9,99 €
Die Hauptfigur dieses Briefromans, der international renommierte Gelehrte Alexander Gideon, hat mit einer vergleichenden Studie zum Thema Faschismus von sich reden gemacht und verkörpert als problematischer Charakter eben den Typus, den er selber kritisch durchleuchtet. Ein leidvolles Porträt der israelischen Wirklichkeit, wäre da nicht Boas. Der Junge entwickelt sich zum hoffnungsvollen Neuling in dieser Welt, während seine Eltern noch die Black Box, den Flugschreiber ihrer abgestürzten Träume, entziffern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2026
Amos Oz Black Box
Roman
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Suhrkamp
eBook Suhrkamp Verlag 2025 Der vorliegende Text folgt der 11. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 1898 © Amos Oz 1987 © der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 1989, 2014 Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor. Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Umschlaggestaltung: Göllner, Michels, Zegarzewski Umschlagfoto: Micha Bar-Am/Magnum Photos/Agentur Focus eISBN 978-3-518-78504-1www.suhrkamp.de
Das Weinen von Natan Alterman
Briefe
Du aber wußtest, daß Nacht ist und kein Blatt da rauscht,
Nur meine Seele krank vor Weh in die Stille lauscht,
Und nur zu mir dein Weinen raubvogelgleich aufschießt,
Mich, mich allein zu verzehren beschließt.
Denn es kann sein, daß jäher Schauder mich durchzuckt,
Und ich umherirr: hilflos, verloren, angstgeduckt,
Weil deine Stimme aus vier Winden zu mir gellt,
Wie des Lausbubs Ruf, der den Blinden zum Narren hält.
Doch du verbargst dein Gesicht, sagtest nicht: schon gut,
Und Dunkel erfüllte dein Weinen und Taubenblut,
In dessen finstren Weiten du dich verwobst mit bittrer Hand
Bis zum Vergessen, Vergehen, bis zum Unverstand...
(Das Weinen von Natan Alterman)
Dr. Alexander A. Gideon
Political Science Department
University of Illinois
Chicago, III., USA
Jerusalem, den 5.2.1976
Schalom Alek,
Wenn Du diesen Brief beim Anblick meiner Handschrift auf dem Umschlag nicht sofort vernichtet hast, zeigt sich wieder einmal, daß die Neugier noch stärker ist als der Haß. Oder daß Dein Haß neuen Sprit braucht.
Jetzt erbleichst Du, preßt wie gewohnt Deine Wolfslefzen zusammen, ziehst die Lippen ein und verschlingst diese Zeilen, um herauszufinden, was ich von Dir will, was ich mir anmaße, von Dir zu wollen, nach sieben Jahren völligen Schweigens zwischen uns.
Ich will, daß Du von Boas’ heikler Lage erfährst, Du mußt ihm dringend helfen. Mein Mann und ich können nichts tun, weil er jeden Kontakt abgebrochen hat. Wie Du.
Nun kannst Du aufhören zu lesen und diesen Brief geradewegs ins Feuer werfen. (Aus irgendeinem Grund denke ich mir Dich immer in einem langen Raum voller Bücher, alleine an einem schwarzen Schreibtisch sitzend, vor Dir ein Fenster, hinter dessen Scheiben sich leere verschneite Weiten erstrecken. Weiten ohne Hügel, ohne Baum, nur weißglitzernder Schnee. Ein Feuer im Kamin zu Deiner Linken, vor Dir ein leeres Glas und eine leere Flasche auf der leeren Tischplatte. Das Ganze erscheint mir als Schwarzweißbild. Und auch Du: mönchisch, asketisch, hochgewachsen und gänzlich in schwarz-weiß.)
Jetzt knüllst Du diesen Brief zusammen, räusperst Dich auf leicht britische Art und zielst genau aufs Feuer: Denn was schert Dich Boas? Und außerdem glaubst Du mir ja doch kein Wort. Du richtest Deine grauen Augen auf das flackernde Feuer und sagst Dir: Da will sie mich wieder mal reinlegen. Dieses Weib wird nie aufstecken und Ruhe geben.
Warum sollte ich Dir also schreiben?
Vor lauter Verzweiflung, Alek. Und in Sachen Verzweiflung bist Du ja eine weltbekannte Koryphäe. (Ja, natürlich habe ich – wie alle Welt – Dein Buch »Die verzweifelte Gewalt – eine vergleichende Studie des Fanatismus« gelesen.) Aber ich meine jetzt nicht Dein Buch, sondern den Stoff, aus dem Deine Seele gemacht ist: eisige, arktische Verzweiflung.
Du liest immer noch weiter? Um Deinen Haß gegen uns wiederzubeleben? Die Schadenfreude in kleinen Schlückchen zu genießen wie einen guten Whisky? Dann sollte ich Dich nicht weiter reizen. Ich werde mich lieber auf Boas konzentrieren.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was Dir bekannt ist und was nicht. Es würde mich nicht wundern, wenn Du jede Einzelheit wüßtest, von Deinem Anwalt Sackheim monatlich Bericht über unser Leben fordertest und erhieltest, uns diese ganzen Jahre auf Deinem Radarschirm vor Dir gehabt hättest. Andererseits wäre ich auch nicht überrascht, wenn Du gar nichts wüßtest: nicht, daß ich mit einem Mann namens Michael (Michel-Henri) Sommo verheiratet bin, nicht, daß ich eine Tochter zur Welt gebracht habe, und nicht, was mit Boas geschehen ist. Es würde durchaus zu Dir passen, Dich mit einer brutalen Geste abzuwenden und uns ein für allemal aus Deinem neuen Leben zu streichen.
Nachdem Du uns verstoßen hattest, bin ich mit Boas in den Kibbuz gezogen, in dem meine Schwester mit ihrem Mann lebt. (Wir hatten keinen anderen Ort auf der Welt, auch kein Geld.) Sechs Monate habe ich dort gelebt und bin dann nach Jerusalem zurückgekehrt. Habe in einem Buchladen gearbeitet. Boas blieb währenddessen fünf Jahre im Kibbuz, bis nach seinem dreizehnten Geburtstag. Alle drei Wochen bin ich zu ihm gefahren. So ging das, bis ich Michel geheiratet habe, und seither sagt der Junge »Hure« zu mir. Wie Du. Nicht ein einziges Mal ist er zu uns nach Jerusalem gekommen. Als unsere Tochter (Madeleine Jifat) geboren wurde, hat er beim ersten Anruf den Hörer aufgeknallt.
Vor zwei Jahren ist er dann plötzlich eines Winternachts um ein Uhr morgens bei uns aufgetaucht, um uns mitzuteilen, daß er mit dem Kibbuz fertig sei: Entweder würde ich ihn in einer Landwirtschaftsschule anmelden, oder er werde »auf die Straße ziehen und nie wieder was von sich hören lassen«.
Mein Mann wachte auf und sagte ihm, er solle seine nasse Kleidung ausziehen, was essen, sich waschen und dann aufs Ohr legen. Am nächsten Morgen könne man weiterreden. Doch der Junge (schon damals, mit dreizehneinhalb Jahren, war er viel größer und breiter als Michel) antwortete, als zertrete er irgendein Ungeziefer: »Ja wer bist du denn? Wer hat denn mit dir geredet?« Michel lachte und sagte nur: »Geh einen Augenblick raus vor die Tür, mein Freund, beruhig dich, wechsel die Kassette und komm dann wieder rein, diesmal als Mensch statt als Gorilla.«
Boas steuerte auf die Tür zu, aber ich vertrat ihm den Weg. Ich wußte, daß er mich nicht anrühren würde. Das Kind wachte auf und weinte. Michel ging, um die Kleine frisch zu wickeln und in der Küche Milch warmzumachen. »In Ordnung, Boas«, sagte ich, »du sollst auf die Landwirtschaftsschule gehen, wenn das dein Wunsch ist.« Michel, in Unterhose und Trägerhemd, das zufriedene Kind im Arm, fügte hinzu: »Nur unter der Bedingung, daß du dich vorher bei Mutter entschuldigst, sie nett bittest und hinterher danke sagst. Du bist doch kein Trampeltier?« Worauf Boas mit dieser höhnisch-verächtlichen Verzweiflungsmiene, die er von Dir geerbt hat, mir zuflüsterte: »Und diesem Heini da erlaubst du, dich jede Nacht zu ficken?« Gleich danach hob er die Hand, strich mir sanft übers Haar und sagte mit veränderter Stimme, deren Klang mir noch heute das Herz verkrampft, wenn ich daran denke: »Aber euer Kind ist ganz hübsch.«
Danach brachten wir Boas (dank der Beziehungen von Michels Bruder) in der Landwirtschaftsschule »Telamim« unter. Das war vor zwei Jahren, Anfang 74, kurz nach dem Krieg, bei dessen Ausbruch Du ‒ so erzählte man mir – nach Israel zurückgekehrt bist, um ein Panzerbataillon im Sinai zu befehligen, und nach dessen Ende Du gleich wieder die Flucht ergriffen hast. Auch seiner Forderung, ihn nicht zu besuchen, haben wir nachgegeben. Haben sein Schulgeld bezahlt und geschwiegen. Das heißt, Michel hat gezahlt. Und genaugenommen auch er nicht.
Keine einzige Postkarte haben wir in diesen zwei Jahren von Boas erhalten. Nur Notrufe von der Direktorin: Der Junge ist gewalttätig. Der Junge hat sich mit dem Nachtwächter der Anstalt angelegt und ihm den Schädel eingeschlagen. Der Junge macht sich nachts aus dem Staub. Der Junge hat eine Akte bei der Polizei. Der Junge untersteht einem Bewährungshelfer. Dieser Junge wird die Schule verlassen müssen. Dieser Junge ist ein Monster.
Und woran erinnerst Du Dich, Alek? Als letztes hast Du doch einen blonden, dünnen, schlaksigen Achtjährigen gesehen, der oft stundenlang stumm auf einem Schemel stand und, konzentriert über Deinen Schreibtisch gebeugt, Modellflugzeuge aus Spanplatten für Dich baute, nach Bastelbögen, die Du ihm mitzubringen pflegtest – ein umsichtiger, braver, fast ängstlicher Junge, obwohl er schon damals, mit acht Jahren, imstande war, Kränkungen mit einer gewissen leise verhaltenen Bestimmtheit zu überwinden. Inzwischen ist Boas, wie eine genetische Zeitbombe, zu einem Sechzehnjährigen von ein Meter zweiundneunzig aufgeschossen und immer noch nicht mit Wachsen fertig – ein bitterer, wilder Junge, dem Haß und Einsamkeit erstaunliche Körperkraft verliehen haben. Heute morgen ist nun eingetreten, was nach meiner sicheren Vorahnung eines Tages kommen mußte: ein dringendes Telefongespräch. Man hat beschlossen, ihn aus der Schule zu entfernen, weil er eine Lehrerin angegriffen hat. Einzelheiten wollte man mir nicht mitteilen.
Also bin ich sofort hingefahren, aber Boas wollte mich nicht sehen. Er ließ mir nur ausrichten, »er hätte mit dieser Hure nichts zu tun«. Meinte er diese Lehrerin? Oder mich? Ich weiß es nicht. Wie sich herausstellte, hat er sie nicht direkt »angegriffen«, sondern irgendeine giftige Bemerkung losgelassen und dafür eine Ohrfeige von ihr bezogen, die er ihr auf der Stelle doppelt heimzahlte. Ich habe die Leute angefleht, den Rausschmiß zu vertagen, bis ich eine Regelung für ihn gefunden habe. Sie hatten ein Einsehen und gestanden mir zwei Wochen zu.
Michel sagte, wenn ich wollte, könnte Boas hier bei uns bleiben (obwohl wir mit dem Baby in eineinhalb Zimmern wohnen, für die die Hypothek noch nicht abbezahlt ist). Aber Du weißt so gut wie ich, daß Boas dem nicht zustimmen würde. Dieser Junge verabscheut Dich und mich. Damit haben wir beide, Du und ich, also doch etwas gemeinsam. Tut mir leid.
Es besteht auch keine Aussicht, daß eine andere Schule ihn aufnimmt – bei seinen zwei Akten auf dem Buckel, eine bei der Polizei und eine beim Bewährungshelfer. Ich schreibe Dir, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Ich schreibe Dir, obwohl Du es nicht lesen und, falls Du es doch liest, mir nicht beantworten wirst. Allerhöchstens wirst Du Deinen Anwalt Sackheim anweisen, mir einen förmlichen Brief zu schreiben, in dem er höflichst daran erinnert, daß sein Mandant weiterhin die Vaterschaft anfechte, da die Blutuntersuchung keine eindeutigen Ergebnisse erbracht habe und ich mich selbst damals nachdrücklich geweigert hätte, einer vergleichenden Gewebeuntersuchung zuzustimmen. Schachmatt.
Das Scheidungsurteil hat Dich jeglicher Verantwortung für Boas und aller Verpflichtungen mir gegenüber enthoben. All das weiß ich auswendig, Alek. Mir bleibt kein Raum zur Hoffnung. Ich schreibe Dir, als stände ich am Fenster und redete zu den Bergen. Oder zu der Dunkelheit zwischen den Sternen. Die Verzweiflung ist Dein Gebiet. Wenn Du willst, kannst Du mich klassifizieren.
Bist Du immer noch rachedurstig? Wenn ja, halte ich Dir hiermit die zweite Wange hin. Meine und die von Boas. Bittesehr: schlag mit aller Macht zu.
Und ich werde diesen Brief doch abschicken, obwohl ich eben den Stift niedergelegt hatte und aufgeben wollte: Ich habe ja nichts zu verlieren. Alle Wege sind mir verschlossen. Du mußt begreifen: selbst wenn der Bewährungshelfer oder die Sozialarbeiterin Boas überreden sollten, irgendeiner Therapie, Wiedereingliederungsmaßnahme, Hilfestellung oder Unterbringung in einer anderen Anstalt zuzustimmen (und ich glaube nicht, daß es ihnen gelingen wird) ‒ ich habe ja sowieso kein Geld.
Aber Du hast viel, Alek.
Und ich habe keine Beziehungen, während Du alles und jedes mit drei Telefonaten regeln kannst. Du bist klug und stark. Oder warst es wenigstens vor sieben Jahren. (Man hat mir gesagt, Du hättest zwei Operationen hinter Dir. Welcher Art, wußten die Betreffenden nicht.) Ich hoffe, jetzt geht es Dir wieder gut. Mehr werde ich dazu nicht schreiben, damit Du meine Worte nicht als Heuchelei auffaßt. Als Süßholzgeraspel, Anbiederung, Kriecherei. Dabei will ich es nicht leugnen, Alek: Ich bin immer noch bereit, vor Dir im Sand zu kriechen, soviel Du willst. Bin bereit, alles zu tun. Und ich meine wirklich – alles. Nur rette Deinen Sohn.
Wenn ich ein bißchen Verstand hätte, würde ich jetzt die Wendung »Dein Sohn« durchstreichen und statt dessen »Boas« schreiben, um Dich nicht zu ärgern. Aber wie kann ich die Wahrheit auslöschen? Du bist sein Vater. Und was meinen Verstand anbetrifft, bist Du Dir ja längst einig geworden, daß ich strohdumm bin.
Ich möchte an dieser Stelle ein Angebot machen: Ich bin bereit, schriftlich ‒ wenn Du willst, auch vor einem Notareinzugestehen, Boas sei der Sohn jedes x-beliebigen Mannes, den Du mir vorschreibst. Meine Selbstachtung ist längst im Eimer. Ich werde jegliches Papier unterzeichnen, das Dein Anwalt mir vorlegt, wenn Du Dich dafür bereit erklärst, Boas umgehend Erste Hilfe zu leisten. Sagen wir humanitäre Hilfe. Sagen wir, aus Mitleid mit einem völlig fremden Kind.
Ja, wirklich, wenn ich hier innehalte und an ihn denke, ihn im Geist vor mir sehe, stehe ich zu diesen Worten: Boas ist ein fremdes Kind. Kein Kind. Ein fremder Mensch. Mich nennt er Hure. Dich betitelt er als Hund. Und Michel ‒ der ist für ihn »der kleine Zuhälter«. Er persönlich benutzt (auch in offiziellen Dokumenten) meinen Mädchennamen (Boas Brandstetter). Und die Schule, in die wir ihn auf seinen eigenen Wunsch mit großer Mühe eingeschleust haben, bezeichnet er als Teufelsinsel.
Jetzt werde ich Dir etwas verraten, das Du gegen mich verwenden kannst. Die Eltern meines Mannes schicken uns monatlich etwas Geld aus Paris, um Boas’ Unterhalt in dieser Schule zu bestreiten, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben und er offenbar gar nichts von ihrer Existenz weiß. Dabei sind sie keineswegs reich (Einwanderer aus Algerien) und haben neben Michel noch fünf weitere Kinder und acht Enkel in Frankreich und Israel.
Hör zu, Alek. Über das, was vergangen ist, werde ich Dir in diesem Brief kein Wort schreiben. Außer über eine Sache, die ich Dir nie vergessen werde, obwohl Du Dich wundern wirst, wieso und woher mir das zu Ohren gekommen ist. Zwei Monate vor unserer Scheidung wurde Boas mit einer infektiösen Nierenerkrankung ins Scha’are Zedek Hospital eingeliefert. Es traten Komplikationen auf. Da bist du ohne mein Wissen zu Prof. Blumental gegangen, um zu klären, ob ein Erwachsener, im Bedarfsfall, einem Kind von acht Jahren eine Niere spenden kann. Du wolltest ihm eine Niere abgeben. Nur eine Bedingung hast Du dem Professor gestellt: Ich (und das Kind) dürften es niemals erfahren. Und tatsächlich habe ich es nicht gewußt, bis ich mich mit Dr. Adorno, Blumentals Assistent, angefreundet habe, jenem jungen Arzt, den Du damals wegen sträflicher Nachlässigkeit bei der Behandlung von Boas anzeigen wolltest.
Falls Du immer noch weitergelesen hast, wirst Du in diesem Augenblick gewiß noch bleicher, greifst Dir mit einer Geste erstickter Gewalttätigkeit das Feuerzeug, bringst die Flamme an Deine Lippen, zwischen denen keine Pfeife steckt, und findest Dich erneut bestätigt. Natürlich. Dr. Adorno. Wer denn sonst. Und wenn Du meinen Brief nicht schon vernichtet hast, ist jetzt der Moment gekommen, in dem Du ihn vernichtest. Und mich und Boas gleich mit.
Später wurde Boas wieder gesund, und Du vertriebst uns aus Deiner Villa, aus Deiner Namensverwandtschaft und aus Deinem Leben. Du hast keine Niere gespendet. Aber ich glaube Dir durchaus, daß Du ernstlich dazu bereit gewesen bist. Weil bei dir alles Ernst ist, Alek. Den muß man Dir lassen, Deinen Ernst.
Schmeichle ich schon wieder? Wenn Du möchtest, bekenne ich mich schuldig: Ich biedere mich an, krieche vor Dir auf den Knien, die Stirn an den Boden gedrückt. Wie damals. Wie in den guten Tagen.
Denn ich habe nichts zu verlieren, und betteln macht mir nichts aus. Ich tu, was Du befiehlst. Nur zögere nicht, denn in zwei Wochen werfen sie ihn auf die Straße, und da wartet schon jemand auf ihn.
Es geht doch nichts auf der Welt über Deine Kräfte. Schick dieses Monster von einem Anwalt los. Bei entsprechendem Einfluß nehmen sie ihn vielleicht auf der Marineakademie. (Boas hat eine eigenartige Faszination für das Meer, schon von früher Kindheit an. Weißt Du noch, Alek, damals in Aschkelon, im Sommer des Sechstagekriegs? Der Wasserstrudel? Die Fischer? Das Floß?)
Und noch ein letztes, bevor ich diese Bögen in den Umschlag stecke: Ich bin auch bereit mit Dir zu schlafen, wenn Du möchtest. Wann Du möchtest. Und wie Du möchtest. (Mein Mann weiß von diesem Brief und hat mich sogar bestärkt, ihn zu schreiben, außer diesem letzten Satz. Wenn Du jetzt Lust hat, mich zu vernichten, brauchst Du bloß diesen Brief zu fotokopieren, den betreffenden Satz mit Deinem Rotstift anzustreichen und ihn an meinen Mann abzusenden. Das würde großartig funktionieren. Ich muß zugeben, ich habe Dich belogen, als ich hier schrieb, ich hätte nichts zu verlieren.)
So ist es also, Alek, jetzt sind wir alle völlig in Deiner Gewalt. Sogar meine kleine Tochter. Tu mit uns, was Du willst.
Ilana (Sommo)
Frau Ilana Brandstetter-Sommo
Tarnasstraße 7
Jerusalem, Israel
Per Eilpost
London, 18. 2. 76
Gnädige Frau,
gestern erreichte mich Ihr Schreiben vom 5. 2. d. J., das mir von den USA aus nachgesandt wurde. Ich werde nur auf einen kleinen Teil der Punkte eingehen, die Sie aufzugreifen geruhten.
Heute vormittag habe ich telefonisch mit einem Bekannten in Israel gesprochen. Infolge dieser Unterredung hat mich eben die Direktorin der Anstalt, in der Ihr Sohn untergebracht ist, von sich aus angerufen. Dabei wurde zwischen uns vereinbart, daß der Schulausschluß entfällt und durch eine förmliche Verwarnung ersetzt wird. Sollte sich trotzdem herausstellen, daß Ihr Sohn es vorzieht – wie in Ihrem Brief verschwommen angedeutet –, in eine Marinebildungsanstalt überzuwechseln, besteht die begründete Annahme, daß sich die Sache bewerkstelligen lassen wird (über Herrn Sackheim). Ferner wird besagter Anwalt Ihnen einen Scheck über zweitausend Dollar (in Israel-Pfund und auf den Namen Ihres Gatten) zukommen lassen. Ihr Gatte wird aufgefordert, den Erhalt dieser Summe schriftlich zu bestätigen ‒ als Zuwendung angesichts Ihrer schwierigen Lage und keinesfalls als Präzedenzfall oder als Anerkennung einer irgendwie gearteten Verpflichtung unsererseits. Ihr Gatte wird auch eine Erklärung dahingehend abgeben müssen, daß von Ihrer Seite künftig keine weiteren Hilfsgesuche mehr folgen werden. (Ich möchte hoffen, daß die bedürftige und äußerst weitverzweigte Familie in Paris nicht beabsichtigt, Ihrem Vorbild zu folgen und nun etwa ebenfalls finanzielle Vergünstigungen von mir zu erbitten.) Den restlichen Inhalt Ihres Schreibens, insbesondere die groben Lügen, die groben Widersprüche und die einfachen Grobheiten, übergehe ich mit Schweigen.
A. A. Gideon
PS: Ihr Brief ist bei mir verwahrt.
Dr. Alexander A. Gideon
London School of Economics
London, England
Jerusalem, 27.2.76
Alek, Schalom.
Wie Du weißt, haben wir letzte Woche die Papiere unterzeichnet, die Dein Anwalt uns vorlegte, und haben das Geld erhalten. Boas hat jedoch eigenmächtig die Landwirtschaftsschule verlassen und arbeitet jetzt bereits seit einigen Tagen auf dem Tel Aviver Großmarkt bei einem Gemüsegrossisten, der mit einer Cousine von Michel verheiratet ist. Michel hat ihm diesen Job verschafft, auf Boas’ eigenen Wunsch.
Das kam so: Nachdem die Direktorin Boas mitgeteilt hatte, daß der Schulausschluß hinfällig sei und es statt dessen eine Verwarnung gäbe, schnappte sich Boas einfach seinen Seesack und verschwand. Michel rief die Polizei an (er hat einige Verwandte dort). Nach einigen Nachforschungen wurde uns mitgeteilt, der Junge sei in ihrem Gewahrsam, inhaftiert in Abu Kabir wegen Besitz von Diebesgut. Ein Freund von Michels Bruder, der einen höheren Posten bei der Tel Aviver Polizei bekleidet, hat bei Boas’ Bewährungshelfer für uns vorgesprochen. Nach einigen Schwierigkeiten haben wir ihn auf Kaution freigekriegt.
Für diese Kaution mußten wir einen Teil Deines Geldes aufwenden. Ich weiß, das war nicht Deine Absicht, als Du es uns gabst, aber anderweitige Mittel besitzen wir einfach nicht. Michel ist nur ein nicht diplomierter Französischlehrer an einer staatlich-religiösen Schule, und sein Gehalt reicht uns nach Abzug der Hypotheksrate gerade eben fürs Essen. Außerdem haben wir noch unser Töchterchen (Madeleine Jifat, zweieinhalb Jahre).
Du mußt wissen, daß Boas keine Ahnung hat, woher das Geld für seine Kaution stammt. Ich glaube, wenn es ihm zu Ohren gekommen wäre, hätte er auf das Geld, auf den Bewährungshelfer und auf Michel gleichzeitig gespuckt. Auch so hat er sich anfangs seiner Freilassung stur widersetzt und verlangt, man solle ihn »in Ruhe lassen«.
Michel ist ohne mich nach Abu Kabir gefahren. Der Freund seines Bruders (der höhere Polizeibeamte) hat durchgesetzt, daß man ihn und Boas im Gefängnisbüro alleinließ, um ihnen ein persönliches Gespräch zu ermöglichen. Schau mal, hat Michel zu ihm gesagt, vielleicht ist dir zufällig entfallen, wer ich überhaupt bin: Ich bin Michael Sommo, und ich habe gehört, daß du mich hinter meinem Rücken als Zuhälter deiner Mutter bezeichnest. Meinetwegen kannst du mir das auch ins Gesicht sagen, wenn es dir hilft, dich ein bißchen abzuregen. Ich könnte dann wiederum kontern, du seist völlig bescheppert. Auf diese Weise stehen wir hier und beschimpfen einander bis zum Abend, aber du wirst dabei nicht gewinnen, denn ich kann dich auch auf französisch und auf arabisch fertigmachen, während du kaum des Hebräischen mächtig bist. Sobald du also all deine Flüche verbraucht hast ‒ was ist dann? Vielleicht holst du statt dessen mal tief Luft, beruhigst dich und fängst an, mir genau zu erzählen, was du vom Leben erwartest? Und dann sag ich dir, was deine Mutter und ich dir geben können. Wer weiß ‒ womöglich werden wir uns einig?
Boas sagte, er erwarte überhaupt nichts vom Leben, und am allerwenigsten wolle er, daß alle möglichen Typen angelaufen kämen, um ihn zu fragen, was er vom Leben erwarte.
An diesem Punkt tat Michel, den das Leben noch nie verwöhnt hat, etwas Richtiges: Er stand einfach auf und sagte: Na, wenn das so ist, dann sei mir gesund, mein Lieber. Sollen sie dich von mir aus in eine Anstalt für geistig Zurückgebliebene oder für Schwererziehbare einsperren und fertig. Ich gehe.
Boas versuchte sich noch ein wenig aufzulehnen. Ist doch kein Problem, sagte er zu Michel, ich schlag einen tot und flieh. Aber Michel wandte sich nur an der Tür nach ihm um und antwortete gelassen: Sieh, Bürschchen, ich bin nicht deine Mama und nicht dein Papa und nicht dein Garnix. Also zieh keine Schau für mich ab, denn was scherst du mich schon groß. Entscheid dich nur innerhalb von sechzig Sekunden, ob du hier auf Kaution raus willst, ja oder nein. Schlag meinetwegen tot, wen du willst, nur versuche möglichst, nicht zu treffen. Und jetzt leb wohl.
Als Boas ihm »wart mal kurz« zurief, wußte Michel sofort, daß der Junge als erster mit der Wimper gezuckt hatte: Dieses Spiel kennt Michel besser als wir alle, weil es sein Los war, das Leben die meiste Zeit von unten aus zu betrachten, und die Not hat ihn zu einem Diamanten von einem Mann gemacht: hart und faszinierend (ja, auch im Bett, falls Dich das interessiert). Boas sagte zu ihm: Wenn ich dir wirklich egal bin, warum bist du dann aus Jerusalem angereist, um mich auf Kaution freizukriegen? Worauf Michel von der Tür aus lachte: Prima, zwei für dich. Ehrlich gesagt bin ich nur hergekommen, um mir aus der Nähe anzugucken, was für ein Genie deine Mutter da zur Welt gebracht hat. Vielleicht gibt es ja zufällig auch irgendein Potential bei meiner Tochter, die sie mir geboren hat. Kommst du nun, oder kommst du nicht?
So geschah es, daß Michel ihn mit Deinem Geld freikaufte und ihn in ein koscheres chinesisches Restaurant einlud, das gerade in Tel Aviv aufgemacht hatte, und danach gingen sie gemeinsam ins Kino (die hinter ihm Sitzenden mögen gedacht haben, Boas sei der Vater und Michel – sein Sohn). Nachts kehrte Michel allein nach Jerusalem zurück und erzählte mir alles, während Boas bei dem Gemüsehändler vom Großmarkt in der Carlebachstraße untergebracht war, dem, der mit Michels Cousine verheiratet ist. Denn genau das, hatte Boas ihm gesagt, wolle er: Arbeiten und Geld verdienen und auf keinen mehr angewiesen sein. Worauf Michel ihm umgehend, ohne mich zu Rate zu ziehen, antwortete: »Das gefällt mir aber, und das bring ich noch heute abend hier in Tel Aviv für dich in Ordnung.« Was er auch tat.
Nachtsüber wohnt Boas jetzt im Planetarium in Ramat Aviv: Einer der Verantwortlichen dort ist mit einer Frau verheiratet, die in den fünfziger Jahren zusammen mit Michel in Paris studiert hat. Und Boas hat einen Hang zum Planetarium. Nein, nicht zu den Sternen, sondern zu Teleskopen und Optik.
Ich schreibe Dir diesen Brief nebst allen Einzelheiten über Boas mit Michels Zustimmung, weil er meint, wenn Du das Geld gegeben hättest, müßten wir Dich auch davon unterrichten, was wir mit Deinem Geld anfangen. Ich denke, Du wirst diesen Brief dreimal nacheinander lesen. Ich glaube, der Gedanke an den Zugang, den Michel zu Boas gefunden hat, wird Dir einen Stich in die Rippen versetzen. Ich glaube, daß Du auch meinen ersten Brief mindestens dreimal gelesen hast. Und ich denke mit Freuden an den Ärger, den ich Dir mit meinen beiden Briefen bereitet habe. Wut macht Dich männlich und aufregend, aber auch kindlich und fast rührend: Du fängst an, ungeheure Körperkräfte auf zerbrechliche Gegenstände, wie Kugelschreiber, Pfeife oder Brille, zu verschwenden. Und Du vergeudest diese Kraft nicht etwa, um die Sachen zu zerschmettern, sondern um an Dich zu halten und sie nur drei Zentimeter nach rechts oder zwei Zentimeter nach links zu rücken. Diese Verschwendung ist mir als faszinierende Erinnerung erhalten, und ich stelle mir zu gern vor, wie sich das auch jetzt bei der Lektüre meines Briefes dort in Deinem schwarz-weißen Zimmer, zwischen Feuer und Schnee, abspielt. Falls Du irgendeine Frau hast, die mit Dir schläft, dann muß ich gestehen, daß ich sie momentan beneide. Ja, ich bin sogar neidisch auf das, was Du mit der Pfeife, dem Kugelschreiber, der Brille, den Seiten meines Briefes zwischen Deinen starken Fingern anstellst.
Ich kehre zu Boas zurück, schreibe Dir, wie ich es Michel versprochen habe. Sobald wir die Kaution zurückerhalten, kommt die ganze Summe, die Du uns geschenkt hast, auf ein Sparkonto im Namen Deines Sohnes. Wenn er etwas lernen möchte, werden wir mit diesem Geld den Unterricht finanzieren. Wenn er sich trotz seines jungen Alters ein Zimmer in Tel Aviv oder hier in Jerusalem nehmen will, werden wir von Deinem Geld die Miete bezahlen. Für uns selber werden wir nichts von Dir nehmen.
Falls Dir dies alles recht ist, brauchst Du mir nicht zu antworten. Andernfalls teile Deine Einwände bitte umgehend mit, bevor wir das Geld ausgegeben haben. Dann erstatten wir es Deinem Anwalt zurück und kommen auch so durch (obwohl unsere materielle Lage ziemlich schlecht ist).
Nun bleibt mir nur noch eine Bitte: Entweder vernichte diesen Brief und auch meinen vorigen oder ‒ falls Du sie benutzen willst ‒, tu es jetzt gleich, ohne weiteres Zögern. Jeder vergangene Tag und jede Nacht ist noch ein Hügel und noch ein Tal, das der Tod uns abgerungen hat. Die Zeit vergeht, Alek, und wir beide schwinden dahin.
Und noch etwas: Du schriebst mir, die Lügen und Widersprüche in meinem Brief hätten Dir verächtliches Schweigen auferlegt. Dein Schweigen, Alek, und auch Deine Verachtung haben mir jähe Angst eingeflößt: Hast Du denn in all den Jahren, an all Deinen Aufenthaltsorten nicht eine einzige Seele gefunden, die Dir ‒ und sei es nur einmal in tausend Jahren ‒ ein Körnchen Sanftheit geschenkt hätte? Es tut mir leid um Dich, Alek. Unsere Situation ist furchtbar: Ich bin die Verbrecherin, während Du und Dein Sohn die grausame Strafe voll verbüßen. Wenn Du willst, streich »Dein Sohn« aus und schreibe Boas. Streich alles aus, wenn Du möchtest. Von mir aus tu unverzüglich alles, was Deine Leiden lindert.
Ilana
Herrn Michel-Henri Sommo
Tarnasstr. 7
Jerusalem, Israel
Per Einschreiben
Genf, 7.3.1976
Sehr geehrter Herr Sommo,
mit Ihrem Wissen ‒ und ihren Worten zufolge auch auf Ihr Anraten ‒ hat Ihre Gattin sich bemüßigt gefühlt, mir letzthin zwei lange, recht peinliche Briefe zu senden, die ihr keine Ehre machen. Wenn ich ihren verschwommenen Sätzen völlig auf den Grund gekommen bin, entsteht der Eindruck, daß auch ihr zweiter Brief auf Ihre materielle Not anspielen möchte. Und ich nehme an, Sie, mein Herr, ziehen hier an den Fäden und stehen hinter ihren Bitten.
Die Umstände ermöglichen es mir (ohne besonderes Opfer meinerseits), Ihnen auch diesmal zu Hilfe zu kommen. Ich habe meinen Anwalt, Herrn Sackheim, beauftragt, eine weitere Beihilfe in Höhe von fünftausend Dollar auf Ihr Konto zu überweisen (auf Ihren Namen, in Israel-Pfund). Sollte auch das nicht ausreichen, möchte ich Sie bitten, mich künftig nicht mehr über Ihre Frau und in mehrdeutigen Wendungen anzusprechen, sondern mir (über Herrn Sackheim) die absolute Endsumme mitzuteilen, die zur Lösung all Ihrer diversen Probleme erforderlich ist. Soweit Sie einen vernünftigen Betrag nennen, werde ich möglicherweise bereit sein, Ihnen in gewissem Rahmen entgegenzukommen. All das unter der Voraussetzung, daß Sie mich weder mit Nachforschungen über meine Beweggründe für diese finanziellen Zuwendungen belästigen noch auch mit überschwenglichen Dankesbekundungen levantinischen Stils. Ich selber werde mich natürlich enthalten, ein Urteil über die Prinzipien und Wertvorstellungen zu fällen, die es Ihnen erlauben, finanzielle Zuwendungen von mir zu erbitten und anzunehmen.
Mit gebührender HochachtungA. A. Gideon
Herrn Rechtsanwalt Manfred Sackheim
Praxis Sackheim & di Modena
King George Str. 36, am Ort
Mit Gottes Hilfe Jerusalem, 13. Adar II 5736 (14.3.)
Sehr geehrter Herr Sackheim,
in Fortsetzung unseres gestrigen Telefongesprächs: Wir benötigen die Gesamtsumme von sechzigtausend US-Dollar für die Restabzahlung unserer Hypothek und den Anbau weiterer eineinhalb Zimmer sowie jeweils den gleichen Betrag zur Sicherung der Zukunft des Sohnes und auch der kleinen Tochter, insgesamt also einhundertachtzigtausend US-Dollar. Ferner wird um eine Spende von fünfundneunzigtausend US-Dollar zum Zwecke des Ankaufs und der Renovierung des Alkalai-Hauses im jüdischen Viertel der Hebroner Altstadt gebeten. (Es handelt sich dabei um jüdisches Eigentum, das bei den Unruhen von 1929 durch arabische Aufständische widerrechtlich in Beschlag genommen worden ist, während wir es nun gegen volle Vergütung und nicht mit Gewalt in unsere Hände zurückbringen wollen.)
Mit bestem Dank im voraus für Ihre Bemühungen und in Anerkennung Dr. Gideons, dessen wissenschaftliche Arbeit Bewunderung in unserem Volke erregt und Israel Ehre unter den Völkern einbringt, sowie mit allen guten Wünschen für ein fröhliches Purimfest
Ilana und Michael (Michel-Henri) Sommo
A GIDEON EXCELSIORHOTEL WESTBERLIN.
ALEX BITTE MICH SOFORT AUFZUKLÄREN OB ERPRESSUNGSVERSUCH VORLIEGT. SOLL ZEIT GEWONNEN WERDEN SOLL ICH SAND EINSCHALTEN ERWARTE ANWEISUNGEN. MANFRED.
PERSÖNLICH SACKHEIM JERUSALEM ISRAEL.
VERKAUFE LIEGENSCHAFT IN SICHRONJAAKOV FALLS NÖTIG AUCH ZITRUSHAIN IN BENJAMINA UND ZAHLE IHNEN GENAU HUNDERTTAUSEND. PRÜFE ALSBALD HERKUNFT DES MANNES PRÜFE LAGE DES JUNGEN SCHICKE KOPIE DER SCHEIDUNGSDOKUMENTE BIN AM WOCHENENDE IN LONDON ZURÜCK. ALEX.
Ilana Sommo
Tarnasstr. 7
Jerusalem
20. 3.
Ilana,
Du hast gebeten, ich solle ein, zwei Tage nachdenken und Dir meine Meinung schreiben. Wir beiden wissen ja: Wenn Du eine Stellungnahme oder einen Rat erbittest, möchtest Du in Wirklichkeit eine Bestätigung für das, was Du bereits getan oder zu tun beschlossen hast. Trotzdem schreibe ich Dir, um mir selber darüber klarzuwerden, wie es dazu kam, daß wir uns im Bösen getrennt haben.
Der Abend, den ich letzte Woche bei Euch in Jerusalem verbracht habe, hat mich an schlechte Zeiten erinnert. Ich bin tief besorgt von Euch heimgekehrt ‒ obwohl äußerlich alles ganz normal war, bis auf den Regen, der den ganzen Abend und die ganze Nacht über bei Euch niedergeprasselt ist. Und abgesehen von Michel, der müde und traurig wirkte. Eineinhalb Stunden hat er sich abgemüht, ein neues Bücherbord aufzustellen. Jifat hat ihm Schraubenzieher, Hammer und Zange gereicht, und als ich einmal aufstand, um ihm die zwei Seitenstangen zu halten, hast Du aus der Küche her spöttisch gerufen, ich solle ihn lieber in den Kibbuz mitnehmen, weil seine Fähigkeiten hier vergeudet seien. Nachher saß er in Morgenrock und Flanellschlafanzug am Schreibtisch und korrigierte mit Rotstift die Hefte seiner Schüler. Den ganzen Abend war er damit beschäftigt. Der Petroleumofen brannte in der Zimmerecke, Jifat spielte lange allein auf der Strohmatte mit dem Wollschäfchen, das ich ihr an der Buszentrale gekauft hatte, das Radio sendete ein Flötenkonzert mit Rampal, und wir beide tuschelten in der Küche, verbrachten also, äußerlich betrachtet, einen ruhigen Familienabend. Michel hielt sich zurück, und Du hast ihm den ganzen Abend über nicht mehr als zwanzig Worte gewidmet. Eigentlich auch Jifat und mir nicht. Du warst in Dich selbst versunken. Als ich Dir von den Krankheiten der Kinder erzählte, von Joaschs neuer Tätigkeit in der Kunststoffabrik des Kibbuz, von dem Sekretariatsbeschluß, mich auf einen Diätkochkurs zu schicken, hast du mir kaum zugehört und nicht ein einziges Mal nachgefragt. Ich habe mühelos gemerkt, daß Du, wie üblich, das Ende meines banalen Berichts abwartetest, um zu Deinen eigenen Schicksalsdramen überzugehen. Daß Du auf meine Fragen danach gewartet hast. Und so habe ich denn gefragt, ohne eine Antwort zu erhalten. Michel kam in die Küche, bestrich sich eine Scheibe Brot mit Margarine und Käse, brühte sich Kaffee auf und versicherte, er wolle keineswegs stören, sondern werde gleich Jifat ins Bett bringen, damit wir beide unser Gespräch unbehelligt fortführen könnten. Als er raus war, erzähltest Du mir von Boas, von Deinen zwei Briefen an Alex, von den beiden Geldsummen, die er Euch überwiesen hat, und von Michels Beschluß, »ihm diesmal alles abzufordern, was man erwarten dürfe«, in der Annahme, »daß der Kerl seine Sünden vielleicht endlich einzusehen beginnt«. Der Regen prasselte gegen die Scheiben. Jifat schlief auf der Matte ein, und Michel gelang es, ihr den Pyjama anzuziehen und sie ins Bett zu bringen, ohne daß sie aufwachte. Danach schaltete er den Fernseher leise ein, damit er unsere Unterhaltung nicht störte, guckte sich die Nachrichtensendung um neun Uhr an und kehrte dann stumm zu seinen Heften zurück. Du hast Gemüse für das Mittagessen des nächsten Tages geputzt, und ich habe Dir ein bißchen geholfen. Du hast zu mir gesagt: Schau, Rachel, Du mußt uns nicht verdammen. Ihr im Kibbuz habt keine Ahnung, was Geld bedeutet. Und Du hast gesagt: Schon seit sieben Jahren versuche ich ihn zu vergessen. Und Du sagtest auch: Du wirst es sowieso nicht verstehen. Durch die Küchentür konnte ich Michels runden Rücken sehen, seine gebeugten Schultern, die Zigarette, die er den ganzen Abend zwischen den Fingern hielt, aber nicht anzuzünden wagte, weil alle Fenster geschlossen waren, und ich dachte mir: Sie lügt wieder mal. Auch sich selber belügt sie. Wie gewohnt bei ihr. Nichts Neues. Aber als Du meine Meinung hören wolltest, habe ich nur so was gesagt, wie: Ilana, spiel nicht mit dem Feuer. Sei vorsichtig. Du hast schon genug abgekriegt.
Worauf Du mir wütend antwortetest: Hab ich doch gewußt, daß Du wieder mit Deinen Predigen anfangen würdest.
Ilana, sagte ich, schließlich habe nicht ich das Thema angeschnitten. Und Du: Aber Du hast mich dazu gebracht. Deshalb schlug ich vor, daß wir damit aufhören sollten. Und wir brachen tatsächlich ab, weil Michel wieder die Küche betrat, sich humoristisch wegen seines Eindringens in die »Frauenabteilung« entschuldigte, das Abendessensgeschirr spülte und abtrocknete und mit seiner dürren Stimme irgendwas erzählte, was er in den Nachrichten gehört hatte. Dann setzte er sich zu uns, witzelte über den »polnischen Tee« hierzulande, gähnte, erkundigte sich, was Joasch mache und wie es den Kindern gehe, strich uns beiden wie geistesabwesend über den Kopf und entschuldigte sich, um Jifats Spielsachen von der Matte aufzulesen, ging auf den Balkon eine Zigarette rauchen, wünschte eine gute Nacht und legte sich schlafen. Du sagtest: Ich kann ihm doch nicht verbieten, sich mit Alex’ Anwalt zu treffen. Und Du sagtest: Um Boas’ Zukunft zu sichern. Und ohne Zusammenhang fügtest Du hinzu: Er ist ja sowieso ständig in unserem Leben anwesend.
Ich schwieg. Und Du sagtest mit unterdrückter Gehässigkeit: Die kluge, normale Rachel ‒ bloß ist deine Normalität eine Flucht vor dem Leben.
Da konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: Ilana, jedesmal wenn Du den Ausdruck »das Leben« benutzt, komm ich mir wie im Theater vor.
Du warst beleidigt. Brachst die Unterhaltung ab. Machtest mir ein Bett fertig, gabst mir ein Handtuch und versprachst mich um sechs zu wecken, damit ich den Bus nach Tiberias kriegen würde. Mich schicktest Du ins Bett, während Du Dich wieder in die Küche setztest, um Dich allein zu bemitleiden. Um Mitternacht ging ich auf die Toilette, hörte Michel sanft schnarchen, und sah Dich mit Tränen in der Küche sitzen. Ich fragte, ob Du nicht besser schlafen gehen solltest, bot an, mich zu Dir zu setzen, aber als Du mir in der zweiten Person Plural sagtest: »Laßt mich in Ruhe«, beschloß ich, wieder ins Bett zu gehen. Der Regen hörte die ganze Nacht nicht auf. Morgens beim Frühstückskaffee, bevor ich wegging, batst Du mich flüsternd, ein, zwei Tage in Ruhe nachzudenken und Dir meine Gedanken zu schreiben. Also versuchte ich zu überdenken, was Du mir erzählt hattest. Wenn Du nicht meine Schwester wärst, fiele es mir leichter. Aber ich habe mich trotzdem entschlossen, Dir zu schreiben, daß Alex meines Erachtens Dein Unheil ist und Michel und Jifat Dein ganzer Reichtum sind. Boas solltest Du jetzt besser in Ruhe lassen, denn jedes Bestreben, »ihm mütterlich die Hand zu reichen«, wird seine Einsamkeit nur vergrößern. Und seine Distanz zu Dir. Rühr ihn nicht an, Ilana. Falls erneut Grund zum Eingreifen besteht, laß es Michel machen. Und was Alex’ Geld anbetrifft, ist es – wie alles andere, was mit ihm zusammenhängt ‒ von einem Fluch behaftet. Setz nicht alles, was Du hast, aufs Spiel. So meine ich. Du hast mich gebeten zu schreiben, deshalb habe ich geschrieben. Versuch mir nicht böse zu sein.
Rachel
Herzliche Grüße von Joasch und den Kindern. Küßchen für Michel und Jifat. Sei gut zu ihnen. Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder in Jerusalem sein werde. Auch bei uns regnet es dauernd, und häufig fällt der Strom aus.
Dr. A. A. Gideon
16 Hampstead Heath Lane
London NW 3, England
Eingeschrieben per Eilpost
Jerusalem, 28.3.76
Mein lieber Alex, wenn Du meinst, es sei nun an der Zeit, daß ich mich zum Teufel schere, schick mir bitte ein Telegramm mit vier Worten, »Manfred geh zum Teufel«, and I shall be on my way right away. Falls Du jedoch beschlossen hast, Dir die psychiatrische Abteilung mal von innen anzugucken ‒ dann sei bitte so gut und geh dort alleine hin, ohne mich. Mir gibt das keinerlei Kick.
Entgegen meinem Dafürhalten habe ich gestern anweisungsgemäß unseren Zitrushain bei Benjamina losgeeist (nicht aber die Besitzung in Sichron-Jaakov: Vorläufig bin ich noch nicht verrückt geworden). Jedenfalls kann ich Dir innerhalb von vierundzwanzig Stunden an die hunderttausend Amerikaner lockermachen und sie dem Gemahl Deiner hübschen Ex-Gattin aushändigen, wenn Du mich endgültig entsprechend beauftragst.
Andererseits habe ich mir erlaubt, die Angelegenheit noch nicht zu besiegeln, um Dir die Möglichkeit zu geben, Deine Meinung zu ändern und diese ganze Weihnachtsbescherung abzusagen, ohne daß Dir daraus ein Schaden entsteht (außer meinem Honorar).
Bitte, erbringe mir wenigstens umgehend überzeugenden Nachweis dafür, daß Du dort drüben nicht völlig auf den Kopf gefallen bist: Verzeih mir meine krasse Ausdrucksweise, guter Alex. In der feinen Situation, in die Du mich hineinmanövriert hast, bleibt mir eigentlich kaum noch was anderes übrig, als eine schöne Mandatsniederlegung zu verfassen und an Dich abzusenden. Das Dumme ist nur, daß Du mir ziemlich wichtig bist.
Wie Du sehr wohl weißt, hat Dein erstaunlicher Vater mir dreißig Jahre lang das Leben verkürzt, vor und während seiner Sklerose und auch nachdem er schon vergessen hatte, wie er heißt und wie ich heiße oder wie man Alex schreibt. Und wer weiß besser als Du, wie ich mir fünf, sechs Jahre lang die Hacken abgelaufen habe, bis ich schließlich durchsetzen konnte, daß Du zum Alleinverwalter seines gesamten Vermögens ernannt wurdest, ohne daß drei Viertel für Erbschaftssteuern oder Senilitätsauflagen oder sonst eine bolschewistische Erfindung draufgingen. Dieses ganze Manöver hat mir, das will ich nicht verbergen, ein gewisses Maß an beruflichem Erfolgsgefühl, eine nette Wohnung in Jerusalem und sogar etwas Vergnügen eingebracht, das ich offenbar mit einem Magengeschwür bezahlt habe. Hätte ich allerdings gewußt, daß Wolodja Gudonskis einziger Sohn zehn Jahre später plötzlich anfangen würde, Schätze an die Elenden dieser Welt zu verteilen, hätte ich keine solchen titanischen Anstrengungen gemacht, um dieses Hab und Gut komplett von einem Verrückten an den nächsten weiterzureichen ‒ wozu denn?
Wenn ich Dich darauf aufmerksam machen darf, Alex: Das Scheibchen, das Du diesem kleinen Fanatiker da abschneiden willst, macht grob gerechnet etwa sieben bis acht Prozent Deiner gesamten Habe aus. Und wie soll ich sicher sein, daß Du dort morgen nicht noch einen über den Kopf kriegst und beschließt, den Rest zwischen dem Heim für ledige Väter und dem Haus der Zuflucht für mißhandelte Ehemänner aufzuteilen? Und warum willst Du ihm eigentlich Geld geben? Nur dafür, daß er die Güte hatte, Deine ausgebrauchte Ex-Gattin zu heiraten? Oder als dringende Nothilfe für die Dritte Welt? Oder womöglich als Wiedergutmachung für die Benachteiligung der Orientalen? Und wenn Du doch schon völlig durchgedreht bist, strengst Du Dich vielleicht noch ein klein wenig mehr an, um Deinem Irrsinn eine etwas andere Richtung zu geben und Dein Vermögen meinen beiden Enkeln zu hinterlassen? Ich arrangier Dir das honorarfrei. Haben wir Jeckes hier nicht mindestens ebenso gelitten wie die Marokkaner? Habt Ihr uns etwa nicht verhöhnt und mit Füßen getreten, Ihr Angehörigen der französisch angehauchten russischen Aristokratie von und zu Nord-Benjamina? Und bedenke, Alex, daß meine Enkel Dein Kapital in die Entwicklung des Staates investieren werden! In Elektronik! Lasertechnik! Sie werden es wenigstens nicht für die Wiederherstellung Hebroner Ruinen und die Umwandlung arabischer Latrinen in Synagogen vergeuden! Denn das muß ich Dir sagen, mein lieber Alex: Dein ehrenwerter Herr Michel-Henri Sommo ist zwar ein sehr kleiner Mann, aber ein ziemlich großer Extremist. Allerdings nicht von der lärmenden Sorte, sondern einer von der verkappten Art ‒ ruhig, höflich und grausam. (Lies bei Gelegenheit mal in dem Kapitel »Between Fanatism and Zealotry« Deines ausgezeichneten Buches nach.)
Gestern habe ich mir Mr. Sommo ein bißchen angeschaut. Hier in meinem Büro. Verdient gerade eben zweitausendsechshundert Pfund im Monat und spendet regelmäßig ein Viertel davon für eine kleine national-religiöse Gruppe, knapp rechts von der Groß-Israel-Bewegung. Übrigens hätte man bezüglich dieses Sommo meinen können, Deine bezaubernde Frau wäre, nachdem sie eigenhändig jeden fünften Mann in Jerusalem durchprobiert hatte, schließlich auf einen Gregory Peck verfallen. Doch dann stellt sich heraus, daß Herr Sommo (wie wir alle) auf der Erde anfängt, dann aber in etwa ein Meter sechzig Höhe abrupt aufhört. Das heißt, er ist mindestens einen Kopf kürzer als sie. Vielleicht hat sie ihn billig eingekauft, nach laufendem Meter.
Und dieser afrikanische Napoleon Bonaparte taucht also in meinem Büro auf, in Gabardinehosen und einem etwas zu groß geratenen Karoblazer, mit krausem Haar, spiegelglatt rasiert, gut durchtränkt mit einem radioaktiven Rasierwasser, trägt Brille mit dünnem Goldrand, goldene Uhr an einer goldenen Kette, rot-grüne Krawatte mit goldener Krawattennadel und auf dem Kopf ‒ um jegliches Mißverständnis auszuschließen ‒ ein frommes Käppchen.
Wie sich herausstellt, ist dieser Gentleman keineswegs dumm. Insbesondere wenn es um Geld, das Wecken von Schuldgefühlen oder auch um panzersprengende Hinweise auf alle möglichen mächtigen Anverwandten in strategischen Stellungen geht: in der Stadtverwaltung, bei der Polizei, in seiner Partei, sogar bei der Einkommensteuerabteilung. Ich kann Dir fast mit Gewißheit versprechen, mein lieber Alex, daß Du diesen Sommo noch eines Tages in der Knesset sehen wirst, von wo aus er dann ebenso lange wie tödliche patriotische Salven gegen Schöngeister wie Dich und mich loslassen wird. Vielleicht solltest Du Dich also doch lieber vor ihm in acht nehmen, statt ihn zu finanzieren?
Alex, was zum Teufel schuldest Du ihnen denn? Wo Du mich bei Deinem Scheidungsverfahren schier verrückt gemacht hast, ganz im Stile Deines irrsinnigen Vaters. Wie ein Löwe sollte ich kämpfen, damit sie von Dir ja keinen Groschen bekam, keine einzige Fliese von der Villa in Jefe-Nof, nicht einmal den Kugelschreiber, mit dem sie schließlich die Urkunden unterzeichnen mußte! Du hast ihr gerade eben noch großzügigerweise erlaubt, ihre Büstenhalter und Schlüpfer nebst einigen Töpfen und Pfannen rauszuholen, und selbst dabei hast Du stur wie ein Esel auf dem schriftlichen Vermerk bestanden, auch dies geschehe »ohne zwingenden Rechtsgrund«.
Was ist also plötzlich geschehen? Erpreßt Dich womöglich jemand unter irgendwelchen Drohungen? Wenn ja, berichte es mir sofort, ohne jegliche Auslassungen, wie einem Hausarzt. Schick mir ein schnelles Signal ‒ danach kannst Du Dich in Deinem Sessel zurücklehnen und zugukken, wie ich sie Dir zu Hackepeter verarbeite. Mit dem größten Vergnügen.
Hör zu, Alex, eigentlich brauchen mich Deine Marotten nichts anzugehen. Ich habe derzeit einen saftigen, faulen Zivilrechtsfall auf der Abschußrampe (um die Besitzungen der russisch-orthodoxen Kirche), und selbst wenn ich den Prozeß verliere, verdiene ich an denen etwa das Doppelte des Chanukka-Gelds, das Du der nordafrikanischen Judenheit oder dem Verband alternder Nymphomaninnen zu Pessach spenden möchtest. Go fuck yourself, Alex. Erteile mir nur endgültigen Auftrag – und schon überweise ich, was Du möchtest, wann Du möchtest, an wen Du möchtest. Jedem nach seinen schreienden Bedürfnissen.
Übrigens schreit dieser Sommo keineswegs, ganz im Gegenteil, er spricht sehr schön, in weichen, runden Tönen, mit feinem padägogischen Lächeln, wie ein katholischer Intellektueller. Diese Typen haben offenbar auf dem Weg von Afrika nach Israel eine sehr gründliche Umschulung in Paris durchgemacht. Nach außen hin wirkt er fast europäischer als Du und ich. Kurz gesagt, er könnte Knigge noch Nachhilfe in gutem Benehmen geben.
Ich frage ihn zum Beispiel, ob er eine Ahnung hätte, warum Prof. Gideon ihm plötzlich die Kassenschlüssel aushändigt. Und er lächelt mich milde an, mit so einer »Na-ichbitte-Sie«-Miene, als hätte ich ihm eine kindische, unter seiner und meiner Würde liegende Frage gestellt, weigert sich, eine meiner Kent zu rauchen, bietet mir statt dessen von seinen einheimischen Europa an, geruht aber ‒ vielleicht als Geste jüdischer Solidarität ‒ Feuer von mir entgegenzunehmen, drückt seinen Dank dafür aus und wirft mir einen scharfsinnigen Blick zu, den seine goldumrandeten Brillengläser zu den Ausmaßen eines Eulenblicks am hellichten Mittag vergrößern: »Ich bin sicher, Prof. Gideon wird Ihnen diese Frage besser beantworten können, Herr Sackheim.«
Ich wiegle ab und frage ihn, ob eine Schenkung in der Größenordnung von hunderttausend Dollar nicht wenigstens Neugier bei ihm wecke. Worauf er mir antwortet, »ja durchaus, mein Herr«, und dann verstummt, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen. Ich warte vielleicht zwanzig Sekunden ab, ehe ich einlenke und frage, ob er diesbezüglich eventuell eine Vermutung habe. Gelassen erwidert er mir, eine Vermutung habe er, aber mit meiner Erlaubnis würde er es vorziehen, die meinige zu hören.
An diesem Punkt beschließe ich, ihm mit gezieltem Kanonenfeuer einzuheizen, setze also meine Sackheim-derSchreckliche-Miene auf, die ich sonst bei Kreuzverhören verwende, und schieße, mit kleinen Terrorpausen zwischen den einzelnen Worten, auf ihn los: »Herr Sommo. Wenn Sie nichts dagegen haben ‒ meine Vermutung lautet, daß jemand intensiven Druck auf meinen Mandanten ausübt. Man könnte es auch Erpressung nennen. Und ich bin fest entschlossen, sehr bald in Erfahrung zu bringen, wer, wie und wo.« Doch dieser Affe wird nicht etwa bange, sondern lächelt bloß so ein lammfrommes Lächeln und antwortet mir: »Nur die Scham, Herr Sackheim, sie allein bedrückt ihn.« »Scham? Worüber?« frage ich, und die zuckersüße Antwort liegt ihm schon auf der Zungenspitze parat, bevor ich ausgefragt habe: »Über seine Sünden, mein Herr.« »Und welche Sünden zum Beispiel?« »Beschämung anderer beispielsweise. Wer seinen Nächsten beschämt, steht im Judentum dem gleich, der seines Nächsten Blut vergießt.«
»Und wer sind denn Sie, mein Herr? Der Gerichtsvollzieher? Mit Zwangsvollstreckungsbefehl?«
»Ich«, sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken, »ich erfülle hier nur eine symbolische Funktion. Unser Prof. Gideon ist ein Geistesmensch. Weltberühmt. Außerordentlich geachtet. Geradezu verehrt, könnte man sagen. Aber was hilft das? Ehe er nicht das wieder zurechtbiegt, was er verbogen hat, sind alle seine guten Taten auf Sand gebaut. Jetzt tut ihm die Sünde im Herzen weh, und er sucht offenbar endlich Wege zum Tor der reuigen Umkehr.«
»Und Sie sind der Torwächter, Herr Sommo? Sie stehen dort und verkaufen die Eintrittskarten?«
»Ich habe seine geschiedene Frau geheiratet«, sagt er und fixiert mich mit seinen durch die Linsen dreifach vergrößerten Projektoraugen, »ich habe ihre Schande behoben. Und ich überwache auch die Schritte seines Sohnes.«
»Zum Preis von hundert Dollar pro Tag mal dreißig Jahre und gegen Barvorauszahlung, Herr Sommo?«
Damit konnte ich ihn endlich aus seiner Reserve herausholen. Die Pariser Außenhaut zerriß, und die afrikanische Wut platzte wie Eiter darunter hervor:
»Sehr geehrter Herr Sackheim. Wenn ich es mal so sagen darf: Ihnen und Ihresgleichen bezahlt man doch für Ihre Winkelzüge in einer halben Stunde mehr, als ich für all meine Arbeit je gesehen habe. Halten Sie bitte fest, Herr Sackheim, daß ich Prof. Gideon um keinen roten Heller gebeten habe. Er war es, der geben wollte. Und ich habe auch nicht um das derzeitige Treffen mit Ihnen nachgesucht. Sie haben vielmehr mich treffen wollen. Und jetzt« ‒ hier stand der kleine Lehrer abrupt auf, so daß ich einen Augenblick fürchtete, er wolle ein Lineal von meinem Tisch aufheben und mir damit auf die Finger klopfen, während er, ohne mir die Hand zu reichen und nur mühsam seinen Haß erstickend, herausquetschte ‒ »und jetzt werde ich mit Ihrer geschätzten Erlaubnis diesem Gespräch angesichts Ihrer böswilligen und ungeheuerlichen Andeutungen ein Ende setzen.«
Jetzt beeilte ich mich, ihn zu besänftigen, vollführte etwas, das man als »ethnischen Rückzieher« bezeichnen könnte, und gab meinem unmöglichen jeckischen Humor die Schuld. Bestürmte ihn, doch bitte diesen mißglückten Scherz zu ignorieren und meine letzten Worte als ungesprochen zu betrachten. Und sofort zeigte ich auch Interesse an der Geldspende, die er für irgendein Monkey-business der Fanatiker in Hebron von Dir erbeten hatte. Nun überkam ihn plötzlich der didaktische Eifer: Immer noch auf seinen kurzen Beinen stehend und in Feldherrenmanier auf der in meinem Büro hängenden Landkarte herumfuchtelnd, erteilte er mir jetzt freiwillig und gratis (wenn man von meiner Zeit absieht, die Du sowieso bezahlst) eine begeisterte Intensiv-Lektion über unser Recht auf Erez Israel und so weiter. Ich werde Dich nicht mit diesen Dingen ermüden, die wir beide bis zum Überdruß kennen. Alles reichlich gespickt mit Bibelversen und frommen Legenden und leicht verständlich dargeboten, als sähe ich ihm ein bißchen begriffsstutzig aus.
Ich fragte diesen Maimonides im Kleinformat, ob ihm bewußt sei, daß Deine politischen Anschauungen sich zufällig dem anderen Ende des Spektrums näherten und dieser ganze Hebron-Irrsinn Deinen öffentlich erklärten Einstellungen diametral zuwiderliefe.
Auch diesmal geriet er nicht aus der Fassung (ich sage Dir, Alex, von diesem Derwisch werden wir noch einiges hören!), sondern erwiderte mir geduldig in honigsüßem Ton, seiner bescheidenen Meinung zufolge durchlaufe Dr. Gideon dieser Tage, wie viele andere Juden, einen Läuterungsprozeß, der reuige Einsicht mit sich bringe und bald einen allgemeinen Herzensumschwung herbeiführen werde.
An diesem Punkt, das will ich Dir nicht verbergen, mein lieber Alex, war es an mir, aus der europäischen Haut herauszufahren und wütend über ihn herzufallen: Was zum Teufel mache ihn eigentlich glauben, daß er haargenau wisse, was in Deinem Innersten vorgehe? Woher nehme er nur die Frechheit, ohne Dich überhaupt zu kennen, für Dich – und womöglich uns alle – zu bestimmen, was sich in unserer Seele abspiele oder abspielen werde, bevor wir es noch selber gewärtig seien?
»Aber Prof. Gideon versucht doch schon jetzt, die Sünden zu sühnen, die zwischen Mensch und Mitmensch stehen. Dazu haben Sie mich heute hier in Ihr Büro gebeten, Herr Sackheim. Warum sollten wir ihm also bei dieser Gelegenheit nicht auch die Möglichkeit geben, durch eine Spende die Sünde zu sühnen, die den Menschen vom Höchsten trennt?«
Ja, er konnnte nicht beruhigt Weggehen, ehe er mir nicht die doppelte Bedeutung des hebräischen Wortes »damim« erläutert hatte, das bekanntlich außer »Blut« auch noch »Geld« bedeuten kann. Ecce Homo.
Mein Alex: Ich hoffe, Du bist bei der Lektüre dieser Schilderung so richtig in Rage geraten. Oder, besser noch, hast schallend losgelacht und von der ganzen Sache Abstand genommen. Genau dazu habe ich mir die Mühe gemacht, Dir diese gesamte Szene schriftlich wiederzugeben. Wie sagt doch unser kleiner Prediger? »Die Tore der reuigen Umkehr sind nicht verschlossen.« Also kehre auch Du Dich reuig von Deinem sonderbaren Einfall ab und schick die beiden zum Teufel.
Es sei denn, es stimmt etwas an meiner alten Intuition, die mir zuflüstert, jemand hätte irgendwie eine peinliche Einzelheit rausgekriegt, mit deren Hilfe dieser Halunke ‒ oder ein versteckter Hintermann ‒ Dich nun grob erpreßt, um mit Deinem Geld sein Schweigen (und auch die Ruinen Hebrons) zu erkaufen. Wenn dem so ist, bitte ich Dich noch einmal: Gib mir ein winziges Signal und sieh, mit welcher Eleganz ich Dir ihren Sprengsatz entschärfe.
Inzwischen habe ich, auf Deine telegrafische Anweisung, Sommo eine kleine Privatinvestigation auf den Hals geschickt (unseren Freund Schlomo Sand); den Bericht füge ich bei. Wenn Du ihn Dir aufmerksam zu Gemüte führst, wirst Du sicher einsehen, daß wir ‒ im Falle einer Einschüchterung – auch etwas in der Hand haben, diesem Gentleman also mühelos zeigen können, daß sich dieses Spiel auch zu zweit spielen läßt. Sobald Du mir grünes Licht gibst, schicke ich Sand auf einen kurzen Seelenaustausch zu ihm ‒ und innerhalb von zehn Minuten wird absolute Ruhe an der Front herrschen. Auf meine Verantwortung. Du wirst keinen Pieps mehr von ihnen hören.
Es liegen meinem Brief also drei Anlagen bei: 1.) Sands Bericht über Sommo. 2.) Der Bericht von Sands Assistent über den Jungen B.B. 3.) Kopien der Rabbinatsentscheidung über die Beendigung Deiner Ehe und des Landgerichtsurteils in der Zivilklage Deiner Schönen gegen Dich. Die wichtigsten Passagen habe ich Dir rot angestrichen. Nur vergiß bitte möglichst nicht, daß diese ganze Sache seit über sieben Jahren vorbei ist und jetzt schon der Ur- und Frühgeschichte angehört.
Bis hierhin zu Deinen telegrafischen Aufträgen. Ich hoffe, Du bist wenigstens mit mir zufrieden, denn ich bin es mit Dir keineswegs. Weiteren Anweisungen harre ich, wie immer, ergeben. Just don’t go mad, for God’s sake.
Dein sehr besorgterManfred
PERSÖNLICH SACKHEIM JERUSALEM ISRAEL. DU ÜBERSCHREITEST DEINE BEFUGNISSE. ZAHLE SOFORT GENAU EINHUNDERT UND LASS DEN ÜBRIGEN QUATSCH. ALEX.
A GIDEON NICFOR LONDON.
HABE BEZAHLT. LEGE MANDAT NIEDER. ERBITTE UMGEHENDE NACHRICHT WEM AKTEN ÜBERGEBEN WERDEN SOLLEN. DU BIST NICHT NORMAL. MANFRED SACKHEIM.
PERSÖNLICH SACKHEIM JERUSALEM ISRAEL.
KÜNDIGUNG ABGELEHNT. NIMM KALTE DUSCHE ZUR ABREGUNG UND SEI BRAVER JUNGE. ALEX.
A GIDEON NICFOR LONDON.
MANDATSAUFGABE ENDGÜLTIG. GEH ZUM TEUFEL. SACKHEIM.
PERSÖNLICH SACKHEIM JERUSALEM ISRAEL.
LASS MICH NICHT IM STICH. MIR IST SEHR MIES. ALEX.
A GIDEON NICFOR LONDON.
FLIEGE HEUTE ABEND ZU DIR. BIN GEGEN MORGEN BEI NICHOLSONS. MACH INZWISCHEN BLOSS KEINEN WEITEREN UNSINN. DEIN MANFRED.
An Michael Sommo
Tarnas 7
Jerusalem
Schalom. Also Michel,
