3,99 €
Die gemeinsame Fahrt zum Klassentreffen nach Leopoldsbad, 40 Jahre nach dem Kriegsabitur, wird für jeden der Teilnehmer nicht nur zur Wiederbegegnung mit der verlorenen Heimat, sondern zugleich zu einem inneren Grenzübergang, zur Bewältigung der eigenen Vergangenheit. Mehr noch als in ihrem erfolgreichen Generationenroman »Die Enkelin« konfrontiert Edda Rönckendorff uns in dieser facettenreichen Darstellung einer exemplarischen Schicksalsgemeinschaft mit einem Spiegel, der unser eigenes Leben und Erleben identifizierbar macht und eindringlich reflektiert. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2015
Edda Rönckendorff
Roman der Erinnerung an die verlorene Heimat
Covergestaltung: buxdesign, München
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei Fischer Digital
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-560268-3
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
Freitag
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
Samstag
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Sonntag
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Walter Wagenbauer hat im Hotel in Nürnberg gefrühstückt, ist durch die Stadt gegangen und wartet nun beim Bahnhof auf den Bus aus München, der hier die Zusteiger aufnehmen soll, um dann nach Leopoldsbad zu fahren. Er kommt sich merkwürdig vor, nicht wie ein einundsechzigjähriger erfolgreicher Architekt, nicht wie der Vater von drei erwachsenen Töchtern und auch nicht wie jemand, der sich auf das Wiedersehen mit alten Freunden freut. Vielleicht hätte er sich zu dieser Reise nicht entschlossen, wäre nicht an einem Abend, an dem er sich besonders einsam fühlte, der Anruf seines Schulfreundes Willi Schubert gekommen. Jetzt jedoch, als er mit der Plaidtasche auf dem kahlen Platz steht, empfindet er die Fahrt in die Jugend als abenteuerlich. Auf der Liste stehen ungefähr fünfundzwanzig Namen aus drei Schulklassen, die 1942 im Krieg Abitur gemacht haben. Nur wenige davon sind ihm noch geläufig: ein paar Jungen aus dem Gymnasium; aus dem Lyzeum Lisa Kern, ebenso Leonie Huber, die diese Fahrt organisiert hat. Er müßte auch Barbara Fürst kennen, die kleine Schwester seines Freundes Horst, aber er kann sich nicht an sie erinnern.
Schräg gegenüber, auf der anderen Platzseite, sieht er zwei Frauen, die neben kleinen Koffern stehen und auch zu warten scheinen. Gerade als er beschließt, zu ihnen zu gehen und sich vorzustellen, weil sie die beiden anderen Mitreisenden sein werden, die in Nürnberg zusteigen, biegt ein großer Bus auf den Platz ein.
Wenn ich mich jetzt umdrehte und fortginge, denkt er, hätte mich keiner gesehen. Sie würden noch ein wenig warten und dann ohne mich in die Tschechoslowakei fahren. Walter weiß selbst nicht genau, warum er auf einmal Bedenken hat und sich fast fürchtet.
Darf man ein Rad zurückdrehen bis in die Jugend, bis in eine Zeit, als man noch unfertig war und alles erst Form bekommen sollte? Aus der Schule in den Arbeitsdienst und in den Krieg. Die Verwundungen, die Gefangenschaft, das Studium …
«Warum hast du ausgerechnet Architektur studiert?» hat Willi Schubert gefragt, als sie sich zum erstenmal zehn Jahre nach dem Krieg wiedersahen. «Du wolltest doch Mediziner werden.»
«Na ja, Architektur war immer schon meine zweite Liebe. Und als ich dann überall die Städte in Ruinen liegen sah, schien mir das die richtigere Entscheidung zu sein.»
Als Walter an Willi denkt, der dort mit seiner Frau Hanni im Bus sitzt und auf ihn wartet, kommt ihm sein Zögern ganz unbegreiflich vor. Willi, der neben ihm auf der Bank gesessen hat, sein Freund, dem er so unendlich viel verdankt.
Walter Wagenbauer greift nach der Reisetasche, geht mit langen Schritten über den Platz, sieht in die ihm zugewandten Gesichter der beiden Frauen – und versteht sich selbst nicht mehr.
«Grüß dich, Walter» und «Hallo, Walter» sagen sie beinahe gleichzeitig und machen es ihm ganz leicht. Also duzen sie sich. Die Frauen nennen wie selbstverständlich ihre Namen, so daß er nun weiß, welche Marianne Bacher und welche Agnes Hölzl ist. Marianne ist groß, hat einen üppigen Vorbau und ein rundes, freundliches Gesicht. Agnes ist klein, schmal, dunkelhaarig mit Silbersträhnen.
Gleich darauf klettern Willi und Leonie als Empfangskomitee aus dem Bus, und Walter ist plötzlich zu Hause, neunzehn Jahre alt, unter vertrauten Menschen. Er hat alles noch vor sich, sein ganzes Leben.
«Ich wußte bis eben noch nicht, wie sehr ich mich auf das Wiedersehen mit euch und mit Leopoldsbad freue», gesteht er.
Barbara Fürst sitzt mit den anderen im Bus, der auf einem großen, leeren Platz hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof hält. Drei alte Leopoldsbader sollen hier noch zusteigen. An die beiden Frauen kann sie sich erinnern, nicht aber an den Mann.
«Den müßtest du gekannt haben», hat Lisa vorhin noch gesagt. «So ein großer Blonder aus dem Altreich. Er war oft mit deinem Bruder auf dem Sportplatz.»
Barbara denkt mehr als vierzig Jahre zurück und sieht lauter große junge Burschen auf dem Sportplatz. Walter Wagenbauer. Sie hat den Namen auf der Liste gelesen. In ihrem Gedächtnis findet sie kein Bild.
Da Lisa und Barbara auf der dem Platz abgewandten Seite sitzen, können sie die neuen Mitfahrer erst sehen, als sie einsteigen. Zuerst kommen die beiden Frauen die Stufen an der Bustür herauf. Sie nennen von Reihe zu Reihe ihre Namen, schütteln Hände oder umarmen. Barbara sieht ihnen neugierig entgegen und schält von den gealterten Gesichtern die Jahre ab, bis sie wieder zu denen der Neunzehnjährigen werden, mit denen sie in die Schule gegangen ist.
Barbara und Lisa waren die Jüngsten, ein bis zwei Jahre jünger als alle anderen. Lisa hatte sich angepaßt, war über ihr Alter hinaus erwachsen und lebensklug und der kindlichen Freundin weit voraus.
«Ja, Servus, Barbara», sagt jetzt die Hölzl, die verheiratet ist und längst ganz anders heißt. «Mein Gott, du hast dich aber auch gar nicht verändert!»
«Servus, Agnes. Schau nur mal genau hin, dann wirst du schon sehen, was für ein altes Weib ich geworden bin.»
«Ah, geh.»
«Barbara!» Von hinten drängt sich Marianne Bacher vor. Barbara ist aufgestanden, hat sich unter dem Gepäcknetz durchgeduckt und neben Lisa gestellt. Sie wird nun an einen unter dem Regenmantel verborgenen mütterlichen Busen gezogen.
Lisa hat recht, denkt Barbara, sie sind wie eine Familie, in der man seinen Platz hat. Vierzig Jahre! Wir sind darüber alt geworden, haben ein oder sogar zwei Leben gelebt, und jetzt stehen wir wieder dort, wo wir begonnen haben, erwachsen zu werden, bei der Matura.
Marianne und Agnes begrüßen und umarmen weiter, und in ihrem Gefolge kommt nun auch der große grauhaarige Mann nach hinten. «Guten Tag», sagt er. «Ich bin Walter Wagenbauer. Du mußt Barbara Fürst sein.»
«Grüß dich, Walter.»
Über vierzig Jahre mit einem Menschen per du, an den sie sich nicht einmal erinnert. Das verlangt, daß man mehr sagt als nur eine Begrüßung. «Wie schön, daß du mitkommst. Du hast von uns allen den weitesten Weg, nicht wahr? Du kommst von Hannover?»
Auch das weiß sie nur aus der Adressenliste und den Erzählungen der anderen. Er war mit den Buben im Gymnasium. Von denen hat sie nur einige gut gekannt.
«Servus, Walter», sagt Lisa Kern, die in München lebt und die anderen in der Zwischenzeit mindestens schon einmal getroffen hat. Barbara wohnt in einem Nest in Niederösterreich und ist erst jetzt soweit, daß sie sich Klassentreffen vom Geld und von der Zeit her leisten kann.
«Ich bin noch nicht mit der Begrüßung fertig», sagt Walter in wunderschönem Preußisch. «Darf ich mich dann zu euch setzen?»
«Du darfst, wenn du keine Angst vor Rauch hast.» Lisa grinst ihn an. «Da vorn sitzen lauter militante Nichtraucher. Ich bin nach hinten verbannt. Barbara macht es nichts aus.»
«Mir auch nicht. Ich habe es schon lange aufgegeben, aber ich rieche es immer noch gern.» Er lächelt ihnen zu. «Bis gleich.»
«Ein netter Bursch, und tüchtig.»
Barbara nimmt Lisas Kommentar zur Kenntnis, während sie in Erinnerungen sucht. Groß und blond waren mehrere, blauäugig auch. Auf einmal taucht ein Bild auf. Sie starrt aus dem Fenster auf Straßen und Kieferngehölze und dann auf die Ruinen des Reichsparteitaggeländes. Sie nimmt wahr, ohne zu registrieren – und hat es plötzlich.
Ihr Bruder Horst mit zwei Schulfreunden in der Eisdiele. Sie war hereingeschneit, linkisch und verlegen, wußte nicht, ob zum Bruder an den Tisch gehen oder einfach die Eiswaffel kaufen und wieder verschwinden. Was immer sie machte, Horst würde sie aufziehen. Er war nur zwei Jahre älter, aber Barbara sah neben ihm wie eine Zehnjährige aus. Sie war klein, zierlich, hatte dunkelbraune Locken und ein rundes Kindergesicht. Daß sie fünfzehn war, glaubte ihr keiner. Horst kramte in der Tasche, warf Zehner auf den Tisch und rief ihr zu: «Ich lade dich ein.» Es war als Beleidigung gedacht und wurde von ihr auch so verstanden. «Ich kann mir mein Eis selber kaufen, du Lackel!»
Der eine Freund feixte, der andere lächelte sie an, lächelte mit geschlossenem Mund und hübsch geschwungenen, langgezogenen Mundwinkeln. Er murmelte etwas von Geschwisterliebe und lächelte noch, als Barbara sich auf dem Absatz umdrehte und mit der schmelzenden Eiswaffel hinausging.
Das Lächeln! Damals hat sie vor dem Spiegel geübt, so zu lächeln. Nicht mehr zähnezeigend, mit offenen Lippen wie ein Kind. Hier, im Omnibus nach Leopoldsbad, hat sie das Gesicht wiedergefunden, zu dem es gehört. Das eingeübte Lächeln war immer das dieses grauhaarigen Mannes, den sie sich nun schon nicht mehr als Jungen vorstellen kann.
Barbara lehnt sich im Sitz zurück und macht sich Gedanken über die Mitfahrer. Die Ehepaare sitzen zusammen. Eine nach außen wohlwollende Einheit, aber dennoch ein bißchen eingegrenzt wie hinter einer niedrigen, streng gestutzten Buchsbaumhecke. Das ist verständlich, weil immer nur einer die Jugend mit den anderen gemeinsam hat. Mag sein, daß es Rücksichtnahme auf den Partner ist, mit dem sie so viel mehr Leben teilen als diese ersten neunzehn oder zwanzig Jahre. Geschwister sitzen nebeneinander. Sie wollen gemeinsam in die Kindheit zurückkehren, die in einem anderen Land stattgefunden hat als in dem, in das sie heute reisen. Freundinnen teilen Sitzreihen und besprechen Ereignisse in Familien, von denen Barbara nichts weiß.
Außer Walter sind von den Reichsdeutschen nur noch zwei gekommen. Kinder von ins Sudetenland versetzten Beamten, die damals wie Zugvögel in der Klasse auftauchten. Sie waren es gewöhnt, bei jedem neuen Lehrer aufzustehen und sich vorzustellen, Namen zu buchstabieren, Plätze angewiesen zu bekommen und sich auf das prüfen zu lassen, was sie in einer anderen Schule in einer für Barbara nicht vorstellbaren Stadt gelernt hatten. Für manche von ihnen war es die fünfte oder sechste Schule, in die sie sich eingewöhnen mußten. Die Kinder konnten nichts dafür, aber im Freundeskreis von Barbaras Eltern wurde abfällig darüber geredet, daß der neue Staat, zu dem man nun gehörte, seine Beamten schickte, als gälte es, eine Kolonie zu verwalten. Eine dünne Eisschicht, die sich über den Jubel zur neuen Zugehörigkeit zum Reich deckte. Barbaras Vater war Arzt, ihn betraf das nicht.
Vorn im Bus ist fast jeder Platz besetzt. Lisa steht im Gang, auf eine Rücklehne gestützt, und redet nach rechts und links. Für sie sind die Gespräche leichter, sie weiß mehr über die vergangenen vierzig Jahre. Barbara kann nicht mitreden. Für sie ist nur Zuhören möglich.
Sie sammelt Schicksale.
Eine von den Auswärtigen, die morgens mit dem Zug kamen, ein hübsches Mädchen mit langen braunen Zöpfen, soll es in der «Zone» – so sagen sie fast alle noch – bis zum Kultusminister von Thüringen gebracht haben. Es heißt, daß sie nicht mehr lebt.
Eine, bei Kriegsende schon verheiratet, mit einem kleinen Sohn, sagen sie, ist nur wegen ein paar Möbeln mit ihrem Mann noch einmal ins Protektorat nach Prag gefahren. Irgendwoher hatten sie einen Lastwagen organisiert. Plündernde Tschechen oder Russen haben das junge Ehepaar erschossen, um an das Fahrzeug zu kommen. Das Kind haben die Großeltern aufgezogen.
Viele Namen von Gefallenen. Von manchen hat Barbara damals schon gewußt. In Rußland – für Führer, Volk und Vaterland – wie Horst. Von einem gewissen Zeitpunkt an mußte der Führer mit auf die Todesanzeigen. Fürs Vaterland allein genügte nicht mehr; nur Vaterland ließ auf Kritik und Abneigung schließen.
Über Jochen Siebold, ihre erste Jugendliebe, kann sie Auskunft geben. In Rumänien vermißt. Nein, die Mutter hat nie mehr eine Nachricht bekommen.
Mechthild, das einzige schöne Mädchen aus einer Klasse, in der es viele gab, die hübsch waren, ist seit einigen Jahren tot. An Krebs gestorben.
Zu viele Schicksale.
Der Bus, in dem alle so in die Gespräche vertieft sind, daß kaum einer aus dem Fenster blickt, fährt durch hügeliges Land, Dörfer und kleine Städte mit alten Häusern und winkeligen Gassen. Es kann nicht mehr weit bis zur Grenze sein. Die Namen sind vertraut, von früher her.
Auf einmal sitzt Walter neben Barbara und reißt sie aus Gedanken, die mehr wehmütig als traurig sind.
«Ein merkwürdiges Gefühl, nach Leopoldsbad zu fahren», sagt er. «Gut, daß die Münchner das arrangiert haben. Allein wäre ich nie hingefahren. Was soll ich in einer Stadt, in der keiner mehr lebt, den ich kenne? Soll ich mich vor ein Haus stellen, nur weil ich einmal dort gewohnt habe? Soll ich über den Bummel gehen, weil ich vor mehr als vierzig Jahren ein Mädchen zu treffen hoffte, in das ich verliebt war?»
«Wer war das?» fragt Barbara.
«Mechthild. Aber es war hoffnungslos. Sie hatte einen Schwarm von Verehrern.»
«Der Bummel! Meine Güte, ja. Wie wichtig das damals war. Wann bist du eigentlich nach Leopoldsbad gekommen, Walter? Schon achtunddreißig?»
«Nur mein Vater. Umgezogen sind wir im Frühjahr neununddreißig. Ich kam gleich nach Ostern aufs Gymnasium.»
«Mir fällt es jetzt wieder ein. Dein Vater war bei der Wehrmacht, nicht?»
«Warum sind wir uns damals nicht begegnet, Barbara? Horst kannte ich gut. Ich war auch mal bei euch im Haus. Aber dich hab ich nicht getroffen. Was hast du nach dem Abitur gemacht?»
«Ich war zuerst im Arbeitsdienst und danach in Wien beim Studium.»
«Was hast du studiert?»
Sie winkt ab. «Germanistik und Geschichte. Aber nur ein Jahr, dann wurde ich dienstverpflichtet und hab in einer Munitionsfabrik gearbeitet. Nach dem Krieg konnte ich nicht weiterstudieren, und ich hab auch früh geheiratet.»
«Jetzt bist du Österreicherin?»
«Aus Zufall. Mein Mann war Österreicher.»
«War? Ist er tot?»
«Ja. Aber wir waren schon lange vorher getrennt.»
Walter Wagenbauer merkt, daß da eine Jalousie heruntergezogen worden ist. Darüber will sie nicht reden. Er weicht auf das unverfänglichere Thema der Kinder aus.
Sie hat zwei, einen Sohn und eine Tochter, beide längst erwachsen, im Beruf. Die Tochter ist verheiratet und hat ein Kind.
«Und du selbst? Was machst du?» fragt Walter.
Sie machte eine Lehre als Goldschmiedin, als der Poldi sie mit den beiden kleinen Kindern hatte sitzenlassen. Ihr Vater, der als alter Mann, als Vertriebener, wieder als Arzt praktizierte, der in einem Alter, in dem andere nicht mehr arbeiteten, seine Tochter und zwei Enkel ernähren mußte, hatte ihr die Ausbildung ermöglicht. Ihre Mutter kümmerte sich tagsüber um die Kinder, solange sie bei einem alten Juwelier lernte und abends den Laden putzte. Nach der Meisterprüfung richtete sie sich die Werkstatt im Haus ein. Die ersten Auftraggeber waren die Amis. Gold aus Schwarzmarktgeschäften, eingeschmolzene Gehäuse von Uhren, aus denen sie Broschen oder Armbänder arbeitete. Mit dem damit verdienten Geld finanzierte sie eigene Entwürfe. Und der alte Doktor Fürst schuftete mit über Siebzig weiter in der Landarztpraxis, damit die Tochter Zeit bekam. «Wir haben ja bloß noch dich, Schatz. Du mußt mit deinen Fratzen durchkommen. Weil der Horst doch nicht mehr lebt und dein Halodri von Mann nichts zahlt –.» Barbara Fürst, die jetzt Weininger heißt, ist mit den Fratzen durchgekommen. Ihr Lehrherr hatte sie nach Wien an einen berühmten k.u.k.Hofjuwelier empfohlen. Ihre Entwürfe waren ihm zu modern, aber er nahm sie trotzdem in Kommission. Es dauerte lange, bis die ersten Aufträge kamen, sehr lange. Als sie es endlich geschafft hatte, waren die Kinder fast erwachsen, und der Vater machte weiter Praxis. Bis zu seinem Tod.
Barbara arbeitet immer noch für den Hofjuwelier. Aber sie macht auch «Klunker», wie sie es nennt. Für Ölscheichs und aus dem Libanon geflüchtete Bankiers.
Sie erzählt das fröhlich, läßt alles Schlechte fort, genießt es, daß dieser Architekt aus Hannover lacht und dazwischenfragt, und hat auf einmal selber Spaß an ihrer Geschichte.
«Aber du trägst selbst keinen Schmuck», stellt er fest. «Kannst du dir dich nicht leisten?» Und da ist das alte Lächeln wieder.
Nett, denkt sie, sehr nett. Das hat er hübsch gesagt.
«Jetzt könnte ich schon.»
«Aber?»
Sie zieht die Schultern hoch. «Was ich mache, steht mir nicht. Ich bin kein Schmucktyp. Ringe oder Armbänder kann ich beim Arbeiten nicht tragen, weil sie im Weg wären. Ich bin entwöhnt. Aber ich habe eine Kette mit. Ich binde sie heute abend um, dann kannst du einen eigenen Entwurf sehen.»
Barbara stellt verwundert fest, daß sie sich wohl fühlt. Diese Reise läßt sich viel besser an als erwartet.
Der Bus hält an einem Bahnübergang. Vor ihnen wartet eine Autoschlange. Sie sind an der Grenze. Stacheldraht und hohe Gitter rechts und links der Schienen. Zwischen dem Gitter und der Gleisanlage ist jeweils ein breiter Streifen nackte Erde. In Abständen Wachtürme, von denen aus alles zu übersehen ist. Niemand im Bus sagt etwas, aber sie werden alle dasselbe denken: Hier kommt keiner herüber. Dies ist bedrohlich. Der Sozialismus bewacht seine Kinder, aber er macht es sogar denen schwer, die hier geboren sind und nur zu Besuch kommen wollen.
Fotos, vierfache Anträge für das Visum, lauter Papier, über dessen Verbleib sich nur mutmaßen läßt. In welcher Kartei heben sie Paßbilder einer Busladung älterer Leute auf? Wem nützt das wozu?
Der Bus ist inzwischen hinter die Schranken gerollt, steht ordentlich in der Schlange, die auf die Abfertigung wartet, mit der man sich Zeit läßt. Endlich werden Kommentare laut. Über das Grenzschild, und daß sie nun schon in der Tschechei sind, daß es lange dauern wird, zwei Stunden, wenn sie Glück haben. Einige kennen das bereits und wissen Arges zu berichten. Aber es wird nicht arg; es dauert nur. Grenzer in erbsensuppenfarbenen Uniformen arbeiten sich durch den Bus, lesen Eintragungen auf einer mitgebrachten Liste, vergleichen sie mit den Pässen, den Bildern, den Visa. Dieses strenge Angestarrtwerden ist unangenehm. Die Pässe werden eingesammelt, in einem Karton aus dem Bus getragen. Kein gutes Gefühl, ihrem Abtransport zusehen zu müssen. Dann beginnt das Warten. Der Fahrer Andreas, ein freundlicher junger Mann, der Sohn oder Schwiegersohn einer der Mitreisenden, öffnet Klappen am Bus und gibt Erklärungen ab. Nach einer Dreiviertelstunde werden die Pässe zurückgebracht und wieder verteilt. Die Fahrt kann weitergehen.
Die alte Sitzordnung, Lisa und Barbara zusammen in einer Reihe. «Die alte Heimat», sagt Lisa. «Na, wie kommt sie dir vor?»
Anfangs ist die Landschaft noch schön, ein Stausee, Hügel, bebaute Felder, Waldstückchen und einzelne kleine Häuser. Aber dann der Braunkohletagebau. Geplündertes Land, unfruchtbar, durchgewühlt, Kraterformationen. Die Erde, ihrer Schätze beraubt, ist ungeliebt liegengelassen worden, wie sie der letzte Schaufelbagger verlassen hat. Es wächst dort nichts mehr, nicht einmal jene Pflanzen, deren Samen überall aufgehen, wo Brachland ist. Im Juni müßte es grün sein von Brennesseln, Weidenröschen, Disteln oder Baumschößlingen. Es ist grau und kahl.
Während Lisa und Barbara am Fenster kleben, von Schulausflügen und Wanderungen mit den Eltern sprechen, mit kleinen Orten, in denen damals Bekannte wohnten, Wiedersehen feiern und stumm die düstere Burg in der engen Flußschleife betrachten, sitzt Walter Wagenbauer allein.
Eine der Frauen – ihr Name sagt ihm nichts, und er ist sicher, sie früher nicht gekannt zu haben – reist mit einer Tochter. «Unsere Spätlese», hat sie beim Vorstellen erklärt, fast ein wenig beschämt, eine so junge Tochter zu haben. Er schätzt das Mädchen auf höchstens zwanzig. Sie ist hübsch, nur für seinen Geschmack ein wenig zu grell und verrückt gekleidet. Ihr Gesicht verspricht Klugheit, verliert sich aber jetzt noch in Arroganz und tiefer Langweile. Er kann sich das sehr gut vorstellen: mitgeschleift, um die alte Heimat zu sehen, alte Häuser, in denen die Mutter einstmals gewohnt hat. Sie wird sich wie ein Opferlamm vorkommen. Gott sei Dank, denkt er, habe ich das meinen Kindern nicht angetan.
Walter hat drei Töchter, die alle noch im Haus wohnen, obwohl sie längst ausgeflogen sein könnten. Fünfundzwanzig, vierundzwanzig und neunzehn. Seit dem Tod seiner Frau bewachen sie ihn. Er nimmt ihre reichlich tyrannische Liebe als Medizin gegen die Einsamkeit in Kauf, weil er sich immer noch nicht ans Alleinsein gewöhnt hat. Lore ist vor dreieinhalb Jahren tödlich verunglückt. Die Trauer tut nicht mehr so weh, der Schmerz ist stumpf geworden. Nur manchmal wird er wieder scharf und schartig.
«Walter, wie ist es denn so?» Willi Schubert reißt ihn aus den Gedanken. Drei Jahre lang hat er mit Walter die Bank geteilt. Er ist klein und untersetzt. Im Krieg war er Pilot und ist schwer verwundet worden. Die Schulfreundschaft hat gehalten. Beide haben sich in den Jahren seither oft gesehen. Willi kam jedes Jahr von Augsburg zur Messe nach Hannover und wohnte dann bei Lore und ihm.
«Komisches Gefühl», sagt Walter. «Ich werde zusehends jünger. Geht es dir auch so?»
«Naa. Ich war schon zweimal wieder da. Es ist Gewöhnung. Weißt, wenn’s die Grenze nicht gäb, ich glaub, ich war nur einmal gekommen, und das hätte gereicht. Kennst du viele Leute, die immer wieder dahin fahren, wo sie geboren sind oder auf der Schul’ waren? Ich meine, wenn sie das jeden Tag tun könnten?»
«Ich könnte, ich bin in Jever geboren.»
«Und wo ist das?»
«In Oldenburg, in Ostfriesland. Wo die Witze herkommen.» Walter lacht. «Ich bin mal von der Autobahn abgefahren, hab einen Schlenker durch die Stadt gemacht, Kaffee getrunken, und dann bin ich wieder weitergefahren. Das hat gereicht.»
«Habt ihr da lange gewohnt?»
«Als ich drei war, ist mein Vater wieder versetzt worden.»
«Und nach Leopoldsbad bist du mit fuffzehn gekommen? Na ja, das war ganz was anderes. Das ist ein wichtigeres Alter. – Aber jetzt schau raus. Wir sind gleich da!»
Der Bus fährt durch den Vorort, in dem oben am Berg der Bahnhof liegt. Bis zuletzt, bis zum Kriegsende gab es Fiaker. Bei jedem Urlaub ist Walter mit dem Pferdewagen nach Hause gefahren. Er hätte zu Fuß gehen können; es war nur eine halbe Stunde, aber die Fiaker gehörten für ihn zu Leopoldsbad, in dem keine Bomben fielen und in dem man auch in den letzten Kriegsjahren noch gut zu essen bekam. Irgend jemand hatte eine Jagd; winters hing oft ein steifgefrorener Hase am Balkongitter. Im Herbst vierundvierzig war Walter zum letztenmal auf Urlaub.
Die Stadt, durch die sie jetzt fahren, ist so wenig verändert, daß die Jahre schmelzen. K.u.k.-Stil, dieselben Postämter, Bezirksgerichte und Rathäuser hat Walter im Krieg in Österreich, Bulgarien, Jugoslawien und Rumänien gesehen. Sie haben jetzt das Stadtzentrum hinter sich und sehen nach einer scharfen Kurve ihre alte Schule unter sich liegen. Bis auf die tschechische Aufschrift ist sie unverändert. Das Kurviertel, der kleine Fluß, die wenigen Häuserzeilen und darüber dann der Wald, aus dem die Tempelchen, Ausflugslokale und Denkmäler herausschauen wie damals. Noch ein paar Kurven, bergauf und bergab auf der neuen, an den steilen Hang gebauten Zufahrtsstraße, und sie kommen zu den großen Hotels mit den einstmals berühmten Namen. Jetzt heißen sie Kosmos, Praha und Warszawa oder wie Hotels im Ostblock heißen.
Die tüchtige Leonie, die die Organisation in die Hand genommen, in Devisen vorausbezahlt und die Zimmer bestellt hat, war fürs Warszawa, das Walter unter dem alten Namen Belvedere kennt. Als es noch elegant und international war, haben seine Eltern ihn manchmal dorthin zum Essen mitgenommen.
Der Bus hält hinter der Brücke am Rande des riesigen Parkplatzes, auf dem die Autos mit dem D-Schild auffallen, weil sie groß, sauber und so gepflegt sind. Zwei Männer und zwei Frauen winken lebhaft und eilen auf den Bus zu.
«Meine kleine Schwester!» ruft Marianne und strahlt über das ganze runde Gesicht.
«Meine Kusine und ihr Mann sind auch schon da!» Leonie folgt Marianne zur Bustür.
Walter dreht sich fragend zu Willi um, der immer alles weiß.
«Die kommen aus der DDR. Hier können sie sich treffen. Für die von drüben ist das hier Luxus.»
Erfahrungsgemäß dauert das Aussteigen, Gepäcksammeln und Kolonnenbilden von fünfundzwanzig oder mehr Leuten ziemlich lange. Walter nimmt seine Tasche, mehr Gepäck hat er nicht, und setzt sich auf die niedrige Ufermauer des kleinen Flusses. Das Hotel hat einen neuen Vorbau, der nicht zu dem mehrflügeligen Gebäude aus dem vorigen Jahrhundert paßt, aber sonst ist nichts verändert. Blumenrabatten, Blumenkästen und geharkter Kies. Aber die Häuser auf dem anderen Ufer, schmale, hohe Hotels und Fremdenheime, aneinandergebaut und etwa gleich hoch, die damals schon ungepflegt waren, sind heute todkrank. Mit Balken abgestützte Balkons, abgeplatzter Stuck, blätternde Farbe und heruntergefallener Putz, der bröckelnde Ziegelsteine freigibt. Sein Architektenherz zieht sich schmerzlich zusammen.
Als er sich wieder umdreht, steht Barbara vor ihm. Er will aufstehen, aber sie wehrt entschieden ab und setzt sich neben ihn auf das Mäuerchen.
«Du machst ein trauriges Gesicht», stellt sie fest.
«Nur wegen der Häuser da drüben. Erinnerst du dich noch, wie einheitlich diese Zeile war? Meine Güte, was man daraus machen könnte! Eine ganze Straße, jedes Haus aus der Gründerzeit. Wo gibt es das denn noch?»
«Hier auch nicht mehr lange. Es sind Ruinen. Sie fallen schon zusammen. Lisa sagt, ein Stück weiter vorn hätten sie viele abgerissen und häßliche Betonklötze hingebaut. Die Tschechen machen das auch nicht besser als wir oder ihr.»
Endlich setzt sich die Gruppe mit Leonie an der Spitze in Bewegung. Lisa, Walter und Barbara folgen am Schluß. Sie sind die drei, die Einzelzimmer bestellt haben.
«Besonders teure Kutscherkammern», erklärt Lisa. «Mit Aussicht auf den Küchenhof.»
«Wenn wir Glück haben. Ich war mal mit einer Reisegesellschaft in Moskau und hatte auch schon vorweg für ein Einzelzimmer bezahlt und es sogar bestätigt bekommen», sagt Barbara. «Am Ende mußte ich mit einer über achtzigjährigen Dame im Ehebett schlafen.»
«Das hätte ich mir nie gefallen lassen. Aber du warst schon immer ein geduldiges Schaf.»
«Was machst du denn, Lisa, wenn du in einem Land bist, wo sie dir den Paß abnehmen, du nicht in ein anderes Hotel kannst und dein Rückflug festliegt?»
«Wenn das hier auch so ist, ziehen wir zusammen, und Walter darf auf die Couch.»
«Wie gütig ihr seid!»
Vor ihnen geht das junge Mädchen, die Spätlese, in oben weiten und unten engen Hosen und einer Jacke mit riesigen Fledermausärmeln. Sie hat in drei Stufen gefärbte rote Haare. Sie dreht sich zu ihnen um, mustert sie und grinst dann.
Lisa ist schneller als die beiden anderen. «Worüber freust du dich, Kind? Hast du unsere Runzeln gezählt? Nimm sie nicht zu ernst. Das ist nur äußerlich, innerlich sind wir Vulkane.»
«Ich habe auch schon von erloschenen Vulkanen gehört», sagt das Mädchen patzig. Aber dann wird sie rot und betreten und weiß nicht, wie sie sich aus dieser Situation herausmanövrieren soll. Das macht sie geradezu menschlich.
Während Barbara und Walter erheitert schweigen, schlägt Lisa zurück. Sie läßt sich nicht gern beleidigen.
«Schade», sagt sie zu ihren Begleitern gerade so laut, daß die Spätlese es hören muß, «jetzt ist sie noch niedlich, aber in zwanzig Jahren wird sie die Figur ihrer Mutter haben. Töchter geraten meistens nach den Müttern.»
Diese Mutter ist eine Matrone mit Rüschenbluse, viel Schmuck, einer Krokodilhandtasche und keiner Taille.
Derweil haben sie sich um die Hausecke herum zum alten Portal und dem Empfang vorwärtsbewegt. Dort ist es sehr voll und absehbar, daß es lange dauern wird.
«Du bist ein Biest!» sagt Barbara. «Sie wollte nur komisch sein und uns mit ihrer Schlagfertigkeit imponieren. Jetzt hast du dafür gesorgt, daß sie das nie mehr vergißt und sich noch mit achtzig wie ein Wurm krümmen wird, wenn sie daran denkt.»
«Keine Angst, mein Herz. Das ist mir inzwischen auch aufgegangen. Ich bring das in Ordnung. Obwohl –» fährt sie dann gedehnt fort, «obwohl es mir so vorkommt, als schadete es diesen heutigen Kindern nichts, wenn sie ein paar mehr solcher Erinnerungen hätten, bei denen sie sich krümmten. Wir haben zu viele davon, die zu wenig.»
Im Laufe der vielen Jahre, in denen sie Lisa geschrieben oder bei ihr angerufen hat, ohne jemals eine Antwort oder einen Rückruf zu bekommen, hat Barbara sich oft überlegt, warum sie eigentlich so sehr an Lisa hängt. Gerade eben weiß sie es mal wieder.
Sie bekommen die Einzelzimmer. Lisa eins im zweiten Stock, Walter und Barbara im ersten, auf demselben Flur, nur ein paar Türen auseinander.
Barbaras Fenster bietet im oberen Drittel Aussicht auf ein Stück Wald und Steilhang, in der Mitte auf eine Betonmauer und eine rostige Treppe, im unteren Drittel auf einen Hinterhof mit einem großen Container, in den gerade ein Mann in einer grünen Schürze Eimer mit leeren Flaschen kippt. Kutscherzimmer, denkt sie, aber es macht ihr nichts aus. Sie ist nicht zum Schlafen hier.
Auch Walter öffnet das Fenster. Rechts von ihm, wo ungefähr Barbaras Zimmer sein muß, liegt ein häßlicher Schuppen; direkt unter ihm sind Küchengeräusche zu hören. Es läßt sich auch riechen, daß dort die Küche ist. Er schließt das Fenster wieder, inspiziert den gewaltigen Mahagonischrank, in dem Kleiderbügel für vier Wochen Aufenthalt hängen, besichtigt das Bad, findet alles in Ordnung und streicht dann mit dem Finger über die Wand. Das hat er seit damals nicht mehr gesehen, die gestrichenen Wände, auf die ein Muster mit einer Rolle aufgetragen worden ist. Auf einmal ist auch der Name wieder in seiner Erinnerung: Walzmuster. Die Wand im Kutscherzimmer ist hellbraun, die Kringel sind dunkelbraun. Er denkt an die Wohnung seiner Eltern und fühlt sich plötzlich gar nicht mehr so fremd.
Lisa hat ihr Zimmer mit einem Blick für gut befunden. Jetzt sitzt sie erschöpft im Sessel und schluckt ihre Tabletten. Es geht ihr nicht besonders gut. Sie hat ständig Schmerzen. Noch kann sie das ganz gut verbergen, wenigstens vor denen, mit denen sie nicht täglich zuammen ist. Den langen Spaziergang durch die Wälder, den Walter und Barbara planen und auf den sie sich freuen, kann sie nicht mitmachen. Sie ist schon dankbar, daß Walter ihr den Koffer getragen hat. Auch das wird ihr zuviel. Ihre Gelenke wollen nicht mehr. Kuren und Bäder helfen zuwenig; es bleiben die Schmerztabletten, die ihr nicht bekommen. Sie weiß, daß sie einmal im Rollstuhl sitzen wird. «Das hat noch lange Zeit», hat ihr der Arztfreund gesagt. «Du mußt dich schonen. Wenn du …» Ja, wenn sie sich schont, keine Treppen steigt, langes Stehen vermeidet, wenig und langsam geht und ihre Kräfte spart. Aber sie kann ihren Beruf nicht an den Nagel hängen, und der ist anstrengend. Sie ist Rechtsanwältin, Strafverteidigerin, vertritt sehr oft Frauen, muß sie in den Haftanstalten besuchen und schwere Aktenordner zu den Gerichtsverhandlungen schleppen. Manchmal hat sie das Gefühl, die Hauptarbeit ihres Lebens sei Treppensteigen.
«Wir sind alle zu spät in den Beruf gekommen», wird sie am Abend zu den anderen sagen. «Wer von euch hat denn noch studieren können? Ja, ich, aber auch nur, weil mein Ahnenpaß nicht stimmte und ich in der Hitlerzeit das Glück hatte, daß es nicht herausgekommen ist. Ich hab zu spät angefangen, für eine Rente zu sorgen. Und meine Eltern …»
Die Eltern. Zur Verwunderung aller wird das ein Hauptthema der Unterhaltungen werden, nicht die Kinder. Die hat man, oder man hat sie nicht. Viele der Frauen sind unverheiratet geblieben, weil die Männer, die sie hätten heiraten können, nicht aus dem Krieg zurückgekommen sind. Das ist ein Generationsschicksal, schon zu oft besprochen, als daß es Neues darüber zu sagen gäbe. Aber die Eltern. Die Generation, die vor dem Ersten Weltkrieg jung war und auch einige Jahre brauchte, im Leben wieder Fuß zu fassen, ehe sie ans Heiraten denken konnte. Die Kinder aus den drei Maturaklassen sind zwischen 1922 und 1924 geboren. Sie sind durchweg Kinder nicht mehr junger Eltern, in der Inflationszeit auf die Welt gekommen, während der Weltwirtschaftskrise eingeschult. Nach der Vertreibung aus der Tschechoslowakei blieb es ihnen überlassen, für die ältere Generation zu sorgen, die selten nur in einträgliche Berufe zurückkehren konnte. Oft waren die Söhne gefallen, die Töchter blieben übrig. «Allein», werden sie sagen, «hätte ich es vielleicht geschafft und das Studium abschließen können. Aber meine Eltern hatten nichts mehr. Sie lebten von der Wohlfahrt. Ich mußte Geld verdienen.»
Als sie um halb sieben essen möchten, stellt sich das als gar nicht so einfach heraus. Das Hotel hat eine Reihe von Restaurants, aber eins ist für eine Reisegruppe Japaner reserviert, im nächsten ist kein einziger Platz mehr frei, in einem wird nicht serviert. Selbst Lisas recht gutes Tschechisch, in dem sie freundlich bittet, stößt bei den Kellnern auf gleichgültiges Achselzucken.
«Ich habe Hunger», sagt Walter. «Ich mache mich allein auf die Suche. Bleibt hier. Sobald ich einen Tisch gefunden habe, hole ich euch.»
Es dauert nicht lange. Er kommt zurück und schüttelt grinsend den Kopf. «Leonie! Sie ist wirklich phantastisch. Ich war im Keller in der jugoslawischen Weinstube. Da sitzen schon ein paar von uns. Aber alle freien Tische waren reserviert. Plötzlich kommt Leonie an, steckt einem der Ober einen D-Mark-Schein zu, der nimmt das Schild fort – und jetzt haben wir einen Tisch.»
«Das muß einem doch gesagt werden!» Lisa lacht.
Das Essen zieht sich in die Länge. Das Pilsener Bier, auf das sie sich gefreut haben, wird in diesem Restaurant nicht ausgeschenkt. Hier ist Weinzwang. Er stammt aus Jugoslawien und ist gut.
Sobald es ihnen gelingt zu zahlen, brechen sie auf, um wenigstens noch ein paar Schritte zu gehen. In der Halle stößt Walter zu Lisa und Barbara und geht mit. Lisa hakt sich bei beiden ein. Sie merken, daß es um mehr geht als die freundschaftliche Nähe; sie spüren, daß sie stützen sollen, und wechseln vorsichtig einen besorgten Blick.
Wie nicht anders zu erwarten, reden die Freundinnen über die Häuser, wer in ihnen gewohnt hat, wem die Geschäfte gehörten, was aus den Menschen geworden ist. Walter beschränkt sich aufs Zuhören. Erst im Quellenhaus, das neu ist, mit viel Glas und Marmor protzt und ihnen nicht gefällt, weil es nicht in ihre Erinnerungen paßt, beginnen sie, von sich selbst zu sprechen.
«Ich war nur ein paarmal bei euch», sagt Lisa zu Walter, «aber die Besuche haben mir einen tiefen Eindruck gemacht. Bei euch war es schön und kultiviert.»
Walter will abwehren, aber Lisa läßt es nicht zu. «Du warst es gewöhnt und hast es nicht gemerkt. Ihr hattet nicht nur schöne Möbel und Bilder, bei euch wurde auch anders gesprochen, eure Manieren waren gut, ihr wart höflich untereinander.»
«Das siehst du zu verklärt. Ja, wir hatten schöne Möbel. Sie stammten aus der Familie. Aber sie waren mit meinen Eltern zehnmal umgezogen, wurden immer baufälliger, und das Geld fehlte, sie in Ordnung bringen zu lassen. Das andere war nur Drill, unter dem ich entsetzlich gelitten habe. ‹Sitz gerade, Walter! Hast du dir die Hände gewaschen? Leg die Hand auf den Tisch. Wie oft muß ich noch sagen, daß du aufzustehen hast, wenn deine Mutter ins Zimmer kommt?›» Er lacht. «Davon hast du nichts gemerkt. Soweit ich mich erinnere, warst du auch nur zu meinen Geburtstagsgesellschaften da. Da mußte ich immer die anderen Offizierskinder einladen, die ich kaum kannte. Es gehörte sich so. Die meisten waren auf Internaten und kamen nur in den Sommerferien nach Hause. Mein Pech, daß ich im Sommer Geburtstag habe. Ach, Lisa, mit sechzehn mußte ich noch Poch spielen, während ihr bei euren Einladungen Swing tanzen durftet. Ich kam mir wie ein Kind vor, tolpatschig und ungeschickt. Bei uns wurden die Kuchenstücke abgezählt. Zwei für jeden. Mehr gab es nicht. Und der Kuchen wurde auf Marken gekauft. Ich mußte ihn holen. Meine Mutter backte nicht selbst.»
«Aber ihr hattet ein Hausmädchen. Ich weiß noch genau, daß sie mit weißem Häubchen Tee servierte. Ich war richtig ehrfürchtig.»
«Das war nur in den ersten Monaten. Sie bekam sehr bald einen Verfolgungswahn. Daran erinnere ich mich genau, aber nicht an ihren Namen. Sie drang nachts ins Schlafzimmer meiner Eltern ein oder kam zu mir und wollte sich verstecken, weil fremde Männer ihr ins Haus gefolgt wären. Später fürchtete sie sich vor meinem Vater und rannte schreiend zu meiner Mutter, sobald er die Wohnung betrat. Auch vor mir bekam sie Angst. Irgendwann war sie dann nicht mehr da. Damit war auch leider die Zeit der guten böhmischen Küche vorbei.»
Lisa und Barbara fangen bei diesem Stichwort an, von Knödeln, Liwanzen, Topfen, Schlagobers und von Rezepten zu reden, die sie noch kennen.
Walter bekommt das merkwürdige Gefühl, in einen Sog zu geraten, in den er wie ein Korkstückchen rutscht und verschwindet. Fort ist der Professor, der Witwer, der Vater dreier Töchter. Unten heraus taucht wie aus einem Jungbrunnen ein Siebzehn- oder Achtzehnjähriger auf, der schon ein paar Jahre in diesem Badeort in Westböhmen gelebt hat und an die harte Sprache so gewöhnt ist, daß er sie zwar nicht selber spricht, ihm jedoch auffällt, wie anders sein Tonfall wird, sobald er mit den Freunden redet. Zu Hause spricht er hochdeutsch, muß das, weil sein Vater es verlangt, der wegen des ständigen Versetztwerdens zwischen Nord und Süd dem «Sprachverfall» des einzigen Sohns Einhalt gebieten will. Bei Walter hat das Zigeunerleben die Wirkung, daß er im Norden als Süddeutscher und im Süden als Norddeutscher gilt. In Leopoldsbad ist er in der siebten Schule, diesmal drei Jahre lang, bis zum Abitur. Er entwickelt Heimatgefühle. Auch noch im Arbeitsdienst und bei der Wehrmacht bleibt für ihn Leopoldsbad die Stadt, die er nennt, wenn ihn einer fragt, woher er kommt.
Jetzt, beim abendlichen Spaziergang mit Lisa und Barbara, entdeckt er, daß er fast unmerklich zurückfällt, weniger akzentuiert spricht, Enden verschleift und das R aus der Kehle herausholt und weiter nach vorn schiebt.
Auf dem Heimweg zum Hotel machen sie Pläne für den nächsten Tag. Morgens wollen sie einkaufen. Jetzt sind die Geschäfte längst geschlossen, aber im Schaufenster des Verkaufsladens der Glasfabrik, in der sie früher oft waren und aus der die Gläser fast aller ihrer Familien stammten, sind wenige schöne Dinge ausgestellt. Vasen, Mustergläser und schlichte Kristallschalen. Dort wollen sie hin. «Wir haben doch damals nichts mitnehmen können. In einem Rucksack?» Darüber lachen sie.
Im Hotel verabschiedet sich Lisa; sie ist müde und möchte schlafen gehen. Barbara und Walter warten, bis der Lift sich in Bewegung gesetzt hat, und machen sich dann auf die Suche nach den anderen.
In der Bar wird getanzt; es gibt keinen unbesetzten Tisch, und der einzige, an dem sie ein paar aus ihrer Gruppe sitzen sehen, ist so winzig, daß keine zwei Stühle mehr Platz fänden. Es gäbe auch keine freien Stühle mehr. Sie ziehen weiter, finden leere Restauranträume mit an die Tische gelehnten Stühlen, entdecken nirgendwo bekannte Gesichter und kommen endlich wieder in den jugoslawischen Weinkeller, in dem sie schon gegessen haben. Sie müssen einen neuen Tisch aufmachen; es ist der letzte, der frei ist. Nach wenigen Minuten stößt Gerti Schober zu ihnen, die auch suchend durchs Hotel gewandert ist.
Gerti gehört zu denen, die Barbara auf den ersten Blick wiedererkannt hat. Sie ist fast unverändert vierzig Jahre älter geworden, ist immer noch blond, klein, rundlich und betrachtet noch genau wie als Schulmädchen die Welt und das Leben klug, skeptisch und mit stiller Heiterkeit aus klaren blauen Augen.
Schicksale:
Zuletzt war Gerti Rote-Kreuz-Schwester in einem Lazarett in Leopoldsbad. Bei der Ausweisung ist sie in die sowjetische Zone geraten, hat schlecht gelebt, jede Arbeit angenommen, die sie bekommen konnte, ist erst spät in den Westen übergewechselt, hat einen Sohn ohne Vater großgezogen und ist nun aus Gesundheitsgründen vorzeitig im Ruhestand.
Sie bestellen Kaffee, bekommen ihn türkisch und trinken ihn langsam und genüßlich.
Barbara und Gerti haben noch kein Geld gewechselt. Der Schalter im Hotel war schon geschlossen. Walter scheint darin geschickter zu sein. Eins zu elf auf der Straße. «Wie macht man das?» fragen die Frauen fast einstimmig. «Das macht sich von allein. Mich haben sicher zehn Leute angehauen. Sie machen kein Geheimnis daraus. Sie fragen, zücken Kronenscheine und sind traurig, wenn man nicht gleich mehrere Hunderter einwechseln will.»
«Wenn du so reich bist», fragt Barbara, «kannst du uns dann noch einen Kaffee spendieren?»
Er kann.
Sie reden über das Kriegsende, das bei ihnen später kam als überall sonst, weil der wildgewordene Generalfeldmarschall Schörner nicht aufgeben wollte. Erst zogen die Amerikaner ein, und ein großes Aufatmen ging durch die Stadt. Aber am Tag darauf waren alle Amerikaner verschwunden, und die Russen marschierten ein. Die Amerikaner haben die deutschen Soldaten, die sich längst ergeben hatten, nicht gefangengenommen, sondern zu den Russen zurückgeschickt. Wie viele Todesurteile mögen das gewesen sein? Aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit gefällt? Wie viele, die man hätte nach Hause schicken können, sind in der Gefangenschaft umgekommen?
Im Gefolge der Russen kamen die Tschechen. Barbara und Gerti haben die Zeit miterlebt. Sie erzählen, daß die Sieger mit den Besiegten gnädiger umgingen als die Unterdrückten, daß man sich bei den russischen Soldaten Hilfe holen konnte, wenn man mit den Tschechen nicht mehr fertig wurde. Sie haben Beispiele. Leopoldsbad war Lazarettstadt; die Verwundeten waren zurückgelassen worden. Gerti hat gesehen, daß ein Tscheche einem verwundeten Deutschen die Krücken wegschlug, mit denen er über die Promenade humpelte. Ein russischer Soldat wurde Zeuge, warf den Tschechen in den kleinen Fluß und half dem Verwundeten wieder auf die Beine.
Barbara spricht von einem Lazarett, das ihrem Elternhaus gegenüber lag.
«Ein Soldat gab mir vom Fenster aus Zeichen, winkte, wollte mir etwas zu verstehen geben. Ich dachte an Anbandeln und reagierte nicht. Danach war mir damals wirklich nicht zumute. Aber der junge Mann gab nicht auf. Er zeichnete auf die Handfläche und hielt Finger hoch. Ich begriff endlich, daß er eine Uhrzeit angab, zu der er mich treffen wollte. Am späten Abend, um elf Uhr. Und damals war Sperrstunde. Aber er machte es so wichtig, daß ich mich dann doch in den Garten schlich. Ich wartete hinter dem Torpfosten. Der arme Bursch konnte kaum laufen. Er hatte einen dicken Gips ums Bein. Ich weiß nicht, wie er aus dem Lazarett herausgekommen ist, aber er war da, und ich hab ihm das Tor aufgemacht, damit er sich auch hinter dem breiten Pfosten verstecken konnte. Er wollte Zivilzeug und allein zu Fuß weg. Am anderen Abend, auch so spät, weil es dann dunkel war, brachte ich ihm Sachen von Horst. Der war ja schon gefallen. Ich hab meinen Eltern nichts davon gesagt, aber ich dachte, warum nicht, wenn es ihm hilft, und Horst wär es sicher recht gewesen.»
Sie trinkt einen Schluck Kaffee. «Schade, ich weiß seinen Namen nicht mehr, und auch nicht, wohin er wollte. Er hätte in der Zeit damals ja auch gar nicht schreiben können. Ich hab oft an ihn gedacht und ihm gewünscht, daß er heil durchgekommen ist.»
