Der Nebelmann - Edda Rönckendorff - E-Book

Der Nebelmann E-Book

Edda Rönckendorff

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Beschreibung

Ein großartiger Roman um Liebe, Hoffnung und ein spätes Glück Während einer herbstlichen Überlandfahrt im Norden Deutschlands verirrt sich der verwitwete und einsame Stephan Pfändler bei Dunkelheit und Nebel. Er strandet mit seinem Auto auf einem ehemaligen Bauernhof bei wildfremden Menschen, die ihn für die Nacht bei sich aufnehmen. Aus dieser Begegnung entwickeln sich neue Freundschaften und die Liebe zu Katharina, einer erfolgreichen Modefotografin und Mutter eines neunjährigen Kindes. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Edda Rönckendorff

Der Nebelmann

 

 

Impressum

 

 

Covergestaltung: buxdesign, München

 

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei Fischer Digital

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN 978-3-10-560264-5

 

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Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

1

Am Rande des Böhmerwalds, irgendwo in der Nähe von Zwiesel, mußte sich Stephan Pfändler im dicken Nebel verfahren haben. Die Scheinwerfer seines Wagens trafen auf eine graue Wand, aus der nur hin und wieder der Ast einer Fichte über ihm aufragte. Er hatte schon lange kein Straßenschild mehr gesehen, und auch die schwarz-weiß unterteilten Stangen – für die Wegmarkierung bei hohem Schnee – verrieten ihm nicht, wohin er fuhr. Es war nach sechs Uhr abends, draußen nichts als undurchdringlicher Nebel und finstere Dezembernacht, im Auto leise Radiomusik und Wärme. Er suchte nach einem Platz zum Anhalten, mochte nicht einfach am Rand der schmalen Straße stehenbleiben, weil es dort zu leicht zu einem Unfall hätte kommen können. Er wollte parken, aussteigen und auf ein Auto warten, dessen Fahrer sich in der Gegend auskannte. Er dachte an den Freund, der ihn im Hotel bei Furth im Wald schon erwartete oder aber – und das schien ihm wahrscheinlicher – selbst im Nebel steckte und nicht vorwärts kam. Als rechts von ihm der weiße Randstreifen plötzlich aufhörte, bog er vorsichtig ab, spürte die Räder über weichen Waldboden rollen und entdeckte eben noch rechtzeitig die dicht neben dem Beifahrerfenster aufgestapelten Baumstämme, die schon lange dort liegen mußten, denn sie waren mit bärtigen Flechten und Moos überwachsen.

Er stellte Motor und Radio ab und öffnete die Tür. Um ihn war geisterhafte Stille, denn der Nebel verschluckte alle Geräusche. Nur der Motor tickte noch dann und wann, und wenn neben ihm ein schwerer Tropfen aus den Zweigen fiel, hörte er den leisen, dumpfen Aufprall.

Das Auto, auf das er gewartet hatte, kam unerwartet schnell. Als er es wahrnahm, stand er neben seinem Wagen. Er sah mattes Scheinwerferlicht, eine graue, vorübergleitende Form und für eine kurze Zeit rote Rücklichter. Ohne langes Überlegen stieg er schnell ein, ließ den Motor an und machte sich an die Verfolgung, als hinge alles Heil am Wiederauftauchen der roten Lichter. Er glaubte die Spur schon verloren, als er nach einer Kurve den Wagen vor sich mehr ahnte als sah.

Eben noch unzufrieden, weil der Nebel ihm seinen Willen aufgezwungen und seine Pläne durchkreuzt hatte, sah er auf einmal das Abenteuerliche an dieser Fahrt. Ein Mann verirrt sich in dieser überorganisierten Welt im Nebel und folgt roten Rücklichtern, die ihn irgendwohin führen, an ein unbekanntes Ziel.

Stephan Pfändler erwog viele Möglichkeiten. Ein Grenzposten, denn die Tschechoslowakei war nicht weit, vielleicht auch ein Dorf mit einer Tankstelle, ein einsamer Bauernhof oder ein Sägewerk, aber das Auto konnte ihn auch zu einer Kreuzung mit einer größeren Straße führen, zu Wegweisern und Ortsschildern.

Woran denkt man bei einer so merkwürdigen Fahrt? Der Tank, mehr als halb voll. Die Strecke, allenfalls zehn Kilometer, seit er die Verfolgung aufgenommen hatte. Die Zeit, zwanzig Minuten, wenn nicht mehr. Der vor ihm kroch auch. Ein vorsichtiger Fahrer. Die Bilder aus dem Fernsehen von Massenkarambolagen tauchten in seinem Gedächtnis auf. Aber das war auf Autobahnen gewesen. Sein Abstand? So etwa dreißig Meter, nicht gut zu schätzen, aber wenn er weiter zurückblieb, verlor er die Rücklichter aus dem Blick. Wenn er zu nahe heranfuhr wie eben jetzt, konnte es gefährlich werden. Der Fahrer vor ihm bremste und blinkte nach links. In einer Rechtskurve nach links? Ein Hindernis, eine Einfahrt? Ja, das mußte es sein. Noch eine leichte Wegbiegung und dahinter dann Lichter. Ein kaum zu erkennendes, langgestrecktes Gebäude. Vorn ein offenes Scheunentor, durch das der andere Wagen fuhr. Pfändler hielt auf dem Hof an. Die Lampen am Haus streuten einen schwachen, milchigen Schein und sahen wie durchsichtige Untertassen aus.

Sein unfreiwilliger Lotse kam inzwischen auf ihn zu. Ein älterer Mann mit grauer Mähne, groß und breitschultrig, der nicht wartete, bis er ausgestiegen war, sondern sich zu ihm herunterbeugte, während er erst ein Bein auf dem Pflaster und das andere noch im Wagen hatte. Er sagte, er habe sich schon gedacht, daß es sich bei ihm um einen Ortsfremden handeln müsse, der nicht mehr weiterwisse. Und wie er ihm denn nun helfen könne.

Nun auf zwei Beinen und gerade aufgerichtet, stellte Stephan Pfändler fest, daß die Sprache des anderen kaum eine Spur von Dialekt erkennen ließ.

Er nannte seinen Namen, erklärte, wohin er unterwegs sei, beschrieb die Irrfahrt durch den Nebel und seine Freude über das Erscheinen eines Retters. Als dies alles gesagt war, blieb ihm nur geduldiges Abwarten.

«Kommen Sie mit ins Haus.» Der Mann drehte sich um, ging vor ihm her wenige Schritte über den Hof und dann einige vom Milchglaslicht schwach beleuchtete Stufen hinauf, öffnete die schwere Holztür und rief: «Marianne! Ich bin zurück und habe Besuch mitgebracht.»

Vor ihnen ein Flur mit einer breiten, ausgetretenen Treppe und geradeaus eine geschnitzte Tür. Hinter ihr Wärme und der überraschende Zauber eines großen Raums mit blanken Holzbohlen, bunten Teppichen, wenigen Möbeln, Inseln sanften Lichts und einem ausladenden grünen Kachelofen. Vor dem Ofen lag auf einer Decke ein ergrauter, zottiger Jagdhund, der mühsam aufstand, um seinen Herrn zu begrüßen und von ihm gestreichelt zu werden.

«Das ist Theo», erklärte der Mann und lachte dann leise auf. «Und ich heiße Altenberg, Lebrecht Altenberg.»

Die erste leichte Befangenheit Stephans erhöhte sich noch, als eine dunkelhaarige, sehr schlanke, hochgewachsene Frau durch die Tür neben dem Kachelofen eintrat. Ein kleiner Junge folgte ihr. Die Erwartung auf den beiden Gesichtern erlosch beim Anblick des Fremden.

«Ich dachte schon, Katharina wäre gekommen», sagte die Frau leise.

«Nein, es ist ein Gast, den ich im Nebel gefunden habe. Herr Pfändler –» Er machte eine winzige Pause, um dem Fremden die Möglichkeit zu Ergänzungen zu geben, die dieser aber nicht ausnützte. Dann eine knappe Handbewegung: «Meine Frau und mein Enkel Peter.»

Die Verneigung über einer kühlen schmalen Hand, ein Händeschütteln mit dem Kind und die gemurmelte Entschuldigung, so plötzlich einzudringen.

Noch immer kam Pfändler nicht zur Frage nach dem Weg, denn die nur angelehnte Tür öffnete sich einen Spaltbreit für eine Katze. Keine Katze, ein Kater, orangegetigert, riesengroß, mit breitem Kopf und leuchtenden gelben Augen. Er umkreiste den etwas abseits stehenden Fremdling, ohne zu schnuppern oder sich an ihm zu scheuern, schritt zu einem Stutzflügel, der offen an der Fensterfront stand, sprang auf die kleine Bank und von ihr auf die Tasten, die gehorsam schrille Töne von sich gaben.

«Das ist Chopin», erklärte der Junge.

Pfändler lachte.

Peter hatte ein offenes, kindlich weiches Gesicht. Er mochte etwa acht Jahre alt sein. «Meine Mutter hat ihn Chopin getauft, weil er so gern Klavier spielt. Früher hieß er Maunz.»

«Wie kommt das?»

Der Kater war den Altenbergs zugelaufen, obwohl er ein festes Zuhause hatte. Er war im Wirtshaus in Eisenstein aufgewachsen, hatte dort zwei Jahre verbracht und war zum Biertrinker geworden. Als er seine Liebe zu den Altenbergs entdeckte, begleitete er sie über mehrere Kilometer bis zu ihrem Haus, blieb einige Male über Nacht zu Besuch, adoptierte dann die ganze Familie und zog endlich bei ihr ein. Dem Wirt war es egal, an Katzen kam man leicht.

«Wir müssen ihn auf dem Klavier spielen lassen», sagte Peter, «sonst schreit er. Wenn wir ihm kein Bier geben, schreit er auch.»

Ob Chopin sich denn mit Theo vertrage, fragte Pfändler, froh über die Überbrückung, weil er beobachtet hatte, daß die Großeltern sich zum Ofen zurückzogen, um leise miteinander zu reden. Sie sollten sich seinetwegen nicht gestört fühlen.

«Sehr gut. Theo ist alt. Chopin legt sich zum Schlafen vor ihn und wärmt ihm den Bauch.»

Altenberg kam nun zurück, umfaßte die Schultern des Jungen und zog ihn nahe an sich heran. Es war keine besitzergreifende Gebärde; sie drückte eine selbstverständliche Zärtlichkeit aus, auf die das Kind einging, sich zurückfallen ließ, den Kopf in den Nacken legte und schräg nach oben fragte: «Glaubst du, daß die Mama kommt?»

«Heute wohl nicht mehr, Peter. Der Nebel ist zu dicht. Wir wissen ja nicht einmal, ob das Flugzeug in Frankfurt landen konnte.» Immer noch das Kind schirmend, wandte er sich Pfändler zu und erklärte, es sei ausgeschlossen, daß er noch weiterführe. Er müsse bei ihnen übernachten. Jeder Kilometer bei der miserablen Sicht wäre sträflicher Leichtsinn.

Pfändler berichtete von dem Freund, der ihn erwartete, erkundigte sich nach dem Wirtshaus und früheren Domizil des Katers und fügte zögernd hinzu, daß er auch telefonieren müsse. Gleichzeitig wußte er, daß er sich nichts sehnlicher wünschte, als bei diesen Menschen, in diesem Haus und in diesem Zimmer bleiben zu dürfen. Seine Nebelfahrt hatte ihn hierher geführt, und wenn einem der graue Alltag ein Abenteuer schenkt, sagt man doch nicht nein. Er ließ sich, vielleicht eine Spur zu schnell, von den Gastgebern überreden.

Altenberg mußte wohl die Freude über die Einladung auf seinem Gesicht gelesen haben. Er drehte sich zu seiner Frau um, die auf der Ofenbank saß und den alten Hund streichelte, sah ihr Lächeln, und führte den Gast zum Schreibtisch und dem Telefon.

Pfändler suchte den Brief des Hotels aus der Brieftasche heraus, wählte die Nummer, mußte warten, weil das Besetztzeichen kam, und sah währenddessen auf dem mit Papieren überladenen Schreibtisch einen Umschlag, aus dem hervorging, daß es sich bei dem Hausherrn um einen Professor Altenberg handelte. Beim zweiten Wählen ruhte sein Blick auf dem Foto einer ernsten jungen Frau, deren Ähnlichkeit mit Frau Altenberg und Peter so auffallend war, daß er sie zu kennen glaubte. War das die erwartete Katharina? Die Mutter des Jungen? Sie mußte es einfach sein.

Das Hotel meldete sich, und eine freundliche Stimme zeigte Verständnis, gab an, daß schon mehrere Gäste ihre Ankunft auf den nächsten Tag hätten verschieben müssen. Sie habe den Namen nicht richtig verstanden, ob er Herr Doktor Pfändler sei? Ein Herr Doktor Weber aus Nürnberg habe eine Nachricht für ihn hinterlassen. Er könne ebenfalls erst morgen kommen.

Pfändler legte mit einem Gefühl der Dankbarkeit den Hörer wieder auf.

Er müsse vorliebnehmen und bekäme nur ein schlichtes Abendbrot, sagte der Professor. Seine Frau und Peter kümmerten sich gerade darum. Auf dem Holztisch standen schon Teller und Tassen. Die Hängelampe war angeknipst und durch die Tür seitlich des Kachelofens drangen Küchengeräusche und Gesprächsfetzen.

Die beiden Männer setzten sich an das Ende des langen Tischs, an dem nicht gedeckt war. Als Altenberg ihn fragend ansah und dann zwei Gläser Korn einschenkte, gestand Stephan Pfändler, er habe das Verlangen, sich unentwegt zu bedanken, aber das könne zu monoton werden.

«Dann lassen Sie es. Wir leben hier in unserem Wald recht einsam. Ein unerwarteter Gast ist für uns eine willkommene Abwechslung.»

Trotzdem war es nicht einfach. Stephan hätte gern nach seinem Zimmer gefragt, sein Gepäck geholt und sich statt der dicken Autojoppe einen leichteren Pullover angezogen, denn der Ofen strahlte Hitze aus. Auch das Bad wäre sehr nötig gewesen. Aber fragt man das, wenn man mit jemandem am Tisch sitzt, der selbst zu höflich ist, die Fragen zu stellen, auf deren Beantwortung er bei einem Hereingeschneiten ein gutes Recht hat? So tastete er sich vorwärts, erklärte den Anlaß der Nebelfahrt, den Altenberg nach dem mitgehörten Telefongespräch schon wissen konnte. Er käme aus München, sein Freund, ein Arzt, aus Nürnberg. Beide wären sie beruflich sehr eingespannt, sähen sich nur selten und hätten dieses Wochenende schon lange geplant. Endlich doch eine Frage des Professors. Ob er auch Arzt sei. Nein, er habe Volkswirtschaft studiert und arbeite bei einer Werbeagentur. Ein Holperweg zum nächsten Thema, das keine Konturen annahm. Lieber der Griff nach dem kleinen Schnapsglas.

Die Rettung kam durch die Tür; die Hausfrau mit einem Tablett, der Junge mit einer bauchigen Teekanne. Pfändler konnte aufstehen, von Händewaschen und Gepäck aus dem Auto holen sprechen. Er erntete Entschuldigungen, und Lebrecht Altenberg Vorwürfe, nicht längst daran gedacht zu haben. Peter begleitete ihn auf den Hof, nahm die Aktentasche und den Mantel von der Rückbank des Wagens, erklärte, daß man hier das Auto nicht abzuschließen brauche, und sagte, ein Volvo wäre ein Pfundswagen, aber seine Mama führe einen BMW. Dabei ließ er den Mantel, der zu lang für seine Arme war, über den Hof schleifen. Pfändler mochte nicht eingreifen und hoffte, daß der Schmutz sich abbürsten ließe. Wieder im Haus, führte ihn Frau Altenberg in den ersten Stock in ein schlichtes, freundliches Zimmer, zeigte ihm das Bad und forderte ihn auf, gleich zum Essen zu kommen.

Die Mahlzeit am langen Tisch, ein Salat vorweg, dann Brot, Wurst und Käse und Tee, wurde vom Telefon unterbrochen, an das Peter erwartungsvoll stürzte.

«Mama?»

Aus seinen Antworten ging hervor, daß auch sie im Nebel festsaß, zwar in Frankfurt gelandet war, aber die Heimfahrt über die Autobahn nicht mehr machen könne. «Aber morgen ganz früh, ja?» fragte der Junge, um dann hinzuzufügen: «Wir haben einen Nebelmann hier. Großvater hat ihn mitgebracht. Er fährt einen Volvo und er hat Chopin schon gehört.»

«Nebelmann! Ein guter Name, finden Sie nicht auch?» sagte Marianne Altenberg lächelnd.

Pfändler stimmte zu, mußte sich am Gespräch beteiligen und hätte doch viel lieber gehört, was Peter seiner Mutter erzählte. Die Altenbergs erwähnten die Dumpingpreise der Holzeinfuhren aus der Tschechoslowakei, die der heimischen Holzwirtschaft großen Schaden zufügten, beklagten den Niedergang der Glasindustrie und gingen zu Wackersdorf über, einem Thema, das sich weit über das Ende des Abendessens erstreckte und noch nicht zu Ende war, als Peter ins Bett mußte. Er zögerte den Abgang hinaus, kauerte bei Theo, nahm den widerstrebenden Kater auf die Arme und warf ihn Pfändler auf den Schoß. Chopin schien die Behandlung gewöhnt zu sein, denn er rückte sich bequem zurecht und legte den Schwanz ordentlich um die Pfoten und die Nase.

«Gute Nacht, Herr Nebelmann», sagte der Junge kichernd. «Jetzt habe ich einen guten Namen für Sie.»

Die Großeltern griffen nicht ein, versprachen, zum Gutenachtsagen noch zu ihm zu kommen, und erklärten, als er endlich die Tür hinter sich zugezogen hatte, er müsse morgens früh aufstehen, habe zwanzig Minuten bis zum Schulbus zu gehen, leider auch samstags.

Stephan Pfändler war den Umgang mit Kindern und Tieren nicht gewöhnt. Er wagte nicht, seine Beine zu bewegen. Um die Oberschenkel als Ruhelager für den schweren Kater waagrecht zu halten, mußte er die Fersen anheben und das Gewicht auf die Fußballen legen. Er streichelte ängstlich über den getigerten Rücken, dessen Fell knisterte, und empfand das laute Schnurren dankbar als lobende Anerkennung.

Er dürfe sich ruhig gemütlich hinsetzen, sagte Marianne Altenberg amüsiert. Das dicke Biest sei viel zu schwer, um es lange auf dem Schoß zu behalten. Als er hastig abwehrte und erklärte, daß er sich mit Katzen nicht auskenne, ihm die neue Bekanntschaft aber sehr willkommen sei und er es ruhig noch eine Weile aushalten könne, begegnete ihm ihr verwunderter Blick. Noch nie eine Katze auf dem Schoß? Und was wäre mit Hunden?

Er holte Luft und wollte zu erklären beginnen, als sich ihre Hand auf seinen Arm legte. «Warten Sie noch ein bißchen. Mein Mann und ich müssen noch zu Peter. Danach haben wir mehr Ruhe.»

Woher wußte sie, daß er das Verlangen hatte zu reden? In ihm hatte sich zuviel Einsamkeit aufgestaut, die er mit sich getragen hatte, bis er den Freund wiedersehen würde. Aber sie wollte sich jetzt schon auflösen und nicht noch einen Tag länger warten. Er verglich diesen Abend unter fremden Menschen mit jenen seltsamen Zufallsbegegnungen während nächtlicher Zugfahrten oder auf langen Flügen. Ausgetauschte Lebensberichte zwischen Namenlosen, die sich schon aus den Augen verloren, sobald das Flugzeug gelandet war und die Eiligen zum Ausgang drängten. Vielleicht noch ein Augurenlächeln am Kofferkarussell, dann verflüchtigte sich die Vertraulichkeit der Nacht bei einem Fremden, der nichts mehr mit ihr würde anfangen können. Auch die Geständnisse des anderen, die man selbst mitnahm, vermischten sich mit den unzähligen neuen Eindrücken und Bildern, bis sie alle Konturen einbüßten und zu schemenhaften Erinnerungen wurden. Was war schon an solchen Lebensgeschichten dran? Jeder hatte eine. Sie glichen sich alle: gute und schlechte Zeiten, für Glück wurde teuer bezahlt, Armut oder Reichtum fraßen an der Seele, nur der Tod unterschied sich, aber von dem wußte keiner, der sein Leben noch erzählen konnte. Nein, was er soeben gedacht hatte, stimmte nicht, denn er wollte die Altenbergs nicht aus den Augen verlieren; er wollte sie als Freunde gewinnen, weil er sich zu ihnen hingezogen fühlte wie seit langer Zeit zu niemandem mehr.

Als das Ehepaar zurückkehrte, setzten sie sich an einen niedrigen Tisch, um den drei Sessel standen. Der Kater verlor dabei seinen Platz und schritt steifbeinig zur Hundedecke, wo er es sich zwischen Bauch und Läufen von Theo bequem machte.

«Da haben Sie die berühmte Urfeindschaft», sagte der Professor mit dem schönen Namen Lebrecht, der so stark dazu reizte, ihn zu fragen, wie es ihm denn mit diesem Imperativ ergangen sei. Der Hund, so erfuhr Stephan, war schon zehn Jahre alt gewesen, als der Kater einzog. Anfangs mieden sie sich, aber als es Winter wurde und beide den Platz am Kachelofen suchten, mußten sie sich einigen. «Wir haben nichts getan, nur beobachtet. Nach drei, vier Tagen hatten sie herausgefunden, wie bequem es zwei Leute mit dickem Fell haben können.»

«Leute!» wiederholte seine Frau und lachte leise darüber. Ihre grauen Augen richteten sich fragend auf den Gast.

Das genügte, um den Damm zu brechen. Er begann zu erzählen.

Der Vater kurz vor der Geburt im Krieg gefallen, das Kind, immer mit der Mutter allein, auf der Flucht vor den Bomben. Erste Erinnerungen an zwei kleine Zimmer in einer Kleinstadt. Der kleine Junge, behütet, verhätschelt, von der jungen Frau, die mit Nähen Geld verdiente, im Haus gehalten. Eine Schulzeit ohne Ereignisse. Nach dem Abitur zwei Jahre Arbeit, um das Geld fürs Studium zu verdienen, bei dem ein Stipendium half. Volkswirtschaft. Dann der plötzliche Tod der Mutter, die sich aus dem Leben davonstahl. Nach der Doktorarbeit ein Ausbruchsversuch und die Arbeit bei einer Werbeagentur in New York. Die Liebe zu Barbara, einer zarten, sanften Kollegin, die dem ruppigen Handwerk so gut gewachsen war. Als die Agentur ihn nach Deutschland zurückschickte, heirateten sie. Ein bescheiden glückliches, ein wenig versponnenes Leben, weil ihnen Kinder versagt blieben. Die Krankheit seiner Frau, von ihr anfangs kaum wahrgenommen, verlor die Harmlosigkeit und führte zu einem langsamen Sterben. Stephan Pfändler war mit sechsundvierzig zum Witwer geworden. Das war mehr als zwei Jahre her.

An diesem Abend wurde es spät. Marianne Altenberg brachte eine zweite Kanne Tee und Weihnachtsgebäck aus dem Vorrat.

Der Professor hatte in Tübingen Mathematik gelehrt, war seit zwei Jahren emeritiert und mit seiner Frau auf den vom Vater ererbten Hof gezogen. Jetzt war das Land verpachtet; er bewirtschaftete nur noch den Wald. Der Enkel lebte bei ihnen, weil die einzige Tochter als Modefotografin ein unstetes Leben führte und ein Kind eine feste Bleibe brauchte. Über den Vater Peters wurde nicht gesprochen, und Pfändler mochte nicht fragen.

In den Gesprächspausen, die nie schmerzten, weil die drei Menschen einander wohlgesonnen waren und jeder dem anderen Zeit ließ, den eigenen Gedanken nachzugehen, spürte der Gast manchmal den Blick Marianne Altenbergs. Die grauen Augen schienen ihn ergründen zu wollen, obwohl er nichts verborgen hatte. In den dunklen Haaren war keine Silbersträhne, und sie hätte sehr jung sein können, wäre nicht ein feines Faltengeflecht über ihr Gesicht gespannt gewesen. Es waren Falten des Alters, nicht der Verbitterung, keine heruntergezogenen Mundwinkel oder tiefe Furchen zwischen Nase und Mundrand. Sie trug lange Hosen, ein weißes Hemd und darüber einen dunkelblauen Pullover. Eine eindrucksvolle Frau, schön anzusehen, auf die Entfernung alterslos, aus der Nähe rätselvoll.

Gegen Mitternacht bat Pfändler, sich zurückziehen zu dürfen. Die Altenbergs wollten nicht, daß er ohne Frühstück abreiste, verabredeten die Zeit und sagten, er solle sich nicht stören lassen, wenn Peter schon früh im Hause herumgeistere, denn er müsse um Viertel nach sieben zum Schulbus. Zuletzt ging er mit dem Professor auf den Hof, um frische Luft zu schnappen und nach dem Nebel zu sehen. Hund und Kater begleiteten sie.

Die Nacht war immer noch undurchdringlich, aber ein leichter Wind bewegte die Tannen bei der Scheune.

Die beiden Männer gingen auf und ab, leicht nach vorn gebeugt, mit den Händen tief in den Taschen, und nach einem langen Abend, an dem viel geredet worden war, nun schweigsam.

Als der Hund Theo sich zu ihnen gesellte und Chopin schon wartend vor der Haustür saß, kam es doch noch zu ein paar Sätzen.

«Es wäre schön, wenn Sie wiederkämen, Herr Pfändler. Wir sind viel allein. Die Zahl der alten Freunde nimmt ab, und von den jungen verirrt sich selten einer in diese abgelegene Gegend.»

«Ich möchte nichts lieber als das. Ich hatte nicht den Mut, Sie darum zu bitten, aber nun werde ich sehr gern kommen.»

 

Stephan Pfändler fand lange keinen Schlaf. Die Stille, ungewohnt nach dem nie nachlassenden Verkehrslärm seiner Wohnung in der Stadt, wollte genossen werden. Dabei war es nicht still, nur die Geräusche unterschieden sich. Tropfen auf dem Fensterbrett, das Ticken der Standuhr auf dem unteren Flur, das Knarren unsichtbarer Balken, als hole das nächtliche Haus tief Luft, und dann endlich ein leises Trappeln oder Huschen, vielleicht von Mäusen auf dem Dachboden …

Er durchlebte die Ereignisse des Abends, suchte sich die Gesichter der neuen Freunde zusammen, die ihm allzu schnell entglitten und neu geformt werden mußten. Der Mann mit der grauen Mähne, dem kantigen Kopf und den unter hohen Jochbögen tiefliegenden Augen. War das Kinn gekerbt, war der langgezogene Mund mit den fleischlosen Lippen früher voller gewesen? Wie alt mochte er sein, zweite Hälfte Sechzig? Wie würde er, Stephan, wohl in zwanzig Jahren aussehen? Sicher nicht so gesund. Als Pfändler versuchte, sich Marianne Altenberg vorzustellen, versagte er. Ihr Gesicht wollte keine Form annehmen und löste sich in einzelne Züge auf. Ein Zusammenziehen der kleinen Falten an den Augen, wenn sie lächelte; die Querfalte auf der Stirn, wenn sie nachdenklich nach Worten suchte; der empfindsame Mund. Leicht war es nur mit Peter, der sich in sein Gedächtnis eingekerbt hatte.

Als der Schlaf sich ihm immer noch versagte, obwohl er müde war, nahm er Zuflucht zu einer Methode, die meistens half. Er streckte sich lang auf dem Rücken aus, achtete darauf, daß sich die Füße nicht berührten und die Hände glatt auf dem Laken lagen. Dann suchte er tief zwischen den Hüftknochen und dem Rückgrat seine Mitte und ließ Schwere in sich einziehen. Er wog eine Tonne, konnte keinen Finger mehr heben, den Kopf nicht mehr bewegen und die Beine nur noch wie zwei Säulen fühlen. Er spürte den Schlag seines Herzens, dumpf und gleichmäßig, war warm und schwer und kaum mehr bei Bewußtsein. Aber nun, wo er sich gleich zur Seite drehen und richtig einschlafen würde, gelang ihm das auf einmal nicht mehr. Er war hellwach und ganz darauf konzentriert, das Geräusch zu hören, das zu ihm drang. Das Weinen eines Kindes, bitterlich, mit langen Schluchzern und japsendem Atemholen. Pfändler saß auf der Bettkante und suchte mit den Zehen nach seinen Pantoffeln. Er wartete, ob jemand über den Flur ging, ob sich eine Tür öffnete, ob er Stimmen hörte. Aber es kam kein anderes Geräusch, nur das Schluchzen blieb. Er trat auf den Flur, horchte, fand die Tür, hinter der der kleine Junge so herzzerreißend weinte, und ging hinein.

«Peter?»

Er tastete in der Dunkelheit nach dem Lichtschalter, fand ihn nicht, folgte den Schluchzern, stolperte über einen Stuhl, der umstürzte, suchte Halt und fand ihn am Fußende des Bettes. Er setzte sich seitlich auf die Matratze, glitt mit der Hand über das Bündel unter dem Federbett, bis er eine Schulter berührte, und fragte ins Ungewisse: «Peter, was ist denn? Warum weinst du? Soll ich deine Großmutter holen?»

«Neiein!»

Wie tröstet man ein Kind, das man kaum kennt, von dem man nichts weiß, wenn man selbst gar keine Erfahrung mit Kindern hat und sich höchstens auf dunkle Erinnerungen an längst vergangene Kümmernisse verlassen kann?

«Ich kann nicht schlafen. – Meine Mama ist nicht gekommen. – Der Papa kommt nie mehr … Er darf nicht …» Unter Schlucken und Schniefen gegebene Auskünfte.

Pfändler ließ eine Hand auf der schmalen Schulter und suchte mit der anderen nach der Nachttischlampe, die doch irgendwo sein mußte. Als er endlich gegen einen Metallfuß stieß, war die Bewegung zu heftig gewesen. Er hörte ein Wackeln, Kippen und den Aufschlag auf dem Fußboden. «Verdammt!»

Das Weinen verstummte, und der Junge setzte sich auf.

«Wo ist der Lichtschalter, Peter? Wenn das so weitergeht, zertrümmere ich noch dein ganzes Zimmer.»

Das Kind glitt aus dem Bett, tapste mit nackten Füßen zur Tür, und gleich darauf strahlte unangenehm helles Licht aus einer Deckenlampe. Kind und Mann bückten sich zugleich nach der Nachttischlampe, stießen mit den Köpfen zusammen, und Stephan konnte nicht anders, er begann zu lachen.

«Entschuldige, Peter», sagte er endlich, «du hast dir einen sehr ungeschickten Tröster ausgesucht. Es würde mich nicht wundern, wenn die Nachttischlampe kaputt wäre.»

«Die fällt dauernd runter. Ich probier mal.»

Sie ging tatsächlich an. Das Licht unter dem roten Schirm war warm und freundlich. Pfändler stellte den Stuhl wieder auf, häufte die auf den Boden gefallenen Kleidungsstücke darauf, ging zur Tür und löschte das grelle Licht. Er setzte sich wieder auf die Bettkante.

«So, jetzt weinst du wenigstens nicht mehr. Daß deine Mama heute im Nebel nicht mehr kommen konnte, ist doch nicht so schlimm. Morgen, wenn du aus der Schule zurück bist, wird sie vielleicht schon hier sein. Sie hat es dir versprochen. Das habe ich gehört, als du mit ihr telefoniert hast.»

Peter legte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sagte nun tränenlos und viel zu erwachsen: «Ich weine manchmal nachts. Da kann mich keiner hören. Die Großeltern schlafen hinten im Haus.»

«Hilft es was, wenn ich bei dir bleibe, bis du eingeschlafen bist?»

«Keiner will mit mir schlafen», sagte der Junge. «Die Großeltern wollen mich nicht in ihrem Zimmer haben, und die Mama sagt auch, daß ich zu alt bin, um in ihr Bett zu kommen.»

«Weißt du was? Wir machen es andersherum. Ich komme in dein Bett. Das erfährt keiner. Wenn du richtig fest schläfst, gehe ich in mein Zimmer zurück. Morgen kommt es dir dann so vor, als hättest du geträumt.»

Peter rutschte zur Seite und machte Platz. Stephan legte ihm den Arm um die Schulter, spürte den Kinderkopf auf dem Ellbogengelenk, schauderte ein wenig, weil ihm im Schlafanzug in den ungeheizten Räumen kalt geworden war, zog das Federbett hoch und stopfte es unter die schmale Seite des Kindes.

«Gute Nacht, Peter.»

Nach wenigen Minuten hörte er den Atem leise und gleichmäßig werden; er befreite den Arm, der einzuschlafen drohte, blieb ganz still liegen, dachte an den Hund und den Kater, die einander auf ihrer Decke vor dem Kamin wärmten, schmunzelte über den Vergleich und gab sich dankbar dem Schlaf hin, der ihn in seine tiefe Wärme zog. Als er wach wurde, brannte die Nachttischlampe noch, und auf dem Wecker stand der Zeiger kurz vor sechs Uhr. Er rutschte vorsichtig aus dem Bett, öffnete die Tür zum Gang, kehrte zurück, um das Licht auszuknipsen, und bedauerte den kleinen Schläfer, der in einer halben Stunde geweckt werden würde.

Gleich darauf kroch er in das kalte Bett im Gästezimmer, mußte es erst wärmen und wachte und schlief, bis es an die Tür klopfte. «Ja?»

«Viertel nach sieben», sagte Peter. «Großmutter hat mich geschickt. Ich soll Sie wecken.» Er zögerte einen Augenblick unter der offenen Tür, lachte verlegen und sagte: «Servus, Nebelmann. Ich hab nicht geträumt. Komm bald wieder.»

«Wiedersehen, Peter.» Aber die Tür war schon zu, und dann folgte Gepolter auf der Treppe und das Zuschlagen der Haustür.

Stephan stand auf und zog die Vorhänge zurück. Es war noch ganz dunkel, aber der Nebel hatte sich verflüchtigt. Soweit er es sehen konnte, verhieß der Wolkenhimmel Schnee.

Das Frühstück gab es in der Küche. Marianne Altenberg setzte sich zu ihm, trank zur Gesellschaft eine Tasse Kaffee und entschuldigte ihren Mann, der morgens immer länger schliefe, wenn er so spät ins Bett kam. Stephan konnte sich nicht entschließen, ihr von dem nächtlichen Erlebnis mit Peter zu erzählen. Es kam ihm wie ein Verrat vor, aber andererseits war es traurig, wenn ein Kind nachts weinte und von niemand getröstet wurde. Wäre die Mutter dagewesen, hätte er es bestimmt erwähnt, aber bei dieser stillen, distanzierten Frau empfand er Hemmungen, die er sich nicht erklären konnte. Sollte er Frau Altenberg nach dem Vater fragen? Aber das ging nicht; ein Vater, der seinen Sohn nicht besuchen durfte, war doch nicht jemand, nach dem man sich als Fremder erkundigen konnte.

«Ich mag Peter», sagte er unvermittelt.

«Er Sie auch.» Sie lächelte ihr seltsames Lächeln, das nicht an ihn gerichtet war, sondern sich im Raum verlor. «Er nennt Sie den Nebelmann und möchte, daß Sie wiederkommen.»

«Das möchte ich auch sehr gern. Aber dazu muß ich mir erst Ihre Adresse aufschreiben. Ich wollte es gestern schon, aber wir hatten soviel anderes zu erzählen.»

Sie tauschten die Adressen aus. Sie hielt seine Visitenkarte von sich fort und suchte sie mit weitsichtigen Augen zu entziffern. «Wo ist das? In Schwabing?»

«Ja. Nicht weit vom Englischen Garten.»

Sie nickte, als wäre dies eine befriedigende Auskunft.

Als er seine Tasche und den Mantel zum Auto trug, begleitete sie ihn und erklärte, wie er fahren müsse, um auf die große Straße zu kommen. Er verabschiedete sich mit einem Handkuß, bedankte sich abermals für die Gastfreundschaft, aber sein Dank wurde leise und bestimmt abgewehrt.

«Nein, nein. Es war für uns eine Freude. Gute Fahrt und auf Wiedersehen.»

Er wendete den Wagen, wollte ihr noch einmal zuwinken, sie kehrte ihm jedoch den Rücken zu und war schon auf dem Weg zur Treppe und zur Haustür.

2

Das dritte Weihnachten ohne seine Frau überstand Stephan Pfändler besser als erwartet. Am Heiligen Abend hatten ihn Freunde eingeladen, deren fröhliche Kinder keine Wehmut aufkommen ließen. An einem der beiden Feiertage war er in der Oper gewesen, und in der übrigen Zeit hatte er viel mit dem Videorecorder gespielt, den er sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte. Zwischen den Jahren war er zweimal mit dem Auto an den Stadtrand gefahren, hatte die milden Wintertage zu stundenlangen Spaziergängen ausgenützt, nach denen er müde und gutgelaunt zurückgekommen war. Trotzdem atmete er auf, als es endlich Januar wurde; er genoß die Betriebsamkeit der Agentur und den mit Menschen bevölkerten Arbeitstag. Eine Folge von Feiertagen ist nichts für Einsame.

Von den Altenbergs hatte er auf seinen Dankbrief hin noch nichts gehört und rechnete auch nicht damit, bevor es Frühling wurde. Aber die Erinnerung an die Nebelfahrt und die Begegnung mit dem Ehepaar und dem kleinen Jungen stand frisch in seinem Gedächtnis, beschäftigte ihn oft und eignete sich gut, Träume an die zukünftigen Begegnungen zu knüpfen. In der Phantasie setzte er die Freundschaft mit Peter fort, strolchte mit ihm durch den Wald, suchte nach Haselstecken, um einen Bogen daraus zu machen und mit Pfeilen nach einer Scheibe zu schießen. Er würde mit ihm Ameisenhaufen erforschen, eine Grille ausgraben oder Waldvögel beobachten. Wenn er sich bei diesen Überlegungen ertappte, wurde ihm sehr klar, daß er im Grunde nur ein Stück eigener Kindheit nachholen wollte, um das ihn die vaterlose Jugend gebracht hatte. Auch Peter hatte keinen griffbereiten Vater, und daß der Mathematiker-Großvater sich eignete, Bäche zu stauen oder der Entstehung eines Maulwurfshaufens zuzusehen, schien ihm fraglich.

An einem naßkalten Abend ging er zum Essen in sein Stammlokal, in dem er die Wirtsleute und die Kellnerin gut kannte. Er aß Hausmannskost, trank Bier, las ein bißchen Zeitung und unterhielt sich mit dem Wirt, bis es Zeit für die Fernsehnachrichten wurde. Erst danach machte er sich auf den Heimweg, freute sich auf einen gemütlichen Abend, an dem er Musik hören und lesen wollte. Er hatte sich gerade einen alten Pullover und Hausschuhe angezogen, als es Sturm klingelte. Er erwartete keinen Besuch. Wahrscheinlich war es nur ein Hausbewohner, der seinen Schlüssel vergessen hätte und nun sein Glück am Klingelbord ausprobierte. Solche Störungen kamen gelegentlich vor, manchmal erbarmte er sich auch, aber heute war es ihm lästig, sich aus dem Sessel zu bemühen und zur Wohnungstür zu gehen, nur um über die Sprechanlage zu erfahren, daß Herr Meier aus dem vierten Stock ausgesperrt war.

Aber das Klingeln setzte sich beharrlich fort. Zwei-, dreimal, dann eine Pause und ein erneuter Ansturm.

Erst als er aufgestanden und zur Tür gegangen war, erkannte er am Ton der Flurglocke, daß der Klingler schon vor der Wohnungstür stand. Durch den Spion sah er nur ein Stück eines nassen Regenmantels. Der zum Mantel gehörende Mensch mußte seitlich der Tür warten. Es klingelte schon wieder.

«Ja, schon gut», murmelte Stephan und machte auf.

Er erkannte sie sofort, obwohl er sie nur einmal auf einem Foto gesehen hatte. Die Ähnlichkeit mit der Mutter und dem Sohn war zu auffallend. Kurze, dunkle, jetzt vom Regen strähnige Haare, die in die Stirn fielen, grüne Augen. Das ernste Gesicht aus dem Silberrahmen auf dem Schreibtisch mit den vielen Papieren, nur schmaler.

«Frau – Altenberg?»

«Nein, Reiners. Aber es stimmt schon. Ich bin Peters Mutter. Darf ich hereinkommen?»

Sie ließ ihm keine Zeit für eine Antwort, trat an ihm vorbei und hatte sich aus dem Mantel geschält und ihn achtlos über einen Stuhl in der Garderobe geworfen, bevor er ihr behilflich sein konnte. Sie stand schon unter der Tür zum Wohnzimmer, ehe sie sich umdrehte und zu sprechen begann.

«Peter schwärmt von Ihnen. Er nennt Sie ‹seinen› Nebelmann. Darum bin ich gekommen. Ich wollte Sie sehen.»

Hinter dem ernsten Gesicht, das er von dem Foto kannte, sah er, daß sie aufgebracht war. Der Tonfall ihrer Stimme und die Bewegung der Schultern verrieten einen Ärger, mit dem er nichts zu tun haben konnte. Die Situation war ihm unsympathisch, und er reagierte ebenso unhöflich. «Nun haben Sie mich gesehen. Reicht das noch nicht?»

Sie lachte zornig auf. «Ja, ich weiß. Ich hätte vorher anrufen müssen. Unangemeldete Besuche gehören sich nicht. Dafür bitte ich um Verzeihung. Und wenn meine Eltern von Ihnen angetan sind und mein Sohn von einer nächtlichen Zwiesprache und Trost erzählt, müßte ich liebenswürdiger sein. Das fällt mir im Augenblick schwer.»

Stephan hatte sich gefaßt. Hinter dem Zorn dieser Frau spürte er Verzweiflung und Ohnmacht. Als er eine einladende Handbewegung machte, wurde ihm bewußt, daß er nun zu hören bekommen würde, was bei den Altenbergs unausgesprochen geblieben war. Ein bißchen schämte er sich seiner Neugier, aber es fiel ihm leicht, sie zu überspielen.

«Nun setzen Sie sich erst mal, Sie sehen so aus, als wären Sie ganz durchgefroren und könnten einen Kaffee vertragen. Oder möchten Sie lieber etwas Alkoholisches?»

«Kaffee wäre schön.»

Er bat sie, sich zu gedulden, verschwand in der Küche und trödelte beim Kaffeekochen, um ihr Zeit zu lassen. Vielleicht faßte sie sich allein schneller. Er kehrte erst wieder ins Wohnzimmer zurück, als der Kaffee fertig war.

Sie hatte sich im Sessel zusammengekauert, saß gekrümmt, mit überkreuzten Beinen und aufgestützten Armen, und er stellte jetzt erst fest, daß sie nicht schlank, sondern extrem mager war. Die auffallenden grünen Augen wirkten in dem ausgemergelten Gesicht riesig; die Hand- und Fingergelenke standen knochig hervor. Er setzte das Tablett ab und warf dabei verstohlen einen Blick auf seine Hände. Mit ihren verglichen, kamen sie ihm gedrungen und muskulös vor. Da ihm nicht einfiel, wie er ein Gespräch in Gang bringen könnte, schenkte er Kaffee ein, rückte Zucker und Milch in ihre Reichweite, setzte sich ihr gegenüber in den zweiten Sessel und wartete ab.

Sie nahm die Tasse in beide Hände, als wolle sie sich wärmen, und trank dann in kleinen, hastigen Schlucken. Erst als sie die leere Tasse wieder auf die Untertasse stellte, begann sie zu sprechen. Sie wisse nicht, was ihre Eltern und Peter über sie erzählt hätten, fände es aber todtraurig, daß ihr Sohn so unglücklich sei, daß er einem Fremden sein Leid geklagt habe. Ja, er hätte sehr an seinem Vater gehangen, könne die Trennung von ihm nicht verwinden und verstünde nicht, warum er ihn nicht sehen dürfe …

«Warum darf er ihn nicht sehen?» fragte Stephan und füllte ihre Tasse wieder. «Hat sein Vater ein Verbrechen begangen?»

Ihre Erzählung kam wie ein Dammbruch, gehetzte Stakkatosätze, die sich überschlugen, Ohnmacht, Verzweiflung, Nichtbegreifen, Zorn und endlich Racheschwüre. Erst als die Flut verebbt war und nur noch Rinnsale sich ihren Weg durch die Trümmer eines Lebens bahnten, fand sie einen Ort, von dem aus sie die Katastrophe überblicken konnte.

Es war die alte Geschichte, hundertmal gelesen und gehört, aber darum für den Betroffenen nicht weniger schmerzlich. Katharina hatte Jürgen Reiners vor zehn Jahren kennengelernt, als sie dreißig und er zweiunddreißig war. Eine leidenschaftliche Liebe, eine schnelle Heirat. Es war die Zeit ihrer ersten Erfolge als Fotografin, sie verdiente gut und wollte den Beruf nicht aufgeben. Jürgen Reiners war das recht. Er stand am Anfang seines beruflichen Aufstiegs, und zwei Verdiener in der Familie ermöglichten ein angenehmes Leben. Ihre häufigen, berufsbedingten Reisen spielten keine Rolle, bis Peter geboren wurde. Sie blieb ein halbes Jahr zu Hause, aber wie alle im Beruf erfolgreichen Frauen fand sie sich mit dem Dasein allein mit einem Baby und dem Haushalt nicht ab. Sie suchte eine liebevolle Betreuerin für Peter, reiste weiterhin in der Welt herum, um für elegante Modezeitschriften zu fotografieren, machte sich einen Namen und verdiente mehr als ihr Mann. Weil ihr zwischen den Aufträgen und Reisen viel Zeit blieb, sich um Mann und Kind zu kümmern, weil sie ihren Mann liebte und ganz ehrlich glaubte, eine für sie beide befriedigende Form der Ehe gefunden zu haben, traf es sie wie ein Blitzschlag, als er ihr im vorigen Sommer gestand, daß er eine andere Frau gefunden habe, die ihn liebe und mit ihm ihr ganzes Leben verbringen wolle, nicht nur die Zeit zwischen zwei Reisen. Er gäbe zu, er hätte ihr das früher sagen müssen, aber nun sei etwas Unvorhergesehenes eingetreten, seine Freundin bekäme ein Kind. Er bäte Katharina, ihn freizugeben. Durch seine neue Ehe, die er sofort nach der Scheidung schließen wolle, wäre auch bestens für Peter gesorgt, der dann endlich ein richtiges Zuhause habe und seine sehr junge Mutter, die Zeit für ihn aufbringen würde, etwas, das sie – und das müsse sie zugeben – ihm von Geburt an vorenthalten habe.

Katharina, die den Boden unter den Füßen verloren hatte und nicht glauben konnte, was er ihr so hart und herzlos mitteilte, klammerte sich an zwei Wörtern fest: «sehr jung». Wie jung, fragte sie endlich.

Die Antwort, zu der er sich bequemen mußte, machte ihn zum erstenmal in seiner langen, gutgeübten Rede unsicher. Zweiundzwanzig.