Der Onyxpalast 3: Fallender Stern - Marie Brennan - E-Book

Der Onyxpalast 3: Fallender Stern E-Book

Marie Brennan

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Beschreibung

Die Königliche Gesellschaft von London bietet den größten Denkern von England eine Heimat. Sie hat die Philosophie und die Naturwissenschaften revolutioniert. Ihre Mitglieder läuten ein Zeitalter der Aufklärung ein. Den Fae am Onyxhof, die in einer geheimen Stadt unter London leben, sind diese wissenschaftlichen Entwicklungen weniger willkommen. Es ist nun 1757 und die Magie verliert ihren Stellenwert auf der Welt. Die Wissenschaft droht, die verborgene Stadt der Fae feindseligen Blicken zu enthüllen. Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass die Berechnungen von Sir Edmond Halley in zwei Jahren die Rückkehr eines Kometen vorhersagen, desselben Kometen, auf den der mächtige Drache, der das Große Feuer von 1666 verursacht hatte, verbannt wurde. So beginnt ihr Rennen gegen die Zeit. Sie werden sowohl Magie als auch Wissenschaft brauchen, um London zu retten, doch diese beiden zu versöhnen, ist ebenfalls riskant … weniger anzeigen

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MARIEBRENNAN

DER ONYXPALAST

FALLENDERSTERN

Ins Deutsche übersetzt vonAndrea Blendl

Die deutsche Ausgabe von DER ONYXPALAST: FALLENDER STERN wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Andrea Blendl; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Kerstin Feuersänger; Korrektorat: Peter Schild;

Satz: Rowan Rüster/Cross Cult; Coverillustration: Martin Frei;

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.

Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe: ONYX COURT 3: A STAR SHALL FALL

Copyright © 2010 by Bryn Neuenschwander

German translation copyright © 2020 by Cross Cult.

Print ISBN 978-3-96658-069-4 (Juni 2020)

E-Book ISBN 978-3-96658-070-0 (Juni 2020)

WWW.CROSS-CULT.DE

Inhalt

DRAMATIS PERSONAE

PROLOG

GRESHAM COLLEGE, LONDON

TEIL EINS

MAYFAIR, WESTMINSTER

TYBURN, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

LEICESTER FIELDS, WESTMINSTER

MITTEN IN LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

CRANE COURT, LONDON

RED LION SQUARE, HOLBORN

DER ONYXPALAST, LONDON

TEIL ZWEI

RED LION SQUARE, HOLBORN

DER ONYXPALAST, LONDON

ROSENHAUS, ISLINGTON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

ST. JAMES, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

COVENT GARDEN, WESTMINSTER

NEUE FRÜHLINGSGÄRTEN, VAUXHALL

DER ONYXPALAST, LONDON

TEIL DREI

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

LONDON, OBEN UND UNTEN

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

MAYFAIR, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

DIE MITRE-TAVERNE, FLEET STREET

HOLBORN UND BLOOMSBURY

DER ONYXPALAST, LONDON

TEIL VIER

MOORFELDER, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

ROSENHAUS, ISLINGTON

SOTHINGS PARK, HIGHGATE

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

MONTAGU HOUSE, BLOOMSBURY

RED LION SQUARE, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

KÖNIGLICHES OBSERVATORIUM, GREENWICH

TEIL FÜNF

MAYFAIR, WESTMINSTER

COVENT GARDEN, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

DAS GRIECHISCHE KAFFEEHAUS, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

LEICESTER FIELDS, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

HYDE PARK, WESTMINSTER

LEICESTER FIELDS, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

TEIL SECHS

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

ST.-JAMES-PARK, WESTMINSTER

DER ONYXPALAST, LONDON

SOTHINGS PARK, HIGHGATE

DAS TURK’S HEAD, BOW STREET

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

NEWGATE UND HOLBORN

DER ONYXPALAST, LONDON

RED LION SQUARE, HOLBORN

NEWGATE, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER FLUSS THEMSE, LONDON

RED LION SQUARE, LONDON

TEIL SIEBEN

DER ONYXPALAST, LONDON

ROSENHAUS, ISLINGTON

DER ONYXPALAST, LONDON

GREAT MARLBOROUGH STREET, SOHO

CINNAMON STREET, WAPPING

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

DAS MONUMENT, LONDON

DER ONYXPALAST, LONDON

EPILOG

KÖNIGLICHES OBSERVATORIUM, GREENWICH

DANKSAGUNG

DRAMATISPERSONAE

Sterbliche

Die mit einem Sternchen markiertenPersonen sind geschichtlich belegt.

Galen St. Clair – ein Gentleman und Prinz am Onyxhof

Charles St. Clair – ein Gentleman mit gutem Namen und wenig Vermögen; Galens Vater

Cynthia St. Clair – eine junge Dame, die eine Mitgift benötigt; Galens Schwester

Philadelphia Northwood – eine junge Dame mit großem Vermögen

Dr. Rufus Andrews – ein Arzt und Gelehrter, Mitglied der Königlichen Gesellschaft

*George Parker, Graf von Macclesfield – Präsident der Königlichen Gesellschaft und Architekt des neuen Kalenders

*Henry Cavendish – ein brillanter junger Gelehrter, Sohn von Lord Charles Cavendish

*James Bradley – Königlicher Astronom von König Georg II.

*Charles Messier – ein französischer Astronom

*John Flamsteed – der erste Königliche Astronom, jetzt tot

*Edmond Halley – ein Astronom, der auf Kometen spezialisiert und Mitglied der Königlichen Gesellschaft war, jetzt tot

*Sir Isaac Newton – ehemaliger Präsident der Königlichen Gesellschaft, jetzt tot

*Dr. Samuel Johnson – ein gelehrter Gentleman mit sehr festen Überzeugungen

Edward Thorne – Leibdiener von Galen St. Clair

*Kitty Fisher – eine Kurtisane

Fae

Lune – Königin des Onyxhofs

Valentin Aspell – Großsiegelbewahrer

Amadea Shirrell – Oberste Kammerherrin

Sir Peregrin Thorne – Hauptmann der Onyxwache

Sir Cerenel – Leutnant der Onyxwache

Dame Segraine – Ritterin in der Onyxwache

Dame Irrith – ein Irrwisch und Ritterin aus dem Tal des Weißen Pferdes

Carline – eine Elfendame, jetzt in Ungnade gefallen

Rosamund Goodemeade – eine hilfsbereite Braunelfe

Gertrude Goodemeade – ebenfalls eine hilfsbereite Braunelfe und Rosamunds Schwester

Savennis – ein Höfling mit akademischer Neigung

Wrain – ein Irrwisch, ebenfalls ein Gelehrter

Magrat – ein Kirchengrimm

Hafdean – Wirt im Crow’s Head

Angrisla – ein Nachtmahr

Podder – ein Hauself und Diener des Prinzen vom Stein

Schwarzzähnige Meg – die Hexe aus dem Fluss Fleet

Ktistes – ein Zentaur, Enkel von Kheiron

Wilhas vom Ticken – ein gutmütiger Zwerg

Niklas vom Ticken – ein übellauniger Zwerg, Bruder von Wilhas

Lady Feidelm – eine irische Sidhe und ehemalige Seherin

Abd ar-Rashid – ein Dschinn aus Istanbul

Il Veloce – ein Faun, der schon lange am Onyxhof lebt

Wayland der Schmied – König vom Tal des Weißen Pferdes in Berkshire

Invidiana – ehemalige Königin des Onyxhofs, jetzt tot

PROLOG

GRESHAM COLLEGE, LONDON

20. Juni 1705

Dafür, dass er die intellektuelle Elite Englands enthielt, war der Raum wirklich schäbig. Er war klein, hatte wenige Fenster, sodass die Wärme dieses Frühsommertags beinahe unerträglich wirkte, und war voll mit Gentlemen, die sich auf die angenehmere Luft auf ihren Landsitzen fernab des Gestanks von London freuten. Einige lauschten interessiert den Briefen, die vorgelesen wurden: einem Meinungsaustausch zwischen zweien ihrer Kollegen, der die Insel Formosa betraf. Andere fächerten sich wirkungslos mit jeglichen Papieren, die sie in die Hände bekamen, Luft zu und wünschten, sie würden es wagen, einzunicken. Aber die Argusaugen ihres Präsidenten ruhten auf ihnen, und obwohl Sir Isaac Newton mehr als sechzig Jahre zählte, hatte ihn das Alter nicht im Geringsten gebremst oder die Schärfe seiner Zunge gedämpft.

Mit ihren nüchtern gefärbten Mänteln erweckten sie einen Eindruck von uniformer Zustimmung, so völlig anders als die jungen Kavaliere aus Londons Beau Monde, die jede Gelegenheit für einen Streit nutzten. Nichts hätte der Wahrheit ferner liegen können. Nullius in verba war ihr Motto: auf niemandes Worte. Dies war der Tempel der Fakten, der sorgfältigen Beobachtung und der noch sorgfältigeren Argumentation. Die Männer der Königlichen Gesellschaft von London, der wichtigsten wissenschaftlichen Körperschaft des Königreichs England, respektierten keine altertümliche Autorität. Sie respektierten nur die Wahrheit. Und wenn sie feststellten, dass sie uneinig darüber waren, was die Wahrheit war, konnten ihre Diskussionen wirklich sehr hitzig werden.

Aber beim zweiten Punkt der Tagesordnung, der vom neuen Savilischen Professor für Astronomie in Oxford präsentiert wurde, gab es wenig zu diskutieren. Genau genommen hatten auch nur die wenigsten Männer die Kapazität für eine solche Debatte. Der Beweis gründete auf Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, die weniger von ihnen verstanden, als es vorgaben. Edmond Halleys Berechnung bedeutete für sie daher wenig. Der fundamentale Punkt jedoch war klar.

Die Laufbahn eines Kometen war keine Parabel, sondern eine Ellipse. Und das bedeutete, dass ein Komet, wenn er aus dem Blickfeld verschwunden war, nach einer gewissen Zeit zurückkehren würde.

Ein Punkt, der für zwei Mitglieder von Halleys Publikum von recht großem Interesse war.

»Die Messungen, die Flamsteed 1682 in Greenwich vorgenommen hat, sind außergewöhnlich präzise«, sagte der Professor mit einem Nicken, das den Beitrag des abwesenden Königlichen Astronomen anerkannte. »Sie schenken uns eine Grundlage für die Untersuchung der weniger präzisen Berichte über Kometenerscheinungen in der Vergangenheit – 1607, 1531, 1456 und so weiter.«

Zurück bis zu den Tagen der Stuart-Könige, der Tudors und der Lancasters. Viele, die heute hier anwesend waren, erinnerten sich an den Kometen von vor dreiundzwanzig Jahren, doch der Bart eines Mannes musste wahrlich grau sein, wenn er irgendwelche von den anderen gesehen hatte, die Halley aufzählte.

Das eine Mitglied des Publikums, das diese Ehre für sich beanspruchen konnte, hatte überhaupt keinen Bart. Er war ein junger Kavalier, den man öfter in den Hallen von Londons Fechtmeistern fand. Seine Freunde wären überrascht gewesen, ihn in solch nüchterner Kleidung zu sehen oder ihn dabei zu erwischen, wie er sich mit falkenartiger Intensität auf die langweiligen Details astronomischer Mathematik konzentrierte.

Allerdings nicht halb so überrascht, wie sie gewesen wären, wenn sie je das wahre Gesicht ihres Freundes gesehen hätten.

»Eine Frage, wenn ich bitten darf«, sagte der Kavalier, unterbrach Halleys Vortrag seiner Astronomiae Cometicae Synopsis und zog ein schnelles Stirnrunzeln von Newton auf sich. »Könnte irgendetwas den Kometen von seiner Bahn ablenken?«

Der gut eingeübte Vortrag des Savilischen Professors hielt inne. »Wie bitte?«

»Ihr sagt, dass der Komet weit weg von der Sonne reist und nur alle fünfundsiebzig oder sechsundsiebzig Jahre zurückkehrt. Könnte irgendetwas diese Rückkehr verhindern und ihn in den Weltraum hinausschleudern?«

Halleys Mund öffnete und schloss sich mehrmals, ohne dass irgendetwas herauskam. »Ich nehme an«, sagte er schließlich verblüffend unsicher, »dass eine große Masse Schwerkraft auf den Kometen ausüben und seine Bahn stören könnte, sodass die Rückkehr nicht wie erwartet stattfinden würde. Aber ihn völlig wegfliegen zu lassen … Warum, Sir, solltet Ihr Euch über so etwas Gedanken machen?«

Nun ruhten alle Blicke im Raum auf dem Kavalier – außer denen, die zu Lord Joseph Winslow gehörten, der ihn als Gast mitgebracht hatte. Winslow hatte einen höchst seltsamen Gesichtsausdruck, als wünschte er sich sehnlichst, dass sein Kamerad nicht mit einer solch bizarren Frage unterbrochen hätte … aber als wollte er auch unbedingt Halleys Antwort wissen.

»Es scheint mir«, sagte der junge Kavalier, »dass die exzentrischen Wanderungen eines solchen astronomischen Objekts vielleicht eine Gefahr für uns hier darstellen.«

Eine erschrockene Stimme kam von anderswo im Publikum. »Wenn sich die Umlaufbahnen ungünstig schneiden würden – könnte ein Komet die Erde treffen?«

»Unsinn.« Newtons scharfe Antwort schnitt ihnen allen das Wort ab. »Der Herr hat den Himmel nach seinem Willen geschaffen. Wenn es sich zutragen sollte, dass irgendetwas darin eine Katastrophe über die Erde bringt – wie es sich wohl bei der Sintflut ereignet hat –, dann ist das ebenfalls der Wille des Herrn. Wir dürfen deshalb schlussfolgern, dass kein Bedarf besteht, einen Kometen aus seiner Flugbahn abzulenken.«

Der Kavalier war wirklich tapfer, denn er bestand auf seinem Punkt, sogar im Angesicht von Newtons Missfallen. »Aber was ist mit kleineren Bedrohungen? Hat man dem Einfluss von Kometen nicht Naturkatastrophen zugeschrieben? Wenn eine solche …«

»Genug davon.« Der Präsident der Königlichen Gesellschaft stand auf und funkelte Winslows Gast finster an. »Kometen sind mechanische Körper, die den Gesetzen der Bewegung und universellen Gravitation gehorchen. Falls sie irgendeinen Effekt haben, der darüber hinausgeht, ist dieser vorteilhaft, weil er Dämpfe verteilt, die die Prozesse der Vegetation und Putrefaktion auf der Erde nähren, und vielleicht die flüchtigeren Bestandteile der Luft zur Verfügung stellt. Eure Befürchtungen sind närrisch, und Ihr werdet mit ihnen nicht weiter unsere Zeit verschwenden.«

Sir Isaac Newton hatte einen durchdringenden Blick, doch einen ebensolchen besaß der junge Kavalier. Er stand auf, ohne die Augen von denen des großen Mannes abzuwenden, und machte eine kurze Verbeugung, ehe er den Raum verließ. Winslow murmelte eine Entschuldigung und folgte ihm.

Der Kavalier lief draußen am Ende der Treppe auf und ab und knurrte eine Reihe an Flüchen. »Es ist nicht der Wille seines göttlichen Herrn – es ist unser Zutun, und unsere Schuld.«

»Das würde ich Sir Isaac gegenüber nicht äußern«, sagte Winslow und versuchte es mit einem Hauch Humor. »Er wird dir wahrscheinlich nicht glauben, wenn du ihm erzählst, dass auf jenem Kometen ein Drache ist und dass ein Haufen Feen ihn dorthin geschickt haben.«

Drache. Ein Wort, das in den aufgeklärten Hallen des Gresham College nicht oft ausgesprochen wurde. Ebenso wenig wie das Wort Fee, und doch stand sie hier: Dame Segraine vom Onyxhof, Ritterin bei einer Feenkönigin, die in männlicher und sterblicher Tarnung gekommen war, um die Warnung zu bestätigen, die sie erhalten hatten.

Sie legte eine Hand an den Eckpfeiler der Mauer neben ihr. Die Architektur war alt. Dieses Gebäude war eines der wenigen, die im Großen Feuer von 1666 nicht verbrannt waren. Flammen hatten vier Fünftel der Fläche innerhalb der Mauern von London verschlungen und etwas vom Land außerhalb, während die sterbliche Bevölkerung der Stadt darum gekämpft hatte, ihr Vordringen aufzuhalten.

Eine der beiden Schlachten, die in jenen infernalischen Tagen getobt hatten. Die andere hatte zwischen den Feenbewohnern der Stadt und dem Geist des Feuers selbst stattgefunden: einem Drachen.

Den sie 1682 auf einen Stern am Himmel verbannt hatten – ohne zu wissen, dass der Stern zurückkehren würde.

In den Kammern der Königlichen Gesellschaft beendete Edmond Halley seine Präsentation gerade mit den Worten: »Ich rate der Nachwelt, im Jahr 1758 genauestens danach Ausschau zu halten, da zu dieser Zeit die Wissenschaft in ihrer Vorhersage bestätigt werden könnte.«

»Wir haben dreiundfünfzig Jahre«, sagte Winslow zu Dame Segraine. »Dank eurer irischen Seherin sind wir auf Halleys Arbeit und ihre Konsequenzen für uns aufmerksam geworden. Wir haben Zeit zur Vorbereitung.«

Und vorbereiten mussten sie sich – denn ohne Zweifel hatte ihr verbannter Feind sie nicht vergessen. Ob aus einem Sehnen nach Rache oder einfach schrecklichem Hunger, er würde die Beute suchen, die er zuvor schon gekostet hatte.

London.

Dreiundfünfzig Jahre. Als Winslow die Tür zum Innenhof des Gresham College öffnete, murmelte Dame Segraine: »Ich hoffe, das wird reichen.«

TEIL EINS

CongelatioHerbst 1757

»Gereinigt durch das Schwert und vom Feuer verschönert hatten wir dann Londons verhasste Mauern gesehen.«

THOMAS GRAY

»On Lord Holland’s Seat near M—e, Kent«

Die Schwärze wird von einer Million Lichtpunkten besprenkelt. Sterne, Galaxien, Nebel: Wunder des Himmels, die sich in ihrem ewigen Tanz bewegen.

Weit in der Ferne – unmöglich weit – brennt ein heller Funke. Als eine Sonne unter vielen stimmt er die Melodie an, zu der seine Untertanen tanzen, im Einklang mit dem unabänderlichen Gesetz der Schwerkraft. Planeten und ihre Monde und die kurzen Besucher, die die Menschen Kometen nennen.

Ein solcher Besucher kommt näher.

Das längliche Objekt ist fester gefroren als der Winter selbst. Die Sonne ist noch weit entfernt, zu weit entfernt, um es zum Leben zu erwecken. Das Licht scheint kaum überhaupt auf die schwarze Substanz, die ihm entgegenkommt. Der Geist, der in dem Kometen lebt, schläft, von der endlosen Kälte des Weltraums in tiefe Erstarrung gezwungen.

Es schläft seit über siebzig Jahren. Die Zeit wird jedoch bald kommen, da dieser Schlaf enden wird, und wenn er dies tut …

Wird die Bestie sich ihre Beute suchen.

MAYFAIR, WESTMINSTER

30. September 1757

Die Sänfte verließ die Stadt über Ludgate und zwängte sich durch das Gedränge von Fleet Street und Strand, ehe sie in die ruhigere Gegend von Westminster kam. Ein beständiger Nieselregen fiel schon den ganzen Tag, den die Träger ignorierten, abgesehen davon, dass sie im stets präsenten Schleim aus Matsch und weniger angenehmen Dingen ihre Füße vorsichtig aufsetzten. Die Gardinen der Sänfte waren zugezogen und hielten den unerfreulichen Anblick draußen, ebenso die Abenddämmerung, die früher als üblich hereinbrach.

Im Inneren reichten die Schwärze und das rhythmische Schaukeln beinahe, um Galen in den Schlaf zu wiegen. Er unterdrückte ein Gähnen, als würde sein Vater zusehen: Wieder spät auf gewesen, um zu feiern, zweifellos, hätte der alte Mann gesagt, und dein Einkommen in Vauxhall zu verspielen. Als hätte er viel Einkommen, das er ausgeben konnte, oder irgendeine Neigung zu solchen Beschäftigungen. Aber dies war die einfachste Erklärung für Galens lange Nächte und häufige Abwesenheit, und so ließ er seinen Vater weiter daran glauben.

Er sollte ohnehin besser wach werden. Galen hatte die Clarges Street schon früher besucht, aber dies wäre seine erste förmliche Versammlung dort, und es würde keinen guten Eindruck hinterlassen, wenn er seinen Mitgästen ins Gesicht gähnte.

Ein gedämpfter Ruf von einem der Sänftenträger, als sie langsamer wurden. Dann kippte das Transportmittel und schaukelte alarmierend eine Treppe hinauf. Galen zog gerade rechtzeitig die Gardine zur Seite, um zu sehen, wie seine Sänfte durch den Vordereingang des Hauses aus dem Regen und in die Eingangshalle getragen wurde.

Er stieg vorsichtig aus, wobei er den Kopf einzog, um zu vermeiden, dass er seinen Hut verschob. Ein Bediensteter stand bereit. Galen nannte seinen Namen und versuchte, nicht ungeduldig zu wirken, als der Diener wegging. Hier zu warten, während es von der Sänfte auf den gemusterten Marmor tröpfelte, machte ihn fürchterlich nervös, als sei er ein Handwerker, der gekommen war, um einen Gefallen zu erbitten, statt ein geladener Gast. Zum Glück kehrte der Diener schnell zurück und verbeugte sich. »Ihr seid sehr willkommen, Sir. Darf ich bitten?«

Galen bezahlte die Sänftenträger und übergab dem Diener seinen Mantel, Hut und Gehstock. Dann holte er tief Luft und folgte dem Mann in den Salon.

»Mr. St. Clair!« Elizabeth Vesey stand von ihrem Stuhl auf und kam zu ihm herüber, dann streckte sie eine schlanke Hand aus. Er verbeugte sich darüber, so elegant er konnte, sodass seine Lippen sie leicht streiften. Gerade genug, dass sie hübsch errötete. Es war natürlich ein Spiel, aber eines, dessen sie nie überdrüssig wurde, obwohl sie jenseits der Vierzig war. »Ihr seid sehr willkommen, Sir. Ich hatte befürchtet, dass Euch dieser schreckliche Regen daheim halten würde.«

»Überhaupt nicht«, sagte Galen. »Mein Weg hierher wurde vom Gedanken an Eure Gesellschaft gewärmt, und ich werde die Erinnerung daran wie eine Flamme nach Hause tragen.«

Mrs. Vesey lachte in einem melodischen Tonfall, der zu ihrem irischen Akzent passte. »Oh, gut gemacht, Mr. St. Clair – wirklich gut gemacht. Stimmst du da nicht zu, Lizzy?«

Dies galt einer größeren, breiter gebauten Frau, einer von mindestens einem Dutzend, die im Raum verteilt waren. Elizabeth Montagu hob eine Augenbraue und sagte: »Gut gesprochen zumindest – aber meine Liebe, hast du ihn nicht über die angemessene Kleidung für diese Anlässe aufgeklärt?«

Galen wurde rot und zögerte. Mrs. Vesey sah von seiner mit einer Schleife zusammengebundenen Perücke bis zu den polierten Spangen an seinen Schuhen an ihm hinab und schnalzte traurig mit der Zunge. »In der Tat, Sir, haben wir eine sehr strenge Kleiderordnung für unsere Versammlungen, wie ich Ihnen doch deutlich erklärt habe. Nur blaue Strümpfe sind erlaubt!«

Er blickte verblüfft auf seine Strümpfe aus schwarzer Seide hinunter, und seine Anspannung machte einem erleichterten Lachen Platz. »Ich bitte untertänigst um Verzeihung, Mrs. Vesey, Mrs. Montagu. Blaues Kammgarn, wie Ihr angewiesen habt. Ich werde mich bemühen, nächstes Mal daran zu denken.«

Mrs. Vesey hakte ihren Arm unter seinen und sagte: »Achtet darauf, dass Ihr das tut! Ihr seid viel zu steif, Mr. St. Clair, besonders für jemanden, der so jung ist. Ihr dürft uns oder unseren kleinen Blaustrumpfzirkel nicht zu ernst nehmen. Wir sind hier bloß Freunde, die zusammenkommen, um Gedanken und die Künste zu teilen. Würdet Ihr Euch wie für den Hof kleiden, würdet Ihr uns alle in den Schatten stellen!«

In ihren Worten lag eine gewisse Wahrheit. Nicht, dass er für den Hof gekleidet gewesen wäre. Nein, sein grauer Samt war für jeglichen derart feinen Anlass viel zu nüchtern, obwohl er mit der neuen Weste, die Cynthia ihm geschenkt hatte, sehr zufrieden war. Aber es stimmte, dass wenige der Anwesenden auch nur annähernd solche Eleganz zeigten, und tatsächlich hätte einer der beiden anwesenden Gentlemen ein Geschäftsmann sein können, der für einen Arbeitstag gekleidet war.

Galen ließ sich von Mrs. Vesey im Raum umherführen und vorstellen. Einige der Anwesenden hatte er schon früher getroffen, doch er wusste ihre Gedankenstütze zu schätzen. Er fürchtete ständig, dass er einen Namen vergessen würde. Die beiden Gentlemen waren ihm neu. Derjenige, der wie ein Geschäftsmann wirkte, war ein gewisser Benjamin Stillingfleet – der entsprechend Mrs. Veseys Ansage gewöhnliche blaue Strümpfe trug –, und der andere, eine gedrungene Gestalt mit lauter Stimme, stellte sich als der große Dr. Samuel Johnson heraus.

»Es ist mir eine Ehre, Sir«, sagte Galen und verbeugte sich vor ihm.

»Natürlich ist es das«, brummte Johnson. »Kann in dieser Stadt nirgendwo hingehen, ohne dass ich erkannt werde. Verdammt nervig.« Sein Kopf zuckte seltsam zwischen seinen Schultern, und Galen riss verunsichert die Augen auf.

»Wenn Ihr nicht erkannt werden wollt«, antwortete Mrs. Montagu schnippisch, »hättet Ihr nicht Jahre Eures Lebens in dieses Wörterbuch stecken sollen.« Sie ignorierte seine Geste und seine schlechten Manieren, und Galen hielt es für das Beste, ihrem Beispiel zu folgen.

Mrs. Veseys Salon war ein Meisterstück an zurückhaltender Eleganz. Die Stühle waren mit chinesischer Seide bezogen, die sich im warmen Leuchten der Kerzen sehr vorteilhaft zeigte. Dem Raum fehlten die Schnörkel und weitere Ausstaffierung der großen Salons in Paris, aber das hier war immerhin eine bescheidene Angelegenheit. Insgesamt kaum mehr als ein Dutzend Gäste. Mrs. Montagu empfing in ihrem eigenen Haus an der Hill Street viel größere Gruppen, und sie war nichts im Vergleich zu den französischen Salonnières. Galen jedoch freute sich über den kleinen Rahmen. Hier konnte er glauben, wie Mrs. Vesey sagte, dass er unter Freunden war, und sich nicht so nervös fühlen.

Als er sich mit einem Glas Punsch auf einen Stuhl zurückzog, nahm Johnson den Faden eines Gesprächs wieder auf, den er offenbar hatte fallen lassen, als Galen den Raum betreten hatte. »Ja, ich weiß, dass ich März gesagt habe«, erklärte er Stillingfleet ungeduldig, »aber die Arbeit dauert länger als erwartet – und es gibt außerdem noch ein anderes Projekt, eine Serie namens The Idler, die nächsten Monat beginnt. Tonson kann warten.« Sein Gehabe, während er sprach, war höchst ungewöhnlich – er zeigte weitere seltsame Ticks mit Kopf und Händen. Es war keine Schüttellähmung, sondern etwas ganz anderes. Galen war hin- und hergerissen, ob er starren oder wegsehen sollte.

»Shakespeare«, murmelte Mrs. Vesey Galen nicht ganz flüsternd zu. »Dr. Johnson arbeitet an einer neuen Ausgabe der Stücke, aber ich fürchte, sein Enthusiasmus lässt nach.«

Johnson hörte sie, was sie zweifellos beabsichtigt hatte. »Die Arbeit vernünftig zu machen«, sagte er würdevoll, »braucht Zeit.«

Mrs. Montagu lachte. »Aber Ihr bestreitet den fehlenden Enthusiasmus nicht, wie ich sehe. Welches Stück ist es, das Ihr gerade bearbeitet?«

»Ein Sommernachtstraum, und das ist auch ein völliger Blödsinn«, sagte Johnson. »Billiger Humor – für erlesene Geschmäcker wenig ansprechend – voller Blumenfeen und ähnlicher Dummheiten. Welche moralischen Lehren sollen wir daraus ableiten? Erzählt mir nicht, dass er über heidnische Zeiten geschrieben hat. Es ist die Pflicht eines Autors, die Welt zu verbessern, und …«

»Und Gerechtigkeit ist eine Tugend, die von Zeit oder Ort unabhängig ist«, beendete Mrs. Montagu für ihn. »Das habt Ihr schon früher gesagt. Aber muss es bei Feen eine Moral geben?«

Der Autor runzelte scharf die Stirn. »Es kann keinen Grund für sie geben«, sagte Johnson, »wenn sie keinem moralischen Zweck dienen.«

Galen stellte fest, dass er wieder auf den Beinen war, ohne dass er den Übergang bemerkt hatte, und sein Glas Punsch so fest in der Hand hielt, dass er befürchtete, das feine Glas würde zersplittern. »Aber Sir, Ihr könntet wohl genauso gut sagen, dass es keinen Grund für einen Baum oder einen Sonnenuntergang oder einen … einen Menschen geben kann, wenn sie keinem moralischen Zweck dienen!«

Johnsons weiße Augenbrauen hoben sich. »In der Tat gibt es keinen. Der moralische Zweck eines Menschen ist es, gegen die Sündigkeit anzukämpfen und nach Gott zu suchen, um sich von seinem Fall reinzuwaschen. Was Bäume und Sonnenuntergänge betrifft, so darf ich Euch auf die Heilige Schrift verweisen, im Speziellen das Buch Genesis, worin uns erzählt wird, wie der Herr den Tag und die Nacht schuf – und deshalb, wie wir annehmen dürfen, den Übergang zwischen den beiden – und auch Bäume, und dies ist die Bühne, auf die er seine am meisten geliebte Kreation setzte, die jener zuvor erwähnte Mensch ist. Aber zeigt mir, wenn Ihr wollt, wo die Bibel von Feen und deren Platz in Gottes Plan spricht.«

Während Galen stotterte und nach Worten suchte, fügte er – beinahe sanft – an: »Falls solche Kreaturen tatsächlich überhaupt existieren, was ich extrem zweifelhaft finde.«

Hitze und Kälte strömten in abwechselnden Wellen durch Galens Körper, sodass er zitterte wie Espenlaub. »Nicht alle Dinge«, rang er sich ab, »die auf der Welt existieren, sind in der Heiligen Schrift dargelegt. Aber wie kann irgendetwas sein, das nicht Teil von Gottes Plan ist?«

Irgendwie gelang es Johnson, gleichzeitig Ekel und Freude auszustrahlen, als sei er über die Trivialität des Themas entsetzt, aber erfreut, dass Galen ein Argument zu seiner Verteidigung vorgebracht hatte. »Ganz genau. Sogar die Teufel in der Hölle dienen seinem Plan, indem sie die Menschheit in Versuchung zu ihren niedrigeren Instinkten führen und deshalb die Ausübung ihres freien Willens bedeutsam machen. Aber wenn Ihr vorhabt, mich zum Thema Feen zu überzeugen, Mr. St. Clair, dann werdet Ihr mehr tun müssen, als Euch hinter göttlicher Unfehlbarkeit zu verstecken.«

Er wünschte sich irgendetwas, hinter dem er sich verstecken konnte. Johnson hatte die Haltung eines Jägers, der nur darauf wartete, bis der Fasan aus der Deckung kam, damit er ihn abschießen konnte. Oh, wenn diese Debatte nur nicht so früh gekommen wäre! Galen war neu im Blaustrumpfzirkel. Er hatte noch kaum sein Gleichgewicht gefunden. Mit mehr Zeit und Selbstbewusstsein hätte er seine Ideale ohne Furcht, sich lächerlich zu machen, verteidigt. Aber hier und heute war er ein Neuankömmling, der einem Mann gegenüberstand, der doppelt so alt und doppelt so breit war wie er und der alle Gelehrsamkeit und Reputation auf seiner Seite hatte.

Eine Flucht hätte aber nur Verachtung nach sich gezogen. Galen war sich seines Publikums bewusst – nicht nur Johnsons, sondern auch Mrs. Veseys und Mrs. Montagus, Mr. Stillingfleets und all der anderen Damen, die mit großem Vergnügen auf seinen nächsten Zug warteten. Und andere, die nicht anwesend waren und seine größte Anstrengung verdienten. Galen wählte seine Worte sorgfältig: »Ich würde sagen, dass Feen existieren, um ein Gefühl von Bewunderung und Schönheit in unser Leben zu bringen, das den Geist erhebt und ihn etwas zur Transzendenz lehrt.«

»Transzendenz!« Johnson lachte schallend. »Von etwas namens Senfsamen?«

»Da gibt es auch Titania«, entgegnete Galen und wurde rot. »Feen müssen ebenfalls ihre niedrigeren Klassen haben, genau wie unsere eigene Gesellschaft ihre Bauern und Seeleute, Handwerker und Arbeiter hat, ohne die der Landadel und Hochadel keine Beine hätte, auf denen er stehen kann.«

Johnson schnaubte. »Das müssten sie – wenn sie überhaupt existieren würden. Aber das hier ist nichts weiter als eine hübsche Übung für den Intellekt, Mr. St. Clair. Feen leben nur in bäuerlichem Aberglauben und den minderwertigen Werken von Shakespeare, wo ihr einziger Zweck dümmliche Unterhaltung ist.«

Mrs. Montagu rettete ihn. Galen wusste nicht, welche Worte seinem Mund entsprungen wären, hätte sie sich nicht eingemischt, aber die Dame brachte das Gespräch auf Macbeth und lenkte Dr. Johnson zum Thema Hexen, wo er nur zu gerne hinwollte.

Aus den Fesseln des Blicks des großen Schriftstellers befreit, sackte Galen schlaff zurück auf seinen Stuhl. Schweiß stand auf seiner Stirn, bis er sie mit einem Taschentuch trocken wischte. Unter dem Vorwand, seinen Punsch nachzufüllen – für diese informellen Abende gab es nichts Stärkeres zu trinken und auch keine Diener, die die Gläser versorgten –, ging er zum Beistelltisch, weg von den beobachtenden Blicken.

Aber nicht weg von Mrs. Vesey, die ihm folgte. »Es tut mir sehr leid, Mr. St. Clair«, murmelte sie und bemühte sich diesmal, nicht belauscht zu werden. »Er ist ein sehr großer Mann, aber auch ein sehr großer Schwätzer.«

»Ich war viel zu nah daran, zu viel zu sagen«, erzählte er ihr und hörte die Furcht in seiner eigenen Stimme. »Es wäre so leicht, ihm zu beweisen, dass er falsch liegt …«

»In einem Aspekt vielleicht«, sagte Mrs. Vesey. »Er wird über moralische Zwecke diskutieren, bis man seinen Sarg zunagelt, und dann wird er in den Himmel kommen, um noch etwas weiter zu diskutieren. Aber Ihr würdet jenes Geheimnis niemals verraten – nicht eher als ich.«

Selbst so viel zu sagen, war gefährlich. Von allen, die in diesem Raum versammelt waren, kannten nur sie beide die Wahrheit. Vielleicht konnte man diese mit der Zeit wenigen anderen anvertrauen. Tatsächlich war Galen genau deshalb hergekommen, um zu sehen, ob dies möglich wäre. Stattdessen hatte er Dr. Johnson vorgefunden, der in Galen die Sehnsucht weckte, mit den Worten herauszuplatzen, die in seinem Herzen brannten.

Es gibt Feen auf der Welt, Sir, schrecklicher und glorreicher, als Ihr Euch vorstellen könnt, und ich kann sie Euch zeigen – denn sie leben hier in London unter uns.

Oh, die flammende Freude, dies dem anderen Mann ins Gesicht schleudern zu können – doch es würde nichts Gutes bringen. Dr. Johnson würde ihn für verrückt halten, und obwohl es ihn überzeugen würde, wenn er sie sähe, wäre es auch ein unvorstellbarer Vertrauensbruch. Die Fae lebten aus gutem Grund verborgen. Christlicher Glaube, so wie ihn der Schriftsteller zur Schau stellte, konnte sie tief verwunden, ebenso wie Eisen und andere Dinge aus der sterblichen Welt.

Galen seufzte und stellte sein Glas ab, dann drehte er sich und warf über seine Schulter einen Blick auf den Rest des Raums. »Ich hatte gehofft, hier ähnlich Denkende zu finden. Nicht Männer wie ihn.«

Mrs. Vesey legte eine Hand auf seinen mit Samt bekleideten Arm. Sylphe nannten ihre Freunde sie, und im sanften Kerzenlicht wirkte sie wie eine, als könne keine Masse aus Partikeln ihr Wesen beschweren. »Mr. St. Clair, Ihr lasst Eure Ungeduld mit Euch durchgehen. Ich verspreche Euch, solche Geister existieren, und wir werden zu einem angemessenen Zeitpunkt mit ihnen sprechen.«

Zeit. Sie sprach davon mit dem müßigen Vertrauen einer Frau, die ihre gebärfähigen Jahre hinter sich hatte und der Gott vielleicht weitere zwei oder drei Lebensdekaden gewähren würde. Mrs. Vesey schrieb Galens Ungeduld seiner Jugend zu und betrachtete sie nur als die hitzköpfige Eile eines Mannes von kaum einundzwanzig Jahren, der noch nicht gelernt hatte, dass alle Dinge zum rechten Zeitpunkt passieren müssen.

Sie verstand nicht, dass sehr bald ein Zeitpunkt kommen würde, an dem vielleicht all diese Ruhe zerstört würde.

Doch das war ein weiteres Geheimnis, das er nicht verraten konnte. Mrs. Vesey wusste von den Feen. Eine besuchte sie jede Woche zum Tratschen. Aber sie wusste wenig über ihre Geschichte, die Myriade an geheimen Arten, auf die sie das Leben sterblicher Menschen berührten, und sie wusste nichts von der Bedrohung, die ihnen bevorstand.

Es war bereits 1757. Mit jedem Tag, der verstrich, kam der Komet näher und brachte den Drachen aus dem Großen Feuer mit sich. Und wenn dieser Feind zurückkehrte, würde sich die daraus folgende Schlacht vielleicht auch auf die Straßen des sterblichen Londons erstrecken.

Er konnte ihr das nicht erklären. Nicht während er in diesem eleganten Raum stand, umgeben von wunderschönem Luxus, von Literatur und Konversation und mit chinesischer Seide bezogenen Stühlen. Alles, was er tun konnte, war es, nach Verbündeten zu suchen: anderen, die wie er und Mrs. Vesey zwischen den beiden Welten standen und vielleicht eine Möglichkeit finden konnten, sie beide sicher zu machen.

Mrs. Vesey beobachtete ihn mit besorgtem Blick, die Hand immer noch an seinem Ellbogen. Er lächelte sie so hoffnungsvoll an, wie er konnte, und sagte: »Mrs. Vesey, dann stellt mich unbedingt anderen hier vor. Ich vertraue darauf, dass Ihr mich nicht falsch leiten werdet.«

TYBURN, WESTMINSTER

30. September 1757

Irrith behauptete oft völlig aufrichtig, dass sie die unmittelbare Präsenz der Natur wertschätzte. Sonnenlicht und Sternenlicht, Wind und Schnee, Gras und die uralten Wälder von England. Das war, tief in ihrem Herzen, ihre Heimat.

In Augenblicken wie diesen jedoch, bis zu den Knöcheln in kaltem Matsch und triefend nass vom Regen, musste sie zugeben, dass die Natur auch eine unangenehme Seite hatte.

Sie wischte sich die verfilzten Strähnen ihres rotbraunen Haares aus den Augen und blinzelte durch die Finsternis nach vorn. Das konnte vielleicht Licht am Horizont sein – nicht nur das einsame Schimmern eines kerzenbeleuchteten Hauses hier und dort, sondern die massenhafte Beleuchtung von Westminster und dahinter der Stadt London selbst.

Oder vielleicht bildete sie es sich nur ein.

Der Irrwisch seufzte und zog seinen Stiefel aus dem schmatzenden Matsch. Im Herzen war sie eine Fae aus Berkshire. Ihre Heimat war das Tal, und obwohl sie einige Jahre in der Stadt verbracht hatte, hatte sie sie vor langer Zeit verlassen – aus gutem Grund. Dennoch war das schnell vergessen gewesen, als Tom Toggin mit all seinen überzeugenden Argumenten aufgetaucht war. Sie konnte seinen Rückweg übernehmen, den Hauselfen Zeit mit seinen Vettern bei den rustikalen Annehmlichkeiten des Tals verbringen lassen und ihre eigene Langeweile mit all dem Aufregenden lindern, das London zu bieten hatte. Es hatte wie eine tolle Idee geklungen, als er es gesagt hatte, besonders als er eine Bestechung angeboten hatte.

Vielleicht hatte er gewusst, was sie auf der Straße erwartete. Der Regen hatte angefangen, kurz nachdem sie aufgebrochen war, und sie den gesamten Weg aus Berkshire begleitet.

Während sie marschierte, vertrieb Irrith sich die Zeit mit einer Vision darüber, wie sie an die Eingangstreppe irgendeines Bauern stolperte, patschnass und armselig, und um eine Unterkunft für die Nacht bat. Der Bauer würde ihr helfen, und im Gegenzug würde sie seine Familie für neun Generationen segnen – nein, nur für Regenschutz war das etwas zu viel. Drei Generationen, von ihm bis zu seinen Enkeln. Und sie würden für die nächsten sechs Generationen Geschichten erzählen, von der Feenreisenden, die ihr Vorfahr gerettet hatte, davon, wie Magie für eine kurze Nacht ihr Leben berührt hatte.

Irrith seufzte. Wahrscheinlicher würde die Bauersfrau kreischen und sie »Teufel« nennen. Oder sie würden sie anstarren, die ganze Bauernfamilie, und sich fragen, was für eine seltsame Kreatur an ihre Tür gekommen war und was sie möglicherweise von ihnen wollen konnte.

Sie wusste, dass sie gerade ungerecht war. Die Landbewohner hatten die Fae nicht vergessen. Das Gepäck, das sie bei sich trug, war Beweis genug dafür. Aber ob Westminster am Horizont war oder nicht, sie näherte sich gerade der Stadt, und sie hatte nicht viel Vertrauen in deren Wissen über ihre angemessenen Verpflichtungen dem Feenvolk gegenüber.

Wie lange war es her, dass sie London zuletzt gesehen hatte? Irrith versuchte zu zählen, dann gab sie auf. Die Zeit machte keinen Unterschied. Sterbliche veränderten sich so schnell, besonders in der Stadt. Ob sie sechs Monate oder sechs Jahre fort gewesen war, sie hatten sicherlich in ihrer Abwesenheit seltsame neue Moden erfunden.

Sie schob den Sack auf ihrer Schulter, den Tom ihr gegeben hatte, höher. Ja, das waren definitiv Lichter vor ihr, und etwas ragte in der Mitte der Straße auf. Konnte das vielleicht der Galgen von Tyburn sein? Der dreieckige Rahmen wirkte vertraut, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass so viele Häuser in seiner Nähe gewesen waren. Bei Esche und Dorn, wie groß war die Stadt geworden?

Ein Rascheln in der Hecke zu ihrer Linken war ihre einzige Vorwarnung.

Irrith warf sich ausgestreckt in den Matsch, als eine schwarze Gestalt auf sie zu stürzte. Deren Sprung ließ sie direkt über Irrith hinwegfliegen, sodass sie weiterglitt und in den Dreck fiel. Ein Schwarzer Hund, wie Irrith sah, als sie sich aufrappelte. Kein gewöhnlicher Hund, kein Mastiff von irgendjemandem, der seinem Halter entkommen war. Das hier war ein Padfoot oder Skriker, ein Fae in der Gestalt eines Hundes.

Und er war nicht hier, um sie wieder in London willkommen zu heißen.

Der Hund stürzte vorwärts, und Irrith duckte sich. Aber dabei wurde ihr ihr Fehler klar: Die Bestie zielte nicht auf sie. Ihre Kiefer schlossen sich um den geölten Stoff des Sacks, den Irrith trug, und rissen ihn aus dem Matsch.

Irrith knurrte. Ihre aufkeimende Panik erstarb unter dem Stiefeltritt ihres Zorns. Sie hatte diesen Sack nicht im Regen den ganzen Weg aus Berkshire hergeschleppt, nur um ihn an einen Padfoot zu verlieren. Sie stürmte vorwärts und landete halb auf dem Rücken der Kreatur. Deren Füße knickten unter dem unerwarteten Gewicht ein, und sie gingen beide zu Boden, wieder in den Matsch. Irrith packte ein Ohr und riss gnadenlos daran. Der Schwarze Hund knurrte und versuchte, sie zu beißen, doch sie war auf seinem Rücken, und jetzt hatte er den Sack verloren. Der Irrwisch rupfte an der Kordel und schaffte es ganz zufällig, ihren Gegner vor den Kopf zu treten, als sie über den Boden schlitterte. Er schüttelte wimmernd den Kopf, dann stürzte er sich wieder auf sie, und diesmal lag sie flach auf dem Rücken und hatte keine Chance, sich zu verteidigen.

Kurz bevor sich die massiven Kiefer der Bestie um ihr Bein schließen konnten, durchbrach ein Geräusch das Plätschern des Regens. Irrith hätte nie gedacht, dass sie je dankbar sein würde, dieses Geräusch zu hören: Kirchenglocken.

Der Schwarze Hund jaulte, wich zurück und wand sich. Aber über Irrith wogte das Geläut harmlos hinweg, und so ergriff sie ihre Chance und den Sack. Sie packte ihn mit ihren schmutzigen Händen, zielte auf den Galgen von Tyburn und rannte los.

Zu dem Zeitpunkt, als die Glocken aufhörten, war sie tief zwischen den Häusern, die sich nun um die einst ländliche Straße drängten. Irrith wurde langsamer, japste nach Luft und spürte, wie ihr Herz pochte. Würde der Hund ihr hierher folgen? Sie bezweifelte das. Zu groß das Risiko, dass jemand den Tumult hörte und herauskam, um nachzusehen. Und jetzt wusste der andere Fae, dass sie geschützt war und er nicht.

Andererseits hätte Irrith, wenn man sie gefragt hätte, gesagt, dass kein einheimischer Fae auch nur im Traum einen Kameraden auf der Straße angreifen würde, so nahe am Herrschaftsgebiet seiner Königin. Einen Sterblichen vielleicht, aber keinen Irrwisch wie sie.

Vielleicht war er kein Einheimischer. Aber was machte er dann auf der Straße nach Tyburn, und warum hatte er darauf gewartet, bis sie mit der Lieferung aus dem Tal vorbeikam?

Das war eine gute Frage. Sie wusste, dass die Fae von London ihre Probleme hatten, aber vielleicht hatte sie diese unterschätzt. Wie viel hatte sich hier, abgesehen von der Landschaft, noch verändert?

Sie hatte nicht daran gedacht, Tom Toggin zu fragen. Wenn sie keine Lust hatte, den ganzen Weg zurück nach Berkshire zu laufen – an jenem Schwarzen Hund vorbei, der sie vielleicht immer noch jagte –, war ihre einzige Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, weiterzugehen und, während sie wie eine im Matsch ertränkte Ratte aussah, bei der Königin des Onyxhofs vorzusprechen.

DER ONYXPALAST, LONDON

30. September 1757

Die beengte und wenig moderne Umgebung von Newgate, mitten in der Innenstadt von London, war so spät am Abend ein ungewöhnliches Ziel für einen Gentleman, doch solange Galen die Sänftenträger bezahlte, hatten sie keinen Grund, Fragen zu stellen. Nachdem der Regen endlich aufgehört hatte, lieferten sie ihn an der Vordertür einer Pfandleihe ab, die nachts geschlossen hatte, und gingen ihres Weges. Sobald sie ganz außer Sicht waren, schlich Galen um die Ecke in eine schmale Gasse hinein, wobei er versuchte, die Schuhe und schwarzen Seidenstrümpfe, die Mrs. Montagu verspottet hatte, zu schützen, und daran scheiterte.

Die Tür, die er suchte, lag an der hinteren Mauer der Pfandleihe, und falls irgendjemand sie bemerkte – was er nicht sollte –, dann nahm er zweifellos an, dass sie in den vollgestellten Raum führte, in dem der Ladenbesitzer Waren verwahrte, die nicht in die Auslage im vorderen Zimmer passten. Stattdessen brachte sie Galen in einen winzigen Zwischenraum, der kaum groß genug war, dass er sich hineinquetschen und trotzdem die Tür hinter sich schließen konnte. Als er in jenem erstickenden Raum stand, murmelte er »Nach unten« und spürte, wie der Boden nachgab.

Das Gefühl war schwindelerregend, egal wie oft er es erlebte. Galen spannte sich immer an und erwartete einen schmerzhaften Aufschlag, und immer landete er so weich wie eine Feder. Er hätte ein gewöhnlicheres Treppenhaus vorgezogen. Aber mit jenen Worten trat er aus der gewöhnlichen Welt in eine, die alles war, nur nicht das.

Seine Füße standen auf einem abgeschliffenen Block aus schwarzem Marmor, und kühles Licht leuchtete um ihn herum auf. Die Kammer, in der er sich jetzt befand, hatte eine hohe Kuppel – nichts im Vergleich zu der gewaltigen Höhe der St.-Pauls-Kathedrale, doch nach der Enge im Vorraum oben fühlte es sich so an. Die Mauern bildeten schlanke Rippen, die für das Gewicht, das auf ihnen ruhte, unangemessen wirkten, und das waren sie zweifellos. Etwas anderes als die Kunst des Architekten hielt die schattenhafte Decke fest.

Es war bei Weitem nicht das größte Wunder hier.

Leute vom Land erzählten immer noch Geschichten über Feenreiche, die in hohlen Hügeln versteckt waren, doch wenige, falls überhaupt jemand, hätten erwartet, eines unter der Stadt London zu finden. Soweit Galen wusste, war der Onyxpalast einzigartig. Nirgendwo sonst in Großbritannien oder möglicherweise auf der ganzen Welt lebten Fae so dicht mit Sterblichen zusammen. Doch hier hatten sie einen Palast, der eine eigene Stadt war, voller Schlafzimmer und Gärten, Tanzsäle und langer Galerien mit Kunstwerken, alles gegen die Feindseligkeit der Welt darüber geschützt. Er war ein Spiegel jener Welt, der ein seltsames und verändertes Abbild warf, und einer, den nur wenige Auserwählte betreten konnten.

Galen seufzte, als er die matschigen Spuren sah, die er hinterließ, als er von dem Rundstein hinuntertrat. Er wusste, dass er, falls er aus der Kammer ginge und eine Minute später zurückkäme, feststellen würde, dass der Dreck verschwunden war. Es gab hier unsichtbare Kreaturen, die effizienter als die hingebungsvollsten Diener waren und die geringste Verschmutzung als persönliche Beleidigung aufzunehmen schienen. Oder das hätten sie, wenn sie irgendein Selbstgefühl gehabt hätten. Soweit Galen es verstand, hegten sie überhaupt sehr wenige Gedanken, kaum mehr als die Feenlichter, die an den zarten Säulen entlang der Mauern leuchteten. Trotzdem wünschte er sich einen Fußabstreifer, an dem er seine Füße hätte säubern können, damit er keine Matschklumpen in einem so wundervollen Palast verteilte.

Es half nichts. Galen wollte seine Bedenken gerade hinter sich lassen und weitergehen, als ein plötzlicher Luftwirbel am Saum seines Mantels zupfte.

Eine weitere Gestalt stieg aus der Öffnung in der Decke herab und sank schnell, ehe sie sanft auf dem Rundstein zum Stehen kam. Galens eigene matschige Fußabdrücke wurden von einem gewaltigen Fleck verdeckt, als sich die triefend nasse und schmutzige Gestalt rührte, ausrutschte und wenig feierlich auf ihrem Hintern landete.

»Blut und Knochen!«, fluchte die Gestalt, und die Stimme war viel zu hoch, um männlich zu sein. Galen sprang vorwärts, bot instinktiv seine Hand an und ruinierte prompt seinen Handschuh, als der Neuankömmling die Hilfe annahm, um aufzustehen.

Dass sie eine Fee war, da konnte er sicher sein. Die Zartheit ihrer Hand – wenn schon nicht ihrer Worte – machte alles andere unwahrscheinlich. Aber er konnte wenig mehr erkennen. Sie schien sich im Matsch gewälzt zu haben, obwohl etwas davon anschließend vom Regen abgewaschen worden war. Ihr Haar, ihre Haut, ihre Kleidung waren ein einziges unbestimmtes Braun, in dem ihre Augen einen erstaunlichen Kontrast boten. Sie enthielten hundert Grüntöne, die sich veränderten und tanzten, wie es keine menschliche Iris getan hätte.

Sie wirkte im Gegenzug ziemlich erschrocken vor ihm. »Ihr seid menschlich!«, rief sie und starrte ihn durch die triefende Verwüstung in ihren Haaren an.

Welche höfliche Antwort konnte ein Gentleman darauf geben? »Ja, bin ich«, sagte er und hob das Säckchen hoch, das sie fallen gelassen hatte.

Die Fee riss es ihm weg, dann verzog sie das Gesicht. »Entschuldigung. Heute Nacht hat schon einmal jemand versucht, mir das abzunehmen. Ich würde es lieber selbst tragen, wenn es Euch nichts ausmacht.«

»Überhaupt nicht«, sagte Galen. Mit einem bedauernden Seufzen zog er den ruinierten Handschuh und dazu den sauberen aus und ließ sie auf den Boden fallen. Die unsichtbaren Diener konnten diese beiden ebenso gut nehmen, wenn sie kamen, um das hier wegzuputzen. »Darf ich Euch zu Euren Gemächern eskortieren? Dieser Marmor ist mit nassen Füßen gefährlich.«

Er dachte, dass sie unter all dem Dreck vielleicht ein Irrwisch sein mochte. Sie hielt sich nicht mit der höfischen Eleganz einer Elfendame. Nachdem sie den Sack dicht neben sich gestellt hatte, setzte sie sich wieder hin – diesmal mit Absicht – und zog ihre triefenden Stiefel aus, gefolgt von ihren Strümpfen. Die Füße darunter waren unnatürlich bleich und so zart wie ihre Hände. Sie stellte sie auf eine saubere Stelle auf dem Boden, dann stemmte sie sich hoch. »Ich werde tropfen«, sagte sie und machte einen vergeblichen Versuch, den Saum ihres Mantels auszuwringen, »aber es ist besser als nichts.«

Ihre Bemühungen mit dem Mantel enthüllten darunter eine Kniebundhose. Galen unterdrückte eine schockierte Äußerung. Fae betrachteten menschliche Bräuche, einschließlich Ansichten über angemessene Kleidung, als unterhaltsame Vergnügungen, die sie kopierten oder ignorierten, wie es ihnen gefiel. Und er vermutete, dass Kniebundhosen in diesem Wetter praktischer waren. Hätte sie einen Rock getragen, hätte sie sich bei all dem durchnässten Gewicht nicht mehr bewegen können. »Trotzdem, bitte gestattet es mir. Ich wäre ein Unhold, wenn ich Euch in einem solchen Zustand verlassen würde.«

Die Fae nahm ihren Sack wieder auf und seufzte. »Nicht zu meinen Gemächern. Ich glaube nicht, dass ich welche habe, außer Amadea hat sie die ganze Zeit für mich behalten. Aber Ihr könnt mich zur Königin bringen.«

Diesmal ließ sich seine Äußerung nicht unterdrücken. »Zur Königin? Aber … dieser Schlamm … und Ihr …«

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, was ihr matschiges Haar ungefähr auf Höhe seines Kinns brachte. »Ich bin Dame Irrith aus dem Tal des Weißen Pferdes, von der Königin selbst für Dienste am Onyxhof zur Ritterin geschlagen, und ich versichere Euch, Lune wird mich sehen wollen, trotz Matsch und allem.«

Die Stunde war spät, doch das war für die Bewohner des Onyxpalasts recht egal, weil für sie die Anwesenheit oder Abwesenheit der Sonne wenig Unterschied machte. Dies war immerhin Londons Schatten: ein unterirdischer Feenpalast, der aus der Stadt selbst heraufbeschworen war, wo weder Sonne noch Mond je schienen.

Was leider bedeutete, dass Leute in der Nähe waren und den merkwürdigen Aufmarsch von Irrith und dem jungen Mann an ihrer Seite beobachteten. Sie hielt sich trotzig, ignorierte sie alle und redete sich ein, dass es nicht viel nützen würde, wenn sie doch zuerst auf die Suche nach einem Bad ginge. In Anbetracht der verworrenen Gänge des Onyxpalasts würde sie auf ihrem Weg dorthin an genauso vielen Leuten vorbeikommen wie auf ihrem Weg zur Königin. Wenigstens waren die Beobachter gemeine Untertanen, nicht die Höflinge, deren beißender Humor ihren zerzausten Zustand als leichtes Ziel betrachtet hätte. Sie verbeugten sich, machten ihr Platz und stiegen vorsichtig über ihre matschigen Fußspuren hinweg, sobald Irrith vorbei war.

Ihr Plan war es, erst zu den Gemächern der Königin zu gehen, weil sie hoffte, sie dort vorzufinden, doch etwas ließ sie unterwegs innehalten: der Anblick eines Paars Elfenritter, die auf beiden Seiten von zwei hohen, mit Kupfer vertäfelten Türflügeln Wache standen. Sie waren Mitglieder der Onyxwache, und deshalb mussten sie aus dem gesamten Hofstaat nur zwei Personen salutieren.

Sie salutierten dem jungen Mann an ihrer Seite. »Lord Galen.«

Lord … Zu spät wurde Irrith klar, dass die Verbeugungen auf dem Weg hierher nicht ihr gegolten hatten. Natürlich nicht – wie lange war es her, dass sie im Onyxpalast gewesen war? Und wer sollte sie unter der trocknenden Matschschicht erkennen? Sie drehte sich zu dem Gentleman und rief anklagend: »Ihr seid der Prinz vom Stein!«

Er errötete liebenswürdig und murmelte etwas halb Verständliches darüber, dass er seine guten Manieren vergessen hatte. Wahrscheinlicher, dachte Irrith, war er zu schüchtern gewesen, um es anzusprechen. Neu, kein Zweifel. Ja, sie erinnerte sich daran, dass sie etwas von einem neuen Prinzen gehört hatte. Die menschlichen Gefährten der Königin kamen und gingen, wie es die Sterblichen so oft taten, und dieser hier war eindeutig noch nicht lange genug in seiner Stellung, um sich daran gewöhnt zu haben, dass ihn irgendjemand »Lord« nannte. Sie bemitleidete ihn ein wenig. Der Gefährte einer Feenkönigin zu sein, lebender Beweis ihres Schwurs, in Harmonie mit der sterblichen Welt zu existieren, war keine geringe Bürde.

»Irrith?« Das kam von der Wache auf der rechten Seite. Dame Segraine starrte sie an, während ihre Lanze zur Seite wich.

»Ja.« Irrith druckste nervös herum. Dass Segraine und Sir Thrandin an dieser Tür Wache standen, bedeutete, dass die Königin auf deren anderer Seite war. Irrith konnte sich nicht erinnern, welcher Raum dahinter lag, aber es waren nicht Lunes Gemächer, wo sie einige Hoffnung auf eine Privataudienz oder zumindest eine mit nur wenigen anwesenden Damen gehabt hätte. Ihr gesunder Fae-Verstand sagte ihr, dass sie warten sollte.

Der gesunde Fae-Verstand allerdings war etwas für Hauselfen und andere derart betuliche Kreaturen. »Ich habe etwas für die Königin – tatsächlich sogar zwei Dinge. Beide davon sind wichtig. Der Prinz hat, weil er ein Gentleman ist, angeboten, mich zu eskortieren.«

Segraine betrachtete sie zweifelnd. Die Ritterin war unter den Fae am Onyxhof immer eine von Irriths engsten Freundinnen gewesen, aber sie scherte sich mehr um die guten Sitten, als sich der Irrwisch Mühe machte. »Du wirst den Teppich ruinieren«, sagte sie.

Was, wie Irrith eingestehen musste, mehr als einfach eine Frage der guten Sitten war. Im Tal bestanden die »Teppiche« aus Efeu und wilden Erdbeeren am Boden, denen etwas Dreck nichts ausmachte. Hier waren sie wahrscheinlich mit Süßwasserperlen oder anderen Narreteien bestickt. Sie erledigte das Thema, indem sie ihren Mantel auszog und das letzte Wasser aus ihren Haaren auf den feuchten Kleiderhaufen auswrang. »Gib mir ein Taschentuch, dass ich mir die Füße abwischen kann, und das sollte ausreichen.«

Galen wandte seinen Blick mit einem erneuten wilden Erröten ab, und Segraines Kamerad starrte sie an. Irrith musste zugeben, dass sie das mit Absicht getan hatte. Sie hatte bei Hof den Ruf, höchstens halb zivilisiert zu sein, und es amüsierte sie, diesem alle Ehre zu machen.

Oder ihn zu entehren, wie man wohl eher sagen konnte.

Als sie barfuß auf dem Marmor stand, in nichts weiter als einer feuchten Kniebundhose und einem Leinenhemd, musste sie darum kämpfen, nicht zu zittern. Dann erschien ein Quadrat aus weißer Spitze in ihrem Blickfeld: ein Taschentuch, vom Prinzen angeboten, der sie immer noch nicht direkt ansehen wollte. Irrith trocknete sich die Füße ab, sah die schmutzige Spitze reumütig an und schrubbte die Hinterseite ihrer Hose ein wenig, um weiteres Tropfen zu unterbinden. Danach würde der Prinz das Taschentuch wohl kaum zurücknehmen, also legte sie es sachte auf ihrem dreckigen Mantel ab und sagte: »Ich bin sicher, jemand kann das zurückgeben, nachdem es gereinigt wurde. Darf ich jetzt die Königin sehen?«

»Das machst du am besten«, sagte Segraine, »bevor du Lord Galen noch weiter blamierst.« Sie klopfte an der Tür. Nach einem Augenblick ging diese einen Spalt auf, und sie besprach sich in einem kurzen Flüstern mit jemandem dahinter. Irrith konnte Geräusche hören: das lebhafte Gemurmel einer Konversation und ein Klirren, das sie nicht identifizieren konnte. Dann nickte Segraine und schwang die Tür weiter auf, und der Saaldiener auf der anderen Seite verkündete: »Der Prinz vom Stein und Dame Irrith aus dem Tal!«

Galen bot ihr seinen Arm an, und sie gingen zusammen hinein.

Irrith verfluchte ihre Entscheidung in dem Augenblick, als sie eintrat. Welchem Zweck dieser Saal früher gedient hatte, daran konnte sie sich nicht erinnern. Doch nun enthielt er eine lange Tafel, die völlig mit Silber und Kristall und Porzellanschüsseln vollgestellt war und an der sich einer neben dem anderen die am höchsten in der Gunst stehenden Höflinge aus Lunes Reich aufreihten. Ein formelles Dinner, und Irrith war barfuß und in einem feuchten Hemd gekommen, um der Königin des Onyxhofs unter die Augen zu treten.

Die auf einem gewaltigen Perlenstuhl am Kopf der Tafel saß und ehrlich überrascht die Augenbrauen hob. Diamanten und Edelsteine aus Sternenlicht glitzerten auf der Vorderseite von Lunes Kleid und blitzten über dem Mitternachtsblau ihrer Robe. Ihr Silberhaar war in einer perfekten Frisur hochgesteckt und von einem kleinen Saphirdiadem gekrönt. Selbst wenn Irrith ihre feinste Kleidung getragen hätte, hätte sie sich neben Lune schäbig gefühlt, und der Irrwisch war wirklich nicht fein gekleidet. Wenn sie genau jetzt im Boden hätte versinken können, hätte sie es getan.

Aber der Onyxpalast tat ihr nicht den Gefallen, eine Grube aufzutun, und so musste sie vorwärtslaufen und der Führung von Galens Arm folgen. Vorbei an den Reihen der sitzenden Höflinge, Elfenlords und Elfenladys, und den Botschaftern von anderen Feenhöfen, die ganze Länge der unglaublich langen Tafel entlang, bis zu einem respektvollen Abstand vor Lunes Stuhl, wo Irrith sich auf ein Knie sinken ließ, während Galen weiterging und der Königin die Hand küsste.

»Dame Irrith.« Lunes Stimme, wie der Rest von ihr, war undeutbar. »Was führt dich nach London?«

Es gab keine andere Möglichkeit, als den Sack vorzustrecken, den sie immer noch festhielt. »Euer Gnaden, ich bringe Bezahlung von Wayland dem Schmied, König des Tals des Weißen Pferdes. Im Tausch gegen zwei Uhren, ein Teleskop und ein Ding, von dem ich den Namen vergessen habe, geliefert vom Hauselfen Tom Toggin.«

»Eine Armillarsphäre«, sagte Galen und nahm den Sack für die Königin an. Der geölte Stoff war so schmutzig wie seine Trägerin, aber er öffnete die Lasche, wischte sich an einem zweiten Taschentuch die Hand sauber und zog einen kleinen Laib Brot heraus.

Lune nahm es ihm ab und inhalierte den Duft, als genösse sie einen feinen Wein. Irrith verstand den Impuls. Man konnte die Sterblichkeit in dem Brot beinahe riechen. Eine seltsame Schwere, doch sie war ebenso anziehend wie abstoßend. In dieser simplen Mischung aus Mehl, Wasser und Hefe lag Sicherheit vor der menschlichen Welt, durch menschliche Hände den Fae geopfert. Die Nahrung auf den Tellern ihrer Höflinge diente dem Vergnügen, aber das hier war auf seine Weise Leben: die Fähigkeit, ohne Furcht vor Eisen oder anderem Verderben unter den Sterblichen zu wandeln.

Mit einem Nicken gab Lune den Laib zurück an Galen. Er überreichte den Sack dem Saaldiener, der ihn mit weißen Handschuhen entgegennahm und mit einer Verbeugung den Raum verließ. »Wir danken dir, Dame Irrith«, sagte die Königin, gerade trocken genug, um anzudeuten, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, warum Irrith ihr Dinner mit einer einfachen Lieferung unterbrochen hatte.

Irrith hatte nicht vor, zuzugeben, dass sie es nur getan hatte, um jener hitzköpfigen Verkündung ihrer eigenen Wichtigkeit zu entsprechen. Sie blickte weit genug hoch, um zu sehen, dass, ja, alle sie beobachteten. Der Großsiegelbewahrer, Valentin Aspell, verzog angeekelt seine dünnen Lippen. »Ich habe dir noch etwas anderes zu erzählen, das vielleicht unter vier Augen gesagt werden sollte.«

»Also gut«, sagte Lune nach kurzem Nachdenken und stand auf. Stühle rutschten im gesamten Raum nach hinten, als ihre Gäste sich ebenfalls erhoben. »Bitte, setzt Euer Mahl fort. Lady Amadea, Lord Galen, wenn ich bitten darf.«

Galen gab Irrith einen Wink, und sie folgte ihm, Lune und der Obersten Kammerherrin in ein Nebenzimmer. Es schien eine Art Salon zu sein, wo Stühle für Privatgespräche zusammengestellt waren, und der Teppich war – während ihm Süßwasserperlen fehlten – unter Irriths Füßen luxuriös weich. Amadea murmelte an der Tür einen kurzen Zauber, sodass ihre Worte von den Leuten im Nachbarraum nicht mitgehört werden konnten, und dann waren sie allein.

Lune setzte sich. Sie gab keinen Wink, dass die anderen es ihr nachtun sollten, aber in dieser privateren Atmosphäre zeigte ihr Gesichtsausdruck größere Wärme. »Irrith. Das ist ein unerwartetes Vergnügen. Ich hatte keine Ahnung, dass du nach London zurückkommen wolltest. Amadea, wenn ihr Zustand dich besorgt, dann lass ein Tuch bringen, um den Teppich zu schützen.«

Amadea ging zur Hintertür, als Irrith einen Knicks machte, wobei sie sich wie ein richtiger Hofnarr vorkam. »Tom Toggin hat mich überredet, Waylands Bezahlung für ihn herzubringen. Was im Namen der uralten Mab ist an diesem Ort passiert, Majestät? Draußen beim Galgen von Tyburn stehen Häuser, und der Fluss Fleet ist verschwunden!«

Belustigung blitzte in Lunes silbernen Augen auf. »Der Fleet ist noch da, nur unterirdisch. Sie haben eine Einhausung darüber gebaut, ach, vor wie vielen Jahren, Galen?«

Der Prinz dachte darüber nach. »Das neueste Stück? Kurz nachdem ich auf die Welt gekommen bin. Vielleicht vor neunzehn Jahren? Man kann den Fluss noch sehen, Dame Irrith, von Ludgate bis zur Themse.«

Was ihr einen Eindruck davon gab, wie lange sie fort gewesen war. »Und was sagt die Schwarzzähnige Meg dazu?«

Lunes Belustigung verflog. »Was du erwarten würdest. Flusshexen sind unter den besten Umständen keine angenehmen Kreaturen, und diese Umstände sind eher schlimm.«

Irrith hatte das hässliche Geschöpf einmal zuvor gesehen, lange vor der Einhausung des Flusses. Schaudernd sagte sie: »Dann bin ich bloß froh, dass ich ihren Fluss nicht überqueren musste. Aber das ist es nicht, was ich dir erzählen muss …« Ein Hauself kam durch die Tür, unterbrach sie und legte ein Stück fester Plane aus, wobei er Irriths Füße beinahe anhob, sodass der Stoff schneller platziert werden konnte. Nachdem der Teppich angemessen geschützt war, wartete sie, bis der Hauself fort war, dann sagte sie: »Du hättest dieses Brot beinahe nicht bekommen. Ein Schwarzer Hund hat mir bei Tyburn aufgelauert und versucht, es zu stehlen.«

»Was?« Die Königin sprang mit einem schnellen Seidenrascheln auf die Füße.

»Ich habe mich nicht zum Spaß im Dreck gewälzt – Madam.« Sie fügte die Höflichkeitsanrede verspätet an. Der Aufenthalt im Onyxpalast brachte langsam die alten Manieren zurück, die sie im Tal vergessen hatte. »Er hat mich in der Nähe des Galgens angesprungen und versucht, den Sack zu stehlen. Zum Glück hatte Wayland mir erlaubt, einen Bissen Brot zu nehmen, als ich London näher kam, damit ich unbeschadet in die Stadt laufen konnte. Der Schwarze Hund hatte kein solches Glück. Ich bin entkommen, als die Kirchenglocken läuteten.«

Lune drückte eine schlanke Hand an ihre Stirn, dann senkte sie sie. »Wir verdenken dir dieses Geschenk deines Königs nicht. Hast du den Hund erkannt?«

Irrith schüttelte den Kopf. »Vielleicht, wenn ich sein anderes Gesicht gesehen hätte. Aber es hat geregnet. Ich kann nicht einmal sagen, von welcher Art er war – Padfoot, Skriker oder was sonst.«

Die Königin tauschte einen Blick mit ihrem Prinzen. Irrith übersah Galens hilfloses Schulterzucken nicht. Tatsächlich neu. Aber da lag noch etwas anderes in seinem Verhalten, und sie hatte nicht die Zeit, sich genauer damit zu befassen. Sie wollte ihre Unverfrorenheit nicht verschlimmern, indem sie den Prinzen anstarrte. Nicht vor Lune.

Nun, sie hatte ihre Pflicht getan, das sterbliche Brot übergeben, auf das der Onyxhof angewiesen war, und von demjenigen erzählt, der versucht hatte, es zu stehlen. Wenige Menschen in der Umgebung von London opferten den Fae immer noch Brot oder Milch. Lune musste Kuriositäten aus der Menschenwelt mit entfernteren Höfen gegen deren Überschuss eintauschen. Jene Fae, die so vernünftig waren, an Orten zu leben, die weniger von Eisen und Kirchen übersät waren, hatten viel weniger Bedarf an Schutz.

Aber Irrith wusste, dass es damit nicht aufhörte. Neunzehn Jahre, seit der Fleet eingehaust worden war, hatte der Prinz gesagt. Tom hatte den Lauf der Zeit angedeutet, aber Irrith hatte sich geweigert, nach einer Zahl zu fragen. Nun konnte sie die Frage nicht mehr für sich behalten. »Majestät – wie lange noch, bis der Komet hierherkommt?«

Die Königin sank auf ihren Stuhl, als sei sie plötzlich müde, und gab ihrem Prinzen einen Wink, dass er antworten solle. Galen sagte: »Wir wissen es nicht genau. ›Hierherkommen‹ … Wir kennen den Zeitpunkt des Perihels des Kometen, aber nicht den Punkt, an dem der Drache seinen Sprung machen wird.«

Was Irrith über Astronomie wusste, hätte in eine Eichelspitze gepasst, also formulierte sie ihre Frage einfach um. »Wie viel Zeit habt Ihr noch?«

»Anderthalb Jahre«, sagte er. »Vielleicht weniger.«

Sie erschauderte. So wenig Zeit. Sie hatten über fünfzig Jahre gehabt, als die erste Warnung von der Seherin gekommen war. Wo war die Zeit hin?

»Es wird reichen«, flüsterte Lune. Sie klang, als würde sie das glauben, und vielleicht tat sie das. Die Königin des Onyxhofs hatte sich schon früher Herausforderungen gestellt. Ihr Gesicht allerdings war bleicher als üblich. Irrith konnte sich nicht vorstellen, wie es sein musste, über Jahrzehnte unter einer solchen Bedrohung zu leben und die Zeit abzuzählen wie ein Sterblicher. Zu wissen, dass sie davonlief. Fünfzig Jahre davon konnten, wie es schien, sogar einer Feenkönigin das Leben aussaugen.

Diese Schwäche zu sehen, selbst für einen Augenblick, machte Irrith nervös. »Mit deiner Erlaubnis, Madam«, sagte der Irrwisch, »würde ich mich jetzt gerne waschen. Ich wollte keine Zeit verschwenden, dieses Brot zu dir zu bringen …«

»Ich weiß dein Pflichtbewusstsein zu schätzen«, sagte Lune, richtete sich auf ihrem Stuhl auf und vertrieb oder verbarg ihre Erschöpfung. »Amadea wird dir ein angemessenes Gemach zuweisen. Außer du hattest vor, ins Tal zurückzukehren?«

Irrith dachte an den eingehausten Fleet und an die Häuser um Tyburn und den Hof unter der Führung eines neuen und unerfahrenen Prinzen. So viele Veränderungen. Und wenig mehr als ein Jahr, bis der Komet zurückkehren und möglicherweise all dem ein Ende machen würde. »Ich werde bleiben, zumindest für eine Weile.«

»Gut.« Lune lächelte, aber ihr Lächeln war angespannt und enthielt eine gewaltige Last aus Sorgen. »Dieser Hof braucht alle Freunde, die er finden kann.«

Als der schmutzige und halb angezogene Irrwisch mit Lady Amadea verschwunden war und Galen allein mit der Königin zurückblieb, stand Lune wieder auf. Anstatt in den Speisesaal zurückzukehren, ging sie jedoch zum offenen Kamin und legte ihre Hand auf den Sims.

»Also«, sagte sie mit einer melodischen und ruhigen Stimme. »Wie ist dein Abend gelaufen?«