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Der sagenhafte Held Rostam ist für manche vielleicht ein Begriff, doch sein stärkster Gegner und zugleich jener Held, der ihm am ähnlichsten war, ist den meisten unbekannt: Esfandiyar, der große Krieger und Retter des Iran. Es scheint Schicksal oder der Wille Gottes gewesen zu sein, dass ausgerechnet diese beiden Lichtgestalten, zwischen denen eine Freundschaft zum Wohle Persiens hätte entstehen können, in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten mussten.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Leo Brescia
Esfandiyar und Rostam
Eine Heldengeschichte aus dem Schahname
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Am Hofe
Nach Zavolestan
Die Kämpfe
Esfandiyars Tod
Impressum neobooks
In der Dunkelheit des Thronraumes berieten zwei Gestalten miteinander. Der eine war Gostasp, der König des Iran. Der andere war Gamasp, sein Astrologe.
„Hast du getan, was ich dir auftrug, mein Sternenkundiger?“, fragte König Gostasp.
Gamasp bemühte sich, sich zu verbeugen. In seinem Alter war das schwer und anstrengend, doch er wusste, dass König Gostasp diese Ehrbekundung von ihm erwartete. Er hasste diese geheimen Treffen mit seinem König, bei denen der Herrscher nie Gutes im Schilde führte. „Ja, mein König. Ich habe die Sterne befragt.“
Der König wartete ungeduldig auf die Neuigkeiten. Sie konnten alles für ihn bedeuten. „Nun? Berichte mir, was geschrieben steht am Himmel. Was wissen die Sterne über meine Zukunft? Droht mir Gefahr, den Thron zu verlieren?“
Der Astrologe fürchtete sich, der Überbringer dieser schlechten Nachricht zu sein. Vor allem, weil der Empfänger der jähzornige König war und ihm direkt gegenüberstand. „Ja, mein König“, sagte er. „Euch droht Gefahr. Euer Sohn ist ein weiserer Mann und wäre ein größerer König als Eure Majestät. Das sagen die Sterne, und ich überbringe euch nur die Kunde. Wenn Eure Majestät nicht acht gebt, werden die Edelleute des Iran bald verlangen, dass Euer Sohn Esfandiyar am Thron sitzen soll.“
Gostasp reagierte nicht auf die Beleidigung. Viel schwerer wog für ihn die Möglichkeit, seinen Thron zu verlieren. „Was kann ich dagegen tun?“, fragte er in den Raum hinein.
Er hatte Esfandiyar bei mehr als einer Gelegenheit einsperren lassen, hatte versucht, sich ihn mit Gold und Geschenken folgsam zu machen. Doch immer wieder benötigte er den Arm seines Sohnes im Kampf mit den Feinden des Iran. Immer wieder musste er zusehen, wie der Ruhm Esfandiyars wuchs – obwohl er ja gerade befürchtete, ihn nicht länger bändigen zu können, wenn er derart beliebt war! Sein Sohn trachtete nach seinem Thron, dessen war er sich sicher. Auch, wenn Esfandiyar immer die Treue in Person zu sein vorgab, wusste der König doch, dass seinem Sohn nicht zu trauen war. „Er trachtet nach meinem Thron, Gamasp! Ich weiß es. Er gibt es nicht zu, er redet stets von Treue und Ehre. Aber ich schenke ihm keinen Glauben. Ich habe diese Worte selbst oft genug gesagt und nie waren sie ernst gemeint, Gamasp! Wie kann sie also ein anderer ernst meinen?“
Der Astrologe stimmte ihm zu. Was blieb ihm anderes übrig?
„Und einfach töten lassen kann ich ihn nicht“, führte der König seine unheiligen Gedanken weiter aus. „Ich schickte ihn in Kriege, das schon, aber er starb nie. Er ist der größte Held des Iran seit Rostam der Legende. In der Ferne starb mein Sohn nicht, und hier am Hofe kann ich ihn nicht beseitigen lassen. Die Edelleute würden mich sofort verdächtigen, etwas mit seinem Tod zu tun zu haben.“ Er seufzte. „Aus diesem Grund wies ich dich an, Sternenkundiger, den Nachthimmel zu befragen. Was sagen Esfandiyars Sterne? Was sagen meine? Wie kann ich ihn davon abhalten, mir Gamasp unternahm den Versuch, der Vernunft Gehör zu verschaffen. „Er ist euer Erbe, er wird irgendwann ohnehin auf dem Thron sitzen.“
Der König fuhr ihn bloß an: „Niemand wird mein Erbe sein, hörst du? Ich bin der König des Iran. Ich habe den wahren Glauben verbreitet. Ich werde nicht ins Grab sinken wie andere Männer. Meine Knochen werden nicht zu Staub! Mein Name wird nicht zu einer Erinnerung. Ich bin ewig, Gamasp, ewig wie die Sonne, ewig wie das Feuer.“
Gamasp stimmte ihm zu.
„Du bist Astronom“, sagte der König. „Was sagen die Sterne über meinen Sohn? Steht sein Ende schon geschrieben? Soll ich ihn töten lassen? Soll ich es wagen?“
Gamasp hob warnend die Hand. „Tut es nicht, Majestät! In den Sternen steht geschrieben, dass der, der den Recken Esfandiyar tötet, selbst Unglück und den Tod auf sich lädt. Legt also nicht Hand an Esfandiyar!“
„Dann muss es ein anderer tun, habe ich nicht Recht?“
Der Astrologe nickte gequält.
„Und ich weiß auch schon, wer es sein soll“, sagte König Gostasp.
„Wer, Euer Majestät?“
„Rostam, der treueste Diener des Iran“, sagte der treuloseste Diener des Iran.
Gamasp schluckte. „Rostam und Esfandiyar sind die beiden größten Helden des Reiches. Wie sollen die beiden zu Feinden werden?“
Der König lachte teuflisch. „Überlass das mir, Sternendeuter. Ich bin das Schicksal.“
Am nächsten Tag um die Mittagszeit wurde Esfandiyar, Prinz des Iran und weithin berühmter Held und Krieger, von den Wachen aus dem Kerker seines Vaters geholt. Man sagte ihm, der König verlange nach ihm. Und weil der treue Esfandiyar stets alle Befehle seines Königs befolgte, konnte er sich seiner Pflicht nicht entziehen.
Auf dem Weg zum Thronsaal jedoch, während er durch einen hohen Säulengang schritt, kam plötzlich Gamasp, der Hofastrologe, an seine Seite gelaufen und bat um Aufmerksamkeit.
Mein Prinz Esfandiyar! Vergebt mir meine Aufdringlichkeit, doch ich habe euch etwas Dringendes zu sagen. Die Sterne, sie verheißen Euch Unglück – den Tod.“
Esfandiyar, der großgewachsene Recke und Sieger all seiner Kämpfe, nahm den Sterndeuter beiseite, um im Vertrauen mit ihm zu reden.
