend rennt er mehr, als das er geht. Sein Haar ist vom Schweiß nass. Dadurch wirkt er ungepflegt. Nach einigen Metern wendet er sich um, um einen flüchtigen Blick auf dem Weg hinter ihm zu werfen.
Sie scheinen seine Spur noch nicht wieder aufgenommen zu haben. Jedenfalls hofft er es. Denn seit einigen Tagen fühlt er sich bedroht und verfolgt. Joshua hat noch keinen von denen gesehen. Aber er fühlt ihre Anwesenheit! Sie sind da! Und sie haben es auf ihn abgesehen!
Seit ein paar Tagen geistern diese Leute herum. Ganz sicher ist er sich allerdings nicht. Wie gesagt: Es ist ein Gefühl! Aber eines, was sehr dominant ist und den Tagesablauf empfindlich beeinflusst. Er traut keinem Menschen. Man kann ja nie wissen. Das ist schon immer so, doch in letzter Zeit verstärkt sich diese Vorsicht.
Auf beiden Seiten des Weges erstrecken sich weite Wiesen. Früher wurden sie bewirtschaftet und Kühe weideten. Heute hingegen sind sie verwildert. Vermutlich fand sich kein Nachfolger des Bauern, oder es lohnt sich nicht mehr. Reich werden kann man mit diesem Land sowieso nicht. Diese Zeiten sind ein für alle Mal vorbei. Stattdessen wird importiert, und zwar mit steigender Tendenz.
Joshua interessiert allerdings die Befindlichkeiten hiesiger Bauern im Moment überhaupt nicht. Viel mehr beschäftigt ihn die Tatsache, dass es hier absolut keine Deckung gibt. Weder Sträucher noch sonstige dichteren Gewächse gibt es. Somit ist er den vermeintlichen Verfolgern schutzlos ausgeliefert.
Wieder schaut er zurück. Was ist das? Ein Schatten huscht ins verfilzte Gras. Mit erhöhtem Blutdruck bleibt er kurz stehen. Angestrengt starrt er auf die Stelle, an der etwas verschwindet. Jedoch bleibt es ruhig. Wenn es ein Mensch gewesen ist, müsste er ihn jetzt sehen können. Sicherlich nur ein Tier.
Und wirklich bewegt sich etwas ruckartig im Gras. Ihm droht das Herz stehen zu bleiben. Joshuas Blick mündet in einem Tunnel. Fixiert auf die Bewegung eines Grasbüschels, wird alles andere ausgeblendet; ähnlich, als schaue man durch ein Fernglas. Er starrt so konzentriert, dass ihm die Augen bald vor Anstrengung brennen.
Er wird ruhiger. Puls und Herzschlag werden normal. Nur der Blick ist noch immer stur auf die besagte Stelle gerichtet. Da nach geraumer Zeit nichts weiter passiert, senkt er entkräftet sein Haupt. Der Nacken- und Schulterbereich wird entspannt, sodass allmählich das leichte Ziehen nachlässt.
Was macht er eigentlich? Diese Frage hämmert in seinem Kopf.
Nur Sekunden später ist Joshua im Laufschritt wieder unterwegs. Die Gefahr im Nacken spürend, will er nicht nur ihr entfliehen. Nur dies wird er sich selbst niemals eingestehen…
Nach einer Stunde gelangt Joshua an einem verlassenen Haus an. Fenster und Türen sind von außen mit Brettern zugenagelt. Einige der Fensterscheiben sind trotzdem gesplittert. Er schaut sich hektisch um, geht einmal um das Gemäuer herum. Dabei entdeckt er auch eine Hintertür, die vom Weg her nicht einsehbar ist. Die Bretter sind stark verwittert, die Nägel mit Rost überzogen. Mit ein wenig Geschick ist ein Eindringen relativ einfach. Die Frage ist nur, wie weit bleibt es unbemerkt.
Er empfindet ein uneingeschränktes Verlangen nach größtmöglicher Sicherheit. Doch die gibt’s nicht, das weiß Joshua nur zu genau. Überall und jederzeit stehen sie vor, neben oder hinter einem. Unmöglich Ihnen zu entkommen!
Seine handwerklich begabten Hände lösen im Nu das unterste Brett. Forschend suchen seine Augen die Gegend ab, ebenso konzentriert lauscht das Gehör. Erst, nachdem die Augen brennen und er absolut nichts weiter als Bäume und Büsche sieht, die sich im Wind leise wiegen, macht er weiter.
Schnell sind vier morsche Bretter gelöst. Joshua vergewissert sich wiederholt unbeobachtet zu sein, dann probiert er die Tür zu öffnen. Wie nicht anders zu erwarten, ist diese natürlich verschlossen. Er rüttelt. Staub, Dreck und loser Putz rieseln herab. Das ganze Türblatt mitsamt der Zarge ist ausgetrocknet und sitzt locker in der Mauer.
Kurzentschlossen tritt er gegen die Tür. Der herabströmende Putz ist ein gutes Zeichen. Jeder weitere Fußtritt und gleichzeitiges Rütteln lassen die Zarge mehr an Halt verlieren. Ein lautes Krachen durchbricht die ansonsten friedvolle Stille, die nur durch Joshua gestört wird. Die Tür samt Zarge ist aus der Verankerung gerissen und kippt zu Boden. Einige Holzsplitter werden zur Seite geschleudert.
Klopfenden Herzens schaut er sich um. Wenn sie sich in der Nähe versteckt halten und ihn beobachten, dann wäre dieses Versteck keinen Pfifferling mehr wert. Doch alles ist wie vorher. Schnell huscht er hinein, hebt die Tür an und stellt sie provisorisch an den Rahmen.
Der Puls hämmert im Hals. Aufgewirbelter Staub behindert das Atmen. Er hustet. Die stickige Luft reizt die Lungen. Feine Partikel lassen seine Augen tränen. Es dauert eine Weile, bis sich Joshua daran gewöhnt hat. Die Luft ist trocken, riecht abgestanden und irgendwie nach verwesten Tierkadavern. Durch die Spalten, die die unsymmetrisch angebrachten Bretter verursachen, entstehen breitgefächerte Lichtpyramiden, die wie hauchdünne Schwerter die stauberfüllte Luft durchschneiden.
Im Halbdunkel erkennt Joshua grob den im Zerfall befindlichen Raum. Sehr vertrauenserweckend ist er nicht! Überall hängt Putz herunter, der auf seltsame Weise der Erdanziehung trotzt. Schräg gegenüber ist eine Tür. Sie steht offen. Ein riesiges Spinnennetz mit unzähligen Resten von Insekten und Dreck versperrt den Weg. Es umspannt mindestens zwei Drittel des Durchgangs. Joshua tritt näher heran. Es liegt eine Weile zurück, dass ein Achtbeiner hier auf Jagd ging. Achtlos wischt er das Netz beiseite. Dahinter kommt ein Loch zum Vorschein.
Wegen der Dunkelheit kann er keine Details vom jetzigen Standpunkt aus erkennen. Rechts daneben schweben ähnliche Lichtpyramiden schwerelos im Raum, wie im anderen Zimmer. Eine Kleinigkeit jedoch macht Joshua stutzig. Er kommt nicht sofort darauf, was anders ist. Aber eine Minute später schießt es ihm durch den Kopf. Die »Pyramiden-Schwerter« bewegen sich!
Verwirrt reibt er sich die Augen. Doch egal aus welchem Blickwinkel er sie betrachtet, vollführen die Pyramiden aus Licht einen langsamen, eigentümlichen »Tanz«. Joshua nennt es im Stillen »Tanz«, da ein gewisser Takt erkennbar ist. Hinzu flimmern winzige Lichtpartikel im gleichen Rhythmus.
In diesem Raum herrscht eine völlig andere Atmosphäre. Die Luft ist sauber, ebenso sind die Wände intakt. Außerdem riecht es würzig. Er hat zwar noch keine Ahnung nach was, genießt aber den Geruch. Beinahe hat er etwas animalisch betörendes. Joshua fühlt sich mit jeder weiteren Sekunde wohler, die er in dem Raum bleibt. Es ist ein Ort, der Geborgenheit ausstrahlt.
Klar grenzt sich auf dem Boden eine Art Luke ab. Er betrachtet sie genauer und probiert sie zu öffnen. Ohne ein geeignetes Hilfsmittel allerdings ein Ding der Unmöglichkeit.
»Dann eben später«, beschließt Joshua.
Er wendet sich wieder dem ersten Raum zu. Sofort fällt ihm die Veränderung in der Luft auf, und der feine Staub umwirbelt seinen Körper. Rechts von ihm, gegenüber der Hintertür, kommt ein weiterer, aber türloser Durchgang ins Blickfeld. Er wendet sich diesem zu und tritt in einem schmalen, langen Flur ein. Auch hier hängt Putz von den Wänden. Am Ende führt eine ebenso schmale wie steile Holztreppe in den ersten Stock. Bei jeden Schritt knarren beunruhigend die morschen Bretter unter seinem Gewicht.
Auf der Hälfte der Treppe hält er inne. Joshua bekommt ein Gefühl des »Nicht-Alleinseins«! Ein bedrückendes Gefühl, welches sich regelrecht aufstülpt. Voll konzentriert lauscht er. Alles ruhig und einem verlassenen Haus würdig, findet Joshua. Zögernd setzt er den Fuß auf die nächste Stufe. Langsam verlagert er das Gewicht und zieht den Anderen nach. Das jetzige Knacken durchfährt ihn wie ein elektrischer Schlag. Schwer atmend bleibt er stehen. Lauscht.
Mit den Gefühlen ist das so eine Sache. Achtet man allzu sehr auf den Bauch, handelt man meist unlogisch, was manchmal auch von Vorteil sein kann. Das genaue Gegenteil geschieht, wenn hauptsächlich der Kopf entscheidet. Das Geheimnis liegt im ausgewogenen Handeln. In dieser Situation, die Joshua verständlicherweise stark unter Stress setzt, ist ein logisch intuitives Abwägen unumgänglich, wenn gar unmöglich.
Für das Weitergehen spricht, dass das verlassene Gebäude der geeignete Unterschlupf schlechthin ist. Dagegen, dass sie bereits hier sind. Die letztere Variante missfällt ihm sichtlich und bereitet Joshua heftig Magenschmerzen. Doch dann wäre eine Flucht ohnehin sinnlos! Also – egal wie es ausgehen sollte – kann er nichts verlieren.
Zwei tiefe Atemzüge später geht er vorsichtig, aber dennoch zügig hinauf. Oben angekommen, blickt Joshua in ein grinsendes Gesicht mit stechenden Augen.
Das Papier ist vergilbt, auf dem die Bilder gezeichnet worden sind. Einzelne Blätter sind mehrmals geknickt und an den Falzen eingerissen. Fein säuberlich aufgereiht liegen Waylons künstlerische Versuche auf den Küchentisch. Genau wie er gehofft hatte, ähneln die Skizzen der, die im Treppenaufgang eingerahmt einen Platz fand.
»Manche sind aber düster…« Karoline überkommt ein beklemmendes Gefühl. So hat sie sich Waylons Zeichnungen nicht vorgestellt. Er muss damals in einer depressiven Phase gewesen sein. Irgendwie ist eine tiefe Traurigkeit zu spüren. »Du hast einiges aufgearbeitet.«
