Der Zweifel - Leo Brescia - E-Book

Der Zweifel E-Book

Leo Brescia

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Beschreibung

Die Gestalt des Zweifels erscheint dem Menschen Nikarion und nimmt ihn mit auf eine Suche nach Erkenntnis und Seelenfrieden. Sie sprechen mit den Weisen und den Wissenden, doch immer zerstört der Zweifel jede Wahrheit. Schließlich beschließt Nikarion, die vergebliche Sinnsuche sein zu lassen und wendet sich stattdessen der Suche nach etwas anderem zu: nach Macht.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Leo Brescia

Der Zweifel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zweifel und Hoffnung

Der Pfarrer

Der Heide

Der Mönch

Der Lehrer

Der Einsiedler

Ein Neuanfang

Der Nahe Ort

Lehren aus der Geschichte

Das Oberhaupt und der Disput

Der Staatenlenker

Der Weltenbrand

Impressum neobooks

Zweifel und Hoffnung

Nikarion Phoros, der Gelehrte, war auf einer Suche. Umgeben von den Ruinen eines alten Tempels stand er unter dem klaren Nachthimmel und ließ seinen Geist zwischen den Sternen den Tanz der Verzweiflung tanzen.

Der Tempel galt einst als Stätte des Wissens und der Orakel, an diesen Ort waren die Verzweifelten und die Sinnsucher gekommen, um Antworten und Anleitung zu finden. Allein, eines Tages waren die Menschen mit den Antworten und Ratschlägen, mit den Orakelsprüchen und den vermeintlichen Weisheiten, nicht mehr zufrieden. Sie durchschauten, dass die Verbindung zwischen den Tempelpriestern und den Göttern, zwischen dieser als unvollkommen empfundenen Welt und einer als vollkommen erhofften Welt, nicht so stark war, wie von manchen gepredigt wurde.

Nach Jahrhunderten und Generationen von gegebenen Antworten, die doch nicht ein Leben lang oder gar für die Ewigkeit den Geist zu befriedigen vermochten, wandten sich die Menschen von diesem Tempel ab. Doch ihre Suche hatte nicht geendet. Sie hatten sich bloß in die Arme eines anderen Kultes geworfen, der Antworten versprach und doch keinen dauerhaften Seelenfrieden zu stiften vermochte.

Nikarions nach oben gerichteter Blick reichte bis in die Unendlichkeit. Er wusste, dass hinter den Grenzen, bis zu denen seine Augen zu sehen vermochten, die Welt noch nicht zu Ende war. Und doch fand er nichts zwischen den Sternen. Das Universum war kalt und leer, trotz der vielen Masse und Materie war kein Weltgeist zu entdecken, war keine höhere Form von Existenz zu finden. Wohin Nikarion auch seinen Blick wendete, nirgends fand er einen Weg zum dauerhaften Seelenfrieden. Nach jeder neuen Erkenntnis, nach jedem als Weg zur Wahrheit verkündeten Geheimnis, den er gegangen war, war die Freude und die innere Ruhe nach einer Zeit wieder abgeklungen und hatte dem Verlangen nach mehr Wissen Platz gemacht.

Sein Herz fand keine Ruhe, und der alte Ruf verstummte nicht: „Das, was du für die Wahrheit hältst, ist nicht die Wahrheit. Du hast Zweifel. Suche weiter!“

Nikarion blickte zwischen die Sterne und fand nichts. Er hatte die Wissenschaften dieser Welt studiert und die Leidenschaften dieser Welt gekostet, doch nirgends war das Licht zu finden gewesen, das sein Leben und das Leben aller anderen erhellt hätte. Der Glauben hatte ihm keine Zuflucht geboten, in der Liebe hatte er keinen endgültigen Trost und im Hass keinen ewigen Antrieb gefunden.

Die Dunkelheit und die Tiefe seines Herzens waren unergründlich geblieben. Die Welt war ihm unverständlich. Er wollte wissen, was jenseits des Schleiers des Ungewissen liegen mochte, was in den Herzen der Menschen wohnte und was der Urgrund allen Seins war. Wer hatte sie hinausgeschleudert in diese Welt? Was war es, das den Menschen durch die Jahrzehnte eines Lebens antrieb und schon den ersten ihrer Spezies zur Tat gedrängt hatte? Er wollte wissen, woher sie alle kamen und welchen Weg sie in die Zukunft nehmen sollten.

Finster war es in Wahrheit um den Menschengeist. Wie Blinde tasteten sie sich durch eine im Grunde fremde Welt. Das Licht der Erkenntnis fehlte, und kein Prometheus war in Sicht, der es ihnen bringen konnte. Und die, die sich selbst auf die Suche nach Weisheit begaben, setzten ihren Fuß auf einen gefährlichen Weg. An jeder Ecke lauerten die Sirenen in Form von Trugschlüssen, die einen zum Bleiben und zum Stillstehen verführen wollten.

Die Grenzen zwischen Weisheit und Wahnsinn waren oft unscharf. Hoffnung und Zweifel reißen den Menschen entzwei. Damit musste doch endlich Schluss sein!

Nikarion, für seinen Teil, wollte nicht mehr Diener zweier Mächte sein. Hoffnung und Zweifel sollten ihn nicht länger an ihrem Gängelband führen. Sein Innerstes rief ins Universum. Nach Äonen der Stille verlangte Nikarions Herz nach einer Antwort, weshalb das Sein mit Unkenntnis über das Sein einherging.

Da erschien vor ihm eine Gestalt im schwarzen Mantel. Die dunkle Kapuze hatte die Gestalt zurückgeworfen, sodass Nikarion ihr Gesicht sehen konnte.

Obwohl er zwischen all den Ruinen und verfallener Größe stand, inmitten der Finsternis der Nacht, erschrak Nikarion beim plötzlichen Auftauchen der Gestalt nicht.

„Du rufst, ich bin da“, sagte die Gestalt. „Ich bin eine Macht im Universum und bin gleichzeitig aus dir geboren. Du kennst mich, Mensch. Du hast mich gerufen. Ich bin der Zweifel und ich bin die Hoffnung. Beide bin ich, denn Zweifel und Hoffnung sind eins. Ich bin die Hoffnung auf bessere Antworten auf deine Fragen. Und ich bin der Zweifel, ob gefundene Antworten denn nun die bestmöglichen sind.“

Die Gestalt hatte recht, dachte Nikarion im Innersten. Denn ist die Hoffnung nicht auch bloß ein Zweifel an der Welt? Und ist der Zweifel nicht auch bloß eine Hoffnung auf eine bessere Realität?

Auf die Frage, woher er komme, antwortete die Gestalt: „Aus dem Weltganzen bin ich geboren, aber auch aus dir. Ich war immer bei dir. Solange man lebt, hofft und zweifelt man. Wichtig ist nur, sich davon nicht aufhalten zu lassen. Hoffnung ist trostspendend und zugleich trügerisch. Zweifel ist warnend und zugleich zerstörerisch. Wer hofft, der hat auch Zweifel. Wer zweifelt, der hofft. Wer das Eine ohne das Andere tut, der ist dumm. Der Zweifel ist gut, muss ihn annehmen und darauf achten, wo er einen hinführen kann. Nun sage mir, Mensch, warum du mich gerufen hast. Denn du wolltest bestimmt mehr wissen als das.“

Und der Mensch sprach seinen Wunsch aus. „Ich fordere dich dazu auf, die letzten Geheimnisse des Universums preiszugeben.“

Da lachte der Zweifel laut auf. „Lächerlich. Das werde ich niemals tun. Du denkst, du hast mich in deiner Gewalt. Du denkst, nur weil du mich gerufen hast, hast du Macht über mich. Sieh dich um, Mensch! Ich plagte schon die Erbauer dieser alten Stätte des Wissens, die sich vor dem Abgrund des Todes fürchteten und gab ihnen Hoffnung, dass ihr Werk etwas bedeuten könnte. Ich war bei denen, die diesen Tempel aus Unzufriedenheit zerstörten, denn sie hatten Zweifel an seiner Macht und setzten ihre Hoffnungen in einen anderen Glauben. Du willst mir also befehlen? Du spielst mit höheren Mächten, als du auch nur ahnst, Mensch.“

Da wurde Nikarion mutig. Was hatte er denn zu verlieren? Ohne Wissen war ihm sein Leben ohnehin nichts wert. Der Gedanke an den alles auslöschenden Tod packte sein Herz mit Furcht. Das Wissen um die Zeit des Universums, die langsam aber sicher abläuft, ließ ihn einen nie geahnten Terror verspüren. Er musste wissen, ob die Existenz einen Sinn hatte. Ob etwas blieb von alledem. Darum verlangte er ohne Scheu von dieser Urmacht, diesem steten Begleiter des Menschen und seines Denkens: „Ich muss wissen, ob das Leben eine lohnende Sache ist und nicht bloß ein grausamer Scherz.“

Der Zweifel musterte Nikarion und schien für eine Weile dessen Herz zu wiegen. Nikarions Herz schlug wild. Hier war er, in Gegenwart des leibhaftigen Zweifels. Zwar war es auch die leibhaftige Hoffnung, doch er konnte nicht anders, als in dieser finsteren Gestalt bloß den Zweifel zu sehen.

Schließlich nickte der Zweifel.

„Ich bewundere deine Hartnäckigkeit“, sagte er. „Sieh her, ich bin, was ich bin. Ich bin ganz von meinem Sein durchdrungen, darum kann ich nicht anders, als selbst Hoffnung und Zweifel zu empfinden. Ich säe sie nicht nur, ich verspüre sie selbst. Und du weckst Hoffnung in mir, Mensch. Hoffnung auf etwas Größeres, auf etwas Besseres. Du möchtest zu einem Prometheus für das Menschenvolk werden? Ich will dir helfen.“

Zwar war die Antwort positiv ausgefallen, doch Nikarion musste einfach fragen: „Warum willst du mir freiwillig helfen? War es bisher nicht deine Aufgabe, die Wahrheit zu verschleiern und alle Geheimnisse zu bewahren?“

„Überhaupt nicht!“ Der Zweifel schüttelte wild den Kopf. „Warum sollte ich das wollen? Ich leite an und führe, gehen muss man aber selbst. Wenn man mich missversteht und sich von den Sirenen an Felsklippen locken lässt, welche Schuld trifft mich dann?“

Das verstand Nikarion. Noch einmal sah er sich um, sah die verfallenen Ruinen und spürte die Hoffnung und den Zweifel aller Menschen, die einst an diesen Ort getrieben worden waren. Es waren auch seine Hoffnungen und seine Zweifel. Aus welchem Grund gab es diese Empfindungen? Aus welchem Grund gab es die Sterne, das Leben, das Denken, die Hoffnung und den Zweifel? Aus welchem Grund war alles ein großes Geheimnis?

„Ich will den Sinn kennen!“, verlangte Nikarion. „Den Sinn von alldem. Ich will das geheime Wissen entdecken und der Welt endlich offenbaren. Verrate mir alles! Erleuchte mich. Verhilf mir zu Erkenntnis, auf dass ich sie mit allen Menschen teilen kann.“

„Ich kann dir nicht geben, wonach du verlangst“, sagte der Zweifel. „Ich will dir zwar helfen, doch auf dem Silbertablett kann ich dir die Antworten nicht präsentieren. Ich kann dich aber auf auf eine Reise schicken, die vielleicht das Verlangen in deinem Herzen stillen kann. Versteh doch: Ich kann dich nur begleiten, dir aber nichts verraten. Ich kann dir bloß die Welt zeigen, dir aber nichts über sie sagen. Denn die Wahrheit liegt jenseits von Zweifel und Hoffnung.“

Der Zweifel trat auf Nikarion zu und sah ihm tief in die Augen. Nikarion konnte den Blick nicht von diesen tiefen Augen abwenden, in denen Wissen und Trauer, Weisheit und Güte standen. Der Zweifel würde ihn nicht anlügen, das wusste Nikarion instinktiv. Dies waren ehrliche und wache Augen.

„Bei dir, Mensch, beginnt die Reise zur Wahrheit. Selbsterkenntnis heißt das Zauberwort. Anfangs ein schmerzhafter Prozess, zugegeben, doch nach und nach wirst du Kraft daraus gewinnen. Doch erkenne dich nicht nur selbst, erkenne dich selbst auch in den Anderen! Du bist genau wie sie und sie sind genau wie du. Sie alle suchen. Und sie alle finden etwas.“

„Ich will nicht irgendetwas finden!“, begehrte Nikarion auf. „Ich will das Absolute finden.“

Er war bereit, bis an den Rand von Allem vorstoßen. Er wollte die Grenzen des Universums sehen, er wollte Weisheit. Er wollte wissen, was für ein Sinn hinter der Welt steckte.

„Gut“, sagte der Zweifel. „Schwöre mir, dass du dich nicht verlieren wirst in Fehlschlüssen. Schwöre mir, dass du dich nicht auf die erstbeste Wahrheit stürzt und danach das Suchen aufgibst. Schwöre mir, dass dein Geist offen bleibt für Antworten – und für Zweifel.“ Nikarion schwor es. „Gut. Solltest du diesen Schwur je brechen, werde ich dich verlassen. Denn dann ist dein Unternehmen gescheitert. Rufe dir den alten delphischen Spruch an Apolls Tempel in Erinnerung: Erkenne dich selbst. Dieser Spruch wird zweifach gedeutet. Er gemahnt dich einerseits an deine Grenzen und kann dir Demut beibringen. Andererseits fordert er dich auf, dir deiner Göttlichkeit bewusst zu werden; dein Geist ist unsterblich, Mensch, und dein Körper ein bloßes Werkzeug. Für welche Deutung entscheidest du dich?“

„Wir werden sehen“, sagte Nikarion.

„Vertrau mir nur und lass mich dich führen. Jeder Zweifel ist angebracht, keine Kritik ist ohne Sinn. Vergiss das nie. Ich kann die Menschheit vielleicht nicht ans Ziel bringen, doch ich kann sie eine Stufe auf der Treppe, die zur Weisheit führt, weiter hinaufführen. Alles, was ich für meine Dienste verlange, ist dies, Mensch: Dass du die Wahrheit annimmst und dass du den Sinn erkennst. Man sollte immer auf die leiseste Stimme hören, denn die Wahrheit braucht nicht laut zu sein. Die lauten Stimmen versuchen bloß durch ihr Geschrei die Lüge zu verkaufen. Es gibt so viele Menschen, die sich in den Wirren des Geistes verlaufen. Sie finden keine Antwort und meinen, es gibt keine Antwort. Als dann, Mensch. Verlasse nun deine Welt und komm mit mir. Lass mich dich führen durch eine Welt, an der du verzweifeln magst und die dir doch Hoffnung bietet. Wollen wir sehen, ob die Weisen dieser Welt dir die Antworten bieten können, nach denen du verlangst. Lass uns bei den Religionen beginnen. Die Menschen beantworten die letzte aller Fragen stets mit Gott. Er ist verantwortlich, also kann Er Antwort geben.“

Zu ihm hatte Gott noch nicht gesprochen, überlegte Nikarion. Er kannte auch keinen, der das von sich behaupten könnte. Und dennoch sprachen die Menschen von ihm. In seinem Herzen regte sich eine alte Hoffnung. Er wollte die Sicherheit, zu wissen, dass es einen Gott gab. Er wollte sicher sein, dass da eine Macht war, die auf sie alle Acht gab und die ihrer Existenz einen Sinn und einen Rahmen gab. Oder er wollte sich der harten Erkenntnis stellen, dass alles nur Lug und Trug war und er sich ruhig von solchen Gedanken lösen konnte.

„Sei nur offen für jede Art von Antworten“, sagte der Zweifel. „Komm, wir besuchen einen Mann des Glaubens.“

Der Pfarrer

Nikarion trat mit seiner Hoffnung und seinen Zweifeln durch das hohe Kirchenportal. Das Gebäude war riesig und mächtig, die hohe Decke verlor sich über ihm in der Dunkelheit. Die Kirche war düster wie alle Kirchen, düster wie der Geist. In ihrer Bestimmung war sie aber ein Bau der Hoffnung und der Zuversicht, ein leuchtendes Fanal in der Düsternis der Welt; so wie auch die allumfassenden Bestrebungen des Geistes und des Verstandes ein Licht in die Dunkelheit des Unwissens werfen, zwar bloß wie eine Kerze in tiefster Nacht, doch das Licht wird weithin gesehen. Es wird gesehen und leuchtet denen, die sich in der Welt, der wahren sowie der des Geistes, zurecht finden müssen.

Inmitten dieser düsteren Kirche schritt nun eine Figur erhaben durch die Reihen der leeren Sitzbänke. Mit erhobenem Haupt, die lange, schwarze Priesterrobe berührte fast den Boden, schritt der Pfarrer aufrecht und unaufhaltsam durch seine Welt. Sein Herz war zwar ebenfalls von Zweifeln angenagt, doch gleichzeitig war er fest im Glauben verwurzelt. Er kämpfte unaufhaltsam für das Gute und das in seinen Augen Wahre. Dies war ein Mann, der an seine Stellung im Universum glaubte. Der Pfarrer bemerkte den Neuankömmling in seiner Kirche – der Zweifel war ihm unsichtbar – und kam auf Nikarion zu. Der Sucher konnte in den Augen des Pfarrers deutlich den guten Willen erkennen.

„Was führt dich in einer Nacht wie dieser zu mir?“, erkundigte sich der Pfarrer. Er war bereit, jeder hilfesuchenden Seele beizustehen, bei Tag und bei Nacht. Darum überraschte es ihn nicht, als Nikarion antwortete: „Erkenntnis suche ich.“ Denn auch dieses Begehren führte etliche in seine Kirche und zu ihm.

„Also suchst du nach Gott“, sagte der Pfarrer.

„Ich denke schon, ja“, antwortete Nikarion. „Wenn es ihn gibt, dann muss ich ihn finden. Es ist meine einzige Chance, den Halt in der Welt wieder zu erlangen. Könnte ich den Glauben an Gott zurückgewinnen, den ich einst als Kind besaß, so würde ich nicht weiter suchen wollen. Ich hätte meinen Halt in der Welt gefunden, nichts könnte mich mehr davon abbringen. Allein blind glauben kann ich nicht mehr. Mögen die heiligen Worte auch wahr sein und alles darum Wirkende. Ich will nicht mehr vertröstet werden, nicht mehr zum bloßen Glauben gezwungen sein. Meine Geduld ist überspannt, mein Glauben in sich zusammengefallen. Ich muss Sicherheit erlangen. Welcher Natur ist Gott, was bedeutet das alles, wo liegt der Sinn? Ich muss diese Dinge wissen, kann sie nicht länger glauben. Gewissheit, Wissen, Sicherheit. Das begehrt meine aufgekratzte Seele, nicht weniger.“

Der Pfarrer setzte sich in eine der Sitzbänke und machte eine einladende Geste, dass sich Nikarion doch zu ihm setzen solle. Der Sucher kam der Einladung nach und nahm neben dem Pfarrer Platz. Der Zweifel setzte sich neben seinen Schützling.

Der Pfarrer strich sich nachdenklich übers Kinn und sagte dann: „Ein hohes Begehr führt sie da, die aufgekratzte Seele. Sei aber versichert, auch gänzlich zerschundene Seelen, Abgrundseher und verdunkelte Geister, sie alle finden noch Trost beim Herrn. Der Glaube ist stark, manchmal noch stärker als Wissen. Diese Macht, die da über uns wacht, ist die Allmacht. Und sie liebt uns.“

Doch welcher Natur war diese Liebe? Man nannte den liebenden Gott „Herr“, als ob er willkürlich mit den Menschen umgehen könne; der Herr und seine Diener, seine Sklaven, sein Spielzeug. So begriff man ihn gemeinhin, den Herrn: als jemanden, der Macht und der dadurch denen, über die er Macht hat, Sicherheit gewähren muss. Doch auch konnte er, ohne sich vor seinen Untertanen verantworten zu müssen, aus einer Laune heraus jemanden ins Verderben stürzen.

Der Pfarrer schien Nikarions Bedenken zu bemerken. „Gott geht den Menschen als Führer voran, er hält keine Peitsche, um uns anzutreiben. In Händen hält er lediglich die Liebe und das Wissen darum, was wir tun sollen.“

„Doch was ist mit jene, die ihm nicht folgen?“, fragte Nikarion. „Lässt der Allmächtige seine Schöpfung dann in Unliebe und Sinnlosigkeit rennen? Belohnt er nur jene, die brav und ohne zu murren folgen? Diesen Gott will ich nicht haben, nein.“

Da verengten sich die gütigen Augen des Pfarrers und sahen den Besucher misstrauisch an. „Wie willst du ihn denn haben? Du kannst dir deinen Gott nicht selber machen.“

„Das ist vielleicht die schlimmste Sünde der Religion“, sagte Nikarion nachdenklich, „dass sie das Wesen Gottes vorschreibt.“

Da fuhr der Pfarrer auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „In Zuneigung und Freundschaft habe ich dich in meiner Kirche empfangen. Mit Frevel lasse ich es mir aber bestimmt nicht danken. Sag ein Wort der Entschuldigung, wenn es dich denn reut. Und dann hinaus mit dir!“

Nikarion erschrak über die harsche Reaktion des Pfarrers. Und doch verstand er sie. Er war nur blind gewesen für die Gefühle seines Gegenübers weil er nur an sich und sein Leid gedacht hatte. Dabei hatte er um nichts in der Welt einen anderen kränken wollen!

Nikarion beschloss, dass dieser Fehler ihm nicht noch einmal geschehen sollte. „Von Herzen tut es mir Leid, will ich doch niemanden kränken. Ich bin doch nur auf der Suche nach dem Wesen Gottes. Ich will einen Eindruck seiner viel gerühmten Herrlichkeit erhalten. Und ich will seine Sicherheit genießen. Mehr verlange ich doch nicht.“

Diese Worte ließen die Wut des Pfarrers wohl verrauchen, denn er setzte sich wieder neben Nikarion und sammelte sich. „Deine Seele ist mehr als nur aufgekratzt. Scheinbar habe ich mich in dir geirrt. Ich glaube dir, dass du mich und den Heiland nicht verletzen wolltest. Zum Glück haben mich deine Worte davor bewahrt, selbst einen Fehler zu begehen. Gewiss hätte ich dich in der ersten unkontrollierten Gefühlswallung vor die Tür gesetzt und es hernach bereut. Doch bin auch ich nur ein Mensch, der sich selbst nur in großem Abstand dem Weg des Heiligen nachschleppt.“

Nikarion sagte: „Es gebührt dir viel Respekt, dass du es wenigstens versuchst. Viele schleppen sich nicht einmal nach, sie stehen nur am Wegesrand und sehen zu, wie sich andere abmühen.“

„Und wenn dann einer strauchelt, beklagen sie seine schlechte Kondition. Glaube mir, mein von Gott Gesandter Wanderer, ich kenne diese Welt und die Menschen in ihr.“

„Ein großes Repertoire an Weisheit bietet das, möchte ich wetten“, meinte Nikarion.

„Durchaus, durchaus“, gestand der Pfarrer. „Allein, nie kam ein Heiliger zu mir, immer begegne ich nur Sündern wie mir – und noch Schlechteren. Meine Weisheit erschöpft sich also in Einseitigkeiten, denke ich.“

Nun mussten sie beide herzhaft lachen.

„So bin ich also im erbauten Haus Gottes, in Anwesenheit eines Vertreters der Heiligen Kirche, nicht viel näher an der Weisheit oder Heiligkeit dran, als manch anderer Mensch“, sagte Nikarion dann.“

Der Pfarrer nickte stumm. Diese Gedanken waren ihm nicht fremd. Was Gott wohl dazu bewogen hatte, die Welt gerade so zu erschaffen? Hätte er eine Antwort darauf, müsste er nicht glauben.

„Warum ist die Religion nur so stark in der Welt, wenn sie keine endgültigen Antworten bieten kann und bloß auf Glauben basiert?“, fragte Nikarion.

„Diese Frage ist leicht zu beantworten“, sagte der Pfarrer. „Denn bedenke nur, dass es Gründe für die religiösen Lehren geben muss. Grundlos und ohne Sinn sind sie nicht entstanden, das glaube mir nur ruhig. Es ist schon gut so, dass der Umgang miteinander geregelt ist. Die Gedanken, dass Sex erst in einer festen Bindung zu einer schönen Sache wird, oder dass man alles nur in Maßen genießen soll, ergeben schon Sinn. Die Religion vertritt Bräuche und setzt einen Verhaltenskodex fest, wie Menschen miteinander umgehen sollen. Es ist wunderbar zu sehen, dass sich die Menschen ihren Halt in der Welt selbst schaffen konnten und immer noch können.“

Nikarion sah überrascht auf. „Die Menschen sich selbst? Sagt ein Pfarrer da gerade, dass Gott keinen Einfluss auf die Religionen hatte?“

Da lachte der Pfarrer wieder und seine Augen blitzten. „Trotz allem Glauben ist manchen religiösen Worten mit einem kritischen Geist zu begegnen. Viel wurde aus den jeweiligen Umständen der Zeit geprägt und die heiligen Schriften gingen durch viele Hände. Unweigerlich wurde das eine oder das andere hinzugefügt, wenn es gerade passend war. Religionen waren eben seit jeher das Bindemittel, das eine Gemeinschaft zu einer solchen macht und sie auch zusammenhält. Innerhalb dieser Gemeinschaften funktionieren Religionen auch wunderbar. Erst, wenn sich viel Zeug darum herum bildet und an diesem so gehangen wird, dass man nicht mehr davon lassen möchte, gibt es Probleme. Und zwar besonders dann, wenn man auf andere trifft, die zwar andere Meinungen haben, die aber ebenso festgefahren sind wie die eigenen. Dann kommt man auf keinen grünen Zweig mehr und die Waffen fechten für eine Missgeburt von Frieden. In diesem gibt es dann einen Sieger und einen Besiegten, ein funktionierendes Gleichgewicht kommt dabei nur schwerlich auf. Ich meine, dass die Botschaft alleine zählt und die Umsetzung ebendieser nicht unumstößlich festgesetzt werden kann. Man darf sich nicht an Details aufhängen. Darum halte ich auch die Kirche für die beste religiöse Institution, die es gibt. Denn, trotz aller Schatten der Vergangenheit, sie ist bereit, sich zu ändern und eben nicht den Fehler zu begehen, in alten Mustern gefesselt zu bleiben. Sie öffnet sich und gibt den Glauben aus der Geiselhaft frei.“

„Was bedeutet das?“, fragte Nikarion.

„Das bedeutet“, sagte der Pfarrer, „ dass sie nicht länger so starr darauf beharrt, den einzigen Heilszugang zu haben. Sie verbreitet nicht länger den Irrtum, dass nur der, der brav der Kirche folgt, das Himmelsreich erlangen kann. Das ist ein weiser und durchaus nötiger Schritt gewesen. Dennoch hat die Kirche als Institution keinen allzu guten Ruf zur Zeit. Denn ganz so, wie ich es sage, ist es doch nicht. Zwar hat sich die Kirche geändert; ein Kunststück, das viel mehr Religionen bewerkstelligen sollten. Aber die Verantwortlichen sind zu einem Gutteil noch immer in ihrer Gedankenwelt verhaftet, während sich die richtige Welt noch mehr geändert hat. Aber bedenke: Die Kirche muss auch noch immer einen Halt in der Welt schaffen für diejenigen, denen sie damit helfen kann. Eine sich ständig ändernde und sich neu erfindende Sache unterliegt allzu bald dem Niedergang. Darum ist es oft gut, standhaft zu bleiben und das auch zu demonstrieren. Einen Anteil an den Weltgeschehnissen hat die Kirche als Institution doch ohnehin nicht mehr. Der Glaube, der sich so oft vom Verstand separiert, hat die Politik zum Glück verlassen. Und darum haben wir uns wieder auf das konzentrieren können, was wichtig ist: auf den Menschen und die Seelsorge. So kann man sagen, dass die Kirche doch sehr flexibel ist. Ihren Möglichkeiten entsprechend.“

Neben Nikarion räusperte sich der Zweifel lautstark und flüsterte, unhörbar für den Pfarrer: „Gäbe es eine aufstrebende, vor Waffen starrende Kirchenmacht, würde das wichtigste Ziel zweifellos lauten: das Reich Gottes aufzurichten und jeden Teufel mit Gewalt auszutilgen.“

Nikarion reichte die Worte des Zweifels an den Pfarrer weiter: „Sag, findet man es in der Kirche traurig, die alte Macht verloren zu haben?“

Der Pfarrer schnaubte. „Wer wünscht sich nicht mehr Macht oder erinnert sich gerne an längst vergangene, machtvolle Tage? Nur leider muss man auch nach schönen Träumen einmal aufwachen. Die Kirche war nie von sich aus mächtig, allein der Glaube kann die Gemüter bewegen. Als die Menschen noch an die Kirche glaubten und sie und den Glauben nicht voneinander trennen konnten, da war es den damaligen Kirchenoberen auch möglich, in die Gesellschaft einzugreifen und sie zu beeinflussen. Und da liegt die wahre Macht, denn die Religion hat nie das selbe Machtpotential, das eine Gesellschaft hat. Die Religion beeinflusst aber eine Gesellschaft in einem großen Ausmaß. Ist es eine friedliche Religion, so sind die Menschen gemeinhin friedlich. Ist es eine kriegerische Religion, wird sie den Weg aller Schwertmänner gehen. Wenn man also eine Religion beherrscht und es schafft, mit den möglichen Auslegungen eben dieser zu spielen, die zwangsläufig vorhanden sind, so hat man große Macht. Und wenn man es damit schafft, auch noch die Gesellschaft, also das weit größere Machtpotential, zu beherrschen, dann kommt man einem Gott sehr nahe. Religion ist ein Machtfaktor, das stimmt schon. Und es offenbart sich das alte Problem der Existenz: