Der Porsche-Chef - Ulrich Viehöver - E-Book

Der Porsche-Chef E-Book

Ulrich Viehöver

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Beschreibung

Die Süddeutsche nannte ihn den »erfolgreichsten Manager Europas«, für die Financial Times Deutschland ist er der »Spielmacher Deutschlands«. Der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wird bewundert und mit Superlativen überhäuft – so wie die Marke, der er vorsteht.

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Viehöver, Ulrich

Der Porsche-Chef

Wendelin Wiedeking - mit Ecken und Kanten an der Spitze

www.campus.de

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2006. Campus Verlag GmbH

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E-Book ISBN: 978-3-593-40255-0

|7|Vorwort

Als der Verlag mich bat, eine Biografie über den Porsche-Chef Wendelin Wiedeking zu verfassen, zögerte ich. Käme eine solche Würdigung nicht zu früh, fragte ich mich. Der erfolgreiche Autobauer hat sicher noch »einiges im Rohr«, wie er sagen würde. Schließlich steckt seine Karriere bis in die Gegenwart voller Dynamik. Andererseits verspricht allein sein erstaunliches Wirken bei der Stuttgarter Sportwagenmarke Porsche durchaus eine spannende Story. Denn so viel wusste ich über Wiedeking: Er ist ein Ausnahme-Manager – überaus vielseitig und selbstbewusst, aber auch mit etlichen Ecken und Kanten. Ich selbst hatte Gelegenheit, den Firmenboss in den vergangenen Jahren in Gesprächen und Interviews kennen zu lernen. Als Wirtschaftsjournalist beobachte und begleite ich die Porsche AG seit fast zwei Jahrzehnten. Dabei imponieren mir nicht nur die Leistungen des Porsche-Lenkers, sondern auch seine frische Art als Kritiker von Missständen. Kaum ein deutscher Firmenlenker meldet sich so offen und scharfzüngig zu Wort. Das macht Wiedeking interessant. Warum also nicht die Erfolgsgeschichte dieses Wirtschaftskapitäns der besonderen Art einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen? Sein Name und die Automarke sind inzwischen wie Pech und Schwefel miteinander verbunden. Dennoch ist der »Mensch Wiedeking« trotz der Fülle von Preisen und Auszeichnungen (mehrfach »Manager des Jahres«) kaum bekannt. Da gibt es einiges zu entdecken. Daher nahm ich schließlich mit gutem Gefühl das Angebot an, eine Biografie über den Manager Wiedeking zu schreiben.

Meine Zuversicht erhielt bald einen schweren Dämpfer. Als ich über Anton Hunger, den Leiter der Pressestelle, um Kontaktmöglichkeiten zum Firmenchef nachsuchte, da fiel die Tür für mich zu. Herr Wiedeking wünsche jetzt und auch in nächster Zeit keine Biografie über sich. Obwohl zahlreiche Anfragen von Interessenten vorlägen, lehne der Porsche-Chef solche Ansinnen kategorisch ab. Selbstverständlich dachte |8|ich nicht an eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern an ein Produkt aus journalistisch-neutraler Distanz. Trotzdem, Wendelin Wiedeking ist auch für solche Biografen nicht zu sprechen. Offenbar hält er es wie sein Lieblingsschriftsteller Wilhelm Busch: »Für die gewöhnlichen biographischen Schreibereien, die naturgemäß entweder lügenhaft, langweilig oder indiskret sind, besitze ich keinerlei absonderliche Verehrung … Die bösen Menschen brauchen nicht gleich alles zu wissen.« Dem Dichter erschienen gerade mal acht Seiten über sein Leben schon als zu ausschweifend. Indes, Wiedekings schroffe Ablehnung bedeutete für mich, dass ich seit meinem Telefonat zu fast keiner Porsche-Veranstaltung mehr eingeladen wurde. Begründung: Ich könnte dem Manager ja zu nahe treten und (unangenehme?) Fragen stellen. Und während meiner Recherchen stieß ich regelmäßig auf Personen, die sofort wissen wollten, ob mein Vorhaben mit Porsche beziehungsweise Wiedeking abgestimmt sei. Falls nicht, dann dürften sie auf keinen Fall mit mir sprechen. Sie wüssten von einer Anweisung bei Porsche, wonach alles von der Presseabteilung beziehungsweise vom Firmenchef persönlich genehmigt werden müsse. Dieser Maulkorb gilt für aktuelle und selbst für ehemalige Porsche-Mitarbeiter wie für Freunde und Bekannte des Managers. Aus diesem Grund lehnten tatsächlich eine Reihe potenzieller Gesprächspartner den Kontakt zu mir ab. Manche, wie Wiedekings Klassenlehrer Horst Tillmann, bemühten sich vergebens um eine Erlaubnis beim großen Chef.

Selbstverständlich ist es das gute Recht des Betroffenen, sich einer Biografie zu verweigern. Ob dies klug ist, kann offen bleiben. Der Porsche-Macher ist nun mal durch eigenes Zutun zum Manager der Medien und damit zu einer Person der Zeitgeschichte geworden. Seine öffentliche Präsenz weckt automatisch die Neugier auf seine Person. Zwar war ihm die erste Auflage dieser Biografie ein umfangreiches Aufklärungsschreiben an die Porsche-Führungskräfte wert (Das Argument Nr. 192/GO 29.9.2003), aber nach außen blieb er hart.

Die vorliegende Biografie ist also nicht von Wendelin Wiedeking autorisiert. Sie ist stattdessen das Resultat von Informationen und Meinungen vieler Gesprächspartner, die Wiedeking in verschiedenen Lebensabschnitten, in seinen diversen Positionen und unter verschiedenen Vorzeichen kennen gelernt haben. Die Aussagen enthalten durchaus auch subjektive Einschätzungen. Um jedoch den Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, schien es mir wichtig, möglichst zahlreiche Ansichten |9|und Perspektiven zu berücksichtigen und zum Teil erstmals in Worte zu fassen. Der daraus entstehende Spannungsbogen über Wiedeking und sein Handeln machen den Reiz dieser dokumentarischen Biografie aus. In manchen Fällen lasse ich daher auch offensichtliche Gegensätze bewusst unüberbrückt stehen.

Für die zahlreichen Informationen und Anregungen zu meinen Recherchen bedanke ich mich sehr herzlich. Da einige Gesprächspartner Nachteile befürchten müssten, sofern sie im Text genannt würden, sehe ich mich leider gezwungen, auf namentlich gekennzeichnete Zitate von Informanten großteils zu verzichten. Andererseits lasse ich auch allzu persönliche Details weg, um die Privatsphäre des Managers zu respektieren. Den Mittelpunkt meiner Betrachtung bilden ohnehin Wiedekings Aktivitäten als Automanager bei Porsche, seine Arbeit als Sanierer, seine Stärken und Schwächen. Und sein jüngster Coup, der Einstieg Porsches bei Volkswagen, ist mir ein eigenes Kapitel wert. Denn hinter diesem Engagement lässt sich mit Sicherheit nicht nur eine Finanzbeteiligung, sondern eine strategische Neuausrichtung heimischer Autobauer mit Wiedeking als treibender Kraft vermuten. Möglicherweise wird der Manager sogar zum Architekten einer neu formierten Autobranche, die vielleicht eine große »Deutsche Auto Union« zum Ziel hat. In diesem Sinne enthält der letzte Teil des Buches ein Karriereszenario. Es ist unter dem Eindruck des VW-Abenteuers wie der schwieriger werdenden Marktverhältnisse für ein Leben Wiedekings mit Porsche und weit darüber hinaus angelegt. Bei dieser Analyse wird erneut deutlich, wie eng inzwischen das Wirken Wiedekings mit den Intentionen der Porsche-Piëchs, der deutsch-österreichischen Autodynastie, verknüpft ist.

Den Werdegang und die Persönlichkeit eines Menschen so realistisch wie möglich zu beschreiben und einzuschätzen heißt, sich in ständiger Herausforderung kritisch mit Argumenten und Thesen auseinander zu setzen, um dem Bild des Porträtierten möglichst nahe zu kommen. Dazu tragen zahlreiche Stimmen und Einschätzungen im Umfeld Wiedekings bei. Die absolut objektive Wiedergabe ist ein Ideal – das Besondere am Ideal jedoch ist seine Unerreichbarkeit.

Stuttgart, im Mai 2006

Ulrich Viehöver

|11|Teil 1

Jubelzeit, Jugend, Studienzeit 

Die öffentliche Person

Das ist der Gipfel. Ein Manager allein leistet ganze Arbeit und räumt über Jahre an Preisen und Auszeichnungen so ziemlich alles ab, was die nationale und internationale Motor- und Wirtschaftspublizistik zu bieten hat. Obwohl er »nur« der Chef einer für die Autobranche kleinen Familienfirma ist, arbeitet sich Wendelin Wiedeking kontinuierlich zum gekrönten Medienstar unter den Wirtschaftsbossen hoch. Der anfangs unscheinbare Ingenieur aus Westfalen legt als Sanierer, Retter und Stratege der Porsche AG eine lückenlose Erfolgsserie hin, die kaum noch zu toppen ist. Diesem Manager gelingt sogar das Kunststück, offenbar alle glücklich zu machen: die Belegschaft der Sportwagenschmiede, die Aktionäre – darunter die Inhaberfamilien Porsche und Piëch – und zahlreiche begeisterte Porsche-Fans. Sie alle sind Nutznießer der mehr als zehnjährigen Ära eines tatkräftigen Machers an der Spitze. Allein das außerordentlich ereignisreiche Jahr 2002 wird für den Aufsteiger zum Jubeljahr ohnegleichen. Ein Höhepunkt nach dem anderen krönt die Leistungen des Porsche-Lenkers: Rekordergebnisse bei Umsatz, Absatz und Gewinn; die Zahl der Mitarbeiter erhöht, dazu eine zweite Porsche-Fabrik in Leipzig als hoffnungsvoller Start einer dritten Modellreihe. Auch auf den Export schaut der Rekordmann aus Zuffenhausen mit großer Genugtuung. Selbst die Belegschaft erhält am Ende eine Sonderausschüttung von 2700 Euro zusätzlich zum vollen 13. Monatsgehalt. »Für Porsche Deutschland war 2002 ein Rekordjahr«, meldet die Pressestelle (17.2.2003, Nr. 17/03) hoch zufrieden. Und drei Jahre später legt der Sportwagenbauer noch immer Spitzenleistungen vor. Der Boss und die ganze Autoschmiede schweben auf Wolke sieben.

Wie mit der Präzision eines Computerhirns erdacht, fällt in das Superjahr |12|2002 ein runder Geburtstag, Wiedekings Fünfzigster. Bei allen Höhenflügen und Spitzenleistungen, bei den ungezählten Preisen, Ehrungen und Auszeichnungen ist der Jubel für den Ruhmreichen programmiert. Die erste rauschende Party für den Jubilar steigt, monatelang vorbereitet, pünktlich zum Geburtstag am 28.August 2002 im Porsche-Casino. Für viele Bewunderer, Freunde, Kollegen, Wettbewerber und Politiker ist es die Gelegenheit, den Boss live auf seiner Erfolgsfahrt zu erleben, mit ihm zu feiern. Indes, wie gut ist Wiedeking auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet, der für viele schon den (Vor-)Ruhestand bedeutet? Von den Schwaben hat der Westfale mittlerweile gelernt, dass sie mit 40 Jahren »gscheit«, also klug und weise werden. Daher feierte er ja seinen 40. im Schwabenland, still und leise. »Aber geholfen hat das auch nicht viel«, analysiert der Manager in seiner selbstironischen Art im Gespräch mit der Bietigheimer Zeitung (6.7.2002). »Ein Oldie will er nicht sein«, folgert das Blatt, aber: »50 ist schon ein Schnitt.« Und die Zeit rast für ein Arbeitstier wie den Porsche-Primus, der täglich den Stunden hinterher jagt. 50, das spürt er, ist für ihn kein einfaches Alter.

Vor dieser Zahl, welche die zweite Hälfte des Lebens signalisiert, erschrickt Wiedeking im ersten Moment, der Kopfmensch gerät ins Grübeln. Was soll er jetzt noch anstreben, was er nicht schon erreicht hat? Geld, Macht, Ansehen, Bekanntheit, Glück und Gesundheit. Eine kurze Sprachlosigkeit überfällt den Porsche-Lenker bei solchen Gedanken, ausgerechnet ihn, der sonst nicht auf den Mund gefallen ist. Der Westfale hat doch so ziemlich alles verwirklicht, was er seit seiner Jugend und Schulzeit angestrebt hatte. Als Privatmann wie als Firmenboss kennt er bisher nur eine Richtung: aufwärts. Da fällt selbst dem Jubilar wenig ein, wo er doch normalerweise die Journalisten mit Bonmots verwöhnt. Knapp diktiert er ihnen in die Blöcke, zum Datum 50 gebe es nicht mal einen Spruch. »Das ist schon ein verqueres Alter, man weiß nicht, was kommt«, fällt ihm noch ein. Schimmert hier Lebensangst durch, die angeblich typisch für Menschen ist, die wie Wiedeking im Sternzeichen der Jungfrau geboren sind? Hat er bisher etwas versäumt (etwa einen besseren Job?), was er nie mehr nachholen kann? Wohl kaum, sagt er sich, und schon erwacht Wiedekings Lust am scharfsinnigen Analysieren zu neuem Leben. Sogleich verspricht er medienwirksam, »eigensinnig« zu bleiben – wieder ganz der Alte.

|13|Prominenter Geburtstag

Für Beschaulichkeit oder depressive Momente ist an seinem Jubeltag ohnehin keine Gelegenheit. Wiedekings Fünfzigster fällt auf einen Mittwoch, für die meisten Porscheaner ein normaler Werktag. Schon am späten Nachmittag vor der Gala stauen sich die Autos im Industriegebiet von Zuffenhausen rund um den neu gestalteten Porsche-Platz. Gut 300 Gäste sind an diesem milden Sommerabend ins Casino des Unternehmens ins Werk 2 geladen. Draußen vor den Toren regelt die Polizei den Verkehr, um mit dem Aufmarsch der Prominenz fertig zu werden. Die kommt in Begleitung, mit und ohne Gattin, vor allem aber mit Bodyguard. Zwar kommen die meisten Besucher aus dem Unternehmen und seinem Umkreis – Vorstände, Hauptabteilungs- und Cost-Center-Leiter nebst Sekretärinnen, ehemalige Manager sowie der Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück nebst einigen Kollegen aus dem Betriebsrat, vom Wirtschaftsausschuss sowie natürlich die Mitglieder des Aufsichtsrats, Familie, Gewerkschafter, Banker, Lieferanten –, aber die illustren Gäste von außen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Unter den Gratulanten sind die Großen der Autozunft, wie Jürgen Schrempp und Jürgen Hubbert von DaimlerChrysler, Audi-Chef Martin Winterkorn, Ex-BMW-General von Kuenheim oder VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Ebenso geben sich Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Hermann Scholl vom Großlieferanten Robert Bosch, Ferdinand Piëch in seiner Funktion als VW-Aufsichtsratsvorsitzender und wichtiger Vertreter der Hauptaktionäre nebst anderen Mitgliedern der Doppelfamilie Porsche-Piëch und viele mehr an diesem Abend die Ehre. Nur Erwin Teufel, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, fehlt. Er hat dem Geburtstagskind bereits an seinem Regierungssitz in der Villa Reitzenstein das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Für die vakante Landesprominenz bietet die Bundespolitik vollwertigen Ersatz: »Überraschungsgast« Bundeskanzler Gerhard Schröder reist extra aus München an. Mitten im Wahlkampf macht er in Zuffenhausen Station, um »seinem Freund Wendelin« am 50. seine Gunst zu erweisen. Das große Aufgebot wird durch die Anwesenheit der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf vervollständigt, die eigens mit einem Hubschrauber eingeflogen werden muss. Dann folgen die Geschenke. Neben Wiedekings Lieblingszigarren, zahlreichen Weinen oder den Modellautos, die er so liebt, sind auch dicke Überraschungen dabei. So |14|zum Beispiel ein Buch zum fünfzigsten Wiegenfest wie zu seinem zehnjährigen Firmenjubiläum gleichzeitig – mit dem Titel Wendelin Wiedeking. Das Davidprinzip. Herausgeber des Bandes ist Pressechef Anton Hunger. Das Präsent ist eine Anthologie mit Beiträgen von 16 prominenten Mitautoren unter anderem Martin Walser, Hans-Magnus Enzensberger, Steffi Graf, Gerhard Schröder, Rezzo Schlauch und Lothar Späth. Die gesammelten »Erfolgsstrategien der Kleinen«, so die PR-Abteilung, werden von Kanzler Schröder überreicht mit den launigen Worten, auf das Unternehmen treffe der Titel zu, nicht aber auf Wiedeking: »Als Person sehe ich ihn eher als Goliath.« Das in der Presseabteilung in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Eichborn Verlag konzipierte Werk mutet wie ein frühes Denkmal für einen Wirtschaftsführer an, zumindest bildet es den Sockel dazu. Um diesen Eindruck zu vermeiden, heißt es mutig im Pressetext vom 29. August 2002 (Nr. 129 / 02), der auch am Schwarzen Brett im Betrieb ausgehängt wird: »Den zahlreichen Anfragen von Verlagen und Autoren, Wendelin Wiedeking zu einem Sachbuch in gewohnter Manier zu bewegen, hat der Porsche-Chef aus einem einzigen Grund immer widerstanden: Diese Bücher langweilen. Das Davidprinzip dekliniert deshalb nicht schlaue Erfolgsrezepte durch, sondern folgt in unterhaltsamer und zum Nachdenken anregender Form dem Ansatz des Porsche-Vorstandsvorsitzenden.« So aufwändiges Kulturgut als Geschenk der Firma für ihren Chef dürfte in anderen Unternehmen selten vorkommen. Diese Anstrengung verdeutlicht die besondere Stellung Wiedekings zu seinen direkten Untergebenen.

Auch die Kollegen im Porsche-Vorstand lassen sich nicht lumpen. Sie schenken ihrem Vorsitzenden ein Originalgemälde mit dem Titel: »Mister High-Tech« in Acryl auf Leinwand. Urheber dieses Werks ist der Stuttgarter Künstler Jan Peter Tripp. Auf dem realistischen Bild ist Wiedeking persönlich vor eintönig hellem Hintergrund abgebildet, wie er mit einem Modellauto in der Hand am Schreibtisch sitzt. Der Chef blickt schräg und streng zur Seite ins Publikum, fast diabolisch. Das Auto ist selbstverständlich der legendäre »356er«, der erste Porsche-Renner überhaupt. Spontane Reaktion mancher Bildbetrachter über den Seitenblick des Chefs: »Man fühlt sich beobachtet und hat das Gefühl, Wiedeking guckt einen scharf an.« Ein eigenes Präsent denken sich auch die Leute aus dem Vertrieb in Ludwigsburg unter ihrem Ressortleiter Hans Riedel für das amüsierte Geburtstagskind aus. Es ist ein Video mit Computeranimation zu Szenen von Wiedeking als »Big John« |15|(nach dem Country-Song), weil der Westfale gern über den Acker fährt, Furchen zieht und Jazz mag. Es ist eine freundliche Anspielung auf sein geliebtes Kartoffelfeld hinterm Haus. Ihre besondere Aufwartung macht auch die Arbeitnehmerseite vom Betriebsrat bis zum Gewerkschafter, Hans Baur, stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat, im Casino. Die Delegierten haben sich im Namen der Belegschaft ebenfalls einen literarischen Leckerbissen ausgedacht. Den überreicht Betriebsratschef Uwe Hück denn auch brav dem Jubilar. Es ist ein »Porsche-Comic« mit dem Titel Das Wendelin-Prinzip. Auch diese Positivsatire in vielen Bildern nebst Sprechblasen über das erfolgreiche Wirken des großen Vorsitzenden seit 1992 entstand in mühevoller Fleißarbeit in der PR-Abteilung und geht auf Rechnung der Firma. Das Comic-Buch bekommen auch alle »lieben Kolleginnen und Kollegen«. Deren Urteil: »Ganz nette Satire, aber aktuelle Konflikte werden ausgeblendet.« Manche Mitarbeiter hatten statt des Comic-Bandes wieder ein Porsche-Auto als Modell, etwa den Cayenne, erwartet, ähnlich wie beim 80. Geburtstag von Ferry Porsche. Damals gab es den Prototypen eines Panamericana im Miniformat. Das Präsent ist heute ein wertvolles Sammlerstück, was der Porsche-Comic möglicherweise auch einmal werden könnte.

Das rauschende Fest im Casino dauert bis in die frühen Morgenstunden. Zur Unterhaltung, mal jazzig, mal rockig, tragen zwei Klavierspieler bei, wie es dem Musikgeschmack des glücklichen Jubilars entspricht. Und der standfeste Westfale hält wacker durch. Plötzlich ist es Donnerstagmorgen gegen halb sechs, ein neuer Arbeitstag beginnt. Im Werk 2, unterhalb des Casinos, steht ein ausgelassenes Völklein mit dem Boss, einigen fröhlichen Männern samt Damen, letztere barfuß mit ihren Schuhen in der Hand. Vergnügt beobachten die Partygäste, wie die Arbeiter der Frühschicht eintrudeln. Überrascht schaut Wiedeking auf die Uhr: »Was! Es ist schon halb sechs! Jetzt beginnt die Arbeit! Dann muss ich aber gehen.« Das Fest im Gästecasino ist zu Ende. »Es ist wieder spät geworden«, bemerkt Wiedeking. Hart schuften, dann einen draufmachen, an diesem Prinzip hält der Westfale fest. Bei Porsche, das weiß er, werden Geburtstage wie Jubiläen traditionell groß zelebriert.

Wiedekings »Schlossparty«

Die gebührende Nachfeier zu seinem Geburtstag lässt nicht lange auf sich warten und wird so großartig wie das Fest im Werk. Die Party steigt |16|am Samstag darauf im so genannten Bietigheimer Schloss, in Wiedekings schwäbischer Wahlheimat. Den Ort hat er günstig gewählt, denn das herausgeputzte Gemäuer war nach gründlicher Sanierung bisher nicht für die Öffentlichkeit geöffnet. Es stehen dem Porsche-King und seinen Gästen also nagelneue Gemächer zur Verfügung. Außerdem ist an diesem Augustsamstag in Bietigheim auch Pferdemarkt, der höchste Feiertag der Stadt sozusagen. Die sommerliche Stimmung ist prächtig. Eingeladen ins »Schloss« sind rund 320 Gäste, darunter neben Porsche-Leuten und Managern aus der Autobranche diesmal auch Wiedekings Verwandte, Schulkameraden, sein ehemaliger Gymnasiallehrer sowie Freunde und Nachbarn aus seiner westfälischen Heimat Beckum. Sein oberster Kontrolleur, Professor Helmut Sihler, würdigt sein Können erneut in einer kurzen Ansprache. Auch die Daimler-Bosse Schrempp und Hubbert feiern wieder mit, und natürlich ist auch seine engste Familie nebst Frau Ruth dabei. Ebenso dürfen Repräsentanten aus der Politik nicht fehlen, darunter als Hauptgast Bundesfinanzminister Hans Eichel. Den SPD-Politiker und Duzfreund aus Hessen kennt Wiedeking aus seiner Zeit als Manager bei einem Autozulieferer in Wiesbaden, Glyco (heute: Federal Mogul). Wohl wegen dieser Verbindung hat er sich von Eichel überreden lassen, bei der Anzeigenkampagne der rotgrünen Bundesregierung zugunsten der Steuerreform – Werbespruch: »Die Steuerreform 2000 ist ein echter Meilenstein« – mitzumachen.

Die Party im »Schloss« ist ganz privat. Selbst die Lokalpresse muss draußen bleiben, alles wird abgeschirmt. Nachdem das Geburtstagskind seine Gäste kurz begrüßt hat, hält der ehemalige österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser die Eröffnungsrede. Grasser war erst vor kurzem gemeinsam mit drei Gleichgesinnten aus der umstrittenen Freiheitlichen Partei Österreichs, FPÖ, von seinem Amt zurückgetreten, was die gesamte Alpenrepublik in eine tiefe Krise stürzte. Dieser Auftritt des Ex-FPÖ-Politikers zu Ehren Wiedekings signalisiert deutlich, wie vital die Verbindungen Porsches zu Österreich bis in die Gegenwart sind. Salzburg ist ja auch der Sitz der Familien-Holding der Porsche-Piëchs. Und bevor der FPÖ-Mann Grasser in die Regierung in Wien einzog, war er Spitzenmanager und Kommunikationschef beim großen austrokanadischen Autozulieferer Magna. Auf diesen einflussreichen Paradekonzern schaut die gesamte Autowelt – auch die Wiedeking-Crew. Für tief schürfende geschäftliche Gespräche jedoch bietet die Schlossfete nicht den passenden Rahmen, Geld wird andernorts gemacht.

|17|Über den Wolken

Von Geschäften versteht der Jubilar schon einiges. Für diese Annahme spricht allein sein Erfolgskurs, der ihn von Gipfel zu Gipfel führt. Der Porsche-Primus ist für viele das Vorbild eines profilierten Firmenchefs mit außergewöhnlichen Methoden. Auch die Medien feiern den Mann mit dem sorgfältig gestutzten Schnauzer und der schweren ovalen Brille mit dünnem Gestell wie einen Triumphator, der aus Wirtschaftsschlachten ruhmreich heimkehrt. Devot eilt die Presse mit ihm von Rekord zu Rekord. Besonders zum Geburtstag und zu seinem zehnjährigen Firmenjubiläum überschlagen sich die Journalisten mit superlativen Huldigungen. »Wiedeking der Wunderking«, »Ein Macher auf Erfolgsfahrt«, »Wunderkind am Porschesteuer«, »Erfolgreichster Manager«…, dazu Fotos von ihm im ordentlichen Nadelstreifenanzug, Hände brav übereinander gelegt, halb auf einem Porsche sitzend, ein aufgeräumter Wirtschaftsführer eben. Die Journaille behandelt den Automanager wie ein registriertes Markenzeichen – und er lächelt fast immer auf offiziellen Fotos.

Gut lachen haben alle, die von Wiedekings glanzvollen Geschäften direkt profitieren. Die Porsche-Aktionäre zum Beispiel, die seit Jahren ein wahrer Geldregen erwartet. Auch der Belegschaft vermittelt der Firmenboss mit jeder Erfolgsbilanz durch großzügige Geldgaben das Gefühl, dass es »sich lohnt, für das Unternehmen hart zu arbeiten«. So teilt er etwa im Herbst 2002 den Mitarbeitern stolz mit: »Wir gewähren die höchsten Sonderzahlungen in der Branche und in der Firmengeschichte.« Mit klingender Münze erinnert der Karrieremann Wiedeking die Welt an ein für ihn wichtiges Jubiläum. Gemeint ist nicht die Silberne Hochzeit, die das Ehepaar Ruth und Wendelin 2002 in aller Stille in dieser Zeit begeht, sondern ein entscheidendes Datum in seiner beruflichen Laufbahn. Zehn Jahre zuvor nämlich – im Oktober 1992 – bekam der Westfale das Lenkrad in Stuttgart-Zuffenhausen in die Hand und steuert seitdem Porsche unentwegt bergauf. Der für seine Offenherzigkeit berühmt-berüchtigt gewordene Wirtschaftskapitän würde seine Erfolgsbilanz am liebsten wie ein Marktverkäufer allen direkt zurufen: »Seht her ihr Aktionäre, ihr Skeptiker und Journalisten, ihr Mitarbeiter und Gewerkschafter! Ein Jahrzehnt mit Wendelin Wiedeking als Porsche-Chef hat sich gelohnt. Alle habt ihr handfeste Vorteile davon, dass ihr mich damals ans Steuer des kaputten Wagens gelassen |18|habt.« Und bei jedem sich bietenden Anlass rechnet er vor: »Wer vor zehn Jahren bei mir eine Aktie für umgerechnet etwa 50 Euro gekauft hat, der nennt nun ein Wertpapier von 380 bis zeitweise mehr als 500 Euro sein Eigen.« Der Wert der Firma explodierte seit 1992 glatt von rund 300 Millionen auf bis zu 9,5 Milliarden Euro, beim Höchstkurs von 542 Euro am 15. März 2002. »Sie bekommen heute als Dividende das ausgeschüttet, was das Unternehmen damals [1992/93, der Autor] an der Börse wert gewesen war«, zieht der Manager für seine Amtszeit beim Aktionärstreffen am 24. Januar 2003 in Stuttgart Bilanz. Es sei eine »Entschädigung für niedrigere Ausschüttungen in den Krisenjahren«, fährt er diplomatisch fort. Er weiß, die Aktionäre fordern längst bei jeder Hauptversammlung, sie endlich am Siegeszug Porsches materiell teilhaben zu lassen. Nun, genau in Wiedekings Rekord- und Jubiläumsjahr inklusive fünfzigstem Geburtstag, kommt der Manager diesem Drängen nach. Er gewährt ihnen eine Megadividende – einmalig in der mehr als 50-jährigen Firmengeschichte. Weit mehr als die Hälfte davon floss und fließt bis heute in die Schatullen der Mitglieder der Familien Porsche und Piëch.

Ein Wiedeking rentiert eben. Wo das Auge hinfällt, überall Gewinne und Gewinner. Die internationalen Börsen gestehen der Sportwagenaktie in jenem Herbst 2002, als das Klima in der Autoindustrie abkühlt, exklusiven Kultstatus zu. Sie handeln die Marke mit dem Stuttgarter »Rössle« im Wappen mit einer Art Wiedeking-Aufschlag von bis zu 38 Prozent Bonus. Dieses weit überdurchschnittliche Vertrauen an den Weltbörsen wird bei Fahrzeugen nur von der US-amerikanischen Motorradikone Harley-Davidson übertroffen, mit der Porsche im Übrigen eng kooperiert. Wiedeking schöpft die Möglichkeiten im Markt und gegen die Konkurrenz konsequent aus, wie Marktanteile und Margen belegen. Aktienanalysten, die Zeremonienmeister der Kapitalkultur, staunen nur noch. Der Zwerg aus Zuffenhausen weist die höchsten Renditekennzahlen aus, weil die Sportwagenfirma in der Nische prima wächst. Selbst der Fiskus darf sich in die lange Liste der Wiedeking-Profiteure einreihen. Pressechef Anton Hunger rechnet genüsslich vor, dass allein für 2001/02 Körperschafts- und Gewerbesteuer in Höhe von 305 Millionen Euro und damit 56 Millionen mehr als im Vorjahr gezahlt wurden. Das Unternehmen sei »immer ein guter Steuerzahler gewesen« und werde dies auch in Zukunft bleiben. Sein Chef bringt es auf die griffige Formel: »Wir verzichten auf Subventionen, und wir zahlen |19|Steuern.« In der Tat: Kaum ein Unternehmen der Stadt Stuttgart und wenige in der gesamten Republik führen in diesen schwierigen Zeiten mehr an die Staatskassen ab als die Sportwagenschmiede. Dabei beherbergt die Neckarmetropole unter den 40230 steuerpflichtigen Betrieben Riesen wie DaimlerChrysler, Bosch, Allianz-Lebensversicherung oder Mahle. Doch Porsche, der wesentlich kleinere Betrieb, ist seit Jahren größter Gewerbesteuerzahler der Kommune. »Jeder siebte Euro an Gewerbesteuer kommt vermutlich aus Zuffenhausen«, meldet die heimische Presse über Wiedekings Leistungen. Beim städtischen Fiskus liegt Porsche klar vor den Lokalmatadoren Landesbank Baden-Württemberg und Robert Bosch GmbH, wie eine »Steuer-Hitliste« der Stuttgarter Nachrichten (9.11.2002) dokumentiert. Selbst bei den Rathausoberen punktet der Autozwerg klar beim Ansehen.

Vom Referenten zum »Porsche-King«

Wiedekings Aufstieg ist auch eine unendliche Mediengeschichte, die gute Schlagzeilen produziert. Das Grundmuster dafür gibt der Mythos um Porsche vor. Es ist die beliebte Story vom Kellerkind Wendelin Wiedeking, der ganz unten angetreten ist, um die am Boden liegende Sportwagenfabrik in Stuttgart-Zuffenhausen vor dem sicheren Ruin zu retten – die Journaille repetiert diesen spannungsgeladenen Vergleich der guten mit den schlechten Zeiten gern. Beflissen zitieren Presseleute, wie viel höher allein die Superdividende für das Geschäftsjahr 2001/2002 ausfällt und wie schmal dagegen die Kost Anfang der neunziger Jahre war. Im Krisenjahr 1991/92 etwa habe Wiedeking als frisch gebackener Vorstandssprecher vor die Aktionäre treten und ihnen die geringe Dividende von 2,50 Mark (1,25 Euro) pro Aktie beichten müssen. Bitter für den ehrgeizigen Aufsteiger, dessen Karriere bis dahin ohne Bruch verlaufen war. Damals, in den Jahren 1993 bis 1995, habe der Manager vorsichtig gehofft, »wenn es gut läuft, können wir einmal 30000 Autos bauen. Und heute sind wir bei über 50000 angelangt«, staunt er im Frühjahr 2003 in seiner Rede vor den Aktionären. Für 2005/06 sagt der Manager bereits einen Gesamtabsatz von fast 100000 Fahrzeugen voraus. Dazu kommt das stetig steigende Ersatzteil- und Zubehörgeschäft mit den knapp eine Million Porsches, die noch immer weltweit laufen – von rund 1,5 Millionen je gebauten Fahrzeugen. Wiedekings Platz ist auf der Überholspur. Diese Dynamik im Vergleich zu seinen |20|Vorgängern und zum Wettbewerb macht für die Medien den Charme seiner Geschichte aus. Sie kommt an bei Lesern, Hörern, Zuschauern – bedeutend besser als spröde Zahlen und Aktienkurse. Alles schaut auf die Carrera-Schmiede und ihren Chef. Er ist der leibhaftig gewordene Karrieretraum: vom einfachen Angestellten zum gefeierten »Porsche-King«.

In flottem Tempo überrundet sich Wendelin Wiedeking beinahe selbst. Die Rekordmarken des Superjahres 2001/02 markieren für den nach vorne drängenden Manager keinesfalls das Ende. »Wir dürfen uns nicht zurücklehnen«, lautet einer seiner Standardappelle. Auch im neuen Jahr und danach strebt der Spitzenmann des Sportwagenbaus wieder nach Höchstleistungen. »Erfolg macht süchtig«, räumt er ein. Daher will er nie stehen bleiben. »Porsche wird unbeirrt von den vermeintlichen Ratschlägen der weniger Erfolgreichen seinen eigenen Weg gehen«, verspricht er selbstbewusst den Aktionären. Dafür schickt Wiedeking ein neues Auto ins Rennen, seinen Hoffnungsträger Cayenne. Der sportliche Geländewagen, hämmert der Boss allen und überall ein, muss das Unternehmen bei Umsatz, Absatz und Gewinn in eine neue Größenordung bringen, rastlos weiter von Rekord zu Rekord. Erleichtert berichtet der vom Erfolg verwöhnte Firmenlenker im Dezember 2002 auf der Bilanzpressekonferenz, dass in nur vier Monaten bereits 25000 Gelände-Porsche verkauft worden seien. Diese Marke hatte er als Untergrenze für ein komplettes Jahr angepeilt, sobald die Produktion im neuen Werk in Leipzig erst mal voll liefe. Schon deutet der Porsche-Primus Modellneuheiten in seiner typisch flapsigen Sprache an: »Wir haben im Sportwagenbereich noch einiges im Rohr.« Tatsächlich wuchs die Modellvielfalt inzwischen auf 15 Varianten (2005/06) an. Als besondere Innovationen sind der Boxster-Bruder Cayman und zahlreiche Carrera/Turbo-Derivate zu nennen.

Sobald der Autoschmied an der Spitze zupackt, zieht er viele in seinen Bann, versetzt sie in einen Rausch der Rekorde. Vor der Presse am 4. Dezember 2002 verspricht er, beim künftigen Wachstum die ohnehin schon spitzenmäßige Verzinsung des eingesetzten Kapitals und die vom Umsatz (mehr als 17 Prozent) nochmals höher schrauben zu wollen. Ähnliches gelte für die Gesamtkapitalrendite, die Porsches Finanzvorstand Holger Härter für 2001/02 auf über 10 Prozent beziffert. Sämtliche Konkurrenten wären froh, 4 oder 5 Prozent bei dieser Ziffer zu erreichen. Andererseits macht der Rekordmann den Beschäftigten Druck |21|und teilt ihnen mit, dass weiter Kosten gesenkt und dauerhaft mehr geleistet werden müsse. Als Seitenhieb gegen fordernde Betriebsräte oder müde Mitarbeiter fügt er auf der Hauptversammlung 2003 hinzu: »Wenn es so gut läuft, ist die Gefahr groß, zu großzügig zu werden. Wir werden uns intern weiterhin sehr bockig aufstellen.« Im Klartext: Selbst wenn Porsche im Geld schwimmt, gespart wird immer – jetzt erst recht. Diese stramme Haltung gefällt Aktionären und Börsianern.

Einer für alle und Rekordrunden auch bei der eigenen Entlohnung. Für die Superjahre (2000/01 und 2001/02) kassierte Wiedeking nach Schätzung der Branche das fürstliche Gehalt von jeweils rund acht bis achteinhalb Millionen Euro; mittlerweile dürfte es auf weit über zehn Millionen Euro im Jahr gestiegen sein. Auch hier zählt der Manager absolut zur Spitzengruppe unter Deutschlands Angestellten. Doch pflegt er zu betonen, dass der größte Teil dieses Supersalärs an die Ertragsentwicklung von Porsche gekoppelt ist. So kann der aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen stammende Westfale mit den mehrfachen Lottogewinnbeträgen ruhig schlafen. Offensiv verteidigt der Großverdiener den Geldsegen als gerechtfertigte Gegenleistung: »Ich fühle mich nicht ungerecht behandelt. Seit einiger Zeit habe ich ein deutlich besseres Einkommen als früher, aber das liegt auch daran, dass es dem Unternehmen gut geht. Als Porsche vor der Sanierung stand, wurden die erfolgsabhängigen Komponenten der Vergütung definiert.« Diese Regelung, das weiß er heute, fällt nun zu seinen Gunsten aus. Leisen Selbstzweifel am Millionengehalt wischt der Manager energisch beiseite: »Man kann natürlich immer darüber streiten, welchen Anteil davon das Management erhalten soll.« Aber, so tröstet er sich und andere, »da gibt es keine absolute Wahrheit«.

Preis-wert und prominent wie nie

Zum Geldsegen kommt eine Fülle von Auszeichnungen und Ehrungen. Mit Medaillen wird der Karrieremanager nur so überhäuft. Bereits im Juni 1984 (da arbeitet er bereits bei Porsche) verleiht ihm zum Beispiel die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen, wo er studierte und promovierte, die »Borchers-Plakette«, mit der die besten Absolventen ausgezeichnet werden. Ebenfalls schon sehr früh in seiner Funktion als Porsche-Chef, 1994, ernennt ihn die Zeitschrift Top Business zum »Manager des Jahres«. Etwa zur gleichen Zeit |22|erhält Porsche Preise als »Fabrik des Jahres«. Drei Jahre hintereinander zeichnet ihn die Heinz Goldmann Foundation für internationale Kommunikation, Genf, mit »Führungspreisen« aus (Pressemeldung vom 1.3.2002, Nr. 15/02): 1999 »Wachstumsmanager der neunziger Jahre«, 2001 »Excellence in Leadership« und für 2002 »Leadership in turbulenten Zeiten«. Für Letzteren wurden 45 Vorstandsvorsitzende deutscher Unternehmen gefragt: »Welcher Manager hat im vergangenen Jahr 2001 mit Führungsqualität und innovativen Methoden die Profitabilität eines Unternehmens in wirtschaftlich unsicheren Zeiten am überzeugendsten gesteigert?« Teilnehmer der Veranstaltung zu Ehren Wiedekings sind unter anderen Rolf Breuer (Deutsche Bank), Peter Hartz (VW), Uli Hoeness (Bayern München), Henning Kagermann (SAP), Lothar Späth (Jenoptik), Erwin Staudt (IBM). Der Stifter Heinz Goldmann in seiner Laudatio: »Porsche ist unter der Leitung Wiedekings nicht nur zum profitabelsten Automobilhersteller, sondern auch zu einem der imagestärksten Unternehmen der Welt geworden.« Das Bundesverdienstkreuz am Bande für Wiedeking mutet im Vergleich dazu wie Graubrot an.

Nun ist der Porsche-Manager so prominent wie nie zuvor. Vor allem bei Verlagen von Magazinen und Wirtschaftsblättern steht er hoch im Kurs. Bekannte und unbekannte Medien und Organisationen aus aller Welt ehren den König der Porscheaner und die Firma durch irgendwelche Auszeichnungen und Preise. Sympathiebekundungen erreichen ihn am laufenden Band: »Manager des Jahres« wird er gleich mehrfach, zuletzt ehrt ihn das manager magazin 2005 mit diesem Titel. Im Jahr 1997 wählt ihn das amerikanische Fachblatt Automotive Europe zum »besten Automobilmanager Europas«. 1998 reiht ihn das US-Wirtschaftsmagazin Business Week unter die 25 Topmanager des Jahres 1997 ein. »Nie war die Marke Porsche sympathischer als heute«, behauptet 2002 das manager magazin (2/02). Das Hamburger Wirtschaftsblatt setzt die Wiedeking-Firma für die Jahre 2000 und 2001 an die Spitze der deutschen Unternehmen mit dem besten Image. »Das ist schon wundersam«, reflektiert Autor Frank Scholtys, »ausgerechnet der Hersteller von Luxusautos, der – gemessen am Gebrauchswert – keinen hervorstechenden Nutzen bietet, genießt das höchste Ansehen aller deutschen Unternehmen.« Das Ergebnis basiert immerhin auf Umfragen, die das Bielefelder Emnid-Institut im Auftrag des Magazins bei 2500 Managern auf Vorstands-, Geschäftsleitungs- sowie auf zweiter |23|Führungsebene durchgeführt hat. Die Mehrheit votierte laut der Pressemitteilung von Porsche (24.1.2002) für die Sportwagenschmiede. Der Ruf erscheint makellos. Danach erreicht Porsche als Gesamtsieger 864 von insgesamt 1000 möglichen Punkten – deutlich vor BMW (854) und Audi (825). Selbst Weltmarken wie Coca-Cola, Nokia oder Siemens verblassen gegenüber dem Zwerg aus Zuffenhausen. DaimlerChrysler und Volkswagen müssen sich beim »Imageprofil« des manager magazins mit einem weniger guten Ruf bescheiden. Ähnlich positiv für den Porsche-Primus fällt der Image-Test der Financial Times Deutschland und der ARD aus. Auch hier liegt der Westfale beim Renommee weit vor 15 anderen Topmanagern (Financial Times Deutschland, 14.2.2003), die abgefragt wurden. Die Erfolgsspirale dreht sich wie von selbst nach oben.

Spitzenreiter beim Image

Die Ernte an Preisen und Würdigungen fällt 2001/02 besonders reichhaltig aus, wie der Geschäftsbericht vermeldet. Wiedeking zählt einige Ehrungen auf der Hauptversammlung im Januar 2003 auf. Neben dem Imagepreis vom manager magazin nennt er den Deutschen Image Award 2002, den das Unternehmen zusammen mit dem Leiter Öffentlichkeitsarbeit, Anton Hunger, im September 2002 erhielt. Die Auszeichnung würdigt das Image Wiedekings, das laut Jury, »zur Zeit von keinem anderen Manager eines deutschen Großunternehmens übertroffen wird«. Wenige Wochen später landet Porsche bei einem »breit angelegten Shareholder-Value-Test« über die Rentabilität von 500 Konzernen in Europa an der Spitze der Autoindustrie und schafft den Sprung unter die ersten 20 im Gesamtklassement. Wieder im manager magazin untersucht, belegen die Zuffenhäuser bei deutschen Aktionären den ersten Platz in einem Börsenbarometer. Auf internationaler Ebene unter 130 Aktiengesellschaften landet Porsche in der Automobil- und Zulieferbranche an der Spitze vor Harley-Davidson (bewertet von der Boston Consulting Group für die WirtschaftsWoche). Schließlich setzt eine Jury den Sportwagenbauer im November 2002 auf den dritten Platz. Sie analysiert im Auftrag der britischen Economist Intelligence Unit die Ertragskraft, Imagestärke, Strategie und Innovationsfähigkeit führender Unternehmen Europas. Auch bei diesem internationalen Vergleich schneidet Porsche als bestes deutsches Unternehmen |24|ab. Mit solchen Huldigungen geht es fast im Wochenrhythmus auf nationaler wie internationaler Ebene bis heute stetig weiter.

Bei soviel Glorie suchen sich viele im Glanz des Glorreichen zu sonnen. Die Preisverleiher selbst versuchen, ihrerseits von der »Marke Wiedeking« zu profitieren oder doch zumindest bei Porsche herauszufinden: »Wie macht ihr das bloß, dass ihr so erfolgreich seid?« Deshalb rollt immer, wenn Wiedeking oder das Unternehmen gewürdigt werden, eine Lawine auf die Zuffenhäuser zu. Viele Leute rufen an oder mailen und wollen das Geheimnis des Supermanagers und seines Teams ergründen. Unter den zahlreichen Interessenten sind Konkurrenten, Personalchefs von Firmen, Studenten, Aktionäre, Rentner und andere. Selbst Manager, also Kollegen Wiedekings, sollen über ihr Sekretariat vorsichtig nach dem Erfolgsrezept forschen lassen. Bei der Fülle von Auszeichnungen und Anerkennungen herrscht in der Kommunikationszentrale regelmäßig Hochbetrieb.

Wie ist diese außergewöhnliche Anerkennung noch zu steigern? Für Wiedeking persönlich vielleicht durch einen schmucken Professorentitel, verliehen von seiner Studienheimat in Aachen, der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH). Ein erster Schritt ist bereits getan. Der promovierte Maschinenbauer erhält eine Gastprofessur an der RWTH für das Wintersemester 2002/03. Sein Thema im Rahmen einer Vorlesungsreihe bei den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften ist das »Innovationsmanagement«. Sein Kontakt zur Universität ist ausbaufähig. »Die RWTH schätzt sich glücklich, in dieser Konstellation die Verbindung zu ihrem Absolventen … noch enger gestalten zu können. Die Studierenden werden dieses sicherlich mit großer Freude aufgreifen«, weiß das Grenz-Echo (30.7.2002) zu berichten. Der universell Erfolgreiche kostet seinen Ruhm aus – sogar im Showbereich. Die »Marke Wiedeking«, sagt sich der Firmenlenker, taugt selbst für den Narrenkäfig im Karneval. Deshalb lässt er sich medienwirksam als »53. Ritter des Ordens wider den tierischen Ernst« von den Jecken des Aachener Karnevalsvereins von 1859 (AKV) vermarkten, inszeniert mit Narrenkappe, Seifenkiste und dem vollen Programm vor laufenden Kameras. »Ich glaub’, mich tritt ein Pferd«, soll Wiedeking gedacht haben, als ihm AKV-Präsident Dirk von Pezold die Verleihung des Ordens antrug. Aus dem Retter wird ein Ritter, zumindest in Aachen in der Narrenzeit.

Mit der Spaßnummer ist die Reihe der Ehrungen aber noch nicht beendet|25|. »Vielleicht bekommt der Porsche-Chef bald die Ehrenbürgerschaft von Bietigheim verliehen«, vermutet ein Einheimischer. In dieser schwäbischen Kleinstadt hat Privatmann Wiedeking seine neue Wahlheimat gefunden. Und hier engagiert er sich wie andernorts ebenfalls. So sponsert Porsche im Winter die lokale Eishockey-Mannschaft Bietigheimer »Steelers«. Vor allem jedoch entstanden durch Wiedekings Wirken in der Gemeinde bereits über 500 Arbeitsplätze in einem neuen Dienstleistungszentrum von Porsche. Bei dem starken Engagement des Managers in diversen Kommunen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie den Wirtschaftslenker fürs eigene Image reklamieren und ihm die Ehrenbürgerschaft andienen. Der Wettlauf um Wiedeking hat schon begonnen, wer macht das Rennen: Aachen, Beckum, Bietigheim, Leipzig oder Stuttgart? Die Neckarmetropole sichert sich vorsorglich seine Sympathie und verleiht ihm 2003 schon mal die 28. Bürgermedaille der Stadt. Der umschwärmte Alleskönner braucht offenbar nur seine Hand auf-, den Kopf hin- und die Brust gerade zu halten und schon fallen die Ehrennadeln hinein, sitzt die Narrenkappe drauf oder hängt die Medaille am Revers. Eine mehr als reichliche Ernte für den promovierten Maschinenbauer nach zehn Porsche-Jahren. Wer ist dieser Wundermann, der für seine Werke so gerühmt und prämiert wird? Was kann er, was andere offenbar nicht zustande bringen?

»Mr. Porsche«, der Mensch

In seiner Selbsteinschätzung fühlt sich der Westfale Wiedeking eng mit den Schwaben verwandt. Deshalb lobt er die Gastgeber in seiner Wahlheimat als »grundehrlich und bodenständig«. Und »da sind wir Westfalen ganz ähnlich gestrickt«, pflegt er gern anzumerken. Beide Volksstämme werden mit erdverbundenen Eigenschaften in Verbindung gebracht, wie sie der Manager mag. Allerdings gehört ebenso eine gewisse Stur- und Dickköpfigkeit dazu, wie sie dem westfälischen Gemüt nachgesagt wird. Seine Landsleute, »trinkfeste, sentimentale Eichen« (Wiedeking), seien verlässliche Partner in einer Freundschaft – sofern sie erst einmal geschlossen ist. Zur Riege der Standfesten rechnet sich der Porsche-Chef allemal. »Ehrlichkeit« und »Offenheit« nennt er seine »Lieblingstugenden«. Das indes setzt Selbstbewusstsein und ein hohes Maß an Willensstärke voraus – Motto: handeln statt lamentieren –, die im negativen |26|Bereich bis zur sturen Verbohrtheit reichen kann. Der Manager, das ist seine persönliche Marke, ist jemand, der Konflikte nicht scheut. Er bürstet gern gegen den Strich – auch mit öffentlichen Äußerungen. Sein ungebrochenes Ego, gepaart mit starkem Pflichtgefühl macht ihn zu einem entscheidungsstarken Sanierer; das sind eben jene Eigenschaften, die er für seinen Porsche-Job gerade in der schweren Anfangszeit benötigt. Manchen gilt er als einer der modernsten Manager unserer Zeit, anderen inzwischen als »Sonnenkönig«. Die Mitte zwischen beidem ist der fortschrittliche Patriarch, der mit seinem autoritären Stil neuzeitliche Ziele verfolgt und durchsetzt. Wie der Name Wiedeking schon verrät: »König der Weide«. Im Altgermanischen standen die Worte wide, weite oder wite für Weide(fläche), Grasland, Wald (Baumname) oder auch Jagdgründe. Und der King war die Respektsperson, die als Anführer einer Gruppe angesehen wurde. Jahrhunderte später sind aus Weideland und Jagdgründen das Unternehmen Porsche und die Autobranche geworden, und aus dem »King« der Westfale Wiedeking.

Der temperamentvolle Anführer von heute macht seinem Namen alle Ehre, geht geradlinig oder stur seinen Weg. Als Alphatier kann er rigoros Vorhaben durchboxen und dabei die Menschen schonungslos in Gegner und Anhänger spalten. Entsprechend breit fällt das Spektrum der persönlichen Urteile über seinen Charakter aus. Es reicht von »Rambo«, »Patriarch« und »Diktator« im negativen Bereich bis »Superchef«, »Vorzeigeunternehmer« und »Alleskönner« auf der positiven Seite der Sympathieskala. Kein Wunder, dass Mr. Porsche – vor allem von der Presse – für so ziemlich jede freie Spitzenposition in der Wirtschaft gehandelt wird. Assistenten, Sekretärinnen, Mitarbeiter in seiner direkten Umgebung respektieren ihn durchweg als Boss. »Wiedeking hat was los, ist präsent. Den hört man. Er flüstert nie«, lauten typische Meinungen über den Vorgesetzten. Ebenso eindeutig ist auch der Eindruck von seiner Körpersprache: »Er ist ein kräftiger Mensch mit sehr strammem, zielgerichtetem Schritt, aber nicht zackig.« Die meisten trauen dem Porsche-Lenker zu, dass er genau weiß, wo er hin will. »Er ist einfach ein Chef«, charakterisiert ihn eine Sekretärin. Ehrgeizig und irgendwie klar zielorientiert war die Führungskraft schon in den sechziger und siebziger Jahren, damals in Beckum, seiner Heimat. In seiner Jugend träumte Wiedeking davon, Maschinenbau zu studieren und später eine eigene Maschinenfabrik zu gründen. Sein eigener Herr, Unternehmer, Fabrikant wollte er werden.

|27|Was der Manager im Leben erreicht hat, gelang ihm meist aus eigener Kraft. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, ohne großes Vermögen im Hintergrund. Aufgewachsen ist Wiedeking in ländlicher, konservativ-katholischer Umgebung, in Beckum/Westfalen. Bestimmt auch deshalb fühlt sich der Porsche-Chef auf dem Land so wohl. Wiedeking ist katholisch getauft, aber nicht mehr eingeschriebenes Mitglied der Kirche. Er ist seit mehr als 25 Jahren verheiratet mit Ehefrau Ruth. Die beiden haben zwei Kinder, eine Tochter, Isabelle (22), und einen Sohn (20), der einer Familientradition entsprechend wie auch der Vater und Großvater Wendelin heißt. Die Junioren leben im Haushalt der Eltern. Heute ist der Porsche-Chef bereit, der Öffentlichkeit mehr vom Privatmann Wiedeking als früher preiszugeben. Gattin Ruth ist inzwischen häufiger auf Fotos mit Promis zu sehen. Andererseits scheint ihn panische Angst vor Entdeckungen zu plagen, die mögliche Kriminelle auf den Plan rufen könnten. Er versucht, seine Familie aus den Medien herauszuhalten, so gut es geht. In seinem Büro lässt er zuweilen Wachszeichnungen und Bilder seiner Kinder vorsorglich weghängen, bevor er Journalisten zum Interview empfängt.

Gelegentlich redet der Industrieboss über die frühe Partnerschaft mit seiner Frau. Er lernte Ruth bereits mit 16 Jahren in seiner Heimat kennen, gut zehn Jahre später haben sie geheiratet. Ein ausgesprochener Heiratsantrag sei nicht nötig gewesen. Die Wiedekings lebten damals während der Studentenzeit in Aachen in »wilder Ehe«. Nach einem gemeinsamen Blick in die Splittingtabelle der Einkommensteuer – der Studiosus muss schon gut verdient haben – sei beiden klar geworden, dass der Gang zum Traualtar überfällig war. Soviel zur Romantik Wiedekings. Das Einverständnis habe der »Augenaufschlag« bestätigt. »Das war bei mir Fügung, mit Planung hat das nichts zu tun«, witzelt er im Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel (15./ 16.12.2000). Seine Ansichten über Ehe und Familie klingen pragmatisch bieder. Eine glückliche Familie sei für ihn ein Hort der Stabilität. Zu Hause eine Front und im Betrieb auch eine, das tauge nichts. »Wenn es daheim richtig kracht, sind Sie in der Firma nicht gut. Sie sind abgelenkt, völlig logisch. Wenn ich wichtige Termine habe, dann mache ich dicht«, nimmt der Manager für sich in Anspruch. »Die Familie…spürt das: ›Lass den Kerl in Ruhe, der ist gerade ziemlich angespannt‹«, schildert Wiedeking dem Tagesspiegel. Der ruhelose Macher kann schwer abschalten, selbst im Urlaub nicht. Für viele Spitzenmanager wie ihn ist es ohnehin |28|schwierig, einen scharfen Trennungsstrich zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Ein »Mr. Porsche« ist eigentlich fast immer im Dienst. So ist er ständig mit einem Notizblock bewaffnet, um sich Dinge fürs Büro zu notieren. Die Zeit für Urlaub, Wandern in den Bergen, Rad und Skifahren oder gelegentliches Segeln ist sowieso knapp bemessen.

Zu Hause versuche sich der willensstarke Leitbulle zu zügeln. Seine Frau und er würden gemeinsam entscheiden, erzählt er der Presse und fügt augenzwinkernd hinzu: »Ich kann auch nachgeben, jedenfalls in kleinen Dingen.« Der Umtriebige besitzt auch im eigenen Heim sein kleines Reich, über das er nach Herzenslust allein herrschen, in dem er sich wohlfühlen kann. Noch als erwachsener Mann tüftelt er gern in seinem prächtig ausgestatteten Hobbyraum an Modellflugzeugen herum, hat wie schon als Kind und Jugendlicher Freude an seiner riesigen Modelleisenbahn im Keller seiner Villa und düst, laut Porsche-Comic, mit allem umher, woran mit Erfolg gebastelt werden kann, wie »neuen Automobilen, Motorrädern …« Der praktisch veranlagte Ingenieur schreinert, hängt Bilder auf und repariert Uhren, die er auch gerne sammelt. »Handwerklich bin ich nicht ungeschickt«, hält er sich zugute. Dann nennt der Hausherr ja noch zwei knallrote Porsche-Traktoren sein Eigen, ein Geschenk seiner Frau. Mit diesen tadellos funktionierenden Oldtimern inklusive Pflug traktiert der Westfale in der Freizeit leidenschaftlich den eigenen Kartoffel- und Gemüseacker. »Ich bin auch zu Hause unternehmungslustig. Da wird hier eine Mauer eingerissen, dort etwas verändert, da schenkt mir meine Frau einen Trecker, der macht die Garage schwarz, dann braucht der Trecker eine Scheune …« Und meist bleibt der Hausherr in Bewegung. Das hält den 1,83 Meter großen, schlanken Mann topfit. Lange Zeit konnte Wiedeking von sich behaupten: »Ich war noch nie krank.« Und wenn das Kraftpaket doch mal eine schwere Erkältung plagt und ihm wie Anfang 2006 sogar die Stimme raubt, dann zieht er sich erst nach schwersten Androhungen seines Hausarztes ins Private zurück.

Leistung und Lebensgenuss

Der standhafte Westfale feiert mit Vorliebe Feste. Er ist der Ansicht, dass Leistungsfähigkeit und Lebensgenuss sich ergänzen müssen, ein Stück Dolce Vita als Lohn für harte und zielstrebige Arbeit. Ab und an dem Elfenbeinturm entfliehen – das rät der promovierte Maschinenbauer |29|auch dem studentischen Nachwuchs als Lebenselixier. Zuweilen legt Wiedeking den dunkelblauen oder schwarzgrauen nadelgestreiften Anzug ab und vertauscht ihn etwa mit der Küchenschürze. Privat kocht er gelegentlich selbst, etwa westfälischen Schmorbraten, oder er grillt Steaks bei Partys. Und am liebsten isst er Kartoffelsalat nach Art des Chefs mit Erdäpfeln der Sorte »Rosenland-Kartoffeln« aus eigenem Anbau. Zur musikalischen Unterhaltung mag er Jazz ebenso wie Oldies aus den sechziger und siebziger Jahren wie die Beatles oder Bee Gees. Bei den Klängen von einst will er jedoch nicht stehen bleiben. Auch gegenüber neueren Pop-Bands wie PUR sei er aufgeschlossen, betont der Manager. »Ich bin ganz offen für neue Stilrichtungen, da wundern sich die Leute manchmal, was für Musik ich mir genehmige« (Bietigheimer Zeitung, 6.7.2002). Das gilt auch für die Malerei. Hier umgibt sich Wiedeking gern mit modernen Bildern von Hundertwasser. Was die Kleidung anbelangt, ist sein Farbgeschmack nicht sonderlich bunt: »Ich bevorzuge grau, grau in allen Variationen. Sie glauben gar nicht, wie viel Grautöne es gibt. Wenn Sie nur meinen grauen Anzugschrank sehen könnten …«, witzelt er. Bei anderer Gelegenheit betont er dagegen: »Da passt auch Schwarz gut dazu. Dunkelblau ist auch in Ordnung. Auf dieser Grundlage sind Sie mit wenigen Entscheidungsschritten immer gut gekleidet, da kann nicht viel schief gehen …« Offenbar haben es ihm die dunklen Nicht-Farben angetan. Wesentlich eindeutiger steht Wiedeking zu den leiblichen Genüssen. In gemütlicher Runde pafft der Pilstrinker genüsslich seine Kuba-Zigarren, zum Beispiel der Marken»Montecristo Nr.1« oder »Cohiba«, das Nonplusultra für Che Guevara wie für Gerhard Schröder, dazu einen Grappa oder Gin Tonic. Bei besonders festlichen oder geschäftlichen Anlässen geht er später auch zu Rotwein über. Auf alle Fälle steht der wackere Westfale an der Bar stramm seinen Mann nach dem Motto: »auf keinen Fall schwächeln«. Das gehört bei ihm zum Standing eines echten Geschäftsmannes.

Zu seinen Leidenschaften zählt seit Kindertagen das Sammeln von Modellautos. Den Sammlerstücken spürt er überall auf der Welt in Spezialläden nach. Wiedeking nennt inzwischen mehr als 1500 Spielzeugautos sein Eigen. Von den kleinen Vehikeln ist der Manager zu Hause wie im Porsche-Büro umgeben: »Ich habe ganze Vitrinenwände. Bei mir sehen Sie an jeder Ecke Autos, es stört keinen, mein Sohn ist genauso verrückt, und meine Frau und Tochter finden das auch gut. Um |30|Platz musste ich nie kämpfen« (Aachener Zeitung, 11.2.2003). Das Sammeln von Erinnerungen an die Kindheit ist unter Managern übrigens verbreitet. Wiedekings westfälischer Freund, der Ex-DaimlerChrysler-Manager Jürgen Hubbert zum Beispiel, sammelt leidenschaftlich Teddybären. Es sind, abgesehen von Luxuszigarren und Uhren, die einfachen Dinge, welche den Porsche-Lenker erfreuen, weniger der Protz. Das gilt auch für den Literaturgeschmack. Seinen Lieblingsautor Wilhelm Busch zieht er allemal irgendwelchen Biografien – »dafür habe ich keine Zeit« – vor; auch die Lyrik ist nicht seine Welt. Ansonsten liest der Manager vorwiegend praktischen Lesestoff, neben Zeitungen und Magazinen, Vorstandsvorlagen und Hausmitteilungen, Briefen, Faxen, E-Mails, kleinen und großen Zetteln auch Fachliteratur – falls die Zeit für alles ausreicht.

Selbst in seiner schwäbischen Heimat Bietigheim-Bissingen versucht Wiedeking als möglichst unauffälliger Bürger zu leben. Sein Wohnstil ist normal und gemütlich, auf keinen Fall pompös übertrieben. Ein Häuschen mit Scheune, Garten und »Äggerle«, westfälisch-schwäbisch eben. Als Refugium besitzt er zudem in den Alpen ein respektables Landhaus, ein Ruheraum vor dem Alltagsstress. Überhaupt liegen dem Automann beschauliche Ortschaften weit eher als das Dickicht der Großstädte. Daher erschien es dem Manager nach seinem Einstieg bei Porsche wie selbstverständlich, den Sitz der Familie einige Kilometer außerhalb von Stuttgart zu wählen. So fuhren Wiedeking und seine Frau bei der Wohnungssuche übers »Ländle«, um sich interessiert nach einer neuen Heimat umzuschauen. Und als sie auf Bietigheim stießen, da verliebte sich das Paar spontan in den Ort, genauer in den Vorort Bissingen. Deshalb wohnt die Familie nicht in Stuttgart, sondern in einer Weingegend Württembergs, einige Kilometer nördlich der Metropole. Von hier aus ist das Büro in Zuffenhausen leicht zu erreichen. Die Infrastruktur Bietigheims entspricht ganz Wiedekings Vorstellungen: »Die Stadt ist überschaubar, zu Fuß und mit dem Rad ist alles gut erreichbar, und für die Kinder gibt es ein tolles Schul- und Freizeitangebot«, lobt der Zugereiste. (Bietigheimer Zeitung, 6.7.2002). Allerdings kannte der Westfale die Kleinstadt schon von früher. In der Anfangszeit, als er nämlich noch keine feste Bleibe als Porsche-Angestellter hatte und auf Wohnungssuche war, da gastierte er in einem Hotel am Marktplatz in der Altstadt Bietigheims, beim »Schiller-Wirt« neben dem Rathaus. In dieser Zeit entstand auch eine Freundschaft zu den Besitzern, |31|der Familie Schork. Für den »Schiller-Wirt« entwickelte sich daraus ein lukratives Zubrot. Die schwäbischen Gastronomen kochen heute regelmäßig auf Messen wie bei vielen anderen Anlässen für die Firma Porsche.

Investitionen für die Wahlheimat

Als Investor und Sponsor besitzt der Porsche-Chef in der Kommune den Ruf des Großzügigen. Denn auch seine neue Heimat Bietigheim, in der einst Lothar Späth (CDU) als Bürgermeister seine politische Laufbahn begann, profitiert von Wiedekings typischer Bodenständigkeit, gepaart mit Geschäftssinn. Der Manager will überall »im Umfeld der Standorte« soziale Verantwortung zeigen und sein Engagement verstärken. Auch seinen Wohnsitz in der großen Kreisstadt Bietigheim rechnet er offenbar zur Kategorie Standort. »Der Westfale ist an Enz und Metter heimisch geworden«, begrüßt die Bietigheimer Zeitung (6.7.2002) den zugezogenen »Erfolgsmenschen mit Bodenhaftung« freudig im Ort. Wiedeking besucht und unterstützt dort das Jazz-Festival Best of Music. Auch hat es sich in der Kleinstadt herumgesprochen, dass Porsche die winterlichen Eishockey-Abende der Bietigheimer »Steelers« sponsert. Und am meisten profitiert der Ort von den Millionen, die Wiedeking durch Porsche in seinen württembergischen Wohnsitz pumpen lässt. Denn seine Wahlheimat nimmt an seiner Expansionspolitik teil, was Bietigheim mehr als 500 Arbeitsplätze beschert. So errichtete Porsche 2003 einen siebenstöckigen Bürokomplex für ein Dienstleistungszentrum (Finanzen, Beteiligungen und Entwicklung) im Industriegebiet Laiern entlang der Bundesstraße 27. Der Hochbau steht wie eine Visitenkarte vor den Toren der Stadt. In diese Zentrale zogen unter anderem der Deutschland-Vertrieb mit rund 70 Leuten sowie die Fremdentwicklung für Kunden (Porsche Engineering GmbH), die nun erheblich verstärkt wird, ein. Auch die von Ferdinand Alexander Porsche im Herbst 2003 einschließlich der Designer-Marke mehrheitlich übernommene Stylingfirma in Zell am See hat inzwischen eine Dependance am Wohnsitz von Wiedeking. Bereits im Jahr 2002 ist Porsche in Bietigheim wie schon in Stuttgart Hitlistenführer bei der Gewerbesteuer. Wo sich der Manager mit seiner Familie wie hier heimisch fühlt, da ist er auch zu Geschäften mit den Ortsansässigen bereit.

Das Bodenständige an dem Westfalen wird an dieser sehr persönlichen Art seiner Standortpolitik deutlich. Auf diese Weise will er seinen unternehmerischen |32|Erfolg mit seiner unmittelbaren Umgebung teilen – und in gewissem Sinne Dank sagen. Denn er weiß, dass zu Können und Fleiß auch eine gute Portion Glück im Leben gehört. Und dieses ist dem Aufsteiger aus Beckum häufig gewogen. »Ich habe Glück gehabt. Bislang war ich immer im richtigen Moment an der richtigen Position«, äußert Wiedeking mehrfach gegenüber der Presse. Auch das macht den Erfolg einer Karriere aus. Zum Beispiel, dass er bereits als Student und Doktorand in Aachen einen freundlich gesinnten Doktorvater findet, der wiederum beste Verbindungen zum einflussreichen Produktionschef bei Porsche in Stuttgart pflegt. Dieser Kontakt zur richtigen Zeit verhilft dem jungen Wissenschaftler zum Karrieresprung seines Lebens. Ebenso profitiert er bei seiner späteren Rückkehr zu Porsche vom anhaltenden Chaos an der Vorstandsspitze. Der steile Aufstieg ist in seiner Jugend für niemanden absehbar und die oft überzogene heroische Darstellung, vor allem in den Medien, wird dem Manager selbst lästig. Als Privatmann versucht er mit seiner ursprünglichen Direktheit dagegen anzugehen und auf dem Teppich zu bleiben. Er ist »grad heraus« und im persönlichen Umgang »ein unterhaltsamer Typ«, charakterisiert ihn ein ehemaliger Vorgesetzter. Eine andere Seite indes ist seine Ungeduld – auch gegenüber sich selbst. Der Ehrgeiz treibt den Topmanager zu neuen Höchstleistungen – und entfremdet ihn schleichend von seiner engsten Umgebung. Das empfindet der Karrieremann heute selbst als großen Mangel. Er räumt ein, dass er stark darunter leide, dass »ich mich nicht durchsetze, mehr Privatleben zu haben. Hin und wieder müsste ich schnoddriger sein und sagen: Kinder, jetzt hört’s auf, ich mag nicht mehr. Das ist sicher eine große Schwäche. Ein freier Terminkalender und Zeit sind für mich das größte Geschenk.« (Aachener Zeitung, 11.2.2003) Dass er allerdings jemals freiwillig vom rasenden Karrierezug abspringen würde, daran glaubt der Firmenboss ernsthaft nicht. Dazu ist der Lorbeer zu schön, war die Eroberung des Managergipfels für den einst so farblosen Maschinenbauer mit Doktorhut einfach zu mühsam.

Herkunft und Heimat

Wendelin Wiedeking stammt aus Westfalen, geboren wurde er in der Industrie- und Kohlekommune Ahlen. In dieser ehemaligen Bergleutestadt |33|war seine Mutter Liesel Wiedeking vor ihrer Ehe beheimatet. Ihre Familie betrieb dort eine Schlachterei, die einen gewissen Wohlstand ermöglichte. Zwar wohnte Liesel Wiedeking bereits Anfang der fünfziger Jahre in der 12 Kilometer entfernten Nachbarstadt Beckum, aber sie traute damals den Geburtskünsten der Ärzte am Krankenhaus ihrer Heimatgemeinde mehr zu. Daher brachte sie ihr erstes Kind, ihren Sohn Wendelin, am 28. August 1952 in Ahlen zur Welt. Traditionsbewusst tauften die Wiedekings ihren Erstgeborenen auf den Vornamen des Vaters, Wendelin. Mit »Wendel« war das Familienglück komplett. Die Eltern lebten in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen. Vater Wiedeking, Jahrgang 1921, wurde als studierter Bauingenieur in der Aufbauphase nach dem Krieg dringend gebraucht. Er machte später Karriere als Leiter des Hochbauamts im damaligen Landkreis Beckum, wo er für die Wasserversorgung der gesamten Region zuständig war. Bis zur Gebietsreform Anfang der siebziger Jahre war Beckum Kreisstadt, dann wurde sie dem Kreis Warendorf zugeschlagen.

Geburtsort Ahlen, Heimatstadt Beckum

Anfangs wohnten Wiedekings Eltern noch zur Miete in Beckum. Hier im Herzen der Region Lippe-Westfalen wuchs »Wendel«, wie er in der Familie und von Freunden gerufen wird, auf. Er ging hier in die Volks und Realschule und schaffte schließlich sein Abitur. In der Heimat der Bäche zwischen Dortmund und Bielefeld, Münster und dem Sauerland lernte der Teenager mit der braven Knabenfrisur seine Jugendliebe Ruth, die später seine Frau wurde, in der Tanzschule kennen. Auch sie kommt aus einer Beckumer Familie. Beckum, die bald 800 Jahre alte Traditionsstadt an der Werse im Münsterland, bleibt für den Topmanager die Heimat. Hierher kehrt er regelmäßig zurück. Er »hängt an seiner Heimatstadt«, sagen seine Landsleute. An den Geburts- und Nachbarort Ahlen indes hat er keine besondere Erinnerung. »Ich bin Beckumer«, antwortet der Automanager knapp auf entsprechende Fragen. Mit Beckum verbindet Wendelin das Leben. Sein Herz hängt trotz des beruflich bedingten Wegzugs noch immer sehr an seiner Heimatstadt.

Als der heranwachsende Wendelin hingebungsvoll mit seinen einfachen Wicking-, Schuco- und anderen Modellautos spielte, mit dem Fahrrad in die Städtische Realschule Beckum am anderen Ende der |34|Stadt fuhr und später mit Freundin Ruth die ersten Liebeserfahrungen sammelte, da war die Welt in seiner westfälischen Heimat noch in Ordnung – zumindest in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Das galt auch für die großen Unternehmen, für Handel und Gewerbe. Die Menschen im münsterländischen Beckum hatten ihren Anteil am Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Fast alle standen in Lohn und Brot und waren mit der Mehrung ihres materiellen Wohlstands beschäftigt. Jedes Jahr ging es ein Stück weiter aufwärts. Auch bei der Familie Wiedeking, die sich 1957 sogar ein eigenes Haus mit Garten, damals noch am Rand der Innenstadt gelegen, leisten konnte. Arbeitslosigkeit war in den optimistischen fünfziger und sechziger Jahren kaum das zentrale Thema der Erwachsenen. Und als gehobener Kreisbediensteter konnte Vater Wiedeking auf ein festes Einkommen und eine sichere Zukunft bauen. Die Familie wuchs inzwischen auf sechs Personen an; zwei jüngere Brüder, Heinz-Josef und Günter, der Jüngste im Bunde, sowie die Tochter Marie-Luise wurden geboren.

Aber auch die Kehrseite der Wirtschaftsblüte zeigt sich schon in dieser Zeit: die zunehmende Umweltbelastung, die wachsende Luftverschmutzung, der starke Lärm durch tonnenschwere Lastwagen und die hektisch um sich greifende Bautätigkeit. Die Schlote rauchen gewaltig – für manche Nasen und Lungen um einiges zu stark. Zu einem drängenden Problem für die Bevölkerung rund um Beckum und Ahlen wird die Besonderheit der dortigen Landschaft: die Kalksteinböden mit den riesigen Steinbrüchen. Hier ist im Lauf der Jahrzehnte ein großes Abbaugebiet der Kalkstein verarbeitenden Industrie entstanden, die während Wiedekings Kindheit und Jugend ihre größte Blütezeit erlebt. Die Produkte aus den Steinbrüchen – Kalk, Zement und die daraus gepressten Bauteile – bilden die Grundlage für den Bauboom der Nachkriegszeit. Bis zu einem Viertel des bundesdeutschen Bedarfs an Zement und Zementprodukten liefert die Grundstoffindustrie im Raum Beckum in den besten Jahren. Um die Verkehrsbelastung durch stinkende und tosende Baulastwagen in Grenzen zu halten, wird zwar für das »Gold« aus den Steinbrüchen extra eine »Zementbahn« ins sauerländische Warstein gelegt, aber der Zug kann den gewaltigen Umweltschaden durch diesen Rohstoff lediglich mildern. Der Beton hinterlässt deutliche Spuren in der Stadt: Viele Tage im Jahr sind novembertrüb, die Luft voll Zementstaub liegt bleiern über dem Ort. Ein feiner und die Gesundheit gefährdender Grauschleier lagert schwer über Dächern, Feldern|35|, Balkonen und Gärten. Wegen der dicken Luft in der Zementmetropole bleiben die Fenster an vielen Tagen besser geschlossen. Bis in die siebziger Jahre ist Beckum wahrhaft grau. Wäsche kann nicht im Freien aufgehängt, Gemüse nicht ohne Abdeckfolie angebaut werden. »Immer hing damals ein Zementschleier über der Stadt«, erinnert sich ein Schulfreund Wiedekings an das Umweltproblem Nummer eins in den sechziger und siebziger Jahren. Die Grundstoffindustrie, die in diesem Raum seit dem 19. Jahrhundert prägend ist, fordert von den Beckumern ihren Tribut. Doch die wirtschaftliche Stabilität behält über Jahrzehnte Vorrang vor der Gesundheit und Lebensqualität des Einzelnen. Ganz früher beherrschten patriarchalische Betriebe, wie die Portland-Cement- und Wasserkalkwerke Klasberg & Comp. zu Beckum Wirtschaft und Gesellschaft. Solche Firmen heuerten für die krank machende Schwerstarbeit in den Brüchen und Stollen laufend Hilfsarbeiter an. Von diesen »prächtigen Zeiten« bleiben in Beckum noch die Klasberg-Villa des einst berühmten Zement-Direktors und der Zementzug übrig.

»Zementköppe« gegen »Schwatte«

Inzwischen sind die Umweltsorgen der Region deutlich in den Hintergrund getreten. Strenge Auflagen zwangen den Zement- und Kalkfabriken – sofern es sie noch gibt – Staubfilter und Abluftanlagen auf. Von den Zementwolken aus Wiedekings Kinder- und Jugendzeit ist kaum noch etwas zu spüren. In der Gegenwart drücken viel eher die ökonomischen Probleme. Der wirtschaftliche Wandel hinterlässt tiefe Spuren, auch im Kreis Warendorf. Da ringt jede Kommune im Kampf um Wohlstand und Sicherheit allein. Wie so oft bei Nachbarorten in deutschen Landen herrscht gerade unter ihnen eine manchmal bis zur offenen Feindschaft ausgetragene Konkurrenz. So teilweise auch zwischen Beckum und der etwas größeren Nachbarstadt Ahlen. Jede der gerade mal ein Dutzend Kilometer von einander entfernten Kommunen will die bessere und reichere sein, in der Kultur, als Wirtschafts und Freizeitstandort – fürs ganze Leben eben. »Zementer« oder »Zementköppe« nennen die lieben Landsleute aus Westfalen-Lippe die Beckumer wegen der Kalkgewinnung bis heute. Die Bürger von Beckum wiederum rächen sich und deklarieren die Ahlener als »die Schwatten«, weil dort traditionell der Kohlebergbau, zuletzt die Zeche Westfalen, |36|beheimatet war. Dabei gehören beide Kommunen längst zum Landkreis Warendorf und haben durch ihre jüngste historische Entwicklung ähnliche Sorgen. Ahlen und Beckum galten über viele Jahrzehnte hinweg als traditionelle Arbeiterstädte, am Rand des Ruhrgebiets gelegen. Gesellschaftlich geprägt wurde die Region von der katholischen Kolping-Gemeinde. In der Nachkriegszeit spielte hier die christlich-soziale Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle. Das über die Grenzen hinaus berühmt gewordene »Ahlener Programm« der Nachkriegs-CDU mit dem klar formulierten Grundsatz »Eigentum verpflichtet« ist bis heute mit dem Namen der ostwestfälischen Industriestadt verbunden.

Auch eine besondere Fußballleidenschaft wird den Einheimischen jenseits von Dortmund und der Bundesliga traditionell nachgesagt. Wenn auch heute mancher Fußballverein aus früheren Glanzzeiten, wie die Spielvereinigung Beckum oder ehemals TuS Ahlen wirtschaftlich schwächeln, so hängt das Herz der (männlichen) Bevölkerung noch immer an diesem Ballsport. In Wendelin Wiedekings Kinder- und Jugendjahren noch fuhren fanatische Fußballfans auf der primitiven Pritsche eines Lastwagens zu den Lokalderbys in die Nachbarstädte und machten dort ordentlich Radau. Eine raue Fußballerwelt, die allerdings nicht die des späteren Porsche-Chefs sein sollte. Wendel ist in der Schulzeit kein sportlicher Typ und geht eher eigene Wege. Der früh sehr pflichtbewusste Wendelin fühlt sich mehr an Haus und Familie gebunden. So ist er nur ab und zu dabei, wenn die Buben mit Stöcken und Stangen gegen andere Banden »Krieg« spielen. Er zeigt stärkeres Interesse an technischen Dingen, an Bausätzen, Märklinkästen oder Werkzeug. Mit Vorliebe bastelt und repariert er im Garten und Keller des Elternhauses Seifenkisten, Modellflugzeuge und -autos. »Ich habe schon als Kind gerne geschraubt, gewerkelt, an Holz und Metall«, weiß er noch. Und es macht ihm noch heute Spaß, im Keller Modellflugzeuge zu reparieren. Die kleinen Gewohnheiten überleben, während große Fußballvereine von einst schon fast vergessen sind.

Wiedekings Heimatstadt ist in einem kräftigen Wandel begriffen, weg von großindustriellen Strukturen der Grundstoffindustrie mit dem Gesicht einer Arbeiterstadt hin zum mittelständischen Bürgertum. Im Stadtrat gibt das konservative Lager mit der CDU an der Spitze den Ton an. Auf den Betrachter wirkt das bürgerliche Beckum, der geografische Mittelpunkt von Westfalen-Lippe, wie eine gemütliche Kleinstadt. In der City dominieren die üblichen Fußgängerzonen mit dem |37|