Die dunklen Herzens sind - David Docherty - E-Book

Die dunklen Herzens sind E-Book

David Docherty

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Beschreibung

Wenn die Gier keine Grenzen kennt: Der eiskalte Thriller »Die dunklen Herzens sind« von David Docherty jetzt als eBook bei dotbooks. Der Ex-Polizist Harry Yeats glaubt, dass er in der abgeschiedenen Idylle des nordenglischen Doon-Tals endlich Ruhe finden kann – bis er Zeuge eines brutalen Mordes wird: Einer Frau wird die Kehle aufgeschlitzt, ihre Leiche wird im nahegelegenen Stausee entsorgt. Harry weiß ganz genau, was er gesehen hat. Doch am nächsten Tag berichtet die BBC über einen angeblich vereitelten Anschlag auf die Staumauer, bei dem eine Terroristin ums Leben gekommen sein soll. Was wird hier vertuscht und wer hat so viel Macht und Einfluss, der ganzen Welt ins Gesicht zu lügen? Harry muss der Wahrheit auf den Grund gehen – und läuft schon bald Gefahr, in einem unerbittlichen Mahlstrom der Gewalt und des Hasses unterzugehen … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gnadenlose Thriller »Die dunklen Herzens sind« von David Docherty. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 524

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Über dieses Buch:

Der Ex-Polizist Harry Yeats glaubt, dass er in der abgeschiedenen Idylle des nordenglischen Doon-Tals endlich Ruhe finden kann – bis er Zeuge eines brutalen Mordes wird: Einer Frau wird die Kehle aufgeschlitzt, ihre Leiche wird im nahegelegenen Stausee entsorgt. Harry weiß ganz genau, was er gesehen hat. Doch am nächsten Tag berichtet die BBC über einen angeblich vereitelten Anschlag auf die Staumauer, bei dem eine Terroristin ums Leben gekommen sein soll. Was wird hier vertuscht und wer hat so viel Macht und Einfluss, der ganzen Welt ins Gesicht zu lügen? Harry muss der Wahrheit auf den Grund gehen – und läuft schon bald Gefahr, in einem unerbittlichen Mahlstrom der Gewalt und des Hasses unterzugehen …

Über den Autor:

David Docherty ist englischer Journalist, TV-Produzent und Autor mehrerer Bücher, die weltweit erschienen sind. Nach einer Karriere beim britischen Rundfunk, zuletzt als Deputy Director of Television der BBC, konzentrierte er sich auf das Schreiben von Sachbüchern und Thrillern, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Bei dotbooks veröffentlichte David Docherty bereits seine Thriller »Die ohne Reue sterben« und »Die ohne Sünde leben«.

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eBook-Neuausgabe September 2020

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2002 unter dem Originaltitel »The Killing Jar« bei Pocket Books, an imprint of Simon & Schuster UK Ltd, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2003 unter dem Titel »Die wahren Herzens sind« bei Lübbe.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2002 by David Docherty

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2003 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Julieta Sarmiento

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96655-139-7

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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David Docherty

Die dunklen Herzens sind

Thriller

Aus dem Englischen von Volker Neuhaus und Edda Petri

dotbooks.

Danksagungen

Ich danke Tim Martin, Keith Allen und Michael Perry für die Informationen über die Welt der Finanzen. Paul Cowen verdanke ich Einblicke in die Problematik der Bergbauversicherung, und Dick Chandler half mir, mich über den Bau von Dämmen und mögliche Gefahren kundig zu machen, die dabei entstehen können. Sämtliche Fehler in diesem Roman sind auf meine Unwissenheit oder Missverständnisse zurückzuführen, an denen ich allein die Schuld trage. Meine Frau Kate und meine Töchter Polly und Flora mussten wieder mal einen arbeitssüchtigen Ehemann und Vater ertragen. Was wäre ich ohne euch.

»Das Töten sollte so rasch und schmerzlos wie möglich erfolgen.«

»Beim Töten sollte die äußere Erscheinung eines Insekts nicht beeinträchtigt werden.«

Die Benutzung des Tötungsglases – anonyme Webseite

Erster TeilSämtliche Ströme des Erdreichs

Was allem Volk genug ist an NahrungIst dem Einen zu wenigImmer mehr verlangt erSo wie das Meer verschlingtSämtliche Ströme des Erdreichs.

Ovid, MetamorphoseErysielthon

Kapitel 1

Als Schreie die mitternächtliche Dunkelheit erfüllten, eilte Harry Yeats zur Mauer des Minenbeckens und blickte über den Fluss und den Speichersee hinweg, die sich unter ihm ausbreiteten. Er setzte das Fernglas an die Augen und richtete es auf ein schwarzes, robbenähnliches Etwas, das mitten im Schilf trieb und plötzlich von einer Welle auf den Rücken gedreht wurde. Bleiches Mondlicht fiel auf das weiße Gesicht eines Menschen mit aufgeschlitzter, klaffender Kehle. In den toten Augen spiegelte sich Entsetzen.

»Mein Gott!«

Douglas, Harrys Border Collie, brach in wildes Gebell aus, als das Knattern eines Außenbordmotors erklang und sich auf dem Fluss entfernte. Harry fluchte leise, kniete sich hin und wühlte in seinem grünen Rucksack. Versehentlich stieß er ihn um; mehrere Kameras und Teleobjektive fielen heraus. Dann endlich hatte er die Pistole ertastet, riss sie aus dem Rucksack, sprang auf den Gehweg, der über die zwei Meter breite Staumauer führte, suchte sicheren Stand und feuerte die Leuchtkugel ab. Sie explodierte hoch über dem Fluss und überflutete ihn mit Licht.

Harry sah, wie eine schwarz gekleidete Gestalt in einem kleinen Boot irgendetwas in die Luft schleuderte. Er machte ein halbes Dutzend Blitzlichtaufnahmen, als der Gegenstand flirrend durch die Luft flog, aufs Wasser schlug und verschwand.

Als das orangene Glühen der Leuchtkugel verblasste, rannte Harry zu dem runden, gedrungenen Wachturm auf der entfernten rechten Seite der Staumauer.

»Die Suchscheinwerfer einschalten!«, rief er, so laut er konnte.

In der Tür erschien das längliche Gesicht eines Mannes, der Harry verwundert anschaute.

»Was ist los?«, fragte Eric Gilcrest, der Sicherheitschef des Doon-Komplexes, zu dem die Mine und das Minenbecken gehörten. Er packte Harrys Arm, worauf der Collie knurrte. Gilcrest wich einen Schritt zurück, und der Hund verstummte.

»Da liegt ein Toter im Wasser!«, stieß Harry hervor und rannte auch schon die Außentreppe des Wachturms hinauf, gefolgt von Gilcrest und drei kräftigen, uniformierten Wachmännern.

Oben angekommen, streckte Harry den Arm aus. »Da!«, sagte er. »Da unten!« Einer der Männer drehte den Suchscheinwerfer in die Richtung, in die Harrys Arm wies. Der Lichtstrahl riss den Körper, der sanft in den Wellen schaukelte, aus der Dunkelheit.

Harry richtete seine Kamera, eine Olympus C-3060 Pro, auf die Leiche und zoomte das Bild heran.

»Sie wollen sich wohl ein paar Mäuse nebenher verdienen?«, sagte einer der Wachmänner spöttisch. »Ein paar Schnappschüsse für die Sun, was?«

Harry beachtete den Mann nicht und richtete die Kamera auf das weiße, starre Gesicht des Toten.

»Allmächtiger«, flüsterte er. »Es ist Sally Harper.«

»Die Lehrerin aus der ›Arche‹?« Eric Gilcrest setzte den Feldstecher an die Augen. »Warum hat sie hier mitten in der Nacht getaucht?«

»Kommt, Männer«, sagte Harry, »gehen wir runter.«

Sie hatten sich gerade auf den Weg gemacht, als der Donnerschlag einer Explosion über die Hügel wetterte.

Kapitel 2

Harry gähnte, als er aus dem Haupttor des Doon-Komplexes fuhr. Eine lange Nacht voller Verdächtigungen und Vernehmungen lag hinter ihm. Harry und die örtliche Polizei kannten einander lange Zeit, schon seit er vor mehr als zehn Jahren die Wildtiere in dieser Gegend studiert und fotografiert hatte. Dann aber war das Verhältnis zwischen Harry und der Polizei merklich abgekühlt, als er vier Jahre lang einer der führenden Köpfe von DREAD gewesen war, einer Bürgerinitiative, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, den Bau des Doon-Staudamms zu verhindern. Seit der Einweihung des Damms vor drei Jahren hatten sich die Beziehungen zwischen Harry – der nun hauptberuflich als Tierfotograf arbeitete – und der Obrigkeit wieder entspannt, und die gegenseitigen Verdächtigungen hatten nachgelassen.

Inspector Frommer jedoch, der in dieser Nacht als Erster am Schauplatz des Verbrechens erschien, zeigte sich misstrauisch und wollte genau wissen, was Harry am Staudamm zu suchen hatte. Harry erklärte, er habe die Erlaubnis der McLean-Platinmine, Fotos von einer Familie wild lebender Nerze für einen Zeitungsartikel zu schießen. Schließlich aber musste um zwei Uhr früh ein mürrischer Bildredakteur angerufen werden, der Harrys Geschichte bestätigte. Dennoch verlangte Frommer den Memorystick aus Harrys Digitalkamera, der dann in einen der Computer der McLean-Mine eingelesen wurde. Dabei zeigte sich, was auf den Blitzlichtfotos zu sehen war, die Harry in der Nacht von der Staumauer aus gemacht hatte: Die schwarz gekleidete Person in dem Boot hatte ein Schwert in den Doon River geworfen – offenbar die Waffe, mit der Sally Harper getötet worden war. In der Morgendämmerung machten Polizeitaucher sich auf die Suche nach dem Schwert, doch wegen der starken Strömung des Flusses hatten sie keine Chance, die Waffe zu finden.

Harry hielt auf einer Hügelkuppe und schaute zurück auf die Platinmine und das riesige Minenbecken. Das Bild, das sich unter ihm ausbreitete, erschien ihm wie eine moderne Version eines Gemäldes von Hieronymus Bosch: zerfurchte Fahrrillen tonnenschwerer Planierraupen; riesige achträdrige Laster, die ihre unbekannte Fracht an unbekannte Ziele transportierten; hunderte von Arbeitern mit gelben und roten Schutzhelmen, die rastlos über das Gelände eilten oder in dem fünf Meilen langen Stollen verschwanden, in dem sich die Platinader befand. Die Staumauer des Minenbeckens war grauschwarz im hellen Sonnenlicht, gigantisch und düster. Das Wasser im Becken enthielt giftige Rückstände: Schlamm aus zermalmtem Felsgestein und die Reste von Chemikalien, die beim Abbau verwendet wurden.

Auf der rechten Seite des Doon-Komplexes breitete sich eine Mondlandschaft aus, beherrscht vom riesigen Krater eines alten Schieferbruchs, anderthalb Kilometer breit und hundert Meter tief. Die Gebäude waren verfallen; verrostende Maschinen standen auf dem Gelände. Die McLean International Mining – nunmehr Betreiberin der Platinmine und Besitzerin des Staudamms – hatte den Schieferbruch ein halbes Jahrhundert lang ausgebeutet und dann dem Verfall preisgegeben.

Harry ließ den Lärm und Staub des hundert Morgen großen Komplexes aus Verwaltungsgebäuden, Kantinen, Parkplätzen und dem Besucherzentrum hinter sich. Er fuhr eine steil abfallende, gewundene Straße hinunter, die erst vor kurzem verbreitert worden war; die Sträucher zu beiden Seiten hatte man kurzerhand abgeholzt. Die Straße führte in die Minenstadt Doonside.

Noch wenige Jahre vor Entdeckung der Platinader hatte die Hauptstraße des Ortes aus zwei Secondhand-Läden bestanden, einem Gemischtwarenladen, einem Pfandhaus, einer kleinen privaten Wettannahmestelle, die ständig von Männern besucht zu sein schien, die billige Zigaretten rauchten, sowie einer Kneipe mit zugemauerten Fenstern. Alle diese Läden hatten einer nach dem anderen die Besitzer gewechselt. Das Wettbüro war von einem großen Buchmacher übernommen worden, die Kneipe von einem Bierverlag, und die Geschäfte waren verkauft und dienten nun anderen Zwecken: Der einstige Gemischtwarenladen beherbergte ein exklusives indisches Restaurant, und aus den Secondhand-Läden waren eine Verkaufsstelle für Handys, ein Internet-Café und ein Bistro geworden. Doch diese Geschäfte wurden von dem neuen großen Einkaufszentrum, das am Stadtrand aus dem Boden gestampft worden war, weit in den Schatten gestellt.

In der Nähe des Einkaufszentrums befand sich auch das ausgedehnte Grundstück, auf dem Häuser für tausende Familien entstehen sollten, die vom wirtschaftlichen Erfolg der Platinmine in diese Gegend gelockt wurden. Fred Cunningham, der Farmer, der das Land verkauft hatte, war von dem Erlös ins sonnige Florida ausgewandert und führte ein sorgenfreies Leben. Harry neidete es ihm nicht; der arme alte Fred hatte ein halbes Jahrhundert mehr schlecht als recht von dem Wenigen gelebt, was der karge Boden hergab. Die Schafherden hatten das Schicksal des Schieferbruchs geteilt; die letzten Tiere waren verschwunden, als die McLean International mit fetten Schecks und dem Versprechen auf Baugenehmigungen auf der Bildfläche erschienen war.

Harry verspürte Erleichterung, als er gut einen Kilometer außerhalb Doonsides von der vierspurigen Schnellstraße auf eine schmale, einspurige Nebenstraße abbog, die am Doon entlang in eine 90.000 Morgen große, wild- und wasserreiche Waldgegend führte, die zum Naturschutzgebiet Doon Valley gehörte – ein Tal, in dem sich nur einige verstreut liegende Dörfer und Weiler befanden. Dieses Tal war seit nunmehr drei Jahren Harrys Zuhause; zuvor schon hatten er und seine Familie jeden Urlaub damit verbracht, diese Gegend zu Fuß und zu Pferde zu durchstreifen. Harry lebte im Wohngebäude einer alten Mühle unweit der Mündung des Doon. Von seinem Schlafzimmer aus konnte er den Staudamm sehen, der sich unmittelbar an der Grenze zum Naturschutzgebiet befand.

Gemächlich fuhr er über die Straße und genoss den Anblick des strahlenden Sonnenlichts auf dem gelben Stechginster, den Schlüsselblumen und den Ästen der Buchen, die sich wie ein Baldachin über die schmale Straße spannten und Schattenmuster auf die Wildblumen am Fahrbahnrand warfen. Harry schaltete das Autoradio an, stellte den Lokalsender ein und verfolgte eine Diskussion zwischen zwei Anruferinnen.

»Ich kann nicht begreifen, wie jemand sich über die Mine beklagen kann. Im Westen Englands werden seit über fünfhundert Jahren Erze und Kohle abgebaut. Diese Protestierer sind verrückt. Tausende Jobs stehen auf dem Spiel!« Die Anruferin sprach mit dem harten Akzent dieser Gegend.

»Sie wollen es offenbar nicht verstehen.« Auch die andere Stimme gehörte einer Frau, die jedoch nicht aus dem North County stammte, dafür sprach sie zu kultiviert. »Die Mine muss verschwinden. Um dreißig Gramm Platin zu gewinnen, müssen zehn Tonnen Fels abgebaut werden, und die Chemikalien, die beim Abbau ins Wasser geleitet werden, vergiften es auf Generationen hinaus. Was die Minengesellschaft tut, ist unverantwortlich und gefährlich.«

»Es war eine Entscheidung des North County für die Menschen des North County!«, widersprach die Befürworterin. »Es gab ein ... wie heißt es gleich? ... ein Referendum in sämtlichen Stadt- und Gemeinderäten des Bezirks, und wir haben den Bau des Dammes unterstützt. Das ist unser Land.« Die Stimme der Frau war voller Zorn und Verzweiflung.

Ihre Widersacherin entgegnete: »Es war eine Entscheidung aus Gewinnsucht, von der kurzsichtige Menschen wie Sie sich blenden ließen ...«

»Ich danke Ihnen für die interessante Diskussion«, schaltete der Moderator sich ein, dem die Sache offenbar zu heiß zu werden drohte. »Kommen wir nun wieder zu unserem Musikprogramm mit Ike und Tinas ›River Deep and Mountain High‹, ...«

Harry bog auf eine lange, zerfurchte Zufahrt ab, die zu einer stillvollen georgianischen Villa führte, die jedoch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Einst hatte diese Villa den Namen »Eliot House« getragen – von den Bewohnern der Gegend wurde sie noch immer »die Villa« genannt –, doch ihr neuer Verwendungszweck ging aus einem großen blauen Schild hervor:

DIE ARCHEMusiktherapeutisches Zentrum für Kinder

Ein anderes Schild auf einer kleinen Erhöhung warnte:

Langsam fahren. Es könnten deine Kinder sein,die dir vors Auto laufen.

Als Harry die Geschwindigkeit auf Schritttempo verlangsamte, konnte er spüren, wie Douglas auf dem Beifahrersitz lebhafter wurde. Der Border Collie hatte die dichten Wälder dieser Gegend regelmäßig durchstreift und kannte jeden Kaninchenbau. Hinter den Bäumen war auf der linken Seite der träge, im Sonnenlicht funkelnde Lauf des Doon zu sehen, der hier einen Bogen beschrieb; rechts war der Tarn zu sehen, ein Nebenfluss, der hinter der Villa in den Doon mündete, sodass die »Arche« auf einer Halbinsel stand, die von den beiden Flüssen gebildet wurde. Harry betrachtete die eleganten Schiebefenster des großen Eingangszimmers; die Farbe war abgeblättert, die Schnitzereien verwittert, und statt der Seiden- und Brokatvorhänge befand sich nun das prosaische, in nüchternem Weiß gestrichene Verwaltungsbüro hinter diesen Fenstern. Die zwanzig Zimmer in den beiden Etagen darüber hatten verschiedene Verwendungszwecke: Sie dienten als Musik-, Spiel- und Schlafzimmer.

Die Eliots, die ursprünglichen Besitzer der Mine, hatten dreihundert Jahre lang in dieser Villa gewohnt. Im Zuge der Verstaatlichung der Minen im Jahre 1947 wurde die Familie von der Regierung abgefunden und begab sich in ein luxuriöses Exil nach London.

Für das North County brachen magere Zeiten an.

Dann aber hatte Sir Anthony Eliot, der Enkel des letzten Besitzers von Eliot House, die Tochter von Graham McLean geheiratet, dem Vorstandsvorsitzenden der McLean International, und war ins Unternehmen seines Schwiegervaters und damit wieder ins Minengeschäft eingetreten, anfangs als Direktor der britischen Firmentochter, dann als Generaldirektor von McLean International.

Harry betrachtete die vier Bungalows, die am Rande eines Wäldchens aus Buchen und Eschen standen; diese Gebäude beherbergten Behandlungszimmer für Kinder, die unter Legasthenie, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Autismus und anderen schweren Funktions- und Verhaltensstörungen litten. Stets hielten sich zwanzig Kinder im Alter zwischen vier und sechzehn Jahren in dem Zentrum auf, dessen Unterhalt Ingrid McLean, der jetzigen Eigentümerin, den letzten Penny aus der Tasche zog. Die örtlichen Sozialeinrichtungen und Behörden behandelten Ingrid noch immer als Wohltäterin, die keiner anerkannten und geförderten Organisation angehörte; sie selbst hatte ihrem Therapiezentrum mit gewollter Ironie den Namen »Arche« gegeben.

»Auch Noah hat keiner geglaubt«, hatte sie zu Harry gesagt, als beide sich ein Jahr zuvor das erste Mal begegnet waren.

Als Harry nun vor dem Haupteingang hielt, sprang Douglas durchs geöffnete Seitenfenster und rannte zu einer Gruppe Kinder, die mit einer Frisbeescheibe spielten. Der Hund hinkte leicht, seit er einige Jahre zuvor einen Bruch des linken Hinterbeins erlitten hatte.

»Guckt euch den Krüppel an«, rief ein schlaksiger Teenager mit langem rotem Haar, das ihm bis über die Schultern fiel. Als die Frisbeescheibe auf den Rothaarigen zuschwebte, sprang Douglas in die Höhe und schnappte die rasend schnell rotierende Plastikscheibe aus der Luft.

»He!«, rief der Bursche. »Bring das wieder her, du blöder Kläffer!«

»Da musst du ihn schon fangen, Ben«, rief ein junges Mädchen und kicherte. »Na los!«

Ben brüllte aus Leibeskräften: »Komm sofort her, verdammter Köter!«

Reumütig ließ Douglas die Frisbeescheibe zu Füßen des Jungen fallen, doch als der sich bückte, um sie aufzuheben, griff er in den Sand, denn der Hund hatte die Scheibe schon wieder im Maul und flitzte in der anderen Richtung davon.

»Douglas!«, rief Harry. »Sei brav!«

»Hat Douglas wieder Gefallen an seinen alten Tricks gefunden?« Beim Klang der Stimme drehte Harry sich um und sah eine hoch gewachsene, schlanke Afroamerikanerin, deren Gesicht und die Falten um Augen und Mund wie geschnitzt aussahen. Ihre Miene war so ruhig und ernst wie immer.

»Frances.« Harry küsste sie auf beide Wangen. »Schön, dich zu sehen.«

»Ist ziemlich lange her«, erwiderte Frances mit ihrem kultivierten, angenehmen Virginia-Akzent. Sie hatte als Psychotherapeutin gearbeitet, bevor sie sich nach einer Tagung vor einigen Jahren mit Ingrid zusammengetan hatte.

»Wie läuft's denn so?«, fragte Harry.

»Nicht besonders.«

Harry sah, wie ein Ausdruck von Trauer in Frances' Augen erschien. »Weiß Ingrid schon, was mit Sally passiert ist?«

Frances nickte. »Danke, dass du mich heute Morgen angerufen hast. Irgendwie nimmt man es leichter auf, wenn man die Nachricht von einem Freund bekommt, einem Menschen, den man kennt. Verstehst du, was ich meine?«

Harry nickte.

»Ingrid ruft gerade Sallys Eltern an. Sie ist fix und fertig. Komm lieber morgen noch mal her, ja?«

»Hast du den Kindern schon von der Fotoserie erzählt?«

»Ja, aber ...« Frances zögerte unentschlossen. »Wenn man bedenkt, was alles passiert ist, sollten wir es vielleicht aufschieben.«

»Nein«, erwiderte Harry. »Wenn wir die Fotoserie jetzt nicht machen, merken die Kinder, dass irgendwas nicht stimmt. Außerdem muss man jedes Versprechen halten, das man den Kindern gegeben hat, weil das der Schlüssel zu ihren Herzen ist. Das hat Ingrid mir immer wieder eingetrichtert. Die Kinder freuen sich auf die Fotoserie, und wir dürfen sie nicht enttäuschen. Sie werden noch früh genug um Sally trauern. Vielleicht könntest du sie behutsam auf die Nachricht vorbereiten. Falls die Polizei die Meldung freigibt, wird das Fernsehen schon heute Abend darüber berichten.«

»Reden wir mit Ingrid. Es ist ihre Entscheidung, meinst du nicht auch?«

Harry nickte, holte seine Nikon F6 aus dem Wagen, schraubte ein 80-200-mm-Zoomobjektiv auf, legte einen Agfa-Schwarzweißfilm ein und machte ein paar Aufnahmen von einem mageren, blassen, knabenhaften Mädchen mit wunderschönen Augen, das lauthals lachte, als es beobachtete, wie Douglas, der Collie, den rothaarigen Jungen ein weiteres Mal überlistete.

»Wie heißt das Mädchen?«, fragte Harry.

»Dani Buchanan«, erwiderte Frances. Sie sprach Dani wie »Danee« aus.

»Warum ist sie hier?«

»Ihre Mutter starb an Aids, und ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Die Großeltern wollten Dani nicht bei sich haben, weil sie an schwerer Diabetes leidet und keiner sich die Mühe machen wollte, ihr die Spritzen zu geben. Ingrid hat sie auf den Straßen von Edinburgh gefunden. Sie war vierzehn Jahre alt, so gut wie stumm, und ging betteln – für den ehemaligen Zuhälter ihrer Mutter. Nicht mehr lange, und sie wäre auf dem Strich gelandet.«

»Verdammt.«

»Dani ist eine von Ingrids Dauergästen. Sie kann nirgends hin.«

»Nun, falls deine Sponsoren keine Herzen aus Stein haben, dürfte dieses Foto ein paar Tausender einbringen«, meinte Harry.

»Wenn es so einfach wäre«, erwiderte Frances seufzend. »Dann hätten wir keine zweihunderttausend Pfund Schulden.«

Ingrids Familie, die McLeans, erwähnte Harry gar nicht erst; er wusste, dass Ingrid ihre superreichen Verwandten niemals um Hilfe bitten würde.

Frances blickte auf die Uhr. »Kommst du auf eine Tasse Kaffee herein? Leider kann ich dir nur Instantkaffee anbieten.«

Der Parkettboden im alten Wohnzimmer der Villa sah noch verschrammter aus als bei Harrys letztem Besuch vor einem halben Jahr, die Perserteppiche wirkten noch trauriger, die Muster noch verblasster, der Flor noch abgetretener und schmutziger. Es war offensichtlich, dass Ingrid große Probleme ins Haus standen, wenn sie sich keine Reinigungskraft mehr leisten konnte. Ihren Großvater, Graham McLean, würde sie niemals um Unterstützung bitten; ebenso wenig ihren Onkel, Anthony Eliot. Eher würde sie versuchen, weitere fremde Geldgeber aufzutreiben.

Frances reichte Harry eine Tasse Kaffee, nachdem er in einem altersschwachen Ledersessel Platz genommen hatte.

»Ist Ingrid sehr mit den Nerven runter?«

Frances zuckte die Achseln. »Sie behauptet, es geht ihr gut, aber ich habe meine Zweifel. Seit ihr Schluss gemacht habt, ist sie irgendwie ... still geworden. Du bist für sie so etwas wie ein wandelndes Kampfgebiet, Harry. Was meinst du, weshalb sie dich nicht sehen will? Ingrid und ich nehmen uns das sehr zu Herzen. Ich weiß immer noch nicht, wie du mich überreden konntest, dich diese Fotos machen zu lassen.«

»Ich habe euch vor neun Monaten versprochen, die Fotoserie zu machen, und dieses Versprechen will ich halten. Die Arche ist wichtig, und ich möchte den Kindern helfen.«

Frances legte den Kopf schief und musterte Harry mit einem abschätzenden Blick aus funkelnden Augen.

»Was hast du eigentlich am Staudamm gemacht?«, wollte sie dann wissen. »Ich dachte, du hasst ihn.«

»Ich wollte für eine Sonntagszeitung ein paar Fotos schießen. Für einen Artikel über die Auswirkungen der immer stärkeren Besiedlung auf die hiesige Tierwelt. Hunderte von Arbeitern und zwei Fastfood-Esslokale sind ins Tal eingerückt, wie du weißt. Ich war gerade einem Nerz auf der Spur, der sich ein Stück Brathähnchen geschnappt hatte und an der Staumauer entlangflitzte, als ich plötzlich Schreie hörte ...«

Harry verstummte und blickte auf Ingrids Cello. Bei seinem letzten Besuch in der Arche hatte sie eine Cellosuite von Bach gespielt. Es war spät am Abend gewesen, bei gedämpftem Licht und leise knisterndem Kaminfeuer. Nach dem Stück hatte Ingrid das Cello zur Seite gestellt und Harry mit brutaler Endgültigkeit erklärt, sie beide dürften sich von nun an nicht mehr sehen. Ihr blasses Gesicht war noch bleicher geworden, als sie nervös auf die Fotos der vielen Kinder geschaut hatte, die zur Therapie in der »Arche« gewesen waren. »Es ist wegen der Kinder«, hatte Ingrid gesagt. »Sie brauchen mich zu sehr.« Dann war sie aufgestanden, hatte Harry allein gelassen und sämtliche Verbindungen zwischen ihnen beiden gekappt; sie hatte sich sogar geweigert, seine Telefonanrufe entgegenzunehmen und seine Briefe und E-Mails zu lesen. Seit sechs Monaten lag Harry Nacht für Nacht allein im Bett und fragte sich, warum es so gekommen war.

Die große Eichentür öffnete sich, und Ingrid kam ins Zimmer.

»Hallo, Harry.« Sie sah müde und erschöpft aus.

Obwohl in seinem Innern ein Aufruhr tobte, geriet Harrys Lächeln nicht ins Wanken, als er Ingrid betrachtete. Ihr dichtes Haar war rabenschwarz, und ihre Augen besaßen die Farbe von frischem Frühlingsgras. Barfuß war sie nur einsfünfundsechzig groß, sehr schlank und zierlich, mit kleinen Brüsten. Ihre Hände waren lang und schmal – Hände, mit denen sie in den Wäldern und im Gemüsegarten hinter dem Haus schuftete, wenn sie die Zeit dazu fand, allein und ohne Hilfe. Ingrid war eine sehr tüchtige Frau.

»Das mit Sally tut mir Leid«, sagte Harry. Er wusste, dass es besser war, Ingrid nicht zu fragen, was Sally eigentlich am Stausee getan hatte. Wenn sie es für angebracht hielt, würde Ingrid es von selbst erzählen – sofern sie es überhaupt wusste.

»Danke, dass du Bescheid gesagt hast«, erwiderte Ingrid leise. »Frances hat mir von deinem Anruf erzählt.« Helles Kinderlachen drang von draußen durch die Fenster. »Ich wette, dein verrückter Hund spielt wieder mal Lassie«, sagte sie und lächelte zögerlich. Harry hatte Ingrid mehr als einmal so erlebt: Hinter der Fassade leiser Fröhlichkeit kämpfte sie tapfer gegen die Verzweiflung und rang um die Kraft, weitermachen zu können.

»Wann tut mein Hund das mal nicht?«, entgegnete Harry, ohne den Blick von Ingrid zu nehmen. »Frances und ich haben uns gerade darüber unterhalten, ob wir mit der Fotoserie weitermachen sollen.«

Nachdenklich kaute Ingrid auf der Unterlippe; dann wandte sie sich um und ging zur Tür hinaus. Sofort wurde sie von den Kindern bestürmt; Ingrid zog sie an wie das Licht die Motten. Harry folgte ihr. Er sah, wie sie tief Luft holte und den Atem langsam wieder ausstieß – eine Meditationsübung, die Harry schon oft bei ihr beobachtet hatte.

»Also, Kinder«, rief Ingrid. »Harry ist hergekommen, um ein paar Fotos zu machen. Ich möchte, dass ihr ernst in die Kamera schaut. Das gilt auch für dich, Ben Raddlestone«, sagte sie zu dem schlaksigen rothaarigen Halbwüchsigen, der zuvor mit der Frisbeescheibe gespielt hatte. »Dein aufsässiges Teenager-Gehabe will ich nicht sehen.«

»Ich bin nicht aufsässig! Bin ich nicht! Nein, nein, nein!« Die Worte sprudelten nur so aus dem Jungen hervor, als müssten sie sich gewaltsam Bahn brechen, und er schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, bis Ingrid ihn an den Oberarmen packte und ihm irgendetwas ins Ohr flüsterte. Es war nicht das erste Mal, dass Harry in der »Arche« eine solche Szene erlebte.

»Ist der Junge hyperaktiv?«, fragte er Francis mit leiser Stimme.

»Ja. Und Epileptiker. Seine Mutter ist vor einem Jahr an Krebs gestorben. Keiner wird mit ihm fertig, nur Ingrid, und nicht einmal sie schafft es jedes Mal.«

Aus dem Augenwinkel sah Harry mehrere Schatten, die sich rechts von ihm durch den Wald bewegten. »Wer ist das?«, wollte er wissen.

»Wen meinst du?«, fragte Frances.

»Da drüben.« Harry wies auf die Bäume.

Frances beschattete die Augen mit der Hand. »Ich sehe keinen.«

Harry schaute noch einmal hin. Die Schemen waren verschwunden.

Ich krieg allmählich 'nen Koller, dachte Harry wütend. Muss an der verdammten Nacht liegen, die hinter mir liegt. Ich brauche Schlaf.

»Komm, lass uns die Fotos machen«, drängte Frances nach einem Blick auf die Uhr. »Ich habe den Kindern ein Picknick versprochen. Die Polizei sagt, dass sie die Meldung über Sallys Ermordung heute Abend freigibt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Presse und Fernsehen uns noch lange in Ruhe lassen.«

Wieder spürte Harry irgendeine Bewegung im Buchenwald. Seine Muskeln spannten sich; angestrengt spähte er in den morgendlichen Dunst.

»Wir haben nicht viel Zeit, Harry.« Frances' freundliche tiefe Stimme rief ihn zu einer Gruppe von fünf Kindern, die sich vor Lachen krümmten, während sie beobachteten, wie Douglas auf den Hinterbeinen hüpfte.

Harry grinste, wobei er einen Blick auf den Belichtungsmesser warf. »Kehrt, Douglas«, rief er und dirigierte den Hund zu den Kindern. »Sitz!« Als Douglas gehorchte, schoss Harry das perfekte Foto: Die freudigen Gesichter, nahe beieinander; fröhliche Kinderaugen, die allesamt auf den Hund gerichtet waren, während die tief stehende Morgensonne auf den zerzausten, ungekämmten Haaren schimmerte. Hinter den Kindern wuchs ein üppiges Dickicht aus Kamelien und Azaleen. Harry stützte die Unterarme auf den niedrigen Ast einer Buche, setzte die Kamera vors Auge, hielt den Atem an und wartete auf die perfekte Ausrichtung und Neigung der Köpfe. Gerade als er den Auslöser betätigte, kam ein schmuddeliger weißer VW-Bus um die Biegung des Zufahrtsweges und fuhr ihm genau ins Bild.

»O Mann!«, stieß Harry zornig hervor, als das harmonische Bild aus Körpern und Köpfen, Licht und Schatten sich in ein Wirrwarr aus Gliedmaßen auflöste. Er machte ein paar hastige Aufnahmen, wusste aber, dass sie nichts wert waren. Er musste es noch einmal versuchen.

Als Ingrid zu dem VW-Bus ging, gesellte Harry sich zu ihr. »Wer ist das?«, fragte er.

»Er hilft uns manchmal bei den Kindern. Und er ist ein wundervoller Pianist. Außerdem versteht er sich großartig mit Ben, dem rothaarigen Jungen.«

Der Mann – hoch gewachsen, mit ungebändigtem blonden Haar und strahlend blauen Augen – gab Ingrid einen Kuss auf die Wange, wobei er Harry über Ingrids Schulter hinweg musterte.

»Harry, das ist Sascha.«

»Hi«, sagte der Bursche und lächelte, wobei er nikotingelbe Zähne zeigte – der einzige Makel seines ansonsten perfekten Äußeren. Er war offensichtlich ein sehr starker Raucher, der mindestens hundert Zigaretten täglich konsumierte.

»Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?«, fragte er und zündete sich eine Marlboro an. Seine gedehnte Sprechweise verriet, dass er eine Privatschule besucht hatte, an der gelehrt wurde, dass die Welt einem untertan sein müsse. Eton vielleicht, oder Winchester.

»Nur zu«, sagte Harry.

»Dürfte ich um den Film bitten?« Er wies mit einer Kopfbewegung auf Harrys Kamera; dann schaute er Ingrid an. »Tut mir Leid, dass ich darauf bestehen muss«, sagte er. »Mag sein, dass ich überempfindlich reagiere, aber ich habe es nicht gern, wenn irgendwelche Zufallsfotos von mir kursieren.« Während er sprach, berührte er Ingrids Hand, und Harry bemerkte, dass der Mann dünne weiße Baumwollhandschuhe trug. Seltsam.

»Gib ihm bitte den Film, Harry.«

»Warum sollte ich?«

Sascha lächelte. »Persönliche Gründe.«

Harry zuckte die Achseln, spulte den Film zurück, zog ihn aus der Kamera und reichte ihn Sascha.

»Danke.« Sascha nickte großmütig. »Sehr freundlich.« Er steckte sich die Filmrolle in die Tasche. Sein Gesicht hellte sich auf, als er in den VW-Bus griff und ein Bündel Notenblätter hervorholte. »Die habe ich für Sally mitgebracht. Wir haben uns etwas für Ben überlegt ...«

Stille.

»Was ist?«, fragte Sascha.

»Ich glaube, wir sollten die Fotoserie erst morgen machen, Harry.« Ingrid hob in einer hilflosen Geste die Hände. »Es ist ein bisschen ... es ist alles etwas ...«

»Es ist alles ein wenig schwierig«, sagte Frances.

»Klar. Ich verstehe schon. Wir reden später. Es ist hart für euch. Viel Glück mit den Kindern. Wenn ich irgendwie helfen kann, ruft mich an.« Harry trat einen Schritt zurück und stieß mit dem Mädchen aus Schottland zusammen.

Sie zeigte auf Douglas. »Mister«, sagte sie. »Dürfen wir den Hund behalten? Ich meine, nur für diese Nacht? Er ist so klug. Warum humpelt er?«

Harry lächelte das Mädchen an. »Das sage ich dir morgen, wenn ich wiederkomme. – Douglas, her zu mir! Es wird Zeit, dass wir uns aufs Ohr hauen.«

»Aber, Mister ...«

»Sag Harry zu mir.«

»Mr Harry, ich ...«

Er lächelte. »Harry genügt.«

»Darf ich morgen mit Douglas spielen, Harry?« Das Mädchen erwiderte sein Lächeln.

»Douglas ist sein eigener Herr.« Harry beobachtete, wie der Collie die Füße des Mädchens beschnüffelte; dann hob er den Kopf und leckte ihr die Hand. »Sieht so aus, als hättest du jetzt 'ne Verabredung ... Dani, stimmt's?«

»Es spricht sich Danee«, sagte das Mädchen.

»Lass mich raten. Deine Mutter war ein Fan von Liza Minelli.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen: Er hatte die Todsünde begangen, in der »Arche« den Elternteil eines Kindes zu erwähnen.

Dani erriet seine Gedanken. »Machen Sie sich nichts daraus, Harry«, sagte sie. »Ich habe meine Mom nicht mal richtig gekannt. Die meiste Zeit war sie zugedröhnt. Ingrid sagt, als Mom mich bekommen hat, war sie fast noch ein verängstigtes Mädchen, das gar nicht richtig wusste, was es tat. Es war Großmutters Idee, mir den Namen Dani zu geben.« Ihr breiter Edinburgher Akzent ließ sie in Harrys Augen noch verletzlicher erscheinen.

Er drehte sich um und sah Ingrid und Sascha beisammenstehen. »Tu mir einen Gefallen, Dani. Sag Ingrid, dass ich morgen zu ihr komme.«

Doch die verzweifelte Ingrid, die Sascha soeben vom Mord an Sally erzählte, bekam nicht einmal mit, wie Harry vom Hof fuhr.

Kapitel 3

Harry zog sein abgetragenes grünes Hemd aus, steckte es in die Waschmaschine und schenkte sich einen Espresso ein. Dann stieg er die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf, das lang und weiträumig war und die Hälfte des Raums in dem alten Mühlenhaus einnahm, das er drei Jahre zuvor gekauft hatte, als seine Ehe zu zerbröckeln begann. Er warf seine Cordhose auf den Stapel unordentlicher Wäsche neben dem großen Doppelbett und zog sich eine bequeme, weit sitzende Hose an, die er in Sumatra gekauft hatte, als er dort im Auftrag des Word Wildlife Fund eine Fotoserie aufgenommen hatte. Er schob eine CD der Temptations in den CD-Player und bewegte den Fuß im Takt der Rhythmen von »I Wish It Would Rain«, wobei er aus dem Fenster schaute. Das Tal konnte Regen gebrauchen; es war ein langer, heißer Sommer gewesen, und das Flussbett war an einigen Stellen so ausgetrocknet, dass der Boden rissig und aufgeplatzt war. Harry war überzeugt, dass der Grundwasserspiegel seit der Errichtung des Staudamms gefallen war, doch wie alles andere war auch dies schwer zu beweisen, und die handzahmen Ökologen, die nach der Pfeife der McLean International tanzten, hatten hundert verschiedene Erklärungen für »zyklische Veränderungen« parat.

Als Harry die Treppe herunterkam, schleckte Douglas Wasser aus seiner Schüssel. Der Collie reckte sich, schabte mit den Pfoten über den Fußboden, trottete zu einem alten Sitzsack neben Harrys Schreibtisch, legte sich hin und döste ein. Harry wünschte sich, er könnte es dem Hund gleichtun, doch er war zu aufgedreht. Er trank Espresso und studierte das Sozialverhalten der Stock- und der Krickente, des Graureihers und des Höckerschwans, des Eisvogels, des Grünschenkels und des Strandläufers, die alle im Mündungsgebiet des Doon vorkamen. Er hatte hunderte von Stunden damit verbracht, die Veränderungen des Flussmündungsgebiets im jahreszeitlichen Wechsel zu dokumentieren; eines Tages wollte er ein Buch über die Schönheiten dieser Landschaft veröffentlichen. Doch er hatte sich nun schon so lange durch Fotos statt durch das geschriebene Wort ausgedrückt, dass er dieses Buchvorhaben immer wieder aufgeschoben hatte. Zwei unveröffentlichte wissenschaftliche Studien aus der Zeit, als Harry noch Tierpsychologie gelehrt hatte, staubten auf einem der Regale vor sich hin.

Er aß zwei Brötchen, die so trocken waren, dass er beinahe den Schinken vermisste, der üblicherweise zu seinem Frühstück gehörte: zum Vegetarier geworden zu sein, hatte auch seine Nachteile. Harry gähnte; dann schlug er sich auf die Wangen, um die Müdigkeit zu vertreiben, setzte sich vor seinen Mac und schaltete den Computer ein. Er hoffte noch immer, dass seine Tochter Ellie ihm nach drei Jahren des Schweigens endlich einmal schrieb. Fünf E-Mails waren eingegangen; Harry überflog rasch die Adressen der Absender und seufzte enttäuscht. Wieder nichts. Mit einer Mischung aus Bedauern und Besorgnis klickte Harry eine alte Archiv-Datei an und öffnete die letzte E-Mail, die er von Ellie bekommen hatte – an dem Tag, nachdem sie fortgegangen war:

Dad, du irrst dich in Phil. Ich begreife nicht, warum du das getan hast. Du verstehst einfach nicht. Du willst nicht verstehen.

Bis bald und alles Liebe, Ellie.

Ellie hatte diese Nachricht gleichsam wie eine Handgranate in die Ehe ihrer Eltern geworfen. Damals, im Alter von sechzehn Jahren, war sie mit Phil Lackland durchgebrannt, einem zwanzigjährigen Umwelt-Aktivisten, den sie bei einem Konzert der »Friends of The Earth« kennen gelernt hatte. Harry erinnerte sich noch, wie er Ellie am Bahnhof einen Abschiedskuss auf die Wange gegeben hatte, und wie er dann mit einer Mischung aus Stolz und Wachsamkeit beobachtete, wie seine schlanke, hoch gewachsene Tochter sich anmutig durch die Menschenmenge an der Paddington Station bewegte. Das pechschwarze Haar und die dunkelbraunen Augen hatte sie vom Vater, die langen schlanken Beine von der Mutter, die kaum älter als Ellie gewesen war, als Harry sie geheiratet hatte. Reuevoll dachte er daran zurück, wie erwachsen er sich als zweiundzwanzigjähriger Bräutigam gefühlt hatte.

Als Ellie wiederkam, war Lackland bei ihr gewesen – und mit einem Mal hatte Harrys kleines Mädchen sich verändert. Sie war launisch geworden, bisweilen reizbar und überdreht, dann wieder deprimiert und teilnahmslos. Anfangs hatte Harry es für die üblichen Symptome eines verliebten Teenagers gehalten; dann aber hatte er sich gefragt, was es eigentlich mit diesem Lackland auf sich hatte, und nachgeforscht, wobei sich herausstellte, dass der junge Bursche als Hitzkopf bekannt war, was Harry aber nicht weiter störte. Erst als er herausfand, dass Lackland seine ehemalige Freundin mehrmals brutal verprügelt hatte, war er eingeschritten und hatte Ellie erklärt, sie solle mit Lackland Schluss machen. Noch heute dachte er voller Selbstvorwürfe an die hitzige Diskussion, die er damit ausgelöst hatte. Wie hatte er nur so dumm sein können.

Bis bald und alles Liebe. Harry las diese Worte der Sechzehnjährigen und fragte sich wieder einmal, ob und wie er das Problem auf andere Weise hätte lösen können. Das Bis bald schmerzte Harry am meisten: Ellie hatte nach Hause kommen wollen, und anfangs hatte Harry sie tatsächlich jeden Tag zurückerwartet. Doch sie war nicht gekommen, und auch nach einem Monat intensiver Suche hatten weder Harry noch seine Freunde Ellie und Phil Lackland aufspüren können.

Er ließ den Blick über die Reihe gerahmter Fotos schweifen, die auf seinem edwardianischen Schreibtisch standen, den er in einem Trödelladen in Doonside gekauft hatte. Das letzte Foto war während eines Wanderurlaubs am höchsten Punkt des Hügellandes aufgenommen worden, bevor das Platin entdeckt worden war. Es zeigte Harry, Ellie und Susie, glücklich lächelnd und ahnungslos, was die bevorstehenden Schicksalsschläge betraf. Ellie trug ein T-Shirt, auf das ein Porträt Ghandis und der Wahlspruch Rettet die Erde aufgedruckt waren. Manchmal konnte Harry den Schmerz kaum ertragen, Ellies selbstbewusstes Lächeln zu sehen; immer dann drehte er das Foto auf dem Schreibtisch von sich weg, um es nicht anschauen zu müssen.

Genau das tat Harry auch jetzt, wobei er auf die Kurzwahltaste seines Telefons drückte.

»Hallo, Susie«, sagte er in den Hörer, während er die eingegangenen E-Mails öffnete, die sich allesamt als Anfragen seiner internationalen Bildagenturen erwiesen.

»Hallo, Schatz«, erwiderte Harrys baldige Ex-Ehefrau mit ihrem weichen Belfaster Akzent.

»Nichts Neues hier«, sagte er.

»Hier auch nicht«, erwiderte Susie.

Diese Sätze waren zu einem täglichen Ritual geworden; der Versuch, ihre Beziehung zu entgiften und dem anderen die Anfeindungen und Grobheiten zu vergeben, als sie nach sechs Monaten ergebnisloser Suche ihren Schmerz und die Wut am Partner ausgelassen hatten. Dieser ständige Ehekrieg hatte ihre Beziehung zerstört, doch das noch laufende Scheidungsverfahren hatte wieder Sachlichkeit, ja, eine von Wachsamkeit begleitete Freundschaft zwischen Harry und Susie einkehren lassen. Das vorläufige Scheidungsurteil war bereits ergangen; nun warteten beide auf das endgültige Urteil, das in wenigen Monaten fällig war.

»Woran arbeitest du?«, fragte Susie.

»An einem doppelseitigen Sonderbericht für die Sunday Times. In dem Artikel geht es darum, wie die Tierwelt sich durch den Bau des Staudamms verändert hat.«

»Bestimmt nicht zum Besseren.«

»Kann man wohl sagen. In Sachen Sicherheit und Umweltschutz versprechen die einem das Blaue vom Himmel, aber wie oft wurden solche Versprechen nicht eingehalten?«

»Zu oft. Übrigens habe ich eine seltsame Meldung über Terroristen gehört, die angeblich versucht haben, den Doon-Staudamm in die Luft zu sprengen.«

Harrys Gedanken schweiften zurück in die vergangene Nacht, als sie Sallys schlaffen Körper aus dem Wasser gezogen hatten. Ihr junges Gesicht war blau und schrecklich zerschunden gewesen, da sie mit dem Kopf mehrmals gegen scharfkantige Felsenbrocken gestoßen war. Harry konnte sich Sally unmöglich als Terroristin vorstellen; auf der anderen Seite schlummerte die Bereitschaft zur Gewalt in den Anhängern fast sämtlicher politischer Bewegungen, die an radikale Lösungen weltumspannender Probleme glaubten. Was das betraf, hatte Harry in Belfast weiß Gott genug Schreckliches gesehen.

»Ja«, sagte Harry. »Ich war an der Staumauer.«

»Mein Gott. Es gab eine Explosion, heißt es, und dass man in der Nähe der Leiche Semtex gefunden hat.«

Semtex? Wo kam der Sprengstoff her? Harry ging ins Internet, klickte BBC-Online an und las den Aufmacher:

Terroranschlag auf umstrittenen Doon-Staudamm.

Wie aus verlässlichen Quellen verlautet, wurde in der vergangenen Nacht ein terroristischer Anschlag auf den Doon-Damm verübt. Eine Taucherin der Terrorgruppe kam bei dem Versuch, Semtex an der Staumauer zu befestigen, durch einen Unfall ums Leben. Die Polizei vermutet, dass Verbindungen zu einer amerikanischen Gruppierung bestehen, die weltweit mit Gewalt gegen Staudämme vorgeht, die so genannten »Levellers«, die erst vor kurzem eine Liste jener Staudämme in Umlauf brachten, die sie zum Ziel ihrer Angriffe erklärt haben. Der Doon-Staudamm ist nach dieser Liste das Hauptziel der Levellers in Großbritannien.

Harry wusste nur zu gut, dass es kein Unfall gewesen war. Sally war ermordet worden. Und wer, zum Teufel, waren diese »Levellers«? Wer hatte der BBC diese Informationen zukommen lassen? Es mussten die PR-Leute der McLean International oder Polizeibeamte gewesen sein. Aber warum sagten sie dann nicht die Wahrheit – dass Sally die Kehle durchgeschnitten worden war? Sehr seltsam ...

»Bist du noch dran, Harry? Alles in Ordnung?«, riss Susies Stimme ihn aus seinen Gedanken.

»Ja. Alles bestens. Wir reden später, ja? Pass auf dich auf.«

»Und du auf dich.«

Harry beobachtete, wie eine Wolke ihren Schatten über das Wasser warf, und dachte über die Fotos nach, die er letzte Nacht aufgenommen hatte. Er hatte auf seinem Palmtop-Minicomputer digitale Kopien davon angefertigt, bevor er der Polizei den Memorystick mit den Fotos ausgehändigt hatte. War auf diesen Fotos irgendetwas zu sehen, das Sallys Tod erklärte?

Kapitel 4

Das Krachen eines Gewehrschusses weckte Harry. Benommen erhob er sich; noch immer wirkte der Albtraum, aus dem er erwacht war, in seinem Unterbewusstsein nach.

Douglas rannte zum Fenster, während Harry zusammenzuckte, als eine, zweite Schussdetonation durch das Tal rollte. Wahrscheinlich war jemand in den Wäldern am anderen Ufer des Flusses auf Taubenjagd. Mit schlurfenden Schritten ging Harry zum Fenster und sah, dass er sich geirrt hatte: Zwei Männer in Jeans, Holzfällerhemden und Windjacken gingen über den Pfad, der in ungefähr fünfzig Metern Entfernung am Haus vorbeiführte. Einer der Männer hob grüßend die Hand, als er Harry bemerkte; müde erwiderte er die Geste. Der Bursche sagte irgendetwas zu seinem Begleiter, der sich ins Gras legte und auf Enten zielte, die auf dem Fluss schwammen; dann kam der Mann den Fußweg zu Harrys Mühlenhaus hinauf.

Harry zog sich ein Sweatshirt über und öffnete die Tür, bevor Eric Gilcrest das Haus erreicht hatte.

»Solltest du deinen freien Tag nicht lieber im Bett verbringen?«, fragte Harry.

»Ich konnte nicht schlafen. Hatte Albträume. Du weißt schon, wegen gestern Nacht«, sagte Eric mit seinem ausgeprägten Newcastle-Akzent. Seine große rechte Hand lag am Kolben des Gewehrs, dessen Lauf in der linken Armbeuge ruhte.

»Ich weiß. Möchtest du 'ne Tasse Kaffee?«

»Nein, danke. Ich will so schnell wie möglich wieder in der freien Natur sein, Mann. Du solltest auch rauskommen. Ist ein Weilchen her, dass du gejagt hast.«

»Ich bin davon ab. Außerdem habe ich noch zu tun.«

»Musst du die digitalen Fotos ausdrucken, die du heimlich kopiert hast?«, fragte Eric und zwinkerte Harry zu.

»Was?«

Eric lächelte. »Versuch gar nicht erst zu leugnen. Wir haben im ganzen Gebäude versteckte Kameras und Mikros. Ich kann dir jederzeit sagen, wo, wann und wie laut jemand einen fahren gelassen hat. Aber keine Bange – ich werde keinem was von deinen Bildern erzählen. Weil ich nämlich genauso gerne wie du wissen will, was da wirklich abgelaufen ist, und ich glaube nicht, dass diese Provinzbullen es herausfinden.«

»Die typische Überheblichkeit eines Londoner Ex-Polypen.« Harry grinste. Eric Gilcrest hatte zwölf Jahre bei der Metropolitan Police in London gearbeitet, bevor er in den Ruhestand gegangen war, nachdem ein zwölfjähriger Cracksüchtiger ihm einen Bauchschuss verpasst hatte. »Und ich dachte immer, dein ehemaliger Verein hätte die schlechteste Aufklärungsquote diesseits des Kosovo.«

»Ich will dir mal was sagen. Wenn die hiesige Polizei so dämlich ist, dass sie nicht mal merkt, wie du heimlich Fotos auf deinen Palmtop kopierst, wird sie wohl kaum herausfinden, wer versucht hat, meinen Staudamm in die Luft zu jagen. Lass mich wissen, wenn du was herausfindest.«

»Mach ich. Aber sag mal, weshalb behaupten deine Leute und die Polizei, Sally wäre bei einem Unfall ums Leben gekommen? Wenn dir mit einer dreißig Zentimeter langen Klinge die Kehle aufgeschlitzt wird, kannst du das schwerlich als Unfall bezeichnen.«

»Wie wär's, wenn wir heute Abend ein Bierchen trinken?«, erwiderte Eric. »Sagen wir, um halb sechs im Maulwurf?«

Der »Maulwurf« war das letzte Gebäude in dem winzigen Weiler, in dem Harry und Eric wohnten.

Eric ging zu seinem Partner, der immer noch im Gras lag. Harry erkannte den Mann: Es war District Inspector Grant Frommer, der in der vergangenen Nacht das Verhör geführt hatte, bis der Chef des Dezernats für Terrorismusbekämpfung eingetroffen war und das Kommando übernommen hatte.

Harry nahm den winzigen Memorystick, auf den er die Fotos kopiert hatte, aus der Brusttasche seines Jacketts, las ihn in seinen Computer ein und lud die Bilder herunter. Er wollte sie mit einem professionellen Bildbearbeitungs-Programm aufbereiten, um festzustellen, ob er eine bessere Auflösung und Schärfe erzielen konnte. Die Fotos mussten irgendetwas zeigen, das ihm half, sich einen Reim auf die Geschehnisse der letzten Nacht zu machen, deren Zeuge er geworden war. Als Harry heute Morgen auf dem Sofa gelegen hatte, war Sallys entstelltes, blutiges Gesicht immer wieder in seinen Albträumen erschienen. Er war ihr nur ein halbes Dutzend Mal begegnet, doch sie war zu den Kindern in der »Arche« stets freundlich und großzügig gewesen. Und er konnte sich erinnern, dass sie wunderschön Violine gespielt hatte.

Harry öffnete die Bilddateien. Nichts. Der Monitor blieb dunkel. Ärgerlich, aber nicht ungewöhnlich – auch Computer brauchten manchmal einen Tritt in den Hintern. Noch einmal ging Harry sämtliche Schritte durch. Wieder nichts. Er versuchte es mit anderen Dateien. Auch sie waren leer. Wo eigentlich der dokumentierte Beweis hätte sein sollen, dass er letzte Nacht am Doon-Staudamm gewesen war, war nichts als Schwärze. Harry nahm die Olympus C-3060, mit der er die Originalaufnahmen gemacht hatte, schoss ein Foto vom dösenden Douglas und lud das Bild in seinen Mac Es funktionierte einwandfrei.

Harry startete ein Hilfsprogramm und las fassungslos die Meldung, dass sämtliche Daten auf dem Memorystick gelöscht worden waren. Entweder war der Chip defekt, oder am Staudamm war irgendetwas passiert. Oder bei der Arche ...? Vielleicht hatte sich eines der Kinder am Palmtop zu schaffen gemacht. Wenn es darum ging, etwas kaputtzumachen, waren Kinder unglaublich einfallsreich. Es gab nur eine Möglichkeit, sich Gewissheit zu verschaffen.

»Auf, auf, Douglas. Genug gefaulenzt.«

Zwanzig Minuten später, als Harry um die letzte Kurve der Zufahrtsstraße zur Arche bog, sah er Saschas weißen VW-Bus vor der Küchentür stehen. Wo waren die Kinder? Um diese Tageszeit spielten sie meist auf dem Hof oder dem Fußballplatz. Als Harry seinen Land Rover parkte und Douglas aus dem Wagen sprang, flog die Tür auf. Ingrid – zwischen Sascha und eine fremde Frau gepresst, die ihr die Mündung einer Waffe an die Schläfe drückte – wurde zum VW-Bus gedrängt.

Harry rannte auf die Kidnapper zu, wobei er um Hilfe rief, so laut er konnte. Douglas sprang die fremde Frau an, die aufschrie, als der Collie ihr in die Hand biss. Sascha trat dem Hund brutal in den Leib, worauf er winselnd unter Harrys Land Rover kroch. Harry nutzte die kurze Ablenkung, packte einen Stein und schmetterte ihn Sascha an den Kopf. Schreiend vor Schmerz sank er in die Knie. Harry wollte zu Ingrid, wurde aber halb herumgeschleudert, als eine Kugel aus Saschas Pistole ihn mit der Wucht eines Keulenhiebs am Kopf streifte.

Die Frau hielt Ingrid in einem festen Klammergriff und zerrte sie in den VW-Bus. Sascha, der sich halbwegs erholt hatte, schwang sich auf den Fahrersitz, ließ den Motor an und jagte auf Harry zu, der benommen und mit blutender Schläfe über den Boden kroch. In letzter Sekunde warf er sich zur Seite, sodass der VW um Haaresbreite an seinem Kopf vorbeiraste und die Zufahrt hinunterjagte. Harry rappelte sich auf, taumelte zu seinem Land Rover, trat das Gaspedal voll durch und wählte per Kurzwahltaste eine Nummer, die er in der Nacht zuvor von der Bezirkspolizei bekommen hatte.

»Es ist dringend! Dringend! Soeben wurde Ingrid McLean entführt. In einem weißen VW-Bus, der unterwegs ist in Richtung Redwater Bridge. Ich folge dem Wagen. Beeilen Sie sich!«

Eine Minute später hatte Harry den VW eingeholt, der soeben in die Redwater Road einbiegen wollte. Harry hatte nur eine Chance: Er musste dem Fahrer den Weg versperren, bevor dieser die einspurige, gewölbte Brücke überqueren konnte.

Als Harry sich neben den VW-Bus setzte, bot die Straße, die von dichten Hecken begrenzt wurde, kaum noch Platz für die Wagen; die Fahrspur war so eng, dass zu beiden Seiten nur Zentimeter Platz blieben. Harry warf einen Blick zur Seite und sah, wie Ingrid sich aufbäumte und verzweifelt um sich schlug. Er bemerkte nicht, wie fünfzig Meter voraus ein Tanklastzug, der Diesel auf einer Farm angeliefert hatte, auf die Straße rollte.

Harry fuhr so dicht neben dem VW, dass er die große Narbe auf Saschas rechtem Handrücken sehen konnte. Sascha schaute zu ihm herüber und grinste verzerrt, wobei er seine nikotingelben Zähne entblößte. Sein Kopf bewegte sich im Rhythmus einer lautlosen Melodie vor und zurück.

Dann hörte Harry eine dröhnende Hupe und blickte nach vorn.

»Mein Gott!« Das Kreischen der Reifen seines Land Rover vermischte sich mit dem Geräusch des aufheulenden Motors und dem Krachen des Getriebes, als der Fahrer des Tanklastzugs verzweifelt versuchte, den Laster vorzuziehen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Harry hielt auf eine Lücke zu, durch die er den Rover mit viel Glück hindurchquetschen konnte, doch Sascha rammte ihn. Der VW knallte in die Flanke des Rover und zwang Harry wieder auf Kollisionskurs mit dem Tanklaster. Der Fahrer das Lasters sprang aus dem Führerhaus, warf sich in den Straßengraben, legte die Hände über den Kopf und wartete auf den Zusammenstoß und die alles vernichtende Explosion mehrerer tausend Liter Diesel. Auf dem Hof der Farm drückten sich zwei kleine Kinder an eine Gebäudemauer, gelähmt vor Entsetzen.

Fünfzehn Meter vom Tanklaster entfernt, riss Harry das Lenkrad herum, raste auf eine Lücke in der Hecke zu und brach hindurch. Der Rover flog mehrere Meter durch die Luft und landete im Fluss. Das Wasser, das hier mannshoch stand, schoss durch die zerschmetterte Windschutzscheibe ins Wageninnere. Hektisch löste Harry den Sicherheitsgurt. Das Wasser reichte ihm schon bis ans Kinn, als er Douglas durchs Seitenfenster hob; dann wand er sich selbst hindurch und schwamm an die Oberfläche.

»Du Wahnsinniger! Du dämlicher Arsch!« Zitternd vor Wut stand der Fahrer des Tanklasters auf der Uferböschung. »Dafür wanderst du in den Knast!«

Harry stürmte an ihm vorbei, schwang sich auf den Fahrersitz des Lasters, hebelte den Gang ein und gab Gas. Ruckend fuhr der Lastzug an. Sascha hatte gut fünfhundert Meter Vorsprung und näherte sich bereits der Kurve, die zur Redwater-Brücke führte.

Harry brach mit dem Laster durch einen Gatterzaun und donnerte mit achtzig Stundenkilometern über einen Fahrweg, der nicht mehr benutzt wurde, die Strecke bis zur Brücke jedoch erheblich abkürzte.

Der Volkswagen hatte die Brücke fast erreicht, als der Tanklaster einen flachen Hügel herunterkam. Harry stieg in die Bremsen und riss gleichzeitig den Lenker herum, sodass der Tankanhänger in eine Drehbewegung versetzt wurde, um die Zugmaschine herumschleuderte, über die Straße schlitterte, gegen die Brückenpfeiler stieß und die Zufahrt blockierte.

Ein lautes, rhythmisches Pochen ertönte, und das Dröhnen eines starken Motors war zu hören. Augenblicke später erschien ein Hubschrauber und landete auf einem Feld in der Nähe. Als die Kidnapper aus dem VW-Bus stiegen, winkte der Pilot sie mit wilden Armbewegungen zu sich. Harry musste hilflos mit ansehen, wie Ingrid von Sascha und der Frau zum wartenden Helikopter gezerrt wurde. Verzweifelt rammte er die Schulter gegen die Tür des Lasters, die sich nicht rührte, während ihm das Blut aus der Schläfenwunde in die Augen lief und ihn fast blendete, als er versuchte, sich den Schweiß und das Blut aus den Augen zu reiben.

In der Ferne ertönten Polizeisirenen, die rasch näher kamen.

»Los, Douglas, fass!«, stieß Harry hervor. Der Hund sprang aus dem Fenster, rannte los und sprang Sascha an, schnappte nach dessen Gesicht. Ingrid stand wie erstarrt da.

»Ingrid!«, rief Harry, dem es endlich gelang, die Tür des Führerhauses aufzustoßen. »Lauf! Um Himmels willen, lauf!«

Eine Sekunde starrte sie ihn an; dann rannte sie zum Fluss und sprang hinein.

Sascha hatte Douglas' Kehle gepackt. Das Maul des Hundes war mit Blut und flockigem weißen Schaum bedeckt. Plötzlich zückte Sascha ein Messer und stieß es Douglas zwischen die Rippen. Das gequälte Jaulen des Tieres vermischte sich mit dem Heulen der Polizeisirenen, als zwei Streifenwagen auf der Hügelkuppe erschienen. Vier Polizisten sprangen heraus, während Saschas Komplizin ihm zum Hubschrauber half. Augenblicke später stieg der Helikopter in den nachmittäglichen Himmel und ließ Harry, der bewusstlos neben der Brücke zusammengebrochen war, rasch unter sich zurück.

Kapitel 5

Harry saß am Fenster und beobachtete, wie die Sonne aufging, die den Himmel in leuchtendes Orange, Gelb und Rot tauchte. Nie hatten der Doon und seine Landschaft wundervoller ausgesehen. Ein langes nasses Frühjahr, gefolgt von heißen, beinahe tropischen Sommermonaten hatten eine leuchtend bunte Blumenpracht hervorgebracht, eine Explosion aus Orchideen und Wiesenglockenblumen, Fingerhut und Schlüsselblumen. Die Klänge des Songs »Waterfall« von den Stone Roses schwebten träge durch Harrys Wohnzimmer und aus dem Fenster hinaus in die Morgenluft.

Er fühlte sich noch immer benommen von dem Streifschuss. Ein dicker Verband war um seine Stirn und die Schläfe gewickelt, wo Saschas Kugel ihn gestreift hatte. Ein, zwei Zentimeter weiter rechts, und sein Hirn wäre über den Kies auf dem Hof vor der »Arche« gespritzt. Wer immer versucht hatte, Ingrid zu entführen, spielte mit äußerstem Einsatz.

Harry trank einen Schluck Mokka und beobachtete, wie ein Höckerschwan gleichgültig an einer Gruppe Graureiher vorüberschwamm, die nach Fisch tauchten.

»Guten Morgen, du Held.«

Harry wandte sich um. Eric kam ins Zimmer. Er trug seine Wachuniform. »Wie geht es deinem Kopf?«

»Ist noch dran.«

»Sei ehrlich. Wie fühlst du dich, Mann? Ich wette, es tut verdammt weh.«

»Mir geht's prima. So schnell haut mich nichts um.«

»Quatsch. Dieser Macho-Scheiß ist was für die Weicheier aus dem Süden. Wir Nordlichter sollten immer bei der Wahrheit bleiben.«

»Möchtest du Kaffee?«

»Nein, danke. Ich wolle nur vorbeischauen und dir was sagen.«

»Und was?«

»Ich bin ziemlich sicher, dass die Leute, die Ingrid entführen wollten, auch die Morddrohungen gegen den alten McLean ausgestoßen und versucht haben, den Staudamm wegzupusten.«

»Die ›Levellers‹?«

»Genau. In Kanada haben sie schon mehrere Minendirektoren ermordet. Sie haben diese Leute für den Unfall verantwortlich gemacht, bei dem eine große Menge Zyanid in den Hudson geflossen ist.

»Dieser Vorfall, bei dem auf tausende von Meilen die Hälfte des Fischbestandes vernichtet wurde?«

»Genau. Aber das erlaubt ihnen noch lange nicht, sich selbst zum Richter, zu Geschworenen und zum Scharfrichter zugleich zu ernennen. Diese Leute in Kanada, die den Staudamm betrieben, hatten bloß ihren Job getan. Dass irgendeine Maschine versagte, war schließlich nicht ihre Schuld. Inzwischen sind die Levellers dazu übergangen, nicht nur Menschen, sondern Staudämme in die Luft zu jagen. Vergangenen Monat haben sie sich ein kleines Wasserkraftwerk in Arizona vorgenommen. Sie haben den Betreibern eine Vorwarnung geschickt, und die Leute wurden evakuiert. Aber die Anschläge dieser Levellers werden von Mal zu Mal schlimmer, verdammt!«

»Den Doon-Staudamm werden sie nicht sprengen. Die Flutwelle würde hunderte von Menschen töten.«

»Fanatiker darf man niemals unterschätzen. Als ich nach dem Bombenanschlag in Covent Garden Leichenteile einsammeln musste, habe ich erkannt, dass solche Irren alles tun, um ihre so genannte Sache voranzutreiben.«

»Aber warum wurde Sally ermordet? Ist sie jemandem ... oder etwas ... in den Weg geraten?«

Eric zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, aber ich will es herausfinden.« Er blickte über Harrys Schulter nach draußen. »So schlecht kannst du letzte Nacht tatsächlich nicht drauf gewesen sein.«

Harry blickte in die Richtung, in die Eric schaute, und sah Ingrid am Fluss stehen. Sie trug seinen grünen Morgenmantel, und ihr Haar war zerzaust und noch feucht von der Dusche. Ein Glas Orangensaft in der Hand, stand sie mit geschlossenen Augen da, das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt.

»Es ist nicht so, wie du glaubst«, sagte Harry.

»So ist es nie, alter Junge.«

»Wir wurden letzte Nacht zusammen zum Krankenhaus gefahren. Als Ingrid nach Hause gebracht wurde, sind die Medienvertreter wie die Heuschrecken über die Arche hergefallen, sodass Ingrid beschlossen hat, die Nacht hier zu verbringen.«

Eric hob ironisch die Brauen. »Du kannst mir viel erzählen, Mann. Aber ich sag's nicht weiter. Tja, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Heute Abend schaue ich noch mal vorbei – auf ein Bierchen.« Als Gilcrest mit langen Schritten zur Tür ging, sagte er über die Schulter: »Falls du nicht anderweitig beschäftigt bist.«

Ingrid kam zu Harry ans Fenster. »Wer ist der Mann?«

»Eric Gilcrest. Sicherheitschef des Doon-Komplexes.«

»Du scheinst dich sehr gut mit ihm zu verstehen. Ist das noch derselbe Harry Yeats, der einen Monat bei den Protestierern an der Mine verbrachte und sich auf die Schienen gelegt hatte, damit die Loren nicht mehr fahren konnten?«

»Ja, aber jetzt, wo sie das verdammte Ding einmal gebaut haben, möchte ich, dass dort jemand für Sicherheit sorgt. Eric ist ein prima Kerl. Hat das Herz am rechten Fleck. Was den Kopf angeht, bin ich mir da allerdings nicht immer so sicher.« Er lächelte Ingrid an und nahm ihre Hände. Es war lange her, dass sie einander berührt hatten.

»Wie wär's mit Frühstück?«, fragte Harry.

»Wurde auch Zeit, dass du fragst.«

Nachdem Ingrid das Zimmer verlassen hatte, blieb Harry noch eine Weile sitzen, den Kopf auf die verschränkten Hände gestützt, während vor seinem geistigen Auge verschwommene Erinnerungen an den vergangenen Abend erschienen: Ingrids Tränen, als sie sein Gesicht gestreichelt hatte ... die Spritze, die ihm Erleichterung von den Schmerzen verschaffte ... wie er mit hämmerndem Kopfweh im Krankenhaus erwacht war und auf seiner Entlassung bestanden hatte, als er erkannte, dass seine Verletzung »bloß« eine Fleischwunde war ... die Fahrt zum Tierarzt, bei dem sie Douglas abgeholt hatten. Die Nachricht, dass eine Horde Zeitungs- und Fernsehleute bei der »Arche« auf Ingrid lauerte, hatte sie schließlich veranlasst, Harry zu fragen, ob sie die Nacht in seinem Haus verbringen dürfe.

Als Harry die kleine Küche neben der Dunkelkammer betrat, erfrischt und in bequemer Freizeitkleidung, kümmerte Ingrid sich um Douglas. Sie hatte sich eine Jeans und ein langes weißes Hemd übergestreift, war aber immer noch barfuß, und ihr feuchtes Haar hing ihr wild und strähnig bis auf den Rücken. Sie redete auf Douglas ein, der die Reste eines Steaks herunterschlang, das sie ihm als Dankesgeschenk mitgebracht hatte. Die Rippen des Collies waren verbunden.

»Es wird Zeit, deinen Verband zu wechseln«, sagte sie zu Harry. »Douglas musste das auch gerade über sich ergehen lassen.«

Ingrid setzte sich und stellte eine Schüssel warmes Wasser auf den Tisch. Harry biss die Zähne zusammen, als sie ihm den blutdurchtränkten Verband abnahm.

»Sieht gut aus«, sagte sie.

»Was verstehst du unter ›gut‹?«

»Groß und sauber.«

Sie legte ein chirurgisches Nähbesteck und ein halbes Dutzend winzige Klemmen auf den Tisch und riss die erste aus der Plastikfolie.

»He, was tust du da? Ich wurde gerade erst angeschossen. Letzte Nacht habe ich literweise Blut verloren! Ich brauche einen frischen Verband, nicht diese Folterwerkzeuge.«

»Ich fürchte, es geht nicht anders, Harry. Ich werde die Wunde vernähen. Du konntest ja nicht schnell genug aus dem Krankenhaus flüchten.«

»Aber die Wunde ist riesig!«

Ingrid lächelte. Sie wusste, dass Harrys gesamte linke Körperseite von Narben übersät war, die von einem Braunbären stammten, der Harry und einen seiner Freunde vor acht Jahren angegriffen hatte, als die beiden Männer auf einer Fotosafari in Kanada unterwegs gewesen waren. Harry hatte sich selbst verarztet, so gut er konnte; dann hatte er seinen schwer verletzten Freund in ein dreißig Kilometer entferntes Krankenhaus gefahren.

Harry jammerte leise, als Ingrid seine Wunde geschickt vernähte, nachdem sie die Wundränder geklammert hatte.

»Du lieber Himmel, Harry. Bei den Kindern ist es ja einfacher als mit dir.«

»Ihre Nervenenden sind noch jungfräulich. Ich bin ein Mann. Wir Männer haben riesige Synapsen, die bloß darauf warten, unerträgliche Schmerzen wahrzunehmen und an uns weiterzuleiten.«

Ingrid lächelte.

Harry streckte den Arm aus und nahm ihre Hand. Sie blickte einen Moment darauf; dann zog sie die Hand weg, stand auf und ging zum Waschbecken, während die Erinnerung wie eine eisige Woge über sie hinwegspülte. Sie schauderte, als sie an Harrys blutüberströmtes Gesicht dachte, an ihre schreckliche Angst, dass er sterben müsse – und an den Augenblick, als sie mit vollkommener Gewissheit erkannte, dass sie diesen Mann liebte.

Was soll ich tun, fragte sie sich. Was kann ich tun?

Würde es wieder bloß ein flüchtiges Verhältnis sein, wie beim letzten Mal? Würden sie wieder zu viel vom anderen verlangen? Ingrid konnte ihre Zeit, ihre Kraft, ihr ganzes Leben nicht den Kindern in der Arche widmen und gleichzeitig Harry haben.

»Ich werde dich jetzt verarzten«, sagte sie. »Dann fahre ich zurück zur Arche. Ben hat heute Nachmittag eine Klavierstunde. Wenn ich nicht erscheine, macht er einen Aufstand.«

Für einen Moment breitete sich Stille im Zimmer aus.

»Ich verstehe«, sagte Harry schließlich und spielte mit einer Schere herum. »Was ist mit den Presseleuten?«