Die Dunkelgräfin - Carolin Philipps - E-Book

Die Dunkelgräfin E-Book

Carolin Philipps

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Beschreibung

Im Jahr 1807 kommt eine geheimnisvolle Frau nach Hildburghausen: Als »Dunkelgräfin« wird sie bekannt. Suchte womöglich Marie Antoinettes Tochter in Thüringen Zuflucht? Entgegen der offiziellen Version soll Marie Therese, Frankreichs letzte Königstochter, nicht an Österreich ausgeliefert, sondern zuvor vertauscht worden sein. Aber wer war dann die andere Person, die als »Marie Therese« später zu großem Einfluss gelangte? Carolin Philipps beleuchtet den spektakulären Kriminalfall neu – mit überraschenden Erkenntnissen.

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Für meinen Vater »Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können!«, schrieb der Dichter Jean Paul. Und so bedeutet dieses Buch für mich vor allem die Erinnerung an tagelange gemeinsame Forschungen in den Archiven, stundenlange fachliche Diskussionen, hilfreiche Hintergrundrecherchen und erlebnisreiche Reisen zu den Schauplätzen meiner Geschichte. Danke für zwei Jahre beglückender Teamarbeit! Ich freue mich auf unser nächstes Projekt!

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95426-6

© Piper Verlag GmbH, München 2012

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagabbildung: akg-images

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

»Die Wahrheit ist immer verwunderlich, verwunderlicher als die Dichtung.«

Prolog

»Ich bin krank vor Angst, dass diese Bestien sich erlauben, ein anderes Mädchen anstelle meiner Nichte nach Wien zu schicken«,

schrieb Maria Karolina, Königin von Neapel, im Januar 1796, während sie auf den ersten Bericht aus Wien wartete, wo Marie Thérèse, die Tochter ihrer auf der Guillotine hingerichteten Schwester Marie Antoinette, ankommen sollte.1

Die französische Regierung hatte sie gegen Kriegsgefangene, die sich in österreichischer Haft befanden, ausgetauscht. Die Sorge Maria Karolinas war keinesfalls unbegründet. Auch der englische Agent Lord Wickham erhielt von seinen Informanten beunruhigende Berichte über merkwürdige Vorfälle rund um die französische Königstochter.

Zweifel und Misstrauen von allen Seiten begleiteten die ersten Monate der Siebzehnjährigen in Wien. Warum kühlte, wie die Zeitgenossen berichten, nach einigen Monaten die Beziehung zwischen dem Wiener Hof und der Prinzessin deutlich ab? Warum interessierte sich Maria Karolina, die ihre Nichte anfangs am Hof in Neapel wie eine Tochter aufnehmen wollte, auf einmal überhaupt nicht mehr für sie? Hatte eine Vertauschung der Prinzessin tatsächlich stattgefunden? Und wenn ja, wo war die echte Prinzessin geblieben?

Zwei Grabstätten standen am Anfang meiner Recherche: Die eine liegt im heutigen Slowenien, in der Gruft der Bourbonen im Franziskanerkloster Kostanjevica in Görz (Nova Gorica). Hier ruht die Herzogin von Angoulême (1778 – 1851) neben ihrem Mann und ihrem Schwiegervater, Charles X., in einem weißen Sarg mit den Buchstaben »M« und »T« und der Inschrift: »Die ihr auf eurem Weg hier vorbeikommt, haltet inne und schaut, ob es einen vergleichbaren Schmerz wie den meinen gibt.«

Die andere Grabstätte liegt in Thüringen, auf halber Höhe des Stadtberges von Hildburghausen. Ein einsames Grab ohne Beschriftung, halb vom Berg verschluckt und von Efeu bedeckt, umgeben von hohen Bäumen. Hier ruht seit 1837 die Frau, die als »Dunkelgräfin« in die Geschichte eingegangen ist.

Zwei Grabstätten, die mich in ähnlicher Weise berührten. Wer ruht hier wirklich? Eine Frage, die mich zwei Jahre lang auf der Suche nach Antworten quer durch Europa reisen ließ.

Seit mehr als 150 Jahren kursieren die verschiedensten Vertauschungstheorien. Sie beschäftigen Historiker und Romanschriftsteller und erregen die Gemüter, ohne dass eine Lösung bisher gefunden wurde. Denn wer dem österreichischen Kaiser eine falsche Prinzessin unterschieben wollte, musste mit höchster Geheimhaltung arbeiten und konnte kaum über die offiziellen Postwege verhandeln, sollte möglichst gar keine schriftlichen Dokumente hinterlassen. Die Beweisführung der Gegner beziehungsweise Befürworter der Vertauschungsthese stützte sich daher vor allem auf den Vergleich von Schriftproben und Porträts, auf Charakterzüge und die Analyse von Sekundärquellen.

Die Lösung findet man aber nicht, indem man immer wieder Altbekanntes neu interpretiert, sondern nur, indem man sich auf die Suche in die Archive nach Wien, Paris, Neapel, Schwerin, Berlin, Altenburg und Pattensen begibt.*

Es ist schon sehr verwunderlich, dass die Historiker, die eine Vertauschung der Prinzessin in das Reich der Phantasie verbannen wollen, Erpresserbriefe, die die Herzogin von Angoulême ab 1833 bekam, ignorieren. Die ehemalige Untergouvernante Madame de Soucy drohte damit, ein Geheimnis öffentlich zu machen, das sie als Begleiterin auf der Fahrt nach Wien im Dezember 1795 erfahren hatte. 18 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, zahlte die Herzogin ein Vermögen an Schweigegeldern. Was hatte sie zu verbergen?

Auch das Rätsel um das merkwürdige Abkühlen der Beziehung zum Wiener Hof lässt sich mithilfe der Briefe Maria Karolinas im Wiener Haus- und Hofarchiv lösen. In den Akten der Wiener Geheimpolizei des Jahres 1796 stößt man auf die Briefe des ehemaligen Kammerdieners Hue, der einen harten Kampf mit sich selber ausfocht, ob er reden oder lieber schweigen und von seinem Wissen profitieren sollte.

Nimmt man hinzu, dass die Prinzessin in den Jahren darauf immer wieder an Orten gesehen wurde, an denen sie eigentlich gar nicht sein konnte, denn ihr offizieller Aufenthaltsort lag Tausende von Meilen entfernt, dann stellt sich schon die Frage, ob die Frau auf dem Cover dieses Buches, die als die offizielle Marie Thérèse in Wien ankam, wirklich die echte Tochter Marie Antoinettes war.

* Die Geschichte der spannenden Recherche ist auf der Homepage der Autorin nachzulesen: www.carolinphilipps.de

Madame Royale – Kindheit und Jugend zwischen Luxus und Kerker (1778 – 1795)

Eltern: Marie Antoinette und Louis XVI.

»Kriege führen mögen andere, du glückliches Österreich heirate. Denn was Mars (den) anderen (verschafft), gibt dir die göttliche Venus.«

Wer sich diese Verse ausgedacht hat, ist nicht bekannt. Sie sind angelehnt an einen Spruch aus Ovids »Heroides«1, werden aber seit dem 15. Jahrhundert auf die Heiratspolitik des Hauses Habsburg angewandt, das seinen Einflussbereich in Europa vor allem durch eine geschickte Verheiratung seiner Söhne und Töchter ausdehnte.

Die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die mit ihrem Mann Franz I. insgesamt 16 Kinder hatte, machte da keine Ausnahme. Mithilfe ihres Ministers Kaunitz wurden die kaiserlichen Kinder Teil eines weitgespannten Bündnisgeflechts. Maria Antonia Josepha Johanna, die am 2. November 1755 als 15. Kind in der Hofburg zu Wien geboren wurde, war schon in jungen Jahren für eine besonders wichtige Rolle ausersehen: Sie sollte den französischen Thronfolger, den Enkel Louis’ XV., heiraten und so den Bestand eines 1756 abgeschlossenen Bündnisses zwischen Frankreich und Österreich garantieren. Beide Länder fühlten sich von ihren traditionellen Bündnispartnern – Österreich von England, Frankreich von Preußen – im Stich gelassen und hatten sich neu orientiert.

Jahrhundertelang galten Frankreich und Österreich als Erzfeinde, und so lag es nahe, das neue Bündnis, das vor allem in Frankreich von Anfang an auf große Widerstände stieß, durch eine Hochzeit zu festigen. Erste Verhandlungen begannen, als Maria Antonia zehn Jahre alt war. 1769 hielt König Louis XV. von Frankreich offiziell um ihre Hand für seinen Enkel an.

Nachdem der Heiratsvertrag unterzeichnet war, befasste sich Maria Theresia genauer als bisher mit der Erziehung ihrer Tochter und bemerkte zum ersten Mal bei ihr gravierende Mängel in der Allgemeinbildung und der Beherrschung der französischen Sprache. Auf ihre Aufgaben als künftige Königin von Frankreich, die im Sinne Österreichs die französische Politik beeinflussen sollte, war ihre Tochter nicht vorbereitet. Zwar hatte Maria Theresia durch detaillierte Anweisungen die Erziehung ihrer Kinder vorgegeben, ausgeführt wurden sie jedoch durch adlige Erzieherinnen, »Ajas« genannt.

Der Stundenplan enthielt neben Lesen und Rechnen Tanzstunden, Theateraufführungen, Geschichte, Malen, Staatskunde und Fremdsprachen. Die Prinzessinnen wurden zudem in Handarbeiten und in Konversation unterwiesen. Maria Antonia entwickelte sich zu einem Mädchen, das mit seinem meist fröhlichen Verhalten die Erzieher beeindruckte, das sich aber ansonsten wenig für die Unterrichtsinhalte interessierte und häufig schwänzte. Auch später noch kritisierten ihre Erzieher, dass sie sich nicht über einen längeren Zeitraum konzentrieren konnte und sich nur ungern intensiv mit ihren Aufgaben befasste.

In den Monaten vor der Hochzeit wurde sie durch den französischen Abbé Vermond, der Maria Theresia von ihrem Gesandten in Paris, Graf Mercy d’Argenteau, empfohlen worden war, auf ihre neue Stellung vorbereitet. Abbé Vermond äußerte sich sehr kritisch über seine neue Schülerin, die er als träge und flatterhaft beschreibt. Es sei mühsam, ihr auch nur die wichtigsten Grundlagen der französischen Hofgeschichte einzuprägen.2

Am 19. April 1770 fand die Vermählung per procurationem in der Augustinerkirche in Wien statt. Die Rolle des Ehemannes übernahm ihr Bruder Ferdinand. Zwei Tage später reiste die Vierzehnjährige mit einem imposanten Brautzug ab. Überall, wo sie auf der Fahrt nach Paris Station machte, wurde sie begeistert empfangen, ihr zu Ehren feierte man pompöse Feste.

Unter den geladenen Gästen, die der Prinzessin vorgestellt wurden, befand sich in Straßburg auch die sechzehnjährige Henriette von Waldner, die zukünftige Baronin von Oberkirch, die in ihren Memoiren begeistert dieses Ereignis beschrieb: »Oh! Lebte ich 100 Jahre, ich würde nie diesen Tag, diese Feste, diese Freudenschreie vergessen, ausgestoßen von einem Volk, das trunken ist vor Glück über diese Souveränin.« Die ganze Stadt sei abends beleuchtet gewesen, »die Kathedrale, vom Kreuz bis zum Boden, war eine einzige Flamme«.

Sie beschreibt Marie Antoinette als groß, gut gebaut, wenn auch ein bisschen dünn. Sie habe sich seitdem wenig geändert: immer noch dasselbe ebenmäßige längliche Gesicht, die Adlernase, die nach vorne spitz zuläuft, diese hohe Stirn, diese blauen, lebhaften Augen. Ihr Mund, sehr klein, bereits etwas herablassend. »Niemand kann das Leuchten ihres Teints beschreiben, eine Mischung aus Lilien und Rosen. Ihre Haare von einem Aschblond mit nur wenig Puder. Wie sie den Kopf trug, das Majestätische ihrer Taille, die Eleganz und Grazie ihrer Person, war dieselbe wie heute.«3

Am 7. Mai erfolgte die Übergabe der Prinzessin durch die österreichischen Diplomaten an die französischen auf neutralem Gebiet. Vor Straßburg war auf einer der Rheininseln ein Pavillon gebaut worden, durch dessen in der Mitte gelegenen Salon die symbolische Grenze führte.4 »Wer hatte nur die Idee, die törichten Wandteppiche aufzuhängen«, fragte sich die Baronin Oberkirch in ihren Memoiren. Die Teppiche, mit denen der Pavillon geschmückt war, zeigten Bilder aus der Medea-Sage: Streit und grausamer Tod. Die Prinzessin war wie ihr Hofstaat entsetzt darüber. »Ah!«, sagte sie zu ihrem deutschen Zimmermädchen, »sieh, welche Vorhersage!«5

Im Rahmen dieser Übergabe musste sich das junge Mädchen nicht nur von allen österreichischen Freunden und Bekannten, sondern auch von ihren Kleidern trennen und sich vollständig entkleiden. Anschließend bekam sie französische Gewänder.

Die Prinzessin habe viel geweint, schreibt die Baronin Oberkirch, und allen kleine Botschaften an ihre Familie und ihre Freunde in Wien aufgetragen. Als man sie aber dann auf französischem Territorium zuerst feierlich auf Deutsch begrüßte, sagte sie: »Reden Sie kein Deutsch mehr, Messieurs; mit dem heutigen Datum höre ich keine andere Sprache mehr als das Französische.«6 An diesem Tag wurde aus der österreichischen Erzherzogin Maria Antonia die französische Dauphine Marie Antoinette.

In Compiègne, nördlich von Paris gelegen, trafen sich die Brautleute zum ersten Mal; der sechzehnjährige Louis Auguste begrüßte sie eher verlegen. Auch bei der Hochzeitszeremonie soll er sehr viel schüchterner gewesen sein als seine Braut: »Während des Gottesdienstes zitterte er am ganzen Körper und errötete bis unter die Haarwurzeln, als er ihr den Ring ansteckte.«7

Louis Auguste wurde am 24. 8. 1754 als Sohn des Dauphins von Frankreich Louis Ferdinand und seiner Frau Maria Josepha von Sachsen geboren. Da König Louis XV. diesen Sohn von allen Regierungsgeschäften ausschloss, lebte die Familie zurückgezogen, fern vom Treiben am Hof in Versailles. Louis Auguste stand nach seinem fünfunddreißigjährigen Vater und seinem drei Jahre älteren Bruder zunächst nur an dritter Stelle der Thronfolge. Es galt als eher unwahrscheinlich, dass er jemals französischer König werden würde. Erst nach dem Tod seines Bruders, der mit zehn Jahren an Tuberkulose starb, und dem Tod seines Vaters im Jahr 1765 wurde Louis mit elf Jahren Thronfolger.

Von seinen Lehrern wurde er als intelligenter Schüler beschrieben, dessen Interessen der Geschichte und der Geografie galten. In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit handwerklichen Arbeiten, vor allem mit dem Bau und der Reparatur von Uhren, die ihn faszinierten, und mit der Jagd. Eine ganz wichtige Rolle spielte der Glaube, der später in den Jahren nach 1789 bis zu seiner Hinrichtung die tragende Basis seines Lebens wurde. Für seine zukünftige Rolle als König lernte er, dass der Monarch nicht nur alleiniger Herrscher über sein Volk war, sondern auch ein tugendhaftes Leben führen und verantwortungsvoll Gott und seinen Untertanen gegenüber leben müsse. Diese patriarchalische Auffassung von der Monarchie prägte bis zum Tod seine Haltung zu seinem Volk.

Das gemeinsame Leben mit der »Österreicherin«, wie Marie Antoinette von Anfang an in Frankreich verächtlich genannt wurde, begann im Mai 1770 am Hofe Louis’ XV. in Versailles, der als einer der extravagantesten Höfe Europas galt. Marie Antoinette war in einer ihr völlig fremden Umgebung allein gelassen, unerfahren vor allem im Umgang mit Hofintrigen. In Wien hatte ihr Vater zur Erziehung seiner Kinder noch die Maxime aufgestellt: »Das Volk darf nicht unter der Steuerlast stöhnen, während die Monarchen sich vergnügen.«8 In Versailles dagegen war das oberste Gebot das Amusement des Königs und seines Hofes, dem sich die junge Dauphine begeistert unterwarf.

Später ist Marie Antoinette der Vorwurf gemacht worden, sie sei leichtsinnig und verschwenderisch gewesen und habe dadurch ganz entscheidend zum Untergang der Monarchie beigetragen. Sie liebte unter anderem das Pharo-Spiel, bei dem sie monatlich etwa 15 000 Livres ausgab. Selbst ihre Mutter schrieb warnende Briefe: Sie habe gehört, dass ihre Tochter »Armbänder um 250 000 Livres gekauft, zu diesem Zweck ihre Einkünfte derangiert und Schulden gemacht« habe, monierte sie. Auch die extravaganten Frisuren ihrer Tochter, die sich bis zu 36 Zoll hoch auftürmten und in ganz Europa Furore machten, beunruhigten sie. »Eine junge hübsche Frau, die so viel Anmut hat, braucht alle diese Torheiten nicht.«9 Die Mutter warnte vergebens.

Aber was kann man von einer Vierzehnjährigen erwarten, die von einem Tag zum anderen in einer paradiesischen Welt aufwacht, umgeben von unvorstellbarem Luxus, einer Welt, in der Geld keine Rolle zu spielen scheint, in der jeder Wunsch einer Unzahl von Dienern Befehl ist? Zumal diese junge Frau auch noch ungenügend auf ihre Rolle vorbereitet war, zum einen, weil sie selber kein großes Interesse am Lernen gezeigt hatte, zum anderen, weil sie gar nicht so viel lernen sollte, um keine eigenen Vorstellungen zu entwickeln, da sie ja als Marionette im politischen Spiel ihrer Mutter gedacht war. Man muss sich nicht wundern, wenn sie den verschwenderischen Stil ihrer Umgebung übernahm und am Ende die Grenzen nicht erkannte.

Maria Theresia hatte ihrer Tochter zwei »Berater« an die Seite gestellt: den Abbé Mathieu-Jacques de Vermond, der sie schon in Wien auf ihr Leben in Paris vorbereitet hatte, und den österreichischen Botschafter in Frankreich, Graf Mercy d’Argenteau. Beide sandten regelmäßig Berichte nach Wien, an die Mutter und an deren Kanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz, ohne dass Marie Antoinette es wusste. Beider Auftrag war: über die Dauphine Einfluss auf den König und die französische Politik zu nehmen.

»Bleib eine gute Deutsche!«, soll Maria Theresia ihrer Tochter zum Abschied gesagt haben, und natürlich hat sie als gehorsame Tochter versucht, ihren Einfluss im Sinne Österreichs geltend zu machen. Das zeigen ihre Briefe an die Mutter. Wie sehr ihr das aber tatsächlich gelungen ist, wird unterschiedlich beurteilt und kann nicht Thema dieses Buches sein.

Als sein Großvater Louis XV. am 10. Mai 1774 starb, wurde der Dauphin als Louis XVI. mit 19 Jahren König von Frankreich. Das Land, über das er herrschte, war durch seine Vorgänger Louis XIV. und XV. in den Ruin getrieben worden. Hauptproblem war die hohe Staatsverschuldung, die noch durch eine Beteiligung am Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die Engländer verstärkt wurde. Außerdem brachten die Soldaten bei ihrer Heimkehr revolutionäre Gedanken mit nach Frankreich zurück, wo sie die zunehmende Kritik am König verstärkten.

Während Louis XVI. früher als schwacher, unfähiger Monarch beschrieben wurde, an dem man kein gutes Haar ließ, bescheinigen ihm heutige Historiker immerhin, dass er seine Herrschaft mit der besten Absicht antrat, die Verschwendungssucht am Hof und im Staat zu bekämpfen. Er scheiterte letztlich aber am Widerstand der oberen Stände, dem Adel und der Geistlichkeit, die sich ihre jahrhundertealten Privilegien nicht nehmen lassen wollten und das Volk benutzten, um die Pläne des Königs zu hintertreiben.

Marie Antoinette charakterisierte ihren Mann im Juli 1792, als man in den Tuilerien einen erneuten Angriff durch die Volksmassen befürchtete und der König in schwere Depressionen gefallen war, vor ihrer ersten Kammerfrau Madame Campan so: »Der König ist kein Feigling; er besitzt einen großen passiven Mut, aber er ist niedergedrückt durch eine schlimme Scham, ein Misstrauen in sich selber, das von seiner Erziehung und seinem Charakter herrührt. Er hat Angst, das Kommando zu übernehmen, und vor nichts anderem mehr Furcht, als vor einer Versammlung zu reden. Er hat als Kind immer verängstigt unter den Augen Louis XV. gelebt … Diese Anspannung ist die Ursache für seine Furchtsamkeit.«10

Das Leben am Hof war ein öffentliches, angefangen beim morgendlichen Lever. Alles wurde beobachtet, kommentiert und verbreitet, teilweise durch bösartige Karikaturen. Dies geschah auch durch Adlige, die so ihren persönlichen Frust abreagierten, ohne zu bedenken, dass sie dadurch das Ansehen der Monarchie, deren Teil sie waren, beschädigten.

Bereits vor der Hochzeit des Königspaares kursierte eine Karikatur, die den österreichischen Kanzler Kaunitz zeigt, wie er der französischen königlichen Familie eine Büchse reicht, aus der Marie Antoinette steigt. Die »Büchse der Pandora« ist sie betitelt. Die Botschaft lautete: Die »Österreicherin« wird, wie einst Pandora, die Femme fatale der griechischen Mythologie, Unheil über die Menschen bringen.

Marie Antoinette hatte durchaus ihre Bewunderer, so zum Beispiel in der Baronin Oberkirch aus Straßburg, die zwischen 1782 und 1786 mehrfach monatelang in Paris und Versailles weilte und eine gute Beobachterin war, ohne selber in die Hofintrigen verwickelt zu sein. Sie bedauerte Marie Antoinette, die immer öfter Opfer der Eifersüchteleien bei Hofe wurde, obwohl sie beste Absichten hatte. »Sie ist einer dieser Sterne, deren Schein für die Erde verschleiert bleibt, sichtbar nur für Gott«, kommentierte die Baronin.11

Als Marie Antoinette sieben Jahre lang nicht schwanger wurde, bot dies europaweit in Botschafterbriefen und in der Presse Stoff für Diskussionen und zum Teil hämische Kommentare. Während der König sich auf der Jagd austobte, sagte man Marie Antoinette ständig wechselnde Liebhaber nach, ohne den Beweis dafür erbringen zu können. Lediglich zu dem schwedischen Grafen von Fersen hat sie nachweislich eine Liebesbeziehung aufgebaut, wie die Korrespondenz der beiden zeigt. Sogar ihre Freundschaften zur Prinzessin de Lamballe und zur Herzogin de Polignac wurden als lesbische Beziehungen umgedeutet. Da der König keine Lust verspürte, mit seiner Frau das Bett zu teilen, schloss man, dass sie sich anderswo Liebe und sexuelle Befriedigung holen würde.

Peinlichste Karikaturen kursierten in Frankreich und an den Höfen Europas, die Marie Antoinette in eindeutigen Posen beim Ehebruch zeigten. Louis XVI. wurde als »gehörnter« Esel hingestellt. Allerdings nahm er seine Frau immer in Schutz und versuchte sogar, besonders bösartige Karikaturen zu verbieten, wohl wissend, dass seine sexuelle Unfähigkeit und das Fehlen eines Thronfolgers die Ursachen dafür waren. Viele dieser Pamphlete stammten direkt aus der engeren Umgebung des Königspaares, unter anderem von den Brüdern des Königs, die sich selber Aussichten auf die Thronnachfolge versprachen.12

Immer wieder musste sich Marie Antoinette vor ihrer Mutter rechtfertigen, warum sie noch nicht schwanger war. Immer wieder musste sie hoffnungsvolle Gerüchte zerstreuen; der Druck, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen und die Thronfolge durch einen Sohn zu sichern, war stark. So schrieb sie am 17. Juli 1773 nach der Rückkehr aus Compiègne an ihre Mutter: »Dieser Umstand hat wohl das Gerücht aufkommen lassen, dass er mich öffentlich geküßt hat, obwohl das nicht richtig ist; doch ist meine teure Mama sehr im Irrtum zu glauben, dass er es seit meiner Ankunft nicht getan hat; im Gegenteil, seit Langem bemerkt jedermann seine Zuneigung zu mir. Ich kann wohl Ihnen, meine teure Mama, und nur Ihnen allein anvertrauen, dass meine Angelegenheiten, seitdem wir hier [in Versailles, Anm. d. Autorin] sind, sich gut entwickelt haben und ich die Ehe für vollzogen halte; wenn auch noch nicht in dem Maße, um schwanger zu sein. Aus diesem Grund allein will der Herr Dauphin noch nicht, dass man es weiß. Welches Glück, wenn ich im Monat Mai ein Kind hätte!«13

Aber noch vier Jahre später, am 19. 12. 1777, musste sie nach Wien melden: »Madame, meine geliebte Mutter! Vor vier Tagen hoffte ich, dass der Kurier meiner teuren Mama die Nachricht von meiner Schwangerschaft bringen könnte. Seit der Rückkehr aus Fontainebleau hat der König gewohnheitsmäßig mit mir geschlafen und sehr oft alle Pflichten eines wirklichen Gemahls erfüllt. Mein Unwohlsein ist gestern wieder gekommen, was ich sehr bedaure. Die Art aber, in der der König jetzt mit mir lebt, gibt mir die große Zuversicht, dass mir binnen Kurzem nichts mehr zu wünschen übrig bleiben wird.«14

Ein Jahr später, am 19. 12. 1778, wurde endlich das erste Kind des Königspaares geboren: Marie Thérèse Charlotte.

Geburt und Kindheit im Schloss zu Versailles

»Die Königin kommt nieder!«,

mit diesen Worten kündigte Vermont, der Leibarzt Marie Antoinettes, den versammelten Höflingen, die sich um das Fußende ihres Bettes gruppiert hatten, die bevorstehende Geburt an. Wie jede Phase der Schwangerschaft, so war auch die Geburt öffentlich, damit niemand dem Königshaus einen falschen Erben unterschieben konnte.

Die erste Kammerfrau der Königin, Madame Campan, beschreibt die Szene so: »Die Flut der Neugierigen, die sich in das Zimmer ergoss, war so groß und so laut, dass die Königin dabei fast zu Tode gekommen wäre. Der König hatte in der Nacht als Vorsichtsmaßnahme mithilfe von Kordeln riesige Teppichwandschirme um das Bett Ihrer Majestät errichten lassen; ohne diese Vorsichtsmaßnahme wären sie [die Neugierigen, Anm. d. Autorin] auf sie gefallen. Es war nicht mehr möglich, sich im Zimmer zu bewegen, das gefüllt war mit einer Menschenmenge, so bunt durcheinander, dass man sich auf einem öffentlichen Platz glaubte.«1

Die Luft war so stickig, dass Marie Antoinette das Bewusstsein verlor, die Umstehenden in Panik gerieten und der König höchstpersönlich die hohen, mit Papierstreifen zugeklebten Fenster aufriss, mit »einer Kraft«, wie Madame Campan schreibt, »die ihm nur seine Zärtlichkeit für die Königin geben konnte«. Nachdem man die Königin zur Ader gelassen hatte, öffnete sie die Augen wieder. Die Menge wurde von den Kammerdienern aus dem Zimmer gewiesen. Dieser grausame Brauch, dass jeder zum Zuschauen kommen konnte, der wollte, wurde von diesem Tag an für alle Zeiten abgeschafft, schreibt ihre Kammerfrau.2

Die Angst um das Leben der Königin vertrieb zunächst sogar die allgemeine Enttäuschung, dass sie keinen Thronfolger geboren hatte. Der Herzog von Croy berichtet: »Die Königin hatte eingeführt, dass fast bei jeder Gelegenheit geklatscht wurde, und so spendete man jetzt auch Beifall, woraufhin sie glaubte, sie habe einen Knaben geboren. Ab diesem Moment bekam sie keine Luft mehr und verlor das Bewusstsein. Man trug das Kind, das wohlauf war, ins Nebenzimmer hinüber. Der König ging hinterher, um sich anzusehen, wie es gereinigt wurde. Als man sah, dass es ein Mädchen war, gingen alle betroffen auseinander.«3

Madame Campan beschreibt, wie Marie Antoinette ihre Tochter an sich drückte und sagte: »Arme Kleine, Ihr ward nicht gewünscht, aber Ihr seid mir deshalb nicht weniger lieb. Ein Sohn würde in erster Linie dem Staat gehören. Ihr gehört mir; Ihr werdet meine ganze Fürsorge haben; Ihr werdet mein Glück teilen und meinen Kummer lindern.«4

Uneingeschränkt gefreut über die Geburt eines Mädchens haben sich dagegen die beiden jüngeren Brüder des Königs: der Comte de Provence und der Comte d’Artois, die selber hofften, irgendwann mangels männlichem Nachfolger den Thron des Königs besteigen zu können. Vor allem der Graf de Provence, der in Vertretung des spanischen Königs als Pate der kleinen Prinzessin fungierte, galt als einer derjenigen, die die bösen Gerüchte, die schon vor der Geburt kursierten, öffentlich machte: War der König wirklich der Vater der kleinen Prinzessin oder nicht doch der Herzog von Coigny, mit dem Marie Antoinette eine Affäre gehabt haben sollte?5

Dessen ungeachtet, berichtete Botschafter Mercy an Maria Theresia nach Österreich, empfand der König für seine Tochter, die nach ihrer Großmutter den Namen Marie Thérèse und den Titel Madame Royale bekam, das »zärtlichste Entzücken«. Er vertraute seiner Frau und ignorierte wie so oft die bösen Gerüchte.

Der Hofstaat der kleinen Prinzessin, den die Eltern selber kurz nach ihrer Geburt zusammenstellten, umfasste, obwohl im Vergleich zum üblichen Hofstaat für eine königliche Prinzessin schon reduziert, immer noch zahlreiche Geistliche, neun Ärzte, einen Barbier, eine Pediküre, einen Musiklehrer, einen Tanzlehrer, einen Fechtlehrer, einen Turnlehrer und sogar einen Meisterseiltänzer. Neben der Wiege standen abends zwei gebratene Hühner, zwei Flaschen Bordeaux, acht gekochte Eier; das war symbolisch gedacht, kostete die Staatskasse aber jährlich eine halbe Million Francs.6

Marie Antoinette kümmerte sich mehr als in ihren Kreisen üblich um die Erziehung ihrer Tochter, die sich in den ersten Lebensjahren tagsüber meist in den Zimmern der Mutter aufhielt. Dies erfreute Botschafter Mercy überhaupt nicht, und er berichtete erbost an den österreichischen Kanzler Kaunitz: »Man hat kaum noch die Möglichkeit, mit der Königin einen wichtigen oder ernsthaften Gegenstand zu erörtern, ohne jeden Augenblick von kleinen Zwischenfällen im Spiel des Königskindes unterbrochen zu werden, und diese Widrigkeiten fördern ihre [Marie Antoinettes, Anm. d. Autorin] natürliche Neigung zur Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit, sodass sie kaum noch zuhört … und noch weniger versteht.«7

Marie Antoinette ihrerseits berichtete ihrer Mutter stolz und ausführlich über die Fortschritte ihrer Tochter: »Die arme Kleine fängt in ihrem Gitterchen schon richtig das Laufen an. Seit einigen Tagen sagt sie Papa, ihre Zähne sind noch nicht draußen, aber man kann sie schon alle spüren. Es freut mich sehr, dass sie ihren Vater zuerst nennt, das macht die Beziehung zu ihm noch inniger. Alles geht genau nach Plan, und was mich betrifft, so könnte ich sie nicht zärtlicher lieben.«8

Auch Madame de Tourzel, die ab 1789 die Erzieherin des Dauphin und auch für Marie Thérèse als »Surveillance generale« zuständig war, beschreibt in ihren Memoiren die enge Beziehung des Königs zu seiner Tochter: »Der König hatte für sie eine ganz besondere Vorliebe und ließ keine Gelegenheit aus, um die Zärtlichkeit erkennen zu geben, die er für sie spürte.«9

Für die eigentliche Erziehung Marie Thérèses waren Untergouvernanten zuständig, unter anderen Baronin Marie-Angélique de Mackau (1723 – 1801) und ihre Tochter, die Marquise Renée-Suzanne de Soucy (1758 – 1841). Besonders eng war die Beziehung der kleinen Prinzessin zur Baronin Mackau, die sie »Maman Mackau« nannte.10

Die Baronin Oberkirch, die eine gute Freundin von Madame de Mackau war, traf bei ihren Besuchen in Versailles immer wieder auf Madame Royale, die sie ein »Wunder an Schönheit, Geist, frühreifer Würde« nannte.11 »Madame Royale ist so schön und voll von bewundernswerten Neigungen. Sie verspricht so viel Glück, Intelligenz und Charakter! Ah, was für eine Prinzessin sie werden wird!«12

Marie Antoinette ließ sich bei ihrer Erziehung von dem damals populären Konzept Rousseaus beeinflussen, der Kinder jenseits aller Etikette besonders natürlich erziehen lassen wollte. Die Hofetikette sah für königliche Prinzessinnen, sobald sie die Wiege verließen, enge und spitzenbesetzte Ärmel vor, die die Bewegungen der Arme einschränkten. Marie Antoinette dagegen ließ ihre Tochter in einfachen Kleidern aufwachsen, die ihr eine freiere Bewegung gestatteten. Für die schulische Erziehung gab sie die Anweisung, dass Marie Thérèse eine Ausbildung bekommen sollte, die in keinem der ihres Bruders, des Thronfolgers, nachstand.13

Die Sommerzeit verbrachte Marie Thérèse mit ihrer Mutter im Petit Trianon, einem kleinen Schloss, das Louis XV. ursprünglich nordwestlich von Versailles für seine Mätresse Madame de Pompadour gebaut hatte und das Louis XVI. seiner Frau schenkte. Sie richtete es mit teuren Möbeln und Kunstwerken nach ihrem Geschmack ein und verbrachte dort mit ausgesuchten Freunden fern der Etikette des Hofes viel Zeit, spielte Theater und feierte ihre eigenen Feste.

Den Park ließ sie im englischen Stil errichten mit Ruinen, Wasserbecken, künstlichen Bergen, Kaskaden, Tempeln und Statuen. Im Mittelpunkt aber stand ein im Schweizer Stil nachgebautes Dorf, eine bäuerliche Idylle, wie sie zu der Zeit in Adelskreisen beliebt war. Während vor allem die Ausgaben für das Dorf im Volk Empörung auslösten, schrieb die Baronin Oberkirch nach einem Besuch dort im Mai 1782: »Ich habe in meinem ganzen Leben keine schöneren Momente verbracht wie die drei Stunden an diesem Rückzugsort.«14

Marie Thérèse bekam hier ein eigenes Blumenbeet, das sie mit Schaufeln, Rechen und Gießkanne bearbeiten konnte. Auch eine Schaf- und Ziegenherde mit eigenem Hirten, der in einer Hütte neben der Orangerie wohnte, gehörte ihr zu naturnahem Spiel.

Um das Sozialverhalten ihrer Tochter zu entwickeln, lud Marie Antoinette jeden Sonntag zum Tanz in den Garten des Trianon. Saubere Kleidung genügte als Eintrittskarte. Die Königin selber führte den ersten Tanz an und ermutigte Madame Royale und den Dauphin, mit den anderen Kindern zu tanzen.15

Marie Antoinettes Idee, ihre Tochter in weniger strenger Etikette als bei Prinzessinnen üblich aufwachsen zu lassen, stieß nicht nur in Frankreich auf Missbilligung. Auch ihre Mutter schimpfte in einem Brief an ihren Botschafter über die neumodischen Ideen ihrer Tochter: »Ich bin in keiner Weise damit einverstanden, dass man die Etikette aus dem Erziehungsplan für Kinder unserer Geburt streicht … Die augenblickliche Mode nach Rousseau, ihnen Freiheit zu gewähren und sie damit zu Bauern zu machen, gefällt mir nicht, und ich sehe in ihr keinen Vorteil, im Gegenteil. Auch wenn man ihren Hochmut nicht zu nähren braucht, so muss man sie doch von klein auf an die Repräsentation gewöhnen, um vielen unschicklichen Situationen vorzubeugen, die sich unvermeidlich einstellen, wenn der Herrscher und seine Familie sich nicht durch standesgemäßes Auftreten von Privatpersonen unterscheiden.«16

Der König, der seit Jahren seinem Hof ein Sparprogramm verordnet hatte, und Marie Antoinette zeigten ihren Kindern immer wieder die andere Seite des Lebens, auch wenn dies sporadische Versuche blieben: Am Neujahrstag des Jahres 1784, als Marie Antoinette mit ihrer Tochter und dem Dauphin die Versailler Spielzeugausstellung besuchte, erklärte sie ihnen, dass sie in diesem Jahr keine neuen Spielsachen bekämen, sondern von dem Geld Decken und Brot für die Armen gekauft würden.17

Äußerlich hatte Marie Thérèse offenbar sehr große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Über ihren Charakter gibt es unterschiedliche Aussagen, je nach politischer Couleur des Betrachters. Wer Marie Antoinette nicht mochte, glaubte im Verhalten ihrer Tochter bereits die gleiche hochmütige Art zu erkennen, die man ihr vorwarf. Madame de Tourzel schreibt, dass Marie Antoinette sich verpflichtet glaubte, sie mit einer gewissen Strenge zu erziehen, da man ihr einen falschen Eindruck vom Charakter ihrer Tochter übermittelt hatte, sie hielt sie für stolz und manchmal von einem so »zerstörerischen Geist«, dass man sie »nicht ohne Bedenken mit anderen Kindern ihres Alters zusammenkommen lassen kann«.18

Dafür typische Szenen werden in allen Biografien erzählt, so zum Beispiel in einem Bericht aus dem Jahr 1796: Als Marie Thérèse einmal ein Fächer auf den Boden fiel, machte sie ihrer Kinderfrau ein Zeichen, ihn aufzuheben. Die Kinderfrau gehorchte. Marie Antoinette, die zugegen war, warf den Fächer sofort wieder auf den Boden und befahl ihrer Tochter, ihn selber aufzuheben.19

Man wollte wohl Marie Antoinette treffen, wenn man der Tochter ein Verhalten nachsagte, das eigentlich das Verhalten der Mutter charakterisierte, denn deren Handeln hätte man nicht ungestraft kommentieren dürfen. Der Name Marie Antoinette steht vor allem in der französischen Geschichtsschreibung für unvorstellbare Verschwendungssucht, die den Ausbruch der Französischen Revolution mitverursacht habe. Dies ist zum Teil berechtigt, andererseits aber maßlos übertrieben worden in dem Bestreben, die »Österreicherin«, die in Frankreich von Anfang an umstritten war, in Misskredit zu bringen. Es waren die angehäuften Schulden der letzten Könige, die den Staat an den Rand des Bankrotts brachten. Vieles, was damals über die Königin im Umlauf war, würde heute zu Recht als »Rufmord« verurteilt werden.

Marie Thérèse dagegen wird von den meisten Zeitgenossen eher als sehr sanft, sensibel, leicht melancholisch beschrieben. Sie sei immer etwas ernst und nachdenklich und spiele wenig. »Sie war niemals ausgelassen fröhlich«, heißt es in einer zeitgenössischen Quelle.20La petite Mousseline oder Mousseline sérieuse wurde sie liebevoll genannt.

Über das Leben Marie Thérèses in den ersten zehn Jahren wissen wir, abgesehen von dem, was in den Briefen ihrer Mutter an ihre Großmutter Maria Theresia und in kurzen Mitteilungen von Besuchern steht, nicht wirklich viel, da Prinzessinnen erst im öffentlichen Leben erscheinen, wenn sie in das heiratsfähige Alter kommen. Die ersten zehn Jahre lebte sie ein geborgenes Leben bei ihren Eltern, die sich mehr als bei adligen Paaren üblich um ihre Kinder kümmerten. Dass auch über ihre Verheiratung unter anderem mit Louis Philippe, dem Sohn des Herzogs von Orléans, bereits spekuliert wurde, bevor sie zehn Jahre alt war, kümmerte sie nicht, zumal ihre Mutter vehement dagegen war.

Diese lehnte auch eine Anfrage ihrer Lieblingsschwester Maria Karolina ab, der Königin von Neapel, die im Sommer 1787 durch einen Boten ein Heiratsprojekt vorschlug: Marie Thérèse sollte ihren ältesten Sohn heiraten. Marie Antoinette wollte aber lieber, dass ihre Tochter später ihren Cousin, den Herzog von Angoulême, heiratete, wie die erste Kammerfrau Marie Antoinettes, Madame Campan, in ihren Memoiren schreibt. Marie Thérèse würde dann nicht ihren Rang als Tochter des Königs verlieren, was eine bessere Position als die einer Königin in einem fremden Land sei. Außerdem müsse eine Prinzessin spätestens mit sieben Jahren das Heimatland verlassen, um an den fremden Hof zu gehen, schon mit zwölf Jahren sei es zu spät, denn die Erinnerungen an die Heimat würden dem Glück ihres ganzen Lebens schaden.21 Hier sprechen wohl eigene bittere Erfahrungen aus Marie Antoinette.

Der erste wirklich traurige Tag im Leben Marie Thérèses mag der Tod ihrer kleinen Schwester Sophie gewesen sein, die am 19. Juli 1787 im Alter von nur einem Jahr starb. Auch Louis Joseph, der Dauphin, war oft krank, und die Ärzte hatten zunehmend weniger Hoffnung, ihn zu retten. Sicherlich hat sie die Trauer ihrer Mutter und die zunehmend depressive Stimmung ihres Vaters gespürt, der sich immer häufiger auf seine Jagdausflüge zurückzog.

Am 4. Juni 1789 starb ihr Bruder im Alter von sieben Jahren, nun war der vierjährige Louis Charles Dauphin und Thronfolger. Wahrscheinlich war Marie Thérèse dabei, als drei Tage später alle bei Hofe anwesenden Adligen in einem düsteren Trauerzug an ihrer Mutter vorbeizogen. »Es war ein unendlich trauriger und anrührender Anblick, wie ihre Majestät gegen die Balustrade in ihrem Zimmer gelehnt stand, umgeben von ihren Bediensteten, die alle in Schwarz gekleidet waren, und sich bemühte, nicht aufzuschluchzen, während ihr Hof in kleinen Schritten wie in einer Prozession an ihr vorbeiging und sich der Reihe nach vor ihr verneigte«, schrieb der Marquis de Bombelles.22

Marie Antoinette wurde schwer depressiv, zum Trauern aber blieb keine Zeit. In Paris überschlugen sich die Ereignisse. Vier Wochen nach dem Tod des Dauphins stürmten die Massen die Bastille, am 14. Juli 1789.

Madame de Tourzel schreibt über Marie Thérèse in diesen Jahren: »Diese kleine Prinzessin war im Gegenteil gut, freundlich, furchtsam und musste selber Vertrauen eingeflößt bekommen. Es wäre für sie besser gewesen, wenn sie ein wenig mehr von der Welt gesehen hätte, als immer nur in ihrem Appartement zu sein, zusammen mit den Frauen und der jungen Person, der die Königin erlaubt hatte, ihren Unterricht und ihre Spiele zu teilen.«23

Bei dieser jungen Person handelt es sich um Marie-Philippine Lambriquet, in Versailles geboren am 31. Juli 1778. Ihre Eltern waren Jacques Lambriquet, der zunächst Kammerdiener beim Bruder des Königs, dann beim König selbst war. Die Mutter Marie-Philippine Noirot stand im Dienst von Madame Elisabeth, der Schwester des Königs, und wurde später Kammerfrau bei Marie Thérèse.

Nach dem Tod ihrer Mutter am 30. April 1788 wurde Marie-Philippine vom Königspaar »adoptiert«. Ob es eine offizielle Urkunde dafür gab, ist nicht bekannt. Dass sie aber de facto als Kind Louis’ XVI. galt, zeigt die Tatsache, dass alle Ausgaben, die für sie gemacht wurden, von der Kleidung über die Kerzen bis hin zu den Kosten für die Lehrer im Registre des Enfants de France in den Archives Nationales in Paris aufgeführt sind, einem Verzeichnis, das nur und ausschließlich die Ausgaben für die Kinder des Königs erfasste, die als »Kinder Frankreichs« galten.24 Marie-Philippine ist die Einzige, die dort neben den offiziellen Kindern des Königs aufgeführt wird. Diese Ausgabenlisten für sie reichen bis zum April 1792, als die Zahlungen von der republikanischen Regierung eingestellt wurden.25

Da die Schwester des Königs auch Philippine hieß, wurde das kleine Mädchen in Ernestine umgetauft. Seit August 1789 lebte sie in Versailles, hatte ihre eigenen Diener, die Möbel ihres Appartements suchte Marie Antoinette persönlich aus. Schon damals wurde gemunkelt, dass sie eine Tochter des Königs26 sein müsste. Im Juli 1777 hatte sich Louis XVI. einer Phimoseoperation unterzogen, die die Ursache für seine mangelnde sexuelle Aktivität gewesen sein soll. Marie Antoinette soll in diesem Zusammenhang zu einem ihrer Freunde gesagt haben: »Ich wäre weder in Sorge noch wäre ich sehr eifersüchtig, wenn der König eine momentane und vorübergehende Neigung nutzen würde, damit er mehr Druck und Kraft erwirbt.«27 Und so soll er mit der Kammerfrau Marie-Philippine Lambriquet im Sommer 1777 Ernestine gezeugt haben.28 Immerhin wurde dem Ehemann seit Ende 1777 eine großzügige Pension gezahlt.

Auch wenn es keinen endgültigen Beweis gibt, spricht vieles für die Annahme, dass Ernestine eine Tochter Louis’ XVI. war. Die Königin stellte sie Marie Thérèse mit den Worten vor: »Meine Tochter, sieh dies Kind; Du musst ihr Mutter sein«, obwohl Ernestine ein halbes Jahr älter war als sie.29

Kurz nachdem Ernestine an den Hof gekommen war, verließ die Gouvernante der königlichen Kinder, die Gräfin de Polignac, zusammen mit anderen Adligen auf Befehl des Königs Frankreich, um sich in Sicherheit zu bringen. An ihrer Stelle wurde Madame de Tourzel ernannt. Marie Antoinette schreibt in einem Abschiedsbrief an die Polignac: »Wir sind umgeben nur von Kummer, Unglück und Unglücklichen, nicht gezählt die Abwesenden. Alles flüchtet, und ich bin noch zu glücklich, um darüber nachzudenken, dass alle, die mich interessieren, von mir entfernt sind. So sehe ich niemanden und bin den ganzen Tag allein. Meine Kinder sind meine einzige Rettung, ich habe sie so oft wie möglich bei mir. Ihr wisst sicher von der Nomination von Madame de Tourzel, sie hat mich viel Überwindung gekostet. Aber in dem Moment, als Ihr Euren Abschied eingereicht habt und daher nicht mehr Freundschaft und Vertrauen ihre Erziehung gelenkt haben, wollte ich wenigstens, dass dies durch eine Person von großer Tugend und durch ihren Stand erhaben über alle Anschuldigungen und Intrigen geschieht. Meine Tochter und Ernestine waren vollkommen für Euch, und darum auch für mich, mein Sohn ist noch zu klein, um die Trennung zu fühlen.«30

Wirklich bedrohlich wurde es für die Königsfamilie am Abend des 5. Oktober 1789, als die Pariser Frauen mit Mistgabeln bewaffnet in Scharen nach Versailles zogen, um vom König Brot zu verlangen, denn das Volk hungerte. Im Schloss brach Panik aus. Die Berater des Königs empfahlen ihm, mit der Familie zu flüchten, zumindest bis Rambouillet, einem Schloss in der Nähe von Versailles. Die Kutschen standen schon abfahrbereit, als er ablehnte. Auch die Königin blieb, wollte ihn nicht allein lassen.

Für den Schutz der königlichen Familie und die Ordnung rund um Versailles und später in den Tuilerien war eine kleine Wachkompanie zuständig, die dem König selbst und einem Vertreter des Hofstaates unterstand. Sie wurde besonders hoch besoldet und stellte auch den Begleitschutz für die königliche Familie bei Ausfahrten und auswärtigen Besuchen.

Außerdem gab es noch die Schweizer Garden. Für den persönlichen Schutz der französischen Könige hatte Louis XIII. schon 1616 die ersten Kompagnien aus Schweizer Söldnern mit Zustimmung ihrer jeweiligen Heimatkantone geschaffen. Sie hatten eigene Kasernen in Paris und Versailles, wurden besser bezahlt als reguläre Soldaten und erhielten eine bessere Ausbildung.

Vor Ausbruch der Revolution gab es, verteilt über das ganze Land, elf Schweizer Linienregimenter mit circa 25 000 Mann, die bei Gefahr von außen mit den regulären Truppen in den Krieg ziehen mussten. Ihre Offiziere stammten traditionell aus adligen Schweizer Familien, ihre Generalität ebenfalls. Sie waren oft auf der Militärakademie oder Universität in Paris gewesen, hatten eigene Residenzen in der Stadt und kannten die königliche Familie persönlich. Als Beispiele seien der Oberbefehlshaber der Schweizer Truppen Comte Louis Auguste d’Affry genannt und der Generaloberst Pierre Victor de Besenval, der zum engeren Kreis um Marie Antoinette gehörte und als einer der wenigen Auserwählten Zugang zum Trianon hatte.

Seit Beginn der revolutionären Bewegung hatten sich in den meisten französischen Städten Bürgermilizen gebildet, die häufig den Bürgermeistern unterstellt waren, oft aber auch selbstständig agierten. Sie waren unterschiedlich bewaffnet und nannten sich Nationalgarden. Es waren keine einheitlichen Truppen, sie wurden mehr von den Volksmassen als von ihren Offizieren beeinflusst.

Die Nationalgarde von Versailles griff an jenem 5. Oktober die Leibwache des Königs an, und frühmorgens am 6. Oktober stürmte die Menge, angeführt von »verkleideten Abgeordneten« der Nationalversammlung, den Zugang zum Schloss und besetzte die Terrasse und die Höfe. Ihre Schreie: »Den Kopf der Königin! Nieder mit der Königin! Louis ist nicht mehr König, wir wollen ihn nicht mehr!«, hallten durch das Schloss. Der Kammerdiener des Königs, François Hue, berichtet in seinen Memoiren von dem Entsetzen, das diese Rufe, die sich vor allem gegen die Königin richteten, ausgelöst haben. »Wo ist sie, diese Spitzbübin? … Du hast zu deinem Vergnügen getanzt, du wirst nun zu unserem Vergnügen tanzen.«31

Die Menge zog zu den Appartements der Königin, wo sie die Wachen vor den Zimmern tötete. Marie Antoinette konnte durch einen Geheimgang in die Räume des Königs flüchten. Hier versammelten sich nach und nach auch die anderen Familienmitglieder: die Kinder mit ihren Erziehern und der Graf de Provence mit seiner Frau. Von draußen hörte man die Stimmen der wütenden Menschen.

Die Menge forderte, dass der König mit seiner Familie nach Paris umziehen und sich dort aufhalten sollte, wo das hungernde Volk ihn brauchte. In Anbetracht der aussichtslosen Situation versprach Louis XVI. den Umzug. Um sie weiter zu beruhigen, zeigte er sich mit seiner Familie auf dem Balkon. Es muss eine gespenstische Atmosphäre gewesen sein, vor allem für die drei Kinder: Marie Thérèse und Ernestine, beide zehn Jahre alt, der kleine Dauphin mit seinen vier Jahren. Aus dem Schlaf gerissen von wilden Schreien, die den Kopf der Mutter forderten, standen sie auf dem Balkon und schauten auf die grölenden Menschen, die Mistgabeln und Speere schwingend im Schein der Fackeln noch bedrohlicher wirkten. »Keine Kinder!«, schrie die Menge. Die Kinder wurden in den Raum hinter dem Balkon zurückgeschoben.

Hilfe kam vom Marquis de La Fayette, der die Nationalgarde von Paris kommandierte. Als die Nachricht vom Sturm auf das Schloss in Paris ankam, machte sich La Fayette sofort mit circa 20 000 Nationalgardisten aus Paris auf den Weg, um die Ordnung in Versailles wiederherzustellen.32 Den »Umzug« der königlichen Familie nach Paris konnte aber auch er nicht verhindern.

Noch in derselben Nacht, gegen ein Uhr stiegen der König, die Königin, die Kinder, der Bruder des Königs und seine Frau, Madame Elisabeth, die Schwester des Königs und Madame Tourzel in die bereitstehenden Kutschen, um nach Paris zu fahren.

Begleitet wurden sie von einem mit Gewehren fuchtelnden Tross, von »mit Speeren bewaffneten Räubern und betrunkenen Weibern, zerzaust, bedeckt mit Schlamm und Blut: einige auf den Kanonen sitzend, andere auf den Pferden der Leibgarde, einige mit Brustpanzer, andere mit Gewehren und Säbeln, sie stießen schaurige Schreie aus und sangen Obszönitäten. Ein Corps der Kavallerie, vermischt mit Abgeordneten, Grenadieren und Frauen, umringte die Kutsche. Gefolgt von 200 königlichen Leibgardisten, die man entwaffnet hatte, ohne Helm und Umhängetaschen, einige Hundert Schweizer Gardisten, die Soldaten des Regimentes de Flandre, Dragoner und andere Soldaten. Die königliche Familie konnte ihre Augen nicht heben, ohne in geladene Kanonen zu schauen, die auf ihre Kutsche gerichtet waren.«33 So beschreibt der Kammerdiener des Königs Hue, der mit anderen Bediensteten in einer weiteren Kutsche folgte, die Fahrt nach Paris.

»Diese Ordinären umringten die Kutsche Ihrer Majestäten«, schrieb Madame Campan34, »und schrien: ›Uns fehlt nun kein Brot mehr, wir haben den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckergesellen!‹ In der Mitte dieser Truppe von Kannibalen erhoben sich die beiden Köpfe der massakrierten Gardesoldaten.« Mit Bäcker war der König gemeint, die Königin war die Bäckerin und der Dauphin der Bäckergeselle.

Es muss für die Kinder ein Albtraum gewesen sein. Die sechzehnjährige Pauline de Tourzel, die ihrer Mutter folgte, bezeichnet die Fahrt in ihren Memoiren später als »grausame Qual«.35 »Man wird nie begreifen, was in den letzten 24 Stunden geschehen ist«, schrieb Marie Antoinette aus Paris an den österreichischen Botschafter Mercy am Morgen nach der Übersiedlung »Was man auch sagt, nichts ist übertrieben, und im Gegenteil bleibt alles zurück hinter dem, was wir durchgemacht haben.«36

Am klarsten schätzte aber wohl die Schwester des Königs, Madame Elisabeth, die Situation ein. Sie schrieb am 8. Oktober an ihre beste Freundin, die Marquise de Bombelles, Tochter von Madame de Mackau: »Wir haben die Wiege unserer Kindheit verlassen – was sage ich? Wir wurden von ihr weggerissen. Was für eine Fahrt! Welche Anblicke! Niemals, niemals werden sie aus meinem Gedächtnis verschwinden … Ganz sicher ist, dass wir hier Gefangene sind; mein Bruder glaubt es nicht, aber die Zeit wird es ihm zeigen. Unsere Freunde sind hier; sie denken wie ich, dass wir verloren sind.«37

Für Marie Thérèse aber zerbrach an diesem Tag das sorglose Prinzessinnenleben im Luxus, und es begann eine Zeit, in der die Angst vor der unkontrollierbaren Wut des Volkes und ihrer Vertreter ihren Alltag und den ihrer Familie bestimmte.

Unter Hausarrest in den Tuilerien in Paris

»Ihr wisst nicht, meine Tochter, was das Schicksal für Euch vorgesehen hat; ob Ihr in diesem Königreich bleibt oder ob Ihr in einem anderen wohnen werdet«,

sagte Louis XVI. am 8. 4. 1790, dem Tag ihrer Erstkommunion, zu seiner Tochter Marie Thérèse, bevor sie zur Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois fuhren. Die Mutter hatte sie am Morgen in das Zimmer des Königs gebracht, wo sie vor ihm niederkniete, damit er sie segnete. Seine Worte sind durch den Kammerdiener Hue überliefert. Sie solle aber niemals vergessen, dass sie von Gott ihren hohen Rang nur bekommen habe, damit sie für das Wohl ihrer Untergebenen wirke und deren Leiden mindere.1

Was Marie Thérèse dabei gedacht hat, wissen wir nicht. Sie lebte mit ihren Eltern zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechs Monaten im Stadtschloss zu Paris und hatte des Öfteren eine früher nicht denkbare Respektlosigkeit des Volkes ihren Eltern gegenüber miterlebt. Auch die Tatsache, dass sie nicht, wie es zur Erstkommunion im Königshaus Tradition war, ein kostbares Diamantengeschmeide bekam, war ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr sich die Zeiten geändert hatten. Louis XVI. hatte beschlossen, diesen kostspieligen Brauch in Anbetracht der innenpolitischen Situation abzuschaffen. Er appellierte dabei an die Vernunft seiner Tochter. Das Volk leide, und sie würde sicher eher auf Juwelen verzichten wollen, als dass das Volk für ihre Juwelen auf Brot verzichten müsse.2

Versailles mit seiner unvorstellbaren Pracht war weit weg. Als die Familie am 6. Oktober 1789 nach über sechs Stunden Fahrt in Paris angekommen war, war das ehemalige Stadtschloss der französischen Könige, das Palais des Tuileries, in dem die Familie für die nächsten zwei Jahre wohnen sollte, in keiner Weise vorbereitet. Nachdem Louis XIV. 1665 seine Residenz nach Versailles verlegt hatte, war das Schloss nur noch selten bewohnt worden. »Äußerlich wirkte der zerfallene Bau eindrucksvoll altertümlich«, schrieb Madame de Staël, eine gute Freundin der Königin, über ihren ersten Besuch. »Da man durchaus nicht mit der Ankunft der königlichen Familie gerechnet hatte, waren nur wenig Räume bewohnbar, und die Königin musste für ihre Kinder im gleichen Raum, in dem sie empfing, Feldbetten aufstellen lassen. Sie entschuldigte sich bei uns und meinte: Ihr wisst, dass ich nicht erwartet habe, hierher zu kommen.«3

Pauline de Tourzel, später verheiratet mit dem Marquis de Béarn, beschreibt in ihren Memoiren, dass das Schloss eine Baustelle war. Überall standen Leitern herum, die wichtigsten Möbel fehlten, die vorhandenen seien verfallen und die Tapeten alt und ausgeblichen. »Alles atmete ein Gefühl der Trauer zusammen mit den Eindrücken, die wir nach der schmerzhaften Reise mit uns trugen.«4

Es dauerte einige Wochen, bis das Stadtschloss einigermaßen wohnlich eingerichtet war. Möbel, Gemälde, Kleider, Geschirr und andere Einrichtungsgegenstände wurden aus Versailles gebracht. Nach dem Frühstück, das alle getrennt einnahmen, traf man sich zur Messe. Gegen ein Uhr wurde das Mittagessen gereicht. Zur Zerstreuung spielten die Männer Billard, die Damen stickten. Zum Abendessen kamen regelmäßig der Graf de Provence, der Bruder des Königs, und seine Frau, die nun auch in Paris wohnten.

Um wenigstens ihrer Tochter ein wenig Normalität und fröhliche Abwechslung zu bieten, lud Marie Antoinette öfter Kinder in Marie Thérèses Alter ein, die in den Räumen der Madame de Tourzel Verstecken spielen durften. Die ältere Pauline beaufsichtigte sie.5 Oft spielte sie das bis heute beliebte strategische Brettspiel Reversi mit ihr. Wie die Listen im Archiv zeigen, lebte auch hier die kleine Ernestine bei der königlichen Familie.6

In den ersten Wochen lebte das Königspaar zurückgezogen im Schloss. Aber auf Anraten sowohl der französischen Minister als auch des österreichischen Gesandten Mercy zeigte sich die Familie immer öfter in der Stadt. Der König nahm Truppenparaden ab, Marie Antoinette unternahm mit ihren Kindern Ausflüge, die ihr die Sympathie des Volkes sichern sollten: zum Beispiel ins Findelhaus oder zur Spiegelmanufaktur im Vorort Saint-Antoine.

Zweimal in der Woche gab es einen Empfang bei der Königin, öffentliches Speisen war sonntags angesagt. Bälle, Konzerte, Theateraufführungen aber waren Vergnügungen der Vergangenheit. »Man würde nicht vermuten, dass es in Paris einen Hof gibt«, schreibt der Comte de Mercy. Wie in Versailles stand auch in Paris die Königsresidenz dem Volk offen. Im Saal der Schweizer Garden trafen Menschen aller sozialen Stände friedlich aufeinander, wie Graf Esterházy einem Freund schrieb. »Schlagende und Geschlagene fanden sich hier in einem bunten Gemisch wieder … Die Urbanität und Gegenwart des Hofes mäßigt, sorgt für Annäherung und anscheinend für Eintracht …«7

Pauline de Tourzel berichtet in der Rückschau auf diese Wochen – und sie hatte, als sie dies schrieb, schon drei Revolutionen mitgemacht –, dass es in einer Revolution immer wieder Phasen der Ruhe gebe. Dies lasse jedes Mal trügerische Hoffnung aufkommen, dass alles vorbei sei, und aus Furcht, diese relative Ruhe zu stören, versäume man es, Vorkehrungen zu treffen. Nur so kann man wohl verstehen, warum das Königspaar nicht die sich mehrfach bietenden Fluchtmöglichkeiten ergriff, sondern abwartete, ob sich nicht doch die Revolution nur als kurzer Albtraum erwies, aus dem man bald wieder aufwachen würde.8

Auch wenn es noch immer vereinzelte Hochrufe beim Erscheinen der Königsfamilie gab, so war die Stimmung im Volk keinesfalls kalkulierbar. Immer wieder zogen Menschenmassen am Schloss vorbei, die skandierten: »Keine Not mehr an Brot! Wir haben den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckergesellen unter uns!«9

Manche drangen unter dem Vorwand, sie seien Abgeordnete, bis zum König vor. Beleidigungen und Bedrohungen waren an der Tagesordnung. Noch weigerte sich der König, das Schloss zu sperren – er glaubte an eine kurzzeitige Verwirrung seiner Untertanen; nur für die kurze Zeit, wenn sie im Park spazieren gingen, wurde dieser für das Publikum geschlossen. Der König sei feige, hieß es daraufhin.10

»Eure Majestät ist (eine) Gefangene«, brachte Marie Antoinettes Sekretär Augeard die Situation auf den Punkt11 – zum Entsetzen der Königin, die genau wie ihr Mann dies nicht wahrhaben wollte und die Wachen im und vor dem Schloss als Beschützer und nicht als Bewacher ansah. Sie waren beides, wie sich in der folgenden Zeit immer wieder zeigen sollte.

In der Nationalversammlung, die dem König nach Paris gefolgt war, wurden die Monarchisten stetig weiter zurückgedrängt. Die Auseinandersetzungen um das Schicksal des Königtums wurden von den Vertretern der konstitutionellen Monarchie und den sogenannten Demokraten wie Robespierre, Pétion und Buzot, die für die Abschaffung der Monarchie und die Errichtung einer Republik waren, immer härter geführt.

Die Menschen in den Provinzen verfolgten das Geschehen in Paris mit wachsender Sorge. Viele waren anfangs durchaus aufseiten der Revolutionäre, wandten sich aber mit Beginn der Grausamkeiten angeekelt ab. Andere wie die Baronin Oberkirch lehnten jede Änderung im System von vorneherein ab. Sie beendete ihre Memoiren im Herbst 1789 gleichzeitig mit dem Ende des Ancien Régimes, dessen Teil sie war: »Ich will nicht, ich kann nicht mehr sagen. Alles, was ich verehre, stirbt; was ich liebe, ist bedroht; es bleibt mir nur noch die Kraft, um zu leiden, und um nichts in der Welt würde ich diese furchtbaren Tage [der Revolution, Anm. d. Autorin] in die Länge ziehen. Adieu also an diese verronnenen Stunden, um die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Was die Zukunft betrifft, möge Gott sie schützen.«12

Am 4. 2. 1790 verkündete der König auch im Namen der Königin feierlich vor der Nationalversammlung, dass er die Verfassung einer konstitutionellen Monarchie, an der die Abgeordneten arbeiteten, annehmen würde. Er sagte in seiner umjubelten Ansprache, dass er sich als Führer einer Revolution, die dem Willen des Volkes entspreche, betrachte.13 Vor den Delegierten, die das Königspaar zurück in die Tuilerien brachten, hielt auch Marie Antoinette eine Rede, für die sie Applaus erntete. »Die unglückliche Fürstin schwamm in Tränen und zeigte, wie viel Überwindung sie dieser Schritt kostete.«14 Die Schwester des Königs, Madame Elisabeth, schreibt an ihre Freundin, Madame de Bombelles: »Die Monster sind die Herren. Der König – könnt Ihr es glauben? – soll nicht einmal die nötige exekutive Macht bekommen, die ihn davor bewahrt, eine absolute Null in seinem Königreich zu sein.«15

Die Unterzeichnung der Verfassung durch den König am 14. September löste in Paris Freudenfeste aus, denen sich auch die Königsfamilie nicht ganz entziehen konnte, ohne unglaubwürdig zu werden. Die Königin, Marie Thérèse und Madame Elisabeth gingen ins Theater. Man spielte die komische Oper »Die vermutliche Gouvernante« von Jean-Louis Laruette. Unglücklicherweise, wie Madame Campan schreibt, wandte sich die Sängerin der Königin zu, während sie die Zeilen sang: »Ah! Wie liebe ich meine Herrin!« Sofort erhoben sich 20 Stimmen im Parterre, die schrien: »Keine Herrin mehr! Keinen Herrn! Freiheit!« Einige Herren antworteten aus den Logen und von den Balkonen: »Es lebe die Königin! Es lebe der König! Sie sollen für immer leben!!« Und man widersprach aus dem Parterre: »Keinen Herrn! Keine Königin!« Der Streit wurde hitziger, das Parterre war gespalten, man schlug sich, die Jakobiner waren unterlegen. Büschel schwarzer Haare flogen durch den Saal, bis eine zahlreiche Wachmannschaft eingriff. Die Königin bewahrte Haltung und blieb ruhig. Als sie schließlich das Theater verließ, applaudierten viele. Es war das letzte Mal, dass sie und ihre Familie ein Theater betraten.16

Nur die wenigsten Franzosen glaubten, dass der König und seine Frau wirklich mit den Ideen der Verfassung einverstanden waren. Von Anfang an wurde deshalb in Paris jeder ihrer Schritte misstrauisch beobachtet. In dieser Zeit herrschte große Furcht vor der Konterrevolution. Sowohl die Deputierten der Nationalversammlung als auch das Volk befürchteten einen Angriff auf Frankreich, der von den königlichen Prinzen und anderen Adligen, die aus Frankreich geflüchtet waren, angeführt würde, um mithilfe der europäischen Mächte die Errungenschaften der Revolution zu zerstören. Als Haupt dieser vermuteten Konterrevolution galt das Königspaar, wobei man hier vor allem der »Österreicherin« seit Langem jede nur erdenkliche Schlechtigkeit zutraute. Jedes Gerücht, mochte es auch noch so sehr der realen Basis entbehren, führte daher zu unkontrollierbarer Hysterie bei der Masse des Pariser Volkes.

In den Archiven der Königshäuser Europas liegen die Beweise für das Doppelspiel, das Louis XVI. und Marie Antoinette – aus nachvollziehbarer Verzweiflung heraus – tatsächlich spielten. Zunächst war man in Europa allerdings irritiert, als die Kunde von der Rede des Königs die Runde machte. »Der König von Frankreich muss zeigen, dass er Unterstützung verdient; es wäre unsinnig und unmöglich, ihn gegen seinen Willen zum Monarchen zu machen«, monierte der spanische König.17

Die meiste Hilfe versprach sich das Königspaar von den Verwandten Marie Antoinettes in Wien, wo am 20. 2. 1790 Kaiser Joseph II. gestorben war, dem sein Bruder Leopold auf dem Thron folgte. »Nur in den Ausländern finden wir Hilfsmittel und Mitgefühl«, schrieb Marie Antoinette an ihn.18

Während der König im Ausland um Hilfe nachsuchte, überlegten sich in Paris die unterschiedlichsten Gruppierungen, wie sie den König für ihre eigenen Zwecke nutzen könnten. Da war zum Beispiel der Graf de Provence, der Bruder des Königs und spätere Nachfolger (Louis XVIII.), der plante, seinen Bruder samt Familie zu entführen, um sich dann selber zum Regenten und später zum König zu machen. Diese Pläne flogen jedoch auf, und während sich der Graf ohne Schaden aus der Affäre ziehen konnte, schädigte sein Vorhaben das Ansehen der Königsfamilie in den Tuilerien nachhaltig.

Andere, wie der Abgeordnete Mirabeau, versuchten den König weiter für eine konstitutionelle Monarchie zu gewinnen19, und wenn das Königspaar seine Chancen realistisch eingeschätzt hätte und sich damit hätte anfreunden können, wäre vieles wohl anders ausgegangen.

Im Mai 1790 gab es erneut große Aufregung wegen eines angeblich bevorstehenden Komplotts der aristokratischen Partei. Hinzu kam die Veröffentlichung des sogenannten Véritable Livre rouge, in denen die heimlichen Ausgaben Louis’ XV. und Louis’ XVI. verzeichnet waren. Die unvorstellbare Verschwendung von Steuergeldern durch die Vorgänger-Könige in Versailles machte in Paris, wo die Menschen hungerten, die Runde und löste eine ungeheure Wut auf das Königspaar und alle Adligen aus. Diese Wut konzentrierte sich vor allem auf das »österreichische Komitee …, diese Kette wider das Volk, deren erstes Glied in den Tuilerien sitzt und die alle Höfe Europas durchzieht … überall erblickt das Volk Verräter und Verschwörer«.20

Die Stimmung war so aufgeheizt, dass die Nationalversammlung dem Wunsch der Königsfamilie, Anfang Juni in den Urlaub nach Saint-Cloud vor den Toren der Hauptstadt zu fahren, gern nachgab. Unter der Bewachung von Nationalgardisten, die den König vor Angriffen aus dem Volk schützen sollten, fuhren die Kutschen davon. Im Schloss von Saint-Cloud führten sie ein Leben, das an Versailles erinnerte. Der König ging auf die Jagd, es gab Theateraufführungen und Konzerte, Kutschfahrten und Abendgesellschaften. Noch konnte es sich Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, leisten, mit Galgenhumor und beißender Ironie aus Saint-Cloud den folgenden Brief an ihre Freundin Madame de Bombelles zu schicken, die fern von Paris in Madrid weilte: »Ich werde dir nicht von den Dekreten schreiben, die täglich herausgegeben werden, nicht einmal von dem, das an einem gewissen Samstag herausgekommen ist [in dem die Abschaffung adliger Titel bekannt gegeben worden war, Anm. d. Autorin]. Es bekümmert die Leute, die es betrifft, nicht, aber es plagt die Übelwollenden und die, die es herausgegeben haben, denn in allen Gesellschaftsschichten wurde es viel diskutiert. Was mich betrifft, ich denke, ich werde mich Mademoiselle Capet, oder Hugues, oder Robert nennen, denn ich denke, man wird mir nicht erlauben, meinen richtigen Namen zu tragen: von Frankreich. All dies amüsiert mich sehr, und wenn diese Gentlemen nur solche Dekrete wie dieses verfassten, würde ich auch noch Liebe zu dem tiefen Respekt hinzufügen, den ich für sie empfinde.«21

Auch hier in Saint-Cloud hätten sich Möglichkeiten zur Flucht geboten, denn das Königspaar konnte sich ohne jede Bewachung relativ frei außerhalb des Schlosses bewegen. Vielleicht täuschten sie sich gerade deshalb über ihre Situation und lehnten entsprechende Angebote ab.22

Fluchtpläne

»Der König hat nur einen Mann, und das ist seine Frau«,

kennzeichnete Graf Mirabeau die Situation jener Monate. »Es gibt für sie keine Sicherheit als in der Wiederherstellung der königlichen Autorität … Ich bin ganz sicher, dass sie ihr Leben ohne Krone nicht behält. Der Augenblick wird kommen, und dies bald, da sie versuchen muss, was eine Frau und ein Kind zu Pferde vermögen.«1 Zu einer Zeit, als das Königspaar seine ganze Hoffnung noch auf die Hilfe von außen setzte, sahen viele Royalisten in der Flucht des Königspaares die einzige Möglichkeit zur Rettung.

Währenddessen beschloss die Nationalversammlung in Paris am 12. Juli 1790, dass Bischöfe und Priester als staatliche Angestellte vom Volk gewählt und einen Eid auf die Verfassung schwören sollten. Immerhin war in Frankreich die katholische Religion Staatsreligion. Der König, dessen Zustimmung nach der neuen Verfassung zu einer solchen Bestimmung erforderlich war, zögerte. Er wollte es sich weder mit dem Volk noch mit dem Papst verderben. Letztlich blieb ihm aber nur die Zustimmung. Die Geistlichkeit selbst war gespalten. Während die meisten einfachen Priester den Eid schworen, weigerte sich die hohe Geistlichkeit. Viele Bischöfe verließen das Land und suchten Asyl in England, Italien oder Österreich.

Der König, dem diese Entscheidung gegen sein eigenes Gewissen furchtbar schwergefallen war, weigerte sich anfangs, die Kommunion aus den Händen eines Priesters zu empfangen, der den Eid auf die Verfassung geschworen hatte. Doch ließ sich dies auf die Dauer nicht durchhalten, schließlich hatte er als König dem Gesetz zugestimmt und konnte sich als Privatmann nun nicht dagegenstellen.

Zunächst aber wurde am 14. Juli 1790 auf dem Marsfeld der Jahrestag der Erstürmung der Bastille zelebriert. Aus allen Teilen des Landes waren Delegierte gekommen. In der Mitte des Platzes hatte man den Vaterlandsaltar aufgebaut, an dem alle den Eid auf die Verfassung ablegen sollten.

Das Königspaar nahm mit seinen Kindern daran teil. Der König, geschmückt mit seinen Orden, kam in einer Zeremonienkutsche und nahm auf seinem Thron Platz, neben sich den Präsidenten der Nationalversammlung. Für diesen einen Tag war er von der Nationalversammlung zum obersten Befehlshaber der Nationalgarden ernannt worden, für einen absoluten Monarchen, dem bislang alle Truppen des Landes unterstanden hatten, eine sehr gewöhnungsbedürftige Situation.

Die Königin, die Kinder und die übrigen Hofmitglieder saßen auf der Tribüne unterhalb des Thrones. Truppen marschierten auf, 200 Musiker spielten zum Donnern der Kanonen. Für die Kinder muss es wie eine ganz normale Truppenabnahme ihres Vaters gewirkt haben.

Ob sie die Tragweite seiner anschließenden Rede verstanden, ist zu bezweifeln: Der König versprach, sich treu an das Gesetz zu halten und mit all seiner Kraft die Artikel der Verfassung zu respektieren. Nach ihm schworen alle Anwesenden den Eid auf die neue Verfassung.2