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J.R.R. Tolkiens ganz persönlicher Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt Mit Originalillustrationen von J.R.R. Tolkien Nahe der alten Stadt Bovadium erfand einst ein Daemon die Motores. Die begeisterten Menschen wurden bald zu ihren Sklaven. Mit diesem Buch beweist Tolkien, dass er erfasste, was die Menschen erst später begriffen: die Katastrophe, die mit der Automobilisierung von Städten auf uns zurollte. Anfang der 1950er Jahre tobte in Oxford eine Kontroverse, und mitten drin J.R.R. Tolkien. Die nahe gelegenen Morris-Automobilwerke hatten den Verkehr ins Unerträgliche ansteigen lassen, und neue Straßen drohten, den Charakter der Universitätsstadt zu zerstören. Als Reaktion darauf verfasste Tolkien eine satirische Fantasy-Geschichte – Die Bovadium Fragmente –, die erzählen, wie schreckliche Maschinen die Stadt erobern. Und die Motores verstopfen die Straßen mit Lärm und Gestank, bis alles Leben zum Stillstand kommt. Hier zeigt sich Tolkien von seiner ironischen, gelehrten und doch auch tragischen Seite. Die von Christopher Tolkien edierte Ausgabe aus Tolkiens Nachlass ist mit Bildern von seiner Hand, zeitgenössischen Fotos und Plänen versehen. Sie enthält einen exclusiven Essay von Richard Ovenden, dem Direktor der Bodleian Library, zur Geschichte Oxfords in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Bovadium Fragmente
von
Herausgegeben vonCHRISTOPHER TOLKIEN
Zusammen mitDIE URSPRÜNGE VON BOVADIUMvon RICHARD OVENDEN OBE
Aus dem Englischenvon Helmut W. Pesch
KLETT-COTTA
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Hobbit Presse
www.hobbitpresse.de
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart
Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Bovadium Fragments« im Verlag HarperCollinsPublishers, London, Dublin
Text von J. R. R. Tolkien © The Tolkien Trust 2025
Einleitung, Kommentare, Anmerkungen und Zusammenstellung von »Die Bovadium-Fragmente« © The Estate of C. R. Tolkien 2025
›The Origin of Bovadium‹ © Richard Ovenden OBE 2025
Illustrationen von J. R. R. Tolkien © The Tolkien Trust 1995, 2014, 2018, 2025
Vorwort von Chris Smith © HarperCollinsPublishers 2025
®, ® und ›Tolkien‹® sind eingetragene Markenzeichen des Tolkien Estate Limited.
Für die deutsche Ausgabe
© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten
Cover: Birgit Gitschier, Augsburg,
unter Verwendung der Daten des Originalverlags, Cover-Illustration: J. R. R. Tolkien © The Tolkien Trust 1995, Cover-Design: Emily Langford/HarperCollinsPublishers Ltd
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
ISBN 978-3-608-96723-4
E-Book ISBN 978-3-608-12597-9
Vorwort
Einleitung
MOTOR BUS
Die Bovadium Fragmente
Vorwort
Anmerkung zu den einleitenden Bemerkungen von Dr. Sarevelk und Dr. Gums
Fragment I
Anmerkung zu Fragment I
Fragment II
Anmerkungen zu Fragment II
Fragment III
Anmerkungen zu Fragment III
Postscriptum des Herausgebers
Weitere Texte aus Fragment II
Die Ursprünge von Bovadium
Die Ursprünge von Bovadium
Wo der Genius der Ruhe weilt
Motopolis
Oxford neu geplant
Der Sharp-Plan
Von der Merton Mall zur Sandys Mall
Der Kampf dagegen
Die Schlacht ist gewonnen
Schlussbetrachtung
Danksagung
Quellenverzeichnis
Wie Christopher Tolkien in seiner Einleitung ausführt, handelt es sich bei Die Bovadium-Fragmente um eine »satirische Fabel«, die sein Vater verfasst hat. Der Text entstand als Reaktion auf eine Kontroverse um Stadtplanungsfragen, die Ende der 1940er bis Mitte der 1950er Jahre in Oxford ausbrach. Damals war J. R. R. Tolkien dort als Merton-Professor für Englische Sprache und Literatur tätig.
Inspiriert von dem komischen Gedicht Motor Bus von A. D. Godley, von dem er eine Kopie erhalten hatte, verbunden mit dem, was er als »einen Wiederausbruch der Debatte um die Oxforder Straßen« beschrieb, schrieb Professor Tolkien die Erzählung zunächst zu seinem eigenen Vergnügen als privaten akademischen Ulk, der sich auf sanfte Weise über solche Dinge wie die »Wichtigtuerei von Archäologen« und die »Hässlichkeit des College-Geschirrs« lustig machte. Gleichzeitig war es ein satirisch zugespitzter Schrei aus tiefstem Herzen gegen die unaufhaltsame Zunahme des motorisierten Verkehrs und der »Maschinenanbetung«, welche die Ruhe seiner geliebten Stadt zunichte machten. Tolkien war sich dessen nur allzu sehr bewusst, wie er in einem Brief an seinen Sohn Michael aus dem Jahre 1952 schrieb, als er mit seiner Frau Edith in der Holywell Street im Stadtzentrum wohnte:
Wir haben es hier sehr schwer, da der Verkehr immer verrückter wird, und das vergangene Wochenende war unerträglich.1
Die Tolkiens entflohen schließlich dem Lärm und Trubel und zogen im Frühjahr 1953 in die Sandfield Road. Doch der zunehmende Verkehr blieb eine ständige Ursache für Unruhe in der Stadt. Die Lösung erwies sich jedoch als nicht minder unverträglich als das Übel. In einem Brief an Michael Straight aus dem Jahr 1956 verwies Tolkien auf den sogenannten »Sharp-Plan«, der eine Entlastungsstraße durch die Christ Church Meadow vorsah.2
Allerdings erhebt der Geist von ›Isengard‹, wenn nicht gar von Mordor, immer wieder sein Haupt. Das gegenwärtige Vorhaben, Oxford zu zerstören, damit die Motorfahrzeuge Platz haben, ist ein Beispiel dafür.3
Christopher Tolkien merkt an, dass es in den 1960er Jahren so aussah, als kämen Die Bovadium-Fragmente für eine Veröffentlichung in Betracht. Im Jahre 1966 bekundete Rayner Unwin seine Unterstützung für das Werk. Doch um diese Zeit holte J. R. R. Tolkien auch die Meinung von Clyde Kilby ein, der ihn damals bei der Aufarbeitung des »Silmarillion« unterstützte. Bedauerlicherweise war Kilby skeptisch, da er befürchtete, dass die Tragödie in der Komödie unbeachtet bleiben und die umfängliche Verwendung des Lateinischen moderne Leser abschrecken könnte. Diese zurückhaltende Reaktion reichte aus, um Tolkien davon zu überzeugen, das Werk zu den Akten zu legen.
In dieser Ausgabe hat Christopher Tolkien Anmerkungen und Kommentare hinzugefügt, die Kilbys Bedenken ausräumen und es den Lesern endlich ermöglichen, die Geschichte eines imaginären Oxfords durch die Brille einer zukünftigen (und nicht ganz verlässlichen) wissenschaftlichen Studie zu genießen. Wie üblich sind seine Anmerkungen und Kommentare beidseitig eingerückt, um sie vom Text seines Vaters abzusetzen.
Der Text wird von einer kleinen Auswahl von Illustrationen des Autors begleitet, von denen einige bisher noch nicht oder nur in Schwarz-Weiß veröffentlicht wurden. Sie wurden zwar nicht speziell für dieses Werk geschaffen, vermitteln jedoch etwas von dessen Ton und Atmosphäre und bereichern so die Erzählung. Zu finden sind sie auf den Seiten 23 (»Von London nach Oxford durch Berkshire«), 37 (»Oh, in Oxford (Nord) zu sein, nun, da es dort Sommer ist«), 42 (»Turl Street, Oxford«), 49 (Ohne Titel [»Erle an einem Fluss«]), 51 (»Broad Street, Oxford«), 62 (»King’s Norton von Bilberry Hill«) und 68 (»Der Wald an Ende der Welt«). Weitere Informationen zu einzelnen Bildern sind in J. R. R. Tolkien: Der Künstler von Wayne G. Hammond und Christina Scull (Abb. 7, 16, 19, 25 und 60) sowie in Tolkien: Schöpfer von Mittelerde von Catherine McIlwaine (Abb. 63) zu finden.
In seinem der Novelle beigefügten Essay »Die Ursprünge von Bovadium« zeichnet Richard Ovenden OBE, Bodley’s Librarian4, ein lebendiges Bild von Oxford in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Essay ist mit zeitgenössischen Fotos aus dieser Epoche von dem preisgekrönten niederländischen Fotografen und Designer Cas Oorthuys aus seinem Buch Term in Oxford sowie den authentischen Plänen von Thomas Sharp illustriert, die die Kontroverse ausgelöst haben. Er liefert auch reichhaltige Hintergrundinformationen zu dem casus belli, der zu der Aufregung führte, welche Tolkien hautnah miterlebte, als die Glut der Debatte zwischen »Town« (den städtischen Planern, die eine Lösung für die berüchtigten Verkehrsstaus der Stadt suchten) und »Gown« (den akademischen Institutionen, die sich gegen Veränderungen aussprachen) erneut entfacht wurde.
Die Bovadium-Fragmente ist eine verspielte, ironische, gelehrte und letztendlich tragisch bewegende Geschichte. Sie unterscheidet sich von allen anderen Werken, die J. R. R. Tolkien geschrieben hat, und ihre Themen sind nach wie vor provokativ und aktuell. In ihren Zeilen findet sich die Sorge um die Zerbrechlichkeit unserer natürlichen Welt, die Vater und Sohn gleichermaßen liebten. In der Reihe der Editionen des Werks seines Vaters ist es daher vielleicht passend, dass Die Bovadium-Fragmente den Schlusspunkt setzen.
CHRIS SMITH, 2025
Dieses Werk lag mit Sicherheit gegen Ende 1960 fertig vor, denn am 25. Oktober dieses Jahres schrieb die Sekretärin meines Vaters, Elizabeth Lumsden, an Rayner Unwin, um »im Auftrag von Tolkien nach dem Namen des derzeitigen Herausgebers der Zeitschrift Time and Tide zu fragen«. Tolkien würde ihm gerne einen kurzen Text anbieten, den er geschrieben habe, »eine Art satirische Fabel«.5 Am selben Tag schrieb Elizabeth Lumsden in einem Brief, der sich in meinem Besitz befindet, an meinen Vater, dass sie wie erbeten an Rayner Unwin geschrieben habe, und sie habe »die Hälfte des Motores-Manuskripts getippt und werde es bis Ende der Woche fertigstellen und zusenden«. Am 28. Oktober schrieb sie ihm erneut (mein Vater war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause), um ihm mitzuteilen, dass Rayner Unwin den Herausgeber von Time and Tide kenne und mein Vater sich gerne auf ihn berufen könne, wenn er Die Bovadium-Fragmente dort einreiche. Sie fügte hinzu: »Bitte versuchen Sie, Ihre Bedenken zu vergessen, und senden Sie es einfach ein.«
Ob er dies tat oder nicht, ist mir nicht bekannt. Einige Hinweise zur Frage der Veröffentlichung finden sich jedoch bei Scull und Hammond.6 Im August 1966 schrieb Rayner Unwin meinem Vater, dass er Die Bovadium-Fragmente mit Vergnügen gelesen habe und der Meinung sei, er solle sie im Oxford Magazine veröffentlichen. Im Dezember 1968 schrieb mein Vater in einem Brief an Rayner Unwin über »Das Ende von Bovadium«, dass er »keine Absicht habe, es jetzt (oder jemals) zu veröffentlichen«.
Es ist ebenfalls überliefert, dass mein Vater »Bovadium« im Sommer 1966 Clyde Kilby zum Lesen gab und ihn fragte, ob er es für veröffentlichungswert halte.7 Kilbys Kommentare, die einzigen, die mir bekannt sind, sind in einer maschinengeschriebenen Notiz erhalten, die zusammen mit den Texten archiviert ist.8 Er meinte zu meinem Vater, er sehe »zwei Probleme« (hinsichtlich der Veröffentlichung). Das eine sei, dass »die Verwendung des Lateinischen, so geschickt sie auch sein mag, für die meisten Menschen, selbst für diejenigen mit einer beachtlichen Bildung, ein offensichtliches Hindernis darstellt«. Kilby war wohl kaum entgangen, dass die lateinischen Passagen auch übersetzt waren, sodass allein der Einsatz des Lateinischen seiner Meinung nach das Verständnis behinderte. Die zweite Schwierigkeit bestehe, so Kilby, in der Gefahr, dass die Leser »die Tragödie hinter der Komödie« nicht erkennen würden, da der Motor »sich so sehr zu einem Teil unseres Lebens gemacht hat«, dass jede ihm feindlich gesinnte Schrift schlichtweg ignoriert würde. Wenn man diese Kritikpunkte akzeptierte, war das Projekt natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Die erste Inspiration zu dem Werk lag in den Versen mit dem Titel Motor Bus von A. D. Godley. Aus einem Brief, der zusammen mit den Manuskripten und Typoskripten von Die Bovadium-Fragmente gefunden wurde, geht hervor, dass mein Vater im April 1957 von einem Bekannten eine Kopie dieses Gedichts erhalten hatte. Am Anfang der gedruckten Seite befindet sich eine Karikatur, die einen erschrockenen Professor in Talar und Barett zeigt, der auf der High Street in Oxford vor einem Doppeldeckerbus voller Männer mit Melonenhüten zurückspringt. Die Verse erscheinen in Die Bovadium-Fragmente in zwei Versionen. In einem Fall sind sie stark verändert und im anderen Fall liegen sie nicht genau in der Form vor, in der mein Vater sie erhalten hat. In der ursprünglichen Form lauten sie wie folgt:9
WHAT is this that roareth thus?
Can it be a Motor Bus?
Yes, the smell and hideous hum
Indicat Motorem Bum!
Implet in the Corn and High
Terror me Motoris Bi:
Bo Motori clamitabo
Ne Motore caeder a Bo –
Dative be or Ablative
So thou only let us live:
Whither shall thy victims flee?
Spare us, spare us, Motor Be!
Thus I sang; and still anigh
Came in hordes Motores Bi,
Et complebat omne forum
Copia Motorum Borum.
How shall wretches live like us
Cincti Bis Motoribus?
Domine, defende nos
Contra hos Motores Bos!
A. D. GODLEY, JANUAR 1914
Bushaltestelle am Queen’s College auf der High Street
Der Text war einst weit verbreitet und vermittelt in der vorliegenden Form den Eindruck einer Seite aus einem Gedichtband. Alfred Godley (1856–1925) war Altertumswissenschaftler in Oxford und wurde später Public Orator10 der Universität.
Mein Vater schickte mir eine Kopie von Die Bovadium-Fragmente; vermutlich um 1960, doch seine Begleitnotiz ist nicht datiert. Darin steht:
Der beiliegende Nonsens mag dich vielleicht ein wenig erheitern. Er entstand, als ich auf die alten Verse von Godley stieß und gleichzeitig die Debatte über die Straßen in Oxford wieder aufflammte. Aber es ist (im Vergleich zum ursprünglichen Fragment II) zu überladen geworden mit satirischen Elementen, die sich nicht nur auf die »Maschinenanbetung« beziehen, sondern auch auf die Wichtigtuerei von Archäologen, die Hässlichkeit des College-Geschirrs und vieles mehr. Ich fürchte, die lateinischen Teile sind keine besonders gelungene Imitation des besseren Lateins des Mittelalters oder der Bibel. Schick es mir bei Gelegenheit zurück.
Der humoristische Aspekt von Godleys Versen liegt in der Absurdität des Wortes »Bus«, unter etymologischen Gesichtspunkten. Es handelt sich um eine umgangssprachliche Verkürzung von »Omnibus«, beruhend auf der Dativ-(und Ablativ-)Plural-Endung -ibus des lateinischen Wortes omnis ›alle‹ (die Endung findet sich in Motoribus in Zeile 18). Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Ausdruck voiture omnibus »Fahrzeug für alle« ab.
Godley behandelt das Wort »Bus« mit der Absurdität, die es verdient, so als wäre es ein Substantiv der zweiten Deklination des Lateinischen, das wie Dominus und viele andere Wörter dekliniert wird. So ist Bum in Zeile 4 der Akkusativ oder Objektfall, wie in Domin-um. In »Spare us, Motor Be!« [»Verschone uns, o Motor Bus«] (Zeile 12) ist Be der Vokativ, also der Fall der Anrede einer Person, wie in der lateinischen Zeile 19: Domine! [»o Herr!«]. In den Zeilen 5–6: Implet … Terror me Motoris Bi [»Mich erfüllt der Schrecken des Motor Bus«] ist Bi der Genitiv von Bus. In den Zeilen 7–8 heißt es: Bo Motori clamitabo ne Motore caeder a Bo, was so viel bedeutet wie: »Ich werde zum Motor Bus (Dativ) flehen, damit ich nicht vom Motor Bus (Ablativ, dessen Form in dieser Deklination der des Dativs entspricht) getötet werde.« Motores Bi in Zeile 14 ist Nominativ Plural, copia [»Fülle der«] Motorum Borum in Zeile 16 Genitiv Plural, cincti [»umgeben von«] Bis Motoribus in Zeile 18 Ablativ Plural und Motores Bos
