Der Weg nach Sevilla - Meddi Müller - E-Book

Der Weg nach Sevilla E-Book

Meddi Müller

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Beschreibung

Die Eintracht hat es geschafft. Sie steht im Europa-League Finale! Die drei Freunde und Eintracht-Fans Siggi, Gerry und Erwin freuen sich auf das Endspiel in Sevilla. Sie wollen unbedingt live dabei sein, wenn ihr Verein um den historischen Sieg des Pokals gegen die Glasgow Rangers spielt. Leider haben sie vergessen, Karten zu kaufen. Jeder der Drei dachte, der Andere kümmert sich darum. Als sie es bemerken, ist das Spiel längst ausverkauft. Ebenso alle Flüge nach Sevilla. Um dabei sein zu können, bleibt nur eine Lösung: Sie müssen mit Siggis altersschwachem VW-Bus nach Spanien fahren und darauf hoffen, auf dem Schwarzmarkt Eintrittskarten zu bekommen. Aber auf einem fast 3000 Kilometer langen Weg kann viel passieren. Folgen Sie Siggi, Gerry und Erwin auf ihrem Abenteuer quer durch Europa – eine aberwitzige Reise zum großen Finale, die mitunter lebensgefährliche Züge annimmt.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Meddi Müller

Der Weg nach Sevilla

Roman

eISBN 978-3-911008-19-8

Copyright © 2025 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerd Fischer

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de

Inhalt

Der Autor

Eine Idee wird geboren

Frust, Lust und (Vor-)Freude

Letzte Hürden

Abfahrt

Die Gelben Engel

Die Stadt der Liebe

PSG

Inklusion

Amors Pfeil

Unterm Sternenhimmel

Amors Schrotflinte

Kaffee und Guardia Civil

Spanische Gardinen

Schwarzmarkt

Spanische Gardinen ... schon wieder.

Das Spiel

Vom Suchen ...

... und Finden

Rückfahrt

Epilog

Danksagungen

Der Autor

Meddi Müller ist Frankfurter seit seiner Geburt 1970. Seit er Jürgen Grabowskis Abschiedsspiel live im Frankfurter Waldstadion gesehen hat, ist er glühender Eintracht-Fan. Mit der Eintracht erlebt man alle Höhen und Tiefen. Von der Rückrunde der Schande bis hin zum Europa-League Triumph und DFB-Pokalsieg ist alles dabei. Neben seinem Hauptberuf als Feuerwehrmann in Frankfurt, ist er Autor zahlreicher Frankfurt-Romane, Podcaster, Moderator und Kulturaktivist.

Eine Idee wird geboren

»Sevilla, Mann!«, schrie Siggi. »Das ist wie Urlaub. Da müssen wir hin.«

Siggi, Gerry und Erwin saßen im Adler-Eck am Tresen und schauten sich gespannt die Zusammenfassung des gestrigen Spiels der Eintracht gegen West Ham United auf dem großen Bildschirm an, der in einer Ecke der Kneipe hing. Die Eintracht aus Frankfurt hatte am Vorabend den Einzug ins Finale der Europa League geschafft. Man hatte Geschichte geschrieben. Die drei Freunde waren live dabei gewesen und immer noch euphorisiert. Seit vielen Jahren waren sie Dauerkartenbesitzer für die Heimspiele der Eintracht im Frankfurter Waldstadion. Niemand benutzte den Sponsorennamen, den das Stadion mittlerweile offiziell trug. »Kommerzscheiß«, wie Siggi immer betonte, den man nicht mitmache.

»Echt? Wo genau is’n das ... dieses Sewilla?«, fragte Gerry, der schon ein oder zwei Äppler zu viel getrunken hatte und sich bereits mit seinen Ellbogen am Tresen abstützen musste.

»Das ist in Italien oder in Portugal«, warf Erwin ein, der im Laufe des Abends das ein oder andere Mispelchen unterschätzt hatte und fügte an: »Das ist doch blöd, ich hab’ keinen Reisepass.«

»Boar, Junge.« Siggi rollte mit den Augen. »Wie habt ihr eigentlich die Schule geschafft?«

»Keine Ahnung«, lallte Gerry und bestellte noch ein Herrengedeck. »War eh nie da.«

»Warum bin ich nicht überrascht?«, sagte Siggi, nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Tiefgespritzten und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. Er knallte das Gerippte auf den Tresen und schaute seinen Kumpel an.

»Du hast das ernst gemeint, oder?«, stellte er aus einer Mischung aus Entsetzen und Erkenntnis fest.

»Was?«

»Das mit dem Reisepass.«

»Klar. Den braucht man doch, wenn man ins Ausland verreist.« Erwin schüttelte ungläubig den Kopf. »Desdewegen heißt es ja auch Reisepass. Und jeder weiß doch, dass Portugal nicht in der EU ist.« Er überlegte kurz. »Ist das überhaupt noch Europa?« Er legte den Kopf in eine Denkerpose. »Logo, muss ja. Ist ja das Europa League Finale.« Er schlug sich an die Stirn. »Ich Dummerchen. Aber warum die das unbedingt auf einer Insel machen müssen, versteh ich nicht. Da kommt man doch voll schwer hin.«

Siggi starrte seinen angetrunkenen Freund entsetzt an.

»Was denn?«, fragte dieser, als er den bohrenden Blick Siggis bemerkte.

»Das ist auf so vielen Ebenen verstörend«, sagte Siggi.

Friedhelm, der Wirt des Adler-Ecks riss Siggi aus seinem stillen Entsetzen. »Wofür genau hätte der Gerry denn den Schulabschluss gebrauchen können?«, fragte der Wirt, der eigentlich Frank hieß, von allen aber nur Friedhelm genannt wurde, weil er dem ehemaligen Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel entfernt ähnlich sah. Er brachte das gewünschte Herrengedeck und drapierte es elegant vor Gerry auf dem Tresen. Friedhelm spielte mit seiner Bemerkung darauf an, dass Gerry vermögend war.

Gerry Sodermann war eine unscheinbare Erscheinung und schien irgendwas zwischen vierzig und sechzig Jahre alt, wie alle vermuteten. Niemand wusste das so genau. In Wahrheit war er achtunddreißig, was logisch war, denn sowohl Siggi als auch Erwin waren mit ihm seit der ersten Klasse gemeinsam in die Schule gegangen.

Gerry war lang, dürr und früh ergraut. Fast immer in Jeans und weißem T-Shirt gekleidet, von denen er Unmengen besaß. Gerry hatte irgendwann mal in geistiger Umnachtung (manche sagen auch in einem seiner wenigen hellen Momente, je nach Erzählweise) in den 1990er Jahren ein Aktienpaket gekauft. Das hatte er einfach liegen lassen. Man könnte auch sagen: Vergessen.

Jedenfalls befanden sich in diesem Fonds Aktien von Unternehmen, die wir heute Start-ups nennen würden. Das Wertpapier-Paket wurde ständig von der Bank erneuert und beinhaltete irgendwann Firmen wie Apple, Microsoft, Pixar, Google und die einiger Öl- und Gaskonzerne. Eine kurzfristige Eroberung Gerrys hatte eines Tages auf der Suche nach dem Klopapier das Zertifikat für das Aktien-Paket in seinem Badezimmer, zwischen kostenlosen Wurfzeitungen und lustigen Taschenbüchern, gefunden und es auf den Wäschekorb gelegt. Dort fand es Gerry sehr viel später, als er keine sauberen Unterhosen mehr hatte und wusste nichts damit anzufangen. Deshalb legte er es in die Küche zum Altpapier. Zum Glück war Gerry eher faul und leerte den Altpapierabwurf erst dann, wenn es gar nicht mehr anders ging. Der Turm in Babel war stabil gegen das Konstrukt auf Gerrys Altpapier-Mülltonne. So fand Siggi, der Gerry zum Heimspiel gegen Wolfsburg abholen wollte, den Besitzschein schließlich und klärte Gerry über dessen Wert auf. Gerry sah das ziemlich emotionslos, verkaufte den Schein aber doch und wurde in Bitcoins bezahlt. Erwin und Siggi eröffneten ihm daraufhin, dass er sich über den Tisch hatte ziehen lassen. Dieses Bitcoinzeugs würde nie den Wert echten Geldes erreichen, da es für Nerds gedacht sei.

Da Gerry kurz darauf einen hohen fünfstelligen Lottogewinn erzielte, mit einem Schein, den er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, kümmerte er sich nicht darum und ließ die Bitcoins liegen. Das war Anfang der 2000er. Ein Neffe Gerrys, entdeckte vor ein paar Jahren die Bitcoins auf der Festplatte, als er bei seinem Onkel zu Besuch war. Der Junge spielte gerade Counter Strike an Gerrys PC, als er die Datei mit den Bitcoins fand. Der Vierzehnjährige klärte seinen Onkel über den jetzigen Stand der Kryptowährung auf. Gegen einen Finderlohn im sechsstelligen Bereich wandelte der Knirps die Bitcoins in Euro um. Seitdem hatte Gerry für kommende Generationen ausgesorgt. Er lebte von den Zinsen seines Gewinnes mehr als gut. Gerry war das alles reichlich egal, denn für ihn änderte sich nichts. Er hatte vorher in den Tag gelebt und tat es nach dem Verkauf der Bitcoins weiterhin. Nur jetzt halt mit Geld.

»Wir müssen da hin!«, bestätigte Erwin und kippte seinen Äppler auf Ex. Er schmetterte das Glas auf den Tresen, wofür er einen tadelnden Blick Friedhelms kassierte und sah sehr entschlossen aus.

Erwin Böhmer war ein kleiner, schmaler Mann. Er hatte einen braunen Lockenkopf und sah zum Knuddeln aus. Erwin hatte einen Schlag bei den Frauen, das musste man anerkennen. Aber genau das war auch sein größtes Problem, denn er hatte fünf Kinder von drei Ex-Frauen und alle wollten Unterhalt von ihm. Er verliebte sich rasend schnell und dann auch noch mit aller Leidenschaft. Aber genauso schnell hatte er auch wieder genug von seinen Eroberungen, ... oder die von ihm. Das hielt sich die Waage.

Erwin arbeitete im Lager beim IKEA. Das war ein Job, bei dem er nicht allzu viel nachdenken musste und kaum Verantwortung trug. Er vermied es, an Europapokalspielabenden, wenn die Eintracht spielte, Spätdienste zu machen und an Bundesligasamstagen schon mal gar nicht. Alles andere ertrug er stoisch. Sein Leben war einfach. Außer er musste sich mit seinen Ex-Frauen und seinen Kindern beschäftigen. Dann wurde es meistens kompliziert. Derzeit war er mal wieder Single und Poweruser bei Tinder.

»Also«, sagte Siggi und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Wie ist der Plan?«

Siggi Schmidt liebte das Drama. Stets in feinem Zwirn gekleidet und ordentlich das braune Haar frisiert. Peinlich darauf bedacht, sein Eintracht-Tattoo am Unterarm während der Arbeit zu verbergen, da er sich als Autoverkäufer immer neutral geben musste.

Er war ein Meister darin, Argumente zu finden, warum gerade dieses Auto für den aktuellen Kunden das Beste war. Er bog die Wahrheit bis kurz an die Sollbruchstelle, redete die offensichtlich hässlichen Dinge schön und machte Rabattangebote, die utopisch klangen, aber auch gerade noch realistisch waren. Früher war er bei einem FIAT Händler angestellt. Dort hatte er es als einziger Verkäufer geschafft, den Kunden einen FIAT Multipla anzudrehen; das erwiesen hässlichste Auto, das je gebaut wurde. Dadurch erreichte er in der Branche Legendenstatus. Seine Fähigkeiten brachten ihn in die komfortable Lage, sich seinen Arbeitgeber aussuchen zu können. Mittlerweile arbeitete er am Kaiserleikreisel für Mercedes. Dort duldete man sogar, dass er einen Porsche fuhr. Sein Einkommen war sehr ordentlich, denn er schaffte es eigentlich immer, zwei oder drei Autos im Monat zu verkaufen. Manchmal sogar mehr. Sein Rekord lag bei zweiundzwanzig. Auch das trug zu seiner Legendenbildung in der Branche bei. Er hatte ein Gespür dafür, was sein Gegenüber in diesem Moment brauchte ... und das gab er ihm.

»Wir haben doch alle eine Dauerkarte und sind Mitglieder«, warf Gerry ein.

»Wie dreißigtausend andere auch.«

»Wir haben Barcelona übernommen, warum sollte das nicht auch mit Sevilla gelingen?«, zeigte sich Siggi gelassen und nahm einen Schluck von seinem Äppler. »Noch einen«, rief er Friedhelm zu, der nickte kurz und zapfte nach.

»Wann startet der Vorverkauf?«

»Keine Ahnung«, sagte Erwin. »Das werden wir schon rausfinden.«

Frust, Lust und (Vor-)Freude

»Warum habt ihr nichts gesagt?«, wollte Siggi wissen.

»Warum hast du nichts gesagt?«, konterte Erwin.

»Ich dachte, ihr guckt danach.«

»Haben wir aber nicht«, sagte Erwin. »Ich hatte Probleme in der Arbeit. Mein Chef will mir keinen Urlaub im Mai geben. Er sagt, er will mit seiner Frau und den Kindern an die Nordsee fahren und ich müsse den Laden schmeißen.«

»Ach«, machte Siggi beleidigt und ohne einen Funken Mitleid. »Und dann geht man davon aus, dass die anderen beiden Mitstreiter auch keinen Urlaub bekommen und wir die Karten dann ja eh nicht brauchen, oder was?«

»Warum machst du mich jetzt so blöd von der Seite an?«, giftete Erwin. »Meinst du, ich komme gegen den Willen der Frau meines Chefs an, oder was? Wo der eh Angst vor der Ollen hat, wie nur was. Der da ...«, er zeigte auf Gerry, der ziemlich unbeteiligt auf seinem Barhocker saß, »... liegt den ganzen Tag auf der faulen Haut und hätte sich locker um die Karten kümmern können.«

»Das hättet ihr mir sagen müssen«, erwiderte Gerry gelassen und wies damit jedwede Schuld weit von sich.

»Ernsthaft?!«, rief Erwin. Er war außer sich.

»Jetzt chill doch mal deine Nuggets«, sagte Gerry und bugsierte ein Stück Handkäse mit dem Messer auf eine Brotscheibe.

»Was?!«

»Du sollst dich beruhigen«, half Siggi.

»Warum redet der so?«

»Sein Neffe ist wieder zu Besuch.«

»Welcher? Der mit den Bitcoins?«

»Neee, der mit der Behinderung.«

»Oh, wie schrecklich. Was hat er denn für eine Behinderung?«

»Ist Bayern-Fan.«

»Was?!«, schrie Erwin auf. »Und so was lässt du bei dir übernachten, Gerry? Was stimmt nicht mit dir?«

»Ist Familie, was willste machen?«

»Furchtbar, sowas.«, sagte Siggi gedankenverloren und fügte an: „Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.“ Alle drei tranken in stillem Gedenken an das schreckliche Schicksal des Neffen.

»Was machen wir denn jetzt?«, nahm Gerry das eigentliche Problem wieder in Angriff.

»Wir fahren auf alle Fälle hin«, beschloss Siggi.

»Das steht schon mal fest. Aber wie kommen wir ins Stadion?«, wollte Erwin wissen.

»Ich hab’ gehört, vor dem Stadion gibt es einen Schwarzmarkt. Da kann man Karten kaufen. Das passt schon«, erklärte Siggi ganz im Stile des weltmännischen Geschäftsmannes.

Gerry machte ein abfälliges Geräusch.

»Hört, hört«, sagte er schließlich. »Wo genau ist er denn, der Schwarzmarkt? Stehen da so Typen mit einem Bauchladen und verkaufen Karten? Ist der schwarz angepinselt? Gibt’s da Wegweiser, auf denen steht ›Hier geht’s zum Schwarzmarkt‹? Oder schreien die rum, wie auf dem Fischmarkt.« Er lachte abschätzig und ahmte einen Marktschreier nach: »Drei Eintrittskarten für die Herren, kein Problem! Und noch einen Aal dazu, ich muss bekloppt sein. Noch ’ne Banane obendrauf? Meine Alte bringt mich um, ich leg’ dabei drauf!« Er schnaufte frustriert. »So ein Blödsinn«, schob er nach und wechselte dann in Sarkasmus. »Aber zum Glück kennt sich der feine Herr Schmidt in Sevilla bestens aus. Ganz so, wie ein gebürtiger Italiener.«

»Spanier, du Depp«, konterte Siggi.

»Wie sagte einst ein großer Spieler der Eintracht?«, wehrte sich Gerry. »Mailand oder Madrid, egal, Hauptsache Spanien.«

»Ja, ja«, machte Erwin gelangweilt. »Wer kennt es nicht? Das berühmte Zitat von Andy Möller.«

»Die olle Heulsuse«, sagte Gerry abschätzig und biss in sein Handkäsbrot. »Mit seiner Schwalbe in Dortmund hat der bei mir verschissen bis in die Steinzeit.«

»Darum geht es hier ja auch gar nicht«, schaltete sich Siggi ein. »Wir haben ein Problem, das es zu lösen gilt. Wir haben keine Karten. Uns droht ein emotionaler Verlust, der mit nichts aufzuwiegen ist. Wir sind seit Geburt Eintracht-Fans, verdammt nochmal. Wir haben den Adler im Blut. Wir müssen bei diesem Spiel live dabei sein. Es geht hier um ein Ereignis, das der ersten Mondlandung gleichzusetzen ist. Nur halt auf der Erde. Versteht ihr?«

»Hast ja recht, Siggi«, stimmte Erwin zu und bestellte noch eine Runde. »Es geht nicht um Leben und Tod, es geht um mehr. Da sind wir uns alle einig.«

In Gedanken versunken saßen die drei Freunde in einer trübseligen Reihe am Tresen. Sie glichen Vögeln, die auf einer Hochspannungsleitung verharrten und darauf warteten, dass es endlich aufhörte zu regnen.

Friedhelm kam zu den drei geknickten Gestalten, verteilte die Getränke vor ihnen und stützte sich hemdsärmelig auf.

»Hört mal zu, ihr drei Pappnasen.« Siggi, Erwin und Gerry hoben langsam die Köpfe. »Wenn ihr auf mich hört«, fuhr der Wirt fort, »macht ihr einfach so ein Männerfreundschaftsding draus.«

»Hä?«, machte Gerry.

Friedhelm nahm ein Glas und trocknete es ab.

»Fahrt doch einfach mit dem Auto da runter und macht einen Männer-Trip draus.«

»Mit dem Auto?«, rief Erwin. »Das sind bestimmt zehntausend Kilometer. Bist du irre?«

»Genau genommen sind es knapp Zwotausenddreihundert«, gab Friedhelm zurück.

»Na dann ... das ist ja quasi um die Ecke«, rief Erwin theatralisch und warf die Hände nach oben. »Auf nach Sevilla.« Er durchwühlte seine Taschen.

»Was suchst du denn?«, wollte Siggi wissen.

»Ach nichts«, sagte Erwin und suchte weiter. »Ich finde nur meine Tankstelle nicht, die ich heute Morgen eingepackt habe. Die werden wir nämlich brauchen.«

»Deinen Sarkasmus kannst du dir wohin stecken, du Eumel«, sagte Friedhelm beleidigt. »Ich wollte nur helfen.«

»Du hast schon die Benzinpreise mitbekommen, oder?«, legte Erwin nach. »Da brauchen wir zusätzlich zu der Tankstelle noch einen eigenen Geldtransporter.«

»Geld spielt keine Rolle«, sagte Gerry, der die ganze Zeit geschwiegen hatte und nahm einen Schluck von seinem frischgezapften Bier. Damit war die Sache entschieden. Jetzt musste Erwin nur noch Urlaub bekommen. Aber da sollte der Zufall helfen.

Tags darauf war Erwin wild entschlossen, sich den Urlaub zu beschaffen. Den halben Tag lang legte er sich die Worte zurecht, mit denen er Sören, seinen Chef, überzeugen wollte. Immer wieder formulierte er um. Überlegte, ob er jammern, schimpfen oder mit Kündigung drohen sollte. Aber alles, was er sich zurechtlegte, gefiel ihm nicht. Wenn Sörens Frau mit ihm und den Kindern an die Nordsee wollte, gab es wenig Spielraum. Sörens Frau hatte sogar Haare auf den Haaren, so viel stand schon mal fest. Mit der war nicht zu spaßen. Sie war das Gesetz.

Nach der Mittagspause beschloss Erwin, einfach zu improvisieren. Er stellte sein Tablett in die Geschirrrückgabe der Kantine, atmete kurz durch und machte sich voller Elan auf die Suche nach seinem Vorgesetzten. Sörens Frau hin oder her. Hier ging es um ein Jahrhundertereignis, das er sich nicht entgehen lassen wollte. Das war ein Ein-mal-im-Leben Ding. Er wollte sich nicht vorwerfen lassen, nicht alles dafür getan zu haben.

»Helga«, rief er seiner Kollegin zu, die ihm im Lager über den Weg lief. »Hast du den Sören gesehen?«

»Vorhin war der im SB Lager«, antwortete sie. »Kann auch sein, dass er in der Fundgrube ist. Keine Ahnung, der Typ ist ja wie ein nasses Stück Seife.«

Damit ging sie ihres Weges und Erwin war auch nicht schlauer. Also suchte er weiter. Im Büro war er nicht. Im Aufenthaltsraum auch nicht. Er suchte im Hochregallager und fragte jeden, den er auf seinem Weg traf, ob er den Sören gesehen hatte. Immer wieder wurde die Frage verneint. Er wollte schon aufgeben, als er am Erste Hilfe-Raum vorbeikam. Seltsame Geräusche drangen daraus hervor.

»Oh mein Gott«, entfuhr es Erwin. »Wem geht’s denn da so schlecht?« Er ging näher an die verschlossene Tür und zögerte. Er war kein Ersthelfer und wollte auch kein Blut sehen, weshalb er vor der Tür innehielt. Doch dann hörte er einen lauten Schrei und überwand seine Blutphobie. Er riss die Tür auf und gefror. Er hatte Sören gefunden. Der hatte allerdings keinen medizinischen Notfall. Erwin traute seinen Augen nicht. Er benötigte ein oder zwei Augenblicke, um das Geschehen richtig einordnen zu können. Sören war nicht alleine. Vor ihm kniete ein junger Mann. Erwin erkannte diesen als Frieder, den Azubi im zweiten Lehrjahr. Frieders Kopf war auf der Höhe von Sörens Schritt. Sören hielt den Kopf Frieders mit beiden Händen und nahm Erwin zunächst gar nicht wahr. Er schien in einer Art Ekstase zu sein. Sekunden später wurde es hektisch. Sören stieß den Azubi derart heftig von sich, dass dieser mit lautem Getöse nach hinten gegen einen Arzneischrank knallte. Sören fingerte sich hastig am Schritt herum und Frieder wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Erwins Blicke huschten zwischen den beiden hin und her. Die Situation war eindeutig und nicht wegzudiskutieren. Keiner der drei Protagonisten sagte etwas. Nach einer gefühlten Ewigkeit ergriff Erwin das Wort. »Ach Sören, gut dass ich dich treffe ...«, er machte eine kleine Pause. »Noch mal wegen meines Urlaubs im Mai ... Wie finden wir denn da eine Lösung?«

Am nächsten Abend begannen die Planungen für die Reise nach Sevilla.

»Wieso fahren wir eigentlich mit dem Auto?«, fragte Erwin. »Wenn wir fliegen, sind wir doch ratzfatz hin und zurück.«

»Mit den Flügen am 18. Mai nach Sevilla ist es wie mit den Eintrittskarten«, sagte Siggi.

»Was?«, machte Erwin. »Heißt das, wir stellen uns am 18. Mai morgens an den Flughafen und kaufen Tickets auf dem Schwarzmarkt.« Er tippte sich an die Stirn. »Wie blöd muss man denn sein? Weißt du, wie viel Bullen am Flughafen rumlaufen? Das ist doch illegal.«

»Manchmal bist du wirklich erstaunlich blöd, Erwin«, sagte Siggi und schaute seinen Freund mitleidig an.

»Wenn du das stärkste Spermium warst, hat dein Vater ein echtes Qualitätsproblem«, fügte Gerry hinzu.

»Was soll denn jetzt das Gerede?« Erwin war beleidigt. »Ich will nur kein Risiko eingehen. Wenn die uns am Flughafen verhaften, verpassen wir das Spiel garantiert.«

»Alter, ist das schlimm ...«, murmelte Siggi. »Wie kann einer allein so dämlich sein? Der geht doch auch mit einem Vogelkäfig Milch holen.«

Gerry holte tief Luft und sprach mit Erwin, wie mit einem Kleinkind.

»Erwin, mein Lieber«, begann er und legte vertraulich eine Hand auf dessen Schulter. Gerade so, wie ein Vater seinem Sohn das Biene-Blumen-Prinzip erklärte. »Es geht nicht um die Tickets als solches, sondern darum, dass die alle ausverkauft sind. Und bei Fliegern, im Gegensatz zu Stadionkarten, ist das dann einfach so. Ausverkauft ist ausverkauft. Fertig.«

»Außerdem«, schaltete sich Siggi ein, »ist das Risiko viel zu hoch.«

»Hast du Flugangst, oder was?«, fragte Erwin erstaunt.

»Was? Nein!« Siggi rollte mit den Augen. »Dir muss man auch alles erklären.« Er holte tief Luft und begann seine Erklärung mit einem langgezogenen »Aaaalso ....« Dabei verfiel er in einen Dozententonfall. »Wenn wir darauf setzen, ein Last Minute-Ticket für einen Flug nach Sevilla zu bekommen, laufen wir Gefahr, gar keines zu bekommen. Dann bleibt uns keine Zeit mehr, auf einem anderen Weg nach Sevilla zu gelangen. Ergo müssen wir sicher planen.«

»Will heißen ...?«, fragte Erwin.

»Wir fahren rechtzeitig mit dem Auto da runter«, eröffnete Siggi im Brustton der Überzeugung. »Wir fahren am Samstag vor dem Spiel los. Da bleibt uns massig Zeit, um eventuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.«

»Hä?«, machten Erwin und Gerry im Chor. »Was denn für Hindernisse?«

»Es kann auf so einer langen Reise immer was passieren. Und wenn nicht, umso besser. Dann machen wir uns ein paar schöne Tage in Spanien und gut ist.«

»Ich dachte, das wäre in Portugal«, sagte Gerry.

»Quatsch«, sagte Erwin. »Sevilla ist doch in Italien, du Dummbatz.« Er rollte mit den Augen und nahm einen Schluck von seinem Sauergespritzten. »Ihr rafft auch gar nix. Dabei muss man nur auf eine Landkarte gucken. So schwer kann das ja wohl nicht sein.«

Siggi fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und murmelte. »Ihr macht es einem echt nicht leicht, euch zu mögen.«

Letzte Hürden

»Und wer geht mit dem Hund raus«?, rief Uschi, Siggis Frau. Sie stand an der Kücheninsel und schnippelte Gemüse. Sie war mal wieder auf Diät, nachdem die Waage ihr mitgeteilt hatte, dass sie über fünfzig Kilo wog. Siggi hatte ihr mehrfach versichert, dass sie für eine Frau in den besten Jahren aussah, wie eine Frau, die weit entfernt von ihren besten Jahren ist. Es half nicht. Er musste sich dennoch dem Diktat der Low Carb