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"Die Fessel" von Colette ist ein eindringliches Werk, das das komplexe Geflecht von Beziehungen und Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts untersucht. In ihrem prägnanten und psychologisch feinfühligen Stil gewährt Colette einen unverstellten Einblick in die Seelenwelt ihrer Figuren. Ihre Erzählweise zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Klarheit und emotionale Tiefe aus, die es dem Leser ermöglicht, sowohl die subtilen Spannungen als auch die leidenschaftlichen Ausbrüche der Protagonisten zu erfahren. Das Buch reflektiert auf eindrucksvolle Weise die gesellschaftlichen Normen und individuellen Kämpfe jener Zeit, indem es die Fesseln der Konventionen gegenüber den Bestrebungen persönlicher Freiheit gegenüberstellt. Colette, geboren 1873 in Frankreich, war eine bedeutende Schriftstellerin, die für ihre unerschrockene Darstellung weiblicher Identität und Selbstbestimmung bekannt war. Ihre eigene Biografie, die von zahlreichen Beziehungen und Ehen geprägt war, spiegelt sich oft in ihren literarischen Arbeiten wider. Die turbulente Phase ihres Lebens, in der sie sich von gesellschaftlichen Erwartungen befreite und ihre Schreiberstimme entwickelte, beeinflusste maßgeblich die Themen, die in "Die Fessel" behandelt werden. Colettes Fähigkeit, ihre eigenen Erfahrungen und die der Frauen ihrer Zeit mit solcher Authentizität zu beschreiben, verleiht ihrem Werk eine unverkennbare Authentizität. "Die Fessel" ist ein bemerkenswerter Roman, der nicht nur literarisch überzeugt, sondern auch zum Nachdenken anregt. Die präzise Charakterisierung und die soziale Relevanz des Buches machen es zu einem unverzichtbaren Werk für Liebhaber tiefgründiger Literatur, die über zeitlose menschliche Dilemmas reflektiert. Colettes meisterhafte Fähigkeit, komplexe Fragestellungen der Freiheit und des gesellschaftlichen Drucks literarisch darzustellen, qualifiziert dieses Werk als eine lohnende Lektüre für alle, die sich mit den intricaten Verflechtungen menschlicher Beziehungen auseinandersetzen möchten.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Das wenige, was eine Frau von sich selbst wahrnehmen kann – der ruhige Lichtkreis der Lampe, die jeden Abend auf demselben Tische steht, wird es ihr kaum zeigen. Doch wenn ich schon Tisch und Lampe und Zimmer wechsle, was habe ich davon? Den Verdacht und bald die Gewißheit, daß alle Länder einander gleichen, wenn man nicht das Geheimnis herausfindet, sie zu erneuern, indem man sich selbst erneuert. Die Zeit ist vorüber, da ich mich auf meine unerschütterliche Vernunft verließ. Die unerschütterliche Vernunft einer Frau … Ebensogut könnte man von den unerschütterlichen Grundlagen eines japanischen Hauses mit Papierwänden sprechen! Keine Rede von unerschütterlich oder vernünftig! Ich bin erregt, ich bebe, weil ich vor wenigen Minuten auf der Promenade des Anglais eine belanglose Begegnung hatte.
Eine selbstverständliche Begegnung, zu der es einmal kommen mußte. Ein Wunder, daß es nicht schon längst dazu gekommen ist. Da unten ist eben, ohne mich zu sehen, der Mann an mir vorübergegangen, der mir seinen Namen, seine Liebe und den Schutz seines treuen Herzens hatte schenken wollen. An der einen Seite hatte er eine junge Frau, an der anderen ein winziges, rundliches Kind, das noch kaum gehen konnte. Er sah mich nicht, denn er schenkte seine ganze Aufmerksamkeit, seine rührende, feierliche und ein wenig alberne Aufmerksamkeit dem stolpernden Kinde. Der «dumme Junge«! Er ist ganz nahe an mir vorübergegangen, ich habe seine langen borstigen Wimpern sehen können und seine Krawatte, die stets so fest geknüpft ist, als müßte sie ein ganzes Leben lang halten. Er sah so sehr wie er selbst aus, daß ich nahe daran war, wie seinerzeit die Hand auszustrecken, um die Krawatte etwas zu lockern und das Taschentuch, das viel zu weit aus der Brusttasche herausquoll, tiefer hineinzustopfen. Ich erschrecke bei dem Gedanken, daß ich diese Bewegung wirklich hätte machen können. Er fühlte meine Anwesenheit so wenig, erriet sie so wenig, daß mir zumute war, als sei ich aus der Zahl der Lebenden ausgeschieden, sei ein Luftgespenst, durch das er hindurchgehen werde. Sonderbar, ich dachte nicht daran, seine Frau oder sein Kind anzusehen. Alle drei setzten ihren Spaziergang längs des Meeres fort.
Ich zitterte weder vor Liebe noch vor Kummer. Weshalb mischte sich dann Bedauern in meine Erregung? Ich weiß es nicht. Der plötzliche Schreck, der mich durchzuckte, brachte mir eine Schwäche weit besser zu Bewußtsein als die krankhafte Träumerei, in der ich mir alltäglich einzureden versuche, ich sei sehr weise. Träumerei oder besser Grübelei … Grübelei ist niemals weise. Gewohnheitsmäßige Grübelei hat stets etwas von Wahnsinn an sich. Sie grenzt an die Krise, an die beabsichtigte schmerzliche oder freudige Ekstase.
Da bin ich ja glücklich daran, zu verallgemeinern. Recht weiblich. Um so besser! Es gibt Stunden, da ich mir in meiner Weibchenhaftigkeit gut gefalle. Es ist, als ob ich feststellen wollte, daß ich noch etwas tauge – in bezug auf die Liebe nämlich.
Wäre es mir recht gewesen, wenn er mich gesehen hätte? … Nein, daran liegt mir nichts. Ich sage mir mit einigem Unbehagen seinen schwerfälligen Namen vor: Maxime Dufferein-Chautel … Ich weiß bestimmt, daß ich ihn nicht liebe. Immerhin, dieser Mann verkörpert die Liebe in meinem Leben, das Abenteuer, ja selbst die Wollust. Das ist es ohne Zweifel, was mich zittern macht, einen unbestimmten Aufruhr in mir verursacht. Jener Mund, jene Hände, der große warme Körper, all das war vor drei Jahren recht nahe daran, mir einen Liebhaber abzugeben … Wenn er allein gewesen wäre, jetzt eben, und mit mir gesprochen hätte, würde ich Max oder Liebster oder einfach Sie zu ihm gesagt haben? Er hatte seine verheiratetste Miene aufgesetzt, aber das ist eine Miene, die er, wenn ich mich so ausdrücken darf, von Geburt aus hat. Er zeigte seine Frau und sein Kind so stolz, als ob sie köstliche Ware wären, eben an der Place Masséna erstanden …
Versuchen wir, aufrichtig zu sein. Ich bin zwar nicht geflohen, aber ich habe mich in eine Unbeweglichkeit versteckt, die allein mich seinen Augen verbergen konnte; – der Hase, den man überrascht, duckt sich zu Boden und weiß wohl, daß er die Farbe der Ackerfurche hat … Die geringste Bewegung meiner Hand im weißen Handschuh auf meinem dunklen Kleide hätte seine Blicke auf mich gelenkt. Ich habe alles vermieden, selbst ein plötzliches Kehrtmachen, das ihm mein Parfüm – ich benütze immer dasselbe – hätte zutragen können … Ich wollte nicht, nein, ich wollte nicht gesehen werden. Ich errötete wie eine Frau, die man in Lockenwicklern überrascht. Er sah auch so reich an neuen Sachen aus, ein ganz frisches Kind, eine Frau in Pelz und Federn, ein Spazierstock, den ich nicht kenne; ich hingegen … Er demütigte mich durch die Miene eines Menschen, der sein Glück gemacht hat. Ich hatte ihm nichts Neues zu zeigen als ein Straßenkleid, einen hübschen Hut und eine etwas veränderte Frisur. Vielleicht hätte er mit enttäuschter Miene an mir und rings um mich nach etwas Neuem gesucht: »Ist das alles? …«
Ich fühlte, ja, ich fühlte die bittere Scham der Armen. Er kann dieses Jahr nicht einmal auf Nizzas Mauern die großen orangefarbigen und schwarzen Plakate gesehen haben, die das Gastspiel Renée Nérés ankündigten – denn Renée Néré macht keine Tournees mehr. Ich bin eine Rentnerin geworden; das hätte ich ihm mitteilen können, wenn er mich nach Neuigkeiten gefragt hätte. Eine Rentnerin, nicht reich und nicht arm, nicht jung, aber auch nicht alt, nicht glücklich, aber auch nicht traurig … Es fällt mir eine köstliche Betrachtung Bragues ein:
»Man kann nie verbergen, was man ist. Ich zum Beispiel sehe, wenn ich noch so gut angezogen bin, doch immer wie ein … wie ein … na, wie ein großer Künstler aus. Du aber, du siehst nicht wie eine große Künstlerin aus, auch nicht wie eine kleine. Auch nicht wie eine Dame und nicht wie eine Kokotte. Du siehst so aus, als ob du immer deine Pfoten einzögest, weil die Welt dich anwidert; aber das sagt einem nichts. Kurz, du bist im Leben wie jene Kundinnen in einem Laden, die nicht recht wissen, was sie kaufen sollen, und die die Verkäufer gern hinausschmissen, während sie höflich sagen: ›Meine Gnädigste, Sie werden sich entschließen müssen.‹ Recht zuwidere Kundinnen sind das, weißt du.«
Er lachte, und ich spielte die Empörte, um ihm Freude zu machen …
Es regnet, am Abend eines wolkenlosen Tages. Die Promenade glänzt vor Nässe, und das Rauschen des Regengusses auf den Palmen und dem Pflaster übertönt das rhythmische Murmeln des Meeres. Wo ist das Paar, das um drei Uhr an dem Hotel vorüberging, fürsorglich über das weißgekleidete Kindchen gebeugt? Ich glaube nicht, daß sie hier wohnen. Ich stelle mir vielmehr vor, daß sie sich in der Umgebung von Cannes in einer Villa inmitten eines Gartens eingemietet haben, wie es sich für brave reiche Bürger, die sie sind, ziemt. Sie sind gewiß in einem geschlossenen Wagen, das Baby auf den Knien, nach Nizza herübergekommen, um hier Tee zu trinken … Er muß sich bald verheiratet haben, da sein Kind schon laufen kann – er, mein Freund, fast mein Geliebter. Er muß nicht lange über den Brief geweint haben, den ich ihm an einem kühlen grauen Frühlingsmorgen hinterließ: »Max, mein Liebster, ich gehe …« Ich sehe wohl, es ist mir bestimmt, daß ich heute abend an nichts anderes mehr denken werde. Aber das macht ja weiter nichts.
Ich habe seine Frau zwar nicht betrachtet, sehe aber nun die Gruppe deutlich vor mir. Eine junge Frau – eine von jenen, die man hübsch findet, wenn man sie näher kennt. Sie schritt, wie mir scheint, zerstreut dahin, mit einer gelassenen, ein wenig tierischen Miene der Unverantwortlichkeit: »Fragen Sie meinen Mann …« Und der Mann antwortet, wie ich wetten könnte, auf alles, auf die Fragen der Gouvernante des Babys, auf die des Chauffeurs, der auf Befehle wartet; jeden Montag öffnet seine große braune Hand das Buch der Wäscherin; er verhandelt mit der Köchin … Vielleicht hat er Tage, an denen er sich meiner erinnert, und dann bestellt er »Schweinskotelett in Sauce mit sehr viel Essig« … Es ist möglich, daß seine junge Frau ihn Max nennt, mit einer Stimme, die ihm vertraut dünkt; und wenn er sie zum Lachen bringt, zuckt sie vielleicht die Achseln und nennt ihn einen »dummen Jungen«. Dann lehnt er wohl den Kopf an sie und schließt die Augen, um ein wenig Rührung vor ihr zu verbergen, die schäbige Lüge nicht merken zu lassen, die heimliche Freude, die sie alle daran haben, uns gerade in dem Augenblick zu betrügen, da sie uns am innigsten umarmen …
Und so treibt es mich weiter … Ich errate, ich erfinde. Mit Hilfe meiner Erinnerungen male ich mir das neue Eheleben meines einstigen Liebhabers aus. Ich setze die hämische Bosheit einer verlassenen Geliebten daran, obwohl in Wirklichkeit ich es war, die … Und noch schlimmer, ich lasse meiner erotischen Phanthasie freien Lauf, der bunten erotischen Phantasie keuscher Leute, die noch dazu von einem, ach, sehr genauen Gedächtnis unterstützt wird … Ich stelle – und mit welchem Recht? – zwischen Max und seine Frau das Gespenst einer unvergessenen, unvergeßlichen Renée Néré … Unvergeßlich? Nein, aber ich frage mich: bin ich in dieser Stunde besser als die kaltherzige schöne Pute, die Villepreux, die Sängerin, die bei jedem Männernamen, der vor ihr ausgesprochen wurde, seufzte: »Der Unglückliche! … Er ist ganz wahnsinnig in mich verliebt … er hätte sich fast umgebracht … er ist ins Ausland gegangen …« Die Villepreux, die andauernd an ihrem Aberwitz festhält, genießt wenigstens das Glück jener, die, in eine Zelle eingesperrt, sich für Jesus Christus oder Napoleon halten …
Der Regen wird immer heftiger. Ich werde mein Zimmer nicht mehr verlassen. Die Plakate des »Eldorado« tragen zwar heute abend den Namen einer ehemaligen Music-Hall-Kollegin; ich hatte die Absicht, sie in ihrer Garderobe zu begrüßen, sie zu überraschen … Ich werde nicht hingehen. Das Licht des nächsten Leuchtturms huscht wie ein feiner silberner Pinsel über das verregnete Meer … Ich habe mir die Haare gelöst, während ich hinaussah, und anstatt sie für die Nacht offen zu lassen, habe ich sie unwillkürlich so zurechtgemacht, wie ich sie vor drei Jahren trug, in Locken über den Ohren und am Nacken eingerollt, eine Pagenfrisur … Bin ich gealtert? Ja, nein, ja und nein. Irgend etwas in der Farbe des Gesichts, im Fleisch der Wangen erinnert an die vornehme Trockenheit jener Frauen, die zur Keuschheit verdammt sind. Ich kann diese schwere und tiefsitzende Frisur nicht mehr leiden. Und nun zeige ich »neue Stellen«, die früher nur selten dem Tageslicht ausgesetzt waren: die Ohren, die Schläfen, die Stirn, den Nacken. Ich kann mich aber noch nicht dazu entschließen, ein stark dekolletiertes oder ärmelloses Kleid zu tragen, wenn ich, wie Brague sagt, »in Zivil bin«. Die Haut der Beine und der Arme, die Rundung des Busens, das zeigt man wohl auf der Bühne, mit klebriger Schminke und Puder bedeckt; kühl wird es von fernher dargeboten, Händen und Lippen unerreichbar – es ist nichts weiter als ein etwas anziehenderer Teil des Kostüms … Ich habe bei zahlreichen Kolleginnen vom Theater oder von der Music-Hall diese sonderbare, durch den Beruf bewirkte Verschiebung des Schamgefühls feststellen können: vertrauenvoll erscheinen sie nackt im Rampenlicht, in der Stadt jedoch hüllen sie sich in strenge Taffetseide und tragen undurchsichtige Spitzen und Einsätze. Obwohl ich die Bühne schon vor einem Jahr verlassen habe, wahre ich immer noch diese professionelle Zurückhaltung; ich verberge dies und das, verberge allerhand, worum mich manche beneiden würden. Auch die schöne Tänzerin Bastienne, ein prächtiges und bedächtiges Frauenzimmer, verlangte von ihrem Schneider einen Brustlatz aus dreifachem Musselin für ein Abendkleid, und indem sie sich mit der Hand auf den stolzen Busen schlug, sagte sie: »Damit, mein Bester, hat nur mein Beruf zu schaffen und mein Geliebter!«
Ich habe keinen Beruf mehr … und ich habe keinen Geliebten. Aber das Zusammentreffen von heute nachmittag hat doch bewirkt, daß ich aus einer Art Trotz das schwarze Kleid anzog, das ich mich bisher nicht zu tragen getraute, ein fast wirklich dekolletiertes Kleid, das ein großes Dreieck meiner Haut sehen läßt … Steif und mit zusammengebissenen Zähnen schritt ich heldenhaft bis zu meinem kleinen Tisch im Hintergrund, fern von der Zigeunerkapelle, und niemand hat mich oder mein Kleid beachtet. Hatte ich erwartet, daß Max … »Monsieur Dufferein-Chautel samt Familie« im Hôtel Impérial zu Abend essen werde? Niemand, wirklich niemand war da, außer dem unvermeidlichen einzelnen Herrn, der sich für die einzelne Dame interessiert. Er verfolgt sie während einiger Tage, sucht mit ihr in Berührung zu kommen, erreicht sein Ziel oder nicht, und reist wieder ab.
Als typischer »einzelner Dame«, mit Kleidern, die etwas zu brav sind für meine Miene, konnte mir wohl der »einzelne Herr« nicht erspart bleiben. Seit acht Tagen habe ich einen. Ich könnte ihn nicht beschreiben, denn ich habe ihn nicht gesehen. Wenn ich nach dem Platze hinblicke, wo er sich befindet, sehe ich ihn doch nicht, ich sehe durch ihn hindurch wie durch eine leere Flasche. Ich kenne nur die Gestalt seines Rückens, denn er wendet sich in gemachter Höflichkeit von mir ab, sobald mein Blick auf ihn fällt. Von vorne gesehen, ist er mir fremd, ich kann ihn nur von anderen unterscheiden, wenn er mir den Rücken dreht. Bei den Mahlzeiten stört er mich am meisten, weil ich höre, wie er an mich denkt, während er ißt. Heute abend habe ich, von seiner amourösen Laune angesteckt, in seine Richtung hin gelächelt und dabei an Max gedacht. Das hätte ich nicht tun sollen … Aber was liegt schon daran!
Der Regen hat aufgehört, gegen die Fenster zu klatschen, und die Stille weckt mich. Die Stille hier ist ein leises Rauschen der Wellen, die sich auf dem Kies des Strandes brechen, der Trott eines Pferdchens der hiesigen Gegend mit klugen kleinen Hufen und das Hupen von Automobilen … Ich öffne das Fenster und beuge mich hinaus, um auf zwei Fenster des Stockwerks unter mir hinunterzublicken. Es sind die Fenster meiner Freundin May. Schatten gleiten an den Vorhängen vorüber … Es befindet sich da ein wildes Liebespaar, dem der Streit und der darauffolgende Faustkampf eine Art schwedischer Gymnastik bedeuten. Wenn ich zu ihnen hinabstiege, würden sie darum keineswegs innehalten. Ich könnte bei ihnen verweilen und die Schläge, die sie einander versetzen, zählen, bis der Augenblick kommt, da beide, erschöpft, keine andere Züchtigung des Gegners mehr zu ersinnen vermögen als die Liebesumarmung …
Oder ich könnte zwei Stockwerke hinaufsteigen und durch eine andere weiße Tür das dumpf duftende, verrauchte Zimmer eines ebenfalls nomadisch lebenden Paares betreten, das überallhin seine Opiumlampe, seine flachen, nach kostbarem Holze riechenden Kissen und seine chinesische Strohmatte mitnimmt, die glatt und kühl ist wie die Haut einer Eidechse. Auch dort könnte ich mich als Zuschauerin niederlassen, mich ausstrecken, und zwar nicht an dem Gift, vor dem ich mich hüte, teilnehmen, wohl aber an dem warmen Stillschweigen, am schwarzen Aroma der Luft, an der von Halluzinationen durchzogenen Ruhe …
Und ebenso wie oben würde ich gewiß willkommen sein, willkommen als eine, die niemandem etwas nimmt und niemandem etwas gibt. Ich kann mir recht gut vorstellen, was ich diesen »Freunden« gelte. »Sie pumpt einen nicht an, aber sie schenkt auch nichts her«, dürften sie von mir sagen. Was sollte ich wohl schenken? Eine Frau, die es sich in den Kopf gesetzt hat, mit niemandem zu schlafen, wirkt stets wie eine Geizige, was immer sie tun mag, und meine »Freunde« – Rivierabummler, abgetakelte Komödianten, verschämte Liebespaare, die meine Lebensführung schätzen – verwehren mir, was sie May gewähren: eine gewisse, ein wenig verächtliche Vertraulichkeit, eine freundliche Lüsternheit, die sie durch ein derbes oder zärtliches Wort, durch eine frivole, aber von harmlos kindlichem Lachen begleitete Bewegung schürt und befriedigt …
Im oberen wie im unteren Stock erwartet mich derselbe fröhliche Gruß. Aber wenn ich wieder aufstehe, um in mein Zimmer Nummer 157 zurückzukehren, so wird das niemandem Kummer bereiten … Ich kann kommen und gehen, kann ganz nach meinem Belieben handeln. Nur habe ich, wie ein kleines Mädchen einmal sagte, »kein Belieben«. Also werde ich schlafen gehen; nicht gleich, denn es ist erfrischend, am Fenster zu stehen und die noch feuchte Luft einzuatmen. Sie riecht nach Garten und Muscheln. Ein ganz junger Mond steht über dem Meer, ein schmaler Mond, der kaum leuchtet.
Im Grunde tut es wohl, sich um einer rührenden Begegnung oder einer duftenden Regenpause willen oder ohne jeden Grund ein wenig dumm, erregt und weich zu fühlen und schmachtend wie ein junges Mädchen, das eben seinen ersten Liebesbrief erhalten hat.
Na und?«
»Und es hat bis drei Uhr früh gedauert. Um drei Uhr große Rauferei. Für sechshundert Francs Schildpatt lag zerbrochen auf dem Teppich!«
»Ah! … Und dann?«
»Und dann natürlich … Schläfrig bin ich.«
May lacht und rekelt sich. Sie ist eben zu mir heraufgekommen, nichts weiter als ein rumänisches Hemd unter ihrem Kimono, die nackten Füße in großen Männerpantoffeln. Sie strahlt in vergänglicher und ausdrucksloser Jugendfrische: nichts Charakteristisches in den Zügen, die sehr dichten Haare ungleichmäßig blond, hell im Nacken, silbrig an den Schläfen und sonst fast braun. Fünfundzwanzig Jahre! Oh, über die schöne vergeudete Jugend! Man möchte glauben, daß die ungestüme May geschworen habe, sich vor dem dreißigsten Jahr zugrunde zu richten: indische Schminke verfärbt die Spitzen der langen Wimpern, ein heißes Eisen verbrennt täglich die schönen Haare; May schläft nicht genug, vergißt das Frühstück, raucht, trinkt und schnupft Kokain. Aber was tut es? Das absonderliche kleine Geschöpf ist trotzdem erst fünfundzwanzig Jahre alt, hat die helle Haut einer Blondine und große kastanienbraune Augen und dazu eine blödsinnige und entzückende Art, an und für sich schon verrückte Moden noch zu übertreiben. Morgens – der Morgen dauert für sie von Mittag bis etwa vier Uhr – trägt sie einen breitgestreiften Rock, der ihre gefolterten kleinen Füße und auch die Knöchel und Waden sehen läßt; die Taille ist fast bis unter die Achselhöhlen hinaufgerückt, und das enge kleine Jäckchen sieht nicht so aus, als ob es für May gemacht wäre, und zeigt vorn ein kleines Bäuchlein, das eben Mode geworden ist. Ein riesiges weißes Jabot flutet zwischen ihren Brüsten, ein Strohhütchen verbirgt ihr rechtes Auge. Dies ist die Gewandung, die May als »schlichtes Straßenkleid« bezeichnet.
Ich kenne May seit einem Jahr – sie sagt: seit »einer Ewigkeit «. Ich traf sie eines Abends in einer Privatgesellschaft, bei der Brague und ich gegen Honorar tanzten. Sie saß beim Souper neben mir, betrug sich schlecht, um mir zu gefallen, tauchte ihre Haare in Champagner ein, entwickelte eine kindische Derbheit und einen negerhaften Zynismus, weinte entzückend und völlig grundlos, warf Goldstücke in das Mieder einer spanischen Tänzerin und verdarb das Ganze durch die schlichte Frage: »Bin ich nicht ein Original?«
Das »Original« geht vor meinem Frisiertisch auf und ab und verdunkelt mir durch den zappelnden Schatten ihrer großen Ärmel alle Augenblicke das Sonnenlicht, so daß ich mich, geblendet, nur auf gut Glück pudern kann. Wenn May die Pantoffeln ihres Geliebten angezogen hat, in denen ihre Füße wie die des Little Tich ausschauen, so ist das nicht aus Zerstreutheit noch aus Nachlässigkeit geschehen, sondern »um die Leute auf dem Gang zu verblüffen«.
»Bitte, sehn Sie sich das an«, sagt sie plötzlich und hält mir ihren zart beflaumten Arm unter die Nase. »Das wird morgen blau sein.«
Ich betrachte mit dem erforderlichen Interesse zwei dunkle Streifen, die wie ein Armband rings um Mays Handgelenke laufen.
»So ein Vieh«, murmelt sie, nicht ohne Ehrfurcht. »Und mein Kleid, das um fünfzig Louisdor, hat er mir auch kaputt gemacht; und all das nur, weil ich wußte, daß ich Glück im Spiel haben würde, und darum nach Monte Carlo wollte. Er wird schon sehen, was es ihn noch kostet, dieses Kleid. Ich hab' ihm auch einen hübschen Streich gespielt, ehe ich zu Ihnen heraufgekommen bin.«
»May, keine Einzelheiten!«
»Aber nein, was Sie wieder glauben … Ich habe ihm, als er noch dalag und schlief, ein Härchen aus der Nase gerissen. Den Schrei hätten Sie hören sollen, meine Liebe! Ich habe gedacht, der Portier wird heraufkommen … Aber glauben Sie, daß er daraufhin aufgestanden ist? Keine Spur. Er schläft weiter. Wie ein Klotz liegt er auf dem Rücken in seinem violetten Kurtisanenhemd und sagt, er stehe nur auf, wenn Sie hinunterkommen und ihn an den Füßen ziehen.«
Kaum eine Einzelheit aus Mays intimem Leben bleibt mir erspart. Sie schildert mir ihren Geliebten so lebhaft und unumwunden, daß ich weiß, wie dieser Mann sich wäscht, wie er einschläft und wie er aufwacht. Und nicht nur das allein erfahre ich mit aller Genauigkeit … Heute habe ich besonders wenig Lust, ihre Geständnisse anzuhören:
»Na, und wie ist es also mit dem Essen?«
»Was für ein Essen?« fragt May gähnend und zeigt zwischen ihren glänzenden Zähnen eine kleine, zu trockene und weiße Zunge …
»Unser gemeinsames Mittagessen! Sie wollten doch, daß wir miteinander essen. Nun ist es dreiviertel eins, und Sie sind noch in den Pantoffeln Ihres Herrn und Gebieters … Um wieviel Uhr werden wir also essen?«
May stellt sich x-förmig vor dem Fenster auf, Arme und Beine gespreizt; ihr duftiges Haar sieht im Sonnenlicht aus, als ob es dampfe.
»Um wieviel Uhr? Was weiß ich? Sie redet von nichts anderem, diese Frau, als davon, wieviel Uhr es ist, wieviel Uhr es sein wird und wieviel Uhr es sein sollte. Man ißt, wann man will, man schläft, wann man will, und die Zeit ist überhaupt nur eine Einrichtung für Bediente und Bahnbeamte! Ich habe gesprochen. O Gott, was für ein Gesicht sie macht! Also hören Sie, weil Sie es sind, stürze ich mich jetzt hinauf zu den anderen; wenn sie ihren Giftrausch haben, dann lass' ich sie in Ruh', stürze im Galopp wieder hinunter und wecke meinen Alten, indem ich ihm ganz leise ein Glas kaltes Wasser auf die heikelsten Stellen seines Körpers schütte … Dann bin ich in fünfunddreißig Minuten fertig. Herrje, was ich mit euch allen für Sorgen habe! … Soll ich Ihnen vielleicht inzwischen das Horsd'œuvre heraufschicken lassen? …«
Darauf ist sie in ihren großen Pantoffeln schlürfend abgezogen, nicht ohne vorher mit ihren großen japanischen Ärmeln am Schlüssel hängenzubleiben, und überhaupt darauf bedacht, ihren Abgang recht »originell« zu gestalten.
Welch ein wunderbarer Rivieratag vor mir da unten! Ebenso wie gestern schenkt uns diese Mittagsstunde alles, was sie zu schenken vermag: einen Sonnenschein, der Gedanken und Taten hemmt, und eine sommerliche Brise. Draußen auf dem Meere sieht man zwei schräg geneigte Segel, und in der Ferne schwebt ein Flugzeug, das die Spaziergänger kaum beachten. Das dunkle Band der frisch besprengten Fahrstraße bietet den Augen Erholung, längliche Automobile schießen wie Fische darüber hin, dann und wann kommt eine langsame Droschke, deren Kutscher an einem Mimosenzweiglein kaut. Neben dem Fahrdamm blendet die weiße Promenade, auf der Bummler ihre Hunde an der Leine spazierenführen. Es sind fast keine Kinder unter der Menge; man könnte ohne Mühe die nackten Beinchen zählen, die da unten umherlaufen, und die stolpernden ganz kleinen Dingerchen, die gleich dem Baby von gestern in schneeweißen Batist und in Spitzen gehüllt sind … Nizza ist eine Stadt der Erwachsenen …
Mein Blick bleibt an farbigen Hüten hängen, an dem grell stechenden Grün eines Kleides. Ich sehe Toiletten aus heller, leichter, viel zu leichter Seide und denke an jene Schmetterlinge, die, von den ersten Frühlingssonnenstrahlen irregeführt, den Tod finden … Daneben erblicke ich schwere Pelze, und auf den Bänken sitzen vorsichtige Leute, die mit einem grünen Sonnenschirm und einem Wollschal ausgerüstet sind … Dabei fallen mir jene Restaurants ein, in denen einem der Oberkellner einen Fächer reicht, während ein Boy einem eine Wärmkruke unter die Füße schiebt.
Vor dem Hotel vollführen Mandolinen und italienische Sänger ein melodisches Gesumme, das der Wind mir stoßweise zuträgt; ich bilde mir ein, daß der Duft der Veilchen und roten Nelken aus den Körben der Blumenverkäuferinnen bis zu mir heraufsteigt, und mein ausgehungerter Magen verspürt eine leise Übelkeit …
Wann werden wir essen? … Unten am Wasser ist ein Foxterrier, der so unentwegt bellt, daß man sein Gekläffe nicht mehr hört, seit weiß Gott wie langer Zeit hartnäckig damit beschäftigt, einen zu großen Stein als Stranderinnerung mit sich zu schleppen … Zum fünften Male geht dieser rote Hut mit grünem Band und violetter Touffe vorüber; und wie oft habe ich jene beiden jungen Frauen – May ähnlich, doch etwas weniger elegant – schon wiederkehren sehen, die eine grün, die andere gelb, in kurzen Röcken, auf lächerlich hohen Absätzen schmerzvoll trippelnd? Sie gehen nicht weit; man könnte überhaupt glauben, daß sich ungefähr fünfhundert Meter von hier entfernt ein unsichtbares Hindernis befinde, eine eingebildete Schranke, die fast alle Spaziergänger zum Kehrtmachen zwingt. Und dahinter liegt doch eine so schöne, verführerische Strecke Weges, auf der man besser ausschreiten und das Rauschen des Meeres hören kann!
Nun fällt mein Blick auf ein helles, kleines Restaurant am Rand der Promenade, das da gleich einem Boot verankert ist. Seinerzeit pflegten Brague und ich dort zu Mittag zu essen, schweigsam, zufrieden und vom Sonnenlichte ein wenig dösig … Ich bin hungrig. Meine Freunde brauchen gewiß noch eine Stunde. Die beiden von oben erwarte ich gar nicht. Die von unten werden streitend ankommen, sie mit einem so starken Parfüm, daß sie fast nach Apotheke riecht, er schön geschniegelt, die Haare feucht und die Hand noch warm vom Bade. Sie werden sich beschimpfen oder Küsse austauschen, die nach Mundwasser schmecken … Ihre Streitereien und Zärtlichkeiten, für die sie weder Dunkelheit noch Stille brauchen, werden bis zum Essen andauern – denn schließlich werden wir ja essen, gewiß, in einem fast leeren Speisesaal, der nach Fisch, Zwiebeln und Mandarinen riechen wird; wir werden essen – trotz der Zigeuner, denen keine Ruhe gegönnt ist, und trotz der widersprechenden Befehle, die May dem Oberkellner erteilen wird.
Wenn wir beim Kaffee angelangt sein werden, wird die untergehende Sonne rötlich über dem Meer stehen, und in einer violetten, eiskalten Dämmerung wird uns ein Automobil auf einen »kleinen Gesundheitsausflug« führen. Gegen sieben Uhr wird eine übellaunige und frierende May am Cap Martin Tee verlangen, und so werde ich noch einen schönen Tag vertrödeln, nutzlos vertan, verpfuscht haben …
May singt richtig, aber der Aufgang des Abendgestirns hätte meinem Gefühl nach auch ohne die Begleitung dieser Montmartre-Serenade vor sich gehen können. Dieser Mond, der über dem Meer aufsteigt, ein roter, noch nicht ganz voller Mond im Nebel, ist derselbe, der jüngst als schmale Sichel zwischen zwei Wolken schwebte, in jener Nacht, da ich nicht schlafen konnte. Das leise Grauen ob der so schnell und leer dahinfliehenden Zeit läßt mich die Kälte dieser Stunde fröstelnd empfinden. Noch ist es Tag, aber das Licht zieht sich schon von den Baumgruppen und selbst von den staubigen Rändern der Straße zurück. Es hält sich nur mehr an den weißen Hausfassaden, verweilt auf der geschlängelten Straße, auf unseren bleichen Wangen. Dies ist der Augenblick, da man unter den Villen und ihren künstlichen Gärten die traurige und starre Trockenheit dieser felsigen Küste errät … Warum mußte May »Bonsoir, Madame la Lune …« singen?
Wir sind vier in dem Mietauto, das uns nach Nizza zurückführt, May und ich auf den Rücksitzen, Jean, ihr Geliebter, und Masseau uns gegenüber. Da ein scharfer Wind uns den Staub und den der vorüberfahrenden Wagen in die Augen bläst, sind wir alle vier durch Autobrillen halb maskiert. Der Gesang Mays hat mich aufgeweckt, und ich vergnüge mich nun damit, diese drei Halbgesichter zu studieren. Infolge der Dämmerung kann man die Augen hinter den schimmernden Gläsern nicht sehen, das Kinn, der Mund und die Nasenflügel aber wirken um so sprechender. Wenn ich nicht selbst maskiert wäre, würde es mich stören, meinen Gefährten im Gespräch nur auf die Lippen zu sehen … May verliert unter der Maske mit den ovalen Ausschnitten: man bemerkt, daß sie kaum eine Nase hat, aber wie beweglich und jung ist doch ihr etwas flacher Mund! Angesichts ihrer vollen Wangen, auf deren reichlichem Haarflaum der Puder so gut haftet, kränke ich mich über meine ein wenig dürre Schnauze … Ein Gähnen Jeans erweckt mit einem Male Interesse an diesem Männergesicht in mir. Ich habe niemals bemerkt, wie sehr dieser rasierte, trotzig geschwungene Mund mit den feinen Winkeln die Schwächen und Vorzüge eines Charakters verrät, noch daß das Kinn eigensinnig und weiblich zugleich ist und der niedere Kragen einen ziemlich breiten, aber anscheinend nicht muskulösen Hals sehen läßt … Wenn er seine Maske ablegt, muß ich mir seine Augen ansehen.
Masseau hat heute nacht Opium geraucht – selbstverständlich! Es genügt, ihn anzusehen: zwischen der großen Nase und dem altmodischen Spitzbart die blassen gequälten Lippen eines klugen, traurigen Mundes, die Wangen von grünlichgelber Farbe. Er schweigt und wartet … Er wartet auf Nizza, um dort wieder rauchen zu können. Er schnitt eine nervöse Grimasse, als May »Bonsoir, Madame la Lune« sang; auch schien mir – ganz sicher bin ich nicht –, daß gleichzeitig ein recht übelwollendes Lächeln über Jeans Lippen huschte.
Instinktiv schließe ich meinen Mund fester, in der berechtigten Sorge, daß man aus ihm – solange meine Augen nicht da sind, um zu lügen – die Müdigkeit lesen könnte, den Ekel über einen schlecht begonnenen, sinnlos verbrachten und nun in mißzufriedenem Schweigen endenden Tag …
