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Das neue Buch der Tucholsky-Preisträgerin über die bedrängenden Schrecken der Gegenwart «Der Schlaf der Vernunft», benannte Francisco de Goya seine berühmte Radierung, «gebiert Ungeheuer». Die heutigen Ungeheuer sind so bedrohlich wie selten in der Geschichte: die Erosion der Demokratie von rechts und durch Fake News in den Debattenräumen, der Klimawandel, ein Krieg, der uns in eine weltumspannende Katastrophe reißen kann. Sind die von uns gewählten Entscheidungsträger in einen Tiefschlaf der Vernunft gefallen? Jedenfalls halten sie nicht hinreichend Schaden von ihrem Volk ab, wozu sie sich verpflichtet haben. Sie versagen darin, eine Friedensordnung zu gewährleisten, das Kippen des Klimas zu verhindern, Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie gehen ein Weltkriegsrisiko ein. Und nicht einmal den Ausgleich zwischen Ost und West bekommen sie hin. Daniela Dahn: Sie selbst sind der Rechtsruck. Alles, was passiert, ist Teil einer Reihe von Ursachen, lehrt uns Immanuel Kant. Deshalb ist es von größter Bedeutung, wo man bei einer Erzählung den Anfang setzt. Was geht einer «Zeitenwende» voraus? Und wie finden wir den Weg in ein vernünftiges politisches System mit Teilhabe für alle? Ein Weckruf in Zeiten des Albtraums.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2024
Daniela Dahn
Über Kriegsklima, Nazis und Fakes
«Der Schlaf der Vernunft», benannte Francisco de Goya seine berühmte Radierung, «gebiert Ungeheuer». Die heutigen Ungeheuer sind so bedrohlich wie selten in der Geschichte: die Erosion der Demokratie von rechts und durch Fake News in den Debattenräumen, der Klimawandel, ein Krieg, der uns in eine weltumspannende Katastrophe reißen kann.
Sind die von uns gewählten Entscheidungsträger in einen Tiefschlaf der Vernunft gefallen? Jedenfalls halten sie nicht hinreichend Schaden von ihrem Volk ab, wozu sie sich verpflichtet haben. Sie versagen darin, eine Friedensordnung zu gewährleisten, das Kippen des Klimas zu verhindern, Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie gehen ein Weltkriegsrisiko ein. Und nicht einmal den Ausgleich zwischen Ost und West bekommen sie hin. Daniela Dahn: Sie selbst sind der Rechtsruck.
Alles, was passiert, ist Teil einer Reihe von Ursachen, lehrt uns Immanuel Kant. Deshalb ist es von größter Bedeutung, wo man bei einer Erzählung den Anfang setzt. Was geht einer «Zeitenwende» voraus? Und wie finden wir den Weg in ein vernünftiges politisches System mit Teilhabe für alle? Ein Weckruf in Zeiten des Albtraums.
Daniela Dahn, geboren in Berlin, studierte Journalistik in Leipzig und war Fernsehjournalistin. 1981 kündigte sie und arbeitet seitdem als freie Schriftstellerin und Publizistin. Sie war Gründungsmitglied des «Demokratischen Aufbruchs» und hatte mehrere Gastdozenturen in den USA und Großbritannien. Sie ist Mitglied des PEN sowie Trägerin unter anderem des Fontane-Preises, des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik, der Louise-Schroeder-Medaille der Stadt Berlin und des Ludwig-Börne-Preises. Bei Rowohlt sind bislang 14 Essay- und Sachbücher erschienen, zuletzt Im Krieg verlieren auch die Sieger (2022).
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2024
Copyright © 2024 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung «Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer», Nr. 43 der Caprichos, 1797–1799. Radierung und Aquatinta von Francisco de Goya, Madrid (Shutterstock)
ISBN 978-3-644-02270-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Unser Leben mit den Ungeheuern von heute
Da sitze ich an einem Buch über Vernunft und kann mir nicht sicher sein, ob bei seinem Erscheinen nicht schon der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist. Was wie ein schlechter Witz klingt, macht es auch mir schwer zu glauben, dass es bitterer Ernst ist. Jeden Tag kommt ein Schritt Eskalation hinzu, kaum Hoffnung. Der einzige Grund für eine solch unfassbare Sorge kann doch nur allseitige Unvernunft sein. Und es scheint, als könne man sich selbst daran gewöhnen. Da Sie allerdings gerade die Geduld haben, in diesem Buch zu lesen, ist der Katastrophe wohl noch etwas Aufschub vergönnt. Gebannt ist die Gefahr nicht, das ist derzeit das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann. Wir sollten den Aufschub nutzen.
Vernunft ist die einzige Gabe, über die jeder hinreichend zu verfügen glaubt. In der Gewissheit, sie lasse eigentlich bei allen anderen doch recht zu wünschen übrig. Vom Aussichtsturm des eigenen Egos ist das Vernunftgefälle um einen herum unübersehbar. Kein Alleinbesitz scheint so sicher wie der der Vernunft. Mit diesem Glauben lässt sich leben.
Vernunft – was für ein wohlfeiles Versprechen auch im politischen Alltagsgeschäft. Und wie schnell vereinnahmen wir sie im Sprachgebrauch, ohne wirklich einen Begriff davon zu haben. Wohl erst recht nicht von «reiner Vernunft», wie nach nunmehr 300 Jahren Immanuel Kant angemerkt sei. Selbst seine Vernunft gilt schließlich inzwischen als nicht mehr unfehlbar. Aber da Kant wie kein anderer unseren Erkenntnisapparat vor unseren Augen zerlegt und wieder zusammengesetzt hat, bleibt er der größte Philosoph der Aufklärung.
«Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, dass sie sich vereinen, kann Erkenntnis entspringen», so Kant in seinem Hauptwerk «Kritik der reinen Vernunft». Unsere Sinnlichkeit ermöglicht uns, Vorstellungen zu empfangen, unser Verstand, Vorstellungen selbst zu erschaffen. Die Erkenntnis, der «keine Empfindung beigemischt» ist, ist rein. Pures Denken. Logik als Wissenschaft der Verstandesregeln. «Eben darin besteht Vernunft: dass wir von allen unseren Begriffen, Meinungen und Behauptungen», so Kant, aus subjektiven oder objektiven Gründen «Rechenschaft geben können».
Begriffe begründen können als Voraussetzung für Vernunft. Doch Vorsicht, unsere Begriffe sind ein vom Zeitlauf kontaminiertes Gelände. Auf vielen ruht eine Altlast, die schwer abzutragen ist.
Nehmen wir nur den Ausdruck «Zeitenwende». Er war das Wort des Jahres 2022, bezogen auf die Regierungserklärung von Kanzler Scholz vom 27. Februar. Wenn ich im Folgenden eine andere Nutzung dieses Begriffes, in anderem Zusammenhang, zu anderer Zeit, zu erwähnen wage, dann ganz sicher nicht, um inhaltliche oder personelle Analogien zu konstruieren, sondern einzig, um das Toxische von Begriffen in ihren Kontexten zu verdeutlichen. Denn es ist mitunter richtig und wichtig, solche vorbelasteten Worte mit anderer Bedeutung zu füllen, sie also öffentlich zu entgiften. Ich werde Beispiele nennen, wie ich selbst, zunächst unbewusst, dann absichtlich dabeibleibend, mich solcher Begriffe bedient habe. Weil es keine treffenderen gibt.
Alles, was passiert, hat eine Ursache. Eine Kette von Ursachen. «So ist alles, was geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe und kein Anfang, der sich von selbst zutrüge», sagt Kant. Allem gehe also eine Bedingung voraus, und wenn diese wiederum bedingt ist, habe man sich auf eine entferntere Bedingung zu beziehen und so auf «alle Glieder der Reihe». Wer diesen Grundsatz zu beherzigen versucht, macht sich oft unbeliebt, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Es ist für jede Schlussfolgerung eminent wichtig, mit welchem «Glied der Reihe» man den Beginn einer Geschichte setzt.
Ich erlaube mir, diese elementare Bedeutung für meine Schreibhaltung an zwei simplen, aber anschaulichen Grafiken mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu veranschaulichen. Ist nicht die korrekte Schlussfolgerung aus jedem richtigen Zahlenwerk hinreichend «reine Vernunft»? Weit gefehlt. Das folgende Diagramm mag manchem mit seiner Grundaussage noch erinnerlich sein, denn sie wurde permanent wiederholt: die Entwicklung der wirtschaftlichen Leistungskraft der «neuen Bundesländer» nach Einführung der D-Mark. Die Währungsunion war am 1. Juli 1990, die Statistik beginnt etwa ein Jahr später. Die Zahlen bestreitet niemand, sie sind seriös belegt.
Die Botschaft ist klar: Die marode Volkswirtschaft der DDR kann sich in den neuen Bundesländern Schritt für Schritt erholen, eine einzige Erfolgsgeschichte. Erzählen wir die gleiche Geschichte: mit dem Unterschied, sie zwei Jahre früher beginnen zu lassen. Unser Ausgangspunkt ist das Ende der DDR, also ihre wirtschaftliche Leistungskraft 1989.
Diese Kurve erfasst die beiden dramatischsten Jahre, also vom Sommer 1989 bis Sommer 1991 – die überstürzte Währungsunion, die Schocktherapie der Privatisierungen durch die Treuhand, den Wegfall sämtlicher osteuropäischer Absatzmärkte, die bisher über den transferablen Rubel funktionierten. In den zwei Jahren, die die erste Kurve ausblendet, stürzte die Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes, Maßstab für die wirtschaftliche Leistungskraft, um 70 Prozent ab!
Ein solcher Absturz war einmalig in der Weltgeschichte. Nicht einmal der Dreißigjährige Krieg hatte Folgen solcher Art. Wie von Fachleuten vorhergesagt, hatte die über Nacht ungeschützt eingeführte D-Mark die Wirkung einer ökonomischen Atombombe. Vier Millionen Ostdeutsche wurden arbeitslos. Danach ging es äußerst langsam voran. Es dauerte ganze 18 Jahre, bis auch nur der ach so marode Stand vom Ende der DDR wieder erreicht wurde. Diese Jahre haben den Osten mental und funktional bis heute nachhaltig geprägt.
So einfach kann man ein Desaster in eine Erfolgsgeschichte verwandeln – ohne Fakes, ohne Demagogie, einzig und allein durch Auslassen der Vorgeschichte.
Ob das die «perversa ratio» sein könnte, die «verkehrte Vernunft», von der Kant spricht, sei dahingestellt. Er verurteilt auch «faule Vernunft» und «vernünftelnde Argumente», die womöglich nur «subalternes Vermögen» hätten. Der Philosoph spricht mit «einiger Verlegenheit» von der Absicht, Vernunft erklären zu wollen.
Diese Verlegenheit mag sich aus einer anderen erklären, die Aufklärer, gerade auch linke, fast immer unterschätzen. Psychologen oder Dichter haben dieses Dilemma eher erfasst. So Lion Feuchtwanger in seinem Roman Exil: «Was für eine geringe Rolle im geistigen Gesamthaushalt eines Menschen spielt die Vernunft und was für eine ungeheure das blinde Gefühl.» Eingedenk dessen soll hier der bescheidene Versuch unternommen werden, den Anteil der Vernunft in diesem Ungleichgewicht zu erhöhen. Gerade weil die allgegenwärtige Indoktrination weniger über den Verstand funktioniert als durch die Mobilisation von Gefühlen durch Bedrohungsängste, Feindbilder und Fehlinformationen.
Aber was meine ich, wenn ich von Vernunft spreche? Die Politologin Lea Ypi definiert Vernunft als kantische Fähigkeit der Organisation des Wissens mit einem moralischen Zweck.[1] Abermals Vorsicht – werden doch die übelsten Zwecke durchaus wirkungsvoll mit Moral gerechtfertigt. Etwa die Notwendigkeit, Kriege für alles Gute und Schöne zu führen, worauf ich zurückkommen werde. «Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden», schrieb der «militante Pazifist» Albert Einstein an Sigmund Freud. Dieser war skeptischer, der Aggressionstrieb sei nicht abzuschaffen und der Glaube, dass der Mensch sich freiwillig der Vernunft beugen würde, eine Utopie. Dennoch plädierte er nicht für Resignation, sondern für Mut. Der Friede sei eine kolossale moralische Anstrengung.
Für meine Arbeitsdefinition darf also der moralische Zweck nicht im Nebel bleiben. Vernunft ist die Fähigkeit, all sein Wissen in den Dienst eines Allgemeinwohls zu stellen, das die Voraussetzung für die freie Entwicklung eines jeden ist.
Da aber Gemeinwohl auch ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, sei auf die Gemeinwohlwerte des Grundgesetzes verwiesen: Würde, Frieden, Wohlstand auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit, bürgerliche Freiheitsrechte und eine Demokratie, in der das Volk seine Souveränität nicht ausschließlich an Partei-Repräsentanten delegiert. Wo das Grundgesetz sich nicht festlegt, sei ergänzt: Basis wäre eine Gemeinwohl-Ökonomie, die Gemeineigentum seinen Raum gibt. Ich komme auch darauf zurück. Ein solches bonum commune müsste sich also sowohl gegen den orthodoxen Staatssozialismus richten wie auch gegen die Kommerzialisierung der Individuen und damit gegen den Profit-Motor des Kapitalismus. Da bin ich ganz bei Lea Ypi.
Kant hat die Praxis des Denkens weitgehend aus konkreter, politischer Kausalität herausgehalten. Das macht seine Genialität und seine gewollte Selbstbeschränkung aus. Er wird als Aufklärer gefeiert, nicht als Revolutionär. Aber ist nicht Aufklärung die Voraussetzung jedes Aufstandes? Jeder Revolte gegen die schlafende Vernunft?
Die feudale Obrigkeit hat sich damals jedenfalls angefasst gefühlt. Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, missfielen Kants selbstbewusste Vernunftsurteile entschieden. In einem königlichen Spezialbefehl an Kant hieß es: «Wir gegenwärtigen Uns von Euch bei Vermeidung Unserer höchsten Ungnade, dass Ihr Euch künftighin nichts dergleichen werdet zuschulden kommen lassen, … widrigenfalls Ihr Euch bei fortgesetzter Renitenz, unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt.»
Damals hatte ein derart Widersprechender indessen noch prominente Verteidiger. Fichte und Beethoven, Schelling und Schiller. Hegel lobte Kant euphorisch: «Ich glaube, es ist kein besseres Zeichen der Zeit als dieses, dass die Menschheit vor sich selbst so achtungsvoll dargestellt wird; es ist ein Beweis, dass der Nimbus um die Häupter der Unterdrücker und Götter der Erde verschwindet.»
Die Bewunderung galt dem Vordenker der Idee von der Gleichheit aller Menschen, also der universellen Menschenrechte, die ein Meilenstein der Zivilisation werden würden. Auch wenn sie in den meisten Teilen der Welt nicht eingehalten wurden und inzwischen von allen Seiten wenig respektiert sind. Geht es heute eher darum, die Menschheit vor den «Ungeheuern» zu bewahren, die keinen Grund für Achtung vor sich selbst mehr übrig lassen? Interessen im Kostüm der Vernunft? «Jeder hat so viel Recht, wie er Macht hat», sagt der Philosoph Spinoza.
Wir haben reichlich Gelegenheit, die Vorstellung zu empfangen, dass die Vernunft bei den von uns gewählten Entscheidungsträgern schläft. Sie halten nicht hinreichend Schaden von ihrem Volk ab, wozu sie sich verpflichtet haben. Sie versagen darin, eine Friedensordnung zu gewährleisten, den irreparablen Kipppunkt des Klimas zu verhindern, Fluchtursachen zu bekämpfen. Sie schüren Ängste vor Pandemien, aber gehen ein Weltkriegsrisiko ein, um ihre Werte, also ihre Herrschaft, durchzusetzen. Sie selbst sind der Rechtsruck.
Und dennoch wählen große Mehrheiten sie immer wieder. Haben denn Massenproteste je eine politische Entscheidung aufgehoben, fragen die Resignierten. Kriegshysterie scheint ansteckender als Corona. Alles Schlafwandler?
«Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer» – diese Radierung aus Francisco de Goyas Los Caprichos-Sammlung ist eines der meistinterpretierten Werke der Kunstgeschichte. In welche Abgründe werden die groteskgroßen Fledermäuse mit ihrem Hitchcock-artigen Anflug den Schlafenden reißen? Wird der träumende Künstler hier nur von seinen eigenen Dämonen bedrängt? Ist der Zauber der Aufklärung schon vorbei, den Goyas älterer Zeitgenosse Kant zu entfachen half? Oder wird vielmehr der Betrachter aufgefordert, sich den Ungeheuern der Zeit mit Vernunft zu widersetzen? Ich neige zu dieser Lesart. Ist doch Goya neben seiner romantischen Genremalerei vor allem ein hochpolitischer Künstler. Das bezeugen nicht nur die 82 Radierungen zu dem Titel: Die Schrecken des Krieges. Darin geht es um die napoleonischen Machtkämpfe, die die Zivilbevölkerung erfassen, um Soldaten, die zu Schlächtern werden. Berühmt sein großes Ölbild: Die Erschießung der Aufständischen.
Protest der DDR-Schriftsteller am 28. Oktober 1989 in der Berliner Erlöserkirche. Daniela Dahn und Jürgen Rennert moderierten vor 4000 Besuchern, während Hunderte auch vor der Kirche die Lautsprecherübertragung in dieser kalten Herbstnacht bis weit nach Mitternacht verfolgten. Die Fotos stammen aus dem Archiv derDDR-Opposition unter dem Dach der Robert-Havemann-Gesellschaft. Auf den nächsten Seiten sieht man links Heiner Müller und Stephan Hermlin und rechts im Publikum weitere Prominente.
Goya karikiert die Anklage der Zeit und den Tod der Wahrheit. Drastisch illustriert er Hexenverfolgung und Gräuel der Inquisition, von der er selbst angeklagt wurde, aber Schutz durch den König fand. Unter dem Titel Die Gefangenschaft ist so barbarisch wie das Verbrechen zeigt er die Qual an Händen und Füßen angeketteter Gefangener, das trostlose Dasein von Insassen sogenannter Irrenhäuser, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Aufruhr, Raubüberfälle, Morde – und immer wieder umflattern schwarze Nachtvögel des Schreckens die Szenerien. Die Ungeheuer von damals.
Meine Hemmschwelle, mich Goyas magischer Metapher zu bedienen, wird abgemildert durch den Umstand, dass mich eine nachhaltige persönliche Erinnerung mit seinem Denkspruch verbindet. Unter dem Motto Wider den Schlaf der Vernunft moderierte ich am 28. Oktober 1989 mit dem Lyriker Jürgen Rennert in der Berliner Erlöserkirche eine sechsstündige Protestveranstaltung ausnahmslos aller namhafter Schriftsteller der DDR. Nie zuvor hatten sie so vereint an einer Veranstaltung teilgenommen – Heiner Müller und Stefan Heym, Christa Wolf und Volker Braun, Stephan Hermlin und Elke Erb, Günter de Bruyn und Christoph Hein, Wolfgang Kohlhaase, Joochen Laabs und viele mehr.
Auslöser für diese gemeinsame Entschlossenheit war der Protest gegen den gewaltsamen Umgang der Polizei mit friedlichen Demonstranten während des 40. Jahrestages der DDR drei Wochen zuvor. Wir forderten eine unabhängige Untersuchungskommission (die später auch eingerichtet wurde) und weitgehende Reformen. Wir seien zu Herausforderern und Herausgeforderten zugleich geworden, sagte ich eingangs. Diesmal würden wir es genau wissen wollen, was das sein könnte: Sozialismus. Es ging gegen den Kurs der schläfrigen Gerontokraten im Politbüro und in anderen Büros. Darüber gab es Einigkeit, und alle ergänzten das für sie Wichtigste: statt eines Apparates einen demokratischen Staat, Machtkontrolle und Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte und Medien, weder Zensur noch Vormundschaft. Stattdessen Glaubwürdigkeit. Minister, die in des Wortes Sinn tatsächlich Diener sind. All das würde auf eine neue Ordnung hinauslaufen, aber eine im eigenen Haus.
Fünfunddreißig Jahre danach geht es um nichts Geringeres, sondern um mehr. Um die Ungeheuer von heute. An der Schwelle zu einem Weltordnungskrieg stehend, der ein atomarer sein könnte, zusätzlich vom Klima versenkt und versengt, bedroht von selbstdesignten Seuchen, geht es um das Überleben der Menschheit.
Ersetzt man Vernunft durch Moral, wird es gefährlich
Verspotte nicht, verurteile nicht, verdamme nicht, aber versuche zu verstehen.
Baruch de Spinoza
Verstehen ist die Voraussetzung jeder Erkenntnis, die zu Vernunft führen soll. Ich bewundere die Weisheit von Spinoza, muss aber gestehen, dass ich so viel Großherzigkeit nicht aufbringe. Allerdings fange ich nicht, wie üblich geworden, mit dem Verspotten und Verdammen an, sondern bemühe mich intensiv und ernsthaft, meine Erkenntnisse aus der Kette der Bedingtheiten zu gewinnen. Aber dann will ich auch urteilen, wenn nicht verurteilen dürfen. Sonst bleibt das Ganze eine unverbindliche Übung, von der auch diejenigen, die ich zum Mitdenken und Widersprechen einlade, nichts hätten.
Der Verzicht auf Gewalt nach der Brutalität des von NS-Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieges sollte die zentrale Errungenschaft des 20. Jahrhunderts sein. Gleich der erste Satz der Präambel der im Juni 1945 verabschiedeten UN-Charta beschwört: «Wir, die Völker der Vereinten Nationen – (sind) fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat.» Fast achtzig Jahre später sind jene «künftigen Geschlechter» längst die heutigen – die Geißel des Krieges ist wieder da. Sie sind ohne eigene Erinnerung an das unsagbare Leid von damals. Zum Glück fehlt ihnen auch die Entbehrungserfahrung der Nachkriegsgeneration und die angstvolle Anspannung im Kalten Krieg. Dass es ihnen vor der aufziehenden Weltkriegsgefahr weitgehend die Sprache verschlägt, ist dennoch erstaunlich. Haben wir Älteren nicht nachdrücklich genug gewarnt? Lagern all die Antikriegsfilme und -bücher nur noch in Archiven? Deutschland gibt heute weniger als 0,3 Prozent seiner Rüstungsausgaben für die UNO aus. Wessen Vernunft hat sich durchgesetzt? Oder wessen Interessen?
Niemand, wirklich niemand, der sich jetzt so vehement für Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht, kann garantieren, dass diese nicht mehr Menschenleben kosten, als sie zu schützen vorgeben. Die Nachkommen protestieren nicht gegen die Militarisierung des Denkens und Handelns, nicht gegen das Nichterfassen des ökologischen Fußabdrucks des Militärs. Die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline brachte laut Umweltbundesamt den größten dokumentierten Methan-Ausstoß in der Geschichte der Menschheit – sie fragen nicht danach. Zweifeln sie wenigstens an der Vernunft derjenigen, die ihnen diese beschädigte Welt übergeben haben? «How dare you?», fragt eine Minderheit die verantwortlichen Funktionsträger. Hatten diese wiederum je die wirkliche Chance, auf ihre Vernunft zu hören statt auf die Interessen der brotgebenden Götter, denen sie sich anzudienen hatten?
Das bildungsbürgerliche Hegel-Zitat haben die Macher von heute womöglich in der Schule gehört, aber nicht auf sich bezogen: «Was die Erfahrung und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.» Wir alle scheinen wehrlos gegen den näher kommenden Bug einer Propaganda-Welle, die Krieg zum Normalzustand erklärt und Frieden zur Ausnahme. Ich erlebe eine zu meinen Lebzeiten bisher nie gekannte geistige Mobilmachung.
Dabei war es so seit der Antike: Um von der Notwendigkeit der Vorbereitung oder Führung des Krieges zu überzeugen, bedarf es vor allem eines klaren Feindbildes. Dieses Kriegsdelirium verschlägt auch mir täglich neu die Sprache, ich muss mich zwingen, sie nicht zu verlieren. Denn gerade das Aufbegehren gegen Kriegsergebenheit, Demagogie, Kontext-Verdammung, Doppelmoral, Fakes und Ratlosigkeit zähle ich zu meiner Verantwortung als Essayistin. Wie den Appell an das, was ich mir als Vernunft erarbeitet habe – auf einem Grat zwischen Demut und Entschiedenheit. Derweil werden die Mobilmacher auf ihrer großen Bühne immer beredter und austauschbarer.
Der Tag beginnt mit der Morgenandacht des Rundfunkbeauftragten der evangelischen Kirche Sachsen im DLF.[2] Er wendet sich direkt an die Soldaten der Bundeswehr. Natürlich ist seine Grundbotschaft: «Krieg soll um Gottes willen nicht sein.» Doch was ist Gottes Wille, um Krieg zu verhindern? Auf die Friedensbotschaft des Evangeliums durfte ich da nicht hoffen. In Erinnerung geblieben sind mir bleischwere Sätze, sicher aus dem friedensrhetorischen Zusammenhang gerissen: «sich rüsten, konkrete Kriegshandlungen abzuwehren oder durchzuführen – in Auslandseinsätzen, zum Glück nicht in unserem eigenen Land – Konflikte, die ohne Gewalt oder Gewaltandrohung nicht zu lösen sind – Krieg nur letztes Mittel – Waffen entwickelt, um abzuwehren, aber auch, um zu töten – Bundeswehr lebensgefährlicher Job – mit der Möglichkeit eines vorzeitigen Todes aussöhnen – wir leben oder sterben, fast klingt es gleichgültig – wir bleiben in Gottes Hand – immer – ob Soldatinnen oder Zivilisten – in der Ewigkeit bei Gott.»
Wo bleibt der Aufschrei der Seelsorger? Gibt es noch so etwas wie friedensbekennende Kirche? «Derjenige ist stärker, der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut der weißen Fahne hat». Äußerungen von Papst Franziskus wurden in der taz, die einst als Blatt der pazifistischen Grünen begann, als «päpstlicher Irrsinn» denunziert. Franziskus verrate das ukrainische Volk, das sei «menschenverachtend und politisch kurzsichtig». Die Forderung nach wertebasierter Kriegsführung macht auch vor dem Heiligen Stuhl nicht mehr Halt: Gerade wenn man sieht, dass es nicht gut läuft, müssen die ukrainischen Soldaten den Mut haben, weiter zu kämpfen, bis alles in Scherben liegt. Die Kriegshysterie nimmt totalitäre Züge an. Das Angebot von Waffenstillstand und Verhandlungen wäre zumindest ein dem Leben zugewandtes Risiko!
Am Nachmittag desselben Tages ergreift im DLF der Politikwissenschaftler das Wort.[3] Die Friedensbewegung tue so, als hätte Deutschland oder der Westen wesentliche Verantwortung für den Krieg in der Ukraine und in Gaza. «Das ist nicht der Fall.» Nachdem er uns so beherzt ins Boot der Guten geholt hat, erinnert er an eine alte Weisheit: «Man muss permanent in der Lage sein, den Krieg zu denken, um ihn verlässlich verhindern zu können. Das ist etwas, was in der Breite der Gesellschaft und in der Politikwissenschaft vergessen worden ist.»
Eine Gesellschaft, die permanent den Krieg denken können muss, kann einem nur leidtun. Was ist denn das für ein Leben? Ich will nicht einmal permanent den Frieden denken müssen. Ich will einfach ganz selbstverständlich friedlich mit allen nahen und fernen Nachbarn leben können. Krieg ist bekanntlich nichts als Drückebergerei vor den Aufgaben des Friedens.
«Wenn die Ukraine verliert, dann wird das heißen, Angriffskrieg ist möglich, verschieben von Grenzen mit militärischer Gewalt ist möglich», fährt er fort. Da hat die Politikwissenschaft offenbar noch mehr vergessen. Ist es doch erst 25 Jahre her, dass mitten in Europa mit deutscher Beteiligung Angriffskrieg und Verschieben von Grenzen mit Gewalt möglich waren. Das gilt bis heute als gute Tat. Ich komme auch darauf zurück.
