Die Campagne Morillon - Jürg Schweizer - E-Book

Die Campagne Morillon E-Book

Jürg Schweizer

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Beschreibung

Das Morillon ist eine bernische Campagne, wie die Landhäuser begüterter Patrizierfamilien hiessen – es ist freilich die letzte. Die Flucht aus der im Sommer stinkenden und lärmigen Stadt war immer noch eine Triebfeder, einen Landsitz zu bauen. Er ermöglichte ein angenehmes Leben und bot repräsentativen Raum für gesellige Anlässe. Aber eigentlich ist das Morillon auch eine Villa, weil es in Stadtnähe steht und sich baulich von der im 18. Jh. geprägten Form des bernischen Landsitzes entfernt hat. Seine Gestalt greift zurück auf italienische Vorbilder des 16. Jh. Unverkennbar spielten Villen von Andrea Palladio für den jungen Architekten Ludwig Friedrich Osterrieth eine wesentliche Rolle, als er 1830 das Projekt erarbeitete. Der anspruchsvolle Bauherr, Friedrich Ludwig v. Wattenwyl, der selbst zeichnete und malte, hatte Interesse an Architektur und Kunst. Erbschaften und Heirat ermöglichten ihm, einen ausserordentlichen Bau zu errichten und auszustatten, der bis 2018 ein fast verborgener Hort der bernischen Geschichte und der Kunst war. Seither ist das Bauwerk restauriert worden und der Allgemeinheit für kulturelle Anlässe zugänglich.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürg Schweizer

Die Campagne Morillon

Kanton Bern

Einleitung

Bau- und Besitzergeschichte

Die Campagne Morillon statt das Schloss in Rümligen

Das erste Morillon

Nach einem Skandal und der Revolution doch noch ein Schloss?

Umbau statt Neubau

Eine Villa, nicht ein Schloss

Erstes komplett ausgearbeitetes Projekt: Villa im Landschaftspark

Der Weg zur Baureife

Der Bauverlauf

Heiraten aus Kalkül, aus Liebe oder aus beiden Gründen?

Restaurierung und technische Modernisierung

Hans Karl v. Tscharner tauscht Norden und Süden

Das Morillon wird geöffnet

Im Zeichen der Gastfreundschaft – die Nutzung des restaurierten Morillon

Rundgang

Park und Nebenbauten

Die Villa von aussen

Inneres: Erdgeschoss

Halle

«Salons» und «Salle à Manger»

Inneres: Obergeschoss

Würdigung

Anhang

ABB. 1 Das zweite Morillon, Aquarell, um 1835, kurz nach Erbauung, Ansicht von Süden mit Eingangsportikus und Vorfahrt. Links im Hintergrund die Stadt Bern.

Einleitung

Der Neubau des Morillon in Köniz, knapp ausserhalb der Stadtgrenze, schuf die letzte patrizische Campagne des Alten Bern, die Aufrichte wurde im Dezember 1830, wenige Wochen vor dem Rücktritt des patrizischen Regimes, gefeiert. Gewöhnlich spricht man von der Villa Morillon, aber eigentlich handelt es sich um eine echte Campagne, reicht sie mit dem Vorgängerbau doch in die erste Hälfte des 18. Jh. zurück, war nur sommers bewohnt und mit landwirtschaftlichen Betrieben reichlich versorgt. Sie ordnet sich daher durchaus in die grosse Zahl der stadtnahen Landsitze Berns ein, etwa Lohn in Kehrsatz, Mettlen in Muri, Elfenau und Melchenbühl in Bern, Oberried in Belp, Rothaus in Ostermundigen, Hofwil in Münchenbuchsee und viele weitere. Die Bezeichnung Villa rechtfertigt sich aber angesichts der räumlichen Selbständigkeit des vornehmen Wohnbaus (ABB. 1) und der Distanz zur Landwirtschaft auch. Charakteristisch für die Einordnung des Morillon ist die 1850 erbaute Kutschnerei, ein repräsentatives reines Pferde- und Karossenhauses mit Kutschnerwohnung. Der Begriff Villa ist zudem in Anbetracht der Bauformen und architektonischen Anleihen durchaus begründet (siehe S. 46–49).

Bau- und Besitzergeschichte

Die Campagne Morillon statt das Schloss in Rümligen

Im Jahr 1684 erwarb Samuel Frisching, gewesener Schultheiss von Burgdorf, von Ferdinand v. Wattenwyl, Landvogt zu Vevey, die Herrschaft Rümligen. Schon im nächsten Jahr stieg Frisching in den Kleinen Rat auf. 1707 vollendete er den Neu- und Umbau des Stadtsitzes der Frisching, des heute Beatrice von Wattenwyl-Haus genannten Repräsentationssitzes des Bundesrates an der Junkerngasse 59. Er führte die Berner 1712 im Zweiten Villmergerkrieg zum Sieg und wurde drei Jahre später als 77-Jähriger bis zu seinem Tod 1721 Schultheiss von Bern. Bereits 1688/89 vergrösserte er das Schloss Rümligen gegen Westen und baute den spätmittelalterlichen Kernbau um. Schloss und Herrschaft gelangten 1726 an seinen Enkel Rudolf Emanuel Frisching (1698–1780), verheiratet mit Anna Margaretha v. Wattenwyl. 1754 wurde er Kleinrat und 1756 Venner. Er studierte als Liebhaberarchitekt, wie das altertümliche Schloss Rümligen zu einem repräsentativen Landsitz umgestaltet werden könnte. Von ihm stammen 1746 datierte Pläne, die einen Neubau von Rümligen als fünf- und siebenachsiges Barockschloss darstellen. Die Grundrisse halten sich an die damals übliche Konvention. Ein Fassadenaufriss zeigt einen kompakten Palast, der das Tscharnerhaus am Münsterplatz 12, entstanden 1735, vereinfacht variiert. Frisching fügte allerdings den Plänen die Beischrift hinzu, dass es eine Torheit wäre, in Rümligen zu bauen, und zwar wegen der grossen Kosten, dem schlimmen Weg und vielen anderen Gründen! Die Klage über den Weg meint den steilen, direkt zum Schloss führenden alten Reitweg, der kaum kutschierbar war und heute noch existiert. Tatsächlich modernisierte er bloss einige Stuben im Schloss, vergrösserte den Garten und stattete zwei Pavillons, die sein Grossvater errichtet hatte, mit virtuosen Rokoko-Stuckaturen aus. Später liess er den grandiosen, weit ausholenden, heute als zweite Zufahrt dienenden Weg, eine eigentliche Inszenierung im Gelände mit prächtiger Bepflanzung und dramatischem Empfang durch die grosse Fontäne vor dem Schloss, anlegen.

Bereits 1736 erwarb Frisching, wenige Kilometer ausserhalb des oberen Stadttors von Bern, oberhalb des Sandrains, ein Bauerngut, um hier einen zeitgenössischen Landsitz zu bauen, der 1739 fertiggestellt war. Er nannte ihn Morillon, ein Name, den er, vielleicht nach dem von Landsitzen bestückten Gebiet gleichen Namens im Norden von Genf, frei wählte. Später konnte er durch Zukäufe seinen Grundbesitz arrondieren.

ABB. 2 Johann Ludwig Nöthiger, Kupferstich des ersten Morillon von Osten, 1747, mit französischem Garten. Der Ehrenhof schliesst an die heutige Morillonstrasse an.

Das erste Morillon

Im 1747 datierten Kupferstich stellt Johann Ludwig Nöthiger den neuen Landsitz dar (ABB. 2). Detaillierte Auskunft gibt ein nach 1812 aufgenommener Grundriss und ein gleich altes, effektiv ausgeführtes Umbauprojekt (ABB. 3). Nach diesen Dokumenten war das erste Morillon ein Parterrebau, vor allem ein geräumiger Festsaal von etwa 64 m2 Fläche, der mit zwei schmalen Seitenflügeln direkt an die heutige Morillonstrasse anschloss und damit einen Ehrenhof bildete. Nach Nöthiger fassten zwei Baumreihen das Grundstück samt dem französischen Ziergarten ein. Die Achse des Hauses «entre cour et jardin» setzte sich mit einer etwa 140 m langen Allee fort. An den Saal («Salon») anschliessend lagen das Treppenhaus zu den Dachkammern, die Küche und Schlafzimmer. Die wenig anspruchsvolle Raumverteilung lässt erkennen, dass der stadtnahe Sommersitz eigentlich ein Empfangshaus war, dessen Aussenräume die gleiche Bedeutung hatten wie der Saal. Das erste Morillon war eine repräsentative Anlage, gerade durch die Anbindung des Hauses an Hof und Garten und seine Eigenheit als Parterrebau, zu allen Zeiten ein Zeichen bevorzugten Wohnens. Kurz nach 1812 wurde das Haus erneuert (siehe S. 8), nach dem Bau der heutigen Villa 1838 abgerissen. An seiner Stelle entstand 1850 die Kutschnerei.

ABB. 3 Umbauprojekt des ersten Morillon von Ludwig Friedrich Schnyder, kurz nach 1812. Gross dargestellt das neugotische Peristyl für die nördliche Flanke.

ABB. 5 Morillon, Neubauprojekt von Ludwig Friedrich Schnyder, 1812. Aufriss der gegen Westen gerichteten Eingangsfassade.

Nach einem Skandal und der Revolution doch noch ein Schloss?

Rümligen und Morillon gingen 1778 an den Enkel von Rudolf Emanuel, an Samuel Rudolf Frisching, seit 1773 verheiratet mit Rosina Margaretha Tscharner. Wer von Rümligen zum Morillon oder in die Stadt reiste, kam unweigerlich beim Landsitz Oberried in Belp vorbei, direkt an der Durchgangsstrasse gelegen. Das Oberried gehörte Gottlieb Fischer aus der Post-Gründerfamilie, er war verheiratet mit Susanna Katharina Mutach. Zwischen Samuel Rudolf und Susanna Katharina entspann sich eine Romanze, die dazu führte, dass die beiden 1780 durchbrannten, nach Verbannung durch den Berner Rat in Europa auf Reisen gingen und er als Baron de Krambourg auftrat. Aus der Ehe Frisching-Tscharner stammte die einzige Erbin, Elisabeth Margaretha Sophie (1773–1813). Sie brachte ihrem Gemahl Johann Rudolf Frisching von Wyl (1761–1838), der nach 1798 eine wichtige politische Rolle spielte, Rümligen, Morillon und den Stadtsitz Junkerngasse 59 in die Ehe.

Im Jahrzehnt nach 1800 liess dieser als Ersatz des Morillon ein stattliches Landhaus planen, wovon ein Plansatz erhalten geblieben ist, leider ohne Datum und Signatur. Er zeigt einen zweistöckigen Corps de logis von sieben Achsen, der einem dreizehnachsigen Erdgeschossbau eingesteckt scheint (ABB. 4). Der ganzen Breite des Corps de logis ist ein dorischer Portikus vorgelegt, womit der Bau den Charakter einer antik-römischen Villa hat. Gartenseits steht der Corps vor, seine drei mittleren Achsen werden durch eine dorische Kolossalordnung zusammengefasst. Der Grundriss ist traditionell. Wer ist der eigenwillige Projektverfasser? Offenbar ein Auswärtiger, denn vor 1812, also vielleicht ein halbes Jahrzehnt später, wird Architekt Ludwig Friedrich Schnyder (1768–1823) mit der Ausarbeitung eines weiteren Morillonprojekts betraut. Der Plansatz ist auf März 1812 datiert (ABB. 5)