Therese von Bayern - Carolin Philipps - E-Book

Therese von Bayern E-Book

Carolin Philipps

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Beschreibung

Fünf Tage lang feierten die Bayern im Jahr 1810 die Hochzeit Therese von Sachsen-Hildburghausens mit Kronprinz Ludwig. Doch das Eheglück währte nur kurz. Der bayerische Thronfolger verehrte Therese in seinen Gedichten zwar als Ideal einer Frau, demütigte sie jedoch durch seine zahlreichen Affären – bis schließlich Ludwigs Affäre mit Lola Montez beide die Krone kostete. Das Volk jedoch stand immer zu seiner Königin, die für jeden Hilfesuchenden ein offenes Ohr hatte. Carolin Philipps Nachforschungen zeigen den Weg einer Frau, die unerfahren und ängstlich an den Münchener Hof kam, an ihren Aufgaben wuchs und schließlich ihre gesellschaftliche Macht aufs Klügste ausspielte.

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Für meinen Vater ( 1925–2012 ), der dieses Buch nur noch in seinen Anfängen begleiten konnte

ISBN 978-3-492-97163-8

Februar 2017

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: akg images

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Menschen treten in unser Leben undbegleiten uns eine Weile.Einige bleiben für immer,denn sie hinterlassen Spuren in unseren Herzen.

Prolog

»Und nun entscheide, theurer Ludwig, überzeugt seyend, daß Dein Ausspruch mir Gesetz.«1

So und ähnlich enden unzählige Briefe Thereses an König Ludwig I. Seit ihrer Hochzeit im Oktober 1810 hing ihr Schicksal von einem Mann ab, den sie zwar liebte und von ihm auf seine Weise ebenfalls geliebt und verehrt wurde, den sie aber auch wegen seiner Wutausbrüche und Misshandlungen fürchtete.

Sanftmut und Liebenswürdigkeit bescheinigten Therese alle, die sie kannten. Tugendhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und ein starker Glaube an einen Gott, der auch in der größten Not die Hand über sie hielt, prägten ihren Lebensweg. Dass sie für ihren Mann eine kompetente Beraterin in politischen Fragen war, ist ein hartnäckiges Gerücht, das aber den Tatsachen nicht standhält. Nach der Auswertung von Tausenden von Briefen Thereses an ihren Mann und an ihre Kinder, die im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher in München liegen, lässt sich feststellen, dass ihre Einflussnahme sich nur auf den familiären Bereich bezog. Zu mehr war sie durch ihre Vorbildung, ihre Interessen und auch die Beratungsresistenz ihres Mannes nicht in der Lage. Sie war erzogen worden, zu einer vollkommenen Ehefrau und Mutter möglichst vieler männlicher Nachkommen zu werden, und diese Rolle hat sie perfekt ausgefüllt.

Im März 1847 aber kam der Moment, wo sie aus dieser Rolle heraustrat, als ihr Mann nämlich verlangte, dass sie seine Geliebte Lola Montez, von Ludwig zur Gräfin erhoben, bei Hofe empfangen und sie damit gesellschaftsfähig machen sollte. »Ich bin es meiner Frauenehre schuldig – die mir teurer als daß Leben – diejenige welcher Du eine Standeserhöhung verliehen, nie – und unter keinen Bedingungen, von Angesicht zu Angesicht zu sehen«, schrieb sie ihm.2

Die sanftmütige Königin, die sich widerspruchslos den Anordnungen ihres Mannes unterwarf, die seine früheren Affären schicksalsergeben ertragen hatte, setzte sich an die Spitze des passiven Widerstands der ganzen Gesellschaft gegen den König und seine Mätresse. Ein Widerstand, der letztendlich zum Rücktritt König Ludwigs führte und auch Therese den Thron kostete.

An Therese, die ihre Aufgabe als Königin in erster Linie als »Landesmutter« begriff, erinnern heute, neben der Wiese, auf der das jährliche Oktoberfest stattfindet, viele Schulen und soziale Einrichtungen in ganz Bayern, die ihren Namen tragen.

Therese von Bayern hat keine Kriege gewonnen, keine Lorbeeren auf dem diplomatischen Parkett errungen, aber sie hat Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen, die ihr begegneten.

Behütete Kindheit in kriegerischen Zeiten (1792 – 1809)

Geburt im Revolutionsjahr 1792

»Laß Segen und Gedeihen zum Wachstum der neugeborenen Prinzessin zufließen, damit sie ein bleibendes Denkmal Deiner Güte, zur Freude der Durchlauchtigsten Eltern und des ganzen Landes werde.«1

So beteten die Einwohner in den Kirchen der Stadt Hildburghausen in Thüringen am Morgen des 8. Juli 1792. Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen informierte noch am selben Tag die Verwandten in nah und fern: »daß meine zärtlich geliebte Gemahlin am 8. dieser Früh gegen 1 Uhr unter göttlichem Beystand mit einer gesunden und wohlgebildeten Prinzessin entbunden wurde.«2 Die Geburt hatte im nahe gelegenen Jagdschloss zu Seidingstadt, dem Sommersitz der Familie, stattgefunden. Die kleine Prinzessin war das sechste Kind ihrer Eltern im siebten Jahr ihrer Ehe.

Am 13. Juli 1792 wurde sie auf die Namen Therese Charlotte Louise Friederike Amalie getauft. Auch wenn die Schwestern der Herzogin Charlotte nicht als Paten aufgeführt sind, ist es wohl kein Zufall, dass die Namen der kleinen Prinzessin denen der Schwestern der Herzogin3 entsprachen, die zusammen mit ihr als die schönsten Frauen ihrer Zeit galten: Fürstin Therese von Thurn und Taxis, Königin Luise von Preußen, Friederike, die spätere Königin von Hannover. Es war eine Tradition, von Charlotte eingeführt, den Kindern die Namen der Geschwister zu geben, um die enge Verbundenheit mit ihnen zu demonstrieren.

Thereses Mutter Charlotte (1769 – 1818) war die älteste Tochter Karls von Mecklenburg-Strelitz und seiner Frau Friederike (1752 – 1782), einer geborenen Prinzessin von Hessen-Darmstadt. Nach einer Kindheit, geprägt von familiärer Geborgenheit in Hannover, starb ihre Mutter, als Charlotte zwölf war. Ihre Stiefmutter Friederike, eine Schwester der Mutter, kümmerte sich liebevoll um sie. Die bis dahin fünf Geschwister hingen zeit ihres Lebens mit einer besonderen Zärtlichkeit aneinander. Umso größer war der Schock, als im Juni 1785 ein Schreiben von Prinz Joseph aus Hildburghausen eintraf, in dem er für seinen Neffen um die Hand der 15-jährigen Charlotte anhielt.

Es sollte eine der damals üblichen arrangierten Ehen aus dynastischen Gründen werden. Karl von Mecklenburg-Strelitz war ein liebevoller Vater, aber er hatte vier Töchter, die es alle standesgemäß zu verheiraten galt. Hatte Charlotte eine Chance, den Antrag abzulehnen? Wir wissen, dass Karl von Mecklenburg-Strelitz keine seiner Töchter gegen ihren ausgesprochenen Willen verheiratet hätte. Am Ende siegte aber auch bei Charlotte das Pflichtgefühl, den Wünschen des Vaters zu entsprechen, über die Angst vor der Zukunft mit einem ihr fremden Mann in einem fernen Land, 350 Kilometer entfernt von der alten Heimat. Als einzige Vertraute begleitete sie ihre alte Erzieherin, Magdalena von Wolzogen, als neue Oberhofmeisterin. Durch alle ihre Briefe an den Vater und die Geschwister zieht sich zeitlebens die Sehnsucht nach ihrer Ursprungsfamilie.

Thereses Vater Friedrich von Sachsen-Hildburghausen (1763 – 1834) war der einzige Sohn des Herzogs Ernst Friedrich III. Carl von Sachsen-Hildburghausen (1727 – 1780) und dessen dritter Gemahlin Prinzessin Ernestine Auguste Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach (1740 – 1786). Er durchlief die übliche Erziehung eines Erbprinzen, den es auf die spätere Regentschaft vorzubereiten galt. Als sein Vater 1780 starb, erbte Friedrich ein immer noch hoch verschuldetes Fürstentum. Sein Urgroßonkel Joseph (1702 – 1787) übernahm seine Vormundschaft, auf ausdrücklichen Wunsch Friedrichs auch noch nach 1784, dem Jahr seiner Volljährigkeit, bis zu Josephs Tod im Jahr 1787, da sich Friedrich mit der Regierung überfordert fühlte.

Auch für Prinz Friedrich war es natürlich eine arrangierte Heirat, seine Braut kannte er nur von dem Miniaturbild, das ihm zugeschickt worden war. Die Hochzeit fand am 3. September 1785 statt. Das Schloss, in das Charlotte einzog, lag am Rande der Stadt, die seit 1680 Residenz der Fürsten von Sachsen-Hildburghausen war und um 1810 ca. 3500 Einwohner hatte. Die Ausstattung des Schlosses soll sehr prunkvoll gewesen sein. Vor dem Gebäudekomplex erstreckte sich der Schlossgarten mit mehr als fünf Quadratkilometern Grundfläche. Das gesamte Schlossterrain war bis 1826, als der Hof nach Altenburg umzog, für die übrige Bevölkerung gesperrt, die Tore waren durch Wachen gesichert.4

Das Geburtsjahr Thereses 1792 stand ganz im Bann der revolutionären Ereignisse in Frankreich, von denen sich alle großen und kleinen Herrscher im übrigen Europa bedroht fühlten. In Paris hatte sich das Volk im Sommer 1789 gegen seinen König erhoben, ausgelöst durch den Plan Ludwigs XVI., neue Steuern zu erheben. Am 26. August 1789 hatte die neue Nationalversammlung die Erklärung der Menschenrechte nach dem Vorbild der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verabschiedet. Der zentrale Satz im Artikel 1, dass alle Menschen gleich geboren und mit gleichen Rechten ausgestattet seien, bedeutete das Ende der alten Ständeordnung, die auf der sozialen Ungleichheit der Menschen aufgebaut war. Im September 1791 wurde eine neue Verfassung angenommen. Nach dem Willen des Volkes sollte niemals wieder ein einziger Mensch die ganze Macht im Staate haben. Über allen, auch über dem König, der nach wie vor die Regierung als Teil der Exekutive anführen sollte, standen die Gesetze. Brach er sie, konnte er, wie jeder andere auch, zur Rechenschaft gezogen werden.

Ein Schrei des Entsetzens ging durch die europäischen Fürstenhäuser, als diese Nachrichten verbreitet wurden. Vor allem die Behandlung der Königsfamilie löste ungläubige Empörung aus. Thereses Vater sah sich, wie auch sein Schwiegervater und die meisten Fürsten, als väterlicher Beschützer seiner Untertanen. Protest, Auflehnung und gar ein Recht auf Widerstand waren gleichbedeutend mit der Umkehr der natürlichen gottgegebenen Ordnung.

Die Herrscher von Österreich und Preußen versuchten zunächst durch Appelle und Drohungen die Monarchie in Frankreich zu retten. Die Franzosen nahmen diese Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten aber sehr übel und erklärten im April 1792 den übrigen Mächten den Krieg. Am 20. August wurden der französische König Ludwig XVI. und seine Familie im Temple gefangen gesetzt, am 25. September schaffte die Nationalversammlung die Monarchie ab, Frankreich wurde Republik.

Kurze Zeit später marschierten die französischen Truppen in Mainz und Frankfurt ein, um ihre Republik mit dem Schlachtruf »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« gegen das monarchische Europa zu verteidigen. Der französische König wurde in einem Scheinprozess, bei dem das Ergebnis schon vorher feststand, zum Tod durch die Guillotine verurteilt, ebenso wie seine Frau Marie Antoinette, die Kinder blieben noch jahrelang im Gefängnis.5

Hildburghausen wurde vom eigentlichen Kriegsgeschehen zunächst nur am Rande gestreift. Die Regierung Herzog Friedrichs wurde zu diesem Zeitpunkt von niemandem infrage gestellt. Von den Schrecken der Zeit dürfte Therese aber später durch die Erzählungen der Mutter und ihrer Tanten und Onkel erfahren haben, denn die Familie ihrer Mutter war persönlich mit Marie Antoinette bekannt und die Geschwister ihrer Mutter waren mit der Großmutter drei Monate nach Thereses Geburt auf der Flucht vor den französischen Truppen aus Darmstadt nach Hildburghausen geflohen, wo sie für einige Monate Asyl erhielten.

In späteren Jahren gab es immer wieder Truppendurchmärsche und Einquartierungen in Hildburghausen, auch musste das Herzogtum als Mitglied des Rheinbundes Napoleon Soldaten stellen, aber im Vergleich zu Charlottes Schwestern, die auf der Flucht vor den französischen Truppen quer durch Europa reisten, verlief das Leben der Herzogsfamilie eher in ruhigen Bahnen. Herzogin Charlotte beschreibt selbst Anfang 1808 ihr Leben in einem Brief an ihren Vater noch so: Zurückgekehrt von einem Ball, den die Herzogin von Sachsen-Meiningen gegeben hat, »sind wir wieder hier, im alten, gewöhnlichen Laufe der Ordnung zurückgekehrt, wo ein Tag dem anderen ziemlich ähnlich, ruhig dahingleitet.«6

Erziehung einer Prinzessin

»… als einfache und bescheidene Blume erblühte sie in der Abgeschiedenheit im Refugium der Familie, in dieser frommen Zufluchtsstätte der häuslichen Tugenden …«1

So beschreibt eine von Thereses Töchtern, vermutlich ihre jüngste Tochter Alexandra, nach dem Tod der Mutter deren Kindheit und fügt hinzu, dass diese keinesfalls im Luxus aufgewachsen sei, wie man vielleicht vermuten könne. Dies hing natürlich vor allem mit den von der kaiserlichen Debitkommission verhängten Sparmaßnahmen zusammen, die die Regierungszeit Herzog Friedrichs überschatteten. Der äußere Prunk, den Thereses Mutter Charlotte bei ihrer Ankunft in Hildburghausen noch vorfand, wurde von Prinz Joseph aus seinem Privatvermögen finanziert und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem jungen Paar für seinen Haushalt nur ein stark begrenzter Etat zustand, was Charlotte zeit ihres Lebens bedauerte.

Immer wieder kam es zu Spannungen mit ihrem Mann, wenn Charlotte dadurch nicht an Unternehmungen ihrer Geschwister oder an einem Familientreffen mit dem Vater in Neu-Strelitz teilnehmen konnte. So schrieb sie am 13. März 1801 an ihren Bruder Georg, dass ihre Schwester Therese Pläne mache für »sich und auch für mich, die fast zu schön sind, um ausgeführt zu werden. Ach, das leidige Geld! Im Grunde ist es mir so wenig, aber in manchen Augenblicken doch viel!«2

Geschichten über den Geldmangel im Herzogshaus kursierten auch in der Bevölkerung. So erzählte man sich, dass die Hofküche manchmal »kein Fleisch erhalten konnte, weil die Lieferanten, bevor die alten Fleischrechnungen nicht bezahlt wären, nur gegen bares Geld abliefern wollten, oder wie ein ander Mal die Seife im Hofwaschhaus fehlte, oder wie ein Hofball, weil die ausgebrannten Kerzen nicht erneuert werden konnten, vor der Zeit geschlossen werden musste, oder wie sich die Dienerschaft aus Mangel an Licht im Dunkeln behelfen musste.«3

Wie viel Therese davon mitbekommen hat, wissen wir nicht genau, denn wirklicher Mangel herrschte im Schloss natürlich nicht. Allein der Hofstaat von Herzogin Charlotte und ihrer drei Töchter umfasste zum Beispiel 1805 zwölf Hofdamen, Kammerfrauen und Garderobemädchen sowie zwei Kammerdiener.4 Aber im Vergleich zu dem Luxus, der sie später als Kronprinzessin von Bayern erwartete, ging es auf dem Schloss zu Hildburghausen nach dem Tod von Prinz Joseph wohl eher bescheiden zu.

Thereses Erziehung stand ganz im Zeichen der Rolle, die sie später als Ehefrau eines Fürsten ausfüllen musste. Intellektuelle Bildung hatte dabei nicht die oberste Priorität. Auch eine Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen Zuständen fand nur auf emotionaler Ebene statt, politische Zusammenhänge standen nicht auf dem Lehrplan – das zeigen auch ihre späteren Briefe. Ein Schwerpunkt ihrer Erziehung lag bei der Unterweisung im protestantischen Glauben. Im Mittelpunkt standen dabei weniger Fakten über Luther und die Reformation oder Kirchengeschichte, es ging vielmehr darum, durch das Lesen und Verstehen der Bibeltexte Vertrauen in die Güte Gottes und Ergebenheit in seinen Willen zu gewinnen und Wege für ein eigenes tugendhaftes Leben zu finden.

Thereses Lieblingsbuch war darum auch keinesfalls eine philosophische Abhandlung, sondern ein Religionsbuch mit dem Titel »Gumal und Lina«, das der Dekan der Predigerkirche zu Erfurt 1795 geschrieben hatte, um Kindern durch »eine sinnliche Darstellung die nützlichsten Begriffe und Kenntnisse« von der Religion beizubringen. Die Kernsätze, die sich darin finden, spiegeln sich auch in Thereses Glauben wider, so zum Beispiel, wenn eine der Figuren der Geschichte sagt: »Denn wer unter dem Schutz des Allmächtigen ist, der darf kein Unglück fürchten, der kann auch mitten in Gefahren getrost und frohen Muthes seyn.«5 Für Therese waren die Gebote der Bibel zeitlebens Richtschnur ihres Handelns. Sie hatte, wie auch ihre Mutter, einen sehr persönlichen Zugang zur Religion; ihre gelebte Frömmigkeit war ein wesentlicher Teil ihres Lebens. »Das Gebet und ›heilige Besinnungen‹ waren ihr zu allen Zeiten Zufluchtsort und Trost«, schreibt ihre Tochter dazu.6

Gelebte Frömmigkeit bedeutete für Therese auch Mildtätigkeit gegenüber den Armen. Hier lernte sie durch das Vorbild der Mutter, die jährlich die Hälfte ihres Einkommens für Bedürftige, Pensionen, Erziehungs- und Lehrlingskosten aufgewandt haben soll.7 Neben dem traditionellen Unterricht für Prinzessinnen in deutscher Literatur und französischer Sprache als Hofsprache war ein weiterer Schwerpunkt ihrer Erziehung der musisch-künstlerische Bereich. Herzogin Charlotte, die sich intensiv mit den Lehren des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827), vor allem mit dessen ganzheitlichem Ansatz, beschäftigte, ließ ihre Söhne ein Handwerk lernen und ihre Töchter, die das Talent der Mutter geerbt hatten, auf musischem Gebiet fördern.

Herzogin Charlotte holte Musiker, Maler und Schriftsteller an den Hof, unter anderem die Dichter Jean Paul und Friedrich Rückert; im Hoftheater gastierten die bekanntesten Schauspieltruppen der Zeit. Auch die Herzogin selbst trat häufig zur Begeisterung ihrer Zuhörer auf der Bühne auf, ebenso Therese, wie ihre im Stadtmuseum ausgestellten Schuhe von der Aufführung des »Rotkäppchen« im Hildburghäuser Theater um 1800 bezeugen.

Familienleben zwischen Freude und Trauer

»Die Seele war gleichsam nur mechanisch beschäftigt«,1

schrieb Herzogin Charlotte am 13. Juli 1800 an ihren Bruder Georg in Neu-Strelitz über die Zeit nach dem Tod ihres fünfjährigen Sohnes Franz. Therese, die zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt war, erlebte mit, wie ihre Mutter nach dem Tod des Bruders schwer krank wurde. Sie erlebte auch die schwere Depression, in die ihre Mutter verfiel, als sie in Folge der Krankheit nicht mehr singen konnte.2

Die Geburt neuer Geschwister und ihr Tod, verbunden mit der Teilnahme an der Beerdigung, der wochenlangen Hoftrauer in schwarzer Kleidung und die Verzweiflung der Mutter gehörten zu Thereses Kindheit dazu. Charlotte gebar insgesamt zwölf Kinder, vier davon überlebten das erste Jahr nicht. Zu den überlebenden sieben Geschwistern hatte Therese ihr Leben lang eine sehr enge Beziehung, die ihr Zentrum im intensiven Familienleben mit der Mutter hatte: Da war ihre älteste Schwester Charlotte (1787 – 1847), die 1805 Paul von Württemberg (1785 – 1852) heiratete, der sich 1816 aber von ihr trennte, ein Ereignis, das auch Therese sehr betroffen hat. Es gab ihre Schwester Luise (1794 – 1825), die den Herzog Wilhelm von Nassau (1792 – 1839) heiratete und mit 31 Jahren starb. Ihr Bruder Joseph (1789 – 1868) trat 1834 die Nachfolge seines Vaters an. Schließlich gehörten die jüngeren Brüder Georg (1796 – 1853), Friedrich (1801 – 1870) und Eduard (1804 – 1852) dazu.

Auch wenn die Ehe ihrer Eltern als nicht sehr glücklich galt, war das Familienleben, in dem Therese aufwuchs, sehr lebendig, wie zum Beispiel Charlottes Bruder Georg bezeugt: »Dein Familienkreis ist der einzige, wo ich wahres häusliches Glück empfinde, und den ich daher wahrhaft meinen Familienkreis nennen kann.«3 Es gab Feste, Sommeraufenthalte im Jagdschloss Seidingstadt und feste Traditionen, die Herzogin Charlotte einführte und die ihre Tochter Therese in ihre eigene Familie übernahm.

Zur Familie im weiteren Sinn gehörten für Therese auch ihr Großvater Karl von Mecklenburg-Strelitz und die Geschwister ihrer Mutter. Das Schloss zu Hildburghausen war für die ganze Familie immer wieder ein beliebter Treffpunkt, so zum großen Familienfest im Jahr 1805. Am häufigsten aber kam Charlottes Bruder Georg von Mecklenburg-Strelitz, der oft für Wochen in Hildburghausen weilte und den Therese sehr verehrte, wie ihre Briefe aus der Zeit zeigen.4

Konfirmation – Ende der Kindheit

»Entflohen sind der Kindheit Blumenzeiten, der Lauf der Weihe-Stunde ist erfüllt!«

So beginnt das Gedicht, das Herzogin Charlotte zur Konfirmation ihrer Tochter Therese am 11. April 1808 selbst verfasst haben soll.1

Wir wissen nicht, was Therese gedacht hat, als es ihr verlesen wurde, prophezeite es doch für eine 16-Jährige zumindest aus heutiger Sicht eine eher düstere Sicht auf die Zukunft. Auf jeden Fall wird deutlich, was die Mutter, analog ihrer eigenen Geschichte, von ihrer Tochter erwartete. »Dort harret dein der Riesen-Kampf der Pflichten«, ist eine der zentralen Botschaften des Gedichtes. Das Wort »Pflicht« zieht sich auch später wie ein roter Faden durch Thereses Briefe und ist ein wichtiger Schlüssel zur Beurteilung ihres Lebens.

»Es heilt ein Gott des sanft Ergebnen Wunde.« Auch das war eine Botschaft der Mutter, die Therese mit in ihr Leben nahm. Was auch immer ihr widerfuhr, sie hat es mit Vertrauen in die Vorsehung und die Güte eines väterlichen Gottes angenommen.

Dass der »Kindheit Blumenzeiten« nun beendet waren, bekam im Jahr 1809 noch eine ganz andere Bedeutung für Therese. Bereits seit Jahren hatten sich ihre Eltern auseinandergelebt. Aktueller Anlass für die Krise im Jahr 1809 war die Forderung Herzog Friedrichs, seine Frau solle nach einem sechsmonatigen Aufenthalt bei ihrem Vater in Neu-Strelitz unverzüglich nach Hause zurückkommen, obwohl sie krank war und auch die Ärzte in Neu-Strelitz dringend zu einer Kur geraten hatten, die der Herzog aber nicht finanzieren wollte. Die Scheidungsgerüchte kursierten bereits in Berlin, wo sie, vor allem wegen der Verwandtschaft zu Königin Luise, in allen Salons heiß diskutiert wurden.2 Aus dem Exil in Königsberg schalteten sich daher sogar Königin Luise und Charlottes Bruder Georg, der dort zu Besuch war, ein. Luise wollte, dass der Vater persönlich nach Hildburghausen reisen solle, da der Herzog sich seiner Autorität nicht entziehen könne.3 Da der Vater aus gesundheitlichen Gründen nicht fahren konnte, wurde Georg als Vermittler eingesetzt. Der Bruder schaffte es tatsächlich, den Frieden zwischen dem Herzog und seiner Frau wiederherzustellen, wofür ihm Charlotte sehr dankbar war.

Die Ehekrise im Herzogshaus war also zumindest an der Oberfläche gebannt, als Therese selbst zur begehrten Heiratskandidatin wurde.

Romantische Brautzeit und Traumhochzeit (1809– 1810)

Therese von Sachsen-Hildburghausen – begehrte Heiratskandidatin

»Die Kronprinzessin ist keine Schönheit, klein von Gestalt; aber doch dabei sehr hübsch, einnehmend und liebenswürdig«,

schrieb der Dichter Graf August von Platen, der am Münchner Hof als Schüler der Pagerie weilte, über Therese im Jahr 1810. »An unserem Hofe [München] [Anm. d. Verf.] war sie immer die schönste Dame. Sie ist ohne Ziererei und Koketterie, voll Natürlichkeit, leutselig, gutmütig. Ihr Lächeln und alle ihre Gebärden sind unwiderstehlich.«1 Auch andere Quellen heben vor allem ihre Sanftmut und Natürlichkeit hervor. Während ihre drei Jahre ältere Schwester Charlotte bereits seit vier Jahren verheiratet und schon dreifache Mutter war, lebte Therese Ende 1809 noch im väterlichen Schloss in Hildburghausen, wohl wissend, dass mit 17 Jahren auch ihre Verheiratung nur noch eine Frage der Zeit war.

Als mögliche Heiratskandidaten präsentierten sich gleich mehrere, ganz unterschiedliche Männer: Im Jahr 1809 ging ein Gerücht durch die Fürstenhäuser Europas, dass Napoleon sich von seiner Frau Josephine scheiden lassen wolle, weil sie keine Kinder mehr bekommen konnte, seine Dynastie aber unbedingt einen Nachfolger brauchte. Daher hätte er eine Kandidatinnenliste der heiratsfähigen Töchter der Fürsten des Rheinbundes aufstellen lassen, auf der auch der Name Therese von Sachsen-Hildburghausen stünde. Sie kam zwar nur aus einem kleinen Herzogtum, das aber glänzende Verbindungen in die übrigen Fürstenhäuser hatte, unter anderem war sie die Nichte der preußischen Königin Luise und eine Großnichte der englischen Königin Sophie Charlotte. Für die Familie aber war die Vorstellung, Napoleon als neues Familienmitglied begrüßen zu müssen, undenkbar.2 Herzogin Charlotte hätte es am liebsten gesehen, wenn Therese ihren Onkel Georg geheiratet hätte, der seit Jahren auf vergeblicher Brautsuche war. Durch seine häufigen Besuche in Hildburghausen kannten sich beide sehr gut, und so war wohl bei ihnen im Laufe des Jahres 1808 ein Gefühl entstanden, das zumindest Georg als Liebe bezeichnete. In Briefen an seine Schwester Therese von Thurn und Taxis deutete er schon 1808 an, dass er sich in Hildburghausen verliebt hatte, ohne seiner neugierigen Schwester zunächst Details zu verraten.3 Eine Ehe zwischen Verwandten zweiten Grades war in Adelskreisen nicht ungewöhnlich, auch wenn sie das Krankheitsrisiko für die Nachkommen erhöhte.

Ob Therese in ihren Onkel verliebt war, wissen wir nicht genau. Er war ihr sehr vertraut, stand für alles, was sie auch an der Mutter liebte, und ihre Briefe zeigen durchaus vorsichtige Ansätze eines Flirts mit dem Onkel, so in einem Brief vom 30. Juli 1808 nach einem längeren Besuch Georgs in Hildburghausen: »Schade, daß Sie nicht länger dablieben; vielleicht würde Ihnen in der Folge nicht allein die Gegend wohl gefallen haben, sondern auch so manche Menschen, deren Schüchternheit gewiß mehrere ihrer Vorzüge verbergen.«4 Was im Einzelnen zwischen beiden passiert ist, können wir nur vermuten, aber Georg und auch Herzogin Charlotte und ihre Schwestern gingen von einer Heirat aus.

Am 21. Dezember 1809 aber erschien im Schloss der 23-jährige bayerische Kronprinz Ludwig von Bayern (1786– 1868) auf der Suche nach einer Braut. Er fürchtete, genau wie seine Schwester Auguste, die Napoleons Stiefsohn Eugène heiraten musste, Teil der dynastischen Heiratspolitik Napoleons zu werden – eine Aussicht, die ihm zutiefst zuwider war. »Ich bin bald 24 Jahre alt, ich muß unbedingt heiraten«, schrieb er in sein Tagebuch. »Ist das einmal geschehen, können solche Anschläge auf meine Freiheit von Paris her nicht mehr gemacht werden.«5 Sein Vater hatte ihm vorgeschlagen, Therese oder Luise von Sachsen-Hildburghausen zu ehelichen, eine seiner Großnichten. Jede von ihnen sei »lieb, freundlich und gütig und könnte eine ausgezeichnete Frau abgeben«. Zwar bringe sie kein Geld mit in die Ehe, aber Hildburghausen sei so klein und politisch so unwichtig, dass auch Napoleon keine Bedenken haben würde.6 Bei Konzerten und beim Walzertanz kam man sich näher und am Ende entschied er sich für Therese. Ludwig schien, zumindest nach seinen Tagebucheinträgen zu urteilen, sehr verliebt.

Therese erwiderte diese Gefühle, obwohl Ludwigs Äußeres keinesfalls dem Bild eines Märchenprinzen entsprach. Sein Aussehen wird von den meisten Zeitgenossen als »wenig einnehmend« bezeichnet. Er war von mittlerer Größe, hatte eine vorspringende Nase und Blatternnarben im Gesicht. Er war stark schwerhörig, ein Erbteil der Mutter, und stotterte, was die Zeitgenossen als »schwere Zunge« bezeichneten. Daher waren Unterhaltungen mit ihm eher mühsam und auch Konzert- und Theaterbesuche schwierig. Die Folge der Schwerhörigkeit waren ein überlautes Sprechen, abrupte Bewegungen und wildes Gestikulieren. Er sprach kurz und abgehackt, oft keine ganzen Sätze und seine Äußerungen wurden von den Zeitgenossen als oftmals heftig und taktlos empfunden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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