Deutschkrimi - Toter, Pariser Straße - Lothar Jakob Christ - E-Book

Deutschkrimi - Toter, Pariser Straße E-Book

Lothar Jakob Christ

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Beschreibung

Deutschkrimi erzählt eine Geschichte, wie sie nur in Deutschland erzählt werden kann. Wie über Generationen hinweg, der Zweite Weltkrieg und die daraus resultierte Deutsche Teilung, über drei Generationen hinweg teils traumatisch nachwirken und bis in die heutige Zeit das Handeln von einigen Menschen beeinflusst. Trotz diesem ernsten Hintergrund, soll sie als Leser, die Geschichte jedoch mit Spannung unterhalten und die ernsten Momente werden immer wieder unterbrochen durch zum Teil lustige Passagen, in denen die Lebensfreude eines der Protagonisten deutlich wird.

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EPUB
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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lothar Jakob Christ

Deutschkrimi

’Toter, Pariser Straße‘

© 2019 Lothar Jakob Christ

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7482-8754-4

Hardcover:

978-3-7482-8755-1

e-Book:

978-3-7482-8756-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Es war wieder einmal eine dieser Nächte, in denen Max so gut wie gar nicht geschlafen hat.

Lange schon liegt er wach auf seinem Schlaflager.

Durch das kleine Fenster im oberen Drittel an der Stirnwand seines Raumes erkennt er im Osten die Morgenröte an einem leicht bewölkten Himmel aufgehen. Es ist Juni und die Nacht war recht lau.

Gleich wird die Amsel beginnen ihr Morgenlied zu singen. Max hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da begann der Morgenbote sein Lied zu trällern.

Er weiß genau wo die Amsel sitzt.

Oben auf der Spitze des Baumes, der mitten im Hof unten vor seinem Fenster steht. Um aus dem Fenster zu schauen, muss sich Max auf den Holzstuhl stellen, der gegenüber der Schlafpritsche an dem Wandregal steht, dessen unteres Brett er als Tisch benutzt.

Max erhebt sich von seinem Bett, zieht den Stuhl an die Stirnwand und steigt hinauf.

Jetzt kann er durch das vergitterte Fenster hinunter in den Hof schauen. Dort unten auf der Baumspitze sitzt der schwarze Vogel. Es ist, als würde die Amsel exklusive für Max ein Konzert geben, was Max schon so oft auf dem Stuhl stehend und aus dem Fenster schauend genossen hat.

Dann öffnet der Vogel die Schwingen, erhebt sich von seinem Baumwipfel und fliegt über die hohen Mauern hinaus in das hessische Bergland.

Ein Privileg, das Max mit der Amsel nicht teilen darf.

Seit nahezu drei Jahren ist er nun schon hier.

Lebenslänglich wegen Mordes an einem Kioskbesitzer in Friedberg lautete das Urteil, das Max voller Demut angenommen hat. Ende vierzig ist Max, wenn er das hier überstanden haben wird, dann ist er über sechzig, wenn er zum ersten Mal an Haftentlassung denken darf.

Und was dann? Wird er da draußen außerhalb der Gefängnismauern einfach wieder so weiter leben können, so unbescholten wie früher? Anerkannt von Nachbarn und Kollegen. Gerne gesehen am Stammtisch und an Sonntagnachmittagen zum Boule-Spiel unten am Sachsenhäuser Mainufer.

Nie hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen. Was ein Glück, als sich am 9. November 1989 die Mauer in Berlin für Max öffnete. Plötzlich stand ihm die Welt offen. Er konnte hingehen, wohin er wollte, er musste niemanden fragen was er lernen oder studieren möchte.

Er war gerade volljährig, von einem Tag auf den anderen frei wie eine Amsel.

Max absolvierte eine Bankkaufmanns-Lehre, studierte parallel BWL und ging zur Jahrtausendwende nach Frankfurt. Die Banken Stadt schlechthin!

Er kaufte diese kleine aber luxuriöse Wohnung am Museumsufer in Sachsenhausen und genoss sein Leben.

Nichts und niemand, auch Max selbst nicht, hätte je geglaubt, dass er irgendwann einmal, lebenslänglich wegen eines Mordes hinter Gittern landen würde.

Auch heute quälen Max hin und wieder Zweifel. Er kann sich nicht daran erinnern einen Menschen getötet zu haben. Er kann sich noch nicht einmal erinnern, jemals in Friedberg gewesen zu sein. Als sie ihn nach der besagten Nacht fanden, da war er fast tot. Hochgradig ins Delirium gesoffen, dass man ihn überhaupt lebend fand, verdankt Max wahrscheinlich seinem bis dahin tadellosen Lebenswandel.

Als er an diesem Tag bis zum Nachmittag unentschuldigt in der Bank fehlte, informierte sein Chef die Polizei. Als dann die Feuerwehr die Wohnungstür aufbrach, bekam Max davon nichts mit. Erst als er an Infusion-Flaschen hängend zum Abtransport in das Krankenhaus fertig gemacht wurde, hörte Max einen der Sanitäter sagen:

„Dass ein Mensch so besoffen sein kann hätte ich nicht geglaubt! Dass man so einen Suff überleben kann? Unglaublich!“

Mit den Infusionen hatten sie Max in der Uni-Klinik gegen Abend wieder unter die Lebenden geholt.

Erinnern konnte sich Max an nichts. Der Filmriss war bereits gegen zwölf am Vortag.

Das war ein Sonntag. Und das letzte, an was sich Max erinnern konnte, das war das Zwölfuhr-Geläut der Dreikönig Kirche.

Umso erstaunter war er, als gegen 21 Uhr zwei Kriminalbeamte in Begleitung von zwei uniformierten Polizisten das Krankenzimmer, indem Max alleine stationiert war, betraten.

„Guten Abend, ich bin Hauptkommissar Steeger von der Mordkommission, sind Sie Herr Max Schmeller.“

„Ja, der bin ich. Aber was habe ich getan, dass Sie nach mir suchen?“

„Herr Schmeller, wo waren Sie letzte Nacht zwischen ein und drei Uhr?“

„Das weiß ich nicht. Im Zweifel zu Hause in meiner Wohnung in Sachsenhausen.“

„Herr Schmeller, kann es sein, dass Sie letzte Nacht in Friedberg waren?“

„Wie kommen sie darauf? Noch nie in meinem Leben war ich in Friedberg!“

„Herr Schmeller es gibt einen dringenden Tatverdacht gegen Sie, dass Sie heute Nacht in einen Kiosk in Friedberg eingedrungen sind und den Besitzer des Kiosks, einen 73-jährigen Mann mit dem Namen Bernd Meier mit einem großen Küchenmesser getötet haben. Kennen Sie Herrn Bernd Meier?“

„Nein, ich kenne keinen Bernd Meier, wie kommen Sie eigentlich darauf, dass ich in diesem Kiosk gewesen sein soll?“

„Herr Schmeller, im Kiosk gab es eine Videoüberwachung, die den Eindringling erfasst hat. Die Bilder der Videoaufzeichnung wurden heute Abend in der Tagesschau gezeigt und man hat uns daraufhin informiert, dass Sie hier im Klinikum eingeliefert wurden.

Der Mann auf dem Video, ohne weiteren Untersuchungen vorgreifen zu wollen, das sind mit großer Wahrscheinlichkeit Sie, Herr Schmeller.“

Hauptkommissar Steeger reichte Max ein Foto aus der Videoaufnahme und dieser erschrak sich fast zu Tode.

Das Gesicht unter der Pudelmütze das war er, Max Schmeller. Und als man später, am Tatort gefundenes DNA Material ebenfalls Max Schmeller zuordnen konnte, da hatte sich der Kreis der Indizien geschlossen. Und auch Max hatte große Zweifel daran, ob er denn wirklich unschuldig war.

In der Hauptverhandlung, kurz vor der Urteilsverkündung sagte Max, als ihm das letzte Wort erteilt wurde:

„Sehr geehrtes Gericht, ich kann mich nach wie vor nicht an die Geschehnisse in der besagten Nacht erinnern. Nach wie vor glaube ich, dass ich niemals in meinem Leben in Friedberg gewesen bin. Deshalb kann ich mich auch nicht schuldig bekennen, diese Mordtat begangen zu haben.

Auf der anderen Seite sind die Indizien gegen mich so stark, dass ich selbst Zweifel habe. Die Person auf den Tatort Bildern hat in der Tat eine sehr große Ähnlichkeit mit mir und meiner am Tatort gefundenen DNA Spuren sind eigentlich über jeden Zweifel erhaben. Ich gebe mein Schicksal nun in Ihre Hand und ich bedanke mich bei meinem Pflichtverteidiger Herr Dr. Hubert von Hohenstein für sein Bemühen.“

Im Namen des Volkes erging dann das Urteil.

Lebenslänglich wegen Mordes.

Die bis dahin tadellose Lebensführung des Angeklagten war dabei insofern berücksichtigt, das keine besondere Schwere festgestellt wurde und einer Haftverschonung nach Ablauf von 15 Jahren sehr wahrscheinlich stattgegeben würde.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Max arbeitet in der Buchhaltung der Haftanstalt und ist unter anderem für die Entgelt-Abrechnung der Häftlinge verantwortlich.

Freunde oder besser gesagt freundschaftliche Beziehungen hat er jedoch bis auf eine Ausnahme zu niemanden aufgebaut.

Die meisten hier haben jemanden umgebracht.

Viele sind wegen Mordes verurteilt, die anderen wegen Totschlag. Es gibt Hierarchien hier im Knast zu beachten.

Das sagen unter den Häftlingen, das haben die aus dem Rocker Milieu gefolgt von den Glan Familien. Ganz schlimm, wenn die untereinander konkurrieren.

Den schwersten Stand haben Kindermörder, gefolgt von denen, die Frauen oder hilflose Menschen getötet haben.

Max war in den ersten Monaten bemüht nicht aufzufallen und hielt sich weitestgehend isoliert von den Gruppen auf. Auch beim Hofgang drehte er seine Runden um den Baum im Zentrum des Hofes gerne alleine. Max genoss diese Hofgänge, gleich bei welchem Wetter.

Er beobachtete mit Vorliebe Insekten, die zwischen den Kieswegen krabbelten oder in den Blumenrabatten schwirrten.

Eines Tages fand Max einen Schmetterling auf dem Weg sitzen. Er nahm ihn vorsichtig auf den Finger und setzte ihn auf eine Stiefmütterchen Blüte in eines den Rundweg begrenzenden Blumenrabatte.

Von der Bank neben dem Blumenrabatt raunzte ihn eine tiefe brummige Stimme an.

„Und warum bist Du hier? Umgebracht hast Du doch bestimmt keinen?“

„Mord an einem Kioskbesitzer, aber ich weiß es nicht genau, ich kann mich nicht erinnern.“

„Ich habe meine Frau erschlagen, obwohl sie mich jahrelang gequält und gedemütigt hat, war es aber doch ein Versehen.

In all den Jahren, in denen ich ihre Gemeinheiten ertragen musste, habe ich nur ein einziges Mal zurückgeschlagen. Verstehst du? Ein einziges Mal.

Sie ist nach hinten umgefallen wie ein Brett. Das Genick hat sie sich gebrochen, als sie auf der Kante der Spüle aufschlug. War sofort Tod!

Dr. von Hohenstein hat Freispruch für mich gefordert. Er war 100 % auf meiner Seite und meinte sogar einmal in einem Vieraugengespräch, dass er sie an meiner Stelle schon viel früher erschlagen hätte.

Sechs Jahre für Totschlag habe ich bekommen.“

„Dr. von Hohenstein hat dich verteidigt?“

„War mein Pflichtverteidiger! Netter Typ.“

„Ja, in der Tat, Dr. von Hohenstein war auch mein Pflichtverteidiger gewesen.“

Aus dieser kurzen Begegnung hat sich in den letzten Monaten eine Knastfreundschaft entwickelt.

Max tat das sehr gut.

Zum einen gehörte Benni, so hieß der Freund, hier eigentlich genauso wenig hin wie Max hierhin gehörte.

Zum anderen war Benni ein Hüne der 2,08 m groß und 150 kg schwer war. Mit dem legten sich selbst die Rocker nicht an. So einen zum Freund zu haben, das war hier in dieser eigenen Welt der Haftanstalt wie eine Versicherung für ein einigermaßen ruhiges Leben. Zudem war Benni sehr sanftmütig und Max hat sich mit ihm gerne während den Hofgängen unterhalten. Es schien so, als würde sich das Wachpersonal ebenfalls mit der Freundschaft von Max und Benni zufrieden zeigen.

Auf jeden Fall gab es mit den beiden, wenigstens zwei, mit denen man keine Probleme hatte.

„Scheiße“,

schrie Hauptkommissar Felix Schmadtke in das Telefon. „Es ist 2: 45 Uhr! Mitten in der Nacht! Was gibt es denn Wichtiges, um mich in meiner Nachtruhe zu stören?“

„Entschuldigen Sie bitte Herr Schmadtke, man sagte mir, Sie hätten Bereitschaft und ich soll Sie anrufen wegen des Toten in der Pariser Straße.“

„Wegen dem Toten? Was ist passiert?“

„Gegen 1: 30 wurde die Polizeiwache wohl vom Täter selbst angerufen und darauf hingewiesen, dass in der Pariser Straße ein Mord geschehen sei. Die Kollegen von der Streife haben dann von der Feuerwehr die Wohnung öffnen lassen und den Toten gefunden.

Ein älterer Mann, Dr. Edwin Kowalski, die SpuSi ist auch schon dort.“

„Wenn ihr mich schon mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen müsst, dann könntet ihr das wenigstens machen, bevor ihr die Spurensicherung informiert. Wenn ich jetzt an den Tatort komme, dann haben die von der SpuSi alles Verwendbare schon für sich in Anspruch genommen.“

„Entschuldigen Sie, Herr Schmadtke.“

„‚Schon gut, Sie können ja am wenigsten dafür. Ich fahre gleich los und bin in ca. einer halben Stunde in der Pariser Straße.“

Felix Schmadtke putzte sich noch schnell die Zähne, sprang in seine Levi’s, zog sich ein frisches T-Shirt über und schlüpfte in die Schimanski-Jacke, ohne die er sich nicht wirklich als HK bei der Mordkommission fühlte.

Von Mainz-Laubenheim bis in die Pariser Straße benötigt er im alten 3er BMW ca. 15 Minuten. Er stoppte an der Aral-Station am Anfang der Pariser Straße.

Um kurz nach drei war hier nichts los. Herbert hatte Nachtschicht.

„Guude Herbert, bist du wach? Ich hätte gerne einen Cafe to Go zum Mitnehmen.“

„Hallo Felix, was issen passiert, dass de Kommissar hier mitten in de Nacht auftaucht? Und übrigens, enn Cafe to Go is immer zum Mitnehmen, ich weiß gar nicht wie oft ich dir das schon gesagt habe.“

„Ist ja gut. Sind die Donut frisch?“

„Von gestern Abend, frischer geht nicht. Willst du enn große to Go?“

„Ja bitte und zwei Donut mit Schoko.“

„Hier, enn große to Go und zwee Donut, macht 5,80 €. Aber was iss dann passiert.“

„Sechs Euro, stimmt so. Ich weiß noch nicht. In der Pariser Straße soll ein Toter auf mich warten.“

„Na dann, viele Grüße von mir. Viel Spaß.“

„Blödmann!“

Es war kurz nach drei Uhr als Felix, in der einen Hand einen Cafe to Go und in der anderen einen Schoko-Donut, den Tatort betrat. Die Kollegen von der Spurensicherung hatten schon überall ihre Nummernschildchen aufgestellt. Im Sessel ein älterer Mann, ende achtzig. Wenn da nicht der rote runde Blutfleck auf der linken Brusthälfte gewesen wäre, hätte man glauben können, dass er schläft.

„Könnt ihr sagen, wann das passiert ist? Wer ist der Mann? Irgendwas Besonderes. Hat mal jemand ein Tempo, scheiß Schokolade.“

„Muss so zwischen halb eins und halb zwei gewesen sein. Der Anruf wurde um halb zwei in der Zentrale registriert. Es handelt sich um einen Dr. Edwin Kowalski.

Der war Oberarzt in den Uni-Kliniken. Gynäkologe. Aber schon lange im Ruhestand. Einen Kampf gab es ganz offensichtlich nicht. Es wurde nach Augenschein auch nichts aus der Wohnung entwendet. Sieht aus, als hätte der T äter völlig unvermittelt und überraschend für das Opfer zugestochen.

Die Tatwaffe hat der Täter mitgenommen.

Könnte eine super scharfe Stilett-Klinge gewesen sein.

Ist wirklich ein sauberer Stich! Mitten in das Herz.

Leiden musste der Opa nicht.

Der Täter scheint jedoch kein Profikiller zu sein, zumindest hat er uns offensichtlich eine schöne Spur hinterlassen. Unzweifelhaft hat der Täter einen Espresso getrunken und dazu eine Zigarette geraucht. Die Kippe hat er auf dem Unterteller der Tasse ausgedrückt.

Der Alte war wohl Nichtraucher, einen Aschenbecher gab es jedenfalls hier im Wohnzimmer nicht.

Und die kleine Kümmerling Flasche wurde wohl auch vom Täter konsumiert, so nah wie sie an der Tasse stand. DNA Spuren, also ohne Ende.“

„OK, dann müssen wir nur hoffen, dass wir DNA Daten des Täters bereits im Computer haben. Wenn ja, dann wird das ein Selbstläufer. Ich lege nachher eine Akte an und warte auf den Laborbericht. Wann kann ich mit den Laborergebnissen rechnen?“

„Wir sind hier jetzt fertig. Um acht kann ich den Kollegen im Labor die Kippe und die Schnapsflasche übergeben. Ich frage, ob sie bis zum Nachmittag etwas sagen können.“

„Das ist doch mal eine Ansage. Ich rufe dann um 16: 00 Uhr bei den Kollegen an. Hat jemand einen Leichenwagen bestellt?“

„Der ist unterwegs. Wir lassen die Leiche zum Pulverturm bringen damit die Kollegen von der Rechtsmedizin auch noch ein wenig Spaß haben.“

„Das war es dann hier. Ich fahre nach Hause und lege mich noch ne Stunde aufs Ohr.

Hat noch jemand ein Tempo für mich?“

Als Hauptkommissar Schmadtke aufwachte, war es bereits nach elf Uhr. Er stand auf, rasierte und duschte sich. Danach brühte er sich einen Kaffee und erinnerte sich, dass er unten im BMW noch einen Schoko-Donut liegen hatte.

Gegen 14: 00 Uhr kam er in das Kommissariat.

Er legte die Akte ’Toter; Pariser Straße‘ an und um 15: 30 Uhr kam Kommissar Florian Heinen zu Felix Schmadtke in das Büro.

„Hallo Felix, hier habe ich die Ergebnisse aus dem Labor in der Sache ’Toter; Pariser Straße‘, die wurden vor einer halben Stunde mit dem Kurier geschickt.“

„Was ist denn mit denen los? Wollen die in Urlaub?“

„Kann schon sein Felix. Morgen ist Fronleichnam und am Freitag ein Brückentag.“

„Na, Flo, dann gib mal rüber. Bin gespannt was die herausbekommen haben?“

Felix Schmadtke öffnete den Hauspostumschlag und überflog den allgemeinen Blabla. Dann wurde es interessanter. An dem Schnapsfläschchen, der Kippe und der Espresso-Tasse überall die gleichen DNA Spuren, die allesamt dem Täter zuzuordnen waren.

Und dann ein Hinweis darauf, dass die DNA als genetischer Fingerabdruck bereits in den Computern des Bundeskriminalamtes hinterlegt war und eindeutig einem gewissen Herrn Max Schmeller geb. 17.04.1971 zuzuordnen sind.

„Flo, ich glaube es nicht. Bis auf die Adresse hat uns der Täter von heute Nacht alles hinterlassen, was wir benötigen. Überprüfe bei der Meldebehörde bitte einmal wo ein gewisser Max Schmeller geb. am 17.04.1971 seinen ständigen Aufenthaltsort hat.

Dann fahren wir dorthin und holen ihn ab. Danach können wir den Fall als erledigt abschließen. Langweilig, oder?“

Florian Heinen ging zurück an seinen Schreibtisch und setzte sich mit den Meldebehörden in Verbindung. Keine volle Stunde benötigte er für seine Abfragen, um dann mit den Ergebnissen zurück zu Felix Schmadtke in dessen Büro zu gehen.

„Felix, ich habe alles zusammen, aber ich glaube, nun wird es wieder spannend.“

„Wie, wird wieder spannend? Was hast du denn herausgefunden?“

„Max Schmeller wohnt in Hessen. Seine Adresse lautet Max Schmeller, Kleeberger Straße 23, 35510 Butzbach.“

„Na ja, Hessen, dann informiere die Kollegen in Wiesbaden. Die sollen veranlassen, dass man den Schmeller zu Hause besucht und uns hier abliefert.“

„Felix, in Butzbach, in der Kleeberger Straße, dort ist die Justiz-Vollzugs-Anstalt und dieser Max Schmeller sitzt dort seit drei Jahren wegen Mordes ein. Der hat ein wasserdichtes Alibi für die letzte Nacht und wenn nicht, dann hätten die hessischen Kollegen ein richtiges Problem.“

„Das gibt es doch nicht! Verbinde mich bitte mit den Laborratten, da hat doch einer einen Fehler gemacht in Vorfreude auf den Brückentag. Den können die sich abschminken, darauf kannst du Einen lassen.“

„Felix, am Telefon ist Dr. Specht.“

„Hallo Alex, Felix hier. Ich habe gerade euren Bericht bekommen.“

„So schnell hast du damit nicht gerechnet, oder?“

„Hör auf. Alex, den Bericht kannst du in der Pfeife rauchen. Bullshit.“

„Felix, jetzt bekomme dich doch wieder ein, was ist den an dem Bericht verkehrt. Die DNA Spuren sind eindeutig. Nichts vermischt, nichts verwischt, alles ganz klar dem Täter zuzuordnen. Die Leiche haben wir soweit auch untersucht. Todesursache war ein Stich in das Herz, ganz saubere Sache. Eigentlich ein schöner Tod.“

„Alex, die Sache hat nur einen Hacken. Dieser Max Schmeller, dem ihr die DNA eindeutig zuordnet, der sitzt seit drei Jahren in der JVA Butzbach, wegen Mordes an einem Friedberger Kioskbesitzer.

Der hat ein Alibi, das ist so wasserdicht wie die Nautilus.

Ich habe bereits mit Butzbach telefoniert, ausgeschlossen, dass der heute Nacht in Mainz in der Pariser Straße einen Espresso und ein Zigarettchen genossen hat, um dann mit einem Kümmerling auf die Freiheit anzustoßen. Ausgeschlossen, hörst du Alex!

Ich erwarte, dass ihr die Tests im Labor alle noch einmal überprüft.“

„Machen wir, Montagnachmittag bekommst du die Ergebnisse.“

„Wann? Alex, hör auf zu scherzen.“

„Morgen ist Feiertag und am Freitag ist keiner hier im Labor.“

„Den Feiertag und die Brücke die könnt ihr euch sonst wo hinstecken.“

„Felix, ich wünsche dir ein schönes langes Wochenende. Am Montag gegen 15:00 Uhr hast du die Ergebnisse. Bis dahin liegt Dr. Kowalski kühl und Max Schmeller wird gut bewacht.“

„Ja Alex und ein Mörder läuft frei durch Mainz. Leck mich doch.“

„Aber Felix, was hast du denn erwartet. Wir haben die gleiche Kippe und die gleiche Schnapsflasche nochmals untersucht. Da hat sich nichts verändert. Warum sollte dabei nun im Ergebnis etwas anderes herauskommen?“

„Weil dieser Max Schmeller, dessen DNA ihr hier festgestellt haben wollt, als Täter weniger infrage kommt als du. Der Schmeller hat in der JVA Butzbach Vollpension gebucht. Der kann es verdammt noch mal nicht gewesen sein.

Ist es denn wirklich möglich, dass zwei Menschen einen absolut identischen genetischen Fingerabdruck besitzen?“

Diese Frage konnte Dr. Alex Specht beantworten und er klärte Felix darüber auf, dass eineiige Zwillinge identische DNA haben.

Das ist die einzige Möglichkeit. Zumindest hat man in den letzten Jahren akzeptieren müssen, dass eineiige Zwillinge die gleiche DNA aufweisen, fuhr Alex Specht weiter aus. Und im Großen und Ganzen stimmt das auch, da sich befruchtete Eizellen im frühen Stadium der Entwicklung in zwei Embryonalanlagen aufteilen. So entstehen zwei Keime, aus denen zwei Menschen mit demselben Erbgut heranreifen. Rund neun Monate später werden diese beiden Menschen geboren und gleichen sich wie ein Ei dem anderen.

Schaut man jedoch etwas genauer hin, dann kann man erkennen, dass das Erbgut eineiiger Zwillinge in Wirklichkeit nicht zu 100 % identisch ist. Für eineiige Zwillinge bedeutet das, dass verzwickte Kriminalfälle sich nun lösen lassen und auch Vaterschaftstest bei eineiigen Zwillingen möglich sind.

„Das bedeutet ihr könntet die DNA von eineiigen Zwillingen individualisieren? Warum macht ihr das dann nicht in diesem Fall Alex? Ist dieser Kriminalfall nicht verzwickt genug?“

„Felix, ich verstehe deine Emotion, aber wir stehen bei der Sache mit dem Toten aus der Pariser Straße doch ganz am Anfang. Und obendrein steckt der Teufel bei der Individualisierung von DNA eineiiger Zwillinge wie bei vielem Anderen im Detail. Eineiige Zwillinge können durch Punktmutation identifiziert und unterschieden werden. Diese Punktmutationen treten während der frühesten Embryonalentwicklung auf und werden an jeden Gewebetyp weitergegeben, der sich früher oder später im menschlichen Körper entwickelt. Sind diese minimalen Mutationen nicht letal und wirken sich auch sonst nicht negativ auf den Organismus aus, dann werden sie zwangsläufig beibehalten und können fortan als Unterscheidungsmerkmal auf genetischer Ebene dienen.

Punktmutationen kann man beispielsweise mithilfe von DNA-Sequenzierungen identifizieren und die Unterschiede zwischen zwei Zwillingen somit Stück für Stück herausarbeiten.“

„Ich weiß nicht, ob ich alles verstehe, was du mir sagst. Aber heißt das, wenn ihr die DNA aus dem Friedberger Kiosk und aus der Wohnung aus der Pariser Straße vergleicht, dann könntet ihr diese individuell zuordnen?“

„Ja und nein! Für Forensiker ist es schwer zu erkennen, welche Gene durch Umwelteinflüsse ein oder ausgeschaltet wurden und es lässt sich in den meist spärlichen DNA-Funden von Tatorten nicht nachvollziehen.

Um das zu erkennen würden wir von jedem Zwilling ein vollständiges Genom benötigen.

Nun will die Forschung jedoch einen Test für die schnellere Identifizierung entwickeln. Dann könnten ungeklärte Fälle wie der KaDeWe-Raub wieder aufgenommen und wahrscheinlich gelöst werden.“

„Gut Alex oder vielmehr nicht gut. Aber dieser Max Schmeller in Butzbach, dar muss definitiv ein eineiiger Zwilling sein? Gleich, ob er die Tat in Friedberg selbst begangen hat oder ob auch dort der unbekannte aus der Pariser Straße am Werk war, oder?“

„Ja Felix, das ist unstrittig! Max Schmeller muss zu 100 % einen eineiigen Zwillingsbruder haben. Keine andere Möglichkeit ist hier wahrscheinlich.“

„Danke Alex, entschuldige bitte meine zwischenzeitlichen Emotionen, war nicht persönlich gemeint. Danke noch mal!“

Der Fall, der in der Nacht am Tatort langweilig zu werden schien, wurde nun immer spannender und mysteriöser.

Wenn man den Mord in Friedberg Hessen in Verbindung brachte mit dem Mord in Mainz RheinlandPfalz, dann hatten wir zwei Tote. Von beiden Tatorten Täter DNA die eindeutig einem Menschen zugeordnet werden konnte.

Der für die Tat in Friedberg verurteilte hat den Mord an dem Kioskbesitzer nie zu 100 % gestanden.

Obwohl ihm die in Mainz gefunden DNA ebenfalls zuzuordnen war, konnte er diesen Mord auf keinem Fall durchgeführt haben.

Andere, als die DNA Spuren von Max Schmeller, gab es weder in Friedberg noch in Mainz.

Ob die beiden Verbrechen überhaupt einen Zusammenhang hatten, war eine weitere offene Frage.

Hätte man nicht DNA Spuren gefunden, die man Max Schmeller hätte zuordnen können, man wäre höchstwahrscheinlich niemals darauf gekommen, dass die Morde am Kioskbesitzer in Friedberg, einen Zusammenhang mit dem Mord an dem Gynäkologe in Mainz haben könnten.

Eine Sonderkommission wurde ins Leben gerufen. Wesentliche Mitglieder wurden Hauptkommissar Felix Schmadtke aus Mainz und Hauptkommissar Wilhelm Steeger aus Frankfurt, der sich vor ca. drei Jahren mit dem Friedberger Mord beschäftigen musste. Dazu kamen die Kommissare Florian Heinen aus Mainz und Tok Ömür aus Frankfurt.

Als gute Seele und Mädchen für fast alles wurde der SoKo als Sekretärin, Sybille Meierhöfer abgeordnet.

Billi, wie Frau Meierhöfer von allen genannt wurde, organisierte als Erstes einen Besuchstermin in der JVA Butzbach, wo Willi Steeger und Felix Schmadtke mit Max Schmeller sprechen wollten. Der Termin musste jedoch etwas nach hinten geschoben werden, weil Willi Steeger einen Kurzurlaub gebucht hatte.

„Du Benni, am 3. Juli bekomme ich Besuch.“

„Du bekommst Besuch? Sagtest du nicht, dass es nur deine Mutter gibt und die würde in einem Pflegeheim in Berlin leben und nicht reden, seit der Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990.“

„Zwei von der Kripo haben sich angemeldet. Der Willi Steeger, der damals die Sache in Friedberg bearbeitet hat und ein Felix Schmadtke aus Mainz. Weiß nicht was die wollen.“

„Und? Hast du deinen Anwalt informiert?“

„Welchen Anwalt, ich habe doch keinen Anwalt.“

„Und der von Hohenstein? Du sagtest doch, dass der von Hohenstein dich verteidigt hat?“