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Mein Nachbar, Herr Wolf, duzt mich, obwohl er mich eigentlich siezen müsste. Distanzlos nenne ich dieses Verhalten … Ich werde Herrn Wolf töten, um mich endgültig von meinem Leidensdruck zu befreien … Nach drei Sätzen versteht jeder Leser der schwarzen Satire "Der Treppenwolf" den schwelenden Grundkonflikt zwischen zwei Bewohnern eines großen Mietshauses. Wie die Geschichte ausgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Fest steht nur eines: Zum Halsabschneiderpreis von 1, 49 Euro erzählt der Satiriker Erhard Schümmelfeder außerdem die Geschichten "Der Weltstar", "Die Flausen meines Bruders", "Der Süden im Norden", "Notruf", "Der Vermieter schreibt an seine Mieter" und "Deutsche Vita". – Leserstimmen zum TREPPENWOLF: "… eine grandiose Kurzgeschichte …" (Frieda Y) "… genial geschrieben …" (LyFa) "Eine gekonnt inszenierte Ich-Erzählung, die dem Leser ein intensives Bild über menschliche Abgründe offenbart." (Heike Wolter)
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Erhard Schümmelfeder
Der Treppenwolf
und andere Satiren #12
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
DER WELTSTAR
DIE FLAUSEN MEINES BRUDERS
DER TREPPENWOLF
ALLES GUTE
DER SÜDEN IM NORDEN
DEUTSCHE VITA
Impressum neobooks
oder
MONOLOG IM SCHATTEN
Der? Den kenne ich. Der saß früher in der Schule neben mir. Der hat sogar von mir abgeschrieben. Von mir. Der konnte ja anfangs kein Wort Deutsch. Sah aus wien Hungerleider. War er ja auch. Die Sachen, die der trug, stammten aus der Altkleiderkammer. Sah man sofort. Viel zu groß. Auch die Schuhe: Löcher inne Sohlen. Mit dem war nicht viel los. Sah man gleich. Ich hab mich ganz links an das äußerste Ende der Bank gesetzt. Mit dem wollte ich nix zu tun haben. Er rückte mir aber immer dicht auf die Pelle. Bis ich dann mit Bleistift inner Mitte vom Tisch die Linie zog. Dies hier is meine Seite, hab ich ihm gesagt, das da is deine Seite. Er hat sich auch dran gehalten. Aber abgeschrieben hat er trotzdem bei mir. Mit Stielaugen. Viel genützt hat es ihm nicht. Für die ersten Arbeiten kriegte der jedes Mal ne 6. Oft hatte der noch nicht mal n Bleistift. Weil er kein Lineal besaß, nahm er das Lesebuch, wenn er mal ne gerade Linie ziehen musste.
Nach der Schule hat er unter den Bänken die liegengelassenen Pausenbroten gesucht. Ja, so einer war das. Das glaubt heute keiner mehr. Aber ich habs selbst gesehen. Der hat immer die Ohren gespitzt, wenn wir anderen Jungen uns unterhielten. Hat genau zugehört. Es dauerte nicht lange, bis er auch so halbwegs sprechen konnte. Später wurde es dann besser mit seiner Aussprache. Aber dieser fremde Akzent blieb natürlich. Die Mädchen fanden das sogar interessant. Na ja, was solls. So sind die eben. Er ist dann ja ein bisschen in unserer Achtung gestiegen, weil er meistens gute Noten schrieb. Wenn man bedenkt, wie dumm der war, als er zu uns inne Klasse kam - ja, das war schon ne Steigerung.
Aber die erste Zeit hat der - wie gesagt - von mir abgeschrieben. Von mir. Die Lehrer haben das großzügig übersehen. Als ich dann später mal bei ihm abschreiben wollte, hatte unser Deutschlehrer mich gleich am Kragen. So nicht, Bürschchen, hat er gesagt und mir ne 6 gegeben. Das war auch nicht richtig, finde ich. Bei so einem haben sie beide Augen zugedrückt. Unsereins ist sofort hart bestraft worden. Nee, das war nich in Ordnung.
Genau wie diese Sache mit dem Direx. Ich hab den mal in der Klasse nachgemacht. Da gabs gleich was auf die Mütze. Aber als der auf dem Schulfest vorne auf die Bühne stolzierte und das ganze Lehrerkollegium parodierte, lachten sich alle schlapp. Sogar der Direx schlug sich auf die Schenkel und wischte sich die Tränen von der Backe. - Egal. Schnee von gestern.
Bei Schulfesten hatte der immer seine großen Auftritte. Irgendwann hat er sich ne Gitarre um den Hals gehängt und dazu geträllert. Die Mädchen waren ganz aus dem Häuschen. Schlimmer noch: Die fingen an zu kreischen, wenn er irgend so ne Schnulze sang. Richtig hysterisch wurden die. Da kann man nur den Kopf schütteln.
