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Blaugrau ragten die Felsenmassive dem Himmel entgegen. Im Tal breitete sich ein dichter Birkenwald aus, durch den sich kleinere Flüsse schlängelten. An einem dieser Flüsse hatte sich ein kleines Volk niedergelassen. Es war das Volk der Birken. Sie waren ein fröhliches Elfenvolk, bis zu dem Tag an dem Zee der große weiße Vogel verschwand. Der Tag, der ihre Zukunft verändern sollte. Diara die Tochter Lorins, dem Oberhaupt der Dorfältesten, ging mit ihren Freunden Golo und Seth, auf die Suche nach Zee. Sie waren während der Suche, allerlei Gefahren ausgesetzt. So kam es, dass Diara vom Sohn des Fürsten Sharx, aus dem Volk der Cors entführt wurde. War Diara noch am Leben? Die Cors waren immer schon ihre ärgsten Feinde.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Silke May
Diara und der weiße Vogel
Fantasy Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Impressum neobooks
Unter dem wolkenlosen Himmel lag eine weitläufige Berglandschaft. Blaugrau ragten ihre Felsenmassive dem Himmel entgegen. Im Tal breitete sich ein dichter Birkenwald aus, durch den sich kleinere Flüsse schlängelten. An einem dieser Flüsse hatte sich ein kleines Volk niedergelassen. Es war das Volk der Birken. Sie nannten sich so, weil sie ihre Häuser inmitten von diesen Birken gebaut hatten. Sie waren ein fröhliches Elfenvolk bis zum heutigen Tag, der ihre Zukunft verändern sollte.
Eine kleine Gruppe der Dorfältesten saßen am frühen Morgen immer noch am Lagerfeuer, das sich inmitten des Dorfes befand. Lorin saß in sich gekehrt zwischen den Männern und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Uns bleibt nichts anderes übrig, wir müssen auf den Bergen suchen. Wir müssen Zee finden. Irgendetwas hat ihn aus seinem Nest vertrieben – ich möchte nur wissen was?«
Lorin war ihr Oberhaupt und einer der kräftigsten Männer im Dorf. Er hatte eine Tochter, die als Kind ein Wildfang war und es sogar mit den älteren Jungen wie Seth und Golo aufnahm. Diara war flink und mutig. Sie war ein hübsches Elfenmädchen. Täglich streifte sie tagsüber nach dem morgendlichen Frühstück durch die Wälder. Zum Leidwesen ihres Vaters versuchte sie auch des Öfteren, allein auf den Berg hochzusteigen.
Odo der Weise sah Lorin fragend an.
»Wie stellst du es dir vor? Wie können wir feststellen, ob Zee nur vorübergehend aus unserer Umgebung verschwunden ist, oder womöglich tot ist, außer zu ihm hinauf zu steigen?«
Erschrocken sahen die Männer Odo an.
»Bei den Birken! Wie kommst du auf diesen dunklen Gedanken – dass Zee womöglich tot sei!«, entsetzte sich Lorin und die vier übrigen Elfen stimmten ihm zu. Odo zuckte mit der Schulter.
»Wieso, irgendwann holt jeden von uns der Tod. Vergesst nicht, Zee hat unsere Urgroßeltern schon beschützt. Er ist also schon ein alternder Vogel«.
Virgil senkte den Kopf und sah in das noch glimmende Lagerfeuer.
»Wie wir«, sagte er nachdenklich. Ein gedankenvolles Raunen breitete sich unter den Männern aus, bis sie in tiefes Schweigen fielen.
Während sie sprachlos vor dem Lagerfeuer saßen und nachdenkend hineinstarrten, erwachte in den kleinen Häusern das Leben. Die Fenster wurden geöffnet und fröhliches Lachen war zu hören.
Diara die Tochter Lorins kam aus der Hütte und blieb abrupt stehen, als sie die Männer am Lagerfeuer sitzen sah.
Die Stille die sie umgab, machte das Mädchen nachdenklich. Sie blieb stehen und sah wortlos zu den Männern hinüber.
Kurze Zeit später kamen Seth und Golo aus den angrenzenden Häusern. Sie waren die Söhne von Odo dem Weisen und Virgil dem Wächter. Sie sahen ihre Freundin wenige Schritte entfernt vor der Hütte stehen. Leise näherten sie sich und Seth zupfte sie am Ohr.
»Lass das!«
»Oh …, das Prinzesschen hat schlecht geschlafen?« Diara schüttelte den Kopf.
»Was ist passiert?«, flüsterte er. Diara zuckte die Schultern.
»Keine Ahnung, sie sitzen schon die ganze Zeit so da«.
Langsam kam Golo näher und horchte, was Diara sagte. Er fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes, glattes, schulterlanges Haar.
»Was ist los – warum schweigen sie?«, murmelte er.
»Lasst uns verschwinden, bevor sie uns sehen, sicher haben sie ein wichtiges Gespräch.«
Virgil der Wächter hob den Kopf und räusperte sich. Er deutete auf ihre drei Familienmitglieder, die wie angewurzelt dastanden und zu ihnen sahen.
»Sie sollten es wissen, schließlich geht es um ihre Zukunft«.
Alle drei Männer sahen nun zu den Jugendlichen und nickten. Lorin winkte sie herbei und sie setzten sich neben ihre Väter.
»Sicher ist euch schon aufgefallen, dass seit einigen Tagen Zee nicht mehr über unseren Köpfen kreist. Gestern sind Virgil und seine zwei Wächter auf den Berg zum Horst, des großen weißen Vogels. Mit Entsetzen mussten sie feststellen, dass sein Horst leer war. Sie riefen vergeblich nach Zee, aber ihr Erscheinen blieb aus. Ihr wisst, dass wir ohne unseren Weißvogel jeglichen Gefahren ausgesetzt sind. Ohne ihn sind wir fast schutzlos, nur er konnte uns immer rechtzeitig vor Gefahren warnen.
Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als Trudbert den Steinmann um Rat zu bitten«.
Diara, die neben Lorin saß, meldete sich zu Wort: »Virgil gibt es keine andere Möglichkeit? Es heißt doch, dass Trudbert launisch und unberechenbar ist«.
Virgil nickte. »Das stimmt, er ist sogar bisweilen gefährlich«. Er sah in die Runde und bekam nickend Zustimmung.
»Vielleicht ist Zee ja nur umgezogen auf einen anderen Gipfel, davon gibt es hier ja eine ganze Menge«, sagte Diara und warf ihren Pferdeschwanz über die Schulter.
»Das wäre schon möglich, aber wie sollten wir das herausbekommen?« »Es gibt nur eine Möglichkeit, ihr müsst auf die Berge steigen und alle Gipfel absuchen!«
Lorin strich seiner Tochter liebevoll mit der Hand über den Kopf.
»Wir würden ja selbst hochsteigen aber Diara … liebes Kind schau dich hier um. Du siehst hier nur fünf alte Männer, die bei Weitem nicht mehr in der Lage sind, mehrere Gipfel zu erklimmen. Wenn wir es wirklich versuchten, dann würden sicher Monate vergehen und es würde der eine oder Andere von uns, womöglich auch nicht Überleben … wir sind dafür zu alt«, seufzte Lorin. Schweigend saßen sie vor dem Lagerfeuer und jeder versank in seine Gedanken. »Hätten wir bloß nicht alle unsere jungen Männer zum Kampf gegen die Cors geschickt, dann könnten sie jetzt die Suche übernehmen«, sagte einer der Männer.
Virgil zuckte mit den Schultern. »Wären sie nicht fortgegangen, dann hätten sich die Cors bald alle unsere Felder angeeignet. Womöglich auch noch unser Dorf entdeckt, schließlich hatten sie schon unsere Richtung eingeschlagen. Glaubt mir, die Cors hätten uns alle vernichtet. Einige unserer jungen Männer werden für unser Volk ihr Leben lassen müssen. Leider blieben außer euch, nur noch wir vom Ältestenrat, eure Mütter und die Frauen unserer Krieger mit ihren Kindern übrig.«
Diara sinnierte kurze Zeit und sah in die Runde.
»Hm … dann gehen wir drei«, dabei sah sie Seth und Golo fragend an. Golo schüttelte heftig den Kopf, sodass sein glattes schwarzes Haar umherflog.
»Kommt überhaupt nicht infrage! Für Mädchen ist dieses Vorhaben viel zu gefährlich.«
»Was heißt hier zu gefährlich? Ich kann besser klettern als ihr! Ich kann mich auch sehr gut verteidigen, frag doch Seth, der hat es am eigenen Leib verspürt und du weißt, dass Seth ein guter Kämpfer ist.«
»Trotzdem bleibe ich beim Nein, … Lorin sprich doch als ihr Vater ein Machtwort.«
»Seth hat recht mein Kind, es ist zu gefährlich. Stell dir vor, ihr müsstet euch gegen Trudbert zur Wehr setzen. Da haben Seth und Golo alle Hände voll zu tun, um sich selbst zu verteidigen, da können sie nicht auf dich aufpassen. Das ist allein Männersache!«
»Ha … und wenn ihr Zee gefunden habt, wie wollt, ihr ihn denn fragen … was ihn bewogen hat wegzugehen?«
»Wir werden ihn einfach fragen … was denn sonst?«
»Irrtum …, Zee spricht eine eigene Sprache und nur mein Vater und ich können sie sprechen.«
Eine augenblickliche Stille machte sich breit und Golo sah Diara‘s Vater, Lorin an.
»Da muss ich ihr Recht geben. Ich fürchte, ihr könnt auf meine Tochter nicht verzichten.«
»Nun gut, wenn es nicht anders geht. Aber ich bin nicht dein Bewacher, du musst gefälligst auf dich selbst aufpassen … hast du mich verstanden?«, knurrte Golo und stand auf.
»Ich brauche keinen Wächter, ich pass auf mich selbst auf! Wo gehst du jetzt hin?«
»Ich packe mein Bündel mit Proviant und warme Kleidung, in der Nacht ist es sehr kalt.«
»Gut, dann werden wir unsere Bündel mit Proviant und Kleidung auch packen, wir treffen uns hier wieder«, bestätigte Seth und nickte Diara zu. Seth und Diara standen auch auf und gingen zu ihren Hütten, um sich ihre Bündel zu schnüren. Diara wechselte ihr Leinenkleid gegen eine grüne Hose und Jacke aus groben Leinen. Sie legte einen Gürtel aus getrocknetem Schilf, um die Taille und befestigte darin einen Krummdolch, dann hing sie das Bündel, das mit einem warmen Umhang und getrockneten Obst und etwas Brot bestückt war über die Schulter. Diara schlüpfte in ihre Stiefel aus weichem Hirschleder. Anschließend verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und verließ, mit dem Bündel quer über den Rücken geschnürt die Hütte.
Seth und Golo standen mit ihren Vätern, Odo und Virgil beisammen und unterhielten sich angeregt. Als Diara sich näherte, kam ihr Vater auf sie zu und umarmte sie.
»Wir haben Golo und Seth über alles informiert. Sie wissen, wie Trudbert zu behandeln ist und wie ihr euch ihm gegenüber verhalten müsst. Sei vorsichtig mein Kind und pass auf dich auf. Hast du dein Messer dabei?« Diara zog den am Haltegriff wunderschön verzierten Krummdolch, aus dem Gürtel und hielt ihn hoch.
»Natürlich Vater, schließlich muss ich mich ja verteidigen können, wenn es sein muss.«
Lorin umarmte seine Tochter und drückte sie fest an sich.
»Du weißt, wie du Zee ansprechen musst, falls er dich nicht erkennt?« Diara nickte und antwortete ihrem Vater in einer fremden Sprache, die nur ihr Vater und sie sprechen konnten. Fragende Blicke bekam sie von Seth und Golo. Diara schmunzelte und sagte: »Das heißt, ich grüße dich Zee. Ich bin Diara. Die Tochter von Lorin, dem Oberhaupt vom Volk der Birken«, wiederholte sie den Text für ihre Freunde.
»Sehr gut mein Kind, was musst du dann tun?«, fragte der Vater.
»Ich schließe meine Augen und verneige mich tief.«
»Gut, sobald er kurz mit den Flügeln schlägt, hat er dich erkannt und du kannst dich ihm nähern und mit ihm sprechen.«
»Ich werde es mir merken. Was ist, wenn er nicht mit den Flügeln schlägt?«
»Dann zeigst du ihm diesen Ring, den Ring von deinem Urgroßvater. Er war der Vogelkönig, der Zee‘s Mutter vor den Cors rettete. Dann wird er dich erkennen und akzeptieren. Verliere ihn aber nicht und pass gut auf ihn auf … wie auf dein Leben!« Lorin gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange.
»Noch etwas mein Kind …, sprich mit Zee nur allein«, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Ich bin in Gedanken bei dir. Hab keine Angst mein Kind und vertrau auf dich selbst. Komm gesund wieder zu uns zurück … meine geliebte Tochter.«
Lorin ließ von ihr ab und wünschte den beiden jungen Männern, dass auch sie, wieder gesund heimkommen sollten.
Diara verließ mit gemischten Gefühlen das Dorf, sie folgte Golan und Seth die vor ihr gingen.
Sie waren schon viele Schritte vom Dorf entfernt, als Diara und ihre Freunde sich noch einmal umdrehten, standen ihre Väter immer noch da und sahen ihnen nach.
DieSonne bewegte sich langsam dem westlichen Horizont entgegen und drohte dort sehr bald unterzugehen. Fast einen Tag hatten sie gebraucht, beim Aufstieg bis zum leeren Horst, morgen mussten sie weiter über den nächsten Bergkamm.
Anstrengend war der Tag gewesen. Diara hielt bis jetzt tapfer durch, obwohl langsam ihre Kräfte schwanden. Ihre Füße schmerzten, von den zum Teil sehr spitzen Steinen, auf denen sie mit ihren nicht sehr dicken Hirschlederschuhe trat.
»Ich denke, wir werden hier oben unser Nachtlager aufschlagen. Die Sonne verschwindet bald am Horizont und wir sollten uns nicht von der Dunkelheit überraschen lassen«, stellte Golo fest.
»Endlich! Ich dachte schon, dass dieser Satz überhaupt nicht mehr kommt!«, antwortete Seth und warf im gleichen Augenblick sein Bündel auf den Boden. Golo sah zu Diara.
»Na, alles in Ordnung bei dir? War es für dich zu anstrengend? Bist du müde?«
»Es geht schon, schließlich bin ich kein kleines Mädchen, nur die spitzen Steine quälten mich etwas beim Auftreten«, antwortet Diara und breitete ihren Umhang auf dem kahlen Felsenboden aus. Golo warf einen Blick auf Diara‘s Schuhwerk.
»Tja, Mädchenschuhe aus feinem Leder genäht, sind einfach zu dünn, um damit auf hartem Felsgestein zu gehen.«
»Ich werde mir morgen etwas einfallen lassen«, gab Seth von sich und streichelte spontan über Diara‘s Knie, während er sich neben sie niederließ.
Langsam verdunkelte sich der Himmel, während die drei Freunde, nebeneinander auf ihren Umhängen saßen und getrocknetes Brot und Obst zu sich nahmen. Ihre Wasserbeutel aus Ziegenleder, hatten sie mit klarem Bergwasser neu aufgefüllt, dass in unmittelbarer Nähe vom Gipfel als kleiner Bach herunterrann. Sie legten sich auf ihre Umhänge und schauten zum Himmel.
»Gute Nacht, Diara und Seth«, »gute Nacht, Golo und Seth«, »gute Nacht, Diara und Golo«, murmelten sie sich untereinander zu. Diara sah noch eine Weile zu den Sternen und der schmalen Mondsichel, bis auch sie, vom leisen Rauschen des Windes in den Schlaf gesungen wurde.
»Diara … wach auf, wir müssen weiter«, hörte sie die Stimme Golo’s dicht an ihrem Ohr. Sie blinzelte zum Himmel, der die Morgendämmerung ankündigte. Langsam setzte sie sich auf und sah das Seth nicht mehr neben ihr lag.
»Wo ist Seth?«
»Seth ist schon unterwegs, er sucht für deine geschundenen Füße etwas. Bis du fertig gefrühstückt hast, ist auch er wieder da.«
»Seit wann seid ihr wach und wie spät mag es wohl sein?«
»Ich schätze, dass es erst vier Uhr morgens ist. Auf diesen Höhen kann man es nur schätzen, da einem der Horizont näher erscheint und das Aufgehen der Sonne hier oben früher sieht.«
Golan hielt ihr eine Handvoll Kekse hin.
»Hm … fein, das sind Honig Kekse von deiner Mutter?« Golan nickte und lächelte sie an. Während Diara sich die Kekse schmecken ließ, sah sie von weitem Seth näher kommen.
»Da kommt Seth, so wie es aussieht, hat er nichts für mich gefunden.« Golo sah zu Seth.
»Nun ja, mich hätte es auch überrascht, wenn er hier in diesem kahlen Felsengelände etwas gefunden hätte.«
Mit großen Schritten näherte sich Seth und winkte ihnen.
»Ich habe für deine geschundenen Füßchen etwas Feines mitgebracht«, triumphierte er, während er näher kam. Er setzte sich neben Diara und forderte sie auf ihm ihre Stiefel zu geben. Während sie ihm diese reichte, scherzte Golo: »Hast du feinen Sand mitgebracht?«
»Nein … für unsere kleine Prinzessin habe ich etwas ganz Besonderes gefunden. Feines weiches Moos«, antwortete Seth und zog das Moos aus seinem umgehängten Beutel. Er polsterte Diara‘s Schuhe damit aus und als sie die Schuhe anlegte, seufzte sie.
»Danke Seth, das ist unheimlich weich, damit gehe ich wie auf Wolken.« »Na dann pass auf, dass du nicht abhebst und uns davon schwebst«, gab dieser lachend von sich. Nachdem sie ihre Bündel wieder zusammengepackt hatten, traten sie ihren weiteren Weg an.
Über glitschige Steine führte der Weg abwärts, anschließend über den steinernen Steg eines kleinen Bergbachs. Sie hielten kurz an und füllten ihre Wasserbeutel mit frischem eiskaltem Quellwasser auf. Der kalte Bach hinterließ einen Nebelschleier, der direkt über dem Wasser schwebte. Die Sonne stand bereits als roter Feuerball am Horizont.
Die drei Freunde waren von diesem Anblick überwältigt. Keiner von ihnen hatte jemals die Sonne am Horizont aufgehen sehen. Sie verweilten einen Moment, bis sie sich entschlossen hatten, weiter zu gehen. Sie gingen weiter abwärts bis zur Schlucht, die ihren Berg von dem gegenüberliegenden Berg trennte. Rätselnd standen sie vor dieser engen Schlucht und schauten in die Tiefe.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, fragte Seth.
»Wahrscheinlich müssen wir hinunterklettern«, antwortete Golo.
»Oder wir springen hinüber«, schlug Diara vor.
»Hinüber springen wäre gut, ist aber sehr gefährlich. Auch wenn sie nicht breit ist, dennoch ist sie breit genug, um eventuell hineinzufallen«, stellte Seth fest.
»Es ist zu gefährlich, auch ein Abstieg in die Schlucht ist sehr riskant.« Golo überlegte.
»Auch wenn es unseren Weg deutlich verlängert, es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf den einfacheren Weg, den Berg hinunterzusteigen.« »Das heißt also … diesen Berg hinunter bis ins Tal und dann drüben wieder hinauf. Bei den Birken, da sind wir ja ein Jahr mit den Bergen beschäftigt!«, rief Diara entsetzt aus.
Ihre Begleiter zuckten kurz mit den Schultern. »Weißt du etwas Besseres?«
Sie standen grübelnd da und schauten immer wieder zum gegenüberliegenden Berg.
»Wer sagt denn, dass diese Schlucht erst im Tal zu Ende ist, vielleicht haben wir Glück und sparen uns vom halben Berg den Abstieg.«
»Seth du hast einfach einen klugen Kopf. Du bist zwar kein sehr guter Kämpfer, aber dafür hast du immer gute Einfälle. Ihr beide ergänzt euch Ideal«, sagte Diara. Golo wollte schon aufbegehren, aber der letzte Satz von Diara hatte ihn wieder versöhnt, denn schließlich war er wirklich ein sehr guter Kämpfer. Davon überzeugt, dass sie nicht den ganzen Berg hinuntergehen müssten, machten sie sich erneut auf den Weg.
Die kahle Felsengegend hatten sie inzwischen verlassen und stiegen vorsichtig zwischen den Wurzeln der Nadelbäume und niederen dichten Gehölzen, abwärts. Diara ging zwischen Golo, der vor ihr ging und Seth hinter ihr, als es plötzlich seitlich von ihnen im Gehölz knackste. Abrupt blieben sie stehen und horchten auf. Sie sahen alle drei angespannt zum dichten Gehölz, aus jungen Tannen und vielen am Boden liegenden abgestorbenen Ästen.
»Seht ihr was?«, flüsterte Golo. Diara und Seth schüttelten den Kopf. »Welche Tiere mag es hier wohl geben?«, fragte Diara leicht angespannt. Plötzlich schoss ein braunes zotteliges Tier größer als eine Ziege auf sie zu. Es rammte Seth und dieser kam zu Fall.
Sekundenlang standen Golo und Diara da, den Blick starr auf Seth und dem Ungetüm gerichtet.
»Ein Molov!«, rief Golo entsetzt aus und zog seinen Bogen aus dem Halfter. Er spannte den Bogen und der Pfeil brachte das Tier gerade noch rechtzeitig zur Strecke, bevor es seine Reißzähne in Seth‘s Körper schlagen konnte. Immer noch starr vor Schreck starrten sie alle drei auf das am Boden liegende Tier.
»Danke, das war knapp«, sagte Seth und schob den Kopf des toten Tiers von seinem Körper weg.
Ein übler Geruch ging von dessen offen stehendem Rachen aus. Seth schüttelte sich vor Ekel. Er betrachtete die Kratzer am Arm und an den Händen, welche ihm dieses Tier beigebracht hatte.
Er stand auf und befreite seine Kleidung von der feuchten Walderde. Sie sahen auf das am Boden liegende Tier.
»Ich habe noch nie so ein Tier gesehen«, gab Diara geschockt von sich. »Aus dieser Nähe habe ich auch noch nie einen Molov gesehen«, antwortete Golo, immer noch die Augen auf das Tier gerichtet.
»Golo glaubst du, dass es mich fressen wollte?« Golo zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß es nicht aber auf jeden Fall hätte es dich töten können, schau dir seine riesigen Reißzähne an. Mit einem Biss kann er deinen ganzen Brustkorb öffnen. Schauderhaft!« Golo durchfuhr ein Schauder ob dieses Gedankens. Diara schob Golo vom Tier weg.
»Lasst uns weitergehen.«
Augenblicklich zog Seth ein Messer aus dem Halfter, das er um die Hüften trug.
»Diara schau dort vorne gibt es Trollbüsche, bring mir bitte mehrere große Blätter davon.« Diara sah Seth fragend an.
»Du willst doch nicht etwa …«
»Natürlich will ich, wer weiß, wann uns so ein Braten wieder über den Weg läuft«, unterbrach er sie. Diara sah zu Golo, doch dieser unterstützte Kopf nickend Seths Aussage.
Nicht ganz davon überzeugt ging sie los und schnitt mit ihrem Messer ein paar von den größten Blättern ab.
»Diara sei vorsichtig wegen der Schlangen, denn sie halten sich sehr gerne in der Nähe von diesen Büschen auf«, hörte sie Seth laut sagen. »Natürlich, das wäre das Letzte, was ich jetzt auch noch möchte.«
Seth hatte inzwischen große Stücke aus dem Körper des toten Tieres geschnitten, als sie mit den Blättern zurückkam. Golo nahm ihr die Blätter ab und lag sie ineinander, dann verpackte er darin die Fleischscheiben. »Wann willst du das Fleisch zubereiten, ohne dass der Rauch unsere Anwesenheit verrät?«, fragte Diara.
»Heute Nacht ist der ideale Zeitpunkt, wir müssen uns nur nach einer geeigneten Stelle umsehen.«
»Warum heute Nacht und nicht morgen?«, fragte sie.
»Weil heute Nacht Neumond ist und deshalb wird auch der Rauch nicht so gut zu sehen sein, als bei hellen Mondschein.« Mit dieser Aussage gab sie sich zu zufrieden. Sie bückte sich und half Golo die letzten abgeschnittenen Fleischstücke einzupacken.
»Wir brauchen noch mehr von den Blättern, damit wir sie später im gegarten Zustand wieder zum weiteren Transport, in frische Blätter einwickeln können.«
Diara sprang auf und lief zum Gebüsch.
»Ich glaub, dass wir jetzt genug haben. Seth wir können nicht das ganze Tier mitnehmen«, schmunzelte Golo.
Das letzte abgeschnittene Fleisch war verpackt, als Diara zurückkam. An ihrem Gürtel hingen viele zusammen gebündelte Blätter.
Zufrieden, dass für ein paar Tage mehr das Essen gesichert war, machten sie sich wieder auf den Weg.
