Der Zauberhut - Terry Pratchett - E-Book

Der Zauberhut E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Die Scheibenwelt gerät in größte Gefahr, als der junge Münze, achter Sohn eines Magiers, den Vorsitz an der Unsichtbaren Universität an sich reißt. Der Zauberhut, magisches Relikt und Zierde des Erzkanzlers, muss vor dem neuen Herrscher in Sicherheit gebracht werden. Doch ausgerechnet der tolpatschige Rincewind wird für dieses Vorhaben auserwählt. Und gemeinsam mit der schönen Barbarenfriseuse Conina schlittert er in ein haarsträubendes Abenteuer …

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Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

ISBN 978-3-492-97223-9

Mai 2015

© 1988 Terry und Lyn Pratchett

Titel der englischen Originalausgabe:

»Sourcery«, Victor Gollancz Limited, London, in association with Colin Smythe Ltd.

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2004

Covergestaltung: Guter Punkt, München

Covermotiv: Anke Koopmann, Guter Punkt unter der Verwendung eines Motivs von Katarzyna Oleska

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Vor vielen Jahren sah ich in Bath eine wohlbeleibte amerikanische Dame, die einen riesigen karierten Koffer hinter sich herzog. Die kleinen, quietschenden Räder blieben immer wieder in den Pflasterrissen stecken und verliehen dem Ding ein höchst interessantes Eigenleben. In dem Augenblick wurde Truhe geboren. Ich danke jener Frau und allen anderen Leuten in Orten wie Ichweißnichtwo, Nebraska. Vermutlich können sie ein wenig Zuspruch vertragen.

Dieses Buch enthält keine Karte. Der geneigte Leser mag sich seine eigene zeichnen.

Es war einmal ein Mann, der hatte acht Söhne. Ansonsten beschränkte sich seine Bedeutung auf die eines Kommas im Buch der Geschichte. Es ist traurig, aber über gewisse Menschen lässt sich einfach nicht mehr sagen.

Der achte Sohn wuchs auf, heiratete und zeugte ebenfalls acht Söhne. Und da es für den achten Sohn eines achten Sohnes nur einen angemessenen Beruf gibt, lernte er die Kunst der Zauberei. Er wurde weise und mächtig, oder zumindest mächtig, und trug einen spitzen Hut. Normalerweise hätte sich sein Schicksal damit erfüllt.

Nicht so in diesem Fall.

Er ignorierte die Gebote der Magie und handelte zweifellos entgegen aller Vernunft (wobei die warme, oftmals recht verwirrende und unvernünftige Vernunft des Herzens eine Ausnahme bildet), als er aus den Sälen der Zauberei floh, sich verliebte und heiratete, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Er hatte sieben Söhne, und jeder von ihnen war schon in der Wiege mindestens ebenso mächtig wie die übrigen Zauberer auf der Scheibenwelt.

Und dann bekam er einen achten Sohn …

Einen Zauberer hoch zwei. Eine Quelle der Magie.

Einen kreativen Magus.

Der Donner eines sommerlichen Gewitters hallte über die Sandsteinklippen. Tief unten saugte das Meer am Kies, so laut wie ein zahnloser Greis, der seine Suppe schlürft. Einige Möwen segelten träge im Aufwind und warteten darauf, dass etwas geschah.

Der Vater von acht Zauberern saß im spärlichen, raschelnden Gras am Klippenrand, hielt das Kind in den Armen und starrte über den Ozean.

Dunkle Wolken ballten sich am Horizont zusammen und zogen langsam landwärts. Sie schoben jene Art von sirupartigem Licht vor sich her, die auf ein zu allem entschlossenes Unwetter hinweist.

Als hinter ihm plötzlich Stille herrschte, drehte sich der Vater um und starrte aus tränengeröteten Augen auf eine große Gestalt, die einen schwarzen Kapuzenmantel trug.

ALLESWEISS DER ROTE?, fragte der Fremde. Die Stimme war so hohl wie ein leeres Gewölbe, so dicht wie ein Neutronenstern.

Allesweiß lächelte das schreckliche Lächeln eines Mannes, der von einem Augenblick zum anderen überschnappt. Er hob das Kind, damit Tod es betrachten konnte.

»Mein Sohn«, sagte er. »Ich nenne ihn Münze.«

EIN NAME IST SO GUT WIE JEDER ANDERE, erwiderte Tod höflich. Aus leeren Augenhöhlen blickte er auf ein kleines, rundliches und schlummerndes Gesicht. Allen Gerüchten zum Trotz ist Tod keineswegs grausam, er versteht nur sein Handwerk. In dieser Hinsicht kann es niemand mit ihm aufnehmen.

»Du hast seine Mutter geholt«, sagte Allesweiß. Es war nur eine Feststellung, die er ohne jeden Groll traf. Rauch stieg aus dem Tal hinter den Klippen. Nur Ruinen erinnerten an das Haus des Zauberervaters; der Wind wehte Asche über die seufzenden Dünen.

LETZTENDLICH FIEL SIE EINEM HERZANFALL ZUM OPFER, erwiderte Tod. ES GIBT SCHLIMMERE ARTEN ZU STERBEN. GLAUB MIR, ICH KENNE MICH AUS.

Allesweiß sah wieder übers Meer. »Ich konnte sie nicht einmal mit meiner Magie retten«, murmelte er.

AN MANCHEN ORTEN VERSAGT SELBST DIE ZAUBEREI.

»Und jetzt hast du es auf das Kind abgesehen.«

NEIN. DEINEN ACHTEN SOHN ERWARTET EIN ANDERES SCHICKSAL. ICH BIN DEINETWEGEN GEKOMMEN.

»Oh.« Der Zauberer stand auf, legte das Kind vorsichtig ins dünne Gras und griff nach einem langen Stab. Schwarzes Metall glänzte, wies viele silberne und goldene Verzierungen auf, die ebenso komplex wie geschmacklos wirkten. Bei dem Metall handelte es sich um Oktiron, die eherne Substanz der Magie.

»Ich habe ihn selbst hergestellt«, verkündete Allesweiß stolz. »Angeblich kann man einen solchen Stab nicht aus Metall schaffen. Die anderen Zauberer behaupteten, dass er unbedingt aus Holz bestehen muss, aber sie irrten sich. Ich habe mir dabei große Mühe gegeben. Er ist das Werk meines Denkens und Fühlens, und ich werde ihn meinem Sohn überlassen.«

Seine Fingerkuppen strichen liebevoll über den Stab, der auf die Berührung reagierte und leise summte.

»Das Werk meines Denkens und Fühlens«, wiederholte er nachdenklich.

EIN GUTER STAB, pflichtete ihm Tod bei.

Allesweiß hob ihn und blickte auf seinen achten Sohn hinab, der leise gluckste.

»Meine Frau wollte eine Tochter«, sagte er.

Tod zuckte mit den Schultern. Allesweiß starrte ihn verwirrt und zornig an.

»Was ist er?«

DER ACHTE SOHN DES ACHTEN SOHNES EINES ACHTEN SOHNES, antwortete Tod bereitwillig. Der Wind zerrte an seinem Umhang und trieb die dunklen Wolken schneller über den Himmel.

»Und was wird er dadurch?«

EIN KREATIVER MAGUS, WIE DU SEHR WOHL WEISST.

Das Gewitter zögerte nicht, Tods bedeutungsvolle Worte mit einem angemessenen Grollen zu untermalen.

»Und sein Schicksal?«, rief der Vater, um das Fauchen der Böen zu übertönen.

Erneut zuckte Tod mit den Achseln. Bei ihm wirkte diese Geste überaus beeindruckend.

KREATIVE MAGIER BESTIMMEN IHR SCHICKSAL SELBST. SIE SIND KEINE GEWÖHNLICHEN STERBLICHEN WIE WIR. WIE DU, MEINE ICH.

Allesweiß stützte sich auf seinen Stab, trommelte mit den Fingern an schwarzes Oktiron und verlor sich im Labyrinth seiner Gedanken. Nach einigen Sekunden zuckte die linke Braue.

»Nein«, sagte er leise. »Nein. Ich nehme sein Schicksal in meine Hand.«

DAVON RATE ICH DIR AB.

»Schweig! Und hör gut zu. Sie warfen mich hinaus, wiesen auf ihre Bücher und Rituale und die magischen Gebote hin! Sie nennen sich Zauberer, aber in ihren fetten Leibern steckt weniger Magie als in meinem kleinen Finger! Sie verbannten mich. Mich! Weil ich zeigte, dass ich ein Mensch bin! Was sind Menschen ohne Liebe?«

ZIEMLICH ARM DRAN?, vermutete Tod und fügte hinzu: DENNOCH …

»Du sollst zuhören! Man verjagte mich und meine Familie, und wir mussten hier Zuflucht suchen, am Ende der Welt. Es war der Kummer, der meine Frau umbrachte! Außerdem haben die angeblichen Zauberer auch versucht, meinen Stab zu stehlen!« Allesweiß schrie nun, um sich verständlich zu machen. Das Heulen des Sturms wurde immer lauter.

»Ich habe nicht meine ganze Macht verloren«, fuhr der Vater finster fort. »Ich sage hier und jetzt, dass mein Sohn die Unsichtbare Universität besuchen und den Hut des Erzkanzlers tragen wird, und alle Zauberer auf der Scheibenwelt werden sich vor ihm verneigen! Er wird ihnen zeigen, was sich in ihren Herzen verbirgt. In ihren feigen, habgierigen Herzen. Er soll das Schicksal der ganzen Welt bestimmen, und es wird keine mächtigere Magie geben als seine.«

NEIN. Tod sprach dieses eine Wort völlig ruhig und gelassen aus, aber trotzdem zeigte es eine erstaunliche Wirkung. Es war lauter als das Donnern des Gewitters und befreite Allesweiß zumindest zeitweise von seinem Wahn.

Der Vater schwankte unsicher. »Wie bitte?«, fragte er.

ICH SAGTE NEIN. NICHTS IST ENDGÜLTIG ODER ABSOLUT. ABGESEHEN VON MIR NATÜRLICH. WER MIT DEM SCHICKSAL HERUMPFUSCHT, BRINGT DAS GANZE UNIVERSUM IN GEFAHR. ES MUSS WENIGSTENS EIN BISSCHEN PLATZ FÜR DEN ZUFALL BLEIBEN. DIE RECHTSANWÄLTE DES VERHÄNGNISSES VERLANGEN EINE HINTERTÜR IN JEDER PROPHEZEIUNG.

Allesweiß beobachtete das unerbittliche Gesicht des Knochenmanns.

»Soll das heißen, ich muss den Zauberern eine Chance lassen?«

JA.

Die Finger des Vaters machten Pock-pock-pock auf dem Metall des Stabs.

»Dann sollen sie ihre Chance bekommen, wenn die Hölle gefriert«, sagte er.

NEIN. ES IST MIR NICHT GESTATTET, DIR IRGENDEINEN HINWEIS AUF DIE TEMPERATURVERHÄLTNISSE IN DER ANDEREN WELT ZU GEBEN.

Allesweiß zögerte kurz. »Na schön. Sie sollen eine Chance erhalten, wenn mein Sohn den Stab wegwirft.«

KEINEM ZAUBERER KÄME ES IN DEN SINN, SEINEN STAB WEGZUWERFEN, stellte Tod fest. DIE BINDUNG IST VIEL ZU GROSS.

»Trotzdem ist es möglich, das musst du zugeben.«

Tod dachte darüber nach. Das Verb müssen wurde ihm gegenüber nur sehr selten verwendet, aber unter diesen besonderen Umständen war er zu einem Zugeständnis bereit.

WIE DU MEINST, sagte er.

»Ist diese Chance klein genug?«

ICH ERACHTE SIE ALS AUSREICHEND WINZIG, GERADEZU MOLEKULAR.

Allesweiß entspannte sich ein wenig. »Ich bedaure es nicht«, erklärte er in einem fast normalen Tonfall. »Ich würde noch einmal eine solche Entscheidung treffen. Kinder sind unsere Hoffnung auf die Zukunft.«

DIE ZUKUNFT BRINGT KEINE HOFFNUNG, sagte Tod.

»Was denn sonst?«

MICH.

»Abgesehen von dir, meine ich!«

Tod musterte ihn verwundert. ICH VERSTEHE NICHT …

Die Böen zischten und fauchten, legten dann eine kurze Pause ein, um Atem zu schöpfen. Eine Möwe nutzte die Gelegenheit, um hastig in ihr Nest an der Klippe zurückzukehren.

»Gibt es irgendetwas in der Welt, durch das unser Leben lebenswert wird?«, fragte Allesweiß bitter.

Tod überlegte.

KATZEN, sagte er schließlich. JA, KATZEN SIND RECHT NETT.

»Ich verfluche dich!«

DA BIST DU NICHT DER ERSTE, erwiderte Tod gleichmütig.

»Wie viel Zeit bleibt mir?«

Tod holte eine große Sanduhr unter seinem Umhang hervor. Die beiden kristallenen Hälften waren mit einem schwarzen und goldenen Gittermuster geschmückt, und die obere enthielt nur wenige Körner.

OH, UNGEFÄHR NOCH NEUN SEKUNDEN.

Allesweiß straffte seine nach wie vor recht eindrucksvolle Gestalt und richtete den Stab aus schimmerndem Metall auf das Kind. Die rechte Hand des Säuglings kroch wie eine kleine, rosafarbene Krabbe unter der Decke hervor und griff danach.

»Dann lass mich der erste und letzte Zauberer in der Geschichte dieser Welt sein, der seinen Stab an den achten Sohn weiterreicht«, sagte Allesweiß langsam und feierlich. »Ich fordere ihn auf, guten Gebrauch davon …«

AN DEINER STELLE WÜRDE ICH MICH BEEILEN.

»… zu machen, auf dass er der mächtigste …«

Ein Blitz zuckte aus dem Herzen einer Wolke, traf die Hutspitze des Vaters, knisterte über den ausgestreckten Arm, tastete funkenstiebend am Stab entlang und traf das Kind.

Der Zauberer verschwand in einer Rauchwolke. Das dunkle Oktiron glühte grün, weiß und blutrot. Der Knabe lächelte im Schlaf.

Als der Donner verhallte, bückte sich Tod und hob behutsam den Säugling an, der daraufhin die Augen öffnete.

Sie glühten goldgelb, und zwar von innen heraus. Zum ersten Mal in seinem Leben – obgleich dieser Ausdruck nicht ganz angemessen war – begegnete Tod einem Blick, dem er nur mit Mühe standhalten konnte. Die Pupillen sahen etwas, das sich einige Zentimeter hinter seiner Stirn zu befinden schien.

Das mit dem Blitz habe ich nicht beabsichtigt, erklang Allesweiß’ Stimme aus dem Nichts. Ist mein Sohn verletzt?

NEIN. Tod sah das unschuldige und gleichzeitig wissende Lächeln des Knaben. Zögernd drehte er den Kopf. ER IST EIN KREATIVER MAGUS. ZWEIFELLOS WIRD ER WEITAUS SCHLIMMERE DINGE ÜBERLEBEN. WENN DU MICH NUN BEGLEITEN WÜRDEST …

Nein.

ICH MUSS DARAUF BESTEHEN. IMMERHIN BIST DU TOT. Tod hielt vergeblich nach dem Seelenschatten des Vaters Ausschau. WO BIST DU?

Im Stab.

Tod lehnte sich auf seine Sense und seufzte.

WIE NÄRRISCH VON DIR. ICH KÖNNTE DICH LEICHT HERAUSSCHNEIDEN.

Nicht ohne den Stab zu beschädigen, antwortete der körperlose Allesweiß. Tod glaubte, in der Stimme eine gewisse Genugtuung zu hören. Das Kind hat ihn entgegengenommen, und das bedeutet: Wenn du den Stab zerstörst, bringst du meinen Sohn um, obwohl seine Zeit noch nicht abgelaufen ist. Ganz im Gegenteil, sie hat gerade erst begonnen. Wenn du ihn tötest, bringst du das Schicksal durcheinander. Mit deutlichem Triumph fügte der Vater hinzu: Meine letzte Magie. Gerissen von mir, nicht wahr?

Tod betastete den Zauberstab. Schwarzes Oktiron knisterte leise, und höhnische Funken tanzten übers dunkle Metall.

Seltsamerweise wurde Tod nicht wütend. Ärger und Zorn sind Gefühle, und um Gefühle zu empfinden, braucht man Drüsen, an denen es Tod mangelte. Deshalb musste er sich ziemlich anstrengen, um auch nur ein wenig ungehalten zu werden. Er seufzte erneut. Dauernd versuchten irgendwelche Leute, ihm ein Schnippchen zu schlagen, aber wenigstens bewies der Zauberer dabei mehr Einfallsreichtum als viele seiner Vorgänger. Den meisten fiel nur eine symbolische Schachpartie ein, die Tod fürchtete, weil er sich nie daran erinnern konnte, wie man den Springer setzte.

DU SCHIEBST DAS UNVERMEIDLICHE NUR HINAUS, sagte er.

Genau darum geht es im Leben.

ABER WAS ERHOFFST DU DIR DAVON?

Ich kann die ganze Zeit über bei meinem Sohn sein und ihn lehren, obwohl er meine Präsenz überhaupt nicht spürt. Ich geleite ihn in die Sphäre des Wissens und Verstehens. Und wenn er bereit ist, führe ich ihn zur Macht.

DA FÄLLT MIR EIN … WOHIN HAST DU DEINE ANDEREN SÖHNE GEFÜHRT?

Ich habe sie rausgeworfen. Sie wagten es, mir zu widersprechen. Sie wollten nicht auf mich hören, lehnten es ab, sich von mir unterweisen zu lassen. Ich werde dafür sorgen, dass dieser Knabe den Rat seines Vaters beherzigt.

HÄLTST DU DAS FÜR KLUG?

Der Zauberstab schwieg. Das Kind daneben lächelte und lauschte einer Stimme, die für den Rest der Welt unhörbar blieb.

Es gibt keine Analogie für die Art und Weise, in der die kosmische Schildkröte Groß-A’Tuin durch die galaktische Nacht wandert. Wenn man zehntausend Meilen lang ist und einen von Meteoriten zerkratzten Panzer hat, auf dem hier und dort Kometeneis glänzt, kann man mit nichts verglichen werden.

Groß-A’Tuin ist schlicht und einfach die größte Schildkröte, die je gelebt hat. In aller Seelenruhe gleitet sie (oder er) durch die interstellaren Tiefen, und auf ihrem (seinem?) Rücken stehen vier gewaltige Elefanten, Träger der weiten, glitzernden und von einem ewigen Wasserfall gesäumten Scheibenwelt. Sie verdankt ihre Existenz entweder einer Störung im allgemeinen Gefüge der Wahrscheinlichkeit oder, was eher anzunehmen ist, einem Scherz der Götter.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Götter mehr Humor haben als viele Menschen.

In der Unsichtbaren Universität von Ankh-Morpork, einer alten, großen und wie ein Krebsgeschwür wuchernden Stadt unweit des Runden Meeres, befand sich ein ganz besonderes Samtkissen. Es lag in einer der oberen Kammern, und darauf ruhte ein Hut.

Natürlich handelte es sich um einen speziellen Hut. Es war ein prächtiger, ein einzigartiger Hut.

Er lief spitz zu, wie es sich gehörte, und er verfügte über eine breite, herabhängende Krempe. Nach diesen elementaren Merkmalen hatte der entsprechende Designer seiner schöpferischen Fantasie freien Lauf gelassen. Er hatte sein Werk mit goldenen Spitzen, Perlen und erlesenen Geziefer-Streifen ausgestattet, funkelnde Ankhsteine1 sowie einige ausgesprochen geschmacklose Pailletten hinzugefügt und nicht gezögert, das Ergebnis seiner gestalterischen Bemühungen mit einer Kette aus Oktarinen zu krönen.

Da sie derzeit keinem starken magischen Feld ausgesetzt waren, glühten sie nicht und sahen wie minderwertige Diamanten aus.

Der Frühling hatte in Ankh-Morpok Einzug gehalten, obwohl das nicht sofort ersichtlich wurde. Es gab jedoch einige subtile Anzeichen, die Eingeweihte zu deuten verstanden. Zum Beispiel verfärbte sich der Schaum grün, der auf dem breiten Ankhstrom schwamm, einem Fluss (sofern er diese Bezeichnung verdiente), der für die Bürger gleich mehrere Zwecke erfüllte: Er diente als Trinkwasserreservoir, Kanalisation und häufig benutzter Friedhof. Fleißige Hausfrauen kamen auf die Idee, im blassen, zögernden Sonnenschein Wanzen und andere Insekten aus der Winterwäsche zu schütteln, und daraufhin entwickelten viele Dächer Knospen in Form von Matratzen, Nackenrollen und Laken. In dunklen, muffigen Kellern knackte und knirschte es im Gebälk, als das trockene Holz den uralten Ruf des Saftes vernahm und von Wurzeln und Wäldern träumte. Vögel nisteten zwischen den Giebeln und Zinnen der Unsichtbaren Universität, wobei allerdings auffiel: Ganz gleich, wie wenige Nistplätze zur Verfügung standen, keine einzige Taube ließ sich in den einladend geöffneten Mäulern der steinernen Figuren am Dachrand nieder, was die in Granit gehauenen Ungeheuer verständlicherweise enttäuschte.

Auch in der Universität selbst herrschte eine Art Frühling. An diesem Abend begann das Fest der Geringen Götter, und dabei sollte ein neuer Erzkanzler gewählt werden.

Von einer Wahl in dem Sinne konnte eigentlich keine Rede sein, denn Zauberer hielten nicht viel davon, ihre Stimme abzugeben. Sie befürchteten, sie später nicht zurückzuerhalten. Außerdem wussten sie, dass neue Erzkanzler von den Göttern auserkoren wurden, und in diesem Jahr zweifelte kaum jemand daran, dass sie sich auf den alten Virrid Festschmaus einigten: Schon seit einer ganzen Weile wartete er mehr oder weniger geduldig darauf, an die Reihe zu kommen.

Der Erzkanzler der Unsichtbaren Universität galt als offizielles Oberhaupt aller Zauberer auf der Scheibenwelt. Frühere Magier, die einen so hohen Rang bekleideten, mussten beweisen, dass sie mit allen magischen Wassern gewaschen waren, aber inzwischen herrschten ruhigere Zeiten, und alle respektablen Seniorzauberer hielten solche Dinge für unter ihrer Würde. Sie zogen gewöhnliche Verwaltungsarbeiten vor, die sicherer waren und fast ebenso viel Spaß machten. Und sie liebten üppige Mahlzeiten.

Der lange Nachmittag wurde noch länger. Der Hut ruhte nach wie vor auf seinem verblassten Samtkissen in Virrid Festschmaus’ Zimmer, während der zukünftige Erzkanzler in seiner Badewanne saß und sich den Bart schrubbte. Andere Zauberer dösten in ihren magischen Laboratorien oder wanderten durch den Garten, um für das bevorstehende Abendessen genug Appetit zu entwickeln. Sie wussten, dass dazu Bewegung notwendig war, aber die meisten hielten es für völlig ausreichend, eine kurze, höchstens zehn Stufen hohe Treppe zu erklimmen.

Im Großen Saal machten sich die Bediensteten ans Werk. Unter den ernsten Blicken von zweihundert gemalten oder marmornen Erzkanzlern begannen sie damit, die langen Tische zu decken, während in den vielen Küchengewölben … In dieser Beziehung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Der Leser sollte bei seinen Vorstellungen nicht nur eine Menge Öl und Fett berücksichtigen, sondern auch schweißtreibende Hitze, lautes Geschrei, Fässer mit Kaviar, gebratene Ochsen und lange Stricke mit Würsten, die wie Papierschlangen von Wand zu Wand reichten. Der Chefkoch hatte sich in eins der kühleren Zimmer zurückgezogen und arbeitete hingebungsvoll an einem Modell der Universität. Aus unerfindlichen Gründen wählte er Butter als Darstellungsmasse. Er präsentierte immer solche Kunstwerke, wenn ein Fest anstand – Butterschwäne, Buttergebäude, ganze ranzige Menagerien –, und fand solchen Gefallen daran, dass niemand den Mut aufbrachte, ihm Einhalt zu gebieten.

Unterdessen durchstreifte der Butler das Kellerlabyrinth, wandte sich den Weinfässern zu, füllte Dutzende von Karaffen und nahm seine Pflicht wahr, indem er sorgfältig probierte. Als er sich auf den Rückweg machte, taumelte er leicht.

Selbst die Raben ließen sich von der Aufregung anstecken. Sie wohnten im Kunstturm, der fast dreißig Meter weit gen Himmel ragte und als höchstes Gebäude auf der Scheibenwelt galt. Das verwitterte Gestein bildete die Grundlage für einen prächtig gedeihenden Miniaturwald hoch über den Dächern der Stadt. Völlig neue Gattungen von Käfern und kleinen Säugetieren entwickelten sich dort, und da sich nur selten jemand in den Turm verirrte – er wies die unangenehme Eigenschaft auf, schon bei leichtem Wind zu schwanken –, fühlten sich die Raben dort völlig ungestört. Doch jetzt schwirrten sie nervös umher, wie Mücken kurz vor einem Gewitter. Es wäre nicht unbedingt falsch gewesen, wenn jemand den Kopf gehoben, die Vögel beobachtet und Verdacht geschöpft hätte.

Etwas Schreckliches bahnte sich an.

Sie wissen das bereits, nicht wahr?

Die Ahnungen beschränken sich nicht nur auf den Leser.

»Was ist denn los?«, rief Rincewind, um das laute Rasseln, Knistern und Knarren zu übertönen.

Der Bibliothekar duckte sich, als ein in Leder gebundenes Buch aus dem Regal sprang und am Ende seiner Kette verharrte. Er warf sich zu Boden und landete auf einer Ausgabe von Malefizius’ Entdekung der Dähmonologie, die mit fanatischem Eifer an ein nahes Pult hämmerte.

»Ugh!«, sagte er.

Rincewind presste die Schulter gegen ein zitterndes Regal, und mit den Knien zwang er einige trotzige Bände an ihren angestammten Platz zurück. Es herrschte ein schier ohrenbetäubender Lärm.

Magische Bücher führen ein gewisses Eigenleben, und einige von ihnen sind entschieden zu vital. Exemplare der ersten Auflage des Nekrotelicomnicon müssen zum Beispiel zwischen zwei dicken Stahlplatten aufbewahrt werden. Die Ware Cunst der Levitazion verbrachte die letzten hundertfünfzig Jahre auf dem Dachboden, und Schoiderig Heißbluts Kompändium über sechssuelle Magieh liegt in einem mit Eis gefüllten Fass; es hat ein ganzes Zimmer für sich allein, und die Tür ist vorsichtshalber mit zwei Riegeln und vier Schlössern gesichert. Eine strenge Regel besagt, dass es nur von Zauberern gelesen werden darf, die mindestens achtzig Jahre alt oder tot sind.

Aber selbst die gewöhnlichen Grimoires und Inkunabeln in den Hauptregalen waren so unruhig wie die Bewohner eines Hühnerhauses, das Besuch von einem Fuchs erhält. Zwischen den geschlossenen Deckeln kratzte es leise, als strichen Klauen übers Pergament.

»Was hast du gesagt?«, schrie Rincewind.

»Ugh!«2

»Genau!«

Als ehrenamtlicher stellvertretender Bibliothekar beschränkte sich Rincewinds Tätigkeit im Großen und Ganzen darauf, Indexlisten zu erstellen und Bananen zu holen. Er bewunderte die routinierte Kompetenz seines Vorgesetzten, der gelassen an den Regalen vorbeiwankte, hier tröstend über einen schwarzen Band strich und dort einige erschrockene Wörterbücher mit leisem Affenmurmeln beruhigte.

Nach einer Weile ließ die literarische Panik in der Bibliothek nach, und Rincewind wagte es, sich zu entspannen.

Doch es war ein trügerischer Frieden. An vielen Stellen knisterten Blätter, und in fernen Regalen knarrten trotzige Buchrücken. Nach der ersten Aufregung ließ sich die nervöse Wachsamkeit der Bibliothek mit der einer Katze vergleichen, die das gut gefüllte Lager einer Schaukelstuhlfabrik durchstreift.

Der Bibliothekar kehrte zurück. Sein Gesicht konnte nur bei einem Lastwagenreifen Sympathie wecken und zeigte ein ständiges schiefes Lächeln, das jedoch über seine wahren Empfindungen hinwegtäuschte. Als Rincewind beobachtete, wie der Affe unter seinen Lieblingstisch kroch und sich eine Decke über den Kopf zog, hielt er zumindest eine gewisse Besorgnis für angebracht.

Sehen Sie sich den Stellvertreter des Orang-Utans an, während sein argwöhnischer Blick über die stummen, verdrießlichen Regale streicht. Auf der Scheibenwelt gibt es acht Stufen der Zauberei, und nach sechzehn Jahren hat es Rincewind nicht einmal geschafft, Stufe eins zu erreichen. Seine Lehrer vertreten sogar die Ansicht, dass es ihm an den notwendigen Fähigkeiten für die Stufe null fehlt, obgleich die meisten Menschen auf dieser magischen Ebene geboren werden. Anders ausgedrückt: Ein Statistiker würde darauf hinweisen, dass durch Rincewinds Tod das durchschnittliche okkulte Leistungsvermögen der Menschheit um einen Bruchteil stiege.

Er ist groß und hager, und sein struppeliger Bart weist darauf hin, dass ihn die Natur nicht als Bartträger vorgesehen hat. Er hüllt sich in einen dunkelroten Umhang, der schon bessere Tage beziehungsweise Jahre gesehen hat. Trotzdem erkennt man ihn auf den ersten Blick als Zauberer. Auf seinem Kopf ruht ein spitzer Hut mit angemessen breiter Krempe, und an dem aufragenden Kegel glänzen silberne Buchstaben, die das Wort ›Zaubberer‹ bilden – ganz offensichtlich stammen sie von jemandem, der mit Nadel und Faden ebenso unvertraut ist wie mit der Orthografie. Oben baumelt ein Stern. Die meisten Pailletten fehlen, sind längst abgefallen.

Rincewind rückte sich seinen Hut zurecht, hastete durch die uralten Türen der Bibliothek und trat in goldenen Sonnenschein. In der Stille des Nachmittags war nur das hysterische Krächzen der Raben zu hören, die über dem Kunstturm flatterten.

Rincewind starrte eine Zeit lang zu ihnen empor. Die Raben der Unsichtbaren Universität galten als recht hart im Nehmen. Schicksal und Verhängnis mussten sich wirklich etwas einfallen lassen, um sie in Unruhe zu versetzen.

Andererseits …

Über Ankh-Morpork spannte sich ein blauer Himmel, an dem hier und dort einige Wolkenfetzen klebten. Die Sonne neigte sich allmählich dem Horizont entgegen, und ihr Licht verlieh dem fransigen Weiß am Firmament einen rötlichen Glanz. Die alten Eichen auf dem viereckigen Innenhof der Universität standen in voller Blüte. Aus einem offenen Fenster drangen die schrillen, jammernden Laute eines gequälten Musikinstruments – ein magischer Schüler, der mit nur wenig Erfolg versuchte, auf einer Violine zu spielen. Die allgemeine Atmosphäre war alles andere als unheilvoll.

Rincewind lehnte sich an die warme Mauer. Und schrie.

Das Gebäude zitterte. Er spürte, wie die Vibrationen erst die Hand erfassten und dann durch den Arm krochen, ein vages Prickeln in genau der richtigen Frequenz, um namenloses Grauen zum Ausdruck zu bringen. Die Steine fürchteten sich.

Rincewind riss entsetzt die Augen auf, als er ein leises Klirren vernahm. Die verzierte Deckplatte mehrerer Abflussrinnen kippte zur Seite, und die spitze Schnauze einer Universitätsratte kam zum Vorschein. Das kleine Nagetier warf dem Zauberer einen verzweifelten Blick zu, trippelte ins Freie und sauste an ihm vorbei, gefolgt von einigen Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Manche von ihnen trugen Kleidung, aber das war nicht weiter verwunderlich: Die intensive magische Strahlung in der Unsichtbaren Universität stellt seltsame Dinge mit den Genen an.

Rincewind blinzelte verwirrt und beobachtete eine wahre Flut aus grauen Leibern. Hunderte von Ratten krochen aus ihren Schlupflöchern und flohen zum Außenwall. Der Efeu neben ihm raschelte. Mehrere Mäuse wagten todesverachtende Sprünge auf Rincewinds Schulter, kletterten eilig am dunkelroten Umhang herab und schlossen sich ihren größeren Brüdern an. Sie schenkten Rincewind nicht die geringste Beachtung, und auch das war nicht ungewöhnlich: Die meisten Geschöpfe ignorierten ihn.

Er wirbelte herum, stürmte mit wehendem Mantel ins Gebäude zurück und hielt erst inne, als er das Büro des Quästors erreichte. Fast eine Minute lang hämmerte er an die Tür, und schließlich öffnete sie sich einen Spaltbreit.

»Oh, Rincewind, nicht wahr?«, fragte der Quästor. Er wirkte nicht gerade begeistert. »Was ist los?«

»Wir sinken!«

Spelzdinkel – so hieß der Quästor – musterte ihn. Er war groß und drahtig und sah wie jemand aus, der irgendwann einmal ein Pferd gewesen war, das die Reinkarnation als Mensch geschafft hatte. Wer ihm begegnete, gewann den Eindruck, von Zähnen angestarrt zu werden.

»Wir sinken?«, wiederholte er.

»Ja. Alle Ratten fliehen!«

Der Quästor holte tief Luft.

»Komm herein«, sagte er freundlich. Rincewind folgte ihm in einen niedrigen, dunklen Raum und trat zusammen mit Spelzdinkel zum Fenster. Es gewährte einen ungehinderten Blick über den Garten bis hin zum Fluss, der seine stinkende Last friedlich zum Meer trug.

»Du hast es nicht etwa, hm, übertrieben, oder?«, fragte der Quästor.

»Was soll ich übertrieben haben?«, erwiderte Rincewind schuldbewusst.

»Weißt du, dies ist ein Gebäude«, sagte Spelzdinkel und drehte sich eine Zigarette, das typische Verhalten eines Zauberers, der sich mit einem Rätsel konfrontiert sieht. »Einige Hinweise sprechen deutlich dafür, dass wir uns nicht in einem Schiff befinden. Zum Beispiel halte ich vergeblich nach Delfinen Ausschau, die fröhlich vor dem Bug tollen, und es fehlt auch das übliche Leckwasser. Mit anderen Worten: Es besteht eine nur sehr geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir sinken. Andernfalls müssten wir, hm, in die Rettungsboote klettern und zum Ufer rudern. Hm?«

»Aber die Ratten …«

»Eine Art, hm, Frühlingsritual. Vielleicht ist gerade ein Weizenfrachter im Hafen vor Anker gegangen.«

»Außerdem habe ich die Universität zittern gefühlt«, fügte Rincewind ein wenig unsicher hinzu. Verwirrt sah er sich im Zimmer um. Die Wände waren beruhigend massiv, und das Feuer im Kamin knisterte vorlaut, wirkte überhaupt nicht eingeschüchtert. Alles schien in bester Ordnung zu sein.

»Ein kurzes Beben, weiter nichts. Vermutlich hatte Groß-A’Tuin einen, hm, Schluckauf. Du solltest dich, hm, zusammenreißen. Hast du vielleicht etwas getrunken?«

»Nein!«

»Hm. Möchtest du einen Schluck?«

Spelzdinkel schlenderte zu einem dunklen Eichenschrank, griff nach einer Karaffe und füllte zwei Gläser.

»Um diese Jahreszeit ziehe ich Sherry vor«, sagte der Quästor und deutete auf die Gläser. »Wie magst du ihn lieber, trocken oder, hm, süß?«

»Hm, danke«, entgegnete Rincewind. »Bestimmt hast du recht. Ich sollte mich ein wenig ausruhen.«

»Gute Idee.«

Rincewind verließ das Zimmer und wanderte durch kühle, steinerne Flure. Ab und zu berührte er eine Wand, horchte und schüttelte den Kopf.

Als er erneut den Innenhof überquerte, bemerkte er Dutzende von Mäusen, die an einem Balkon vorbeiliefen und in Richtung Fluss hasteten. Der Boden unter ihnen schien sich ebenfalls zu bewegen. Er sah genauer hin und stellte fest, dass die Mäuse über die Rücken von Myriaden Ameisen liefen.

Selbstverständlich waren es keine gewöhnlichen Ameisen. Das jahrhundertelange Tröpfeln von magischer Energie in den Mauern der Unsichtbaren Universität zeigte deutliche Wirkung. Einige Exemplare der Gattung Formicoidea zogen winzige Karren, während andere auf abgerichteten Käfern ritten. Und sie alle machten sich so schnell wie möglich aus dem Staub – ein rotbraunes Heer, das vor einem unbekannten Feind die Flucht ergriff. Ein sonderbarer Wind schien das Gras auf dem Platz zu erfassen, als die Ameisenstreitmacht abrückte.

Rincewind hob den Kopf, als eine alte, gestreifte Matratze durch eins der oberen Fenster geschoben wurde und aufs Pflaster fiel. Nach einer kurzen Pause – wahrscheinlich schöpfte sie Atem – stemmte sie sich ein wenig in die Höhe, marschierte zielstrebig über den Rasen und hielt genau auf den Zauberer zu, der im letzten Augenblick zur Seite sprang. Er vernahm ein fast schrilles Zirpen, und sein verblüffter Blick fiel auf Tausende von entschlossenen Beinen unter dem dicken Stoff. Selbst die Wanzen machten sich auf und davon, und da sie nicht wussten, ob sie woanders eine ebenso komfortable Unterkunft fanden, beschlossen sie, auf Nummer sicher zu gehen. Eine von ihnen winkte und quiekte einen Gruß.

Rincewind wich zurück, bis etwas seinen Rücken berührte und ihn erstarren ließ. Er wandte sich um, sah eine steinerne Bank und beobachtete sie argwöhnisch. Als er sicher sein konnte, dass sie nicht die geringste Absicht hatte, ebenfalls zu fliehen, seufzte er leise und nahm Platz.

Bestimmt gibt es für all das eine ganz natürliche Erklärung, dachte er. Oder eine völlig normale übernatürliche.

Er hörte ein dumpfes Knirschen und drehte den Kopf.

Dafür gab es sicher keine natürliche Erklärung. Mit geradezu quälender Langsamkeit verließen die Gargoyles das Dach. Sie kletterten an Brüstungen und Regenrinnen herab, und außer dem gelegentlichen Kratzen von Stein auf Stein blieb alles still.

Bedauerlicherweise wusste Rincewind nicht, was es mit schlechter Zeitraffer-Fotografie auf sich hat, denn sonst hätte er den Vorgang in allen Einzelheiten beschreiben können. Die steinernen Ungeheuer bewegten sich nicht in dem Sinne, sondern kamen in Form plötzlicher Ortswechsel voran: Erst befanden sie sich an einer Stelle, dann an einer anderen, wobei die Unterschiede manchmal nur wenige Zentimeter betrugen. In einer stummen Prozession aus Schnäbeln, Mähnen, Schwingen, Klauen und Taubenkot ruckten sie an dem Zauberer vorbei.

»Was geht hier vor?«, krächzte Rincewind.

Eine Mischung aus Kobold, Harpyie und Huhn blieb stehen und drehte mit kurzen, knappen Zuckungen den Kopf. Die Stimme klang wie die Peristaltik eines Gebirges (obgleich die Resonanz ein wenig unter dem Umstand litt, dass die Gestalt ihren Rachen nicht schließen konnte), als das Wesen sagte:

»Ein ahrer Auberer ommt! O eh!«

»Wie bitte?«, erwiderte Rincewind. Aber das steinerne Monstrum gab keine Antwort, setzte seinen Weg fort und stapfte über den uralten Rasen.3

Rincewind blieb sitzen und starrte zehn Sekunden lang ins Leere, bevor er einen Schrei ausstieß und so schnell lief wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Er verharrte erst, als er sein Zimmer im Bibliotheksflügel erreichte. Es war eine eher bescheidene Unterkunft, die in erster Linie als Lager für alte Möbel diente, aber Rincewind verband damit Vorstellungen von Heim und Sicherheit.

An der einen dunklen Wand stand ein großer Kleiderschrank. Er gehörte nicht zu den modernen Kleiderschränken, deren einziger Zweck darin besteht, nervöse Liebhaber zu verstecken, wenn der Ehemann früher als erwartet nach Hause kommt. Nein, es war ein wuchtiges Ding aus Eichenholz, so schwarz wie die Nacht. In seinen staubigen Tiefen lauerten Kleiderbügel und vermehrten sich, und in den unteren Fächern wimmelte es von vergessenen Schuhen. Vielleicht verbargen sich wundersame Welten hinter der Rückwand, aber sie blieben unentdeckt, weil niemand den Gestank der vielen Mottenkugeln ertragen konnte.

Auf diesem Schrank ruhte eine große, von vergilbtem Papier und alten Laken umhüllte, mit Messingbeschlägen versehene Truhe namens Truhe. Niemand wusste, warum sich Rincewind für ihren Eigentümer hielt. Wahrscheinlich gab es im ganzen Multiversum keine anderen Reiseutensilien, die auch nur annähernd so geheimnisvoll waren und sich wiederholt der schweren Körperverletzung schuldig gemacht hatten. Truhe wurde häufig als eine Mischung zwischen Koffer und wahnsinnigem Mörder beschrieben. Sie verfügte über viele Eigenschaften, und im Lauf dieser Geschichte wird der Leser einige kennenlernen. Derzeit aber unterschied sie sich nur in einer Hinsicht von allen anderen messingbeschlagenen Truhen: Sie schnarchte, und es klang, als säge jemand langsam durch hartes Holz.

Truhe ist zweifellos magischer Natur, und bestimmte Leute haben allen Grund, sich vor ihr zu fürchten, aber in einem Punkt ähnelte sie allen anderen Gepäckstücken auf der Scheibenwelt: Während des Winters wurde sie träge und schlummerte gern auf einem Kleiderschrank.

Rincewind stieß sie mehrmals mit dem Besen an, bis das Sägen aufhörte. Dann wandte er sich der Bananenkiste zu, die er als Tisch verwendete, stopfte sich verschiedene Gegenstände in die Taschen und eilte zur Tür. Ihm fiel auf, dass seine Matratze fehlte, aber er machte sich nichts daraus, weil er entschlossen war, nie wieder auf irgendwelchen Matratzen zu schlafen.

Truhe landete mit einem lauten Pochen auf dem Boden. Nach einigen Sekunden zeigte sie Dutzende von kleinen, rosafarbenen Füßen, neigte sich von einer Seite zur anderen und streckte die Beine, bevor sie die Klappe öffnete und gähnte.

»Kommst du nun oder nicht?«, fragte Rincewind.

Die Klappe schloss sich wieder. Die kleinen Füße gerieten in Bewegung, als sich Truhe umdrehte, der Tür zuwandte und ihrem Herrn folgte.

In der Bibliothek herrschte noch immer eine gewisse Anspannung: Hier und dort rasselten Ketten4, und altes Pergament knisterte. Rincewind trat zum Tisch und griff nach dem haarigen Arm des Bibliothekars, der noch immer unter seiner Decke kauerte.

»Lass uns von hier verschwinden!«

»Ugh!«

Rincewind rollte mit den Augen. »Wenn du mich begleitest, gebe ich dir einen aus«, sagte er verzweifelt.

Der Bibliothekar entfaltete sich wie eine vierbeinige Spinne. »Ugh?«

Rincewind zog den Affen unterm Tisch hervor und durch die Tür. Er entschied sich gegen das Haupttor der Universität, lief stattdessen zu einer eigentlich völlig normal wirkenden Wand: Einige lose Mauersteine gaben den Studenten seit zweitausend Jahren die Möglichkeit, nach dem magischen Zapfenstreich zurückzukehren, ohne von ihren Lehrern erwischt zu werden.

Nach einigen Metern blieb Rincewind so plötzlich stehen, dass der Bibliothekar gegen ihn stieß und Truhe gegen sie beide prallte.

»Ugh!«

»Bei allen Göttern!«, entfuhr es dem Zauberer. »Sieh dir das an!«

»Ugh?«

Eine schwarze Flut strömte aus einem Abflussgitter in der Nähe des Küchenbereichs. Frühes Sternenlicht spiegelte sich auf Millionen von kleinen schwarzen Rücken wider.

Aber es waren nicht die Kakerlaken an sich, die Rincewind so sehr verwirrten. Vielmehr galt sein bestürztes Erstaunen der Tatsache, dass sie im Gleichschritt marschierten, jeweils hundert nebeneinander. Natürlich hatten sich die Insekten durch das starke magische Feld ebenso verändert wie alle anderen inoffiziellen Bewohner der Universität, doch Milliarden von winzigen Beinen, die sich genau im Takt bewegten, verursachten ein sehr beunruhigendes Geräusch.

Rincewind wich der Marschkolonne vorsichtig aus. Der Bibliothekar sprang mit einem Satz darüber hinweg.

Truhe allerdings … Als sie ihnen folgte, hörte es sich an, als tanze jemand auf Kartoffelchips.

Woraufhin Rincewind beschloss, das Universitätsgelände doch durchs Haupttor zu verlassen. Eine schmale Lücke in der Mauer bot Truhe sicher nicht genug Platz, und mit ihrem ausgeprägten Taktgefühl wäre sie vermutlich einfach durch die Wand gerannt. Der Zauberer und seine beiden Begleiter schlossen sich den übrigen Flüchtlingen an, den Insekten und ängstlichen Nagetieren. Einige Biere, so glaubte er, würden es ihm erlauben, alles aus einer anderen Perspektive zu sehen, und wenn sie nicht genügten, brauchte er sein leeres Glas nur unter den Zapfhahn zu halten. Ein Versuch konnte sicher nicht schaden.

So kam es, dass Rincewind im Großen Saal fehlte, als das Festessen begann. Wie sich herausstellte, war es die wichtigste verpasste Mahlzeit in seinem Leben.

An einer Stelle des langen Außenwalls klirrte es leise, als sich ein Drehhaken an den stählernen Zacken auf der Mauer verfing. Einige Sekunden später sprang eine schlanke, ganz in Schwarz gekleidete Gestalt auf den Universitätshof, eilte lautlos zum Großen Saal und verschmolz mit den Schatten.

Niemand bemerkte den Eindringling.

Auf der anderen Seite des Hofes näherte sich der Kreative Magus dem Tor. Wo seine Stiefel das Kopfsteinpflaster berührten, knisterten blaue Funken und verdunstete der Tau des frühen Abends.

Es war nicht etwa warm, sondern heiß. Wirklich heiß. Der große Kamin am drehwärtigen Ende des Großen Saals glühte praktisch. Zauberer reagieren sehr empfindlich auf Kälte, und die Anwesenden wollten in dieser Hinsicht nicht das geringste Risiko eingehen. Die enorme Hitze der lodernden Flammen schmolz alle Kerzen im Umkreis von sechs Metern, und im Lack auf den langen Tischen bildeten sich Blasen. Blauer Tabakrauch ballte sich zu dichten Wolken zusammen und gewann seltsame Formen, wenn er auf kurzlebige Felder von Zufallsmagie stieß. Auf dem mittleren Tisch ärgerten sich die Reste eines gebratenen Schweins darüber, dass es jemand geschlachtet hatte, bevor es Gelegenheit bekam, seinen letzten Apfel zu fressen. Nur eine ölig glänzende Lache erinnerte an das Butter-Modell der Universität.

Bier floss in Strömen. Die meisten Wangen glänzten rot; hier und dort sangen einige Zauberer traditionelle Trinklieder, bei denen es in erster Linie darauf anzukommen schien, sich immerzu auf die Knie zu klopfen und dauernd »Ho!« zu rufen. Als Entschuldigung für dieses Verhalten mag angeführt werden, dass Zauberer zum Zölibat verpflichtet sind und sich daher auf andere Art abreagieren müssen.

Ein weiterer Grund für die unbeschwerte Heiterkeit bestand darin, dass niemand versuchte, irgendwen umzubringen – ein in magischen Kreisen höchst ungewöhnlicher Zustand.

Die höheren Stufen der Magie bergen enorme Gefahren. Jeder Zauberer versucht, den Platz eines Kollegen weiter oben einzunehmen, während er gleichzeitig den von unten nachrückenden Strebern auf die Finger tritt. Wer Zauberer beschreibt, indem er von natürlichem Konkurrenzdenken und angeborenem Ehrgeiz spricht, könnte ebenso gut behaupten, Piranhas seien von Natur aus ein wenig hungrig. Seit den Magischen Kriegen, durch die weite Landstriche der Scheibenwelt unbewohnbar5 wurden, ist es Zauberern verboten, ihre Meinungsverschiedenheiten mit magischen Mitteln beizulegen. Aus solchen Duellen ergaben sich häufig Probleme für die Bevölkerung, und außerdem ließ sich nur schwer feststellen, welcher der beiden Rußflecken den Sieg errungen hatte. Um nicht zu lange auf Beförderungen warten zu müssen, machen Zauberer rituellen Gebrauch von Messern, unauffälligen Giften, in Schuhen versteckten Skorpionen und fantasievollen Fallen, die unter anderem rasiermesserscharfe Pendel verwenden.

Niemand saß auf dem Stuhl des Erzkanzlers. Virrid Festschmaus speiste allein in seinem Arbeitszimmer, wie es sich für einen Mann gehörte, den die Götter nach einer längeren Beratung mit den anderen Seniorzauberern auserwählt hatten. Trotz seiner achtzig Lenze war er ein wenig nervös und aß nur einen Teil des zweiten Hähnchens.

In einigen Minuten musste er eine Rede halten. Als junger Zauberer hatte Festschmaus auf verschiedene Art versucht, Macht zu erringen: In schimmernden Oktagrammen trat er gegen Dämonen an, und er besuchte Dimensionen, die nicht für Menschen bestimmt waren. Es gelang ihm sogar, das Bezuschussungskomitee der Unsichtbaren Universität zu überlisten. Aber in den Acht Kreisen der Leere gab es nichts Schlimmeres, als sich mehreren Hundert erwartungsvollen Gesichtern gegenüberzusehen, die einen durch dichten Zigarrenqualm anstarrten.

Jeden Augenblick konnten die Herolde eintreffen, um ihn zum Großen Saal zu geleiten. Virrid Festschmaus seufzte und schob den Pudding beiseite, ohne ihn probiert zu haben. Mit einem leisen Ächzen stand er auf, durchquerte das Zimmer, blieb vor dem großen Spiegel stehen und tastete in seinen Taschen nach dem Manuskript der Ansprache.

Schließlich holte er einige zerknitterte Blätter hervor und räusperte sich.

»Liebe Brüder der magischen Kunst«, begann er, »es ist mir eine große Freude, euch … hier … ich … Die ehrenhaften Traditionen dieser alten Universität … äh … Blicke ich mich um und sehe die Bilder der früheren Erzkanzler …« Festschmaus zögerte, starrte auf die Notizen herab und drehte die Zettel hin und her. Nach einer Weile fuhr er etwas selbstsicherer fort: »Während ich heute Abend vor euch stehe, erinnere ich mich an die Geschichte vom dreibeinigen Hausierer und der, äh, Kaufmannstochter. Was den Kaufmann betrifft …«

Es klopfte an der Tür.

»Herein!«, sagte Festschmaus laut und warf einen neuerlichen Blick auf sein eher unvollständiges Manuskript.

»Der Kaufmann …«, murmelte er. »Der Kaufmann … Er hatte drei Töchter. Ja, ich glaube, es waren drei. Kein Zweifel. Äh, und eine davon …«

Er sah in den Spiegel und drehte sich um.

»Wer bist d…«, brachte er hervor.

Und stellte fest, dass es weitaus schlimmere Dinge gab, als Reden zu halten.

Die kleine, dunkel gekleidete Gestalt schlich durch leere Flure, hörte das Geräusch und achtete nicht darauf. Wo sich starke Magie bemerkbar machte, kam es häufig zu unangenehmen Geräuschen. Die Gestalt suchte nach etwas. Sie wusste nicht genau, um was es sich handelte, fühlte sich jedoch dem Ziel nahe.

Nach einigen Minuten gelangte sie in Virrid Festschmaus’ Zimmer. Fette Rauchschwaden trieben umher, und Rußpartikel bildeten einen schwarzen Nebel. Auf dem Boden zeigten sich mehrere fußförmige Brandspuren.

Die Gestalt zuckte mit den Schultern – in den Arbeitsräumen von Zauberern musste man auf allerlei Überraschungen gefasst sein. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie ihr Abbild im gesplitterten Spiegel, rückte die Kapuze zurecht und setzte die Suche fort.

Sie bewegte sich wie jemand, der auf eine innere Stimme hört, schritt völlig lautlos durchs Zimmer und blieb schließlich am Tisch stehen, auf dem eine große, runde und zerkratzte Schachtel aus Leder stand. Vorsichtig beugte sich die Gestalt vor und hob den Deckel.

Die Stimme aus dem Innern des Behälters klang so, als filtere sie durch dicken Stoff. Endlich. Was hat dich so lange aufgehalten?

»Ich meine, wie haben sie überhaupt angefangen? Ich meine, damals gab es noch echte Zauberer und keinen Blödsinn mit magischen Stufen und so. Ich meine, sie hoben einfach die Arme und … Zack!«

Zwei Männer, die in einer dunklen Ecke der Geflickten Trommel saßen, sahen jäh auf. Sie waren neu in der Stadt: Die Stammgäste reagierten nicht, wenn jemand stöhnte, und wem etwas an seinem Leben lag, überhörte auch alle anderen Geräusche, zum Beispiel hässliches Knirschen. In einigen Vierteln von Ankh-Morpork ist Neugier das beste Mittel, um Selbstmord zu begehen.

Rincewind gestikulierte unsicher über den vielen leeren Gläsern auf dem Tisch. Inzwischen war es ihm fast gelungen, die Kakerlaken zu vergessen. Wenn er sich weiterhin Mühe gab, schaffte er es vielleicht, auch die Sache mit der Matratze aus seinem Gedächtnis zu streichen.

»Ja, die alten Zauberer winkten einfach, und schon entstand ein Feuerball vor ihnen – hui! Und wenn sie verschwinden wollten, lösten sie sich einfach in Rauch auf. Paff! Oh, entschuldige bitte.«

Bier schwappte auf den Tisch, und der Bibliothekar schob sein Glas vorsichtshalber zur Seite. Als sich Rincewind vergewissert hatte, dass keine Gefahr bestand, noch mehr von der goldgelben Flüssigkeit zu verschütten, ruderte er erneut mit den Armen.

»Sie konnten richtige Magie beschwören«, sagte er und rülpste leise.

»Ugh.«

Rincewind starrte in die schaumigen Reste seines letzten Biers und entschied, auch Truhe einen Schluck zu gönnen. Er bückte sich ganz vorsichtig, um zu vermeiden, dass ihm der Kopf von den Schultern fiel, kippte das Glas und füllte eine Untertasse. Erleichtert stellte er fest, dass sein stummer Begleiter noch immer dicht neben dem Tisch hockte. Wenn er Schenken besuchte, brachte ihn Truhe häufig in Verlegenheit, weil sie sich an die anderen Gäste heranschlich und ihnen einen solchen Schrecken einjagte, dass sie mit leckeren Bratkartoffeln ihr Wohlwollen zu erringen versuchten.

Er runzelte die Stirn und versuchte, das Chaos hinter seiner Stirn zu entwirren.

»Wo bin ich stehen geblieben?«

»Ugh«, sagte der Bibliothekar.

»O ja.« Rincewind strahlte. »Sie verzichteten auf den Unsinn mit Stufen, Ebenen und Rangfolgen. Weißt du, damals gab es noch kreative Magier. Sie gingen in die Welt hinaus, fanden neue Zauberformeln und erlebten Abenteuer …«

Er tauchte den Zeigefinger in die Bierlache und malte ein Zeichen auf das fleckige Holz des Tisches.

Einer seiner Lehrer hatte einmal von ihm gesagt: »Wenn man seine Kenntnisse in der magischen Theorie als miserabel bezeichnet, so fehlt ein passender Ausdruck, um sein Verständnis für die magische Praxis zu beschreiben.« Diese Bemerkung verwirrte Rincewind noch immer. Er glaubte nicht, dass man gute magische Fähigkeiten haben musste, um ein Zauberer zu sein. Irgendwo tief in seinem Kopf wusste er, dass er ein Zauberer war. Seiner Ansicht nach hatte Magie gar nichts oder nur wenig damit zu tun. Er hielt sie für ein Extra, das keineswegs den Ausschlag gab.

»Als kleiner Junge habe ich in einem Buch das Bild eines kreativen Magus gesehen«, sagte er wehmütig. »Er stand auf einem Berggipfel und hob die Arme, und daraufhin erhoben sich die Fluten des Meeres, wie bei einem Sturm in der Ankhbucht, und es blitzte überall um ihn herum …«

»Ugh?«

»Ich habe keine Ahnung, warum er nicht getroffen wurde«, antwortete Rincewind scharf. »Vielleicht trug er Gummistiefel.« Verträumt fuhr er fort: »Er hatte einen Stab und einen Hut, der aussah wie meiner, und seine Augen glühten, und seine Fingerspitzen glitzerten, ich meine, es lösten sich Funken von ihnen, und ich dachte, eines Tages nehme ich seinen Platz ein und …«

»Ugh?«

»In Ordnung. Ich nehme auch noch einen Halben.«

»Ugh!«

»Wie willst du eigentlich deine Zeche bezahlen? Mit Bananen?«

»Ugh, ugh.«

»Dachte ich mir.«

Rincewind vervollständigte das Gemälde. Es zeigte einen Berg, und darauf stand ein Strichmännchen. Eigentlich hatte es kaum Ähnlichkeit mit ihm – wer mit schalem Bier malt, muss auf Details verzichten –, aber es konnte kein Zweifel daran bestehen, wen die Figur darstellen sollte.

»Ich wollte so sein wie er«, sagte Rincewind. »Paff und zack! Nicht der Firlefanz in den Zimmern der Universität. All die Bücher und übrigen Sachen, so was nützt überhaupt nichts. Was wir brauchen, ist echte Zauberei.«

Die letzten Worte hätten ihm sicher den Preis für die dümmste Bemerkung des Tages eingebracht, aber er verzichtete auf eine solche Trophäe, indem er hinzufügte:

»Wirklich schade, dass es heute keine kreativen Magier mehr gibt.«

Spelzdinkel nahm seinen Löffel und schlug damit auf den Tisch.

In dem violetten, mit Gezieferpelz6 geschmückten Zeremoniengewand des Ehrenwerten Konzils der Seher bot er einen eindrucksvollen Anblick. Seit drei Jahren gehörte er zu den Zauberern der fünften Stufe und wartete darauf, dass ihm einer der vierundsechzig Magier der Ebene sechs Platz machte, indem er das Zeitliche segnete. An diesem Abend war der Quästor in guter Stimmung. Er hatte eine ausgezeichnete, ungefährliche Mahlzeit genossen, und in seinem Zimmer befand sich ein Fläschchen mit garantiert geschmacksneutralem Gift, das ihm bei richtiger Anwendung innerhalb von wenigen Monaten eine Beförderung ermöglichen sollte. Er glaubte, allen Grund zu haben, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Die große Standuhr am Ende des Großen Saals schlug neunmal.

Das Klopfen mit dem Löffel nützte nicht viel. Spelzdinkel griff nach einem Zinnhumpen und knallte ihn auf den Tisch.

»Brüder!«, rief er und nickte zufrieden, als der Lärm nachließ. »Danke. Bitte steht jetzt auf, damit die, hm, Schlüsselzeremonie beginnen kann.«

Einige lachende Stimmen erklangen, und hier und dort ertönte ein erwartungsvolles Seufzen, als die Zauberer ihre Stühle zurückschoben und unsicher aufstanden.

Die Doppeltür des Saals war geschlossen, und man hatte auch nicht darauf verzichtet, drei schwere Riegel vorzuschieben. Die Tradition verlangte vom neuen Erzkanzler, dreimal Eintritt zu verlangen, und das anschließende Öffnen des Zugangs demonstrierte angeblich die Bereitschaft der versammelten Magier, den Erwählten als Oberhaupt der Unsichtbaren Universität anzuerkennen. Oder etwas in der Art. Der Ursprung dieses Brauches verlor sich in grauer Vorzeit, und allein das genügte als Grund, daran festzuhalten.

Plötzlich wurde es still, und alle Blicke richteten sich auf die Tür.

Spelzdinkel hörte ein leises Klopfen.

»Verschwinde!«, rief ein Zauberer, der sich durch eine besonders subtile Form von Humor auszeichnete. Dutzende von Magiern krümmten sich vor Lachen.

Der Quästor holte einen großen Eisenring mit den Schlüsseln der Universität hervor. Nicht alle bestanden aus Metall. Manche waren nicht einmal sichtbar, und einige wirkten überaus sonderbar.

»Wer klopfet dort an die Tür?«, intonierte er.

»Ich.«

Die Stimme war deshalb seltsam, weil jeder Zauberer den Eindruck gewann, dass sie direkt hinter ihm ertönte. Mehrere Magier sahen sich verstohlen um.

Verblüffte Stille herrschte, und dadurch klang das leise Klicken im Schloss unnatürlich laut. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen beobachteten die Magier, wie die schweren Eisenriegel ganz von allein zurückwichen. Dicke Eichenbalken, die im Lauf vieler Jahrhunderte die Festigkeit von Granit gewonnen hatten, knirschten aus der Einfassung. Die Angeln glühten erst rot, schimmerten dann gelb und erstrahlten in einem grellen Weiß, bevor sie explodierten. Langsam und mit unheilvoller Unvermeidlichkeit stürzten die beiden Türflügel in den Saal.

Rauch wallte, und in den dichten Schwaden zeichnete sich undeutlich eine Gestalt ab.

»Donnerwetter, Virrid!«, stieß ein Zauberer in der Nähe hervor. »Das war echt nicht schlecht.«

Aber als die Gestalt den Saal betrat, wurde sofort klar, dass es sich nicht um Virrid Festschmaus handelte.

Der Fremde trug einen schlichten weißen Umhang und schien mindestens einen Kopf kleiner zu sein als ein gewöhnlicher Zauberer. Außerdem war er auch erheblich jünger. Spelzdinkel schätzte sein Alter auf ungefähr zehn. In der einen Hand hielt der Junge einen langen, schwarzen Stab.

»Wo hat er seinen Mantel gelassen?«

»Der Hut fehlt!«

»He, er ist überhaupt kein Zauberer …«

Der Knabe wanderte an den erstaunten Magiern vorbei und blieb erst vor dem oberen Tisch stehen. Spelzdinkel sah in das junge, von blondem Haar gesäumte Gesicht und blickte in zwei goldene, von innen heraus leuchtende Augen. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass ihr Blick überhaupt nicht ihm galt, sondern einem Punkt etwa zehn Zentimeter hinter seinem Kopf. Verwirrt überlegte er, wie er sich jemandem gegenüber verhalten sollte, der einfach durch ihn hindurchstarrte, ihn überhaupt nicht zu beachten schien und ihm das Gefühl gab, völlig überflüssig zu sein. Spelzdinkels Selbstbewusstsein murmelte einen Fluch, doch die Stimme der Vorsicht riet zu Besonnenheit.

Schließlich besann sich der Quästor auf seine Würde und straffte die Schultern.

»Was hat das, hm, zu bedeuten?«, fragte er. Es klang nicht besonders Ehrfurcht gebietend, wie er sich selbst eingestehen musste, aber der wahrhaft durchdringende Blick tilgte alle Worte aus ihm.

»Ich bin gekommen«, sagte der Fremde.

»Gekommen? Weshalb?«

»Um den mir gebührenden Platz einzunehmen. Wo steht mein Stuhl?«

»Gehörst du zu den Schülern?«, fragte Spelzdinkel. Zorn verbannte die Verlegenheit aus ihm. »Wie heißt du, junger Mann?«

Der Knabe ignorierte ihn und wandte sich an die versammelten Zauberer.

»Wer ist hier der mächtigste Magier?«, fragte er. »Ich möchte ihn kennenlernen.«

Spelzdinkel nickte kurz. Während der letzten beiden Minuten hatten sich zwei Studienpförtner herangeschlichen, und auf das Zeichen des Quästors hin sprangen sie sofort herbei.