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In einem Industriewerk kann durch Atomzertrümmerung Radium in beliebigen Mengen hergestellt werden. Das Werk wird durch eine Finanzgruppe bedroht. Es versucht sich durch raffinierte Abwehr aus der Luft, vom Erdboden und aus der Tiefe zu schützen. Dem mächtigen Gegner gelingt es jedoch, in die Zentrale des Werkes einzudringen. Die Katastrophe, die eintritt, kann aber den Tatendrang der deutschen Forscher nicht bremsen. Der Kern des Romans ist die Reise zum Mars, wo Reste einer technisch überlegenen Hochkultur gefunden werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Das gewaltige äußere Stahltor der Detatom-Werke sprang auf. Heraus schoß, lautlos wie ein Panther, der große graue Turbowagen Helo Torwaldts. Mit unerwarteter Schnelligkeit, wie von Riesenkräften gepreßt, schlugen die gewaltigen Türflügel dicht hinter den Stoßstangen des davoneilenden Wagens dröhnend zusammen. Spuk weniger Sekunden.
Torwaldt nahm das Gas fort, verminderte die Fahrt auf der sanft geneigten, schnurgeraden Privatstraße der Detatom-Werke, um nach wenigen Minuten die Hauptstraße, die von dem »Vorgebirge« hinunter nach Köln führt, zu erreichen. Dort stoppte er.
Noch nichts zu sehen und zu hören. Wenn der Schnellbus pünktlich wie immer war, mußte er in wenigen Minuten hier sein und mit ihm, falls sie nach dem Telephonanruf den Anschluß noch erreicht hatte, Ingeborg.
Helo Torwaldt griff zu dem Zigarettenspender am Armaturenbrett. Ein Druck, und nach wenigen Sekunden schob sich das Mundstück der bereits angezündeten Zigarette aus der Öffnung des Behälters. Tief zog Helo den Rauch ein. Das beruhigte. Helo war nervös, mehr als ihm lieb war. Seine Blicke glitten im Kreise, der Kopf hob sich, er legte ihn langsam tief in den Nacken. Atmen, diese laue, kosende Frühlingsluft atmen. Mit allem Duft der lachenden Blüten ringsumher. Es tat wohl, die Lungen wieder einmal anzufüllen mit solcher Luft, frei von den Dünsten aus Öl, Maschinen, dem durchdringenden Hauch elektrischer Generatoren. Er blickte zu Boden. Dort neigte frisches, grünes Gras seine Halme, wippte, wogte, wenn der leise Wind darüberstrich. Weiße und gelbe Kelche, Künder der erwachenden Natur, säumten den Straßenrain. Helos Blicke saugten sich fest, tranken das liebliche Bild. Wie lange hatte er das nicht mehr gesehen! Wochen mußte es her sein, daß er zum letztenmal das Werk verlassen hatte.
Damals mahnten erst spärliche Anzeichen an den nahenden Frühling.
Das Werk! Das Werk! Wenn er nur diese würgende Vorahnung bannen könnte, daß ihm die größte Gefahr drohte.
Die Umgebung versank aufs neue vor den heranstürmenden Gedanken.
Das Werk! Sein Werk! Ob der tückische Angriff auf die Geheimnisse Detatoms wirklich heute nacht erfolgte? Ob die unterirdischen Gegner ihr Ziel trotz aller Sicherungen, die getroffen waren, erreichten?
Ein tiefes Brummen unterbrach seine Gedanken. Der Bus dröhnte jetzt die Steigung herauf, näherte sich sehr rasch und hielt mit pfeifendem Zischen der Luftdruckbremsen. Ingeborg stieg aus. Torwaldt frohlockte. Er sprang aus dem Wagen und eilte ihr entgegen. Bald hatten sie sich erreicht und schüttelten sich kameradschaftlich die Hände.
»Tag, Helo, hab's gerade noch geschafft! Dumm, daß du mich nicht von Köln abholen konntest.«
»Tag, Inge! Freut mich, daß es auch so noch geklappt hat. Ich konnte mich beim besten Willen nicht eher frei machen und deiner lieben Aufforderung nachkommen. Nicht bös sein!«
Sie waren plaudernd bei Helos Wagen angekommen. Torwaldt half der Freundin einsteigen, eilte auf die andere Seite und nahm hinter dem Steuer Platz.
Der Wagen rollte an und wendete auf die Hauptstraße. Ingeborg hatte nach dem Behälter gegriffen, entnahm nach kurzer Zeit die brennende Zigarette, zog zweimal kurz und steckte sie übermütig zwischen Helos Lippen.
»Hier, mein Jung! Ein Freundschaftskuß auf Umwegen!« Der so Bedachte dankte, doch die Geste verwirrte ihn. Seine Aufmerksamkeit galt der Fahrstraße; so verbarg er die leichte Verlegenheit.
»Nichts als Dummheiten im Kopf, Mädel!« Ein noch jungenhaftes Kopfschütteln.
»Aber erlaube mal«, brauste sie in gutgespielter Entrüstung auf, »da plagt man sich so für euch Mannsvolk ab, und das ist der Dank!«
»Nein, nein, ich danke aus tiefstem Herzen für solche Aufmerksamkeit, vielgeplagte Frau!« Helo neigte den Kopf in untertäniger Verbeugung.
Ein Klaps auf die Hand war die Antwort auf den Spott. Ingeborg sprudelte weiter: »Übrigens, Helo! Ich habe mir unterwegs einen anderen Schlachtplan ausgedacht als den telephonisch verabredeten. Eigentlich wollten wir ja in die Baumblüte fahren. War aber gestern schon mit Papps dort. Ist in diesem Punkt genau so naturjeck« mdash; die Rheinländerin brach durch—»wie du! Sei ein bissel lieb und verschone mich heute! Die anderen, Herta, Karl, Elfi und Arnold, sind nachmittags bei Dreiser in Godesberg zum Tanz. Wollen wir auch hin?«
Sie blickte ihn mit dem gewinnendsten Lächeln, das sie stets für solche Fälle bereit hielt, an. Ohne seine Antwort abzuwarten, im voraus ihres Erfolges sicher, fuhr sie fort.
»Wir fahren erst durch die Baumblüte, dann hast du, was du willst, landen bei Dreisers, und ich komme zu meinem Tanz. Ja?«
Der Wagen glitt geräuschlos über die Betonstraße. Torwaldt war ernst geworden, schwieg einen Augenblick, dann, sie kurz mit seinem Blick streifend, antwortete er.
»Nein, Inge, das geht nicht!«
»Und warum nicht?«
»Weil ich unbedingt in der Nähe des Werkes bleiben möchte. Ich gestehe offen, daß ich nur zögernd mich zu dem Ausflug entschlossen habe.«
»Das ist ja gerade kein Kompliment für mich!«
»Das darfst du nicht so auffassen, Inge. Ich will dir alles erklären—«
Er unterbrach sich. Das Einbiegen auf einen schmalen Waldweg erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.
Ingeborg war verstimmt und schwieg schmollend. Der Wagen holperte über Unebenheiten.
Torwaldt fuhr fort. »Wir sind gleich am Ziel; dann will ich in Ruhe berichten. Dieser Weg ist für einen Fahrer nicht gerade geschaffen, anregende Unterhaltung zu betreiben.«
Ingeborg schwieg beharrlich. Auch Schweigen ist eine Waffe.
Helo lenkte nach einigen hundert Metern auf eine enge Waldschneise und stoppte. »So! Da sind wir!« Und als er Inges abweisendes Gesicht bemerkte. »Kind! Tu mir den einzigen Gefallen und schmolle nicht. Ich habe wahrhaftig schwerwiegende Gründe, dir deine Bitte abzuschlagen.«
»Ach geh! Du hast mir die ganze Freude verdorben!«
Sie sprang aus dem Wagen und ging ein paar Schritte voraus. Torwaldt schloß den Schlag und folgte. Sie waren auf einer Lichtung angelangt. Zu ihren Füßen lag die weite, fruchtbare Ebene. Aus der sattgrünen Flur hoben sich dunkle Streifen gebrochenen Ackerlandes. Weiße und mattrosa Flecken zahlloser blühender Fruchtbäume gleißten wie Schneefelder unter der Frühlingssonne. In der Ferne schloß, in leichten Dunst gehüllt, das Häusermeer Kölns das farbensatte Bild, überragt von dem gewaltigen zweispitzigen Wahrzeichen der alten Stadt, dem Dom. Strahlenförmig liefen die großen, breiten Autohochstraßen von dem Mittelpunkt wie Spinnfäden in die flache Landschaft. Wagen hinter Wagen schossen in beiden Richtungen dahin, klein von hier oben, wie eilende Käfer.
Helo Torwaldt hatte zögernd den Arm auf die Schulter der Freundin gelegt. »Na! Ist es hier oben nicht auch schön?«
»Gewiß! Aber...«
Rasch beendete er den Satz. »... bei Dreisers ist es noch schöner! Stimmt's?«
»Ja! So ähnlich wollt' ich es auch sagen!«
»Nun hör' einmal in aller Ruhe zu. Komm!« Er zog die kaum Widerstrebende an der Hand auf eine Rasenbank, die er im vorigen Jahr auf seinem Lieblingsplatz angelegt hatte. Sie ließen sich nieder. Aus seinen Gedanken heraus sagte Helo. »Ich wollte, Hannes wäre hier!«
»Ausgerechnet nach Hannes, dem Bulligen, hast du jetzt Sehnsucht«, war Inges spöttische Antwort.
»Inge!«
»Laß, Helo! Ich kann seine herrische Art nun einmal nicht leiden.«
»In Ordnung. Aber nicht immer gleich so ausfallend werden! Du weißt doch genau, daß er mein einziger Freund ist. Derartige Bemerkungen treffen mich mit.«
»Verzeih, Helo, so war es nicht gemeint.« Wie die Stimme betteln kann! dachte Helo lächelnd. Sie fuhr fort. »Wo steckt denn Hannes?«
»Nach Afrika geflogen mit Knut Harsten, der die Maschine steuert. Verhandlungen über Uransalzlieferungen an unser Werk. Hier aber—und das wollte ich dir hauptsächlich als Erklärung meines Verhaltens berichten—, hier liegt etwas in der Luft, das ich lieber mit Hannes gemeinsam abwehren möchte.«
Torwaldt war sehr nachdenklich geworden. Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dichtes Blondhaar, schüttelte, als wollte er einen bösen Gedanken abwehren, ruckartig den Kopf und schwieg.
Ingeborg schaute betreten auf den »Gelehrtenbub«, wie sie im stillen den Jugendfreund nannte. So ernst hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie griff nach seiner Hand, fuhr sanft darüber, als wollte sie alle Sorgen wegstreichen.
»Helo, hast du irgendwelche Anhaltspunkte für deine Vermutungen?« Sie war plötzlich ganz verändert. Mütterlichkeit sprach aus ihrer Stimme, die sonst nur lachen und übermütig spotten konnte.
»Mehr, als mir lieb ist, Inge! Ich kann ruhig davon erzählen, denn ich weiß, daß du über Geheimnisse nie plauderst.«
Sie schob ihre schöne schmale Hand in die seine und gab ihm im stummen Druck ihrer Finger das Versprechen, das er gar nicht einmal mehr verlangte. So sicher war er ihrer Kameradschaft.
»Vor zwei Tagen«, begann Helo, »es war wenige Minuten nach drei Uhr morgens, schreckte ich jäh aus dem Schlaf hoch. Auf dem Signaltransparent, das in meinem, Hannes Nords und Forsters Schlafzimmer angebracht ist, zuckte es blutrot. A—Z... A—Z—die Abwehrzentrale.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mich dieser nächtliche unerwartete Spuk erregte.« Er umfaßte Ingeborgs Hand, als wollte er nachträglich für den Schreck Beruhigung suchen. »Mit einem Satz war ich aus dem Bett, Bademantel über und die Treppe hinunter. An der Zentralentür traf ich mit Forster zusammen. Er, der sonst stoisch Ruhige, war bleich vor Erregung. Dazu surrte dumpf die Alarmvorrichtung durch die sonst geisterhafte Stille des Werkes, daß es uns kalt über den Rücken lief. Die Tür der Alarmzentrale sprang auf, als ich sie mit dem Magnetschlüssel entsicherte. Alle Apparaturen summten ruhig, nur auf der seit Jahren dunklen großen Mattglaswand leuchteten weiß die Scheiben des Abschnitts E und in ihnen vier blaue Punkte.«
Helo Torwaldt stockte einen Augenblick, als ob er zauderte, ein Geheimnis der Detatom-Werke preiszugeben.
Inge ahnte wohl, was in ihm vorging. »Sprich getrost, Helo! Du weißt, ich halte zu euch!«
Er sah auf und blickte in ihre ruhigen, großen Augen.
»Gut, Inge! Ich will's! In wenigen Tagen, in Stunden vielleicht schon, wissen auf alle Fälle unsere Gegner, wie die Sicherung der Detatom-Werke arbeitet; und damit weiß es höchstwahrscheinlich auch die Öffentlichkeit. So magst auch du eingeweiht sein. Ich muß aber etwas weiter ausholen, um dir alles klarzumachen. Unterbrich mich, bitte, wenn du etwas nicht verstehen solltest, und frage.«
»Gewiß, Helo!«
Torwaldt stützte seine Ellenbogen auf die Knie, seine Finger trommelten aufeinander. Er überlegte, wie er der Freundin am ehesten die verwickelten technischen Begriffe klarmachen könne, dann begann er: »Auch du hast die graue, zehn Meter hohe, genau kreisförmige Ringmauer des Werkes bis jetzt nur von außen gesehen. Der Werkhof, den sie umgibt, hat einen Durchmesser von zweihundert Meter. Er ist vollkommen kahl und glatt asphaltiert. Im Mittelpunkt von Hof und Mauer, gleichfalls kreisförmig gebaut, liegt erst das eigentliche Werk. Es ist aus Stahlbeton errichtet, fast fensterlos und besitzt einen Durchmesser von vierzig Meter. Es ist dir bekannt, daß die Detatom-Werke auf der kleinen Anhöhe des ,Vorgebirges' errichtet sind. Eine Einsicht ist somit nur aus dem Flugzeug möglich, und selbst dann erkennt man nur die eben geschilderten drei Hauptpunkte, einen mächtigen Ring, den kreisförmigen schwarzen Hof und in der Mitte, wie einen umgestülpten Aluminiumtopf, das hellgraue Werk selbst. Das Zwischenfeld von Ringmauer und Werk, der Hof, ist unterirdisch, also für jeden unsichtbar, in zehn Sektoren, Abschnitte, aufgeteilt. Paß mal auf!«—Helo wurde lebhafter, riß einen dürren Ast neben sich vom Strauch und begann auf dem Boden zu zeichnen.
»Stell dir einmal eine Nußtorte vor. Dieses hier...«—er deutete auf einen Kreis—»ist das runde Mittelstück der Torte, das man üblicherweise stehenläßt. Stimmt's?«
»Ja, Helo!« Ingeborg beugte sich interessiert vor.
»Also! Nun soll die Torte zehnmal aufgeschnitten werden. So!—Das hier sind die zehn Stücke. Der Mathematiker nennt solche Figuren Sektoren. Stell dir nun vor, daß unser Werkhof, unterirdisch, unsichtbar, genau so aufgeteilt ist. Als Bezeichnung tragen diese zehn Sektoren die Buchstaben A bis K, auf der einen Seite des Tores angefangen mit A, endigend mit K auf der anderen. Verstanden?«
»Sehr gut, Helo!«
»Gut! In jedem dieser zehn Sektoren befinden sich in der Erde in verschiedenen Tiefen achtzig Erdhorcher, oder anders ausgedrückt, achtzig feuchtigkeitssicher eingebaute Mikrophone, die, hochempfindlich, jedes Geräusch aufnehmen können.«
Ingeborg unterbrach ihn impulsiv: »Donnerwetter! Da habt ihr dann ja zehnmal achtzig gleich achthundert Mikrophone verbuddelt!«
»Richtig!«
»Schönes Geld, das da nutzlos verscharrt ist!«
»Verscharrt ja«—Helo lächelte—»aber nicht nutzlos.—Nein, Inge! Solche Begriffe kennen wir nicht. Bei uns hat alles seinen Zweck, das wirst du gleich hören. Als wir das Werk erbauten, gingen wir von der Überlegung aus, daß es überhaupt nur drei Möglichkeiten gibt, es anzugreifen. Denn daß über kurz oder lang einmal versucht werden würde, hinter unsere Geheimnisse zu kommen, das heißt, gewaltsam bei uns einzudringen, war uns von vornherein klar. Derartige Versuche können aber nur unternommen werden erstens unter der Erde, zweitens auf ihr und drittens aus der Luft. Letzteres ist zwecklos, da das Werk viel zu stark gepanzert ist. Bei einem Versuch, auf der Erde einzudringen, müßte der Gegner die Mauer überklettern, und das möchte ich keinem raten! Es ist vor zwei Jahren einmal versucht worden, trotz allen Warnungsschildern: ,Achtung! Höchste Lebensgefahr!' Als wir die Hochspannungsvorrichtung des Sektors B, von wo die Registrierapparatur Außergewöhnliches meldete, abschalteten und nachsahen, fanden wir auf dem Mauergang ein langgestrecktes Häufchen Asche in den Umrissen einer menschlichen Gestalt!«
»Das ist ja Mord!« fuhr Ingeborg entsetzt auf.
»Mord?... Nein! Nur Selbstwehr! Dort hat niemand et was zu suchen!«
»Und die Polizei? Was hat die dazu gesagt?«
»Wir erstatteten natürlich Meldung. Du weißt, wir stehen unter Reichsschutz. Zwei Kriminalkommissare und ein Kriminalphotograph erschienen. Sie nahmen alles in Augenschein. Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Die Reste des Unglücklichen wurden gesammelt, seine Identität jedoch nie festgestellt. Weiter nichts!«
»Und das sagst du so seelenruhig?«
»Seelenruhig...? Ich kann nicht behaupten, daß mir damals so zumute war; aber das Arbeiten mit Hannes Nord macht hart!« Die Blicke Ingeborgs glitten nachdenklich über den Boden. Torwaldt schaute versonnen in die blühende Landschaft zu seinen Füßen, strich sich, den Kopf jäh wendend, durchs Haar, als wollte er böse Gedanken verscheuchen, und fuhr fort: »Als dritte Angriffsmöglichkeit bleibt somit die unterirdische als aussichtsreichste. Sie hat zwei Vorteile für den Gegner: erstens ist er unsichtbar, zweitens hat er Muße genug, seine Arbeiten zielsicher durchzuführen. Das mußte unter allen Umständen verhindert werden. Aus solchen Überlegungen heraus wurden die Mikrophone versenkt, jedes in einem kleinen runden Bleischacht. Anfangs hatten wir eine Reihe von Schwierigkeiten zu überwinden, unvorhergesehene Erdgeräusche führten zu Fehlalarm!«
»Was nennst du unvorhergesehene Erdgeräusche?«
»Nun, das Wühlen von Mäusen, Ratten, Maulwürfen und sonstigem Getier, ferner die Sprengungserschütterungen in den benachbarten Braunkohlengruben. Gegen erstere schützten wir uns, indem wir den Erdgrund systematisch vergasten und vergifteten, ferner den Zwischenhof mit Asphalt überzogen. Gegen das zweite Übel half nur eine Herabsetzung der Empfindlichkeit der Mikrophone, das heißt, wir setzten im normalen Sicherungsbetrieb die Reizschwelle, also jenen Punkt, an dem die Mikrophone ansprechen, herab. Erst im
Alarmzustand wird die Empfindlichkeit viermal erhöht, so daß wir dann selbst die feinsten Geräusche aufnehmen können. Ist dir alles klar?«
»Ja, Helo!«
»Gut! Dann will ich weitererzählen, was vorgefallen ist. Als Forster und ich die Zentrale betraten, leuchteten, wie ich dir schon sagte, die Mattscheiben des Sektors E und in ihnen die vier blauen Punkte, nahezu in einem Rechteck geordnet. Die Mikrophone E 37, 38 und 47, 48 hatten angesprochen. Doch halt! Hier muß ich noch eine Erläuterung einschalten. Jeder der zehn Sektoren ist in sich noch einmal in zehn Felder unterteilt!«
Als er Inges fragendes Gesicht sah, setzte er hinzu: »Um bei dem Beispiel mit der Nußtorte zu bleiben: Du mußt dir nun vorstellen, daß jedes der zehn Kuchenstücke in sich noch einmal unterteilt ist, aber nicht der Länge nach, sondern quer. Nun befinden sich auf jedem dieser zehn kleineren Teile innerhalb eines Sektors je acht Mikrophone, die fortlaufend mit denen aller Nach-barsektoren einen Kreis um das innere Werk bilden. Der Abstand eines dieser Mikrophonkreise zum anderen be-trägt zehn Meter. Wenn also die Erdhorcher 37, 38 und 47, 48 angesprochen und registriert hatten, so heißt das mit anderen Worten, daß zwischen dreißig und fünfzig Meter auf der Siebener- und Achterreihe des E-Sektors unter der Erdoberfläche etwas nicht in Ordnung war. Das ist doch klar?« Er schaute fragend auf.
»Ja, ich verstehe.«
»Gut! Die Stelle, an der unsere vermutlichen Gegner demnach dem Mikrophon zu nahe gekommen und folglich auch zu suchen waren, war somit hinlänglich genau bestimmt; auf alle Fälle wußten wir, wieviel Meter sie von dem unterirdischen Betonring des Innenwerks noch entfernt waren, und konnten bei weiterem Alarm näher gelegener Erdhorcher uns genau die Zeit ausrechnen, die sie benötigen, um bis an die Grundmauer zu gelangen. Und das wird—heute nacht eintreten!«
»Um Gottes willen, Helo! Was wird eintreten?!«
»Ein gewaltsamer Einbruchsversuch in unser Werk!«
»Helo!« Inge starrte den Freund entsetzt an.
Torwaldt wandte langsam den Kopf: »Verstehst du nun, Inge, daß ich mich nur auf kurze Zeit entfernen kann, entfernen darf?«
Sie hatte sich gefaßt. Ihre großen blauen Augen hingen abbittend an den seinen:
»Verzeih mir, Helo! So etwas konnte ich nicht ahnen. Ich hätte dich sonst gewiß nicht gequält!«
»Ich weiß, Inge—« Begütigend ergriff er die dargereichte Hand und streichelte ihre weichen, schlanken Finger.
Ingeborg wollte sprechen, doch die Vorstellung von der nahenden Gefahr bannte die Worte, ließ ihre Seele erzittern in Angst um den Freund.
Auch Torwaldt schwieg. Seine Gedanken waren wieder ganz gefangengenommen von dem drohenden Ereignis. Da bebte Ingeborgs Stimme in die lastende Stille:
»Aber was willst du jetzt tun, Helo?«
»Abwarten! Vor heute nacht wird der Angriff nicht erfolgen!«—Er sollte sich arg täuschen in seiner Berechnung —»Und dann...«
Wieder schwieg er eine Weile, während der Ast in seiner linken Hand wirre Figuren in den Sand ritzte. »Und dann haben wir schließlich unsere Abwehrvorrichtungen!«
Ihre Augen blickten verängstigt, bettelnd zu ihm auf. Er empfand, sie wollte mehr wissen, Beruhigung finden durch die Mitteilung, wie Detatom gewappnet war.
»Inge, ich kann dir keine Auskunft geben, wie wir uns unserer Gegner erwehren können. Doch glaube mir, sie werden sich, zehn zu eins, blutige Köpfe holen!«
»Wirklich?«—Wie bang das klang!
»Ja, wirklich, kleiner Angsthas. Oder glaubst du, ich würde hier so ruhig sitzen, wenn ich unseres Erfolges nicht im voraus sicher wäre?«
»So ruf doch wenigstens die Polizei!«
»Die Polizei?«—Helo lachte hell auf—»Aber Kind, was soll uns die Polizei nützen? Sie kann doch nicht feststellen, von wo der Angriffsstollen gegraben wird. Unsere Gegner scheinen mir viel zu gewitzigt zu sein, um sich auf solch einfache Weise in die Karte sehen zu lassen. Und sonst? Die Maulwürfe ausheben? Die sind viel rascher auf Nimmerwiedersehen verduftet, lange bevor der letzte Spatenstich ihren Gang freilegt. Und das Werk von innen beschützen lassen, damit neugierige Augen alles erspähen? Nein! Sie sollen sich die Köpfe einrennen!«
Helos Augen funkelten böse.
»Du brauchst dich nicht so zu ängstigen!« setzte er beruhigend hinzu, als er sah, daß die Kameradin von seiner Erzählung mehr angegriffen war, als er geahnt hatte.
»Ich will dir noch zu Ende berichten von den weiteren Geschehnissen der Nacht. Du wirst dann auch sehen, daß deine Sorge unbegründet ist. In der Abwehrzentrale stellten Forster und ich sofort die Abhörvorrichtung von Alarm auf Empfang. Die Mikrophone arbeiteten jetzt mit voller Empfindlichkeit. Aus dem Lautsprecher tönten leise, doch klar vernehmlich, Schürfgeräusche, dann klang wieder das matte Klirren von Stahlstößen auf Steine. Forster hatte seine Ruhe rascher wiedergefunden als ich: ,Da hammer de Rän (Regen)', kam es in urwüchsigem kölschen Dialekt von seinen Lippen.«
»Kann mir den alten Knurrhahn richtig vorstellen!« lachte Ingeborg hell auf.
Helo lächelte: »Ja, Inge! Ich erkenne an, daß diese Bemerkung in jener Nacht auch von mir den lastenden Druck fortnahm. Unser verehrter Meister fuhr fort: ,Woll'n mer uns doch erst ens ne Tobak ansteche, dat klärt de Kopp!'
Damit ging er, stets an Selbständigkeit bei uns gewöhnt, nach oben, holte sich seine unvermeidliche kurze Pfeife und brachte mir unaufgefordert meine Zigaretten. Ich hatte inzwischen einen Stuhl vor die Selbstschreibevorrichtung geschoben und die Schallmeßapparate eingeschaltet.
Der mit Kurven versehene Papierstreifen lief, leise knisternd, durch meine Finger. Die Lautstärke war am größten im Augenblick des Ansprechens der Alarmvorrichtung gewesen, um drei Uhr vier Minuten. Vermutlich handelte es sich um eine kleine Sprengung. Dann herrschte wenige Minuten Ruhe. Um drei Uhr sieben waren wieder Geräuschkurven registriert, jedoch bedeutend schwächer. Erst jetzt, nachdem die Apparate mit voller Energie liefen, pendelten die Zeiger erheblich. Wir berieten, was zunächst zu tun sei. Eine direkte Gefahr war aus dieser Entfernung der Angreifer nicht zu befürchten. Trotzdem kamen wir zu dem Entschluß—an Schlafen war ja doch nicht mehr zu denken—, aufzubleiben und die weitere Entwicklung zu beobachten. Besonders interessierten uns naturgemäß das Arbeitstempo dort unten und die Geschwindigkeit, mit welcher der Stollen vorgetrieben wurde. Aus dem gewonnenen Zahlenmaterial ließ sich genau berechnen, wann die Maulwürfe an der ersten Betonsperrwand angelangt sein konnten. Forster ging nach unten, Kaffee zu bereiten. In der Zwischenzeit schaltete ich die gesamte Horchanlage des Sektors E auf Peilempfang——«
»Gib mir noch eine Zigarette, bitte, Helo! Diese unheimliche Geschichte regt mich maßlos auf!«
»Aber Kind, uns kann doch so leicht nichts zustoßen. Ich sagte es dir schon. Doch hier... greif zu!«—Ingeborg nahm, auch Helo. Der blaue Rauch der Zigaretten stieg kräuselnd in den strahlenden Frühlingshimmel.
»Erzähle weiter, Helo!«
»Gern! Ich schaltete also um. Der Lautsprecher gab von den Mikrophonen 37 und 38 die Arbeitsgeräusche am deutlichsten wieder. Aber auch die gesamten Erdhorcher der Siebenerreihe bis zur äußeren Ringmauer meldeten in fast regelmäßigen, mehrminütlichen Zwischenräumen Geräusche, ein Beweis dafür, daß die Erdmassen, die an der Spitze des Stollens herausgearbeitet worden waren, irgendwie nach hinten geschafft wurden. Es klang wie das leise Rollen eines Wagens. Forster, der inzwischen den Kaffee gebracht und eingeschenkt hatte, riet auf Bergwerksloren—Hunde nennt man sie in der Fachsprache.
Dafür war aber das Geräusch zu dumpf und zu gleichmäßig. Es fehlte auch das charakteristische Pochen, das Schienenfahrzeuge an den Stellen, an denen die Gleise zusammenstoßen, erzeugen. Ich kam zu dem Schluß, daß es sich um eine Art Seilbahn handeln müsse. Forster stimmte später, nach einer sehr deutlichen Wahrnehmung, meiner Ansicht folgendermaßen in seiner üblichen knurrenden Art zu: ,Die verdammten Beester! So is et richtig! Janz modern, mit Schwebebahn und Schürfmaschin. Der Deuwel soll se frikassiere!'
Die Uhr ging auf fünf. Trotz Kaffee und Aufregung wirkte die Monotonie dieses ewigen Kratzens und Schürfens einschläfernd. Ich mußte wohl etwas eingenickt sein und wurde aus dem leichten Dämmerschlaf geweckt durch das helle Singen der ablaufenden Registriertrommel. Forster stand vor der Apparatur, mit gespannter Aufmerksamkeit den herausgleitenden Papierstreifen verfolgend. Ich sprang auf: ,Was ist, Forster?' ,Sehn Se mal, Herr Doktor! Mer kam dat die janze Zeit schon so komisch vor. Se sind jetzt schon en janzes Stück weiter. Mikrophon 27 bejinnt leise anzusprechen. Aber dat Schürfe vor Ort hat fast janz aufjehört. Auch de Bahn jeht nich mehr so rejelmäßig.' Er sog heftig an seiner Pfeife. Ich riß ihm den Streifen aus der Hand. Tatsächlich! Die Tonkurven waren in den letzten zehn Minuten, die ich wohl verdöst hatte, erheblich schwächer geworden. Pause dort unten? War nach der Heftigkeit, mit der von drei bis fünf gearbeitet wurde, kaum anzunehmen. Was also bedeutete das? Was war jetzt für eine neue Teufelei im Gange? Ich muß sagen, mir wurde doch etwas schwül zumute.«
Torwaldt bemerkte nicht, daß Ingeborgs Hände vor Erregung bebten.
»Sollten die Burschen aus der Entfernung sprengen wollen, im Schutze der ersten Dämmerung einen Angriff unternehmen? Fronterinnerungen zuckten mir durch das Hirn. Ja! Ja! Auch dort stürmten wir im ersten Frühlicht. Da!... ein dumpfes Poltern—dann eisige Stille. ,Raus, Forster! Rüber in Alarm. Reißen Sie alle Hebel herunter, alle, rasch, zum Teufel rasch, Forster!'»—
Helo hatte die Worte, jetzt vollkommen im Bann des Erlebnisses, so laut herausgestoßen, daß Ingeborg entsetzt zusammenfuhr. Er sah es nicht, zu sehr lastete die Erinnerung an diese Minuten noch auf ihm, entführte ihn der Umwelt.
»Ich sehe Forster noch wie einen Tiger durch die Tür in die Alarmzentrale stürzen. Ich selbst war mit einem Satz an die große Schalttafel gesprungen, sämtliche Außenstromkreise zu unterbrechen, eine Beschädigung der hochempfindlichen Meß- und Peilinstrumente zu verhüten. Dann ein feines Brummen und Rauschen. Sekunden wurden zur Ewigkeit. ,Rascher, Forster! Rascher!'—Mein Gott! Wenn jetzt die Sprengung kam? Da!... Nein... Totenstille! Und mitten hinein bellte die rauhe Stimme Forsters: ,Alles dicht, Herr Doktor!' Ich wankte und fiel schwer in den Stuhl. Gottlob, es war noch einmal gut gegangen. Die Detatom- Werke waren in eine Festung verwandelt. Vierzig Millimeter starke Stahlplatten hatten sich vor alle Fenster und unterirdischen Kellertüren geschoben.«
Torwaldt atmete tief auf. Der Bann war gewichen.
»Das ist ja entsetzlich, Helo!« Ingeborg, die bis jetzt fassungslos an seinen Lippen hing, sprang auf, die lastende Schwüle des Berichtes abzuschütteln. »Entsetzlich, Helo!«
Sie tat erregt ein paar Schritte, wandte sich jäh, stürzte auf den Freund zu: »Helo! Du darfst nicht mehr dahin zurückgehen...! Komm rasch mit mir nach Köln! Da bist du sicher...! Komm, Helo...! Komm!« Sie zerrte verstört an seinem Arm. Torwaldt erhob sich rasch, faßte weich ihre Hände. Der Ausdruck seiner Augen war ein seltsames Gemisch aus Verlegenheit, Hilflosigkeit und Kamerad schaft. Befangen tasteten die Worte:
»Inge...! Mädel...! Komm doch zu dir...! Du bist doch sonst ein tapferer Kerl...! So kenne ich dich ja noch gar nicht.« Er rüttelte in scheuer, fast mädchenhafter Bewegung einige Male die Erschreckte.
»Nein, Helo!« Sie fuhr sich zitternd an die Stirn, strich die Haare zurück, schwieg, dann, während er sie erwar-tungsvoll ansah: »Ja, Helo! Aber komm mit mir, ich hab' jetzt Angst... sehe überall Gespenster.«
»Aber Kind! Hier ist doch keiner, der uns etwas antun könnte. Meine Person und die deinige sind den unterirdischen Einbrechern furchtbar gleichgültig. Die Geheimnisse unseres Werkes wollen sie lüften, ahnen aber gar nicht, daß sie längst überwacht werden und ihr Angriff erkannt ist. Hinein kommen sie nicht, dafür sorgt unsere automatische Abwehr. Verlaß dich darauf.«
»Trotzdem, Helo! Ich hab' keine ruhige Minute, wenn ich allein nach Köln fahre.«
Torwaldt wußte nicht, was er tun sollte. So überwältigend groß auch seine geistigen Kräfte waren, einer Frau gegenüber war er hilflos wie ein Kind. Ingeborgs heimlicher Kosename »Gelehrtenbub« war schon zutreffend.
Sie drängte: »Komm, Helo! Ich möchte fort von hier!«—Ihre Augen bettelten warm.
Was war mit Inge? Torwaldt war vollkommen verwirrt. Nie war sie so zu ihm gewesen, sie, die immer lachend Übermütige. Da überfiel ihn der aus allem Zwiespalt erlösende Gedanke. Er blickte hastig auf die Armbanduhr: Zwanzig vor vier. Ja, das ging noch!
»Inge! Ich bringe dich rasch nach Köln. In einer knappen Stunde kann ich wieder zurück sein. Willst du?« Das Zustimmung heischende Lächeln eines befangenen Jungen.
»Ja, Helo! Komm!« Sie wandte sich rasch dem schweren Wagen zu, innerlich—nach Frauenart—überzeugt, daß sich, wenn sie den Freund erst von hier fortgelockt hätte, dort das weitere schon finden werde, sie ihn überreden könne, nicht in dieses teuflische Werk, das ihr stets zuwider gewesen war, zurückzufahren. Forster mochte den Kram allein schmeißen.
Wenige Schritte trennten sie noch von dem grauen Fahrzeug, da fegten auf dem schmalen Waldweg trotz aller Unebenheit im schärfsten Tempo zwei Limousinen heran.
Ingeborg wich in panischem Schreck zurück, sich dicht an Helo schmiegend, Schutz zu suchen. Jetzt mußte die befürchtete Katastrophe kommen.—Ein sausendes Zischen! —Sand und Steine spritzten klatschend gegen die Bäume, Staub wirbelte hoch—vorbei. Doch nicht rasch genug, als daß Helo Torwaldt hinter den teilweise verhangenen Fenstern nicht mehrere völlig weiß verbundene Gestalten hätte erkennen können.
»Um's Himmels willen, die Hitzluftabwehr! Der Angriff!« Er stieß die Worte entsetzt aufschreiend heraus. Ein Sprung zum Wagen, Ingeborg nach sich reißend: »Rasch!—Rein zum Werk!« Der Atem jagte vor Aufregung.
Ehe sich Ingeborg von dem Schrecken des völlig Unerwarteten erholen konnte, flog der Schlag knallend hinter ihr zu. Sie saß, wußte nicht, wie sie hineingekommen war. Der Turbowagen wendete, schoß aufbäumend in halsbrecherischer Fahrt zur Hauptstraße hinunter. Bremsen schrien auf. Die Kurve. Herum—! Die Reifen schwapperten—Gas—!
Hinauf die Windungen der tischglatten Betonstraße. Da unten enteilten in rasendem Tempo die beiden Limousinen. Laß sie! Weiter!—Weiter!—Schneller!—Zum Werk! Wieder eine waghalsig genommene Kurve nach links. Mit zunehmender Geschwindigkeit schoß das maschinenheulende Gefährt die schnurgerade Privatstraße hinan.
Ingeborg bebte in nervenpeitschender Erregung. Helo fuhr ja wie ein Irrsinniger, das Gesicht verzerrt, die Kiefer verkrampft, die weitgeöffneten Augen starrten wild nach vorn. Wo wollte er hin mit ihr?
Das mächtige graue Stahltor in der sonnenüberfluteten Ringmauer kam mit beängstigender Geschwindigkeit näher.
Noch heller heulte die Turbine auf.
»Helo! Bist du wahnsinnig?« Ingeborg schrie entsetzt durch das hohe Singen der Maschine. »Helo! Halt doch! Das T—o—o—o—r!«
Keine Antwort!
Voll unsinniger Angst stieß sie ihre schmalen kleinen Hände gegen die untere Metallkante der Windschutzscheibe, stemmte die Füße verzweifelt gegen den Boden, bog Körper und Kopf krampfhaft zurück.
Herr Gott! Um's Himmels willen, das Tor! Das T—o—o—o—r! »Helo!«—Ein letzter gellender Schrei, Todesangst, Liebe, Qual——Inge stierte mit entsetzensstarren Augen auf die gewaltige, graublau gleißende Stahlmasse. Das Ende——Das Ende!
Der Wind pfiff, riß in den Haaren, der Wagen bebte unter der vollen Wucht der heulenden Turbine. Immer näher.
Jetzt, jetzt, da! Von unfaßbaren Gewalten gepreßt, schnellte die Doppeltür auf, gab das Leben frei.
Zischen——Pfeifen——die Luftdruckbremsen schrien. Ingeborg schoß nach vorn, taumelte zurück, als die Bremskraft nachließ. Noch einmal!——Die Fahrt wurde langsamer, die Maschine sang nicht mehr.
Das Innenwerk lag dicht vor ihr. Ein zweites, genau so drohendes Stahltor. Dasselbe unheimliche Schauspiel, das das Blut erstarren, eisiges Frösteln den Rücken hinabrinnen ließ. Wieder sprang die zwiefache Wand auf.
Ein harter Ruck. Die Räder knirschten——der zweihundertpferdige Turbowagen stand in einer geräumigen, seltsam dämmerig, blaulila durchleuchteten Halle.
Helo sprang aus dem Wagen, wandte im Vorwärtsstürmen den Kopf: »Komm nach!« und verschwand, eine Tür dröhnend hinter sich zuwerfend.
Ingeborg sank zurück in die Lederkissen. Graue Nebel wallten vor ihren Augen. Ihr Kopf fiel matt auf die Rückenlehne.
Als Ingeborg zu sich kam—sie mußte wohl einige Minuten in ohnmachtsnaher Schreckstarre in den Lederpolstern gekauert haben—, rieselte ihr eisige Angst der Erinnerung die schmalen Schultern hinab. Dieses massig große Stahltor, das in irrsinnigem Tempo immer näher gekommen war, auf sie zu fallen, sie zu zermalmen schien, wenige Meter vor dem rasenden Wagen aufklaffte, so wie ein Messerschnitt straff gespanntes Papier teilt, das zweite Tor, das gleiche grauenpeitschende Schauspiel, der jähe Übergang von Hell in Dunkel, gleich einem Höllenrachen, der sie verschluckt hatte, all das war zuviel für ihre Nerven gewesen.
Jetzt war beängstigende Stille um sie. Gespensterhaft leuchteten die Argonröhren. Was nun? »Komm nach!« hatte ihr Helo zugerufen. Sie öffnete die Autotür und glitt hinaus. Zweimal trat sie hart auf. Ein wohltuendes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erst einmal hinaus hier, in einen helleren Raum, das schleichende Grauen zu vertreiben.
Die Tür war unschwer zu finden. Ingeborg drückte die Klinke nieder und öffnete. Im gleichen Augenblick strahlte in hellem Licht eine Treppe vor ihr auf. Endlich mal ein Spuk, der mich versöhnt, dachte sie und schritt nach oben.
Wieder eine Tür. Das Licht hinter ihr erlosch. Sie stand in einer geräumigen, etwa zehn mal zehn Meter großen Halle, rings in Holz getäfelt, in den Ecken schwere Ledersessel, Bücherschränke an den Wänden. Sie atmete befreit auf. Hier war es menschlich.
»Donnerwetter!« So gediegen-vornehm hatte sie sich das Innere des Betonklotzwerkes nicht vorgestellt. Auf einem wundervollen schweren Smyrna ging sie einige Schritte weiter. Der Raum mußte wohl der Hauptaufenthaltsort der Werkinsassen sein. Von oben, aus etwa sechs Meter Höhe, flutete von einem Glasdach ein gleichmäßiges, warmes Licht herunter. Einige wertvolle Bilder an den dunklen Eichenholzwänden verliehen der Halle stimmungsvollen Reiz. Mit einer Ausnahme waren die Ecken als Sofanischen mit Leselampen und Bücherregalen ausgebaut. Ein prachtvolles Billard stand in der Mitte des Raumes.
Das war etwas für Papps! zuckte es Ingeborg durch den Kopf, und gleichzeitig fiel ihr ein, daß Torwaldt und Nord häufig von ihren Billardkämpfen des Abends nach der Arbeit gesprochen hatten. Auch den Schachtisch in einer Ek-ke entdeckte sie, den Hannes Nord vor einigen Jahren als sehr wertvolles Stück aus Indien mitgebracht hatte.
Ein ganz feines Summen lag in der Luft.
»Also doch Fabrik!« sprach sie sinnend vor sich hin, »schade, hier ließe sich wohnen!« Die Blicke glitten betrachtend im Rund. Das alles war Hannes Nord: die Wucht, die Einfachheit und Größe. Helo Torwaldt sprach aus der feinen Abstimmung der Gegensätze und Farben, der Aufteilung des Raumes. Ihre Lage kam ihr wieder zum Bewußtsein. Wo mochte Helo sein?
In diesem Augenblick öffnete sich zu ihrer Rechten eine Tür. Torwaldt trat ein, blickte sich um und ging strahlend auf Ingeborg zu:
»Da bist du ja, ich wollte just nach dir sehen, befürchtete schon, du hättest den Aufgang nicht gefunden.«
»Wie du siehst, doch«, bemerkte Ingeborg etwas gezwungen. »Aber die Entführung in dein Zauberschloß war reichlich aufregend, hoher Prinz !«
»Verzeih, wenn ich dich vorhin erschreckte. Während der Fahrt konnte ich dir keine Erläuterungen über den Mechanismus zum automatischen Öffnen und Verschließen des Stahltors abgeben, da ich meine Aufmerksamkeit der Apparatur zuwenden mußte. Mehr noch stak mir der Schreck über das Geschehene und die Angst um das Werk in den Gliedern. Nochmals, verzeih meine Rücksichtslosigkeit, Inge!«
Er streckte ihr zur Versöhnung die Hand hin; sie schlug ein.
»Ist bereits alles überstanden. Ist ja noch gutgegangen.
Aber nun endlich einmal heraus mit der Sprache: Was war los?«
»Wie ich vermutete, allerdings rascher, als ich je annehmen konnte, sind die unterirdischen Angreifer zu dem Schutzring des Werkes vorgedrungen, haben die dort absichtlich dünn gehaltene Betonwand durchstoßen und«—hier zögerte er—»und——sind ein Opfer der Hitzluftabwehr geworden.«
»Tot?« fuhr Ingeborg auf.
»Soweit Forster bis jetzt feststellen konnte, nicht, aber sicher mit bösen Brandwunden bedeckt. Die weißbandagierten Gestalten, die wir vorhin in den beiden Limousinen vorbeihuschen sahen, lassen das vermuten.«
Ingeborg stierte Helo an mit einem seltsamen Ausdruck von Grauen und Bewunderung.
»Die in unserem Werk freiwerdende Energie«, fuhr He lo mit der menschenfremden Selbstverständlichkeit des Wissenschaftlers und Technikers fort, »wird bei Durchstoßen des Betonringes durch einen Luftdruckautomaten zum Erwärmen von Preßluft auf etwa 400 Grad umgeschaltet. Eine Minute nach dem ersten Durchstoß schießt dem Angreifer zwanzig Sekunden lang diese Glutluft mit etwa Windstärke acht entgegen. Ein Lautsprecher tritt in Tätigkeit, besprochen von einer sich selbsttätig einschaltenden Schallplatte: Achtung! In einer Minute wiederholt sich die Hitzluftabwehr!«
»Gott, wie menschenfreundlich!« warf Ingeborg sarkastisch dazwischen. Torwaldt bemerkte den Spott nicht und ging ernsthaft auf den Zwischenruf ein.
»Wenn es nach Hannes Nord gegangen wäre, würde wohl nicht einer der Angreifer entkommen sein. Forsters Idee war die Lautsprecherwarnung; meine die Reduzierung der Lufttemperatur von 800 auf 400 Grad und der Zeitstoß von zwanzig Sekunden. Aber wir können nachher weiter darüber sprechen. Jetzt ist es wichtiger, festzustellen, ob unten noch Verwundete aufzufinden sind.«
Torwaldt ging auf die Tür zu, öffnete und rief:
»Forster! Kommen Sie, bitte!«
Ingeborg saß wie betäubt in ihrem Sessel, starrte Helo nach. Trotz des anheimelnden Eindrucks der Halle, der Nähe des Freundes wurde alles rundum wieder unheimlich. Von irgendwo spann sich etwas Freiheitsberaubendes, Einzwängendes um ihre Sinne, lähmte den Willen, peinigte die Nerven.
Da erschien Forster mit einem, wie es ihr schien, schweren Koffer. Sie kannte den alten Werkmeister und wollte ihn herzlich begrüßen. Doch er polterte in seiner derben, knurrenden Art sie freundschaftlich an, rheinisch in Sprache und Tonfall:
»Wenn dat Herr Nord wüßte, dat Sie he wäre, war der Deuwel los. Aber da es nichts zu maache. Stonnlosse kunnt Se Herr Doktor nich allein in der Naturjeschichte, und zum Wegbringe wor keine Zick mih (Zeit mehr). Trotzdem juten Tag, Fräulein Hall!« Und er schüttelte die noch immer verdutzt vorgestreckte Rechte Ingeborgs.
»Na, Herr Forster«, fuhr sie betroffen auf, »Sie haben ja eine seltsame Art, die Gäste des Werks willkommen zu heißen. Meine Schuld ist es gewiß nicht, daß ich hier in dieser Teufelsküche sitze. Ganz gewiß nicht!« Sie schlug mit den Handschuhen empört auf die Stuhllehne.
»Nichts für unjut, Frollein! So war et nich jemeint!« Die Stimme knurrte wärmer.
Ingeborg blickte auf. Den freundlichen braunen Augen unter den struppigen Brauen konnte man nicht lange böse sein. Sie fand ihr Lachen wieder: »Also gut, Forster! Ich merke schon, Sie sind an den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht und an zarte Rücksichtnahme nicht mehr gewöhnt!«
»Nee!« kam es lakonisch zurück.
Ingeborg lachte hell auf.
Da mischte sich Torwaldt in den Wortstreit der beiden. Er hatte, nur mit seinen Gedanken beschäftigt, kaum hingehört.
»Inge! Wir wollen hinuntergehen. Die Zeit drängt. Ich bitte dich, mitzukommen!« In der Stimme lag etwas, das in ihr Abwehr wachrief, doch wie unter einem Zwange erhob sie sich, Helo forschend anschauend, und folgte wortlos.
Sie schritten die Treppe hinab, die sie heraufgekommen war, durchquerten die Garagenhalle. Mit einem eigenartigen Schlüssel öffnete Torwaldt eine schwere Stahltür. Das Licht ging auch hier selbsttätig an. Eine geräumige Treppe führte noch tiefer. Ein kreisförmiger, etwa fünf Meter breiter Rundtunnel lag hell erleuchtet vor Ingeborgs Augen.
Die Hitze hier unten war groß. An den Decken liefen etwa dreißig Zentimeter starke Rohre radial nach außen.
Helo deutete hastig darauf: »Die Hitzluftabwehr!«
Forster hatte den Koffer niedergesetzt und den Gang umschritten: »Alles in Ordnung!« meldete er fast militä risch.
»Gut, Forster!—Licht abblenden!«
Forster schritt zu einer Schalttafel. Ein Hebel knackte.
Dunkelrote Röhren glühten auf.
Ingeborg hatte vorher schon an den Wänden große
Buchstaben bemerkt. Ihr fielen die Worte Helos ein, daß der Hof des Werkes in Sektoren aufgeteilt und mit den Buchstaben A bis K bezeichnet sei.
Torwaldt ging an die Wand, öffnete eine kleine Stahlklappe und blickte in eine kreisrunde Öffnung.
»Außenlicht an!«
Forster schaltete.
»Donnerwetter! Ein ganz nettes Loch in der Abwehrmauer. Aber gottlob keine Menschenseele zu sehen.« Und, den Kopf wendend: »Komm einmal, bitte, her, Inge, und schau!«
Ingeborg folgte zögernd der Aufforderung. Sie sah durch ein in die Wand eingebautes Periskop auf eine etwa zehn Meter entfernte zweite Wand, in der sich ein recht beträchtliches Loch befand. Dahinter gähnte das Dunkel des Stollens, aus dem die Angreifer gekommen sein mußten.
Helo erklärte: »Im ganzen Rund dieses Ganges sind Linsensysteme eingebaut, die es uns gestatten, durch diese« —er klopfte mit der Hand dagegen—»zwei Meter starke Eisenbetonmauer den äußeren Rundgang zu überblicken. Wir sind jetzt vier Meter unter dem Erdboden. Der äußere Gang, den du eben sahst, hat eine Breite von zehn Meter und gleicht einem gerundeten Tunnel. Die äußerste Ringmauer ist nur dünn. Ein Gegner soll sie leicht durchstoßen können, damit unsere Abwehrmaßnahmen in Tätigkeit treten. So können keine Sprengladungen dicht an das Werk herangebracht werden. Eine Sprengung aus zehn Meter Entfernung ist für unseren Betonklotz ungefährlich, nicht aber eine solche unmittelbar am Fundament.—Und nun höre: Es ist eine günstige Fügung des Schicksals, daß du so unfreiwillig hierher kamst. Wir brauchen dich.«
Ingeborg schaute verängstigt auf. Das Werk wurde ihr immer unheimlicher.
»Ich weiß, daß ich mich unbedingt auf dich verlassen kann, Inge! Willst du mir versprechen, die Instruktionen, die ich dir geben werde, peinlich genau zu befolgen?«
Sie schlug wortlos, aber ein wenig hastig in die dargereichte Hand Helos ein. Ihr Herz schlug schneller.
»Danke dir! Forster und ich werden jetzt durch die Panzertür hinausgehen und den Stollen unseres Gegners sprengen.«
Ingeborg zuckte zusammen. »Ihr wollt da hinausgehen und mich hier allein lassen?« In ihren Augen flackerte Angst.
Forster und Helo tauschten einen kurzen, harten Blick.
»Aber Mädel! Geschehen kann dir hier nicht das geringste, sonst würde ich nicht das Ansinnen an dich stellen, uns zu helfen. Wir gehen jetzt hinaus. Wir müssen so rasch wie möglich handeln. Hinter uns schließt du sofort die Stahltür. Beobachten kannst du uns bis zum Eintritt in den Stollen durch das Periskop. Sind wir in spätestens zehn Minuten nicht zurück—deine Uhr hast du doch mit?«
Ingeborg nickte und hob die Linke mit der schmalen Armbanduhr.
»Gut, sind wir also in zehn Minuten nicht zurück oder erhältst du bis dahin kein Zeichen von uns—du kannst den Eingang ständig durch das Periskop E beobachten—, dann gehst du sofort nach oben und wendest den Wagen in der Autohalle. Fahren kannst du ja. In der Mitte des Steuerrades befindet sich ein Knopf, der bei normalen Wagen zum Hupen dient. Den drückst du herunter und fährst in schärfstem Tempo gegen die Stahltür. Hast du bis jetzt alles verstanden?«
Ingeborg nickte mit starren Augen, wie im Fieber. Dann kam es gepreßt von ihren Lippen: »Und wenn der Mechanismus versagt?«
»Kann nicht, sonst, bleibt der Wagen sofort vollgebremst stehen.«
Ingeborg nickte verzweifelt: »Kann nicht ich in den Stollen mitgehen und dafür Forster hierbleiben?«
