Kaiser Herakleios - Leo Brescia - E-Book

Kaiser Herakleios E-Book

Leo Brescia

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Beschreibung

Im 7. Jahrhundert macht sich ein Mann aus der Provinz auf, das oströmische Reich aus den Fängen eines tyrannischen Kaisers zu befreien und muss sich anschließend vielen Gefahren stellen, die das Reich in seiner Existenz bedrohen.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Leo Brescia

Kaiser Herakleios

Der Weltenretter aus Karthago, Bezwinger eines Tyrannen und Schrecken aller Perser

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zeichen des Aufbruchs

Von der Bezwingung Phokas’ durch das Volk

Sieg und Niederlage im Feindesland

Barbarenzelte vor Konstantinopels Mauern

Die Schlacht bei Ninive

Epilog

Impressum neobooks

Zeichen des Aufbruchs

Er rannte und rannte. Er rannte nicht vor etwas davon. Er jagte etwas hinterher. Herakleios, dieser starke und mutige Mann, war stets darauf bedacht, seine Ziele zu verfolgen und scheute sich vor keiner Herausforderung. In der Tat war er weniger ein unüberlegter Draufgänger als ein Held, wie man ihn sich in seiner strahlendsten Erscheinung vorstellen mag. Und so wie er diesmal rannte, so rannte er sein ganzes Leben lang. Immer gab es für ihn etwas zu tun, immer fand er einen Weg, seine Kraft und seinen Mut zum Wohl der Menschen in seiner Umgebung einzusetzen.

Über Stock und Stein trugen ihn seine Beine, die Muskeln stets zur Tat bereit. Der Wind fuhr ihm ins glatte und ebenmäßige Gesicht und spielte mit seinen blonden Locken. Schweiß tropfte ihm von der Stirn und der Nasenspitze, seine hellblaue Tunika klebte an seinem Körper und zeigte schon seit geraumer Zeit die nassen Spuren der Jagd, der sich Herakleios in diesem Moment hingab. Nur wenige Lanzenlängen vor ihm lief das Wildschwein und versuchte zu entkommen. Doch sein Jäger war schnell und stark.

Die beiden feierten hier in einer beinahe heiligen Zelebrierung den seit Anbeginn der Zeit stets wiederkehrenden Gang der Natur. Lange schon hatten sie die zivilisierten Gegenden von Karthago verlassen, deren Straßen von hohen und spitzen Wacholderbaumalleen gesäumt waren. Rot gedeckte Ziegelhäuser standen dort hinter ihnen in den Vororten der mächtigen Stadt am Mittelmeer, unumschränkte Beherrscherin der Meerenge zwischen Afrika und Sizilien.

Das urbar gemachte Land hatte bald den knorrigen Steineichen und hohen Kiefern Platz gemacht. Außerhalb der Stadt hatten sie nur vereinzelt gestanden, Schattenspender für Reisende, die über die Handelsrouten aus dem Inneren Afrikas heraufkamen. Doch nach und nach war die Vegetation dichter geworden. Nach Westen hin, außer Sichtweite der festen Stadtmauern Karthagos, waren die Ebenen hinter der Küste grün und saftig. Allerhand Getier fand hier eine Wohnstätte und Nahrung. So auch das Wildschwein, das Herakleios seit den Vororten von Karthago verfolgte.

Schwer atmend und von der heißen Sonne Afrikas gedrückt, die in der Mittagszeit nun erst ihre größte Kraft entfaltete, hielt Herakleios noch immer den Speer fest in seiner Rechten, der im Takt seines Beine neben ihm her schwang.

Der große Eber war erst vor zwei Tagen in die bewohnten Gebiete vorgedrungen und hatte die Felder der Bauern auf der Suche nach Nahrung umgegraben. Darunter waren auch jene Felder gewesen, die der Familie der wunderschönen Fabia gehörten. Die Bauern hatten sich angstvoll vor dem wütenden Eber versteckt, denn er war tatsächlich von beachtlicher Größe und hatte wild aussehende Hauer, die aus seinem dreckigen und speichelverklebten Maul stachen. Dazu kamen die wie wahnsinnig blickenden, kleinen Augen des Monsters mit dem auffallend rötlichen Fell.

Als sich der Störenfried wieder zurückgezogen hatte, waren die Bauern, die das Land im Namen der Familie von Fabia bestellten, zu ihren Herren gegangen und hatten davon berichtet. Dass der Eber einen kleinen Teil der letztjährigen Saat gefressen hatte, die in den nächsten Wochen hätte sprießen sollen, war nicht weiter schlimm. Denn die Familie besaß genügend große Ländereien, um nicht auf diesen kleinen Teil angewiesen zu sein. Und auch die Bauern hatten nichts verloren, denn ein einzelnes Tier konnte ja keine großen Verwüstungen anrichten. Und überhaupt, wen störte es schon, wenn sich ein wildes Tier ab und zu an den Früchten der Zivilisation bediente?

Aber so einfach war die Lage leider nicht. Denn verliert ein einstmals wildes Tier einmal die Scheu vor den Menschen und dringt in bewohntes Gebiet ein, dann kann man es nicht mehr daraus vertreiben. Es würde immer wieder kommen und sich immer weiter vorwagen. Solange, bis es zu einer ernsthaften Belastung, oder gar zu einer Bedrohung, für die Gesellschaft werden würde.

Als Herakleios vom Auftauchen des Ebers gehört hatte, war er sofort zu Fabia gegangen und hatte sich bei ihr erkundigt, was genau vorgefallen war. Sie und ihre Familie bewohnten ein prunkvoll ausgestattetes Haus im Zentrum Karthagos, nahe dem Hügel Byrsa und der großen Kathedrale. Von allem, was der florierende Markt in Konstantinopel an Luxusgütern zu bieten hatte, war in ihrem Haus etwas zu finden. Und ihre Familie rühmte sich des langen, römischen Stammbaumes einer angesehenen Patrizierfamilie. Da sie nicht in der Hauptstadt wohnten, hatten sie freilich kaum Einfluss auf die Vorgänge im Reich. Aber zweifelsohne gehörte Fabia damit zum hohen und bestimmenden Adel Karthagos.

Die junge Frau hatte ihm die ganze Geschichte erzählt, so wie es ihr die Bauern erzählt hatten. Auch das mit den wie wahnsinnig blickenden Augen teilte sie Herakleios mit.

„Aber was soll’s“, hatte Fabia schließlich gesagt und eine wegwerfende Handbewegung gemacht. „Das Tier hat seinen Hunger gestillt und wird die Bauern nun nicht mehr belästigen. Seien wir froh, dass es vorbei ist.“

Doch Herakleios schüttelte nur den Kopf. „Mit solchen Wesen ist es immer gleich. Trauen sie sich einmal aus ihrem Revier und stoßen dabei auf keinen Widerstand, meinen sie, die neu entdeckte Welt gehört ihnen. Finden sie dabei auch noch Nahrung, werden sie sich nicht mehr von diesem goldenen Futtertrog vertreiben lassen.“

„Jetzt mal doch nicht den Teufel an die Wand“, meinte Fabia und lachte. „Es wird schon nichts passieren.“

„Ich sorge mich um dich, Fabia“, sagte Herakleios ihr eindringlich und trat einen Schritt näher an sie heran. Er fuhr ihr mit seinen Fingern spielerisch durch die kastanienfarbenen Haare und versank tief im Blick ihrer haselnussbraunen Augen. „Ich könnte es nicht ertragen, würde dir etwas zustoßen.“

Sie schmunzelte. „Wovor hast du eigentlich Angst, Herakleios? Dass das Schwein in die Villa kommen könnte und mich verletzt?“

„Mit solchen wilden Tieren ist nicht zu Spaßen“, meinte Herakleios nur ernst. „Und außerdem würde es schon reichen, wenn die Felder deiner Familie noch größeren Schaden nehmen oder wenn gar einem der Bauern, die eure Ernte einbringen, etwas passieren würde.“

„Aber Herakleios“, seufzte Fabia und legte ihrem Liebsten die Hand auf die starke Schulter. „Nimm doch nicht gleich das Schlimmste an. Hab keine Angst und sorge dich nicht um mich. Es wird schon alles von alleine gut werden.“

Das hatte sie gesagt. Aber es war natürlich nicht von alleine gut geworden. Wird ja nichts je von alleine gut, so schön dieser Gedanke auch wäre. Selbst, wenn man den innigen Wunsch nach Wiedergutwerdung hat, so vermag der Gedanke alleine nur wenig auszurichten. Die Tat muss gesetzt werden, an der alles ein heiteres Schicksal finden soll.

Diesmal jedoch beging keiner eine solche Tat, man verließ sich einfach auf die Gunst des Glückes. Welch falsche Annahme das war, das zeigte sich schnell. Denn schon am nächsten Tag war das Wildschwein wieder aufgetaucht und hatte erneut gewütet. Diesmal war der Schaden größer als beim ersten Mal. Die fruchtbare Krume der Felder war sogar noch zerfurchter als einen Tag zuvor.

Dies veranlasste Fabia, nun persönlich nach dem Rechten zu sehen. Am dritten Tag ging sie zusammen mit zwei Mädchen aus ihrem Haushalt hinaus zu ihren Feldern, die vor der Stadt lagen. Eigentlich waren die großen Felder bisher immer innerhalb der starken Mauern von Karthago gelegen, denn nur so waren sie im Falle eines Angriffs von Feinden sicher. Doch eine lange Zeit des Friedens und des Wohlstandes hatte die Menschen dazu veranlasst, auch außerhalb der Wehrbauten Äcker anzulegen und auch dort die Erde zu nutzen.

Sie traf sich also mit den Bauern, die das neu erschlossene Land bewirtschafteten und bekam von ihnen die Verwüstungen gezeigt, die der wilde Eber an den vergangenen beiden Tagen angerichtet hatte. Und wie sie da so standen, war das Tier des Unglücks wieder aufgetaucht. Weil die Bauern und die Adelsfrau so sehr in ihr Gespräch vertieft waren, hatten sie nicht bemerkt, wie das rötliche Wildschwein leise herangekommen war.

Und als sie es dann endlich bemerkt hatten, da waren sie zu anfangs wie starr vor Schreck. Nur langsam konnten sie sich aus ihrer Starre befreien, denn der Eber funkelte sie aus seinen verrückten Augen böse an. Auch er war sich scheinbar noch unschlüssig, was er nun tun sollte. Der Blick des Tiers kündete davon, dass er das Land mittlerweile als seinen Besitz ansah. Und weil die Menschen auf sein Territorium vorgedrungen waren, musste er sie vertreiben. Oder, so dachte sich der Eber, er musste sie nur töten, um seinen Besitz zu schützen. Als dem Eber dieser Gedanke ins Hirn fuhr, da zögerte er nicht mehr lange, sondern er machte sofort einen Satz auf die ängstliche Schar von Bauern und auf die arme Fabia zu.

Die Gruppe von Menschen machte sofort kehrt und flüchtete in ein kleines Häuschen, das einer Bauernfamilie gehörte. Dort standen sie nun, die Feldarbeiter in ihren groben Kleidern und die Adelige und ihr Gefolge, angetan mit wertvollen Kleidern aus schönen Stoffen, die alle Farben wiedergaben.

Die in glänzende Rüstungen gehüllten Wachen, die auf den festen Mauern Karthagos patrouillierten und ihrer Aufgabe nachgingen, nach dem Rechten zu sehen und nach Feinden Ausschau zu halten, waren zu weit entfernt, um das Unglück zu bemerken, das sich weit draußen auf den neuen Feldern abspielte.

Zum Glück gab es aber noch andere Bauern, die das Land ringsum bestellten, denn viele hatten sich vor Karthago den dank der Friedenszeit neu zugänglichen Grund und Boden gesichert. Einer jener Bauer sah den wilden Eber, wie er die hohe Dame und ihr Gefolge in das Häuschen gezwungen hatte. Und da er wusste, dass es sich um die gute Fabia handelte, machte er sich sofort auf, um Herakleios Bescheid zu geben, ihrem Liebsten.

Der Bauer lief hin zur Stadt, passierte das mächtige Tor und rannte weiter die Hauptstraße entlang, bis er zum Hügel Byrsa kam, der sich in der Mitte der Stadt erhob. Dieser Hügel war von der ganzen Stadt aus zu sehen. Auf ihm stand der Palast des Exarchen von Karthago.

Das Exarchenamt war ein vom Kaiser neu geschaffener Titel, um den veränderten Gegebenheiten in der römischen Welt Rechnung zu tragen. Seit Jahrhunderten nämlich war das Reich an allen Grenzen bedroht. Die Barbaren hatten sogar vor langer Zeit Rom selbst, die Hauptstadt des Westreiches, erobert und geplündert. Germanenstämme waren brandschatzend und wütend durch Reichsgebiet gezogen und hatten nur Verwüstung hinterlassen. Das Land, das sie besetzten, war dem Reich verloren.

Mancher hatte da natürlich die Restauration, die Wiederherstellung des Reiches also, im Sinn gehabt. Der große Kaiser Justinian hatte es sogar geschafft, die alten Provinzen wieder in das Reich einzugliedern und die Macht der Barbaren zurückzudrängen. Doch er hatte sie nicht final brechen können. Schon kurz nach dem Tod dieses großen Kaisers hatten sich die Könige und Fürsten der Stämme erneut erhoben und hatten die eben zurückeroberten Länder wieder an sich gerissen. In der Folgezeit war es den Kaisern aufgrund anderer Kriegsschauplätze im Osten, die ihre Aufmerksamkeit voll und ungeteilt erforderten, unmöglich, noch große Aktionen im Westen zu starten.

Aus diesem Grund hatte der weise und vorausblickende Kaiser Maurikios den neuen Titel des Exarchen geschaffen, mit dem er die beiden mächtigen Vertreter des Reiches bedachte, die noch immer im Westen ausharrten und die Grenzen des Reiches dort gegen die Germanen verteidigen mussten. Das waren zum einen der Exarch von Ravenna in Italien und der Exarch von Karthago in Afrika. Der Exarch war quasi ein König in seinem Gebiet und war an Rang nur dem Kaiser selbst nachgestellt. Er hatte die vollkommene Gewalt und die totale Freiheit, sein Handeln selbst zu bestimmen. Dadurch war es möglich, dass sich die Exarchate auch ohne direkte Hilfe des Kaisers halten konnten, der im fernen Konstantinopel weilte. Die Herren jener exponierten Stützpunkte, die ganz am Rande des Reiches lagen, hatten nämlich die Befehlsgewalt über die Streitkräfte in ihren Gebieten. Auf Bedrohungen konnten sie also schneller und flexibler reagieren. Es war ein System, das gut funktionierte.

Der Exarch von Karthago hieß Herakleios der Ältere. Er wurde deshalb „der Ältere“ genannt, weil er einen gleichnamigen Sohn hatte. Dieser jüngere Herakleios, dieser starke und vielversprechende Herrschersohn, war der Mann an Fabias Seite.

Über das Schicksal dieser Dame wollte der Bauer den Exarchen also unbedingt in Kenntnis setzen. Er bat um Einlass in den Exarchenpalast und die Wachen gewährten ihm diesen. Am Eingang wurde er von einem Diener in Empfang genommen, der sich sein Anliegen anhörte und ihn dann schleunigst zum Exarchen Herakleios führte. Denn auch der Diener wusste, wie ernst die Lage war, wenn Fabia persönlich betroffen war. Nicht nur, dass sie die Geliebte vom Sohn des Exarchen war – sie war ja außerdem auch noch Spross einer einflussreichen Familia in Karthago.

Der Diener führte den Bauern in einen großen Saal, dessen grau schimmerndes Kuppeldach von hohen Steinsäulen getragen wurde. Breite Fenster ließen das Tageslicht herein und erhellten den Raum so sehr, dass nirgends ein Schatten zu sehen war. Die Ausstattung des Saals war einfach gehalten, fast schon bescheiden. Ein langer Tisch mit vielen Stühlen darum herum stand da in der Mitte, dazu noch einige Sitzbänke an den Wänden. Auf dem Tisch lagen viele Papiere und Dokumente. Und über diese wichtigen Dokumente gebeugt standen der alte Exarch und seine Berater. Von diesem Herrn, wie er so dastand und sich redlich darum bemühte, die Geschicke in seinem Herrschaftsbereich so gut wie möglich zu leiten, ging der wahrhaftige Glanz dieser Schaltzentrale der Macht aus. Denn nicht der Prunk, der draußen in den Gängen die niederen Gäste blenden sollte, die man nicht weiter vorließ, verlieh diesem Palast die Größe, die ihm zu eigen war. Auch nicht die schlichte Einfachheit in diesem Zentrum des Palastes, in das nur die wichtigsten Besucher geführt wurden, und das von dem Selbstverständnis des Exarchen zeugte, dass es nicht auf den Schein sondern auf echte Taten ankam, verlieh dem Palast die Erhabenheit, die man in all seinen Räumen spürte.

Es war der Exarch selbst, von dem all der Glanz, all die Größe und all die Erhabenheit ausging, die Karthago zu dieser leuchtenden Residenz machten, die in aller Welt bewundert wurde.

Der Bauer war sich dessen durchaus bewusst, als er die herrschaftliche Gestalt des Exarchen erblickte. Hoch aufgewachsen und mit breiten Schultern stand der alte Mann da, jede Faser seines Körpers war die eines wahren Anführers und Herrschers.

Der Exarch blickte von seinen Unterlagen auf, als der Diener den Bauern hereinführte.

„Wen bringst du da?“, fragte er mit angenehm klarer und tiefer Stimme.

„Einen Bauern bringe ich, Herr“, antwortete der Diener und neigte seinen Blick dabei dem Boden entgegen. „Von den Feldern draußen vor der Stadt kommt er. Und er bringt eine schlechte Nachricht, fürchte ich.“

Nun war der Exarch ganz Ohr. Er besah sich den Bauern genauer und trat einen Schritt auf ihn zu, wobei er erst um den Tisch herumgehen musste.

„Wenn das so ist“, sagte er, „dann soll er es sofort und ohne Umschweifen sagen.“

„Herr“, begann der Bauer und nickte. „Ein wilder Eber kam heran, schon den dritten Tag. Bisher verwüstete er nur die Felder, aber diesmal befinden sich Menschen in seiner Gewalt.“

„Dann müssen wir sie retten“, sagte der Exarch bestimmt. „Diener, veranlasse sofort, dass ein Trupp mit Speeren ausreitet, um das wilde Tier zu stellen und es zur Strecke zu bringen.“

„Wartet noch, Herr“, begehrte der Bauer.

Der Exarch zog fragend eine Augenbraue hoch. „Was denn noch?“

„Die wehrte Fabia befindet sich auch dort, zusammen mit zwei ihrer Dienerinnen und einer Schar Bauern.“

Der Exarch war sichtlich überrascht. „Fabia?“, fragte er verständnislos. „Was macht sie denn dort?“

„Sie wollte sich den Schaden an ihren Feldern wohl selbst ansehen und bestimmt auch den Feldarbeitern Mut zusprechen, Herr.“

Der Exarch schlug die Hände erschrocken vor den Mund. „Diener, führe meine Befehle dennoch so aus, wie ich sie dir gab. Die Männer sollen sich bewaffnen und auf die Jagd gehen. Und lass sie sich beeilen, die Lage ist äußerst dringend.“

Der Diener verneigte sich. „Ja, Herr.“

„Ach, und gib auch meinem Sohn Bescheid“, rief der Exarch dem davoneilenden Diener hinterher. „Er möchte bestimmt sofort darüber informiert werden.“

In der Tat empfand der jüngere Herakleios als sehr wichtig, zu erfahren, dass Fabia in Gefahr war. Der Diener fand ihn in schließlich in der reich ausgestatteten Palastbibliothek und erzählte ihm sofort vom Schicksal seiner Liebsten.

Da packte es das Herz von Herakleios und er lief sofort los, am besorgten Diener vorbei und durch die Gänge des Palastes. Dort nahm er sich einen mannshohen Jagdspieß von der Wand, der dort als Schauwaffe neben vielen anderen Trophäen hing. Damit rannte er aus dem Herrschersitz seines Vaters und die langen Straßen von Karthago entlang. Er passierte eines der Stadttore und lief weiter zu den Feldern, die außerhalb des Sichtbereiches der Mauern lagen.

Während er schon beinahe die Bauernhütte erreicht hatte, in die sich die armen Menschen geflüchtet hatten, saßen die Soldaten der Stadt noch nicht einmal auf ihren gesattelten Pferden. Ein einzelner Mensch, von Entschlossenheit getrieben, war eben manchmal sogar schneller als eine umfangreiche Streitmacht, die sich erst noch organisieren musste, um alle Glieder ihres Heereskörpers noch in Gleichklang zu bringen.

Der junge Herakleios war aber aufgrund der Angst, die er um seine Fabia hatte, alleine losgezogen. Er hatte mit keiner Unterstützung zu rechnen, wenn er dem wilden Biest gegenübertreten wollte. Herakleios hatte Vertrauen in seine eigenen Kräfte und in seine Fähigkeiten. Ein solches Vertrauen kann viele widrige Umstände wieder wett machen.

Und ein solches Vertrauen benötigte er auch, denn bald hatte er das Bauernhaus erreicht, in das sich Fabia und die anderen Unglücklichen gerettet hatten. Direkt davor marschierte das Wildschwein mit dem rötlichen Fell auf und ab. Zumindest tat es das solange, bis es auf Herakleios aufmerksam wurde. Als es ihn bemerkte, blieb es stehen und die beiden starrten sich eine Weile nur an. Als Herakleios keine Anstalten machte, so wie die anderen sein Heil in der Flucht zu suchen, da wusste das Wildschwein, dass es hier kein weiteres Opfer sondern einen ernstzunehmenden Rivalen vor sich hatte.

Sogleich ging der Eber in Kampfstellung, er senkte seinen Kopf und scharrte mit den Hufen in der Erde. Herakleios fasste den Jagdspieß, den er in seinen Händen trug, noch fester und richtete die Spitze auf das Tier. Er hatte keine Angst.

Dann kreuzten sich ihre Blicke erneut und beide wussten, dass der Kampf nun beginnen würde. Der Eber stürmte los, auf Herakleios zu, dieser wich aus und stach gleichzeitig mit dem Jagdspieß nach dem Tier. Beide verfehlten einander.

Dann startete das Wildschwein einen erneuten Angriff, rannte trotzig auf Herakleios zu – aber es verfehlte ihn erneut, denn der Exarchensohn war schneller und wendiger als das Tier. Und außerdem war ihm diesmal ein glücklicher Schlag gegen den wilden Eber gelungen, denn seine Waffe war tief in das Fleisch des Tieres eingedrungen.

Als sich der Sohn des Exarchen und der wilde Eber erneut Blicke zuwarfen, da erkannte das Tier, dass in Herakleios Augen keine Anzeichen von Furcht standen. Sofort wurde ihm klar, dass es keine Chance gegen diesen Gegner hatte. Das große Tier, mit dem roten Fell und den verrückt glänzenden Augen, entschied sich also für das einzig Richtige, was ihm in dieser Situation noch blieb: es machte kehrt und lief davon, es flüchtete.

Als die ängstlichen Menschen in der Bauernhütte das sahen, da kamen sie voller Freude wieder hervor. Als Erste trat Fabia ins Freie und rief nach ihrem Liebsten.

„Herakleios, du hast uns gerettet“, sagte sie erleichtert.

Der Angesprochene sah sie kurz an und dann blickte er wieder dem fliehenden Eber hinterher. Er wusste, dass er noch eine Pflicht zu erfüllen hatte, wenn er die Menschen wirklich beschützen wollte.

„Ich muss es jagen und töten“, sagte er deshalb. „Sonst kommt es immer wieder und richtet nur noch größere Schaden an. Das kann ich nicht zulassen.“

Damit ließ er die eben Geretteten zurück und war dem fliehenden Eber hinterher gerannt. Lange dauerte die Jagd, lange waren sie gerannt. Durch die sich an Karthago anschließenden kleinen Vororte waren sie gekommen und durch die von Menschenhand kultivierten Wäldchen waren sie gerannt. Es gab nun nur noch Herakleios und den Eber, die Waffe und die Jagd sowie die Natur um sie herum.

Über Stock und Stein hatten Herakleios seine Beine getragen, die Muskeln stets angespannt und immer in Bewegung. Obwohl ihm der Wind ins Gesicht fuhr, war er komplett durchgeschwitzt. Nur wenige Lanzenlängen vor ihm lief das Wildschwein und versuchte weiterhin, zu entkommen. All sein Bemühen sollte sich aber als nutzlos erweisen.

Herakleios holte immer weiter auf. Das Tier, an dessen Flanke Blut herablief, warf immer wieder einen Blick hinter sich. Es hielt Herakleios zweifelsohne für den personifizierten Tod, der ihm unaufhaltsam auf den Fersen war und es unweigerlich einholen musste. Dennoch floh der Eber weiter, mobilisierte noch einmal alle Kräfte.

Der harte, sandfarbene Boden war übersät mit kleinen Steinen und den abgebrochenen Ästen hoher, freistehender Bäume. Niedriges Buschwerk färbte die Landschaft grün.