Die Falschmünzer (Zusammengefasste Ausgabe) - André Gide - E-Book

Die Falschmünzer (Zusammengefasste Ausgabe) E-Book

André Gide

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Beschreibung

Die Falschmünzer (1925) entwirft ein polyphones Geflecht um einen Pariser Jugendkreis; das Motiv der falschen Münze fungiert als Leitmetapher für Identität, Moral und gesellschaftliche Heuchelei. In radikal selbstreflexiver Anlage – Roman im Roman, Tagebuchsplitter, wechselnde Fokalisierung – demontiert Gide den allwissenden Erzähler. Édouards Schreibprojekt spiegelt die eigene Entstehung des Textes; das Ergebnis ist ein modernes Sitten- und Bildungsroman-Experiment zwischen analytischer Nüchternheit, Ironie und psychologischer Tiefenbohrung. André Gide, aus streng protestantischem Milieu, verband moralpsychologische Neugier mit formaler Kühnheit; seine Erkundungen von Sincerité, Sexualität und Freiheit prägen bereits Der Immoralist und Die Verliese des Vatikans. Als Mitbegründer der Nouvelle Revue Française suchte er eine Romanform, die Vielstimmigkeit zulässt. Das begleitende Journal der Falschmünzer protokolliert sein Programm: Absage an Dogmatik, Skepsis gegenüber Autoromniscienz, Orientierung an Dostojewskis dialogischer Spannung – ästhetische Motive, die den Roman tragen. Empfehlenswert ist Die Falschmünzer allen, die moderne Erzählexperimente, psychologische Genauigkeit und gesellschaftliche Diagnose schätzen. Der Roman verlangt aufmerksames Lesen, belohnt jedoch mit intellektueller Klarheit, erzählerischer Beweglichkeit und exemplarischer Einsicht in die Krise der Authentizität – ein Schlüsseltext der europäischen Moderne. Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Autorenbiografie · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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André Gide

Die Falschmünzer (Zusammengefasste Ausgabe)

Bereicherte Ausgabe. Ein Täuschungsnarrativ in Mehrfachperspektive: Identitätssuche, Moralphilosophie, Gesellschaftskritik, Existentialismus und Symbolik
Einführung, Studien, Kommentare und Zusammenfassung von Mila Hartmann
Bearbeitet und veröffentlicht von Quickie Classics, 2026
EAN 8596547887317
Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Autorenbiografie · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Falschmünzer
Analyse
Reflexion
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Zentrum dieses Romans steht die schillernde Spannung zwischen Echtheit und Täuschung, zwischen dem Bedürfnis, sich selbst treu zu bleiben, und dem verführerischen Spiel mit Rollen, Masken und Nachahmungen, das nicht nur Münzen, sondern auch Gefühle, Ideen und Lebensentwürfe betrifft, und das die Figuren in eine Prüfungslandschaft aus moralischen Entscheidungen, sozialen Erwartungen und künstlerischen Experimenten führt, in der jede Gewissheit auf ihre Tragfähigkeit getestet wird und das scheinbar Echte sich als bearbeitet, das vermeintlich Falsche als aufschlussreich erweist, sodass Wahrheit weniger gefunden als gemacht und fortwährend ausgehandelt erscheint und auch für die Lesenden selbst.

Die Falschmünzer von André Gide, 1925 erstmals veröffentlicht, gilt als moderner Roman, der die Spielräume der Gattung nutzt und erweitert. Das Geschehen ist vorwiegend in Paris verankert, mit Blicken in bürgerliche Wohnungen, Schulhöfe und Salons, also in Milieus, in denen soziale Regeln und Erwartungen besonders sichtbar werden. Der Publikationszeitpunkt im Europa der Zwischenkriegsjahre liefert einen Resonanzraum für Fragen nach Stabilität und Wandel, ohne dass das Werk an eine historische Fallstudie gebunden wäre. Stattdessen interessiert es sich für die Mechanismen, mit denen Menschen Identität erzeugen, Anerkennung aushandeln und moralische Orientierung gewinnen oder verlieren und wie Kunst diese Prozesse spiegelt.

Am Anfang stehen mehrere junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein, beengt von familiären Pflichten und angezogen von Versprechen der Freiheit. Ein Schriftsteller beobachtet diese Kreise, sammelt Eindrücke und Figuren, während in einer Schülerwelt die Kunde von falschen Münzen kursiert und kleinere Verstörungen in größere Verwerfungen zu kippen drohen. Briefe, Notate und Gespräche lassen Beziehungen sichtbar werden, deren Regeln unsicher sind. Die Handlung entfaltet sich nicht entlang einer einzigen Linie, sondern in Verschränkungen, die das zufällige Nebeneinander des Lebens einfangen und in Bewegung setzen, ohne die Spannung auf spektakuläre Enthüllungen oder Endgültigkeiten zu verlagern.

Das Leseerlebnis ist von einer vielstimmigen, präzise komponierten Erzählweise geprägt. Perspektiven wechseln, Episoden spiegeln einander, und dokumentarisch anmutende Formen stehen neben reflektierenden Passagen, wodurch eine dichte Struktur entsteht, die dennoch beweglich bleibt. Der Ton ist zugleich luzide und tastend, mit feiner Ironie, die nie zur Karikatur wird, und einer Ethik der Aufmerksamkeit, die auch randständigen Momenten Gewicht gibt. Anstatt Wahrheiten zu verkünden, stellt der Text Versuchsanordnungen bereit, lädt zu Urteilen ein und hält sie doch in der Schwebe. So entsteht eine Spannung zwischen analytischer Klarheit und der Anerkennung von Ambivalenzen.

Zentral ist das Thema der Authentizität: Was bedeutet es, echt zu handeln, wenn soziale Rollen, Begehren und Ideale stets mit fremden Modellen verwoben sind? Das Motiv der Fälschung fungiert dabei als produktive Metapher, die ökonomische, emotionale und künstlerische Bereiche verbindet. Ebenso wichtig sind Fragen der Bildung und Selbstwerdung, der Loyalität in Freundschaft und Familie, sowie der Verantwortung des Künstlers gegenüber seinem Stoff. Das Buch interessiert sich für die Grauzonen des Gewissens, in denen Versuchung und Integrität nicht als Gegensätze erscheinen, sondern als Kräfte, die einander prüfen und formen und so ethische Entscheidungen als fortlaufenden Prozess begreifbar machen.

Für heutige Leserinnen und Leser bewahrt das Buch seine Dringlichkeit, weil es Mechanismen der Konstruktion von Wirklichkeit freilegt, die in Zeiten beschleunigter Kommunikation, performativer Selbstdarstellung und zirkulierender Gerüchte besonders präsent sind. Es zeigt, wie Gemeinschaften Anerkennung verteilen, wie Normen stabilisiert oder unterlaufen werden und wie fragile Wahrheiten entstehen. Zugleich spricht es die Unsicherheit des Erwachsenwerdens an, die Suche nach Zugehörigkeit und den Wunsch, ein eigenes Maß zu finden. Damit bietet der Roman kein Rezept, aber ein Sensorium: Er schärft Wahrnehmung für Zwischentöne und stärkt die Urteilskraft ohne den Trost einfacher Lösungen.

Die Falschmünzer erweisen sich so als Wegmarke eines erzählerischen Denkens, das Form als Experiment und Moral als Bewegung begreift. Wer sich auf die Vielstimmigkeit einlässt, erlebt einen Roman, der nicht nur erzählt, sondern prüft, vergleicht und befragt, und der dadurch eine bemerkenswerte Frische bewahrt. Er lädt zum wiederholten Lesen ein, weil seine Spiegelungen neue Fügungen entstehen lassen, sobald man die Perspektiven verschiebt. Gegenwärtig bleibt er, weil er Wahrheit nicht fixiert, sondern als gemeinsame Arbeit ausweist – eine Aufgabe, die im privaten wie im öffentlichen Leben nichts an Bedeutung verloren hat.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Falschmünzer von André Gide, erstmals 1925 erschienen, ist ein vielstimmiger Roman, der das Werden junger Menschen in Paris mit einer Reflexion über die Kunst des Erzählens verbindet. In ineinander greifenden Handlungssträngen begleitet der Text Schüler, Familien und Schriftstellerfiguren, die nach moralischer Orientierung und persönlicher Wahrheit suchen. Tagebuchauszüge, Briefe und Perspektivwechsel erzeugen ein polyphones Gewebe, in dem Wirklichkeit und literarisches Projekt sich spiegeln. Der Titel verweist zugleich auf eine konkrete Affäre um gefälschte Münzen und auf die Frage, was im Leben wie in der Kunst wahrhaftig oder bloß nachgeahmt ist. So entfaltet sich ein moderner Bildungsroman mit meta-literarischem Kern.

Zu Beginn steht ein Schock: Der Gymnasiast Bernard entdeckt zufällig einen Brief, aus dem hervorgeht, dass sein rechtlicher Vater nicht sein leiblicher ist. Er erlebt seine Herkunft als Lüge und bricht aus dem Elternhaus aus, entschlossen, sein Leben eigenständig zu formen. Der Entschluss ist der erste große Wendepunkt: Freiheit wirkt als Verheißung und als Risiko. Bernards Aufbruch führt ihn in Milieus jenseits der bürgerlichen Ordnung, wo er zwischen Stolz, Verletzung und Neugier schwankt. Seine Freundschaft zu Olivier, einem begabten, empfindsamen Mitschüler, wird auf die Probe gestellt, da beide jungen Männer ihre Bindungen und Loyalitäten neu verhandeln müssen.

Mit Bernard tritt der Schriftsteller Édouard ins Blickfeld, eine Schlüsselfigur, die an einem Roman arbeitet, der bezeichnenderweise denselben Titel trägt wie das Buch, das wir lesen. Édouard sammelt Notizen über Jugend, Versuchung und Fälschung, sucht nach einer Form, die der inneren Wahrheit näherkommt als bloßes Abbild der Außenwelt. In seiner Nähe entdeckt Bernard eine intellektuelle, zugleich fordernde Freiheit. Der Gedanke, dass das Leben den Roman speist und der Roman das Leben modelliert, wird zum Leitmotiv. Édouard verfolgt die Idee, moralische Maskeraden bloßzulegen, ohne vorschnell zu richten, und lotet die Grenze zwischen Authentizität und Rollenspiel aus.

Parallel dazu entfaltet sich im Schülerkreis eine Kette kleiner Täuschungen, die auf eine größere, gefährlichere Falschmünzerei verweist. Eine zunächst harmlose Münze gibt den Anstoß; bald kursieren Gerüchte über ein Netz von Erwachsenen, die die Neugier der Jugendlichen ausnutzen. Der jüngere Georges, Teil des Molinier-Haushalts, gerät in zweifelhafte Gesellschaft, während ein sensibler Junge wie Boris zum Spielball pubertärer Grausamkeit wird. An den Rändern dieser Episoden zeichnen sich soziale Brüche ab: zwischen Schule und Straße, Spiel und Schuld. Die Affäre gewinnt an Schwerkraft, je deutlicher wird, dass ökonomische und moralische Fälschungen einander spiegeln.

Olivier, Bernards Freund, steht zwischen künstlerischem Erwachen und Abhängigkeit. Er fühlt sich zu Édouards geistiger Redlichkeit hingezogen, gerät aber zugleich unter den Einfluss des mondänen Literaten Robert de Passavant. Dessen Kreis lockt mit Anerkennung, doch die Beziehungen sind von Rivalität, Eitelkeit und subtiler Manipulation geprägt. Olivier schwankt zwischen aufrichtiger Suche und der Versuchung, sich einem glamourösen, aber berechnenden Mentor zu fügen. Diese Konstellation schärft den Konflikt um das, was echte Bildung ist: ein freies Sich-Finden oder das Sich-Fügen in vorgefertigte Rollen. Kunst und Karriere erscheinen als Wege, die sich selten ohne Preis kreuzen.

Bernard nimmt zeitweise eine Stelle an Édouards Seite an und erlebt, wie ein Roman aus Notaten, Beobachtungen und Gewissenskonflikten wächst. Die Arbeit macht seine eigenen Widersprüche sichtbar: der Wunsch, autonom zu leben, und das Bedürfnis, anerkannt zu werden. Édouards Projekt, Unaufrichtigkeiten schonungslos zu zeigen, verlangt von seinen Figuren – und von Bernard – mehr Wahrhaftigkeit, als bequem wäre. Währenddessen kristallisiert sich der Gegensatz zu Passavants Ästhetik heraus: hier das Ringen um innere Notwendigkeit, dort das kalkulierte Arrangement von Effekten. Aus dieser Spannung erwächst eine stille, doch folgenreiche Rivalität um Einfluss auf Oliviers Zukunft.

Im Hause der Moliniers spitzen sich familiäre Spannungen zu. Missverständnisse, unausgesprochene Erwartungen und gesellschaftliche Rücksichten prägen das Miteinander. Georges’ Verstrickung in die Falschmünzerei droht, einen öffentlichen Skandal nach sich zu ziehen. Eine schulische Untersuchung setzt ein, bei der Loyalitäten auf dem Prüfstand stehen. Die Erwachsenen schwanken zwischen strenger Zucht und hilfloser Nachsicht, während die Jugendlichen testen, wie weit sie gehen können. Immer deutlicher wird, dass Fälschung nicht nur ein Delikt ist, sondern ein Symptom: Rollen werden gespielt, Gefühle getarnt, Beziehungen taktisch verwaltet. Das moralische Koordinatensystem verschiebt sich, ohne einfache Auswege zu bieten.

Eine Reise weg von Paris verlagert die Handlung und öffnet einen Raum der Selbstprüfung. In einer Umgebung, die Distanz schafft, konzentriert sich Édouard stärker auf sein Notizbuch; Leben und Entwurf überlagern sich. Begegnungen mit alten und neuen Bekannten verknüpfen die privaten Krisen mit der allgemeinen Frage, wie man ein wahrhaftiges Dasein führt. Unter den Jugendlichen verdichten sich Mutproben und harmlose Streiche zu gefährlichen Spielen. Was als Experiment der Freiheit begann, berührt Grenzen, die nicht ohne Folgen überschritten werden können. Diese Passagen schärfen die Einsicht, dass Reife nicht bloß Erkenntnis, sondern Verantwortung verlangt.

Gegen Ende kreuzen sich die Handlungsfäden: die Affäre um die falschen Münzen, die künstlerische Konkurrenz, die familiären Loyalitäten und die Prüfungen der Freundschaft. Ein Ereignis im Umfeld der Jugendlichen markiert eine ernste Zäsur, deren Tragweite die Beteiligten zu Stellungnahmen zwingt. Entscheidungen fallen, doch der Roman verweigert einfache Erklärungen oder endgültige Urteile. Statt Auflösung um jeden Preis liefert er eine Einsicht: Wahrhaftigkeit ist weniger Zustand als Praxis. In diesem Sinne bleibt Die Falschmünzer ein nachhaltiger Kommentar über Authentizität, Freiheit und Verantwortung – und über die Versuchung, sich selbst und anderen eine bequeme, aber falsche Münze zu geben.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Falschmünzer erschien 1925 in Paris bei den Éditions de la Nouvelle Revue Française (später Gallimard). André Gide, Mitbegründer der NRF (1908), publizierte den Roman im Frankreich der Dritten Republik, in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Handlung und Milieus sind vor allem in Paris und französischen Provinzstädten verankert, geprägt von bürgerlichen Haushalten, Lycées und Internaten, literarischen Salons sowie der Verlags- und Pressewelt. Institutionell rahmen die laizistische Schule (seit den Jules-Ferry-Gesetzen), die katholische Kirche im gesellschaftlichen Leben, Justiz und Polizei sowie die Banque de France den Hintergrund. Diese Zeit markiert eine Hochphase urbaner Modernität und politischer Stabilität bei zugleich spürbaren Spannungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) stand Frankreich vor tiefen sozialen und ökonomischen Umbrüchen. Millionen Gefallene und Verwundete sowie eine „verlorene Generation“ prägten Städte und Schulen. Die Kriegsfinanzierung hatte zu einer starken Ausweitung des Papiergelds geführt; der Franc verlor in den frühen 1920er Jahren deutlich an Wert und wurde erst 1926/1928 unter Raymond Poincaré stabilisiert. In dieser Übergangsphase nahmen Debatten über Kriminalität, Jugendverwahrlosung und Betrugsdelikte zu; die Polizei bekämpfte organisierte Fälscherringe ebenso wie Kleindelikte. Dieser Kontext des Misstrauens gegenüber materieller und moralischer „Echtheit“ bildet den realhistorischen Resonanzraum, vor dem Gides Romangesellschaft gezeichnet ist.

Die Schul- und Jugenderziehung der Dritten Republik beruhte auf der kostenlosen, obligatorischen und laizistischen Grundbildung (Gesetze von 1881/1882) und den staatlichen lycées; daneben bestanden kirchliche und private Internate. Pädagogische Debatten konzentrierten sich auf Disziplin, Moralunterricht und die Verantwortung der Familie. Nach dem Code civil übten Eltern – vor allem der Vater – bis zur Volljährigkeit umfassende Autorität aus. Zugleich änderten Gesetze den Rahmen des Kindschaftsrechts, etwa das Adoptionsgesetz von 1923, das eine rechtlich geregelte, einfache Adoption einführte. Fragen nach Vormundschaft, Legitimität und der Stellung unehelicher Kinder standen öffentlich zur Diskussion und spiegeln sich in literarischen Figurenkonstellationen jener Jahre.

Die 1920er Jahre waren in Frankreich eine Phase literarischer Erneuerung. Prousts À la recherche du temps perdu erschien zwischen 1913 und 1927; Joyces Ulysses (1922) und Woolfs Romane zirkulierten im intellektuellen Paris. Dada und der Surrealismus (erstes Manifest 1924) forderten Konventionen heraus. Gide stand mit der Nouvelle Revue Française im Zentrum dieser Debatten; sein Fehlurteil über Prousts frühe Einreichung gestand er öffentlich ein und prägte damit die Verlagskultur. Die Falschmünzer verbindet Mehrstimmigkeit, Tagebuch- und Briefformen sowie einen Roman-im-Roman und eine Erzählerreflexion über das Romanschreiben, wodurch sich das Werk in die moderne Suche nach neuen Erzählweisen einreiht.

Zeitgleich verschoben sich Diskurse über Sexualität und Moral. In Frankreich war homosexuelles Verhalten seit 1791 nicht strafbar, blieb jedoch sozial stigmatisiert und konnte über Sittlichkeitsnormen sanktioniert werden. 1920 verschärfte ein Gesetz das Verbot von Abtreibung und Werbung für Empfängnisverhütung und festigte eine öffentliche Moralpolitik. Gide veröffentlichte 1924 Corydon, eine Apologie der Homosexualität, die heftige Kontroversen auslöste. In diesem Umfeld gewann die literarische Darstellung von Begehren, Doppelleben und bürgerlicher Heuchelei besondere Brisanz. Der Roman bewegt sich somit in einem Feld, in dem Privatsphäre, Erziehung und gesellschaftliche Konventionen öffentlich intensiv verhandelt wurden.

Parallel etablierte sich in Frankreich die Psychoanalyse und eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Jugend und Abweichung. Freuds Schriften kursierten in Übersetzungen und Fachdebatten; 1926 wurde in Paris die Société psychanalytique de Paris gegründet. Pädagogen, Ärzte und Juristen diskutierten Delinquenz, Pubertät, Traum und „Charakterbildung“ mit neuen Begriffen. Gleichzeitig entstand eine Jugendarbeit mit Vereinen und Pfadfinderbewegungen, die auf Selbstverantwortung und Gruppenrituale setzte (die Éclaireurs de France existierten seit 1911). Die Aufmerksamkeit für innere Konflikte, Beeinflussbarkeit und Gruppendruck liefert einen zeitgenössischen Bezugsrahmen für die literarische Darstellung von Schülercliquen, Versuchungen und moralischen Entscheidungen und Verantwortlichkeit.

Die Pariser Verlagslandschaft der 1920er wurde von Häusern wie Gallimard (Éditions de la NRF), Grasset und Albin Michel geprägt. Literaturkritik erschien in einflussreichen Zeitschriften und Tageszeitungen; Debatten über den „Roman der Ideen“, Autobiografie und dokumentarische Verfahren begleiteten neue Bücher. Seit der Dreyfus-Affäre war die Figur des engagierten Intellektuellen in Frankreich etabliert; Schriftsteller verstanden sich als öffentliche Stimmen in moralischen Fragen. Gides Roman erschien in diesem Umfeld, wurde breit rezensiert und durch sein 1926 publiziertes Journal des Faux-Monnayeurs von einem Reflexionsdokument über Entstehung und Poetik begleitet. Dadurch war die Werkdebatte zugleich eine Diskussion über Verfahren und Wahrheitsansprüche des Romans.

Die Falschmünzer steht dadurch zeitgeschichtlich als Roman, der seine Epoche registriert: wirtschaftliche Verunsicherung, die Suche nach verlässlichen Autoritäten, jugendliche Emanzipation, der Streit um Moral und die Erprobung neuer Erzählweisen. Die leitende Metapher der Fälschung verbindet materielle und symbolische Ebenen und verweist auf Fragen von Authentizität, Erziehung und sozialer Rolle, die die 1920er in Frankreich beschäftigten. Als formal experimentelles Werk aus dem Zentrum der Pariser Moderne fungiert der Roman zugleich als Kommentar zur öffentlichen Kultur der Dritten Republik, indem er ihren Institutionen, Diskursen und Selbstbildern eine vielstimmige, kritisch beobachtende Bühne gibt, ohne an konkrete Zeitreportage gebunden zu sein.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

André Gide (1869–1951) gilt als eine der prägenden Stimmen der französischen Moderne. Sein Werk verbindet die Sensibilität des Fin de Siècle mit einer experimentierfreudigen Prosa, die innere Freiheit, moralische Verantwortung und die Tücken der Selbstprüfung auslotet. Als Mitbegründer der Nouvelle Revue Française half er, literarische Debatten im frühen 20. Jahrhundert zu bündeln und neue Autorinnen und Autoren zu fördern. 1947 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, der sein internationales Ansehen bestätigte. Gides Schriften reichen von Romanen und Erzählungen über Essays, Reiseberichte und Tagebücher bis hin zu autobiografischen Texten, die seine intellektuelle Entwicklung transparent machen.

Seine Ausbildung fiel in eine Epoche, in der klassische Bildungsideale und neue ästhetische Programme aufeinandertrafen. Frühe Lektüren und Pariser Salons führten ihn zu symbolistischen Schreibweisen, deren suggestive Bildsprache und musikalische Rhythmen er zunächst aufnahm, später jedoch bewusst überschritt. Zugleich orientierte er sich an der Tradition der französischen Moralisten und der introspektiven Essaykunst, die ihm eine präzise, prüfende Stimme verlieh. Aus dieser Spannung zwischen Formstrenge und Freiheitsdrang entwickelte Gide sein charakteristisches Verfahren: literarische Konflikte nicht zu lösen, sondern offenzuhalten. Die daraus resultierende Offenheit prägte seine Haltung gegenüber Autorität, Konvention und den Grenzen des Erzählbaren.

Aus den 1890er-Jahren stammen erste Erzählungen; mit Les Nourritures terrestres (1897) formulierte Gide eine poetische Lehrschrift der Befreiung, die Leserinnen und Leser zur Selbstentdeckung anstachelt. Mit L’Immoraliste (1902) und La Porte étroite (1909) schärfte er sein Profil als Romancier, der moralische Gewissheiten in Versuchsanordnungen überführt. Die Figuren geraten in Spannungen zwischen asketischer Tugend, Begehren und gesellschaftlicher Erwartung, ohne eindeutige Lösungen zu bieten. Die Rezeption schwankte zunächst zwischen Befremden und Bewunderung, doch die Originalität des Tons, die Präzision der Beobachtung und die Klarheit der Prosa machten Gide früh zu einer Referenz des modernen französischen Romans.