Deutschland und Israel - Amos Oz - E-Book

Deutschland und Israel E-Book

Amos Oz

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Beschreibung

Als Kind im Jerusalem der 40er Jahre erlebt Amos Oz den Hass auf Deutschland als etwas Absolutes, Unverrückbares. Die Deutschen sind Mörder, ihre Sprache, ihre Produkte geächtet, das Wiedergutmachungsabkommen von 1952 noch als Schande verschrien. Und in jedem Pass des jungen Landes steht "Gültig für alle Länder – mit Ausnahme von Deutschland". Doch dann sind da die Bücher, die Literatur, dann liest er und das ganze Land Lenz, Böll, Grass, und ein Wandel vollzieht sich, im Kleinen wie im Großen, in ihm wie im Staate Israel …

Amos Oz kombiniert persönliche Erfahrungen mit historisch-politischem Nachdenken. Auf diese Weise liefert er eine beeindruckende Bestandsaufnahme des alles andere als normalen Verhältnisses zweier Nationen. Ein Buch über Deutschland, über Israel, über den mehr als sechzig Jahre währenden Prozess der Verständigung. Und zur gleichen Zeit ein Plädoyer für die brückenschlagende Kraft des Erzählens.

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Seitenzahl: 50

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Amos Oz

Deutschland und Israel

Mit einer Nachbemerkungvon Amos Oz

Mit einem Vorwort von Norbert Lammert

Suhrkamp

Inhalt

Norbert LammertFreundschaft ist ein Geschenk

Amos OzDeutschland und Israel

Amos OzNachbemerkung

Norbert Lammert

Freundschaft ist ein Geschenk

Wenn überhaupt, hat wohl jeder seine eigene Beziehung zu Israel. Meine persönliche Verbindung mit dem Land und seinen Menschen beginnt mit meiner parlamentarischen Arbeit vor inzwischen fast vierzig Jahren. 1981, als junger, gerade erst in den Bundestag gewählter Abgeordneter, führte mich meine erste Reise nach Israel. Die Begegnungen auf dieser Reise sind mir in besonders lebhafter Erinnerung. Die damalige Zurückhaltung, die erkennbar abwartende Haltung uns deutschen Parlamentariern gegenüber war spürbar, auch von unseren israelischen Kolleginnen und Kollegen. Ich habe sie damals wie heute sehr gut verstanden. Gerade einmal fünfzehn Jahre waren vergangen, seit unsere beiden Staaten diplomatische Beziehungen zueinander aufgenommen hatten – und gerade einmal eine Generation seit der Shoah. Ganz besonders hat sich mir eine Diskussion in der Knesset ins Gedächtnis gebrannt, bei der es um die Frage ging, wie sich die Beziehungen beider Länder zueinander »normalisieren« ließen. Schon damals war ich überzeugt: Unsere Beziehungen könnten niemals »normale« Beziehungen sein. Genau das dürfen sie niemals werden: schlicht »normal«.

Amos Oz schreibt zu Recht, normale Beziehungen zwischen Deutschland und Israel seien weder möglich noch angemessen. Seit Jahrhunderten seien sie nicht von Normalität geprägt und das gelte auch für die Zukunft.

Eindrücklich und prägnant schildert Amos Oz, warum das so ist, anhand seines eigenen Lebenslaufes, der – wie für die überwiegende Mehrheit der Juden seiner Generation – eng verbunden ist mit der Frage, wie man zu Deutschland und den Deutschen steht. Dem sechsjährigen Amos Oz wird erklärt, dass er viele seiner von Deutschen ermordeten Verwandten niemals kennenlernen werde. Als Schüler will er Deutschland für immer mit einem Bann belegen und beschließt, niemals deutschen Boden zu betreten.

Dann kommen die Bücher – deutsche Bücher, übersetzt ins Hebräische. Sie verändern Amos Oz’ Einstellung zu Deutschland und den Deutschen. Er hinterfragt seine Sichtweisen. 1983 reist er erstmals nach Deutschland. Es folgen viele weitere Reisen. 1992 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – und sagt in seiner Dankesrede: »Ich glaube, daß ein Buch zuweilen das Leben vieler Menschen zu ändern vermag.«

Im Falle von Amos Oz haben viele deutsche Bücher ein jüdisches Leben verändert. Seine Ansichten über Deutschland haben sich mit der Zeit gewandelt. Normalisiert haben sie sich nicht. Es bestehe eine Kluft zwischen der Situation, in welcher sich die Nachkommen der Mörder befänden, und jener der Nachkommen der Ermordeten – von Normalisierung sollte man daher nicht sprechen. Besser sei es, von einer Intensivierung der Beziehungen zu sprechen, so Amos Oz.

Die heutigen Beziehungen von Deutschland und Israel zueinander sind partnerschaftlich und freundschaftlich. Dass sie dies sind, ist ein Wunder der Geschichte. Es verdankt sich insbesondere Konrad Adenauer und David Ben-Gurion, diesem doppelten Glücksfall unserer jüngeren Geschichte. Sie hatten die Einsicht und die Größe zu einem Neuanfang – unmittelbar nach den Staatsgründungen Israels aus der Asche des Holocausts und der Bundesrepublik auf den Trümmern des Nazi-Regimes. Bereits 1952 schlossen beide Staaten ein Abkommen, das zwar nicht wiedergutmachen konnte, was nicht gutzumachen ist, das aber zum Beginn wechselseitiger Annäherung wurde und am 12. Mai 1965 in den Austausch offizieller Botschafter mündete.

Heute – siebzig Jahre nach der Staatsgründung Israels – bilden die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern eine »Brücke über dem Abgrund« der gemeinsamen Geschichte, wie Shimon Peres es als amtierender Staatspräsident in seiner Rede 2010 bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag in ein Bild fasste. Eine solche Brücke braucht Säulen und ein Fundament. Es sind die gemeinsamen Werte, auf denen unsere Beziehungen und unsere politische Zusammenarbeit heute basieren. Seit 2008 finden jährlich Regierungskonsultationen statt. Die vielfältigen parlamentarischen Kontakte vertiefen das gegenseitige Verständnis zusätzlich. Auch verbinden unsere Länder ein lebhafter, wechselseitig befruchtender Kulturaustausch, die intensiven, stetig wachsenden Handelsbeziehungen und die zahlreichen Hochschul- und Wissenschaftskooperationen. Inzwischen haben sich über einhundert Städtepartnerschaften etabliert.

Besonders dankbar sind wir Deutsche dafür, dass nach den traumatischen Erfahrungen der NS-Diktatur und des Holocausts wieder jüdisches Leben in Deutschland entstehen konnte. Umso beschämender ist, dass es heute überall in Europa noch immer antisemitische Vorfälle gibt, denen wir entschieden entgegentreten müssen. Antisemitismus, wo immer er auftritt, ist nicht akzeptabel; in Deutschland ist er unerträglich.

Unsere beiden Länder teilen – bei allen Unterschieden – eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Beiden, Deutschen wie Israelis, kommt eine besondere Verantwortung in den Regionen zu, in denen sie leben: Deutschland in Europa, Israel im Nahen Osten. Die Herausforderungen, die sich ihnen jeweils stellen, sind freilich gänzlich verschieden, und Deutschland ist in einer gleich doppelt privilegierten Lage: Es ist ausnahmslos von Freunden und von demokratisch geführten Staaten umgeben. Knapp dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben in Europa, innerhalb der Europäischen Union, Grenzen ihre Bedeutung weitgehend verloren. Beides trifft für Israel bis heute nicht zu – und wir verstehen die Sorgen Israels. Wir sind überzeugt: Israel muss mit demselben Recht wie seine Nachbarn in international anerkannten Grenzen leben können, frei von Angst, Terror und Gewalt. Zugleich übersehen wir nicht, dass es dabei auch um die israelische Mitverantwortung für die Verhältnisse in den palästinensischen Gebieten geht. Die notwendige Debatte darüber muss vor allem in Israel geführt werden – und sie findet statt, streitbar, gelegentlich leidenschaftlich, immer demokratisch, in der Gesellschaft.

Die deutsche wie die israelische Gesellschaft pflegen eine politische Kultur, die Streit zwischen unterschiedlichen Auffassungen und Interessen nicht scheut, sondern in ihm den Ausdruck einer pluralen, offenen Gesellschaft erkennt. Meinungsverschiedenheiten nicht nur auszuhalten, sondern zu benennen und miteinander auszutragen, gehört zum Wesen einer echten Partnerschaft. Kritik ist legitim, manchmal unverzichtbar – auch und gerade unter Freunden.

Freundschaft kann man sich nicht verdienen. Freundschaft ist ein Geschenk, auf das es keinen Anspruch gibt – zwischen Deutschland und Israel schon gar nicht. Freundschaft will aber gepflegt werden. In diesem Sinne wollen wir die Beziehungen weiter festigen und entwickeln; wir wollen sie weiter intensivieren, wie Amos Oz es fordert. Wir begreifen sie als das, was sie sind: eine Verpflichtung und dauerhafte Aufgabe.