Wahn Natur Verlangen - Wolf G. Hermes - E-Book

Wahn Natur Verlangen E-Book

Wolf G. Hermes

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Beschreibung

Der erste Band der «Tetralogie der Liebe» umfasst zwei Novellen und einen Episodenroman, welche die unterschiedlichen Aspekte der Liebe zwischen Mann und Frau aus mystischem Blickwinkel beleuchten. In der Novelle «Celines Nähe» entwickelt Marcel (die verbindende männliche Hauptfigur der Tetralogie) eine nahezu wahnhafte Leidenschaft für Celine, seine neue Kollegin am Arbeitsplatz. Ihre ätherische Ausstrahlung fasziniert ihn und die subtile Nähe der schwärmerisch Verehrten schenkt Marcel außergewöhnliche Erfahrungen, die bis an die Grenzen seines Ichs und seiner Vorstellung von Wirklichkeit führen. Nebenbei gewährt die Geschichte auch manch vergnüglichen Einblick in den Alltag eines modernen Büros. In der zweiten Novelle «Die vier Elemente» finden wir Marcel wieder, dieses Mal auf einer Ferieninsel im Atlantik. Dort begegnet er der bezaubernden Ariane und genießt ein romantisches und mit zarter Erotik angehauchtes Idyll, das sich jedoch bald zweideutig weiterentwickelt. Tragische Aspekte von Arianes Vergangenheit werden sichtbar. Die große Natur in ihren «vier Elementen» ist auf der Insel allgegenwärtig und wird zum Ende hin zur Hauptfigur. Kann ihre machtvoll verwandelnde Kraft eine Heilung der verwirrten Gefühle bewirken? Schließlich führt uns der Episodenroman «Erotische Momente» durch zweiundzwanzig Kurzgeschichten, in denen Marcel die ganze Bandbreite irdisch-sinnlichen Verlangens erfährt. Der Reigen spannt sich dabei von einem frühen zarten Erlebnis im Kindesalter über die klassischen Erfahrungen sexueller Einweihung und naturhaften Liebesglücks bis hin zu wunderbaren, heiteren und gelegentlich auch bizarren Situationen im reiferen Alter. Die Form kurzer Episoden, in denen sich die Prosa oftmals der Grenze zum Lyrischen nähert, spitzt das Erlebte zu auf einzelne bedeutsame Momente, die Perlen gleich die Essenz erotischer Erfahrung aufbewahren und den Blick auf deren mystischen Hintergrund freigeben.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Aus der Reihe Das Ewig-Weibliche

Ich weiß, dass die beiden Welten Eine sind. (Mevlana Jalaluddin Rumi)

Inhalt

Celines Nähe

Perle des Tages

Erwachen

Die Füße im Wasser

Eine feinere Ebene

Wendung zur Sonne

Der Frühling der Blätter

Die vier Elemente

Warum lächelst du?

Die Spiegel

Verzauberung

Stelen

Berge des Feuers

Die vier Elemente

Im stählernen Vogel

Erotische Momente

Begegnung

Ganz in Weiß

Delphinen gleich

Du kannst es doch

Flieg nicht davon!

Der besondere Kuss

Blütenduft

Eine Nachbarin

Perlentaucher

Über dem Meer

Zur dritten Stunde

Nymphe

Einweihung

Die lachende Muschel

Ya Latîf

Mondbeglänzt

Nach Jahren

Flüchtig - oder nicht?

Ritual

Wörtlich genommen

Das Opfer

Im Osmanischen Bad

Celines Nähe

Perle des Tages

Mit einem Mal hatte der Platzregen aufgehört. Marcel öffnete das Fenster und ließ frische Luft hereinströmen. Nass glänzten die Blätter der mächtigen Platane, die vor dem Bürogebäude aufwuchs, und das nahe Flüsschen rauschte glitzernd in der Morgensonne.

Marcel atmete tief durch. Wie dankbar war er dafür, von seinem Arbeitsplatz auf frisches Grün schauen zu dürfen! Sein Blick wanderte auf die kleine Insel, die den Fluss teilte, hin zu der einsamen Bank, die dort etwas versteckt im Gebüsch lag und nur von seinem Bürofenster aus einzusehen war. Ein sehr junges Paar näherte sich ihr. Vielleicht waren es Schüler, die den Ferientag zu einem Spaziergang nutzten. Es bedurfte mehrerer Taschentücher, um die Bank sorgfältig abzutrocknen. Dann ließen sie sich darauf nieder, mit vorsichtigem Abstand zueinander. Der Junge sprach behutsam auf das Mädchen ein, währenddessen er schrittweise näher rückte, ein erster zarter Annäherungsversuch im Frühsommer ... Schließlich traute er sich, mit der Hand ihre Stirn von einer Haarsträhne zu befreien. Sie lächelte verlegen und drehte das Gesicht zur Sonne.

Marcel wandte sich ab, er spürte deutlich, wie ihn eine leichte Missgunst befiel, die man auch Neid hätte nennen können. Für einen Menschen, der allein ohne Partner lebte, war das ganz normal, oder nicht? Doch Marcel empfand schmerzlich, dass dieses Gefühl ihn noch mehr in die Absonderung trieb.

Wie war es ihm denn in seiner eigenen Jugendzeit ergangen? Marcel versuchte sich zu erinnern. Ihm kam manches aus der Tanzstunde in den Sinn, Pausen, die er mit seiner Partnerin selig in der nahen Parkanlage verbracht hatte. Hatte er das Glück der frühen zarten Liebe nicht auch schon selbst erlebt? Warum war er unzufrieden?

Der Frühling, diese Jahreszeit, die er immer wieder neu mit Freuden begrüßte, die er erwartungsvoll herbeisehnte, war nun fast schon vorüber. Jahr für Jahr malte er sich aus, wie mit der Blüte der Obstbäume und später, gleichsam als einer zweiten Chance, der Kastanienblüte, auch die Möglichkeiten der Liebe neu erblühen würden. Dann würden frische Linien des Lebens gezogen, in denen er ein neues bedeutungsvolles Muster erkennen könnte! Doch diese Knospen hätten sich schon längst öffnen müssen ... Wieder einmal war er allein geblieben.

„Die Entbuschungsaktion, die sie im letzten Herbst auf der Insel durchgeführt haben, war sehr erfolgreich“, bemerkte er nüchtern zu Robert, seinem Zimmerkollegen. „Jetzt lässt sich die Parkbank, die vorher verdeckt war, wieder durch die Zweige erkennen.“

„Wie hieß das nochmal, Marcel, Entbuschungsaktion? Klingt irgendwie witzig. Entbuschen ...“ Robert kratzte sich am Hals und lächelte verschmitzt vor sich hin. „Aber könntest du jetzt bitte das Fenster wieder schließen?“

Robert wollte sich nämlich gerade seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Telefonieren, zuwenden und da hätte ihn das heftige Rauschen des angeschwollenen Flüsschens vor dem Fenster gestört. Doch sogleich legte er den Hörer wieder zurück, denn die attraktive Personalchefin betrat das Zimmer und führte eine junge Dame mit sich, deren Gegenwart merkwürdig deutlich im Raum zu spüren war.

„Darf ich Ihnen unsere neue Mitarbeiterin, Frau Celine ... vorstellen? Sie wird das Team von Herrn ... unterstützen. Wir freuen uns sehr über die Verstärkung.“

Marcel reichte Celine die Hand.

Die neue Kollegin lächelte ihn warmherzig an, vielleicht so, wie ein unbefangenes Kind den Erwachsenen gegenüberzutreten pflegt. Oder wie eine Mutter, die sich freundlich ihrem kleinen Sohn zuwendet? Er war sich da nicht ganz sicher. Jedenfalls war es angenehm, ihre feste entschiedene Hand zu spüren. Er wollte die neue Mitarbeiterin noch ein wenig bei sich festhalten und suchte nach ein paar ergänzenden, verbindenden Worten, die er an sie hätte richten können, doch fiel ihm nicht gleich etwas ein, und so wandte sich Celine seinem Kollegen zu.

„Oh, dann werden wir ja bald auch miteinander zu tun haben!“, freute sich Robert, als er erfuhr, für welche Aufgaben Celine eingestellt worden war. Er verwickelte sie sogleich in ein kleines Gespräch, das die Personalchefin mit strengem Blick unterbrach:

„Gehen wir jetzt weiter?“ Die beiden Damen verließen das Zimmer.

Marcel durchbrach die andächtige Stille, die sich im Zimmer ausbreitete:

„Sie ist ganz nett, denk ich, unsere neue Mitarbeiterin“, bemerkte er und sein Kollege pflichtete ihm sofort bei.

Aber warum würde Robert mit ihr zu tun haben und nicht er selbst? Schon wieder spürte er diesen hässlichen Neid! Seinem Mund entwich ein vieldeutiges Seufzen.

Marcel war nicht gerade aufmerksam gewesen bei der Vorstellung seiner neuen Kollegin, er hatte sich ihre Gesichtszüge ungenau eingeprägt und ihre Figur konnte er sich nur schattenhaft vorstellen. Weiche, weibliche Rundungen, Celine war mittelgroß und dunkelhaarig. Eigentlich nicht sein Typ ...

An diesem Tag wurde der Wochenmarkt abgehalten, auf dem Marcel regelmäßig in seiner Mittagspause einkaufen ging. Immer noch war die Luft frisch und klar, der Gruß der Marktfrauen, die ihn als Stammkunden kannten, schien freundlicher als sonst zu sein. Über den Himmel zogen Wolken mit silbernen Rändern. Ein wildfremder Mann lächelte ihm zu. Im Nu war er mit seinen Einkäufen fertig geworden.

„Schauen Sie mal, diese wunderbaren Freilandrosen!“, rief ihm eine Frau am Ende des Marktes zu. Marcel blieb stehen. Ja, heute wollte er Rosen vor sich sehen ... Er kaufte sieben dunkelgelbe mit rötlichen Blütenrändern.

„Was für ein herrlicher Tag!“, schwärmte Marcel nach der Rückkehr. „Dies ist wahrhaft ein Tag, um Helden zu zeugen.“ Den markigen Spruch liebte er besonders und manchmal erschreckte er damit auch seine Kolleginnen, natürlich nur im Scherz.

„Hmmh, meinst du denn, das wird heut noch was?“, versetzte Robert trocken und schaute ihn mit seinen am Scheitel gesträubten Haaren wie ein listiger Igel an.

„Na ja, mal sehen.“ Es war ganz gut, dass sein Zimmerkollege die ekstatische Zeugungslust etwas dämpfte. „Aber dir bietet sich eine reale Chance, denn du bist ja verheiratet!“

Robert zog bestürzt die Augenbrauen hoch.

Der Duft der Rosen, die am Nachmittag auf Marcels Schreibtisch standen, beflügelte seine Arbeit. Ungewohnte Spannkraft ließ ihn spontan zwei Stunden länger als sonst im Büro ausharren.

Gerne verzichtete er auf sein Abendessen, war er an diesem Tag doch schon mit anderer Speise genährt worden. Als die leuchtend gelbe Sonne im Horizont untertauchte, stand Marcel am Wohnzimmerfenster, wie er es jeden Abend tat, und spürte nichts als Dankbarkeit im Herzen.

Es war seine Gewohnheit, vor dem Zubettgehen noch etwas Musik zu hören. An diesem Abend wählte er ein Stück der Klassik, eine kleinere Sinfonie des großen Komponisten, die er schon lange mal näher kennenlernen wollte. Sie war zwischen der heroischen und der schicksalhaften Sinfonie entstanden. Im Vergleich zu den beiden berühmteren Schwestern galt sie jedoch als wenig bedeutsam. Ungeduldig hörte er der umständlichen Einleitung, dem nachdenklich zögernden Schreiten des Orchesters zu. Ach ja, der große Meister grübelt mal wieder vor sich hin, dachte er, das kennen wir doch alle schon, langweilig ist das. Doch auf einmal – ein kräftiger Tuttischlag! Ein zweiter folgte, wie als ob sich jemand vor die Stirne schlagen wollte, und mit einem Mal legte die Musik ihre Fesseln ab. Sie erwachte zu heiter sorgloser Beschwingtheit, zu einer himmlischen Leichtigkeit, die Marcel unwiderstehlich bis zum Ende der Sinfonie mitriss. Was war es nur, das beim Komponisten diesen Umschwung, diese Befreiung veranlasst hatte?

Er nahm sich vor, dem nachzugehen. Die Musik hatte ihn wieder munter gemacht, so zog er noch ein Bier aus dem Kühlschrank, um sich die nötige Bettschwere zu verschaffen. Es half aber nichts, Marcel lag hellwach im Bett, die rechte Hand auf dem Herzen, die linke auf dem Bauch und atmete tief und gleichmäßig mit geschlossenen Augen.

War es ihm doch, als strömte sein Atem durch das offene Fenster hinaus und als läge er draußen im freien Feld unter dem klaren Sternenhimmel ... Ich bin nicht allein, sagte er zu sich, mit allen Lebendigen bin ich verbunden, mit allen Wesen, die in die Nacht hinein atmen, mögen sie dabei wachen oder schlafen!

Da erinnerte er sich an eine Übung, die ihm vor Jahren jemand beigebracht hatte. Es galt, am Ende jeden Tages diejenige Erfahrung herauszufinden, die einem den vergangenen Tag kostbar machte, und sie als Perle des Tages in sich aufzubewahren. War es die Sonne nach dem erfrischenden Morgenregen? Der Gruß des fremden Mannes auf dem Markt? Der spontane Kauf der Rosen? Die Entdeckung der quicklebendigen Sinfonie? Nein – es war der Augenblick, an dem Celine ihm die Hand reichte ...

Nun, nachdem er den Tag in der rechten Weise gewürdigt hatte, sollte er doch friedlich einschlafen können, dachte er. Aber etwas in ihm wollte immer noch wach bleiben, am Leben teilhaben, hier und jetzt! Eine unbestimmte Sehnsucht erfasste ihn. War denn der gegenwärtige Moment nicht der einzige, der ihm zum Leben blieb? Doch machte er sich Sorgen wegen der Arbeit, die am nächsten Morgen im Büro auf ihn wartete, unvermeidliche Pflichten, für die er recht ausgeruht sein sollte ... Ein gnädiges Geschick zerstreute das Grau seiner Gedanken und ließ ihn schließlich selig einschlummern. Aber immer noch atmete er aus dem weit geöffneten Fenster hinaus in die freie Nacht.

Erwachen

Eigentlich hätte die Ankunft von Celine Marcel nicht sonderlich überraschen sollen, denn sie wurde schon Wochen vorher angekündigt, mit biographischen Details, die er durchaus aufmerksam studiert hatte.

Es ärgerte ihn nicht wenig, dass ihr Arbeitszimmer von dem seinen weit entfernt war, es lag in einem anderen Gebäude und dazu noch einige Stockwerke höher als das seinige. Das war nicht sehr klug von der Geschäftsleitung bedacht! Dadurch ergab sich nur selten eine Gelegenheit, Celine während der Arbeit einfach so anzutreffen. Gewiss hätte er sie zwanglos aufsuchen und sich nach ihrem Befinden erkundigen können. Er hatte auch immer einige praktische Tipps zur Hand, z.B. wie man gesund auf einem Bürostuhl sitzt und so weiter.

Doch war Marcel im Umgang mit seinen weiblichen Kollegen recht vorsichtig geworden. Klatsch und Tratsch, die den zwischenmenschlichen Umgang so entsetzlich vergiften können, fürchtete er wie die Pest. Sie hatten ihm auch schon einige traurige Erfahrungen beschert.

Marcel prüfte sich gewissenhaft. Ein einziger Augenkontakt, ein einziger Händedruck der neuen Kollegin hatte schon ausgereicht, in ihm das anmutige und erhebende Gefühl von Verliebtheit hervorzurufen. Aber lag darin eine tiefere Bedeutung? Doch wohl kaum.

Der Rosenstrauß, der ihn in den ersten Tagen nach Celines Ankunft morgens beim Frühstück entzückt hatte, begann langsam aber stetig zu welken. Und auch die Sinfonie des Lebens – so taufte er die Musik, die ihn anfänglich mitgerissen hatte – ließ sein Herz bald nicht mehr so hoch springen wie zu Beginn. Celine war aus seinem Blickfeld verschwunden, ihre Erscheinung konnte seine Sinne also nicht mehr beunruhigen. Die erste Begegnung mit ihr würde eine schöne Erinnerung bleiben, nichts weiter. Ehrlich gesagt, war sie auch nicht sein Typ, er stand ja mehr auf blonde zierliche Frauen ...

Viele andere Kolleginnen, mit denen er im Büro zu tun hatte, wirkten nun auf ihn anziehend und boten genügend Ablenkung. Ein Lächeln, eine nette Geste, eine flüchtige zufällige Berührung, war das denn nichts? In seiner Hand hielt er gleich mehrere Spatzen, sollte doch die Taube oben auf ihrem Dach hockenbleiben!

So nahm wieder das träge Einerlei des Gewohnten von ihm Besitz. Eines Tages jedoch entdeckte er, dass er kurz zuvor Celines Geburtstag versäumt hatte, und – ärgerte sich. So gerne hätte er ihr seine persönlichen Glückwünsche überbringen wollen. Das wäre ihm wirklich wichtig gewesen! Doch, Gott sei Dank, sie hatte das nicht von ihm erwartet.

Fast erschrak er, als eines Tages die ferne Kollegin ohne Ankündigung sein Zimmer betrat und sich schnurstracks an Robert wandte:

„Sehen Sie, diese Akte bring ich Ihnen sogar persönlich ...“

„Oh, danke, das wäre nicht nötig gewesen.“

Lächelnd schaute Celine zu ihm herüber, während Robert sich prüfend über das Schriftstück beugte. Marcel badete geradezu in der Wärme ihres Blicks, verzweifelt suchte er nach den passenden Worten, sie anzusprechen, nachdem Robert ihr die Akte zurückgeben würde. Doch so rasch, wie sie das Zimmer betreten hatte, war Celine schon wieder verschwunden. Eine ätherische Erscheinung, eine flüchtige Fata Morgana?

„Eigentlich hast du ja, entgegen deiner ursprünglichen Vermutung, nicht allzu viel mit der neuen Kollegin zu tun“, bemerkte er mit gespieltem Gleichmut zu Robert.

„Stimmt, das war gerade eine Ausnahme. Nun, du weißt ja, wie das ist in unserer Firma. Es wird unablässig neu organisiert. Inzwischen ist sie schon wieder einer anderen Arbeitsgruppe zugeteilt. Aber warum fällt dir das eigentlich auf?“

„Hoppla!“, rief jemand, als Marcel kurz darauf aus der Tür huschte, um eilige Schriftstücke aus dem Drucker zu ziehen.

„Jetzt wären wir doch fast zusammengestoßen!“, lachte Celine.

„Ja, ... eigentlich schade“, erwiderte Marcel geistesgegenwärtig.

„Wieso denn schade?“ Verwundert oder vielleicht auch belustigt schaute sie ihn an, bevor sie sich zum Postzimmer am Ende des Flurs begab. Ihr diskretes Parfüm hing ihm noch in der Nase.

Marcel blieb im Flur stehen und sah durch die geöffnete Tür, wie Celine mehrere Briefe frankieren wollte. Sie kam nicht gleich zurecht und schaute sich hilfesuchend um. Im nächsten Moment schon stand er an ihrer Seite.

„Oh, könnten Sie mir vielleicht helfen? Es ist schon spät und die Sachen sind eilig, ich muss die Briefe selbst fertigmachen.“

Marcel atmete kurz durch, er musste sich in Celines Nähe erst zurechtfinden. Dann wies er sie in die Mysterien einer Frankiermaschine ein, viel ausführlicher als nötig und ohne dabei zu vergessen, den Duft ihres Parfüms ganz bewusst einzuziehen.

„Vielen Dank, jetzt komm ich schon alleine zurecht.“

Marcel blieb noch im Postzimmer stehen, brauchte er denn nicht auch selbst etwas? Ach ja, einen neuen Radiergummi und richtig, im Telefonbuch wollte er nachschauen, ob die Nummer seines Zahnarztes sich womöglich geändert hatte. Um an das Regal mit dem Telefonbuch heranzukommen, musste er dicht an Celines Seite in die Knie gehen.

„Lassen Sie sich nur nicht stören!“, sagte Marcel sanft zu ihr. Ihm selbst freilich wurde fast schwindelig. Ziellos blätterte er im Telefonbuch, während seine Augen sich auf ihre Sommerschuhe hefteten. Wahrhaftig, sie hatte sehr viel Geschmack, die neue Kollegin! Das galt auch für die hellen cremefarbenen Jeans und das T-Shirt mit den dezenten Rosatönen, die er einen Augenblick lang aufmerksam mustern konnte, während er sich gemächlich wiederaufrichtete. Celine schaute ihn freundlich mit klarem Blick an:

„Lassen Sie mich jetzt bitte durch?“

Wie zart und glatt war die Haut ihres Gesichts, wie fein geschnitten das Näschen, wie lebensvoll die Farbe ihrer Wangen! Und der vornehm schmale Mund! Wie würde es sich wohl anfühlen, ihn – zu küssen? Und dabei ganz in die Wolke ihres Parfüms einzutauchen? Doch in ihre Augen zu schauen, das traute er sich noch nicht ...

„Oh, pardon, ich stehe Ihnen ja im Weg.“

„Danke.“

Sein Blick folgte ihren Schritten den Flur entlang, zog die weichen Linien der Gestalt nach. Das kaum merkliche Schwingen ihrer Hüften erzeugte einen eigenartigen Klang in seinem Innern. Marcel blieb wie festgewachsen stehen, was Celine mit einem Seitenblick bemerkte, als sie die Tür zum Treppenhaus öffnete.

„Na, wie geht’s?“ Dominiques Worte rissen ihn aus dem allzu kurzen Traum.

Sie kam gerade aus ihrem Zimmer, das unmittelbar neben der Poststelle lag. Er kannte und schätzte Dominique schon sehr lange, als eine Kollegin, mit der man, wenn es sein musste, auch mal offene Worte wechseln konnte. Sie hatte einen fast iberisch dunklen Teint und auch ihr Temperament konnte lebhaft, eben südländisch sein. Ihre Geschäftsbriefe pflegte sie mit riesenhaft geschwungener Feder zu unterschreiben. Leider war Dominique auch etwas neugierig.

Marcel verspürte Lust auf eines der philosophischen Kurzgespräche, in die sie sich beide häufig verwickelten.

„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Dominique, wie unaufrichtig die Frauen sind?“

„Wie bitte, unaufrichtig?“

„Ja, wenn sie ein Parfüm anlegen. Du glaubst gar nicht, wie anziehend sie damit auf die Männer wirken.“

„Na und, das ist doch nichts Neues.“

„Ich meine, eigentlich wollen sie die Männer auf diese Weise verführen.“

„Ja eben.“

„Aber was geschieht, wenn die Männer darauf eingehen, also die Zeichen richtig deuten?“

„Nun, sie werben um die Frauen, behandeln sie zuvorkommend, sind einfach nett zu ihnen. Das ist doch völlig in Ordnung, oder etwa nicht?“

„Nein, das ist ganz und gar nicht in Ordnung! Denn, wären die Männer ehrlich, ich meine, wirklich ehrlich, so würden sie sofort mit der Frau schlafen wollen, im Theater, im Restaurant, wo auch immer, im Büro zum Beispiel.“ Dominique trat ruckartig einen Schritt zurück. Auch sie hatte ein Parfüm angelegt.

„Ja, das geht ja nicht!!“, rief sie heftig. „Dafür sind wir schließlich zivilisierte Menschen.“

„Eben, jetzt verstehst du vielleicht, welch entsetzliche Qualen wir Männer leiden müssen, zumindest in der zivilisierten Gesellschaft! Diese Qualen sind umso schlimmer, je verführerischer die Frauen daherkommen, außer es handelt sich zufällig um die Freundin, Verlobte oder Ehefrau.“

„Zufällig!“ Dominique brach in schallendes Gelächter aus.

„Ich finde, Marcel hat völlig recht“, mischte sich Robert ein, der das Gespräch mitgehört hatte und aus seinem Zimmer geeilt war.

„Jetzt kommst du auch noch! Oh, ihr Männer, ihr Armen!“ Mitfühlend legte sie die Hand auf Marcels Schulter. Dann senkte sie ihre Stimme und trat etwas näher heran:

„Du, ich glaube, auf dich müssen wir etwas aufpassen ... Dass mir ja keine Klagen kommen, mein Lieber!“ Sie drohte scherzhaft mit dem Finger.

Celines Parfüm hing ihm noch in der Nase, als es schon längst verflogen war. Marcel musste zugeben, dass er die entsetzlichen Qualen recht gut verkraftet hatte, ja sogar ihre baldige Erneuerung herbeisehnte.

Mit Entzücken stellte er fest, dass man Celine immer häufiger zur Poststelle schickte. Jetzt wirkte sich die in der Firma verbreitete Sitte, die Türen zu den einzelnen Zimmern offenstehen zu lassen, segensreich aus. Marcel schulte seine Aufmerksamkeit darin, die vorbeihuschenden Kolleginnen und Kollegen sofort zu identifizieren. Mit der Zeit konnte er sogar an dem Geräusch der sich im Flur öffnenden Tür, an der Art, wie die Türklinke gedrückt wurde, und an dem Auftreten der Schritte erkennen, wer wohl in den nächsten Sekunden an seinem Zimmer vorbeiziehen würde. Dann sah er vom Schreibtisch auf und richtete seinen Blick auf die Tür, um die Bewegung der Gestalt, eine Momentaufnahme ihres Profils, zu erhaschen.

Wenn Celine erschien, brauchte es nur einen unbedeutenden Vorwand, das Zimmer zu verlassen und die verehrte Kollegin im Flur auf ihrem Rückweg zu begrüßen. Er konnte zum Beispiel am Drucker stehen und kopfschüttelnd auf ein Schriftstück warten, das er gar nicht zum Drucken freigegeben hatte, oder wieder mal das Postzimmer aufsuchen, um sein Büromaterial zu ergänzen. Oder ganz spontan zur Espressomaschine in der kleinen Kochecke eilen, um eine vermeintlich wohlverdiente Pause einzulegen.

„Ah, es gibt wieder den Espresso!“, bemerkte Celine einmal im Vorbeigehen. „Macht es Ihnen denn gar nichts aus, so häufig am Tag Kaffee zu trinken?“

„Nein, überhaupt nicht. Wissen Sie, Espresso ist wesentlich gesünder als Filterkaffee, allein schon wegen der Zubereitung, er hat nämlich weniger Säure! Ich trinke ihn mit viel Zucker, dann ist er noch verträglicher.“

„Ah ja.“

„Wollen Sie nicht auch mal probieren? Ich mache Ihnen gerne ein Tässchen.“

„Nein, danke, ich bin etwas in Eile, vielleicht ein anderes Mal.“ Celine entschwebte.

„Aber mir kannst du ihn gerne anbieten“, bemerkte Dominique, die sich von hinten angeschlichen hatte.

Hatte er sich nun wieder zu auffällig benommen? Marcel nahm sich vor, das nächste Mal im Gespräch mit Celine zurückhaltender zu sein, und war Dominique für ihre Mahnung durchaus dankbar.

Manchmal wurden seine Pläne gemein durchkreuzt, etwa wenn er am Telefon hing und das Zimmer nicht so einfach verlassen konnte. Dann wartete er darauf, bis Celine vom Postzimmer zurückkehrte und er sie schräg von vorne durch die Tür sehen konnte. Oft schenkte sie ihm dann ein schnelles Lächeln, oder vielleicht nur dessen Andeutung oder gar nur ein mögliches Lächeln, sofern der Ausdruck ihres Gesichts diese Möglichkeit nicht vollständig widerlegte. Blieb sie aber ganz achtlos, wurde er wirklich unruhig und sein Verstand musste ihn dann mit Erklärungen trösten. Vielleicht war sie beim Vorbeigehen zu zerstreut gewesen oder zu müde ...

Natürlich war er am glücklichsten, wenn er Celine ungeplant begegnete. Das konnte zum Beispiel im Treppenhaus geschehen. Am schönsten war diese Begegnung im verspiegelten Aufzug, dort mussten sie eng beieinanderstehen und er hatte die Wahl, sie direkt anzulächeln oder über die Spiegel von allen Seiten anzuschauen. Es bot auch eine passende Gelegenheit, Komplimente über ihre Kleidung zu äußern.

Diese Zufälle schienen sich zu häufen. Wunderbar, dachte er, oder auch wiederum nicht. Er kannte ja die schönen Theorien über das feinstoffliche Feld, das die Menschen weit um sich herum verbreiten, und das sie dazu bewegt, unbewusst einander näher zu kommen – oder sich ebenso unwiderstehlich zu meiden. Ganz gewiss gab es also eine ätherische Anziehung zwischen ihnen! War das nicht sehr, sehr ermutigend? Er konnte sie geradezu fühlen, die Glückswelle, die jedes Mal, wenn Celine ihm begegnete, über ihn hinweg schwappte. Wie belebend war dann die Frische, die von ihr ausstrahlte! Und wenn sich ihre Blicke trafen, nahm er gar die reinste Himmelsspeise, ein wahres Manna, zu sich.

Die seligen Momente bescherten ihm viele Tagesperlen, die er getreulich sammeln konnte. Zu Hause beim Frühstück oder Abendessen, während im Hintergrund die Lebenssinfonie erklang, ließ er sie noch einmal durch die Hände gleiten, um sie dann sorgsam in seinem Herzen zu verwahren.

Doch waren das nicht eher bescheidene Schmuckstücke? Kristalle aus Glas statt echter Brillanten? Könnte er doch mit Celine wenigstens eine Stunde oder auch zwei verbringen, um sie wirklich näher kennenzulernen!

„Machen Sie eigentlich keine Mittagspause?“, fragte er sie eines Tages im Flur.

„Nur ganz selten, ich lieber arbeite durch, um nachmittags früher nach Hause gehen zu können.“

Dagegen konnte er leider nichts einwenden.

„Ach, das ist schade, sonst hätten wir mal die Mittagspause gemeinsam verbringen können ...“

Celine zuckte lächelnd mit den Achseln und ging ihres Wegs.

Wie unvernünftig, dachte Marcel. Wer arbeitet, muss doch auch essen! Nun, vielleicht fiel ihm bald etwas Anderes ein, um ihr näher zu kommen. Eines Tages beschloss er, sie einfach aufzusuchen, und nahm ein kleines Büchlein mit, das Entspannungsübungen für angestrengte Augen enthielt.

„Sie ist gerade in einer Besprechung“, wehrte ihn eine Kollegin ab, welche die Aufgabe übernommen hatte, Celine als Mentorin zu betreuen. „Möchten Sie etwas abgeben, kann ich ihr etwas ausrichten?“, fragte sie mit freundlicher Ungeduld.

„Nein, danke.“ Er wollte Celine nicht gerade bei der Arbeit stören. Vielleicht war das auch ein Zeichen, sich selber nicht so oft ablenken zu lassen. Einer verehrten Kollegin nachzustellen, passte ja so gar nicht in das Bild der Firma, deren Fleiß von Jahr zu Jahr beunruhigend zunahm.

Manchmal, wenn er sich nach ihr sehnte aber eigentlich keine Zeit dafür hatte, gab es immer noch die Möglichkeit, den Bildrechner zu Rate zu ziehen und schnell ihren Namen in der Mitarbeitertabelle aufzusuchen. War dieser grün eingefärbt, so war Celine anwesend, rot bedeutete Unterbrechung der Arbeit, bei schwarz war sie entweder morgens noch gar nicht angekommen oder schon wieder zu Hause.

So konnte Marcel mit seiner Zeichenmaus ihren grünen Namen, in der Gewissheit, nicht weit von Celine entfernt zu sein, zärtlich einkreisen, vielleicht ein Herz um ihn herum beschreiben, nur wenige Augenblicke lang, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwenden musste.

Doch einmal, in der Mittagszeit, wurde er stutzig. Celines Name sprang auf rot, aber nicht nur ihr Name, auch der Name des Kollegen, der das Glück hatte, mit ihr ein Arbeitszimmer zu teilen, färbte sich rot ein und das genau zur selben Zeit. Beide Namen rot, schamrot! Sie verlassen gemeinsam das Büro, schloss er scharfsinnig. Jetzt wurde es sehr spannend. Wann würden die beiden Namen wieder ergrünen? Er ging schnell zum Bäcker, um sich, wenn er schon auf seine Mittagspause verzichtete, wenigstens mit einem belegten Brötchen schadlos zu halten, und schaute in viertelstündigem Abstand auf dem Bildschirm nach. Erst nach über einer Stunde waren die beiden wieder anwesend.

Marcel schlug mit der geballten Faust auf den Tisch.

„Was ist passiert?“, fragte Robert besorgt.

„Ach, – mir ist gerade ein Drache mit grünen Augen erschienen ...“

„Wie bitte?“

„Ja, so nennt man doch die Eifersucht. Ich erzähl dir ein andres Mal mehr darüber.“

Marcel musste eine Pause einlegen und ging zum Espressoautomaten. Nein, er würde Celine bestimmt keinen Kaffee mehr anbieten!

„Was gibt’s? Du schaust so grimmig.“ Dominique kam gerade von ihrer dritten Zigarettenpause zurück, die sie, wie alle Raucher, vor der Haustür verbringen musste.

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“, belehrte er sie.

„Ein wahres Wort. Ja, bist du denn süchtig?“

„Vielleicht, aber das muss ich erst noch herausfinden.“

Dominique hob lächelnd den Zeigefinger:

„Ich hab’s doch gewusst, dass man auf dich aufpassen muss, mein Lieber!“

Seine Leidenschaft beruhigte sich wieder, sobald er sie mit nüchternem Verstand zergliedern konnte. Das grünäugige Ungeheuer schien vorerst gezähmt. –

Inzwischen war es Hochsommer geworden und der jährliche Betriebsausflug stand an. Endlich, jetzt endlich, ergab sich die Gelegenheit, zwanglos und offen Celine etwas näher zu kommen!

„Sie gehen doch auch mit, zum Ausflug?“, fragte er sie fast ängstlich. Selbstverständlich würde sie mitgehen, ja, sie freue sich sogar sehr darauf.

Diese Bestätigung brachte sofort neuen Schwung in seinen Alltag, denn nun gab es einiges zu tun. Marcel wollte sich nämlich ganz bewusst auf diesen großen Tag vorbereiten. Er sammelte alle erdenklichen Informationen über das Ausflugsziel und studierte sie sorgfältig. Bei seinem Friseur musste noch rechtzeitig ein Termin vereinbart werden. Er zerbrach sich den Kopf über die passende Kleidung. Was würde Celine wohl tragen? Vielleicht sollte er vor dem Ausflug noch so etwas wie einen Stilberater aufsuchen, doch die Zeit war zu kurz. Schließlich erstand er ein Sommerjackett mit dazu passender Hose und Hemd, in vermeintlich modischen Farben.

Die Füße im Wasser

Am Tag des Ausflugs stand Marcel sehr zeitig auf, um seine Yogaübungen zu verrichten. Er lauschte dem Geläut der Morgenglocken und beim Frühstück sollte ihn die Lebenssinfonie auf das bevorstehende Ereignis einstimmen. Er vergaß auch nicht, Gesicht und Hände mit Rosenwasser zu benetzen. Sogar das Wetter schien dem Tag überaus gewogen zu sein. Alle Zeichen standen günstig.

Natürlich kam er viel zu früh zum Treffpunkt an der großen Platane, wo der Bus abfahren würde. Erst nach und nach fanden sich die Mitarbeiter ein und bildeten kleine Kreise, in denen sie einander erwartungsvoll anschauten. Celine hatte ein besseres Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, sie traf gerade fünf Minuten vor der Abfahrt ein. Marcel suchte eine Art distanzierter Nähe zu ihr, nahe genug, um ihre Anwesenheit zu genießen und doch noch zu entfernt, um als aufdringlich zu erscheinen.

Der Bus stand nun bereit. Beim Einsteigen gelang es ihm, unmittelbar hinter ihr die Treppe hinauf zu gehen.

„Darf ich neben Ihnen sitzen?“, fragte Celine ihre Mentorin, die vor ihr eingestiegen war. Marcels Plan war also nicht aufgegangen. Leider blieb er unschlüssig stehen, so dass auch die anderen Plätze in Celines Nähe schnell besetzt waren. Er musste mit einem ungünstigen Platz vorliebnehmen und saß schließlich alleine. Immerhin war der Kopf der verehrten Kollegin noch zu erkennen, wenn er sich in den Mittelgang des Busses hinauslehnte.

Melancholisch schaute er aus dem Fenster, den Sekt und die Butterbrezeln, die zur Begrüßung der Mitarbeiter durch die Reihen gereicht wurden, konnte er nicht so recht genießen. Als er jedoch wieder einmal in den Mittelgang zurückschaute, drehte sich Celine unwillkürlich um, ihre Blicke trafen sich und sie prostete ihm übermütig zu.

Nach munterer Fahrt und mit dem Sekt gut eingestimmt kam die kleine Reisegesellschaft am ersten Ausflugsziel an, einem sehr bekannten Naturschauspiel. Der große Fluss stürzte sich in seiner ganzen Breite verwegen über eine Felskante in die Tiefe. Um den tosenden Wasserfall aus der Nähe umschiffen zu können, wurden die Besucher auf schmale Kähne verteilt. Marcel stieg als einer der ersten ein, setzte sich gleich an die Spitze des Nachens und bemerkte erstaunt, dass Celine unmittelbar neben ihm Platz nahm. Ohne dass er es geplant hätte!

„Bitte noch etwas zusammen rutschen!“, ordnete der Bootsführer energisch an. Der Nachen wurde bis auf den letzten Platz belegt und Marcel spürte Celines Bein sanft, nur mit einer leichten Berührung, an dem seinen anliegen. Trotz der kühlen Nebelschleier, die von der herabstürzenden Wasserfront sich ablösten und über den Nachen strichen, durchfloss ihn eine tiefe Wärme. Als ob ihn eine unsichtbare Nabelschnur mit Celine verbunden hätte ...

Welch ein Geschenk, diese Wärme spüren zu dürfen! Wenn schon eine kleine Tuchfühlung so viel Wärme erzeugte, welche Energie, welche Hitze würde dann erst eine ganze Umarmung von ihr spenden! Wie unwissend sind doch die Menschen, dachte er, sie frieren und wissen sich nur notdürftig zu behelfen, mit unbeseelten Decken oder mit Heizlüftern ... Er schwieg, um seine Aufmerksamkeit ganz auf die liebliche Berührung zu richten und diese Empfindung voll und ganz auszukosten. Celine drehte sich kurz um und beugte sich leicht über den Bootsrand, um einen Fisch im Wasser zu beobachten.

„Vorsicht! Nicht dass Sie mir ins Wasser fallen“, rief Marcel heftig. Für einen kurzen Moment fasste er Celine an ihren Hüften, und ließ sie nur zögernd wieder los. Indes war sein Einsatz vollkommen überflüssig, hatte nur dazu geführt, dass der Nachen ins Schwanken geriet und der Bootsführer einen strengen Blick auf ihn warf. Mit nachsichtigem Lächeln drehte sich Celine wieder zurück, die liebliche Tuchfühlung war nun allerdings dahin.

Beim Mittagessen, das an einer langen Tafel eingenommen wurde, konnte er ihr schräg gegenübersitzen. Entzückt bemerkte er, dass der Wein ihre Wangen rosa schimmern ließ. Zum Nachtisch bestellte sich Celine einen großen Eisbecher, den sie erstaunlich schnell leerte.

Den frühen Nachmittag verbrachte die Firmengemeinschaft an einem kleinen Badesee, der idyllisch mitten im Tannenwald lag. Doch kaum jemand hatte Lust zum Baden. Weniger das kühle Wasser als vielmehr eine eigenartige Scheu hielt viele davon ab, sich vor den Kolleginnen und Kollegen im Badekostüm zu zeigen. Die meisten zogen es vor, in der Umgebung spazieren zu gehen. Einige saßen im Strandcafé, wieder andere, wie Celine, suchten sich einen ruhigen Platz am Ufer, um wenigstens die Füße ins Wasser zu strecken.

Marcel dagegen hatte sich fest vorgenommen, im See zu schwimmen. Das Wasser war kalt, aber sollte ihn das vor Celines Augen etwa abschrecken? Von dem kleinen Holzsteg sprang er mit elegantem Kopfsprung ins Wasser, kraulte heftig hin und her, bis ihm die Puste ausging, und schwamm schließlich gemächlich zu Celine hin, die mit zwei anderen Kolleginnen am Ufer saß.

Ihre Sommerhose war bis zu den Knien hochgezogen. Die Haut schimmerte weiß wie Alabaster, die Zehen der Füße, die sie in Abständen in den See tauchte, waren lackiert, im selben Pink wie ihr T-Shirt. An ihren Waden hingen perlende Wassertropfen. Nachdenklich schien sie zu sein, bemerkte ihn kaum und schaute ernst vor sich hin. Auch die beiden anderen Kolleginnen sahen aus, als könnten sie eine kleine Aufmunterung gut vertragen. Marcel drehte sich auf den Rücken und paddelte heftig mit den Beinen, so dass das Trio voll bespritzt wurde.

„Du!! Was soll das? So kennen wir dich doch gar nicht!“, beschwerte sich eine der Kolleginnen im Scherz bei ihm.

„Eben, ihr kennt mich nicht! Lernt mich nur recht kennen!“, erwiderte Marcel übermütig.

Celine jedoch, die er damit aus der Reserve hatte locken wollen, schwieg verstimmt und prüfte ihre Hose auf Wasserflecken. Da klingelte ihr Handtelefon und schon hellte die Miene sich auf. Sie klappte den silbernen Deckel auf und studierte lächelnd die ätherische Botschaft, die ihr jemand gesandt hatte. Vielleicht war das gerade eine gute Freundin, dachte Marcel, oder ihr Freund ... Aber nein, ganz sicher war es eine Freundin!

Der Tag verging wie im Fluge. Auch wenn Celine nicht in seiner Nähe weilte, nahm er aus der Ferne Anteil an allem, was sie tat. Manchmal schien es ihm, er sei ganz allein mit ihr unterwegs, entsprechend achtlos verhielt er sich zu den anderen Kolleginnen und Kollegen.

Als krönender Abschluss des Ausflugs war eine Museumseisenbahn für eine Sonderfahrt auf historischer Strecke angemietet worden. Fauchend schob sich die grün und rot lackierte Dampflokomotive in den Bahnhof, altertümlich klappernde Waggons hinter sich herziehend. Man stieg ein und nahm auf braunen Bänken Platz, die aus schmalen lackierten Holzleisten rund zusammengefügt waren und dem Rücken der Fahrgäste angepasst schienen. Doch blieben die Leute nicht sehr lange sitzen, zu malerisch war die Aussicht aus den Schiebefenstern, zu abenteuerlich die Streckenführung mit mehreren Tunnels und Stahlbrücken, die sich über anmutige Täler spannten.

Marcel durchstreifte unruhig die Abteile, wurde von Robert und Dominique aufgehalten, um die sich ein lustiger Kreis gebildet hatte, der ausgiebig Bier trank, und fand schließlich Celine mit ihrer Mentorin allein in einem Abteil. Hier war er genau richtig.

„Haben Sie eigentlich bemerkt, dass die Bahntrasse nach einem großen Bogen sich selbst überkreuzt?“ Schon stand er am Fenster, um den Vortrag zu halten, auf den er sich zu Hause vorbereitet hatte. Die Mentorin schaute leicht säuerlich. Marcel ließ sich jedoch nicht bremsen, er fuhr fort:

„Vielleicht wundern Sie sich, warum man mit so viel Aufwand, mit so vielen Tunnels und Brücken, letztlich doch nur einen recht geringen Höhenunterschied bewältigt? Die Lokomotiven der damaligen Zeit hätten nämlich durchaus auch steilere Abhänge hinaufkeuchen können. Nun, das hat lediglich einen militärischen Grund, die Bahn sollte für große Truppenbewegungen im Ersten Krieg eingesetzt werden, mit entsprechend gewichtigen Materialmengen. Zu einem derartigen Einsatz kam es jedoch nie. Jetzt haben nur noch die Touristen ihre Freude an der verschlungenen Trasse, so wie wir.“

„Was Sie alles wissen!“, staunte Celine. Freilich war Marcel ja nicht unvorbereitet, er hatte sich diese Szene im Abteil vorher bildlich eingeprägt, in allen Einzelheiten. Und genauso hatte sie sich soeben zugetragen! Das war ein Sieg der Willenskraft, frohlockte er. Ach, was würde er nicht noch alles bewirken können, nur mit seiner festen Absicht ...

Nachdem Marcel seinen Vortrag beendet hatte, blieben sie Seite an Seite am offenen Fenster stehen und ließen die Landschaft an sich vorüberziehen. Allmählich neigte sich der schöne Tag dem Ende zu. Die klaren Linien der Landschaft und das milde Sonnenlicht schufen eine besinnliche Stimmung, die ihnen beiden willkommen war. Er fragte Celine dies und das zu ihren Lebensumständen und erzählte auch einiges von sich. Endlich hatten sie Muße, etwas mehr übereinander erfahren zu können! Ihre Mentorin hatte das Abteil schon längst verlassen.

„Warum waren Sie denn vorhin so nachdenklich, am See?“

„Ich war doch nicht nachdenklich!“, lachte Celine.

„Aber ernst haben Sie geschaut.“

„Ich hatte nur ein wenig Kopfweh, das war alles! Jetzt ist es schon wieder vorbei. Sie wissen ja über manches Bescheid, aber dann machen Sie sich auch wiederum zu viele Gedanken und letztlich sind Sie doch nicht klüger ...“ Celine schaute ihn mit einer Wärme an, die ans Herz ging. Verstand sie ihn, konnte sie sich in ihn einfühlen?

„Vorsicht, gleich kommt der Tunnel, machen Sie das Fenster zu!“, rief Celine und zog den Kopf zurück. Für Marcel war es einen Augenblick zu spät, eine dunkle Rauchwolke streifte ihn noch im Gesicht. Als der Zug den Tunnel verließ und es wieder hell wurde, schaute Celine ihn an und lachte herzhaft:

„Wie ein Schornsteinfeger siehst du aus!“ Sie kramte in ihrer Tasche und holte einige Papiertaschentücher heraus. „Komm, ich wisch den Ruß gleich weg.“

Lammfromm, geduldig stand er da, während Celine die schwarzen Spuren von Wange, Stirn und Nase abtupfte. Gibt es für einen Mann eine schönere Gelegenheit, bei einer Frau schwach werden zu dürfen?

„Vielen Dank, das ist lieb von dir.“ Wie einfach war es also gewesen, vom Sie zum Du über zu wechseln! Marcel hätte ihr ein Küsschen geben mögen. Er sparte es sich auf, für den Abschied am Abend.

Die rotgrüne Dampflok fuhr wieder in ihren Bahnhof ein, tief stand die Sonne am Westhimmel. Gleich würde sie hinter dem Hügel untergehen. Marcel und Celine stiegen noch nicht aus, sie schoben das Fenster herunter und schauten zu, wie sich ein rosa Schimmer auf die sanften Abhänge der Wälder und Wiesen legte:

„Ein heiliger Moment, der Sonnenuntergang, in diesem Augenblick sollte der Mensch sich reinigen von allem, was ihn tagsüber bedrückt hat, so sagt man. Und dankbar sein für alles, ob es nun angenehm war oder nicht. Aber heute, heute gab es doch nur Schönes. Stimmst du mir zu?“ Celine nickte. Marcel seufzte unhörbar. Was hinderte ihn daran, außer die lästigen Konventionen, seine Kollegin jetzt einfach in den Arm zu nehmen, zu herzen?

„Wo bleibt ihr denn!? Im Bus warten schon alle auf euch!“ Dominiques durchdringende Stimme scheuchte sie auf. Sofort trat Celine einen Schritt zur Seite.

Die Mentorin hatte ihr den Platz im Bus freigehalten, zu seinem Leidwesen. Marcel blieb nichts übrig, als sich wieder mehrere Reihen nach ihr einzuordnen. Der Raum war erfüllt vom lebhaften Gemurmel der Kollegen, die ungeduldig ihre Eindrücke miteinander teilen wollten. Auch Celine schien ihrer Mentorin ausführlich zu berichten. Robert führte das große Wort und brachte den halben Bus zum Lachen. Doch allmählich breitete sich eine schläfrige Stimmung aus, das Licht wurde gedämpft und aus dem Lautsprecher ertönte sanfte Musik. Marcel kippte den Sitz nach hinten und schloss träumend die Augen.

Als sie an der großen Platane vor der Firma angekommen waren und es schlagartig im Bus hell wurde, erhoben sich alle von ihren Sitzen, suchten ihre Taschen und Jacken zusammen und versammelten sich draußen auf dem Vorplatz. Marcel suchte mit den Augen die einzelnen Gruppen ab, die zuerst noch unschlüssig beieinanderstanden und sich dann schließlich doch auflösten.

„Kommst du auch mit, Marcel?“, fragte ihn Robert, der einige Kollegen um sich geschart hatte. „Wir haben gerade beschlossen, noch in die Disco zu gehen.“

„Ja, vielleicht. Ich überleg es mir noch.“ Wo war Celine? Ohne sie würde er gewiss nicht mitgehen. Er ging um den Bus herum, spähte auch in Richtung der Parkplätze, fand sie aber nicht. Der leere Bus fuhr ab und mit einem Mal stand er allein. Die Gruppe um Robert war schon abgezogen.

Marcel nahm es gelassen hin und begab sich nach Hause. Vermutlich hätte er sich in der Disco ohne Celine nur gelangweilt. Aber schon am Montag würde er sie in der Firma wiedersehen können!

Er hatte etwas Mühe einzuschlafen, wie jedes Mal nach einem Betriebsausflug. Viele Eindrücke und Gespräche, nette Gesten, die beglückende, wenn auch nur vorübergehende, Vertrautheit der Firmengemeinschaft, all das war zu verarbeiten. Und gerade heute waren besonders viele Tagesperlen zu sortieren! Bis weit nach Mitternacht lag er noch wach im Bett. Dann wurde ihm bewusst, dass an diesem Tag sich etwas Bedeutsames ereignet hatte.

Eine feinere Ebene

Montags früh stürmte er geradezu in Celines Zimmer, um ihr ein eher unbedeutendes Informationsblatt zu überreichen.

„Wie geht es dir heute? War das nicht ein schöner Ausflug am Freitag? Du bist ja so schnell verschwunden am Ende ... Es ist doch schön, etwas gemeinsam mit allen Kollegen zu erleben.“

„Ja, das ist wirklich schön. Und jetzt hat uns der Alltag wieder.“ Celine biss sich ungeduldig auf die Lippen. Viele Akten lagen noch auf ihrem Schreibtisch.

„Ich sehe schon, du hast zu tun. Wollte dich nur was fragen. Wir hatten vor ein paar Wochen darüber gesprochen, uns mal für die Mittagspause zu verabreden, erinnerst du dich?“

Mit einem feinen Lächeln senkte sie den Blick:

„Aber ja, ich erinnere mich. Ich schau mal in meinen Terminkalender ... Vor meinem Urlaub geht es nicht mehr ... Und wenn ich zurück bin, bist du in Urlaub, stimmt’s?“ Celine war gut informiert! „Dann treffen wir uns doch gleich nach deinem Urlaub, an diesem Freitag hier, einverstanden?“

Wie eine helle Morgensonne stieg die Hoffnung in seinem Herzen auf. Freilich musste er noch fast fünf Wochen auf das Rendezvous mit Celine warten, aber was machte das schon aus? Fünf Wochen Vorfreude auf ein Ereignis, das unverrückbar feststand und in ihrem Terminkalender eingetragen war! Marcel verschmähte den Aufzug, eilte die Treppen im Laufschritt hinunter und ballte übermütig die Faust vor seinem Herzen, als er den Flur zu seinem Stockwerk betrat.

„Geht es dir gut?“ fragte ihn Dominique, die ihm ausgerechnet jetzt entgegenkommen musste.

„Ja!“, antwortete Marcel unverstellt. Warum sollte er seinen Zustand auch verbergen?

„Na, dann ist ja gut“, entgegnete Dominique mit jener aufreizenden Nüchternheit, in der sich die Menschen gegenseitig bestätigen, dass das Leben eines der schwersten sei.

Nein, für ihn war das Leben leicht geworden, federleicht, er schwebte gleichsam auf den Wolken seiner Zuversicht, seiner Hoffnung.

Unwillkürlich suchte er nach einem Spiegel, in dem er seine neue Befindlichkeit anschauen, bestätigen könnte. Er fand ihn wie so oft in der Musik, im Werk eines uralischen Komponisten. Dessen zweisätziges Violinkonzert hob an mit einem innigen Solo der Geige. Die drei aufwärts gerichteten Terzen, die das Hauptthema einleiteten, erschienen ihm wie Sprossen einer Leiter, die unweigerlich himmelwärts ins große Glück führen mussten. Von nun an begleitete ihn diese Melodie, vertraute Zeichen schrieb sie unsichtbar auf die Matrix seines Alltags.

Wenige Tage später, als er morgens bei seinem Frühstück saß und der neu entdeckten Musik lauschte, erschien ihm Celines Angesicht. Ihre Augen leuchteten ihn an, ihre Gesichtszüge wurden deutlicher, je mehr das Thema der Violine aufblühte, und am Gipfelpunkt des Satzes, wo die Geige furchtlos, überschwänglich die höchsten Höhen erklomm, lächelte Celine und eine tiefe Freude schien sie auf einmal zu umfangen, alle drei, Celines Antlitz, den Gesang der Violine und sein eigenes Herz.

Marcel musste das angebissene Brötchen zur Seite legen, er hielt die Hände auf sein Herz und atmete, um das selige Bild in sich zu verankern. Er spürte, wie sich etwas in ihm öffnete, eine Tür zu einer Herzenskammer, die bisher dunkel und unerleuchtet blieb. Celines Nähe war der Lichtstrahl, der in diese Dunkelheit eindrang. Etwas in ihm wollte diese Pforte wieder schließen, wollte sich bewahren, aus Scheu oder auch aus Scham, doch zu spät. Zu tief schon war das Licht in sein Herz eingedrungen.

Er ließ das Frühstück stehen, eilte hinaus zum Balkon, ins Freie, denn da war der richtige Ort, um diesen Augenblick auszukosten, auszuleben. Ohne es zu wollen, schaute er in Richtung des Turms der Stadtkirche. Dort befand sich das Büro, wo Celine jetzt wohl ankam, sie würde das Haus betreten, sich auf ihren letzten Arbeitstag vor dem Urlaub einstimmen und vielleicht, nein, ganz sicher würde sie sich an ihn erinnern, an den Kollegen, der sich getraut hatte, mit ihr ein Rendezvous zu vereinbaren!

Oder war es gerade diese ihre Erinnerung, die ihm den Lichtstrahl ins Herz sandte und eine wunderbare Verbindung zweier Seelen schuf?

Mit einiger Verspätung kam Marcel im Büro an.

„Ich dachte schon, du bist krank“, bemerkte Robert.

„Weißt du, es gibt Stimmungen, die muss man einfach auskosten. Zum Beispiel heute die jungfräuliche Reinheit des Morgens. Alle Möglichkeiten des Tages liegen in ihr beschlossen, Glanz, Fülle und Glück ...“

Robert lehnte sich schmunzelnd zurück, verschränkte die Arme hinter den Nacken und legte ein Bein über das andere. Er wusste, es stand wieder mal eine von Marcels pathetischen Szenen an, welche seine alltägliche Arbeit durchaus angenehm unterbrechen würde.

Das Gedicht, das Marcel gerade in den Sinn gekommen war, wurde vollständig von ihm rezitiert, mit ausladenden Gesten, welche die Bedeutung der Worte zu unterstreichen gedachten. Eine Stelle riss ihn derart mit, dass er einen vollen Aktenkorb vom Tisch fegte. Robert lachte.

„Ja, was ist denn hier los?“, fragte Dominique, die unversehens in der Tür stand, angelockt von dem poetischen Lärm.

„Das war nur so eine Art Morgengymnastik ...“, versetzte Marcel kleinlaut, während er noch die Schriftstücke vom Boden aufsammelte. Es war vielleicht ganz gut, dachte er insgeheim, sich albern benommen zu haben, wenn auch unbeabsichtigt. Konnte er doch damit das, was in Wirklichkeit in ihm vorging, auf wunderbare Weise tarnen!

Außerdem entdeckte er an diesem Tag eine neue Art von Freiheit. Marcel war nun nicht mehr davon abhängig, Celine wirklich zu treffen, auf dem Flur oder im Postzimmer. Hatte er nicht gerade an diesem Morgen eine Begegnung auf einer ganz anderen Ebene erlebt, einer viel feineren? Nicht einmal seine Wohnung hatte er dafür verlassen müssen!

Er war geradezu froh darüber, Celine an ihrem letzten Arbeitstag nicht mehr zu begegnen, denn so konnte er das selige Morgenbild den ganzen Tag ungestört in sich tragen und als Auftakt zu einer mehrwöchigen Entdeckungsreise nutzen, zu einer Reise in die Gefilde feinerer Empfindungen, in das Reich der geistigen Zuneigung.

Sein Alltag änderte sich nunmehr einschneidend. Stets und ständig versuchte er, sich an Celine zu erinnern, und wenn es ihm gelang, wurden seine Sinne wacher, sein Atem floss freier, seine Gedanken klärten sich und tiefe Zuversicht breitete sich in ihm aus. Dann legte er voll Dankbarkeit die Hand auf das Herz und wandte sich mit frischem Mut dem zu, was er gerade tun musste, ob er nun über knifflige Arbeiten im Büro grübelte, unaufschiebbare Telefonate führte oder des Morgens sein Frühstück zubereitete.

Marcel spürte aber auch, dass sein Innenleben einer gewissen Ordnung bedurfte. Daher nahm er die morgendlichen Yoga-Übungen, die er zwischenzeitlich vernachlässigt hatte, wieder auf und verpflichtete sich, jeden Morgen nach dem Yoga mit der Hand einen Brief an Celine zu schreiben, in möglichst schöner Schrift. Und weil die Siebzehn für ihn die Zahl der Hoffnung war, nahm er sich dafür genau siebzehn Minuten Zeit. Er schrieb das nieder, was ihm gerade einfiel. Es konnte die Beschreibung eines nächtlichen Traumes oder einer Morgenstimmung sein, gute Wünsche, die er an ihr Ferienhaus am Mittelmeer sandte, oder die Vergegenwärtigung ihrer Urlaubsfreuden. Marcel war jedes Mal erstaunt, wie viel ihm in so kurzer Zeit einfiel. Die Briefe sandte er nicht ab, bewahrte sie jedoch auf, um sie vielleicht dereinst Celine übergeben zu können, als ein wichtiges und kostbares Dokument seiner Zuneigung.