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Der zweite Band der «Tetralogie der Liebe» widmet sich einem großen Liebesroman, in dem die drei im ersten Band thematisierten Vorstufen «Wahn Natur Verlangen» wiederaufgenommen und zusammengeführt werden. Marcel, ein etwas biederer Büroangestellter, der in den ersten drei Teilen der Tetralogie trotz beglückender Begegnungen mit Frauen letztlich ein einsamer Antiheld bleibt, erfährt in der Beziehung zu dem «späten Hippiemädchen» Claire die große Liebe seines Lebens. Der Leser erlebt die Geschichte dieser Zweisamkeit hautnah mit, wird zu den maßlosen Glückszuständen der «triumphalen Liebesvereinigungen» emporgehoben und steigt andererseits mit hinab in die «Hölle der Wollust», in die Abgründe von Angst und Eifersucht. Gemäß der Devise des Autors, dass «einzig das Wirkliche das Schöne ist» wird Hohes und Niederes gleichermaßen getreu dargestellt. In dem mystischen Licht, das die Beziehung zweier Menschen bis in die Extreme hinein durchstrahlt, wird am Ende die humane Essenz dieser Liebe sichtbar. Der innere Reichtum an Seelen- und Gedankenbildern findet seine äußere Entsprechung in einer Fülle authentischer Beschreibungen von Örtlichkeiten und Ereignissen. Der Leser erhält zum Beispiel intimen Einblick in ein Yoga-Festival und begleitet das Liebespaar auf die Reise zu einer Nordmeerinsel. Auch die reizvollen Charaktere der Nebenpersonen sind hervorzuheben, so etwa die geheimnisvolle Isabelle oder Mark, der amerikanische Yogalehrer.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Aus der Reihe Das Ewig-Weibliche
Die Liebe ist das siebenfach verschleierte Geheimnis des Lebens.
Die Essenz der Liebe
Eine Konjunktion
Variationen
Herz und Herzchen
Das Kleid der Seele
Ein grünäugiges Monster
Das natürliche Rezept
Einsamer Walzer
Der Elfen andere Seite
Die Skelettfrau
Eine neue Freiheit
Die Heiterkeit des Frühlings
Feuer und Himmel
Das Eis im Herzen
Sternschnuppen
Sehnsucht des Herzens
Die glühende Schlange
Was ist wirklich?
Die Essenz der Liebe
Nachwort des Autors
Eintönig jammernd fegte der Scheibenwischer über die breite Frontscheibe, auf die nunmehr erbsengroße Tropfen prasselten. Marcel hatte große Mühe, die Kolonne der roten Heckleuchten vor ihm zu überblicken und den Verlauf der Fernstraße einigermaßen zu erraten. Die hellen Markierungen auf der Fahrbahn waren längst unsichtbar geworden. Gerne hätte er jetzt ein Wesen an seiner Seite gehabt, jetzt, wo es allmählich dunkel wurde und seine Gedanken sich nicht mehr spiegeln konnten in den vorüberziehenden Hügeln und Wäldern. Immerhin hatte er schon den größten Teil seiner Tagesstrecke zurückgelegt, und das beruhigte ihn.
Aus dem Halbschlaf, der ihn beschlich, weckte ihn das Kratzen der Wischerblätter. Der strömende Regen hatte ausgesetzt, ja die Straße war sogar auf einmal trocken, die ziehenden Wolken hellten sich gen Westen auf und öffneten ein Fenster zum klaren Himmel, der noch bläulich schimmerte.
Der Abendstern erschien unversehens hinter dem weißen Rand einer davoneilenden Wolke. Marcel atmete auf, das war doch ein gutes Zeichen, denn sein Lieblingsplanet würde ihn in die Nacht geleiten! Wach und erfrischt fühlte er sich nun. Immer wieder wanderte sein Blick vom grauen Band der Fernstraße hinauf zum Firmament, auf dem sein Planet als strahlende Perle ruhte.
Jedoch irgendetwas störte ihn an dem Bild, die Perle schien nicht vollkommen rund zu sein, rechts unten hatte sie eine Ausbuchtung an Helligkeit. Was konnte das sein?
Er entschloss sich zu einer letzten kurzen Pause und bog in die nächstgelegene Raststätte ein, um ein Sandwich zu verzehren. Während er noch im Stehen einen Kaffee schlürfte, fiel ihm der Zeitschriftenständer ins Auge und er konnte eine kleine Schlagzeile entziffern: „Seltenes Schauspiel am Himmel ...“ Er kaufte ein Exemplar und las den Artikel begierig.
Warum hatte er erst jetzt davon erfahren? Von der Konjunktion des Riesenplaneten mit dem Abendstern? Beide würden sich derart nahekommen, so hieß es, dass sie zu verschmelzen schienen. Das war das seltene Ereignis, und heute an diesem Abend fand es statt! Er ließ den Kaffee stehen und eilte hinaus.
Doch das Wolkenfenster hatte sich schon wieder geschlossen und der Westhimmel erschien dunkelgrau und trostlos wie zuvor. Marcel setzte die Fahrt fort und suchte das Bild der verschmelzenden Planeten zu erinnern. Er wunderte sich, wie unscheinbar und tatsächlich kaum sichtbar der doch viel größere Glücksplanet an dem ruhig strahlenden Abendstern hing. Eine Konjunktion von Liebe und Glück stand am Nachthimmel, doch welches Missverhältnis zwischen den beiden! War das Glück denn so unbedeutend, wenn die Liebe strahlte?
Marcels Gedanken verwirrten sich. Fast hätte er die Abzweigung von der Autobahn verpasst, die ihn auf eine zweispurige Straße, eine ländliche Allee führte. Bei jeder ihrer zahlreichen Kurven spiegelten die Scheinwerfer sich in den weiß getünchten Stämmen der Bäume.
Warum fuhr er überhaupt auf das Sommercamp? Marcel hätte doch auch einen bequemen Urlaub im Süden verbringen können, am Meer in einem Hotel, das alle seine Wünsche nach Komfort erfüllte. Stattdessen begab er sich auf einen recht bescheidenen Zeltplatz, wo es nicht einmal warmes Wasser gab. Rein vegetarisch sollte er sich dort ernähren und sich einer ebenso strengen Zeiteinteilung unterwerfen. Tatsächlich begann der Tag schon um vier Uhr morgens mit dem Wecken, so stand es zumindest im Prospekt des Yoga-Festivals.
An der Eingangsschranke des Camps leuchtete ihm eine große Taschenlampe ins Gesicht. Eine langbärtige und weißgewandete Gestalt mit Turban fragte ihn freundlich nach seinem Namen. Marcel war überrascht, eine europäisch klingende Stimme in dieser exotischen Verkleidung zu hören. Er durfte die Schranke passieren und sich einen Stellplatz aussuchen. Das Camp war völlig unbeleuchtet, nur schemenhaft konnte er die schon dicht gedrängten Zelte auf der großen Wiese erkennen. Er wich in das angrenzende Waldstück aus.
Eine winzige Lichtung abseits vom Weg gefiel ihm. Allein sein und ungestört! Sich zurückziehen können von den Menschenwesen und Zwiesprache halten mit den Vögeln des Waldes ...
Nicht weit davon, am Rande der Zeltwiese, versuchte Claire ihre rosafarbene Decke zu trocknen. Der Gewitterguss hatte sie beim Geschirrspülen überrascht, und starker Regen war in das Zelt eingedrungen. Als erfahrene Camperin nahm sie das Missgeschick gelassen, die wärmende Morgensonne würde die Feuchtigkeit schon wieder vertreiben.
„Was hältst du denn davon, wenn wir jetzt noch mal in die Stadt gehen, bevor das Festival richtig losgeht?“, fragte sie Julien, der im Schneidersitz vor dem Nachbarzelt saß und an einem yogischen Tee nippte.
„Das ist eine gute Idee!“, antwortete statt seiner I-sabelle und streckte ihren Lockenkopf aus dem niedrigen Zelt. „Ich denke, heute wird es nicht mehr regnen. Also, du brauchst dich jetzt schon gar nicht mehr zu entscheiden“, sagte sie zärtlich zu Julien, der seine schmale Brille zurückschob, aber schwieg. Isabelle schlüpfte heraus und zog ihn energisch an beiden Armen hoch. Die beiden Frauen mussten sich noch feinmachen, besonders ihre langen Haare kämmen, bevor sich wenig später das Trio zum Ausgang des Camps bewegen konnte. Isabelle und Julien hielten sich an der Hand, während Claire sich auf der anderen Seite eng bei ihm einhängte.
Marcel atmete auf, als sein Igluzelt endlich stabil dastand. Er hatte es ganz neu gekauft und musste immer wieder mit seiner Taschenlampe die klein gedruckte Gebrauchsanweisung studieren. Jetzt sah er sehr zufrieden aus, alles war geregelt und geordnet. Er hätte sich schlafen legen können. Aber etwas in ihm wurde unruhig, tatsächlich fühlte er sich einsam. Man hatte ihm die nahegelegene mittelalterliche Stadt zum Besuch empfohlen, lediglich eine halbe Stunde Fußweg war sie entfernt. Die Abendluft fühlte sich warm an, und das Festival begann ja erst am Nachmittag des folgenden Tages, also könnte er sich heute noch ein Bier genehmigen und brauchte keinen Weckruf mitten in der Nacht zu befürchten.
Er machte sich auf den Weg und fand wie von selbst den kleinen Pfad, der eine Anhöhe entlang zu der Stadt führte, in der ein hell angestrahltes Schloss aufragte. Die niedrigen Steinhäuser am Weg schienen aus längst vergangenen Jahrhunderten zu stammen. Er begegnete Touristen, die vom Schloss herabstiegen, wo eine Nachbildung historischer Szenen mit Klängen und Lichteffekten gerade zu Ende gegangen war.
Schließlich fand er sich auf dem stimmungsvollen Marktplatz wieder, ein gut gefülltes Straßencafé lud ihn ein und da saß er nun an einem Bistrotisch auf uraltem Kopfsteinpflaster und schaute gedankenverloren auf den Turm des Rathauses, dessen große goldene Uhr angestrahlt wurde.
Warum hatte er nicht versucht, gleich nach der Ankunft auf dem Camp einige seiner Bekannten vom Yoga-Kurs ausfindig zu machen? Nun musste er sein Bier alleine trinken. Dennoch fühlte er sich wohl auf dem belebten Platz, er konnte die vorüberziehenden Leute beobachten und zugleich dem Geplätscher eines Springbrunnens lauschen.
Drei Personen näherten sich dem Café, ein junges Pärchen und eine einzelne junge Frau. An seinem Tisch war noch genügend Platz, würden sie wohl näherkommen? Vielleicht könnte die junge Frau mit den langen blonden Haaren dann neben ihm sitzen ...
„Schau mal, Julien, da sind sie ja, Pascal und all die anderen vom letzten Jahr!“, rief Claire freudig aus und bewegte sich schnurstracks auf den eigentlich schon besetzten Tisch am anderen Ende des Cafés zu. „Na klar, lauter Yogis trifft man hier in der Stadt, heute Abend. Wollt ihr auch noch schnell ein Bier zischen, bevor sie beginnt, die Woche der Askese?“ Ein weiterer Tisch wurde herangerückt. Das fröhliche Reden und Gelächter nahm kein Ende und war bald auf dem ganzen Platz zu hören.
Marcel wandte sich wieder seinem Bier zu und starrte auf die Rathausuhr. Das ist nicht meine Welt, dachte er, ich bin zu ernsthaft. Wahrscheinlich hätten sich die drei an meinem Tisch nur gelangweilt. So sprach er zu sich, um den feinen Schmerz zu verdrängen, der ihm die lebendige aber unerreichbare Geselligkeit am fernen Nachbartisch bereitete. Außerdem erinnerte er sich an sein Horoskop: Saturn im elften Feld, stand dort nicht klar und deutlich sein Problem, an dem er nicht vorbeikam?
Ein zweites Bier wurde bestellt und Frauengestalten aus der Vergangenheit tauchten vor ihm auf. Süße Schwermut ergriff ihn und immer mehr versank er in seinen Erinnerungen, bis ihn die goldene Rathausuhr mahnte, aufzubrechen. War er doch aus anderen Gründen hierhergekommen, nämlich um geistig und körperlich wieder zu erwachen, und nicht um liebliche Gespenster zu beschwören!
Der Rückweg wurde ihm lang, sehr lang. Am Zelt angekommen wickelte er sich erschöpft in seinen Schlafsack, während zur selben Stunde Claire und all die anderen immer noch die laue Nacht im Café genossen. –
Am nächsten Tag füllte sich das Camp zusehends. Immer mehr weiße Turbane sah man über die Wiesen huschen. Männer mit langen Bärten begegneten ihm, die, obzwar jung, schon recht ehrwürdig aussahen. Manche trugen gar rituelle Dolche an der Seite. Andere wiederum sahen ganz normal aus. Einige schienen späte Hippies zu sein. Er musste zugeben, dass viele entzückend schöne Frauen auf dem Camp weilten.
Die große Eröffnungszeremonie am Nachmittag bot eine durchaus unterhaltsame Mischung aus körperbetonten Übungen, stimmungsvollen Gesängen und pathetischen Ansprachen. Sie gipfelte schließlich in der rituellen Wahl des Schutzengels.
Zwei große Menschenkreise, ein innerer und ein äußerer, bildeten sich und drehten gegenläufig ineinander, bis die Bewegung zufällig gestoppt wurde. Marcel gehörte zu dem inneren Kreis, der aus den Neulingen des Camps bestand. All diese waren aufgerufen, sich einen Schutzengel aus dem äußeren Kreis zu wählen, eine Art Mentor, der ihnen während des Camps mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte.
Claire stand nicht gerade in vorderster Reihe. Ihre langen Haare hatte sie zu einem schlichten Knoten aufgesteckt, der ihre hohe Stirn betonte. Sie mochte das Ritual überhaupt nicht. Hoffentlich wählt mich jetzt niemand aus, dachte sie und schlug die Augen nieder, um nur recht schüchtern und unauffällig zu wirken.
Marcel zögerte etwas, brauchte er denn wirklich einen Schutzengel? Nun, wenn es schon sein muss, dann suche ich mir am besten eine attraktive Frau, dachte er, nahm den Gedanken aber sofort zurück. Er schien ihm doch etwas ungebührlich. Da fiel sein Blick auf Claire und mit seltsamer Entschlossenheit schritt er auf sie zu:
„Willst du mein Schutzengel sein?“
Claire hob den Blick, lächelte ihn ruhig an und willigte sofort ein. Ihre wasserklaren blauen Augen nahmen seinen Blick auf, zogen ihn in sich hinein, als wollten sie Marcel bis auf den Grund ihres Herzens schauen lassen. Etwas Feines, Lichtvolles begann zwischen ihnen zu fließen und sie empor zu heben.
Er schaute nach unten auf Claires nackte Füße, die leicht geöffnet standen. Überaus zierlich waren sie geformt und die Zehennägel leuchteten in kräftigem Orange. Seine Augen wanderten aufwärts die schlanken braunen Beine entlang, über das leichte und kurze Sommerkleid, zurück zu ihrem Antlitz.
Marcel war verwirrt. Er spürte eine Öffnung in seinem Herzen und zugleich – ein unwiderstehliches Verlangen der Sinne. Hatte er das überhaupt je schon einmal erlebt?
Claire durchschaute ihn. Er mag mich, jubelte sie im Innern, ja er begehrt mich sogar. Oh, wie ich das genieße! Sie zog ein wenig ihre Oberlippe zur Seite, wie um mit ihm zu kokettieren.
Noch mussten sie ein kleines Spiel austragen, das für den Neuling und seinen Schutzengel vorgesehen war. Mit hoch erhobenen aneinander gelegten Händen sollten sie sich umkreisen.
„Ein Schmetterling, seht doch, ein Schmetterling!“, riefen die Umstehenden ihnen zu. Unbemerkt hatte der bunte Falter sich dort niedergelassen, wo die Mittelfinger ihrer linken und seiner rechten Hand sich berührten.
Am Ende des Rituals sollten sich, die neu geschaffene Verbindung zu besiegeln, Schutzengel und Schützling in den Arm nehmen. „Mit Anmut!“, wurden sie vorsorglich ermahnt. Doch Claire und Marcel hielten sich nicht daran. Sie drückten sich heftig und mit Lust aneinander. –
„Na, wie fühlt man sich denn so, als Schutzengel?“, fragte Isabelle ihre Freundin in dem mit Schilf abgedichteten Bretterverschlag, wo die Frauen unter freiem Himmel duschten.
Claire neigte den Kopf zur Seite, um das Wasser aus ihren Haaren zu wringen. „Ooch, ist doch eigentlich nur ein Spiel, nichts weiter. Aber wie er mich angeschaut hat, so fragend, ein bisschen schwermütig auch, das hat mich seltsam berührt. Meine Beine haben ihm gefallen, denke ich ...“
„Mmh, sicher nicht nur deine Beine. Ich vermute mal, dass er was von dir will. Wann trefft ihr euch denn wieder? Ich würde ihn auch gern mal kennen lernen, deinen Schützling.“ Isabelle rieb mit Genuss ihre Hüften am ausgespannten Handtuch.
„Wir haben nichts ausgemacht. Das wird sich schon irgendwie ergeben. Sag mal, warum warst du denn eigentlich nicht bei der Eröffnung dabei?“
„Ich hatte keine Lust. Ich hab meinen Schützling, den Julien, doch schon mitgebracht. Er reicht mir vollauf.“
„Wie läuft es denn eigentlich so, zwischen euch?“, fragte Claire nach einer kleinen Pause mit verhaltener Stimme.
„Tja, gut läuft es, wir haben eine schöne Zeit miteinander.“ Isabelle wunderte sich etwas über die Frage.
„Ich meine, wird es was Richtiges, was Dauerhaftes?“ Neugier, aber auch ein wenig Angst lag in Claires Ton.
„Das weiß doch ich nicht. Ist das wichtig für dich?“
Claire schwieg und begann, einen groben Kamm durch ihre feuchten Haare zu ziehen. Isabelle betrachtete aufmerksam ihre Haut:
„Du bist ja richtig kaffeebraun! Kaum zu glauben, dass wir doch beide zusammen am Meer waren, warum hab dann ich so wenig Farbe abbekommen?“ Und Isabelle schaute bekümmert auf die Sommersprossen, die vereinzelt ihre weißen Brüste betupften.
„Du hast eben einen anderen Hauttyp. Du bist sowieso ein anderer Typ, zum Beispiel deine Oberweite, die möchte ich auch gerne haben.“ Claire hatte schon immer die füllig weich gerundeten Formen ihrer Freundin bewundert.
„Ja gut, aber hier schau mal auf meinen Bauch. Da ist viel zu viel, und was da ist, ist viel zu weich. Wie schön fest und glatt bist du dagegen!“ Zärtlich legte Isabelle die Hand auf Claires Nabel. Ihre Freundin empfand Genugtuung, war doch Isabelle um so vieles jünger als sie!
Marcel saß derweil vor seinem Zelt und grübelte. Zweifelsohne hatte er sich verliebt, was bei ihm freilich nicht gerade selten vorkam. Welche Bedeutung aber hatte es, hier auf dem Yoga-Camp sich zu verlieben? Die Szene auf der großen Wiese erschien ihm wieder, in unwirklicher Schönheit. Dieses klare Blau der Augen ... das kokette Lächeln ... die reizenden Beine ... ihre Füße, die so zierlich auf dem grünen Klee standen ... und der Schmetterling, den Mutter Natur als Zeugen ihrer ersten Begegnung ausersehen hatte.
Vielleicht war es ja tatsächlich nur ein Traum gewesen! Was konnte auf diesem Camp nicht alles passieren, bei so vielen weißgekleideten und mit Turbanen verzierten Yogis! Marcel wusste nicht einmal, wo sein Schutzengel wohnte. Das machte nichts. Denn eigentlich fühlte er sich seiner nicht bedürftig. Als erwachsener Mann stand er doch schon in der Mitte seines Lebens! Konnte er nicht selber auf sich aufpassen?
Die Sonne war inzwischen untergegangen und er ging schlafen, damit ihn der frühe Weckruf nicht gar zu sehr erschrecke. Die warme Decke klemmte er zwischen die Beine, um so angenehm wie möglich hinüber zu gleiten ins Reich seiner Träume. –
Marcel fand sich in den kommenden Tagen überraschend gut zurecht. Wie erfrischend war die kalte morgendliche Dusche, zu der er noch in finsterer Nacht gleich nach dem Aufstehen pilgerte, nachdem einer der Bartträger das ganze Camp durchwandert und ein herzhaftes Morgenlied auf seiner Gitarre begleitet hatte!
Andächtig saß er dann auf der großen Wiese inmitten der Gemeinde und lauschte dem langen Morgengebet, noch in seine Decke gehüllt, um den kühlen Tau abzuwehren. Er ließ sich willig ergreifen vom kollektiven Rhythmus der Körper- und Atemübungen und genoss die kraftvolle Gesundheit, die ihm zuwuchs von Tag zu Tag. Die Sonne, die am Ende der Zeremonie über der Lichtung aufging, übergoss sein Antlitz mit orangefarbenem Glanz und mahnte ihn zugleich an den morgendlichen Dienst, den er in der rustikalen Küche versehen sollte, nämlich mitzuhelfen, das Gemüse für die Morgensuppe zu schneiden.
Ob in der Küche, beim Frühstück auf der Wiese oder bei den yogischen Veranstaltungen, überall fühlte er sich eingebunden in die gesunde, glückliche und ganzheitliche Gemeinschaft, wie sie sich selbst nicht ohne Stolz nannte. Jeden Abend freute er sich auf das Essen, das doch immer das gleiche war, ein mächtig scharfer Bohneneintopf mit grünem Salat und Karotten. Nie war seine Verdauung besser gewesen. Wenn in der Dämmerung dann Kerzen angezündet wurden, vor den Zelten und auf dem bunten Basar, schlenderte er an den Verkaufsständen vorbei, trank noch einen Tee mit Freunden und schaute dankbar auf den Tag zurück. Er fühlte sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Allerdings rückte der Höhepunkt des Festivals, die Zeremonie des weißen Tantra immer näher. Dafür musste er zwingend eine Partnerin suchen. Sicher war sie nicht schwer zu finden, am ehesten wohl in seiner morgendlichen Gemüseschneidegruppe. Dann aber kam ihm wieder Claire in den Sinn, die er zwischenzeitlich fast vergessen hatte. Nun wünschte er doch sehr, dass sein Schutzengel ein wirkliches menschliches Wesen sei. Wo war sie? Und warum war er ihr nicht mehr begegnet?
Claire kannte das Festival schon zu gut, um sich ganz darauf einzulassen zu können. In Wirklichkeit wollte sie hier auf dem Camp einen preiswerten Urlaub verbringen und nur nach Lust und Laune an den Veranstaltungen teilnehmen. Eines Nachmittags, die Sonne schien strahlend vom blauen Spätsommerhimmel, beschloss sie, Julien zu einem Spaziergang einzuladen.
„Geht nur alleine“, rief ihnen Isabelle zu. „Ich mach es mir hier gemütlich in der Sonne.“ Sie legte einen Badeanzug an und nahm ihr Lieblingsbuch zur Hand.
Julien und Claire stiegen durch den Wald hinauf, verließen die Umfriedung des Camps und nahmen einen Weg, der sie schließlich mitten durch ein weites Feld führte. Ein Meer von Sonnenblumen lachte sie an. Claire hängte sich bei Julien ein:
„Was für ein schöner Tag! Es ist doch wunderbar, dass wir beide jetzt hier zusammen spazieren gehen, dass wir Freunde geblieben sind, nach all den Jahren ...“
Julien nickte und schob seine Brille zur Nasenwurzel hinauf.
„Ja, ich find das auch gut. Und dass Isabelle mitgefahren ist.“
„Wie geht es dir damit? Fühlst du dich wohl?“ Wieder hatte ihre Stimme den ängstlichen Unterton.
„Aber sicher, es ist schön, mit ihr zusammen zu sein, sehr schön.“
„Isabelle ist ja auch sehr sexy. Versteht ihr euch gut, ich meine jetzt mal rein körperlich?“ Claire hielt inne, warum nur musste sie schon wieder danach fragen, warum war das so wichtig? Immer noch fühlte sie sich verantwortlich für ihn, den sehr viel Jüngeren, mit dem sie jahrelang zusammen gewesen war, mit dem sie die große Reise in den Fernen Osten unternommen hatte und der jetzt mit ihrer besten Freundin das Schlafzelt teilte!
Julien wich etwas zur Seite. Im Allgemeinen genoss er die Gesellschaft der beiden Frauen sehr, aber diese Frage war ihm unangenehm, und er fürchtete schon die nächste: Ist sie besser als ich, im Bett?
„Ich will darüber jetzt nicht reden“, erwiderte er störrisch und ließ ihren Arm los.
„Ist ja schon gut, Julien, ich möchte nur, dass es dir gut geht, ich will – na ja, ich will, dass du in jeder Hinsicht glücklich bist. Und ich will, dass wir auch weiterhin Freunde bleiben. Versprichst du mir das?“
Er versprach es umgehend, aber Claire wurde traurig und fühlte sich alleingelassen, Marcel kam ihr in den Sinn. Warum eigentlich ging sie jetzt mit Julien und nicht mit ihm spazieren? War das nicht die reine Zeitverschwendung?
„Lass uns umkehren, die Sonne ist mir zu heiß, ich komm schon ganz schön ins Schwitzen.“ Als sie wieder das Camp erreicht hatten und den Wald hinunter zur Wiese stiegen, sah Claire schon von weitem Marcel vor ihrem Zelt stehen. Sie löste sich von Julien, rannte auf ihren Schützling zu und umfasste ihn rückwärts:
„Na endlich haben wir uns wiedergefunden! Sag mal, du hast doch nicht etwa auf mich gewartet?“
Doch, Marcel hatte auf Claire gewartet. Am frühen Nachmittag hatte er sie zufällig entdeckt, von weitem, und wieder aus den Augen verloren. Dies war schon sein zweiter Versuch, sie am Zelt abzupassen. So ganz anders als bei der Eröffnung erschien sie ihm nun, mit offenem Haar und gekleidet in eine abgewetzte Cordhose, über die lässig eine karierte Bluse hing. Kein Wunder, dass er sie nicht schon früher erkannt hatte.
„Du, das trifft sich gut. Ich brauch noch einen Partner für das weiße Tantra. Hast du Lust?“, fügte sie schnell hinzu, ohne viel zu überlegen. Genau diese Frage hatte er ihr auch stellen wollen, und sie lachten herzlich über diesen Zufall, der natürlich keiner war.
„Lass uns gleich nachher zusammen zum Abendessen gehen“, entschied sie. „Wir beide müssen uns mal richtig unterhalten.“ Einige Schritte davon entfernt schaute Isabelle interessiert von ihrem Buch auf und nickte Julien, der gleichmütig wie immer blieb, vielsagend zu, während Marcel in freudigem Schritt schnell seinem Zelt zustrebte.
Als ob Claire all das nachholen wollte, was sie an ihrem Schützling in den vergangenen Tagen versäumt hatte, richtete sie fürsorglich seine Matte für das Essen im Freien, achtete darauf, dass er auch einen Nachschlag bekam aus den riesigen Plastiktonnen, die von Helfern durch die Reihen der Yogis geschleppt wurden, und half ihm sogar mit Geschirr aus.
„Erzähl doch noch mehr von deiner Familie, wie war es denn damals ...?“ Sie rückte nahe zu ihm hin und schaute ihn an, erwartungsvoll und mit einer Wärme, die Marcel alles um ihn herum vergessen ließ. Längst war das Essen beendet, die Sitzreihen aufgelöst und das abendliche Yoga auf der Wiese schon in vollem Gange, als sie immer noch beisammensaßen. Seine Zunge löste sich und er berichtete Claire, was immer sie wissen wollte, erfuhr im Gegenzug auch selbst einiges vom irdischen Leben seines Schutzengels.
Die Dämmerung senkte sich auf das Camp, und sie überlegten, wie der Abend zu verbringen sei. Claire hatte eine Idee:
„Ich weiß ein schönes Plätzchen, etwas versteckt hinter dem Gebetszelt, dort ist das Gras noch nicht so abgetreten, da machen wir es uns gemütlich. Ich hol jetzt nur noch meine Decke, damit uns nicht kalt wird.“
Der Ort, den sie vorgeschlagen hatte, erschien Marcel nicht gar so passend, denn in dem kleinen weißen Zelt wurde aus dem heiligen Buch der Yoga-Gemeinde laut und vernehmlich vorgelesen, Tag und Nacht ununterbrochen. Auch wenn die Sprache ihm unverständlich klang, die feste wohltönende Männerstimme ließ eine erhabene Botschaft durchscheinen. Völlig zu Recht fürchtete er abgelenkt zu werden.
Als Claire wiederauftauchte, trug sie nicht nur ihre rosafarbene Wolldecke mit eingenähtem kariertem Baumwolleinsatz unter dem Arm, sie hatte auch eine Riesentasse mit einer leuchtend gelben Flüssigkeit vom Basar mitgebracht:
„Das hier nennt man Goldene Milch, sie ist warm, mit Kurkuma drin, etwas Feines, das trinken wir jetzt zusammen!“
Sie rückten enger zueinander, die Decke über die Schultern gelegt, und im Wechsel schlürften sie den köstlichen Abendtrunk. Marcel dankte ihr mit einem zarten Kuss auf die Wange. Seine Lippen spürten wohlig den feinen Flaum auf ihrer Haut und konnten sich kaum davon lösen. Claire lehnte sich an seine Schulter:
„Lass uns zusammen liegen ...“ Sie holte ein Kissen hervor, das er noch gar nicht bemerkt hatte und richtete ein Lager für zwei. Die Wärme ihres Körpers durchstrahlte die rauen Jeans, als sie mit Tuchfühlung nebeneinander ruhten.
„Es ist so schön bei dir ...“, flüsterte er.
„Ja, das ist es.“ Claire stützte sich auf und legte ihre Hand auf seine Brust. Marcel bedeckte sie mit seiner eigenen und schloss die Augen. Schweigend atmeten sie durch die beiden Hände. Als er die Augen wieder öffnete, war sie dicht über ihn gebeugt und schaute ihn ruhig an.
Es war der richtige Moment, die Lippen einander zu nähern, die unaussprechliche Süße ihrer Berührung auszukosten und den Zungen das warme, feuchte Spiel der Leidenschaft zu gewähren! Und ihre Körper hielten sich lange, sehr lange dabei umschlungen.
Dann lösten sie sich, um einander anzuschauen. Marcel trank aus ihren Augen den Nektar sich erfüllender Hoffnung. Irgendwie musste er seine Stimmung in Worte fassen:
„Liebe ist die Bewegung der Schönheit, wird gesagt.“
„So, so!“ Claire lächelte nüchtern, aber ihre Augen funkelten. Langsam knöpfte sie sein Hemd auf. Sie war keineswegs das junge Mädchen, wofür er sie anfänglich gehalten hatte, sondern eine erfahrene, eine sehr erfahrene Frau. Saugend legte ihr Mund sich auf seine nackte Brust.
Marcel ließ die wilden Strähnen ihrer Haare durch seine Finger gleiten. Zögernd nur schob sich seine Hand unter das schlichte Unterhemd und tastete die fester werdende Knospe ihrer Brust, unter der das Herz pochte. Der achselnasse Geruch ihrer Bluse stieg ihm in die Nase und ließ die intime Nähe seines Schutzengels allzu irdisch erscheinen. Seine romantische Trunkenheit löste sich allmählich auf.
Claire hatte sich wiederaufgerichtet und drückte Marcel sanft zurück:
„Entspann dich einfach, lass es dir gut gehen ...“ Nur scheinbar herumirrend näherte ihre Hand sich dem Bund seiner Hose. Als die zarten Finger unter den Gürtel krochen, erinnerte sich Marcel an das nahe Gebetszelt, wo die heiligen Verse erklangen, und sein Gesicht spannte sich sorgenvoll.
Claire legte den Finger auf seine Lippen und schüttelte sachte den Kopf, als er zum Sprechen ansetzen wollte. Endlich ließ Marcel sich fallen und schloss die Augen. Er roch den Duft ihres halb entkleideten Körpers, die Rhythmen ihrer zärtlichen Hand vermählten sich dem Rhythmus seines Atems und der Klang der heiligen Verse, die nahebei hinter dem weißen Zelttuch gesprochen wurden, nahm seine langen Seufzer in sich auf. In den Wipfeln der Bäume leuchteten die Sterne.
Aufmerksam sah Claire seine Empfindung verebben und sprach still:
„Du hast mich gewählt, mein Süßer, aber ich, ich habe dich erobert!“
An diesem Abend kehrte jeder für sich zu seinem Zelt zurück.
Der nächste Morgen brachte das ganze Camp in Bewegung. Die Zeremonie des weißen Tantra stand unmittelbar bevor. Vor dem großen Zelt trafen sich Männer und Frauen, ausnahmslos in Weiß gekleidet, und banden eilig ihre Turbane auf. Einige trugen festliche und dabei doch leichte luftige Gewänder. Offenbar gab es eine spezielle Tantramode. Manche Frauen wollten sich ganz besonders schmücken und präsentierten kegelförmige mit transparenten Schleiern besetzte Kopfbedeckungen, die Marcel an Hüte mittelalterlicher Burgfräuleins erinnerten. Nicht wenige saßen schon ungeduldig im Zelt und begannen fleißig mit Aufwärmübungen. Wer immer noch keinen Partner hatte, musste sich in Geduld üben, bis ihm einer aus dem Fundus der wartenden Einzelpersonen zugewiesen wurde. Frohe Erwartung mischte sich mit Besorgnis, denn die meisten Übungen der Zeremonie dauerten jeweils eine volle Stunde, zugebracht in nahezu unbeweglicher Haltung, und fast immer sollte der Augenkontakt zu dem gegenübersitzenden Partner gehalten werden. Der ganze Ritus bezweckte eine tiefe Reinigung der Seele von unbewussten Gedankenformen. Das war willkommen und beunruhigend zugleich.
Claire lief ihrem Schützling freudestrahlend entgegen.
„Hallo, ich hab schon einen schönen Platz für uns vorbereitet!“
Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn die eng gesetzten Reihen der Paare entlang. Nicht weit von Julien und Isabelle ließen sie sich nieder.
Marcel schaute auf seine Freundin, die nun dicht vor ihm saß in Form eines großen Dreiecks, die Beine im Halblotussitz verschränkt und die gestreckten Arme auf den Knien ruhend. Die gebräunte Haut ließ das Weiß ihrer Kleidung umso mehr leuchten. Statt eines Turbans hatte Claire einfach ein weißes Spitzentüchlein auf ihrem Kopf zusammengebunden. Wie eine Nomadenfrau kam sie ihm vor, nicht nur weil sie gerne barfuß ging. Marcel, der hinsichtlich der Kopfbedeckung korrekt sein wollte, hatte sich erst kurz vorher meterlangen Baumwollstoff gekauft und, weil er die erforderliche Technik unterschätzte, es nur mit sehr viel Mühe und fremder Hilfe überhaupt geschafft, einen Turban zu binden.
„Schau mal, ob der richtig sitzt“, bat er seine Nomadenfreundin um Hilfe. Schließlich sollte das weiße Tantra würdevoll begangen werden.
„Aber ja, mach dir doch keine Sorgen.“ Claire lächelte amüsiert und strich eine Falte über seiner Stirn zurecht.
Als unter der Anleitung einer vornehmen Dame die Zeremonie begann, spürten sie beide, dass ihr eigenes weißes Tantra, das mystisch verwandelnde Spiel des Männlichen und Weiblichen schon längst vorher begonnen hatte, während der Eröffnung des Camps oder vielleicht gar schon lange, lange zuvor ...
Ihre Arme streckten sich nach oben, die Hände verschränkten sich zu den himmelwärts weisenden Zeigefingern, und der Nabel zog sich heftig zusammen im Rhythmus der stets wiederholten Beteuerung, dass Wahrheit ihr Name sei. Alles Ungesagte des Unbewussten spiegelte sich in ihren Augen, die ineinander verankert blieben. Das Webmuster sich überkreuzender Energien schoss in schrägem Zickzack durch die Reihen und nahm allen Unrat der Seele hinweg zur Glut einer fernen Sonne, von wo die polaren Kräfte geklärt zurückkehrten und sich den Yogis wieder einverleibten.
Nicht alle hielten diesem Fegefeuer ohne weiteres stand. Einzelne spitze Schreie durchzitterten das Zelt, manche übergaben sich Weinkrämpfen oder hysterischem Gelächter.
Marcel und Claire jedoch schienen mit Leichtigkeit die Übungen zu bewältigen. Sich ohne Unterlass stundenlang in die Augen schauen zu dürfen, war ihnen eine sehr vergnügliche Pflicht. An den kleinen Fältchen in Claires Augenwinkel konnte er ihr Lächeln erraten, das nur wenige Male in Momenten ernsthafter Anstrengung verblasste. Die kurzen Pausen zwischen den Übungen wurden ihnen zu Oasen sinnlicher Lust, sie streckten die Beine vor sich aus und massierten einander Knie oder Füße, küssten und umarmten sich innig oder hielten einfach ruhig ihre Hände, in vollkommener Dankbarkeit.
Mit Isabelle und Julien saßen sie beim Abendessen.
„Das weißt du, Marcel, dass ich den zweiten Tag des Tantra schon Julien versprochen habe?“, merkte Claire unschuldig an. Er wusste es aber nicht und auch Julien war sich nicht so ganz sicher.
„Dann finden eben wir uns zusammen!“ Isabelle hatte forsch Marcels Hand ergriffen. Der Aufforderung ihrer schönen dunklen Augen konnte er nichts entgegensetzen und – auch wenn er es sich Claire zuliebe nicht eingestehen wollte – er freute sich, den kommenden Tag mit Isabelle verbringen zu dürfen. Alle vier waren zufrieden.
„Der Guru ist angekommen, der Guru ist da!“, tönte es plötzlich von allen Seiten. Viele Yogis sprangen ruckartig auf und ließen das Essen stehen. Manche verbeugten sich spontan und führten die Hand ans Herz. Alle Köpfe drehten sich zu dem kleinen halbverfallenen Gebäude am Rande der Wiese hin, vor dessen Eingang eine massige Gestalt mit einem leuchtend orangefarbenen Turban aufragte und freundlich winkend dazu aufforderte, das unterbrochene Essen doch bitte fortzusetzen.
Die Ankunft des großen Lehrers, des Übervaters aus Amerika war mit Absicht vorher nicht angekündigt worden. Unter dem Zustrom seiner vielen Anhänger wäre das Camp unweigerlich in die Knie gegangen. Auch so gab es Verwirrung genug. Denn der straffe Zeitplan war jetzt nicht mehr einzuhalten. Die Abendveranstaltungen wurden von nun an ersatzlos gestrichen, stattdessen waren alle Yogis eingeladen, ins große Zelt zu kommen, um den Vorträgen des Gurus zu lauschen.
Auch wenn er ihn noch nie zuvor gesehen hatte, verehrte ihn Marcel sehr, er hatte manche seiner Schriften studiert und seine Übungsreihen ausprobiert. Die Strahlkraft seiner Gedanken überwältigte ihn jedes Mal und der Schatten seiner Präsenz fiel sogar auf die heimatlichen Yogastunden, da Marcels Lehrer ein enger Schüler des Gurus war. Claire jedoch machte keinen Hehl daraus, dass die Ankunft des Gurus sie recht wenig hatte beeindrucken können.
„Lass uns heute auf der Wiese übernachten, ja?“, bat sie ihn zärtlich. „Die Nacht soll milde werden. Vorher darfst du noch gerne deinem Guru lauschen, aber ohne mich.“ Sie verabredeten sich zu einer festen Zeit. Marcel brach eilig auf, denn der erste Vortrag im großen Zelt sollte umgehend beginnen.
Entsetzen packte ihn angesichts der äußeren Erscheinung, die der verehrte Lehrer ihm aus der Nähe bot. Sollte er als Patron der Gemeinde nicht in besonderem Maße eine gesunde, glückliche und ganzheitliche Ausstrahlung haben? Offenbar jedoch war er krank, sehr krank sogar. An beiden Seiten wurde der aufgedunsene Körper gestützt, fast musste man ihn auf die Bühne tragen, wo er in einem weichen Sofa mehr hing als saß. Sobald er jedoch das Mikrofon ergriff, schlug er die Anwesenden in seinen Bann. Nicht alle verstanden den kauzigen Humor, den er in seine prägnante Sprache einzuflechten wusste. Vor lauter Andacht vergaßen einige, überhaupt zuzuhören.
„Dies ist das Zeitalter der Erfahrung!“, donnerte er. „Das Zeitalter des Wissens aus Büchern liegt hinter uns. Ich will nicht, dass ihr in den Studierstuben vertrocknet. Ich will, dass ihr lebendige Erfahrungen macht, ich will, dass ihr experimentiert!“ Eifrig kritzelte Marcel diese Sätze in sein Notizbuch.
Der Vortrag dehnte sich lange aus, ohne dass Marcel des Zuhörens müde wurde. Die Zeit der Verabredung mit Claire rückte jedoch immer näher, und ein baldiges Ende der Veranstaltung war noch lange nicht abzusehen. Er atmete schwer, offenbar musste jetzt ein Opfer gebracht werden. Entschlossen rollte er sein Schaffell zusammen und stieg rasch über die andächtigen Zuhörer und an ihnen vorbei hinweg ins Freie, wobei er die deutliche Empfindung hatte, dass die Augen des Gurus ihm missbilligend folgten.
Marcel richtete sich unter dem verabredeten Treffpunkt, einem Kastanienbaum, ein und wartete. Claires Sachen lagen schon alle da: der Schlafsack, die Isomatte, die rosafarbene Decke mit dem Baumwollbesatz. Die Nacht versprach, trocken zu bleiben, nur wenige Wolken zogen am klaren Himmel dahin. Er hörte noch lange die Donnerstimme aus dem prall gefüllten Zelt erschallen, Claire jedoch ließ auf sich warten. Schließlich näherte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit mit einem kleinen Rucksack über der Schulter:
„Hallo, naaa, du bist ja schon da!“
„Ich hab auf dich gewartet ...“
„Ooch, weißt du, das war so wunderwunderschön in der Kapelle. Da haben Musiker gespielt bei Kerzenlicht, ganz stille Sachen. Das hat mir so gefallen!“
Marcel schwieg und nahm seine Freundin zärtlich in die Arme. Lange blieben sie noch wach auf ihrer Lagerstätte, ließen die laue Sommernacht auf sie herabschauen und warteten auf Sternschnuppen, denen sie heimliche Wünsche widmen wollten. Ihre Gespräche vertieften sich und auf einmal – waren sie eingeschlafen.
Noch im Dunkeln, vor der Morgendämmerung, weckte sie das große lange Gebet, das von der Yoga-Wiese her zu hören war. Marcel war unschlüssig.
„Wenn du meinst, etwas zu versäumen, dann geh ruhig“, ermunterte sie ihn, noch im Halbschlaf. „Ich hab keine Lust aufzustehen. Willst du denn nicht bei mir bleiben? Wir können die Morgenübungen auch hier machen, unter der Decke, meinst du nicht?“ Claire drehte sich zu ihm und legte ihr Bein auf seinen Schoß.
Marcel blieb und beide lauschten sie den Gesängen, die auf die Körperübungen folgten. Je inniger sie erklangen, desto näher rückten sie aneinander, bis sie sich unter der Decke auszogen und Haut an Haut sich rieb. Fast beiläufig und ohne große Leidenschaft glitt Marcels Geschlecht in ihren Körper.
Da erschien Isabelle.
„Claire, ich hab dich verzweifelt gesucht, einige aus unserer Gruppe sind vorzeitig abgereist. Wir müssen eine Stunde früher anfangen zu arbeiten, komm bitte schnell!“
Unwillig gähnend sagte Claire zu, während Isabelle wieder rasch in die Dämmerung entschwand.
„Tut mir leid, ich muss mich gleich anziehen und gehen. Du kannst aber ruhig noch liegen bleiben. Bringst du mir meine Sachen dann ans Zelt?“
„Nicht so schnell, bitte!“ Marcel hob die Decke an, um einen Blick auf das geheimnisvolle Dunkel ihres Körpers zu erhaschen. Seine Geliebte lächelte mit Nachsicht und hielt einen Moment inne, bevor sie das Höschen hinaufzog.
So also fand ihr erster Liebesakt sein Ende. Die Morgensonne warf ihre Strahlen auf Claires Schlafsack. Nein, er war nicht enttäuscht. Doch warum eigentlich nicht? Vielleicht ahnte er, dass ihnen der Sex nur ein Symbol war, ein Sinnbild für etwas viel Tieferes, das ihre Seelen zueinander hin bewegte. –
Isabelle belächelte die Ungeduld, mit der Marcel sich dem Tantra Zelt näherte:
„Claire und Julien sind schon drinnen. Wie findest du übrigens meine neue Bluse? Hab ich mir auf dem Basar gekauft. Es war ja so heiß gestern und heute brauchte ich unbedingt was Leichteres.“
Die Bluse gefiel ihm sehr, nicht nur des edlen Stoffs wegen, sondern auch, weil ihre hellen Brüste durchschimmerten.
Marcel brauchte Zeit, um sich auf die Zeremonie einzustimmen. Immer wieder wanderte sein Blick zu dem Platz, wo Claire mit Julien saß. Aufmerksam studierte er ihre Miene. Wie es ihr jetzt wohl erging? Was hatte sich verändert, gegenüber dem Abend zuvor?
„Hier bin ich, Marcel, hier!“ Isabelle zupfte ihn am Arm. „Komm, wir müssen uns noch richtig hinsetzen, bevor es losgeht.“ Sie rückte näher zu ihm, bis ihre Knie unter der straff gespannten Schnur, welche die Reihen der sich paarenden Yogis geometrisch ausrichten sollte, einander berührten.
An diesem Tag hatte der Guru persönlich es übernommen, die Zeremonie anzuleiten. Mit großem Schwung begann denn auch die erste Übung. Über tausend weißbetuchte Arme pendelten in starrem Rhythmus nach links und nach rechts, als identische Vervielfältigung einer Pantomime, die Mann und Frau spiegelbildlich vollführten. Wie aus einer Kehle dröhnte der beschwörende immer wiederholte Ruf:
„We are One!“
Das zuerst scharf abgegrenzte Klangmuster begann jedoch in dem großen Zelt bald zu verschwimmen, so dass der Guru eine Pauke schlagen ließ, um die auseinanderstrebenden Rhythmen wieder zusammen zu zwingen.
„We are One!!“
In der Vormittagspause trafen die beiden Paare sich vor dem Zelt, wo Bananen und Melonenschnitte gereicht wurden.
„We are two!“, bemerkte Julien trocken und sie mussten herzlich lachen. Doch Claire an seiner Seite wurde nachdenklich, etwas in ihrem Innern begann wehzutun.
Bald saßen die Paare wieder im Schneidersitz einander gegenüber und Marcel schaute während der nachfolgenden Übungen immer häufiger zu Claire hin. Bestürzt erkannte er, dass heftige Gefühle auf sie einstürzten, Tränen flossen über die gebräunten Wangen. Eine Mischung aus Mitgefühl und Eifersucht erfasste ihn. Unruhig rutschte er hin und her, seine Knie begannen zu schmerzen. Isabelle fasste ihn ärgerlich am Kinn und drehte es zu sich, damit ihre Augen sich wiederfanden.
In der Mittagspause ließ er seine Partnerin einfach stehen und eilte zu Claire, die leblos wie ein grauer Schatten abseitsstand.
„Was ist mit dir?“
Blass und ausdruckslos im Gesicht erwiderte sie dramatisch:
„Mir geht es gar nicht gut ... Ich will nicht wieder leiden, nein ich will es nicht!“ Claire wandte sich von ihm ab. Weitere Erklärungen gab es nicht. Sie schienen aber auch unnötig zu sein.
Marcel wurde von einer Empfindung ergriffen, die er in diesem Moment heroisch genannt hätte, obgleich sie in Wirklichkeit nichts weiter als eine subtile Schwäche war:
„Ach weißt du, wenn es dir guttut, dann belassen wir es bei dem, was zwischen uns geschehen ist, und trennen uns wieder. Ich sehe doch klar, dass du leidest.“ Insgeheim klammerte er sich an die beglückenden Momente des Zusammenseins, die er mit nach Hause nehmen wollte, ohne das Wagnis einer tieferen Beziehung eingegangen zu sein.
Claire nickte halb zustimmend. „Warum nur muss alles so schwer sein?“
Langsam kehrten sie ins große Zelt zurück. Die Schwüle des Vormittags hatte dichte Wolken am Himmel zusammengeballt.
Das weiße Tantra, am Vortag so beglückend, begann mühsam zu werden. Zwar versuchte Marcel sich nun besser auf Isabelle, seine Partnerin, einzustimmen, doch auch ihre schönen dunklen Augen konnten ihn nicht wegziehen von der Dumpfheit unterdrückter Eifersucht und geheimer Schuldgefühle.
Für die nächste Sequenz mussten sie wie Krähen in der Hocke auf dem Boden verharren, sich gegenseitig um den Hals fassen und überdies noch einen langen kaum einprägsamen Vers rezitieren. Der physische Schmerz in den Beinen wurde fast unerträglich. Tränen quollen aus Isabelles schönen Augen, die ihn gleichsam anflehten:
„So hilf mir doch. Das ist doch auch der Sinn der ganzen Übung, dass Mann und Frau sich beistehen!“
Marcel versuchte sein Bestes, aber sein Blick schaute durch Isabelle hindurch, anderswohin. Unterdessen war ein Gewitter aufgezogen, die lieblichen Verse wurden untermalt von donnerndem Grollen und wie ein Schwallguss traf der plötzlich einsetzende Regen das Zelt. Der Wind blies die Nahtstellen der Planen auseinander und dicke Wasservorhänge schwappten vom Dach auf die unglücklichen Yogis, die am Rand sitzen mussten, herunter. Auch Marcel und besonders Isabelle waren betroffen.
Unmut breitete sich aus, murrend wurde der Abbruch der Zeremonie gefordert.
„Ihr Kleinmütigen“, schrie der Guru ins Mikrofon, „merkt ihr denn nicht, dass Gott euch den Regen geschenkt hat, um euch rein zu waschen! Dankbar solltet ihr sein, ihr solltet euch baden in diesem kostbaren Nektar!“
Irgendwo in der Nähe schlug der Blitz ein, der Lautsprecher fiel aus und das unentwegt tapfere Singen zur Musik vom Band verstummte. Allgemeines Aufatmen begrüßte den erzwungenen Abbruch. Freiwillige Helfer nutzten die Pause, um mutig die Zeltstangen hinaufzuklettern und die Planen neu zu verschnüren.
Isabelles dünne Bluse hatte sich klatschnass um ihren Körper gelegt. Halbherzig suchten ihre Hände die durchscheinenden Brüste zu bedecken. Marcel fand das eher charmant und lächelte. Er gab ihr seinen leichten Pullover zum Überziehen. Nachdem die Reihen auf dem trocken gebliebenen Boden verengt und neu ausgerichtet wurden und der elektrische Strom wieder verfügbar war, konnten die Übungen endlich fortgesetzt werden. Die Nachmittagssonne kam aus den Wolken hervor und eine überraschend sanfte Sequenz, bei der Marcel und Isabelle bequem einander zugewandt liegen durften, beschloss die ganze Zeremonie.
„Schade, dass der schöne Tag mit dir schon zu Ende ist!“ Sie küssten sich auf die Wangen und hatten wie durch ein Wunder alles vergessen, was in den vergangenen Stunden trennend zwischen ihnen stand. Marcel begleitete seine Partnerin zu ihrem Zelt, wo sie von Julien schon erwartet wurde. Claire ihrerseits begrüßte ihn mit entspannter Miene. Offenbar schien sie sich recht gut erholt zu haben:
„Komm, lass uns einen kleinen Spaziergang machen!“ Sofort hängte sie sich bei ihm ein. Arglos lächelte sie ihn von der Seite an, während sie in der Sonne ein paar Schritte gingen. Marcel schwieg.
„Was hältst du denn davon, wenn wir heute wieder zusammen unter dem Kastanienbaum übernachten?“ Er schaute verwundert auf.
„Also, das kommt etwas überraschend ... Was war denn da mit dir und Julien?“
„Ooch, das ist schon wieder okay. Die Gefühle heute, die waren notwendig. Aber jetzt möchte ich mit dir zusammen sein, ich hab dich nämlich vermisst, weißt du.“ Sie schmiegte sich an ihn.
Dieselbe Schwäche, die ihn mittags ihrer beider Trennung vorschlagen ließ, hinderte Marcel daran, gegen Claires Laune irgendwelche Bedenken vorzubringen. Sie gingen Arm in Arm weiter. Marcel sagte unbedacht:
„Mmh, das beruhigt mich. Weißt du, ich dachte schon, du wolltest mich bloß vernaschen, nur für eine Nacht oder so.“ Sofort trat Claire einen Schritt zur Seite und schaute ihn finster und mit leiser Enttäuschung an. Marcel erschrak über sich selbst. Warum nur hatte er das gesagt? Vielleicht wollte er ja locker wirken und souverän ... Es kostete ihn einige Mühe, seine Freundin zu beschwichtigen, doch es blieb bei ihrer Verabredung.
Alle Teilnehmer am Tantra freuten sich auf das besondere Essen, das zum Ende der Zeremonie und zugleich des Festivals angekündigt wurde. Sie versammelten sich auf der fast schon wieder trockenen Wiese im Schein der Abendsonne, die allerdings aufs Neue bedrängt wurde von dunkel heraufziehenden Wolken, hinter denen sie verschwand. Unweigerlich begann es bald wieder zu tröpfeln, dann andauernd zu regnen.
Nunmehr musste das Essen kurzfristig vom Freien in das große Zelt verlagert werden. Unglücklicherweise war dort der Abschlussvortrag des Gurus geplant, das heißt, eigentlich war er schon in vollem Gange, denn der Guru pflegte zu reden, wann immer ihm danach war. Man verständigte sich darauf, das Essen auch während des Vortrags auszugeben. Die erschöpften Yogis konnten dem feinen, aber leicht erkalteten Essen nur die halbe Aufmerksamkeit widmen.
Draußen war es dunkel geworden. Ein erneuter Stromausfall legte schließlich das ganze Camp lahm. Im Finstern musste der Rest des Essens verzehrt werden, viele Plastiktonnen blieben halbgefüllt stehen. Claire, die auf Reisen sehr findig war, ging schnell noch einige Kerzen vom Zelt holen, so hatten die vier wenigstens auf ihren Plätzen ein bescheidenes Licht.
Wie ein neugeborenes Kind ließ Claire Marcel zwischen ihren Beinen sitzen. Sie umschlang ihn von hinten wie ein vorzuzeigendes Besitztum. Julien schaute wie immer klug und sanftmütig hinter seiner schmalen Brille zu. Marcel bedauerte, nicht näher mit ihm ins Gespräch gekommen zu sein, denn er fühlte eine deutliche Sympathie zu ihm. Isabelle schließlich lehnte vertraulich an Julien und beobachtete die Szenerie schweigend aus schönen Augen, in denen das Licht der Kerzen sich flackernd spiegelte.
Nach einer Stunde war der Stromausfall behoben, der Vortrag konnte fortgesetzt werden. Der Guru hielt sich auffällig zurück, ließ die Gemeinde viel singen, pries noch einige Musikkassetten seiner Lieblingsschülerin zum Verkauf an und teilte dann lakonisch mit, dass er nun abreisen müsse. Freundlich winkend stieg er von seinem Sofa herunter und verließ das Zelt. Wenig später hörte man ein Automobil recht zügig davonfahren.
Langsam begann die Organisation sich aufzulösen. Auch die überschwänglich angekündigte Abschlussparty mit ausgelassenem Tanz um ein großes offenes Feuer fiel dem strömenden Regen zum Opfer. Die Stimmung auf dem Camp wurde traurig und leer. Marcel und Claire berieten sich. Am nächsten Morgen musste er früh abreisen. An eine weitere Nacht unter freiem Himmel war nicht zu denken.
„Lass uns zu meinem Zelt gehen“, schlug Marcel vor. Dieser Abend, der letzte Abend mit ihr, sollte nicht so nüchtern enden. Arm in Arm unter einem großen Regenschirm suchten sie in der stockfinsteren Nacht die verschlungenen Pfade zwischen den eng verspannten Zelten, gingen den glitschigen Weg zum dichten Wald hinauf und gelangten an seinen einsamen Stellplatz mitten im Gehölz.
Marcel hob vorsichtig das rote Tuch des Überzelts an:
„Siehst du, so sieht es bei mir aus. Ja, ich weiß, du magst keine Luftmatratzen ...“ Die frische Gummierung der breiten Matratze roch in der Tat unangenehm und die Luft im Zeltinnern war stickig und feucht.
„Willst du nicht mit hereinkommen? – Ich meine, du musst ja nicht die ganze Nacht bleiben ...“
Claire schüttelte stumm den Kopf. So traurig, so verloren stand sie da im Regen, ohne Hoffnung. Aber warum nur? War das ein würdiger Abschluss der wunderbaren Tage, die ihnen zusammen gegeben waren?
„Nein, ich muss gehen.“ Sie küssten sich zum Abschied, kurz. Marcel spürte, dass er noch sehr wenig wusste von seiner Freundin. Aber die aufkeimende Liebe half ihm, Claire anzunehmen in ihrer Rätselhaftigkeit, ohne eine Erklärung dafür zu fordern.
„Vielen Dank für alles. Willst du nicht wenigstens den Regenschirm mitnehmen, du wirst doch sonst ganz nass!“
Claire wandte sich wortlos ab und verschwand in der Dunkelheit. Die Taschenlampe! Warum hatte er vergessen, ihr seine Taschenlampe anzubieten? Bekümmert ging er schlafen.
Claire brauchte weder Taschenlampe noch Schirm. Sie wollte das ganz einfach nicht! Freiwillig irrte sie noch lange in der dunklen Regennacht umher, stieß schmerzhaft an Äste, stolperte über Baumwurzeln, rutschte auf steilen Pfaden aus, bis sie durchnässt ankam an ihrem Zelt und erschöpft in den Schlaf sank. Im selben Moment konnte Marcel endlich aufhören, sich unruhig hin und her zu wälzen, und schlummerte friedlich ein.
Marcel war guter Dinge, als er bei Tagesanbruch das bepackte Auto über den holprigen Weg zum Ausgang hinsteuerte. Auf der nassen Wiese sammelte sich ein zusammengeschmolzenes Häuflein aufrechter Yogis, die selbstverständlich auch nach Ende des Festivals ihren Morgenpflichten nachkommen wollten. Nicht weit davon ruhte Claires Zelt still in der Dämmerung.
Das Alte Schloss über der Stadt tauchte im Morgendunst auf. Es erinnerte ihn an das einsame Bier zu Mitternacht und die noch unerkannte junge Frau am Nebentisch. Wie Perlen zog er die Erlebnisse der vergangenen Woche durch sein Bewusstsein, den prophetischen Falter vom Himmel, den Glanz der Morgensonne auf der Yoga-Wiese, das köstlich scharfe Abendessen, die Goldene Milch und die kühne Hand des Schutzengels, das Lächeln in Claires Augen, Isabelles Bluse und Juliens Sanftmut, des Gurus Donnerstimme und den alles auflösenden Regen.
Das Weiß der jungen Birken, das auf der Landstraße rhythmisch an ihm vorbeihuschte, ließ süße Lust in sein Herz dringen. Eine rätselhafte Freude erfüllte ihn. Auf den Feldern lagen große gelbe Zylinder von geerntetem Heu, die wellige Landschaft schien ihm ein riesiges Kunstwerk zu sein. Ja, das Leben selbst war auf einmal zur Kunst geworden, und Marcel sah die Möglichkeit, sein Leben, dieses sein ureigenstes Kunstwerk in Wahrheit und Schönheit zu gestalten. –
Claire schloss die Türe zu ihrer Wohnung auf. Alles war schön aufgeräumt, die Pflanzen gut versorgt und auf dem Esstisch stand ein großer Strauß mit Sonnenblumen. Claire biss sich auf die Lippen. Wie viel Mühe hatte sich Henri gegeben! Sie stellte den großen Rucksack ab und musste sich erst einmal hinsetzen. Vielleicht macht er sich immer noch Hoffnungen auf mich, nein, ganz bestimmt hat er noch nicht aufgegeben! Claire seufzte. Die Männer hatten ihr Leben nicht gerade vereinfacht, und doch geschah es immer wieder, dass sie deren vertrauliche Nähe suchte. Sie konnte einfach nicht allein sein ... Was war mit Marcel? Dachte er noch an sie? Er wohnte doch in einer anderen Stadt, weit entfernt. Aus den Augen, aus dem Sinn? Sie erinnerte sich an so viele Enttäuschungen, an Urlaubsflirts, die ins Leere liefen, Verabredungen, die nicht eingehalten wurden, an das grässliche Gefühl, morgens aufzuwachen und das Bett neben sich leer zu finden!
Fast automatisch kramte sie den kleinen Zettel mit seiner Telefonnummer hervor. Jetzt gleich musste sie mit ihm reden, auch wenn es schon weit nach Mitternacht war.
„Ich bin gerade erst angekommen. Wie geht es dir?“, fragte sie ohne Umschweife und ohne Rücksicht auf die schlaftrunkene Verfassung ihres Gesprächspartners.
Marcel war jedoch sogleich im Bilde. Sehr bald wünschte er Claire wieder zu sehen.
„Du willst mich besuchen? Ist das wahr, ist das wirklich wahr?“ Ihr Herz hüpfte vor Freude und sofort vermerkte sie die Verabredung in ihrem kleinen Mondkalender, mit einem großen Ausrufezeichen, das wild umkringelt und mit dicken Herzchen verziert wurde.
Wenige Tage später war Marcel schon unterwegs zu ihr. Sein Verlangen ließ die mehrstündige Autofahrt zu einem kurzen Ausflug schrumpfen. In der Raststätte versuchte er sich bewusst zu erinnern an ihre äußere Gestalt, an die Gesichtszüge. Es gelang ihm nicht. Helle Freude hüllte seine Gedankenbilder in ein warmes Licht, das keine klaren Konturen mehr zuließ. So blieb es während der ganzen Fahrt.
Wie sehnsüchtig erwartete er die Stelle, an der zum ersten Mal das Hinweisschild mit dem Namen der nunmehr geliebten Stadt, in der sie wohnte, auftauchen würde!
In diesem Moment begann er unwillkürlich ein besonders inniges Lied vom Festival zu singen, und sein Herz tanzte zu yogischen Rhythmen. Wie um seine Vorfreude zu verlängern, führte die Fernstraße in weitem Bogen rund um die Stadt. Dann durfte er auf einer langen Allee einen großen Wald durchqueren, er passierte das Ortsschild, auf dem übermütig zwei blutrote Herzen gesprüht waren, und mit einem Mal sah er sich auf der belebten Geschäftsstraße im Zentrum angekommen, wo Claire wohnte. Er fand den freien Parkplatz, den sie ihm beschrieben hatte, und machte sich mit seinem Gepäck auf den Weg.
Die breite Straße öffnete sich vor ihm. Im dunstigen Licht des Spätsommernachmittags strömte ein unendlicher Verkehr dem großen Platz am Ende zu. Marcel ging an dunkel-gemütlichen Bierkneipen vorbei und an einer nach dem regionalen Schutzheiligen benannten Apotheke. Ein Confiserieladen fesselte mit leckeren Pralinen seinen Blick. Sollte er Claire etwas Süßes mitbringen? Schließlich wuchs die graue Sandsteinfassade eines Patrizierhauses vor ihm auf und schaute ihn fragend an. Nummer einundachtzig.
Marcel war zu früh angekommen. Vielleicht hatte seine Freundin noch mit Vorbereitungen zu tun, stand unter der Dusche oder war gerade erst von der Arbeit zurückgekommen, atemlos und abgespannt in ihrer Küche sitzend? Nein, sie sollte nicht gestört werden!
Er ging die Straße entlang auf der Suche nach einem Blumenladen und entdeckte ein kleines Geschäft in Sichtweite gegenüber. An der Ampel musste er eine blauweiße Tram passieren lassen. Die Menschen, die ihm begegneten, hatten einen fremden Zungenschlag und doch, wie vertraut erschienen sie ihm jetzt schon! In einer orientalischen Imbissstube, nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt, entschloss er sich zu warten, bepackt mit seiner Reisetasche und dem großen Blumenstrauß, bis die Armbanduhr ihm sagte: „Es ist die dritte Stunde, jetzt darfst du zu ihr.“
Vermutlich kündigte er sich etwas ungeschickt an ihrer Sprechanlage an, denn ihm antwortete nur ein fröhlich schepperndes Gelächter. Mit der viel zu schweren Reisetasche stieß er die Tür auf, die hinter ihm krachend ins Schloss fiel. Nein, das war kein Vorzeichen, entschied er, nur ein technischer Defekt an der Tür. Im dunklen Hausflur schleppte er sich die steile Treppe nach oben, wo sie in der offenen Wohnungstür stand, eine langhaarige schlanke Silhouette, die im Gegenlicht anwuchs.
Aufatmend betrat er die Wohnung und konnte nun Claire in der Helle des sonnigen Tages erkennen. Marcel schaute sie ungläubig an. Seine Freundin war noch viel schöner als in seiner Vorstellung! Sie nahmen sich in die Arme. Zuerst mussten ihre klopfenden Herzen einander begrüßen, bis sie ganz allmählich die ruhige Ebbe des gemeinsamen Atems genießen konnten.
Nun sah er Claires Welt und diese ihre Welt war durchaus neu und ungewohnt für ihn. Sie war erst kürzlich in die Wohnung eingezogen und so musste der kleine Flur noch als Rumpelkammer dienen. Mehrere prall gefüllte Kartons stapelten sich in den Ecken. Bei seinen späteren Besuchen pflegte sie sorgsam bunte Tücher über die immer noch nicht verwendungsfähigen Gerätschaften auszubreiten.
Um die an den Flur anstoßende Küche zu möblieren, hatte sie einige Stücke offenbar von der Straße aufgelesen, zum Beispiel den hölzernen Esstisch, der mit seinen rund abgewetzten Kanten und unzähligen Furchen fast eine gewisse Würde ausstrahlte. In der Ecke stand ein uralter Ledersessel mit Ohren. Da der zu kleine Hängeschrank nicht ausreichte, das Geschirr, geschweige denn die Lebensmittelvorräte aufzunehmen, türmten sich die Sachen auf dem Kühlschrank oder gleich ganz auf dem Boden. Die Spüle war bis zum Rand mit gebrauchten Tellern und Tassen gefüllt.
Aber es gab auch viele Pflanzen, liebevoll und sachkundig im Raum platziert, und ein rührendes Gesteck von Moosteilen mit geschnitztem Holz und einer kleinen Buddhastatue auf dem Esstisch, der wohl nie benutzt wurde, ohne darauf eine Kerze anzuzünden. An der Wand hing eine fantastische Lampe, eine Art rotierender Sonne mit strahlend bunten Feuerzungen. Das Unikat war ihr vom Künstler persönlich geschenkt worden, wie sie stolz bemerkte. Nur ein riesiges selbst gemaltes Aquarell mit gnomenhaften zahnlosen Gestalten beunruhigte ihn etwas. Claire nahm ihn an der Hand.
„Komm, lass uns auf die Terrasse gehen. Es ist schön warm draußen.“
Es gab Tee aus einer Mischung, die sie selbst zusammengestellt hatte. Marcel fühlte sich wie zu Hause. Sie sprachen über alltägliche Dinge, das Wetter, die Arbeit. Mit unbefangenem Charme schauten sie sich in die Augen, ohne Erwartung, ihre gegenseitige Zuneigung schien frisch und erst neu entstanden zu sein. Wie wenn sie sich dafür entschieden hätten, noch einmal die Zartheit beginnender Liebe auszukosten, obwohl ihre Körper schon längst vertraut miteinander waren.
Nach der zweiten Tasse Tee kam Marcel auf ein neues Thema zu sprechen: „Heute ist Freitag. Weißt du denn, woher der Name für diesen Wochentag stammt? Nicht? – Von Freya, der germanischen Göttin. Eigentlich ist das die gleiche Person wie die Venus in der Antike. Also, was heißt das? Freitag ist ein guter Tag für die Liebe oder – die Kunst ... Und du bist doch Künstlerin, und Musik machst du auch, nicht wahr? Du arbeitest am Theater, hast du mir erzählt.“ Marcel warf einen Seitenblick auf die Farbdosen und Pinsel, die verstreut in einem Winkel der Terrasse lagen.
„Ja, im Sommer arbeite ich gerne hier draußen an eigenen Sachen. Aber heute hab ich keine Lust, du bist doch gekommen!“ Sie zog die Oberlippe kokett zur Seite. Ihre Augen begannen zu lächeln. Marcel berührte ihre Hand und schmiegte sich in den weiten Ärmel ihrer Seidenbluse hinein. Da zog ihn Claire zu sich heran:
„Was meinst du, sollen wir nicht die Kunst sein lassen und besser nach innen gehen?“
Es war immer noch warm und hell draußen, und es gab noch genügend Tee, aber sie gingen hinein. –
Aus der wohligen Ermattung nach dem Zusammensein erwachten sie gleichzeitig. Claire stieg bedächtig aus dem Bett und begab sich ins Badezimmer. Marcels Augen folgten ihrem Körper. Der weiße Spiegel ihres Hinterns entzückte ihn. Wie gebannt blieb sein Blick in der Tür hängen und ersehnte die Rückkehr der Freundin. Inzwischen ging ein Regenschauer nieder und einige Dinge waren von draußen hereinzuholen. Claire kam nicht zurück zu ihm ins Bett sondern ging unbekümmert nackt zwischen Terrasse und Küche hin und her, bis alles im Trockenen war. Sie schwebte eher, als dass sie ging, anmutig kerzengerade und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Die ungeschnittenen Haare hingen wild bis fast auf die Brüste herunter.
Im nüchternen Tageslicht sah er ihren gebräunten Körper unverklärt. Der zarte Flaum an der Innenseite ihrer Beine verdichtete sich nach oben zu einem deutlichen Schambüschel und vom Rücken zog sich eine Schar fein glänzender Härchen hinab bis zum Gesäßansatz. Claires unverhüllte Blöße erschien ihm alltäglich und doch zeugte genau dies, das Alltägliche, von der Wirklichkeit seiner Geliebten und berührte mit tiefer Schönheit. Gerne tauschte er dies Wirkliche gegen die Aura eines bloß ätherischen Schutzengels.
Als Claire wieder unter die Decke zu ihm kroch, spürte sie Marcels Wunsch nach erneuter Umarmung an ihre Haut stoßen. Sanft schob sie seine Schulter zurück.
„Erzähl mir doch etwas, ich weiß immer noch zu wenig von dir.“ Und so öffneten sie sich im Gespräch von neuem, befangen in der süßen Illusion aller Liebenden, die sich gegenseitig einverleiben wollen, indem sie alles voneinander zu wissen trachten. Sie vergaßen die Zeit, die graue Dämmerung senkte sich auf sie nieder und machte sie müde. Claire zündete eine Kerze an und holte ihre Kalimba, die kleine afrikanische Harfe, ihm etwas vorzuspielen. Sie blieb stumm, denn bald sehnte auch ihr Körper sich nach einer zweiten Vereinigung, bevor der Schlummer die Liebenden endgültig hinweg in die Nacht ziehen sollte. –
Das leise Rauschen des auf die Terrasse niederfallenden Regens weckte Marcel am nächsten Morgen. Er zog die frische Luft ein und hielt die Augen geschlossen, denn er spürte den Atem der Geliebten an seiner Wange. Nein, noch nicht die Augen öffnen! Zu kostbar war dieser Moment der Unschuld zwischen Tag und Traum, zugebracht an der Seite einer schönen nackten Frau, die freilich schon hellwach war.
„Na, du mein Süßer, ich weiß wohl, dass du nicht mehr schläfst! Wie gefällt es dir denn in meinem Bettchen? Hast du gut geträumt?“
„Ich weiß nicht, hätte ich träumen sollen? Nein, ich muss doch nicht träumen ...“
„Schade, das nächste Mal träumst du etwas, versprichst du’s mir? Und dann berichtest du mir den Traum, ja? Ach, es ist so schön, morgens aufzuwachen und jemanden neben sich zu haben, ich brauch das einfach, weißt du.“ Sie erzählte eine traurige Geschichte von einem Liebhaber, der sie in der ersten Nacht einfach verlassen hatte ohne Nachricht, ohne einen Abschiedsgruß! „Komm bitte näher, komm ganz nah zu mir!“ Claire legte den Arm um seinen Hals und schob ihr warmes Bein zwischen seine Knie.
„Lass uns heute Morgen nochmal Liebe machen, ja? Vielleicht eine andere Stellung, nicht die missionarische von gestern. Weißt du denn eine geschickte?“
Marcel atmete erst einmal durch, denn mit diesen Worten hatte ihn seine Freundin erneut der Träumerei entrissen. Aber ihm kam tatsächlich eine Idee:
„Ich setz mich in den Schneidersitz, so, du auf meinen Schoß, führst den Penis ganz tief ein und hältst dich an meinem Hals. Meine Hände stützen dein Steißbein. Dann kannst du die Fußsohlen hinter meinem Rücken aneinanderlegen.“
„Oh, das ist ja genauso, wie in meinem Buch über das Rote Tantra beschrieben. Das machen wir! Ach, es gibt so viel, was wir ausprobieren könnten!“
Sie probierten, sie strengten sich an, die beschleunigten Rhythmen brachten sie vorübergehend außer Atem, bis nach einer Verschnaufpause der ganze Zyklus neu beginnen konnte. Am Ende dieser sportlichen Übung fielen sie erschöpft auseinander und schauten sich mitfühlend an.
„Das Liebe machen müssen wir noch ein bisschen üben“, sagte Claire nüchtern. Den Ausdruck Liebe machen gebrauchte sie seit ihrer frühen Jugend, ihrer Hippiezeit, wo auch sie gelegentlich eine Blume im Haar getragen hatte, wahlweise aus Protest oder symbolisch als vertrauliche Einladung, eben zum Liebe machen.
„Weiß Gott, was sie schon alles und mit wem geübt hat!“, dachte Marcel. Er wollte es nicht wissen. Andererseits nahm er ihre Feststellung erotischer Unzulänglichkeit gelassen auf. Mussten außer Sex nicht auch andere Dinge in einer Zweisamkeit geübt werden? Vielleicht sollten sie nicht gleich mit fortgeschrittenen Techniken des roten Tantra anfangen, sondern erst mal einige Zeit ganz normal, sozusagen naturhaft sich zusammenfinden? Zärtlich legte er seine Hand auf ihre Brust:
„Wir werden uns schon aufeinander einstimmen. Nur Geduld müssen wir haben. Ich weiß es, glaub mir, das wird noch sehr schön werden ...“ Er war davon überzeugt, es wirklich zu wissen.
„Ich hoffe sehr, du hast recht“, sagte Claire leise. „Weißt du, manchmal scheint es so, als würde mein Unterleib gar nicht zu mir gehören ... Ich spüre dann kaum etwas da unten. Gut, vielleicht am Anfang schon ein wenig. Aber dann ist es so, als ob die Erregung sich einfach aus meinem Bauch zurückziehen und verschwinden würde.“ Die tiefe Verstörtheit, die unversehens in ihren Worten aufschien, entging ihm und auch Claire verdrängte sie sogleich. Marcel kniff sie scherzhaft in die Hinterbacken.
Sie küssten sich.
