Die elfte Jungfrau - Andrea Schacht - E-Book

Die elfte Jungfrau E-Book

Andrea Schacht

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Beschreibung

Historie, Spannung – und viel Humor!

Köln, zur Karnevalszeit des Jahres 1377. Vor Beginn der Fastenzeit herrscht ausgelassene Stimmung in der Stadt. Doch die junge Begine Almut Bossart ist beunruhigt: In den letzten Monaten häufen sich Unfälle, bei denen junge Frauen zu Tode kommen. Dann verschwindet eine der Schülerinnen aus dem Beginen-Konvent – ihre Leiche wird kurz darauf mit gebrochenem Genick aufgefunden. Almut und Pater Ivo bringen eine erschreckende Mordserie ans Tageslicht, der bereits zehn Jungfrauen zum Opfer gefallen sind! Und inmitten des Narrentreibens stoßen sie auf einen schwunghaften Reliquienhandel mit geschnitzten Büsten der heiligen Ursula und ihrer elf Jungfrauen …

Alle historischen Romane um die Begine Almut Bossart

Band 1 - Der dunkle Spiegel

Band 2 - Das Werk der Teufelin

Band 3 - Die Sünde aber gebiert den Tod

Band 4 - Die elfte Jungfrau

Band 5 - Das brennende Gewand

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Andrea Schacht

Die elfte Jungfrau

Roman

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Copyright © 2007 by Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlaggestaltung: punchdesign Redaktion: Dr. Rainer Schöttle SK · Herstellung: Heidrun Nawrot
ISBN 978-3-641-01806-1 V005
www.blanvalet.de

www.penguinrandomhouse.de

Buch
Die elf Jungfrauen der heiligen Ursula sind Legende – die Märtyrerin wird von den Kölnern hochgeschätzt und geliebt. Und noch heute symbolisieren die elf Flammen im Stadtwappen Ursula und ihre Begleiterinnen.
 
Köln, zur Karnevalszeit des Jahres 1377. Vor Beginn der Fastenzeit herrscht ausgelassene Stimmung in der Stadt. Doch die junge Begine Almut Bossart ist beunruhigt: In den letzten Monaten häufen sich Unfälle, bei denen junge Frauen zu Tode kommen. Dann verschwindet eine der Schülerinnen aus dem Beginen-Konvent – ihre Leiche wird kurz darauf mit gebrochenem Genick aufgefunden. Almut und Pater Ivo bringen eine erschreckende Mordserie ans Tageslicht, der bereits zehn Jungfrauen zum Opfer gefallen sind! Und inmitten des Narrentreibens stoßen sie auf einen schwunghaften Reliquienhandel mit geschnitzten Büsten der heiligen Ursula und ihrer elf Jungfrauen. Doch bevor sie noch alle Fäden miteinander verknüpfen können, droht die junge, taubstumme Trine das elfte Opfer des wahnsinnigen Mörders zu werden....
Autorin
Andrea Schacht (1956 - 2017) war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit »Die elfte Jungfrau« kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie auch danach mit vielen weiteren Romanen eroberte.
Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel.
(Prediger 12,8)
Dramatis Personae
Almut Bossart – die Heldin, Tochter eines angesehenen Baumeisters, aus freier Entscheidung Begine. Leider von Neugier geplagt wie eine Katze.

Die Klerikalen

Pater Ivo – der Benediktinermönch wider Willen, dessen Zuneigung den Beginen gilt und der eine neue Hoffnung gefunden hat.
Theodoricus de Cornis – Abt zu Groß St. Martin mit gewissem Toleranzspielraum.
Pater Leonhard – Beichtiger der Beginen mit einer Neigung zu violetten Seidenstrümpfen.
Bruder Jakob – Benediktiner mit gewissen, für einen asketischen Mönch peinlichen Neigungen.
Lodewig – ein Novize, der Format gewinnt.
Mutter Mabilia – Äbtissin von Machabäern und nachweislich eine dumme Schnepfe.
Schwester Ermentrude – eine nachlässige Wächterin.

Die Weltlichen

Heinrich Krudener – ein Kräuterhändler und Alchemist, der sich mit seiner geheimnisvollen Kunst Feinde macht.
Aziza – Almuts fleißige Halbschwester, aber mit einem nicht immer einwandfreien Lebenswandel.
Trine – Krudners taubstumme junge Gehilfin, die gefährliche Süßigkeiten herstellt.
Pitter – Päckelchesträger mit großen Ohren und ständig leerem Magen.
Bertram – der sanfte Narr von großer Körperkraft und großer Begabung.
Lena – seine fürsorgliche Mutter, die Pastetenbäckerin.
Claas – der begabte Schreinschnitzer, der einen Hang zum Tändeln hat.
Alfi – Seilmachergeselle, der ebenfalls einer Tändelei gegenüber nicht abgeneigt ist.
Esteban – der spanische Reliquienhändler, der gerne Ursulabüsten verkauft.
Fabio – sein junger Sohn, der Oud-Spieler.
Florens – ein junger Parler, der es auf Almut abgesehen hat.
Franziska und Simon – die frisch vermählten Adlerwirte.
Corinne Beckersche – die einen neuen Anfang sucht und findet.
Gauwin vom Spiegel – ein alter Herr, der Hoffnung macht.

Die Jungfrauen

Maike, die Zöllnerstochter
Marie, Lehrtochter der Seidweberin
Sibill, das Milchmädchen
Gisela, die Patriziertochter
Gänse-Ursel
Kanonisse des Ursula-Stifts,
Sanna, die Parlerstochter
Christine, die Buchmalerin
Pia, die Novizin
Lissa, die Beginen-Schülerin.

Die Beginen

Magda von Stave – die Meisterin
Rigmundis von Kleingedank – eine Mystikerin
Clara – die Gelehrte
Elsa – die Apothekerin
Gertrud – die Köchin
Bela – die Pförtnerin
Mettel – die Schweinehirtin
Judith, Agnes und Irma – drei Seidweberinnen
Ursula Wevers - die Sängerin.

Und natürlich die historischen Persönlichkeiten

Erzbischof Friedrich III. v. Saarwerden - ein allzu junger Würdenträger, der derzeit nix zu kamellen hat.
Ursula – die Stadtpatronin mit ihrem Gefolge, ob elftausend oder elf Jungfrauen, ist noch nicht abschließend geklärt.
Und wie immer Meister Michael - ein begnadeter Dombaumeister.
Vorwort
Narren gehören zum Karneval, und der Karneval gehört zu Köln.
Das war auch im Mittelalter nicht anders.
Die Tage vor Beginn der Fastenzeit waren der Ausgelassenheit gewidmet, gelegentlich der Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse, und natürlich der Narretei.
Doch das Bild des Narren war ein anderes als das, welches wir heute haben, und der mittelalterliche Sinn für Humor mag uns als absurd, wenn nicht sogar als grausam erscheinen. Geistig oder körperlich Behinderte galten als Narren und wurden zur Belustigung des Volkes gerne in so genannten Narrenkäfigen ausgestellt. – Kein leichtes Schicksal, das etwa einem Fallsüchtigen, also einem Epileptiker, in jener Zeit beschieden war.
 
Köln aber, zu Beginn des Jahres 1377, näherte sich nach Beilegung des zwei Jahre anhaltenden Schöffenstreits wieder der Normalität. Der Rat der Stadt und der Herr der Stadt, Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden, hatten sich wieder versöhnt, Wiedergutmachungen waren ausgehandelt worden, Acht und Bann von der Wirtschaftsmetropole genommen, der nach Bonn geflohene Klerus und die Hohe Gerichtsbarkeit waren zurückgekehrt und sorgten wieder für Recht und Ordnung. Oder besser, sie arbeiteten die Versäumnisse der vergangenen Monate auf.
Dass dabei die Fälle zufällig verunglückter junger Mädchen nicht im Vordergrund stehen mochten, kann man sich vorstellen. Es bedarf schon einer gewitzten Begine, die erstaunlichen Zusammenhänge zwischen den verstorbenen Jungfrauen zu erkennen. Und das gelingt ihr auch nur, weil die Beginen, diese arbeitsamen Frauen, die in selbst gewählten Gemeinschaften lebten, um sich unabhängig von den Männern ihren Lebensunterhalt zu verdienen, auch die sehr löbliche Aufgabe übernommen hatten, den Kindern, vornehmlich den Mädchen der armen Familien eine gewisse Grundbildung zu vermitteln.
 
Die elf Jungfrauen der heiligen Ursula, auf die sich der Titel bezieht, sind Legende – hochgeschätzt und geliebt von den Kölnern ist die Märtyrerin, und noch heute symbolisieren die elf Flammen im Stadtwappen sie und ihre Begleiterinnen.
Im heiligenKöln, vor und in der Fastenzeit des Jahres 1377 der Menschwerdungdes Herrn
1. Kapitel
Der Dreikönigstag des Jahres 1377 war der Bedeutung des Festes angemessen sonnig, wenn auch trocken und kalt. In den Straßen drängten sich die Menschen, die der Messe im Dom beigewohnt hatten, wo die Gebeine der drei Heiligen – Caspar, Melchior und Balthasar – in ihrem kostbaren goldenen Reliquienschrein ruhten. Die Kölner waren mehr als stolz auf diese Heiligen, die seit über zweihundert Jahren nun ihre letzte Ruhestätte in ihrer Stadt gefunden hatten. Pilger und Wallfahrer hatten sich eingefunden, und prächtige Prozessionen zogen durch die engen Straßen.
Esteban, der Reliquienhändler, war mit seinem Geschäft zufrieden. Wann immer die Gläubigen sich zuhauf einfanden, um zu den Heiligen zu beten, wollten sie auch einen handfesten Beweis für deren Wohlwollen mit nach Hause nehmen. Er hatte Fläschchen mit geweihtem Dreikönigswasser verkauft, heilkräftige Amulette, die verschiedensten Reliquien in hübschen Behältnissen, vor allem die geschätzten Knöchelchen der Jungfrauen der heiligen Ursula, die zum Glück in großen Mengen vorrätig waren, aber auch handliche Breviere, holzgeschnitzte Kreuze, Paternosterschnüre aus Elfenbein- oder Glasperlen, bunte Andachtsbildchen und die begehrten Dreikönigszettel, auf denen in kunstvoller Schrift die Namen der Könige aus dem Morgenland geschrieben standen, und die, in zierlich bestickten Lederbeutelchen am Leib getragen, vor Diebstahl, Überfall, Unfällen auf Reisen, Kopfweh, Fallsucht und Todesgefahr schützten.
Das letzte Pergament dieser Art verkaufte er gerade an eine rundliche Frau, die mit ihrem grobschlächtigen Sohn vorbeigekommen war.
»Das ist aber eine schöne, warme Gugel, die Euer Junge da trägt. Darunter bekommt man keine kalten Ohren!«, bemerkte er, als er die kleinen Münzen einstrich.
»Nicht der Kälte wegen, Meister Esteban, habe ich sie so dick gepolstert, sondern weil er an der Fallsucht leidet. Darum will ich ihm ja auch das Zettelchen um den Hals hängen«, vertraute ihm die Kundin an.
»Es wurde vom Dompropst selbst geweiht, gute Frau. Es wird ihm gewisslich helfen!«, bekräftige der Reliquienhändler mit ernsthaftem Blick.
Als sie gegangen waren, räumte er seinen tragbaren Stand zusammen, eine schnelle Arbeit, weil nur noch wenige Artikel übriggeblieben waren. Dafür klimperte der schwere Beutel an seinem Gürtel erfreulich von dem eingenommenen Geld.
Esteban schulterte das Gestell, drehte guten Mutes der Dombaustelle den Rücken zu und wandte sich Richtung Westen zur Clingelmanns Pütze, wo er ein bescheidenes Häuschen bewohnte.
Zufrieden trat er durch die Tür und freute sich, dass Fabio schon das Holz im Kamin gerichtet und den Kessel mit frischem Wasser aus dem Brunnen, dem die Straße ihren Namen verdankte, befüllt hatte. Sein Sohn selbst war nicht im Haus, aber um den elfjährigen Jungen machte er sich keine großen Sorgen. Er würde vermutlich bei Freunden sein.
Mit Feuerstein und Stahl entzündete Esteban das Reisig, und bald loderte ein fröhliches Feuerchen unter dem Kessel. Sorgsam räumte er die übriggebliebenen Devotionalien in die Fächer und Borde an den Wänden und notierte sich auf seinem Wachstäfelchen, welche nachbeschafft werden mussten. Es würde wieder einige Aufträge an die Buchmalerin Christine geben, und das erfüllte ihn mit Vorfreude. Die junge Frau war seine Nachbarin, und er hegte gewisse Hoffnungen, ihre Beziehung könne demnächst etwas enger werden.
Aus seiner konzentrierten Auflistung wurde er durch Rufe und Schreien aufgeschreckt, und als die Tür aufflog, stolperte Fabio mit kreidebleichem Gesicht in den Raum.
»Christine! Sie haben Christine gebracht. Sie ist ganz voll Blut!«
Schluchzend brach er zusammen.
2. Kapitel
Mitte Februar war es noch immer kalt, aber der Schnee war zu Matsch geworden, und von den langen Eiszapfen an den Dachtraufen tropfte, wenn um die Mittagszeit die Sonne herauskam, das Tauwasser. Almut wischte sich einen solchen Tropfen vom Gesicht und machte einen Schritt zur Seite, ohne jedoch den Blick von dem unfertigen Gebäude vor sich zu nehmen. Noch waren die knapp brusthohen Mauern auf dem Fundament mit Stroh, Lehm und Mist verkleidet, damit der Frost keine Schäden verursachte, aber sie hoffte, schon bald die schützende Hülle entfernen zu können, um die Wände hochzuziehen. Zwischen dem Häuschen der Torwärterinnen und der Apotheke sollte hier eine kleine Kapelle entstehen, in der die Beginen ihre privaten Andachten halten konnten. Im Kopf stellte Almut allerlei Berechnungen an, die die Menge der Steine, den Mörtel und das Holz für die Dachkonstruktion betrafen. Und mit einem Funkeln im Auge überlegte sie dann, ob sie Meister Michael, den Dombaumeister, wohl dazu würde bewegen können, ihr die Steine für zwei kleine spitzbogige Fenster zu überlassen. Seine Steinmetze waren Meister in der Herstellung des Maßwerks, das den Charakter der neuen Kathedrale ausmachte. Es würden sich vielleicht sogar ein paar bunte Glasscheiben finden. Für eine winzige Rosette?
Almut seufzte. Mit dem Dom ließ sich das Kapellchen natürlich nicht vergleichen, das wäre anmaßend und hochmütig. Aber seit ihrer Kindheit hatte sie, als Baumeisterstochter zwischen Bauholz und Ziegeln, Säulenkapitälen und Gewölben aufgewachsen, den Ehrgeiz, auch einmal ein Gebäude errichten zu dürfen. Einen soliden Stall hatte sie bereits gebaut. Nun galt ihr Ehrgeiz der Kapelle, für die ein reicher Weinhändler das Material gestiftet hatte. Ihr Vater, der Baumeister Conrad Bertholf, lagerte es, und die Meisterin des Konvents hatte Almut erlaubt, eigenhändig die Konstruktion zu übernehmen.
Während sie also, mitten auf dem Hof stehend, ihre Betrachtungen über die nächsten Arbeiten anstellte, bekam sie so gut wie nichts von dem mit, was sich um sie herum in den Mauern des Beginenhofes abspielte. Sie hörte nicht die elf wissbegierigen Jüngferchen, deren Handarbeitsstunde bei Ursula soeben beendet war, schnatternd und schwatzend an ihr vorbeischlüpfen, sie achtete nicht auf das unablässige Kommen und Gehen verschnupfter und hustender Hilfesuchender, die bei Elsa wegen der Salbeipastillen oder der Kampfersalbe vorbeischauten, sie roch nicht das frische Brot, das Gertrud aus dem Backofen neben der Küche holte, sie sah nicht die drei Weberinnen, die vorsichtig am Waschplatz neben dem Brunnen Stoffbahnen ausspülten, und sie fühlte Teufelchen, die schwarze Konventskatze, nicht, die ihr fordernd um die Beine strich. Erst als Mettel mit einem Korb süß duftender Pasteten durch das Tor trat und zur Küche gehen wollte, hob sie schnüffelnd den Blick.
»Was bringst du denn da mit?«, fragte sie die Begine, die gewöhnlich das Konventschwein hütete.
»Eine kleine Gegenleistung von unserer Nachbarin!« Mettel lachte und lupfte das Tuch über dem Gebäck. »Süße Pasteten mit Apfel und Mandel gefüllt. Willst du eine?«
Almut lief das Wasser im Mund zusammen, doch mit Anstrengung beherrschte sie sich.
»Nein, nein, bring sie nur Gertrud, sie wird sie sicher zur Vesper unter uns aufteilen.«
»Ach, es sind eine ganze Menge, du kannst ruhig eine nehmen.«
»Verführ mich nicht, Mettel!«
»Nimm eine, Almut, sonst richtet sich dein ganzes Denken diesen Nachmittag nur auf das süße Gebäck!«
Die Stimme der Meisterin Magda war von einer winterlichen Erkältung noch ein wenig rau, und sie stützte sich beim Gehen auf den Stock, weil das feuchtkalte Wetter ihrem Rheumatismus nicht guttat, aber sie hatte ein unerwartetes Lächeln auf den Lippen, als sie neben Almut trat. Sie griff in den Korb und reichte ihr eine der halbrunden Pasteten.
»Köstlich!«, nuschelte Almut nach dem ersten Bissen.
»Von Frau Lena?«, wollte Magda wissen.
»Ja«, bestätigte Mettel. »Sie wollte sich für die Kräuter bedanken, die Elsa ihr gegen die Halsschmerzen gab und für die Behandlungen der Kratzer und Prellungen, die sich ihr Junge zugezogen hat.«
Die Beginen leisteten, neben vielen anderen Arbeiten, auch Krankenpflege und hatten eine eigene Apotheke, die Elsa betreute. Sie nahmen kein Geld für ihre Hilfe, denn es waren die Armen und Bedürftigen, die zu ihnen kamen. Doch kaum einer, der ihre Dienste beanspruchte, nahm sie ohne jeden Dank entgegen. Meist brachten die Patienten kleine Gaben, solche, die ihren Möglichkeiten entsprachen – geflochtene Körbe, Reisigbesen, auch mal einen Strang Wolle oder ein Stück gegerbtes Leder, ein Huhn oder getrocknete Pilze – auf die eine oder andere Weise fand alles Verwendung. Ein Korb voll Gebäck von der neuen Nachbarin, das war natürlich eine besondere Spende. Die Pastetenbäckerin Lena war mit ihrem Sohn erst zu Beginn des Jahres in eines der Häuschen neben dem Beginenkonvent gezogen und hatte sich alsbald mit ihren köstlichen Waren in der Umgebung beliebt gemacht.
»Sie versteht ihr Handwerk!«, stellte Almut fest und wischte sich einen letzten Krümel von den Lippen. »Wir sollten uns häufiger mal von ihr verköstigen lassen.«
»Ja, ihre Pasteten sind saftig. Aber ihre Preise sind es auch!«
Magda, die auch die Finanzen des Konvents betreute, war bekannt dafür, keine Extravaganzen zu dulden. Keuschheit, Armut und ein pflichterfülltes, frommes Leben hatten die zwölf Frauen geschworen, die auf dem Hof am Eigelstein wohnten und gemeinsam arbeiteten.
Mettel deckte den Korb wieder zu und erklärte: »Sie verwendet gute Zutaten, das ist eben nicht billig. Und sie muss sich um Bertram kümmern. Der Junge ist ein Narr.«
Almut sah sie fragend an und meinte: »Ist er das? Ich habe ihn erst einmal gesehen, da hat er ganz verständig mit Pitter geschwatzt!«
Mit einer selbstgefälligen Miene belehrte sie die Schweinehirtin: »Manchmal geht es, aber er ist wirr im Kopf. Er ist an einem Karfreitag gezeugt worden, wisst ihr. Das ist eben die Strafe für die Sünde!«
Mit schwingendem Korb wandte sie sich Richtung Küche.
»Armer Kerl!«, murmelte Almut und sah Mettel nach. »Kann er etwas dafür, dass seine Eltern am Tag der Kreuzigung gesündigt haben? Glaubst du, was Mettel da behauptet?«
»Almut!« In Magdas Stimme schwang so etwas wie eine Warnung mit. »Ich würde dir nicht raten, darüber mit einem Priester zu disputieren!«
»Nein, nein, keine Sorge. Ich verbrenne mir die Zunge nicht daran. Du musst zugeben, seit Monaten habe ich den Mund in der Kirche nicht mehr aufgemacht.«
»Zu unser aller Freude, ja.«
»Aber der Junge ist wirklich kein Narr, Magda. Er scheint sogar recht wissbegierig zu sein. Pitter hat ihm gegenüber mit seinen neuen Schreibkenntnissen herumgeprahlt, und er hat behauptet, er habe sich selbst das Lesen beigebracht. Aber Schreiben würde er gerne lernen. Sag mal...«
»Ja, Almut?«
»Wenn wir ihm das beibringen, ich meine, in Form eines gewissen Tauschhandels...«
Magda lachte auf.
»Pasteten gegen Buchstaben? Das ließe sich sicher machen. Gertrud kann zwar gut kochen, aber das Backen geht ihr nicht so leicht von der Hand. Ich spreche mal mit Frau Lena und frage Clara, ob sie einverstanden ist.«
»Oh, danke!«
»Ist schon gut. Ich habe dich übrigens eine ganze Weile hier im Kalten stehen sehen. Willst du die Arbeiten an dem Gebäude schon aufnehmen?«
»Nein, in den nächsten Tagen noch nicht. Noch gibt es nachts Frost. Aber ich habe überlegt, ob ich meinen Vater bitte, mir schon einmal die nächste Fuhre Steine anzuliefern. Anfang März möchte ich gerne weitermachen.«
»Dann such ihn auf und besprich es mit ihm.«
»Danke. Ja, morgen würde ich gerne mit Frau Barbara zur Messe gehen und nachmittags bei meinen Eltern bleiben.«
Magda nickte zustimmend. Die Beginen lebten nicht in strenger Abgeschlossenheit, sondern durften – in Begleitung und mit Erlaubnis der Meisterin – durchaus Besuche abstatten.
 
Frau Barbara ließ mit anmutiger Bewegung die pelzbesetzte Schleppe ihres Gewandes fallen und stieg die Treppe zu ihrer Wohnstube hinauf. Almut, in schlichtem Beginen-Grau, folgte ihr und musste sich ein kleines Grinsen verkneifen. Ihre Stiefmutter mochte viele gute Eigenschaften haben – sie war warmherzig, humorvoll, geschäftstüchtig und ihrem Gemahl eine gehorsame Gattin. Aber sie war leider auch eitel. Für ihren Hang zu schönen, kostbaren Kleidern war sie in der ganzen Familie und bei den Bewohnern rund um das gediegene Steinhaus in der Mühlengasse bekannt.
»Sehr praktisch, Frau Barbara!«, lobte Almut, als sie oben auf dem Treppenabsatz angekommen war.
»Ach nein, eigentlich nicht. Es macht eine wunderbare Figur, aber bei nassen Straßen ist es doch ein bisschen lästig!«
»Ich finde es dennoch sehr praktisch. Ihr spart bestimmt die Kosten einer Magd ein mit dieser Anschaffung. Die Treppen habt Ihr gleich im Hochgehen aufgewischt!«
Frau Barbara beäugte misstrauisch die Schleppe, die jedoch makellos sauber war. Die Magd hatte die Treppe am Morgen geputzt.
»Spottdrossel!«, mahnte sie Almut sanft.
»Wollt Ihr damit behaupten, Ihr habt dieses Gewand nur deshalb nähen lassen, weil es Euch ziert? Ach: ›Es ist alles eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel!‹«
»Hat das der Prediger heute in der Kirche gesagt? Ich habe nicht so genau zugehört.«
»Nein, das hat der Prediger in der Bibel geschrieben. Verzeiht, Frau Barbara, ich bin wirklich eine Spottdrossel. Unsere Clara hat mir ihre neueste Bibelübersetzung zu lesen gegeben, und ich muss sagen, sie hat einen seltsam mieselsüchtigen Text gewählt. Ich werde noch etwas darüber nachdenken müssen.«
Ihre Stiefmutter stand vor dem leicht gewölbten Spiegel, der an der getäfelten Wand hing, und nahm den Schleier von ihrer doppelhörnigen Haube, mit der sie beinahe so viel Aufsehen erregt hatte wie mit den langen Schleppärmeln ihrer im burgundischen Stil geschnittenen Houppelande. Almut ordnete ohne dieses Hilfsmittel der weiblichen Schönheit ihr schlichtes weißes Gebände.
»Nun, ich nicht. Ich überlasse es den Geistlichen, die Bibel auszulegen. Aber ich weiß, du willst den Dingen immer auf den Grund gehen. Wenn es dir denn Spaß bereitet...«
Sie setzten sich auf die Polsterbank am Kamin und streckten ihre kalten Füße der Wärme entgegen.
»Es ist gut, dass nun wieder Frieden in der Stadt herrscht und die Geistlichkeit zurückgekommen ist.«
»Nicht nur die, Frau Barbara. Auch die Schöffen und der Vogt werden wohl bald wieder ihre Aufgaben übernehmen. Es heißt, der Erzbischof und der Rat haben sich endlich auf eine Sühne geeinigt.«
»Dein Vater hat mir gestern erzählt, heute Nachmittag solle vor dem Rathaus die Urkunde verlesen werden.«
»Heute schon? Oh, das trifft sich gut. Ich hoffe, er wird mich dorthin begleiten.«
»Du wirst ihn schon davon überzeugen können.« Frau Barbara lächelte wissend.
»Wir werden sehen. Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn nach der Messe aus den Augen verloren.«
»Er wollte seinen Parler, den Berends Steinheuer, besuchen. Er hat sich letzte Woche auf der Baustelle am Rheingassentor den Rücken verletzt. Er kommt aber bestimmt zur Sext zurück.«
»Der Parler ist hoffentlich nicht wieder einer seiner Kandidaten für mich«, argwöhnte Almut mit einem Zwinkern.
»Nein, der Steinheuer ist verheiratet. Aber er hat einen Sohn in deinem Alter …«
»Ei wei!«
»Er ist vielleicht ein, zwei Jahre jünger als du, aber dein Vater spricht mit großem Respekt von ihm. Er scheint ein guter Steinmetz zu sein. Man nennt ihn jetzt schon Meister.«
»Nein, Frau Barbara, nein! Ich werde auch einen sechs- oder siebenundzwanzigjährigen Mann nicht heiraten.«
»Nein, ich weiß. Aber hiermit habe ich deinem Vater gehorcht und dich auf den Jungen aufmerksam gemacht. Er heißt übrigens Florens.«
Almut wechselte das Thema, ohne noch einmal auf eine mögliche Verheiratung einzugehen.
»Stell dir vor, wir haben unter unseren Schülerinnen ein neues Mitglied. Unser Päckelchesträger Pitter hat sich im hohen Alter von vierzehn Jahren entschlossen, das Lesen und Schreiben zu lernen!«
Frau Barbara war der Junge bekannt, der sich seinen und seiner Familie Lebensunterhalt als Bote, Stadtführer, Gepäckträger und Born aller möglichen nützlichen und gelegentlich auch überaus delikaten Informationen verdiente.
»Und, gefällt es ihm?«
»Das Entziffern von Wörtern scheint ihm Freude zu bereiten, die Gesellschaft hingegen hat ihm einiges Unbehagen verursacht, aber inzwischen hat sich das Gekicher gelegt, meint Clara.«
»In einer Gruppe von elf halbwüchsigen Mädchen seine Unkenntnis zu offenbaren, verlangt sicherlich mehr Mut von einem Jungen seiner Art, als nachts durch das dunkle Köln zu ziehen!«
»Eine andere Art von Mut, das ganz gewiss«, bestätigte Almut.
»Ich finde es bewundernswert von euch, die Mädchen zu unterrichten. Ich habe auch darauf bestanden, dass Mechthild zusammen mit Peter die Lektionen nimmt. Dein Vater hat zwar etwas herumgeknurrt, aber dann doch eingesehen, dass ein Weib, das – etwa wie ich – in der Lage ist, die Mengen Baumaterial zu berechnen und Verträge zu lesen, durchaus einen Wert für einen Mann haben kann.«
»Hat er eingesehen. Aha.«
»Und ein bisschen Latein ist auch nicht ganz schädlich, fand er nach einigem Überlegen.«
»Zumal er es selbst nicht beherrscht!«
»Mit Ausländern kann man sich jedenfalls ganz gut verständigen, vor allem, wenn man Marmor aus Carrara für seine Eingangshalle haben möchte.«
»In der Tat.«
»Darum hat er einen neuen Lehrer für Peter eingestellt. Damit der später solche Verhandlungen selbst führen kann.«
»Oder zumindest nur seine Schwester um Hilfe fragen muss.«
»Magister Edwin befürchtete das auch schon...«
»Ah ja.«
»Er meinte, Mädchen und Frauen als das schwatzhafte Geschlecht seien dem Lernen von Sprachen gegenüber aufgeschlossener. Er hat übrigens vorher bei den Schiderichs unterrichtet. Aber das arme Mädchen ist ja gestorben.«
»Wer?«
»Hast du nichts davon gehört? Die Gisela Schiderich, kaum sechzehn und so ein hübsches und kluges Ding. Man hat sie kurz vor Silvester erfroren im Garten gefunden. Es heißt, die Stiefmutter habe sie mit ihrer bösen Zunge aus dem Haus getrieben. Es hat oft Gezanke zwischen den beiden gegeben.«
»Schlimm für das Mädchen. Ich habe sie zwar schon mal gesehen, aber ich kenne weder sie noch die Stiefmutter. Du weißt, ich verkehre nicht in so hoch gestellten Kreisen. Und schon gar nicht mit zänkischen Stiefmüttern.«
Almut lächelte die ihre an und erhielt einen liebevollen Nasenstüber.
»Du verkehrst sehr wohl in hochgestellten Kreisen. Eure Rigmundis ist eine Kleingedank und eure Meisterin eine von Stave, und die sind nun wirklich angesehen. Genau wie die vom Spiegel. Wie geht es übrigens deinem Pater?«
»Er ist nicht mein Pater!«
»Entschuldige. Also, Pater Ivo vom Spiegel?« Almut zögerte ein wenig bei der Antwort, aber dann berichtete sie dennoch.
»Der Pitter trifft manchmal den Novizen Lodewig, und der hat gesagt, er habe die Krankenstube schon wieder verlassen und seine Arbeiten aufgenommen. Aber er geht noch am Stock.«
»Ein starkes Wundfieber schwächt den Körper sehr!« Pater Ivo, Benediktiner zu Groß Sankt Martin, war um die Weihnachtszeit den Rachegelüsten seines Priors zum Opfer gefallen und misshandelt worden. Almut, die zusammen mit dem Pater in einen Aufsehen erregenden Fall um eine kopflose Frau und den Schöffen Gerhard de Benasis verwickelt war, hatte ihn zusammen mit Pitter aus dem Kerker des Klosters gerettet.
»Du hast ihn seither nicht mehr getroffen?«, wollte Frau Barbara beiläufig wissen.
»Warum sollte ich? Die Mönche schätzen Besuch von Frauen nicht sehr.«
Der Feuerschein des Kamins färbte Almuts Wangen rot, sie stand auf und ging zum Fenster, um sich der Hitze ein wenig zu entziehen. Ihre Stiefmutter registrierte es, ohne darauf einzugehen. Sie hatte eine andere Neuigkeit für ihre Tochter.
»Ich hörte, der alte Gauwin vom Spiegel sei nach Köln zurückgekehrt.«
Mit einem fragenden Blick drehte Almut sich zu ihr um.
»Sein Vater«, erklärte Frau Barbara. »Er hat die letzten Jahre im Süden verbracht, in Rom, wie es heißt.«
»Sein Vater lebt noch?«
»Hört sich ganz so an. Und er hat noch immer einigen Einfluss – hier und da. Und in Rom.«
Almut drehte sich wieder zu den kalten Fensterscheiben. Aber Frau Barbara vermeinte zu hören, wie sie leise sagte: »Er kann auch nichts ausrichten!«
Knarrende Treppenstufen und laute Tritte unterbrachen die Unterhaltung über das heikle Thema, das Almut nur höchst ungern erörterte. Der Baumeister Conrad Bertholf trat in die Stube. Seine dunkle Heuke legte er auf eine Truhe und das Barett daneben.
»Wie geht es Eurem Parler, Conrad?«, fragte ihn seine Gemahlin.
»Er wird noch einige Zeit das Bett hüten müssen. Der Knocheneinrenker meint aber, es wird wieder heilen.«
Während sich ihre Eltern unterhielten, schaute Almut durch die bleiverglasten Scheiben auf die Gasse hinaus und haschte nach dem Wind.
Selbstverständlich hatte Conrad Bertholf sich strikt geweigert, seine Tochter zu dem Menschenauflauf mitzunehmen. Und selbstverständlich hatte er es dann doch getan. So standen sie nun dicht gedrängt zwischen den Händlern und Kaufleuten, Bettlern und Wirtsleuten, Scholaren und Klerikalen, Zunftmeistern und Gesellen, die die Bürgerschaft von Köln ausmachten, und hörten sich an, welche Vereinbarung der Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden und der Rat der Stadt Köln getroffen hatten, um den Streit beizulegen, den man den Schöffenkrieg nannte.
Mit Befriedigung registrierte Almut, dass die Kirchenstrafen – das Interdikt und die Exkommunikationen – aufgehoben wurden, die Stadt aus Bann und Acht entlassen und alle Femeverfahren eingestellt würden. Die Schöffen kehrten zurück, mit Ausnahme von Koevelshoven und Gerhard de Benasis, die wegen ihres verräterischen Tuns die Stadt nicht mehr betreten durften. Es sollten wieder alle zwei Wochen die Gerichtstage stattfinden und die Schreinsurkunden regelmäßig geführt werden. Der Erzbischof hatte sich verpflichtet, die Güter zurückzugeben, die er sich im Laufe der Auseinandersetzungen angeeignet hatte, und die Stadt gab die Kleriker Kelz und Wevelingshoven frei.
»Sie werden verd … also, ziemlich viel zu tun haben, die Herren Schöffen.«
»Ja, Herr Vater, das werden sie. Fast zwei Jahre müssen sie aufarbeiten. Die ganzen offenen Fälle, die Eigentumsübertragungen, das Eintreiben der Gebühren …«
»Mir tun sie nicht leid. Sie hätten ja nicht mit nach Bonn ziehen müssen.«
»Nein, sie hätten ihren Pflichten nachkommen sollen, wie es sich gehört. Aber solange der Erzbischof die Verantwortung für die hohe Gerichtsbarkeit hat, werden sie sich ihm gegenüber loyal verhalten. Ich hatte gehofft, der Rat würde mehr Macht erhalten. Aber es scheint alles beim Alten zu bleiben.«
Der Baumeister schüttelte den Kopf, als er seine Tochter so reden hörte, aber dann erklärte er: »Das ist nur im Augenblick so. Es wird sich etwas ändern. Seien wir froh, dass erst einmal Frieden herrscht!«
Nach und nach zerstreuten sich die Massen, dennoch blieben vielfach Grüppchen beisammen, die sich über die Verlesung der Sühneurkunde unterhielten. Almut wollte zum Eigelstein zurückkehren, aber ihr Vater führte sie mit einem nachdrücklichen Griff am Arm in Richtung einer dieser Gruppen.
»Was für ein Zufall, mein Junge!«, sprach er einen schlaksigen jungen Mann an, der neben einem zierlichen Mädchen stand. »Habe ich doch heute morgen deinen Vater besucht und ihn einigermaßen wohl gefunden.« Er drehte sich zu Almut um und erklärte: »Das hier sind der Sohn meines Parlers, Florens Steinheuer, und Sanna, seine Schwester. Meine Tochter, Almut Bossard, freut sich, euch kennenzulernen! Vielleicht, Florens, könntest du mir den Gefallen tun, und sie zu ihrer – äh – Wohnung zurückbegleiten, ich habe noch wichtige Angelegenheiten zu regeln!«
»Aber, Herr Vater, Ihr habt doch …«
»Schon recht, Tochter. Florens ist ein ehrbarer Mann. Ich lasse dir in ein paar Tagen die Steine anliefern. Keine Sorge, das habe ich nicht vergessen.«
Einigermaßen überrumpelt nickte Florens, als sich der Baumeister mit wehender Heuke entfernte. Almut hingegen hatte sich, da sie mit den wohlgemeinten, aber nicht immer sehr subtil durchgeführten Verkupplungsversuchen ihres Vaters vertraut war, schnell gefasst, und wandte sich an das Mädchen.
»Ich bin eine Begine, wie Ihr seht, und lebe in einem Konvent am Eigelstein.«
»Meinen Gruß, Frau Almut«, sagte Sanna mit scheuer Stimme. »Ich hörte schon von Eurem Konvent. Von Meister Krudener.«
»Oh, den Apotheker kennt Ihr?«
»Ich … wir holen unsere Arzneien für den Vater bei ihm. Und ich habe seine Gehilfin getroffen. Sie ist sehr begabt, nicht wahr?«
»Trine? Sie ist eine ungewöhnliche Person, das will ich meinen.«
Sie unterhielten sich eine Weile über das taubstumme Mädchen, das vor einigen Jahren von den Beginen aufgenommen worden war, dort die Grundzüge der Kräuterkunde gelernt hatte und nun ihre Ausbildung zur Apothekerin in Meister Krudeners Laboratorium vervollständigte. Während dieses Gesprächs musterte Almut unauffällig die Geschwister.
Bruder und Schwester Steinhauer waren beide weizenblond und hatten eine zarte, helle Haut. Doch das schienen die einzigen Schönheitsmerkmale zu sein, denn sowohl Florens als auch Sanna hatten große, ein wenig schiefe Nasen, und dem jungen Mann lugten gewaltige, flügelartige Ohren aus den glänzenden Locken. Bei Sanna bedeckte gnädigerweise die Haube diese segelförmigen Auswüchse. Nichtsdestotrotz hatten sie angenehme Manieren und stellten Almut auch ihren Begleiter vor, der im Gegensatz zu den beiden ein Bild von einem Mann war. Sie nannten ihn Claas, den Schreinemaker. Er war groß, braune Locken ringelten sich unter der turbanartigen Sendelbinde hervor, zusammen mit ihr gaben ihm seine ein wenig schräg stehenden samtbraunen Augen in ihrem Kranz langer dunkler Wimpern ein fremdartiges Aussehen. Doch seine vollen Lippen wirkten bei weitem nicht weibisch, sondern bildeten mit dem ausgeprägten Kinn einen energischen Zug in seinem Gesicht. Sein Lächeln war ansteckend. Almut erwiderte es ungewollt.
»Gehen wir Richtung Eigelstein. Es ist auch mein Weg, Frau Almut, denn ich will dort einer Verwandten einen Besuch abstatten«, bot er ihr an. »Begleitet Ihr uns, Jungfer Sanna?«
»Ja, sogar gerne, denn ich möchte noch bei den heiligen Jungfrauen beten.«
»Für eine gute Heirat, Jungfer Sanna?«
Sanna kicherte und hielt sich dabei die Hand vor den Mund.
»Nein, für die kleine Tochter unserer Base. Sie fiebert. Und die heilige Ursula ist doch auch die Patronin der kranken Kinder.«
Die Kirche zu Sankt Ursula lag in der Tat nicht weit vom Eigelstein entfernt, also mochte es den Steinheuers nicht lästig sein, sie zu begleiten, dachte Almut.
Sie überquerten den Alten Markt Richtung Dom, doch weit kamen sie nicht, denn plötzlich gab es ein lautes Geschrei in der Mühlengasse.
»Besessen! Er ist besessen!«
»Er bringt sich um!«
»Der Teufel bringt ihn um!«
»Die Dämonen der Hölle sind in ihn gefahren!«
»Holt den Priester!«
»Holt Weihwasser!«
»Seht die Grimassen. Der Satan hat ihn in den Krallen!«
Almut erhaschte einen Blick auf eine sich am Boden windende Gestalt mit einer zweizipfeligen Gugel auf dem Kopf. Sie erkannte daran Bertram, den Sohn der Pastetenbäckerin, und bahnte sich rücksichtslos den Weg durch die Schaulustigen, die sich an den Krämpfen des Leidenden weideten, jedoch keinerlei Anstalten machten, ihm zu helfen. Man ließ sie zu ihm, aber Warnungen vor den höllischen Geistern wurden laut und auch vor der Gewalttätigkeit eines Besessenen.
Doch als sie niederkniete und den Kopf des Jünglings in ihren Schoß bettete, wurde dieser ruhiger. Noch hatte er Schaum vor dem Mund, und seine Augen waren verdreht, aber die wilden Zuckungen hatten nachgelassen.
»Klopft einer von euch an das Klostertor und richtet aus, Frau Almut bitte den Bruder Markus her. Er ist der Infirmarius und wird zu helfen wissen!«, ordnete sie mit festem Blick auf die Umstehenden an. Ihr Beginengewand und ihre energische Stimme taten ihre Wirkung. Ein schmächtiger Scholar löste sich widerstrebend aus der Menge und wandte sich in Richtung Groß Sankt Martin.
Nun, da der Kranke ruhig dalag, verblasste die Sensation, und allmählich gingen die Gaffer ihrer Wege. Hilfesuchend sah sich Almut nach ihren Begleitern um, aber auch die hatten es wohl vorgezogen, nicht in den Tumult zu geraten. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Jungen wieder zu und bemerkte seine dick gepolsterte Gugel. Seine Mutter wusste um seine Anfälle und wollte ihn damit vor Kopfverletzungen schützen. Auch sein Wams und seine Hose waren an den Gelenken verstärkt. Es schien, als habe er dadurch wirklich keinen größeren Schaden erlitten, als er, wild um sich schlagend, auf das Pflaster gefallen war.
Große Kenntnisse von der seltsamen Krankheit, die ihn überkommen hatte, hatte Almut nicht, aber sie vermutete, es müsse die geheimnisvolle Fallsucht sein, die, wie man annahm, von übelwollenden Geistern verursacht wurde. Zu Geistern hatte sie jedoch, auf Grund gewisser Erfahrungen, eine eigene Meinung.
»Frau Almut, was ist Euch geschehen?«, hörte sie eine besorgte Frage.
»Begine, was habt Ihr schon wieder angestellt?«, wollte eine andere, weit vorwurfsvollere Stimme wissen.
»Ach, der heiligen Jungfrau sei Dank, dass Ihr so schnell gekommen seid, Bruder Markus. Die Leute haben den armen Jungen hier einfach auf der kalten Erde liegen lassen. Ich fürchte, er leidet an der Fallsucht.«
Der rundliche Benediktiner kniete neben Almut und hob den Kopf des nun offensichtlich tief schlafenden oder bewusstlosen Jungen vorsichtig hoch.
»Das ist gut möglich. Litt er an Zuckungen?«
»Zur Belustigung des Publikums – ja!«
»Ich werde ihn in die Infirmerie bringen lassen und sehen, was ich tun kann. Doch will es mir scheinen, der schlimmste Anfall ist nun überstanden. Könnt Ihr noch einen kleinen Augenblick bei ihm wachen? Ich will meine Helfer holen.«
»Ich kann Euch doch …«
»Ihr werdet tun, was Euch geboten wird!«, grollte es von oben herab.
Almut hob die Augen und betrachtete den schwarzen Berg über ihr, von dem ihr keine Hilfe kam.
»Pater Ivo, wie ich sehe, erfreut Ihr Euch wieder allerbester Gesundheit, auch wenn Euch noch ein derber Knüttel zur Stütze dient. Oder hat er eher die Aufgabe, die Widersetzlichen zu züchtigen?«
Bruder Markus ergriff eilig die Flucht ins Kloster.
»Zur Stütze, Begine, denn ich bin schwach und leidend und hatte mich eben unter der fürsorglichen Obhut unseres Infirmarius befunden, als Eure Botschaft ihn von mir riss!«
»›Ein guter Ruf ist besser als eine gute Salbe, und der Tag des Todes besser als der Geburt‹, sagt der Prediger, Pater. Also nörgelt nicht.«
»Gott, der Gerechte, es hat Euch jemand den Kohelet zu lesen gegeben, Begine!«
Almut erlaubte sich lediglich ein haarfeines Lächeln ob der Empörung in Pater Ivos Stimme und widmete sich angelegentlich dem Kranken, dessen Kopf sich jetzt auf ihren Knien bewegte. Zwei Gassenbuben waren näher gekommen, um zu sehen, was für ein Schauspiel sich mitten auf der Straße bot, an dem eine Begine, ein Mönch und ein Narr beteiligt waren.
»Verschwindet!«, fuhr Pater Ivo sie an und hob drohend den Knüttel.
Sie folgten der Weisung umgehend. Dafür kam Bruder Markus mit zwei Novizen zurück, die unter seiner kundigen Anleitung den Jungen aufhoben und in das Kloster trugen. Almut erhob sich von der Straße und schüttelte ihre Kleider aus.
»Ihr seid wieder einmal ganz alleine unterwegs, Begine?«
»O nein, Pater.Ich besuchte meine Eltern, und Freunde meines Vaters wollten mich zum Eigelstein begleiten. Doch in der ganzen Aufregung hier habe ich sie in der Menge verloren.«
»Dann werde ich mit Euch gehen. Die Dämmerung bricht schon herein.«
»Lasst nur, es ist ja nicht weit!«
»Ihr geht nicht alleine durch die dunklen Gassen, Begine. Das gehört sich nicht!«
»Und Ihr solltet lieber in Eure warme Kammer gehen, denn die Kälte tut Euch nicht gut. Ihr werdet wieder Schmerzen bekommen!«
»›Alle Tage des Menschen sind voller Schmerzen, und voll Kummer ist sein Mühen!‹«, seufzte der Benediktiner und strich sich mit leidvollem Blick über den kurz geschnittenen grauschwarzen Bart. Doch Almut bemerkte die verräterischen Fältchen in seinen Augenwinkeln und ergänzte mit vorwurfsvoller Miene: »Auch das ist eitel und ein Haschen nach dem Wind!«
»Wie der Prediger sagt. Also, dann gehen wir. Kommt!«
Almut passte ihre Schritte denen des Paters an, der zwar langsam ging, aber offensichtlich auf den Stock nicht mehr gänzlich angewiesen war.
»Ihr habt Euch die Verlesung der Sühneurkunde angehört, vermute ich?«
»Ja, zusammen mit meinem Vater. Ihr kennt sie?«
»Unser Abt hat eine Abschrift davon in der Kapitelversammlung vorgelesen. Nun wird ein geregeltes Leben wieder möglich sein, und Ihr müsst nicht mehr die Predigten in unserer Pfarrkirche ertragen, Begine! Euer Pfarrer wird wohl auch bald von Bonn zurückkommen.«
»Wir erwarten Pater Leonhard in den nächsten Tagen. Aber, Pater Ivo, sollte mich die Lust ankommen, über diffizile theologische Fragen zu disputieren, werde ich mich gerne dann und wann in Sankt Brigiden einfinden.«
Die Bekanntschaft zwischen Almut und dem Benediktinerpater hatte ihren Anfang genommen, als die Begine sich während einer Predigt mit einem Ordensbruder angelegt und damit einige Schwierigkeiten heraufbeschworen hatte.
»Und ich hatte auf die Erlösung von dem Übel gehofft! Wie nimmt man in Eurem Konvent die neue Entwicklung auf?«
»Wir sind vor allem froh, dass nun die Truppen der Erzbischöflichen vor dem Eigelsteintor abziehen werden.«
»Ja, das kann ich verstehen!«
»Ansonsten sind wir, dem Herrn sei Dank, ja nicht allzu stark von den Auseinandersetzungen betroffen gewesen. Wir werden unsere Arbeiten weiterhin erledigen, die Kranken versorgen und für die Verstorbenen beten. Ich werde mich endlich wieder um den Bau unserer Kapelle kümmern. Mein Vater wird diese Woche noch einige Fuhren Steine und Bauholz liefern. Und – ach, wie dumm, dass ich nicht mit dem Florens zurückgehen konnte!«
»Der sicherlich ein weitaus wünschenswerterer Begleiter war als ich.«
»Da er Steinmetz ist und ich gerne ein paar Spitzbogenfenster hätte, wäre er das wohl. Außerdem hat mein Vater ihn als meinen nächsten Ehemann ausersehen, und so hätte ich ihn wenigstens für die Dauer einiger Schritte etwas besser kennenlernen können.«
Pater Ivo hielt abrupt inne und wandte sich zu Almut um.
»Ihr wollt wieder heiraten?«
»So es nach meinem Vater ginge.«
Die schwarzen Brauen, die die grauen Augen des Benediktiners überschatteten, zogen sich unwirsch zusammen, und unter der Kapuze wirkte sein Gesicht streng und drohend.
»Ihr werdet Euch nach seinen Wünschen richten!«, knurrte er.
»Wie ich mich immer nach den Wünschen derer richte, die allein durch Stand und höheres Wissen mir überlegen sind, Pater.«
Doch sie erhielt keine Antwort, und den Rest des Weges gingen sie schweigend nebeneinander her.
3. Kapitel
Die Meisterin hatte Clara für einen Augenblick zu sich gebeten, um ihr ein paar Anweisungen zu geben, weswegen die elf Jüngferchen, Pitter, der Päckelchesträger, und seit neuestem auch Bertram, der Sohn der Pastetenbäckerin, in dem Unterrichtsraum sich selbst überlassen waren. Eigentlich sollten sie einen vorgegebenen Text in ordentlicher Schrift auf ihre Tafeln übertragen, aber kaum hatte die Begine die Tür hinter sich zugezogen, ruhten die Griffel, und das Getuschel begann. Alle schwatzten, bis auf Lissa, die bedächtig ihre Buchstaben weitermalte.
Die Mädchen waren zwischen acht und vierzehn Jahren alt und stammten durchweg aus schlichten Familien. Ihre Mütter waren Lohnwäscherinnen oder Ballenbinderinnen, Rheinschifferinnen oder Siebmacherinnen, und manche gingen auch weniger ehrbaren Gewerben nach, um ihren Unterhalt zu erwirtschaften. Die Beginen hatten sie, mit einiger Mühe zum Teil, überredet, ihre Töchter täglich für einige Stunden in ihre Obhut zu geben, damit sie schreiben, lesen und ein wenig rechnen lernten und, wenn sie wollten, auch spinnen, weben, sticken und nähen. Diese Fähigkeiten brachten zwar nicht mehr Geld ein, was der hauptsächliche Einwand der Eltern war, die auf jedes mitarbeitende Familienmitglied angewiesen waren, aber inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass die bei den Beginen ausgebildeten Mädchen bei den besseren Handwerkern hoch im Kurs stünden. Ein Eheweib, das rechnen und schreiben konnte, war ein größerer Gewinn für das Geschäft als eines, das eine kleine Mitgift einbrachte oder gar nur ein niedliches Gesicht hatte.
Almut, die in ihrer Kammer über dem Unterrichtsraum am Tisch saß und das helle Tageslicht nutzte, um für die Meisterin die Eintragungen über die Einnahmen der vergangenen Woche auf der Pergamentrolle vorzunehmen, hörte das Kichern und Quieken der Schülerinnen und lächelte darüber. Sie gönnte ihnen die kleine Pause gerne. Doch als ein zorniges Aufschreien sich unter die Laute mischte, stand sie auf und ging die Treppe hinunter, um nach dem Rechten zu sehen.
Ein mageres blondes Mädchen hielt seine Tafel fest umklammert und schniefte.
»Was ist hier vorgefallen?«, wollte Almut mit strenger Stimme wissen.
Betreten schauten die Sünderinnen auf den Boden, und Pitter schaffte es mit Erfolg, ein Teil der Einrichtung zu werden. Bertram starrte auf die Katze, die es sich auf seinen Knien gemütlich gemacht hatte.
»Lissa?«
Die Schnupfende schüttelte den Kopf, obwohl sie vermutlich die Leidtragende war.
Es war die kleine Stine, die schließlich den Mund aufmachte.
»Die Fidgin hat gesagt, die Lissa übt so schön Buchstabenmalen, weil sie ihrem Verehrer Briefe schreiben muss. Weil sie doch sonst: ›Mein ßüßer Liebßter!‹, lispeln muss. Und da hat die Lissa der Fidgin an den Haaren gerissen.«
»Stine, du alte Petze!«, fauchte die Fidgin, ein kräftiges Mädchen mit gezaustem Gefieder, und machte Anstalten, der Kleineren ebenfalls ein paar Strähnen auszureißen.
»Schluss mit der Streiterei!«, fuhr Almut dazwischen. Kritisch betrachtete sie Lissas vom Weinen verquollenes Gesicht. »Hast du mit den Jungen herumgetändelt?«
Stumm, aber heftig schüttelte die Angesprochene den Kopf.
»Die kriegt doch nie einen ab, wo sie den Mund nicht aufmacht«, höhnte Fidgin wieder, und Mia, die neben ihr saß, trat ihr ans Schienbein.
»Ist auch besser so, die Jungs sind sowieso alle fies!«
»Das sagst du nur, weil der Alfi dich sitzen gelassen hat!«
»Hat er gar nicht!«
»Hat er wohl. Er ist mit Fassbenders Elli einig geworden.«
Der Zank wollte sich schon weiter steigern, doch Mia brach plötzlich ebenfalls in Tränen aus. Almut, die sich ein wenig hilflos inmitten von Herzschmerz und Salzwasser fühlte, schickte ein Stoßgebet an Maria, um von ihr Sanftmut und Geduld zu erflehen. Die barmherzige Mutter half ihr in ihrer unendlichen Güte, indem sie den Blick ihrer demütigen Tochter auf Pitter lenkte, der grimassenschneidend an der Wand lehnte, die Augen zum Himmel verdrehte und lautlos »Weiber!« stöhnte. Über seine Qualen musste sie plötzlich grinsen und hielt die derben Zurechtweisungen zurück, die sich ihr auf die Lippen drängen wollten. Stattdessen mahnte sie: »Liebeskummer kann sehr schmerzlich sein, Fidgin. Lass Mia in Ruhe.«
»Schon gut. Aber sie jammert die ganzen Tage und erzählt, sie will ins Wasser gehen!«, murrte die milde Gerügte.
»Ja, wie die Marie, die Lehrtochter der Seidweberin. Die hat der Alfi auch sitzen lassen!«
Dieses beklemmende Detail hatte Ines beizusteuern. »Die hat der Fährmann am Drankgassentor herausgefischt! Letztes Jahr, im September! Der hatten die Fische schon die Augen rausgefressen.«
Ein kollektiver Laut des Ekels war zu hören. Dann aber protestierte Mia noch einmal heftig: »Der Alfi hatte gar nichts mit der Marie! Die war hinter einem ganz anderen her!«
»Hinter wem denn?«
»Hat sie ein großes Geheimnis draus gemacht. Sieht man ja, was dann passiert!«
»Vielleicht ist sie gar nicht freiwillig ins Wasser gegangen. Vielleicht hat ihr geheimnisvoller Liebster sie auch ersäuft!«
»Mag einer von den Fahrenden gewesen sein! Wisst ihr noch? Die Sibill hat’s am Kattenbug erwischt, gerade einen Monat später. Am Ursulatag war’s! Vergewaltigt haben sie sie und ihr anschließend das Genick gebrochen. Und in einem Hinterhof liegen gelassen. Ich geh’ nicht mehr alleine durch die Gassen am Hospiz Ipperwald. Das könnt ihr mir glauben.«
Almut zuckte zusammen. Die besagte Sibill hatte sie gekannt. Sie war das Milchmädchen gewesen, das zweimal in der Woche bei Gertrud seine Ware abgeliefert hatte. Clara hätte sie gerne als Schülerin aufgenommen, denn sie war ein anstelliges Geschöpf und konnte erstaunlich gut rechnen. Aber das genügte ihr. Den Ehrgeiz, auch noch die Buchstaben zu lernen, hatte sie nicht. Dann war sie eines Tages nicht mehr erschienen, und die Beginen hatten sich gefragt, was mit ihr geschehen sein mochte. Aber der Milchbauer hatte nur einen Jungen geschickt, der maulfaul war, aber wenigstens die Kannen pünktlich ablieferte.
»Diese Gegend zu meiden, würde ich euch auch raten, Mädchen!«, stimmte Almut zu. Aber um weitere Schauergeschichten zu unterbinden, mahnte sie: »Und jetzt wieder an die Arbeit! Frau Clara hat euch doch sicher eine Aufgabe gegeben!«
Fügsam nahmen die Mädchen ihre Griffel wieder auf und kämpften sich durch die Buchstaben. Auch Pitter wurde wieder sichtbar und kritzelte ungelenk auf seiner Tafel herum. Nur Bertram hielt weiterhin Teufelchen, die schwarze Katze, auf seinem Schoß und kraulte ihr den Nacken. Sie schnurrte zufrieden. Almut wollte den Raum schon verlassen, als sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie er das Tier mit einer plötzlichen Bewegung von sich schleuderte. Teufelchen kreischte empört, Almut drehte sich um und funkelte den Jungen wütend an. Der aber krampfte nur seine Hände zusammen und biss sich auf die Lippen.
»Was hat dir die arme Katze getan, Bertram? Sie hat sich ganz friedlich von dir streicheln lassen«, herrschte sie ihn an, aber er mahlte nur schweigend mit den Kiefern und stierte vor sich hin. »Und ich habe mich dafür eingesetzt, dass du hier etwas lernen kannst. Wenn du dich nicht ordentlich benimmst, dann will ich dich hier nicht wieder sehen!«
»Lasst nur, Frau Almut.« Pitter war aufgestanden und packte den grobschlächtigen Jüngling am Arm, zerrte ihn hoch und schob ihn aus dem Raum. »Ich bring ihn rüber zu seiner Mutter!«
Almut nickte, noch immer erbost, und beugte sich nieder, um die Katze zu locken. Aber auch die war ungehalten, fauchte sie an und verpasste ihr einen Kratzer auf die Hand.
Nicht besonders gut gelaunt, erhob sie sich und war froh, als Clara mit einem Schwall kalter Luft durch die Tür kam, just als Pitter mit Bertram das Häuschen verließ.
»Du solltest deine Schüler nicht unbeaufsichtigt lassen!«, warf Almut ihr vor und leckte sich das Blut von dem Kratzer an ihrer Hand.
»Du hast schlechte Laune, Almut. Haben sie dich gestört?«
»Sie haben sich gezankt und herumgejammert.«
»Ach ja! ›Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.‹«
»Lass mich bloß mit den Prediger-Sprüchen in Frieden. Das ist auch so ein Jammerlappen!«
Mit festem Tritt stapfte Almut die hölzerne Stiege hoch und ärgerte sich über sich selbst.
 
Die Einnahmen aus den Verkäufen fein gestickter Altartücher, sehr weltlicher, aber hübscher Hauben, Totenklagen und Gedenkgebeten, Seidenbahnen und Webborten wollten und wollten nicht stimmen. Schon dreimal hatte Almut die Zahlenreihe addiert und kam jedes Mal zu einem anderen Ergebnis. Es störte sie das gemeinsame Rezitieren aus dem Unterrichtsraum, das Rufen des Bierkutschers vor dem Tor, das Tschilpen eines mutigen Spätzchens an ihrem Fenster und selbst das Knistern der Kohlen in der Wärmepfanne in ihrem Raum. Ungehalten warf sie den Griffel und das Wachstäfelchen beiseite und stand auf, um aus dem Fenster zu schauen.
Grauer Nieselregen ging über den Feldern nieder, die braun und schlammig brachlagen. Vereinzelte krustige Schneelachen tauten allmählich auf, und von den kahlen Ästen des Apfelbaumes vor der Mauer, die den Beginenhof umgab, tropfte es unablässig. Trist und ungemütlich zog der Februar ins Land, und genauso trist war ihre Stimmung. Das war für Almut eigentlich ungewöhnlich, denn üblicherweise hatte sie ein heiteres Gemüt, wenn auch gelegentlich unerwartete Temperamentsausbrüche sie schon mal in Schwierigkeiten brachten. Aber derzeit schien die schwarze Galle, die melaina cholé, das Gleichgewicht ihrer Körpersäfte zu stören. Sie sei melancholisch, lautetet Elsas Diagnose der Meisterin gegenüber, was sie zufällig mitbekommen hatte. Dem wollte sie durchaus zustimmen, denn seit einigen Tagen hing die düstere Wolke über ihr. Normalerweise hätte sie Trost im Gebet gesucht, doch diesmal fand sie noch nicht einmal die Kraft, sich Maria, der Krone des Himmels, anzuvertrauen.
Schwach schimmernd stand die vergoldete Figur der göttlichen Mutter auf dem Betpult in der Ecke und schien nachdenklich ihre trübsinnige Tochter zu betrachten.
Der Regen wurde heftiger, die Tropfen schlugen gegen die Scheiben und rannen nieder wie Tränen. Almut drückte die Stirn gegen das kalte Glas und seufzte.
Das Trappeln junger Füße kündete das Ende des Unterrichts an, und die Stiege knarrte, als Clara zu ihrer Kammer emporstieg. Doch statt sich dorthin zu wenden, klopfte sie bei Almut an und trat unaufgefordert ein.
»Lass mich in Ruhe, Clara!«, bat Almut, als sie die ältere, schlanke Frau bemerkte, deren fein geschnittenes Gesicht unter dem weißen Gebände und dem grauen Schleier durchgeistigt und ätherisch wirkte.
»Gleich. Wenn du mir verrätst, was vorgefallen ist.«
»Ist doch unwichtig!«
»Nein, ist es nicht. Du hast Bertram rausgeworfen, und du weißt, wir haben uns verpflichtet, ihn am Unterricht teilnehmen zu lassen. Du selbst hast es angeregt, damit du deine süßen Pasteten von Frau Lena bekommst, erinnerst du dich?«
»Ja, ja, ja, ich bin ein triebhaftes Weib, das nur auf seinen Genuss aus ist und unschuldige Kinder misshandelt!«
»Almut!«
Clara erlaubte sich ein mitleidiges Lächeln.
»Er hat Teufelchen gequält!«
»Das kann ich kaum glauben. Er liebt dieses Tier innig.«
»Er hat die Katze gekniffen und dann durch den Raum geworfen! Und als Antwort hat er nur dumpf vor sich hin gestarrt!«
»Bertram ist ein aufgeweckter Junge, bei weitem der Klügste in meiner Schülerschar. Wenn er sich so verhalten hat, dann mag er einen Grund gehabt haben. Er ist krank, das weißt du doch genau!«
Almut seufzte noch einmal.
»Und die Zahlenreihen wollen auch nicht stimmen!«
»Nein, das wollen sie manchmal nicht.« Clara war etwas näher getreten und legte Almut die Hand auf den Arm. »Seit Sonntag bist du so niedergedrückt. Hast du dich mit deinem Pater gezankt? Er hat dich doch herbegleitet, nach der Verlesung der Sühneurkunde.«
Wütend schüttelte Almut Claras Hand ab und zischte: »Er ist nicht mein Pater!« Dann drehte sie sich wieder dem regennassen Fenster zu und murmelte: »Er wird es nie sein!«
»Ah, daher weht der Wind. Je nun, Almut …«
Leise verließ Clara den Raum.
»Mist, Maria!«, schnaubte Almut und stampfte mit dem Fuß auf. Dann nahm sie ihren Umhang und lief die Stiegen hinunter. Bela, die im Pförtnerhäuschen saß und an einer Binsenmatte flocht, rief sie zu, sie wolle zu Lena, der Pastetenbäckerin, gehen.
 
Zwei Häuser weiter, auf der Ecke zur Straße, die vom Eigelstein in die Stadt führte, verrieten schon köstliche Düfte aus dem Backofen das Gewerbe der Pastetenbäckerin. Sie hätte keinen besseren Standort wählen können. Durch das Tor strömte ein große Anzahl Reisender, Pilger, Bauern und Händler, die alle einer Wegzehrung nicht abgeneigt waren. Unter dem vorragenden Obergeschoss hatte Lena einen Stand aufgebaut, auf dem sich in Körben die goldbraunen Teigtaschen häuften. Hier saß Bertram und reichte den Kunden die gewünschten Pasteten und zählte die Münzen ab. Lena selbst walkte frischen Teig vor dem Kamin, über dessen Feuer in einem Kessel die aromatische Füllung köchelte.
Bertram erkannte Almut und sah betreten auf seine Hände.
»Die Mutter ist drinnen!«, murmelte er schuldbewusst.
Doch Almut blieb bei ihm stehen und zeigte ihm ein schiefes Lächeln.
»Ich habe dir Unrecht getan, Bertram. Vergib mir.«
»Aber, Frau Almut …!«
»Du magst das Kätzchen sehr, und du würdest ihm nie wehtun, nicht wahr?«
Stumm schüttelte er den Kopf.
»Du darfst selbstverständlich wieder zum Lernen kommen!«
»Wirklich? Ich meine …«
»Natürlich.«
Lena hatte sich die mehligen Hände abgewischt und tauchte jetzt neben ihrem Sohn auf.
»Frau Almut, kommt herein. Ich habe süße Wecken gebacken, so wie Eure Gertrud sie mir empfohlen hat. Probiert sie und sagt mir, ob sie so recht sind.«
Lena war nicht sehr groß, aber rundlich, und mit Nachdruck drängte sie die Begine in die warme Diele. Von einem Blech nahm sie einen Wecken und reichte ihn ihr. Dann machte sie eine einladende Gebärde und setzte sich auf die Holzbank an der Wand. Almut nahm neben ihr Platz.
»Ich habe von Pitter erfahren, was passiert ist, Frau Almut. Ich weiß, es ist schwierig mit meinem Jungen, und ich bin Euch ewig zu Dank verpflichtet, dass Ihr ihm am Sonntag beigestanden habt.«
»Das war doch selbstverständlich. Hat Bruder Markus ihm helfen können?«
»Er hat ihm eine beruhigende Arznei gegeben, aber mehr konnte auch er nicht tun.« Die Pastetenbäckerin hob resigniert die Schultern. »Es ist eine schlimme Krankheit, und wenn ihn die bösen Geister anfallen, dann kann man wenig tun. Wir haben schon vor vielen Heiligen gebetet, und er trägt immer einen geweihten Dreikönigszettel um den Hals, aber es geschieht wieder und wieder. Manchmal so stark wie am Sonntag, andermal aber so, wie Ihr es vorhin erlebt habt. Bertram behauptet, er spürt es herankommen. Dann verkrampfen sich seine Hände und sein Gesicht. Darum lasse ich ihn nicht mit scharfen Gegenständen hantieren. Er hat sich dabei schon selbst verletzt.«
»Und die Katze hat er von den Knien gestoßen, weil er Angst hatte, sie zu würgen!«
»So ist es, Frau Almut.«
»Es tut mir leid, so barsch reagiert zu haben!«
»Ich weiß. Ihr seid eine mitleidige Frau, aber das könnt Ihr doch nicht wissen. Ach, der Junge war so aufgeweckt, und bis zum Sommer letzten Jahres ganz gesund. Er wollte Holzschnitzer werden wie mein Bruder. Aber das wird jetzt nicht mehr gehen.«
»Wodurch hat er die Krankheit bekommen? Unsere Apothekerin erklärte mir, manche Menschen, die einen bösen Schlag auf den Kopf erhalten haben, leiden anschließend unter solchen Anfällen.«
»Er hat keinen Schlag auf den Kopf bekommen. Oder zumindest weiß er nichts davon. Den ersten Anfall hatte er, kurz nachdem die Erzbischöflichen im Juli die Stadt beschossen haben. Er war neugierig und wollte sehen, welchen Schaden die Pfeile und Kugeln angerichtet haben, und – ja, das war natürlich entsetzlich – er fand die arme Maike, die Tochter des Zöllners. Sie lag tot an der Stadtmauer.«
»Dann mag das Entsetzen diese Krämpfe ausgelöst haben. Kannte er das Mädchen?«
»Natürlich. Sie besuchte uns ein, zwei Male, damals, als wir noch bei meinem Bruder wohnten. Ein so niedliches Ding, aber ein wenig keck. Dennoch, das Schicksal hat sie nicht verdient.«
»Nein, bestimmt nicht. Doch an der Stadtmauer lebt es sich gefährlich, seit es zu den Auseinandersetzungen mit dem Erzbischof kam. Seid Ihr deshalb hierher gezogen?«
»Ach nein, dort haben wir nur die letzten zwei Jahre gewohnt. Eigentlich komme ich aus Rodenkirchen. Aber von dort mussten wir weggehen. Weil..., na ja, der Junge da draußen, der ist... na ja, der ist...«
»Nicht ehelich?«
»Nein, er ist nicht... Ich war nicht verheiratet. Und die Leute haben mir das Leben schwer gemacht. Also sind wir fortgezogen. Mein Bruder hat das vorgeschlagen. Er sorgte damals für mich. Ist ein guter Bruder, Frau Almut. Er hat mir nie einen Vorwurf gemacht. Wegen ihm habe ich mit dem Pastetenbacken angefangen, und das bringt mir jetzt einen hübschen Lebensunterhalt ein.«
»Kein Wunder, Frau Lena, sie sind überaus köstlich. Auch diese süßen Wecken.« Almut hatte das Gebäck mit großem Genuss verzehrt und wischte sich die Krümel vom Gewand. »Wenn Ihr nicht darüber sprecht, werde ich kein Wort darüber verlieren. Aber, wisst Ihr, hier in Köln sieht man die Bastarde nicht so scheel an. Meine – ähm – Stiefschwester ist auch ein Fehltrittchen meines Vaters.«
»Oh.«
»Ihr werdet es über kurz oder lang sowieso hören. Es ist Aziza.«
»Oh, die maurische …!«
Lena beendete den Satz mit einem verlegenen Hüsteln.
»Nein, nein!«, berichtigte Almut mit einem Grinsen. »Sie ist keine Maurin und so.«
»Nichts für ungut, Frau Almut.«
»Sie ist eine anerkannte Geldwechslerin und fertigt wunderbare Teppiche.«
Lena war rot bis an beide Ohren geworden, aber über ihre runden Wangen schlich sich ebenfalls ein Lächeln.
»Ich verstehe, was Ihr meint. Es gibt viel dummes Gerede, nicht wahr?«
»Über jeden, der ein klein wenig anders ist als die Mehrzahl der Leute. Man sollte sich nichts daraus machen.«
»Das sagt Ihr. Aber meinen Jungen, den Bertram, den kränkt es sehr, wenn man ihn einen Narren heißt. Er zeigt es nicht, aber eine Mutter spürt so etwas.«
»Ja, das glaube ich Euch. Immerhin ist er Euch ein eifriger Helfer, und mit Griffel oder Feder kann er sich keinen großen Schaden zufügen. Vielleicht findet er einmal eine Stellung als Schreiber.«
»So walte Gott. Das wäre gut für ihn. Obwohl es ein Jammer ist, denn seine Schnitzereien waren einfach wunderbar. Manchmal denke ich, er könnte sogar besser werden als sein Onkel. Seht, das hier hat er im vorigen Jahr gemacht.«
Frau Lena wies auf eine kleine Figur auf dem Wandbord hin, die ganz eindeutig sie selbst darstellte. Mit faltenreichen, schwingenden Röcken, gerade so, wie sie sich geschickt drehte, um ein schweres Backblech aus dem Ofen zu heben, die Ärmel hochgekrempelt, einige Locken aus dem Gebände entwischt und das runde Gesicht strahlend vor Zufriedenheit über die gelungene Arbeit.
Almut war tief beeindruckt.
»Das ist erstaunlich lebendig, Frau Lena. Genau so sieht man Euch hier werken!«
»Er hat schon immer gerne mit Holz gearbeitet. Aber man braucht scharfe Messer und Stichel dafür. Je nun, man muss sich nach dem Schicksal richten!«
»Mag sein, es verliert sich die Krankheit mit dem Alter wieder. Oder möglicherweise ist ein Kraut dagegen gewachsen. Wisst Ihr was, Frau Lena? Ich kenne einen sehr guten Apotheker am Neuen Markt. Den Meister Krudener. Er ist ein gebildeter Mann und hat viel von der Welt gesehen. Ich werde ihn das nächste Mal fragen, ob er eine Kur für Euren Bertram weiß.«
»Ach, Frau Almut, Ihr seid so gütig.«
»Wie sich gezeigt hat, bin ich das leider nicht immer.«
»Nun, wir können nicht immer heiteren Mutes sein, Frau Almut, und auch Ihr werdet Eure eigene Plage haben. Ich habe schon manches Mal beobachtet, dass diejenigen, die jedermann anlächeln und freundlich tun, sich in einen Windhauch auflösen, wenn es darum geht, ihrem Nächsten zu helfen, und dass doch einige grimmige Menschen einen guten Kern haben.«
Almut sah augenblicklich das Bild eines äußerst grimmigen Menschen vor sich, und ihr Mundwinkel zuckte leicht. Als hätte die Pastetenbäckerin ihre Gedanken gelesen, fügte sie hinzu: »Der Mönch, der Bertram am Sonntagabend herbrachte, war so einer. Dieser Pater Ivo. Er wirkte wie eine schwarze Gewitterwolke, aber als er von Eurem schnellen Eingreifen bei Bertrams Anfall sprach, hatte ich den Eindruck, er hieß Euer Verhalten recht wohl gut.«
»Ja, Pater Ivo ist so ein Mann... Aber nun will ich Euch Eurem Teig und dem Backes überlassen, ich sehe, die Körbe leeren sich allmählich. Und ich muss auch meine Abrechnungen endlich fertig bekommen.«
»Ja, gehen wir wieder an die Arbeit.«
 
In etwas besserer Laune kehrte Almut zu ihren Zahlenreihen zurück, und siehe da, die nächste Addition wollte auch stimmen.
»Gute Taten tragen ihren Lohn in sich!«, bemerkte sie darauf zu Maria und hatte den Eindruck, dass die Mutter des Lebens ihr zustimmte. Und als sie in den grauen Nieselregen nach draußen blickte, schien es ihr, als helle sich der Horizont im Westen nun doch ein wenig auf.
4. Kapitel
Michel war glücklich. Er hatte an diesem kalten Tag die Aufgabe zugewiesen bekommen, das Feuer in der klösterlichen Badestube hinter der Küche zu beaufsichtigen. Hier war es immer angenehm warm. Obwohl es harte Arbeit bedeutete, die Zuber ständig zu füllen, da es recht viele Kranke in dieser Zeit gab, denen der Infirmarius heiße Bäder zur Linderung ihrer Beschwerden verordnete. Derzeit allerdings verlangte niemand nach Wasser und Tüchern, und so gönnte er sich eine müßige Runde des Dösens in der feuchten Wärme.
Michel war gerade achtzehn geworden und hatte sich einigermaßen fügsam der Anordnung seines Vaters gebeugt, in den geistlichen Stand zu treten. Zu Lichtmess war er als Novize bei den Benediktinern aufgenommen worden und fand das neue Leben noch aufregend. Es gab viel zu lernen, aber es gab auch recht viel Geselligkeit. Die sieben weiteren Jungen und jungen Männer, die sich auf die Profess vorbereiteten, hatten ihn brüderlich in ihrem Kreis aufgenommen. Na gut, sie hatten ihm ein paar Streiche gespielt, aber Michel wusste sich zu wehren. Immerhin hatte niemand widersprochen, als er sein blaues Auge als einen Unfall mit dem Eimer am Ziehbrunnen begründete. Und auch er hatte keinen Kommentar zu den Schrammen abgegeben, die Lodewig angeblich durch die Klosterkatze bezogen hatte.
Also, langweilig war es nicht im Kloster zu Groß Sankt Martin.
Höchstens die Stundengebete. Aber auch da gab es Möglichkeiten …
»Ich entreiße dich nur ungern deiner Kontemplation, Novize!«
Erschrocken fuhr Michel aus seinem Halbschlaf auf und fand sich einem hochgewachsenen Mönch gegenüber, der ihn mit bärbeißiger Miene betrachtete. Seine Kutte war vom Nieselregen durchweicht, seine Stiefel lehmig, und aus seinen grauen, kurzen Haaren tropfte das Regenwasser. In seinem ebenfalls grauen Bart zogen sich rechts und links der Mundwinkel schwarze Strähnen nach unten. Doch mehr als das waren es die zusammengezogenen schwarzen Brauen, die ihm das Aussehen des ergrimmten Weltenrichters gaben.
»Zu Diensten, ehrwürdiger Pater!«, stammelte Michel entsetzt. Obwohl er erst knapp einen Monat im Kloster weilte, hatte er schon von Pater Ivo gehört. Und nichts von dem, was an seine Ohren gedrungen war, hatte in ihm den Wunsch geweckt, nähere Bekanntschaft mit diesem strengen, schroffen Mann zu machen.
»Ein heißes Bad, wenn’s gefällig ist!«, forderte der Benediktiner und begann, sich die lehmigen Stiefel von den Füßen zu ziehen.