Die Fremde - Sándor Márai - E-Book

Die Fremde E-Book

Sándor Márai

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Beschreibung

Viktor Henrik Askenasi, der großbürgerliche Held in Sándor Márais ebenso dramatischem wie radikalem Roman, verliebt sich in die Tänzerin Eliz. Ungerührt will er die langjährige Ehe mit Anna lösen. Doch bald nimmt Askenasis Suche nach dem eigenen Glück wahnhafte Züge an – und er ist bereit zu einem schicksalhaften Schritt.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Übersetzung aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe

3. Auflage 2009

ISBN 978-3-492-96015-1

© Nachlaß Sándor Márai Csaba Gaal, Toronto Titel der ungarischen Originalausgabe: »A Sziget«, Helikon, Budapest 2003 Deutschsprachige Ausgabe: © 2005 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung und -illustration: Petra Dorkenwald / Dorkenwald-Design, München Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

38˚ C

Der Kaffee wurde unter bunten Sonnenschirmen auf der Terrasse serviert.

Als erster erhob sich der Wortführer und Spaßvogel der deutschen Tischgesellschaft von der gemeinsamen Mittagstafel. Es war der stark schwitzende kahlrasierte Porzellanfabrikant, der zwischen zwei Gängen mit Messer und Gabel auf dem Tisch oder Tellerrand die neuesten Gassenhauer so stimulierend trommeln konnte. »Nimm dich in acht vor blonden Frauen«, sang er in Manier und Tonfall der gerade populären Filmschauspielerin, sooft die Herrin des Hauses, die strohblonde Direktorin des Argentina, den Saal betrat. Die in geschäftlicher Hinsicht versteckt bedeutungsvolle Anspielung rief jedesmal verdiente Heiterkeit hervor.

Der Porzellanfabrikant trug seine Sommertracht, gelbe Hose aus Segeltuch, offenes kragenloses Sporthemd, das seine rotgebrannte, mit grauen Haaren bedeckte gewölbte Brust zeigte, riemenartige, mit bayrischen Stickereien verzierte Hosenträger, gelbe Hornbrille und weiße Kappe, wie eine possenhafte Verkleidung in einer Laienvorstellung. In der Tür zur Terrasse, von wo man das Meer sehen konnte, schauderte er regelrecht zurück. »Schon übertrieben«, sagte er in seinem Telegrammstil, schnarrend, forsch und so laut, daß man es bis in den Speisesaal hörte. Er schüttelte den Kopf und blinzelte in Richtung Meer und Himmel, als würde er unvermutet Zeuge einer Katastrophe.

Er wandte sich dem Thermometer zu, das an den Türpfosten genagelt war, reckte sich kurzsichtig, als könnte sein an irdische Größenordnungen gewöhnter Blick das Ende der kletternden Quecksilbersäule nicht erreichen, und las die Temperatur halblaut, fast respektvoll ab. »Achtunddressig«, sagte er asthmatisch stotternd, rhythmisch. Seiner Stimme war die Vorliebe des Jahrhunderts für Rekorde anzuhören. Mit einem Tritt öffnete er die Glastür des Speisesaals und rief: »Achtunddressig im Schatten.« Und als der unsichtbare Chor nicht einmal auf dieses Alarmsignal reagierte, eher für sich: »Alle Achtung.« Plattfüßig schlurfte er in seinen Tennisschuhen über den Beton der Terrasse, von dem trockene heiße Luft aufstieg, und sackte in den einzigen Liegestuhl, dem die Ölbäume, die sich über die Brüstung neigten, nennenswerten Schatten spendeten.

Einige Minuten lag er allein in seinem Stuhl. Er zog das sorgfältig geglättete zusammengefaltete Blatt einer deutschen Zeitung aus der Hosentasche. Wie es schien, hatte die Hiobsbotschaft jene Gäste, die in diesem Moment noch einigermaßen geborgen hinter raschelnden Fächern und heruntergelassenen Jalousien, neben eisgekühltem Mineralwasser und zu Pfützen versumpften Speiseeisresten ausharrten, zu besonderer Zurückhaltung veranlaßt.

Während sie zu Mittag gegessen hatten, war ein einheimischer Straßenverkäufer vor dem Haus erschienen und hatte seine Handarbeiten – Tischdecken, Halstücher und handgewebte bunte Bettüberwürfe – auf der Steinmauer der Terrasse ausgebreitet. Unterhalb der Mauer befanden sich zwei in steilen Stufen angelegte Gärten, ein Tennisplatz und ein Gemüsegarten, der bis auf die Höhe des Meeresspiegels abfiel. Von der Terrasse führte eine serpentinenartig gewundene, mit Kies bestreute schmale Treppe zum Strand. Der Verkäufer wanderte die Treppe hinauf und hinab, lautlos, mit schleppenden, vornehmen Bewegungen. Er holte Steine aus dem Garten und beschwerte seine duftige Ware, die von der glutheißen, vom Meer heraufwehenden Brise immer wieder zusammengerollt wurde. In seinen schwarzen Baumwollpantoffeln, den weißen Wollstrümpfen, der ehemals schwarzen abgenutzten Hose aus Englischleder und seiner mit roten Schnüren besetzten kurzärmeligen Joppe bewegte sich der Verkäufer mit einfältiger und aparter Schwermut so geräuschlos, als wäre er Teil einer seltsamen Trauerzeremonie. Die Farben und Muster der Stickereien und Webereien entsprachen den dumpfen Schattierungen der Landschaft, den kargen und traurigen Linien der Felsen, den graugrünen Farbnuancen der verbrannten Vegetation. So, wie der Mann sich bewegte, trat er mit seinen Waren nicht schärfer aus der Landschaft hervor als die Ölbäume oder die Stauden der Hauswurz. Nach einiger Zeit ließ er sich auf den obersten Stufen der Terrasse nieder, bescheiden und abwartend, mit ratlosem Gesichtsausdruck, und lächelte vor sich hin.

In der Tür erschien wie ein Schwarm die deutsche Tischgesellschaft, lärmend und unbefangen im sicheren Gefühl der Stärke, die der Zusammenschluß gewährt. Voran, tonangebend wie auch bei Tisch, die knochige braune Frau mit dem angenehmen Gesicht und ihr Ehemann, der auch zum Mittagessen demonstrativ zwanglos im Pyjama erschienen war. Er spazierte vor seiner Frau über die Terrasse, das Binokel auf der Stumpfnase, die Schritte mit kurzsichtigem Mißtrauen setzend. Seinen harten Kugelbauch schob er vor sich her wie ein angesehener Häuptling, der sein Volk zielsicher durch gefährliches Gebiet führt. Auch sie machten die Wahrnehmung, daß es sehr heiß sei.

Die bunten billigen Kleider der Frauen waren durchgeschwitzt. Die Hitze ist zu dieser Stunde so drückend, schmerzlich und klebend, daß jeder Körper die Vorstellung von Beschwernis und Unreinheit erzeugt.

Einzig eine grauäugige, aschblonde Frau hebt sich leuchtendweiß und kühl von der deutschen Gruppe ab; mit der Selbstverständlichkeit der blutarmen und sehr weißhäutigen Frauen bewegt sie sich in dem klebrigen Dampf, überlegen, als wäre sie in ihrem Element, wohl wissend, daß sie im Kreis dieser zweitrangigen und triefenden Leiber die einzige ist, die den Tücken des Klimas zu trotzen vermag. Ihr Körper wirft die Hitzestrahlen zurück, als wären ihre hageren Muskeln nicht von Haut, sondern von einer dünnen Asbestschicht überzogen.

»Achtunddreißig«, stellen auch die Mitglieder der eintreffenden Gruppe fest, sie schnappen nach Luft, kichern in ihrer Pein und kommentieren den Hitzegrad. In Anbetracht der Jahreszeit ist die Temperatur wirklich außergewöhnlich, selbst hier, im südlichsten, stickigsten und immer tropisch schwülen Winkel der Adria. Ein Belgrader Herr aus dem Ministerium, aus dessen pechschwarzem viereckigen Bart ab und zu ein fettiger Tropfen fällt, erinnert sich nun, daß es hier vor vierzehn Jahren in diesem Monat geregnet habe; dazu habe ein kalter Wind geweht, und nur die Tapfersten hätten sich ins Meer gewagt.

Die Gruppe hat es sich auf den vom Dunst klebrigen Liegestühlen einigermaßen bequem gemacht. Der Händler erhebt sich, wie einer, dessen Augenblick gekommen ist, tritt neben seine Webereien und lächelt. Doch die Damen werfen ihm nur matte, ratlose Blicke zu, und niemand rührt sich. Wie manche Insekten spielen sie im Augenblick der Gefahr Reglosigkeit und Scheintod.

»Zeppelin – macht – Arktisfahrt«, trägt der Porzellanfabrikant im Stakkato aus der Zeitung vor; er läßt sich von der Rebellion der Elemente nicht abschrecken und hält es für nötig, diese halb Besinnungslosen über Neuigkeiten aus der zivilisierten Welt zu informieren. Als Resonanz der Nachricht erfolgen einige kraftlose Bemerkungen über die klimatischen Verschiedenheiten der Erde und die Überlegenheit der deutschen Technik. Unter den bunten Sonnenschirmen beginnt die Hitze zu stinken. Seltsam, die Sonne ist gar nicht zu sehen. Nichts verrät den Ursprung der Hitze, als handelte es sich um eine Luftheizung aus nicht wahrnehmbaren Behältern.

Die Gestalt des Händlers, sein schwarzer schlanker Oberkörper, hebt sich neben der Steinmauer so scharf vom hellgrauen Hintergrund ab, so zerbrechlich und schwankend, als wäre er Teil der Flora und würde gemeinsam mit der Landschaft atmen, sich bewegen und aufblühen, gemeinsam mit den Ölbäumen und Kakteen, die sich unter dem Druck des warmen Luftstroms zuweilen schwerfällig bewegen. Dieser Wind hinterläßt in der Landschaft keine Spuren, er bringt keine Frische, fächelt nur über die Oberfläche von Menschen- und Pflanzenkörpern und röstet sie. Hier oben auf der Terrasse wirkt dieses Rösten, als hätten irgendwo in der Tiefe Heizer einen Moment lang die Tür eines Schiffskessels geöffnet, und nun wallte glühende Luft zum Deck hinauf. Sie läßt den Schmerz einer Verbrennung ersten Grades auf der Haut zurück. All das ist außergewöhnlich, Ende Mai.

Das Meer ist blaßgrau und dampft, als wäre es am Siedepunkt. Das Hotel mit seinen Terrassengärten erzeugt die Illusion eines großen Segelschiffs mit vielen Decks – eines Schiffs, das bei Windstille und mit gerefften Segeln unendlich langsam auf den Horizont zutreibt. Das Argentina ist das beste Haus weit und breit; der Oberkellner war erster Steward auf dem Vergnügungsschiff jenes aus der Küstengegend stammenden vornehmen Herrn, der dieses Gebäude vor nicht allzu langer Zeit in luxuriöser Ausstattung zu privaten Zwecken hatte erbauen lassen. Das Vergnügungsschiff fährt auch heute noch auf dem Meer; gleich einem verarmten herrschaftlichen Kutscher wickelt es den Personenverkehr zwischen Zara und Cattaro ab. Die exklusiv eingerichtete prunkvolle Sommerresidenz wurde zum Gästehaus umgestaltet, und der ruinierte vornehme Herr soll sich unter dem Eindruck seines finanziellen Zusammenbruchs in eine Heilanstalt zurückgezogen haben, irgendwo in Spalato.

Die Gäste werden von Reisebüros geschickt – unter wohlklingenden Versprechungen, die das Argentina nur zum Teil einlösen kann. Eine wichtige Rolle in diesen Ankündigungen spielen die »Terrassengärten«, in Wirklichkeit Gemüsebeete, sowie der »separate Meeresstrand«, der zwar in sich geschlossen und vornehm, doch bis zur Unbenutzbarkeit steinig ist. Trotz aller Geschäftstüchtigkeit der Reisebüros sprach sich die Wahrheit allmählich herum, und das ursprünglich luxuriöse Argentina sah sich zu Preissenkungen genötigt. Das Haus wird von wenig zahlungskräfigem Publikum frequentiert, Touristen, die Monate im voraus auf den Groschen genau wissen, welche Summe sie im Urlaub auszugeben bereit sind.

So wandelte sich das Argentina vom Liebesnest zu einem anständigen »gutbürgerlichen« Haus, das sich wohl oder übel dem Lebensstandard und der Freigebigkeit seiner Gäste anpassen muß. Zum Beispiel wird nach dem Obst keine Schale mit Wasser mehr gereicht.

Auf der Terrasse des gutbeleumundeten Hauses vermischt sich die Gesellschaft notgedrungen mit der Vertraulichkeit jener Klasse, deren Angehörige in historischer Selbstbescheidung zur Kenntnis nehmen, daß man den Luxus exklusiver Einsamkeit und individueller Abgeschiedenheit unter einem gewissen Pensionspreis nicht erwarten kann. Die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, die Speisefolge ist für alle verbindlich, der schwarze Kaffee wird meist lauwarm serviert, und wer morgens um neun den Gongschlag überhört, bekommt sein Frühstück nur noch, wenn der ehemalige Steward besonderes Entgegenkommen zeigt.

Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, das Argentina habe seinen früheren Rang und luxuriösen Anspruch restlos aufgegeben. Auch heute noch besänftigt der Oberkellner reklamierende Gäste auf französisch, so daß sie angestrengt die fremdsprachlichen Relikte ihrer Gymnasialzeit hervorkramen müssen. Und die sarazenenbraunen einheimischen Stubenmädchen stellen jeden zweiten Tag frische Blumensträuße auf die Tische der meerseitigen, mit Badezimmern ausgestatteten Appartements.

Die Rechnung, in welcher Sprache sie auch verlangt wird, nennt der einstige Steward mit zäher Beharrlichkeit facture. Mit Ausnahme des Speisesaals, wo zu jeder Tagesstunde gedeckt oder abgeräumt wird, und des mit türkischen Diwanen vollgestopften Vestibüls, wo der vom Speisesaal hereindringende abgestandene Dunst den Aufenthalt unerträglich macht, verfügt das ehemalige Liebesnest über keinen Gesellschaftsraum entsprechender Größe. So bleibt dem Gast, der länger als drei Tage verweilt, nichts anderes übrig, als möglichst bald in die zwangsläufig intime, ein wenig schmatzende Zusammengehörigkeit einzutauchen, die den Bewohnern des Hauses von den gemeinsamen Mahlzeiten, dem gemeinsamen Strand, der gemeinsamen Terrasse und den gemeinsamen Badezimmern aufgenötigt wird.

Wie immer an solchen Orten ist die Atmosphäre von aktuellem Klatsch und der elektrisierten Erregtheit intimer, scharfer Beobachtungen geschwängert. Die Paare treffen in unregelmäßigen Abständen ein, und ihr Erscheinen erzielt nahezu theatralische Wirkung.

»Wie Trockenluft im Dampfbad«, sagt auf französisch der in Rohseide gekleidete, an den Schläfen auf verdächtige Weise ergraute, ansonsten auffallend junge kaffeebraune Herr, der seit zwei Tagen galante gesellschaftliche Erfolge verbuchen kann. Er flüstert es der kroatischen Dame zu, in deren Begleitung er den Speisesaal betritt, dieser vornehmen, jungmütterlich rundlichen Dame aus Zagreb, die hier mit ihren zwei Kindern und einer Erzieherin Urlaub macht und im Erdgeschoß des Argentina mehrere meerseitige Zimmer gemietet hat. Der kaffeebraune Herr, der auch dem Publikum einige Krümel seines Triumphes gönnt, beißt sich lustvoll auf die Lippe, während er seiner Begleiterin die unfeine Bemerkung ins Gesicht flüstert.

Die Fenster ihres Zimmers gehen direkt auf die Terrasse. Die Vor- und Nachteile der Erdgeschoßlage werden sogar schon von den Stubenmädchen offen diskutiert. Verständlich, daß die bürgerliche Gesellschaft des dichtbevölkerten Hauses eine derartige Vielfalt des Liebeslebens merkwürdig findet. Erst drei Tage ist es her, daß die Zagreber Familienmutter mitternächtliche Besuche eines Offiziers der dalmatinischen Handelsflotte empfangen hat, durch das Fenster des ebenerdigen Appartements, wenn man den scharfen Beobachtern Glauben schenken darf. Die leidenschaftliche Dame, die mit einem Rilke-Gedichtband in der Hand tagelang zwischen dem Strand und den Terrassengärten spazierengeht – sie nimmt das Buch auch auf den Tennisplatz mit, wo sie allerdings nicht spielt, auch nicht liest, sondern sich mit jedermann lebhaft und freundlich unterhält –, beschenkt, kaum daß im Hafen das Lastschiff Dubrovnik II die Anker gelichtet hat, den zufällig auftauchenden kaffeebraunen Herrn, von dem nicht mehr bekannt ist als seine türkische Nationalität und seine Vorliebe für rohseidene Kleidung, mit den auffälligen Zeichen ihrer Sympathie.

Die Mitglieder der deutschen Gesellschaft – die sich einzeln und unter vier Augen eher schüchtern und höflich, ja beinah verzagt zeigen, wie sich die Angehörigen dieser großen Nation in der Fremde manchmal verhalten, als fürchteten sie ständig, wegen irgendeiner dunklen Erbsünde zur Verantwortung gezogen zu werden, die jedoch in der Gruppe umso kühner und kritikfreudiger sind – begleiten auch jetzt den Einzug der leidenschaftlichen kroatischen Mutter und ihres verdächtigen Begleiters mit ihren Bemerkungen. Aus dem Stimmengewirr, das die Ankommenden empfängt, ist auch das Wort »Balkansitten«herauszuhören. Dann werden sie aber doch in den Kreis aufgenommen: mit dem solidarischen Lächeln, das man seinen Leidensgefährten inmitten der Unbilden von Atmosphäre und Natur nicht verweigern kann.

Die Lage ist wirklich kritisch. Das Wetter mildert jedes Vorurteil. »Erstaunlich«, sagt die braune Dame mit den angenehmen Gesichtszügen, Ehefrau des kugelbäuchigen Herrn im Pyjama, leise zu ihrer Nachbarin, »erstaunlich, daß sie in diesem Klima noch Lust dazu hat.« Die Bemerkung ist praktisch und menschlich. Sie nicken.

Der türkische Herr sucht für die vornehme kroatische Dame einen Platz. »Wie bei uns«, sagt er, während er einen Stuhl zum Fenster schiebt, wollüstig lächelnd, als würde er ihr ein intimes Geheimnis ins Ohr flüstern, und bewegt sich in den außergewöhnlichen Luftverhältnissen wie zu Hause. »Türkische Bäder sind auch so heiß.«

Die beiden sarazenenbraunen, glut- und tieräugigen jungen Stubenmädchen, die der Porzellanfabrikant hartnäckig scherzend »Eingeborene« nennt, verteilen unter der augenbrauenzuckenden Aufsicht des einstigen Stewards den schwarzen Kaffee. Die griechische Familie, besonders ihre weiblichen Mitglieder, leiden besorgniserregend unter der Hitze. In gebrochenem Deutsch erörtert das Familienoberhaupt, ein krankhaft fettleibiger Tierarzt aus Piräus, die Frage, welche Vorteile heißer Kaffee und heißer Tee bei großer Hitze bieten, auch aus ärztlicher Sicht.

Ein ungarischer Herr, der von seinen Bekannten nur vage »Herr Abgeordneter« genannt wird, ergänzt diese international anerkannten und gewürdigten Erfahrungen mit einem Lob des heißen Bades. Für Augenblicke scheint es, als hätte die Hitzewelle allen den Verstand geraubt: in die gelähmte Stille bricht Lärm, unbändiges und nervöses Gelächter, das einfältige Gewirr von Tiraden verschiedener Sprachen. Dann, fast ohne Übergang, erschöpftes Verstummen.

Jetzt erscheinen die bulgarischen Flitterwöchner, der Rechtsanwalt aus Varna und seine Frau, die, mit der Andacht einer Brautjungfer, eine gelbe Margerite in ihrem rabenschwarzen Haar trägt; das Paar hält sich eng umschlungen, als stünde das baldige Versinken der Terrasse zu befürchten, und sie wollten auch im Tode nicht auseinandergerissen werden.

Der Offizier aus Mostar, der vormittags mit einem gemieteten Pferd am Meeresufer auf und ab reitet, tut nun mit der entwaffnenden Hartnäckigkeit seines Standes zur Bereicherung seiner Mitmenschen in singendem, bedeutungsvollem Tonfall die seltsame Beobachtung kund, er spüre bei solch außergewöhnlicher Hitze einen »herben, leicht bitteren Geschmack« im Mund. Als würde er ständig »Lakritzen lutschen«, setzt er mit naiver Gewissenhaftigkeit hinzu.

Hie und da tritt jemand an die steinerne Brüstung und späht zum Horizont, als hoffte er auf Hilfe. Die südlichen Basteien der Stadt treten undeutlich aus dem warmen dünnen Dunstschleier hervor: dampfende gelbe Steinhaufen. Die ältere englische Dame – vielleicht die einzige, die auch in dieser Stunde der Prüfung so untadelig gekleidet, diszipliniert und ungerührt ist, als wäre hier keine Rede von Gefahr und Heimsuchung durch die Kräfte der Natur – tritt neben die Brüstung und nimmt die Webereien in Augenschein. Auch die Stimme des Porzellanfabrikanten ist von seinem Platz in der Mitte der Gruppe aus zeitweise zu hören. Aus sicherer Position schmäht er die heimische Volkskunst mit lauten Worten und warnt jeden, der von »denen« etwas zu kaufen gedenkt. »Lauter Piraten und Franktireure«, sagt er und meint den Straßenhändler, ihn und die Angehörigen seiner Volksgruppe, die diese wildromantisch pathetische und trotzdem eintönige Landschaft bevölkern.

Der protestantische Geistliche, der in seiner unvollständigen hellen Sommerbekleidung jetzt den Eindruck eines Abgefallenen macht, läßt mit der bedrückenden Informiertheit eines Missionars einige fachkundige Bemerkungen über die Volksbräuche der »aussterbenden Balkanrasse« fallen.

Der ungarische Herr, der sich inzwischen bemüht hat, auch die kroatische Dame von der unschätzbar kühlenden Wirkung des heißen Bades zu überzeugen, öffnet eine Zeitung seines Heimatlandes, doch er liest nicht, sondern fächelt sich damit.

Ein unrasierter binokeltragender Herr mit beginnender Glatze, der dank seiner bleichen Gesichtsfarbe an einen Herzkranken erinnert, verlangt von der Bedienung ein Glas eiskaltes Wasser. Er ist vor einigen Tagen allein angekommen, hat jedoch bis jetzt so wenig Aufsehen erregt, daß selbst das neugierige Volk des Argentina nicht über seine Nationalität Bescheid weiß. Das »eiskalt« wiederholt er mit zitternder Stimme und gereiztem Nachdruck, als würde er schon mit seinen Medikamenten klappern.

Der protestantische Geistliche, der, im Begriff zu gehen, die Bitte mit halbem Ohr gehört hat, wendet sich dem Fremden freundlich zu und bemerkt, abermals mit dem praktischen Wohlwollen eines Missionars, der in dieser barbarischen Umgebung für jedes körperliche und seelische Leiden ein Heilmittel weiß: »Jetzt kaltes Wasser trinken, ist das Schlimmste, was Sie tun können.« Er sagt es auf deutsch, mit spontaner Nächstenliebe. Doch als er keine Antwort bekommt, nicht einmal ein Kopfnicken, zuckt er beleidigt mit den Schultern und geht davon.

Die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich nun dem Straßenhändler zu, der sich plötzlich vor die ältere englische Dame kniet und in dieser Haltung zu ihr auflächelt. Wie Genien auf Denkmälern zu den Großen der Nation. Mit einer Hand breitet er gestreifte Webarbeiten vor der erwählten Dame aus, als würde er sie bitten, darauf zu treten und sein Leben und Blut anzunehmen, das er ihr nebenbei auch noch geweiht hat. Die unbeholfene Pantomime verzaubert alle. Minuten vergehen so.

Und dann kommen all diese unleugbar ein wenig balkanischen Akzente, aus deren klobiger, konsonantenreicher Masse das deutsche Wort hervorschnalzt wie das Kommando eines Eroberers, für einen Moment zum Siedepunkt: das Seufzen, Stöhnen und nervöse Lachen brodelt als ein einziges ineinanderfließendes unbestimmtes Brausen. Wer jetzt über die Terrasse des Argentina blickt, sieht eine merkwürdige Pantomime, wie in einer dramatischen Szene einer süßlichen, dick auftragenden Oper, im spannendsten Moment, wenn der in südländischer Maske wehklagende, dichtgedrängt stehende wirre Chor verstummt und alle warten, daß in seinem gekränkten Kummer endlich der Tenor hervortritt.

Aber es tritt niemand hervor. Nur der Gong ertönt im Restaurant, und der einstige Steward erscheint in der Tür des Speisesaals, die er ein wenig theatralisch weit öffnet, wie ein Statist, der auch in seiner kleinen Rolle Schicksal spielt und nebenbei ruft:

»Monsieur Askenasi!«

Etwas leiser setzt er in seinem unvermeidlichen Französisch hinzu:

»On vous demande à l’appareil!«

Es löste keine besondere Überraschung aus, daß sich daraufhin der Herr mit der Brille aus seinem Liegestuhl erhob – der bleiche Herr, der zuvor das eiskalte Wasser verlangt hatte. Man scheint ihn zum ersten Mal zu bemerken, Blicke folgen ihm, wenn auch nur beiläufig interessierte, bis zur Tür.

»Es-ist-fast-nicht-aus-zu-halten«, sagt plötzlich der Porzellanfabrikant und steht auf. Man blickt zum Himmel, erbost, als wäre man allen Vereinbarungen zum Trotz betrogen worden. Der Porzellanfabrikant trinkt den Rest seines Kaffees und geht ins Restaurant. Von dort dringt noch seine Stimme herüber, als er in klagend-weinerlichem Tonfall wiederholt: »Nicht-aus-zu-halten.«

Im oberen Stock schließt ein Stubenmädchen der Reihe nach die grünen Fensterläden.

Die Gesellschaft zerstreut sich in die Zimmer.

Zeit zur zweiten Tafel.

ASKENASI? ETWA AUS OSTRAU?

»Warten Sie mal, Askenasi!« sagte der Porzellanfabrikant leise, vertraulich und legte dem Portier die Hand auf den Arm. »Askenasi, Askenasi. Mir scheint, er ist aus Ostrau.«Doch noch bevor der Portier antworten konnte, öffnete sich die Tür der Telephonzelle, und der binokeltragende fremde Herr trat heraus, hustete atemlos, trocknete sich die Stirn und wandte sich eilig an den Portier. Seine eckige Stirn leuchtete auffällig weiß, das zusammengeknüllte und durchnäßte Taschentuch hatte er während der sechs Minuten des Gesprächs wahrscheinlich in der Hand gehalten. Er ging auf die Portiersloge zu, blieb auf halbem Wege stehen und steckte vier Finger seiner linken Hand zwischen Kragen und Hals, um sie anschließend zerstreut an der Hosennaht zu reiben.

»Ich muß heute abend abreisen«, sagte er ein wenig atemlos und heiser. »Wenn ich einen Schlafwagen bekomme«, setzte er rasch hinzu. Der Porzellanfabrikant trat neben die Drehtür und begann mit dem harmlos-listigen Gesichtsausdruck eines beinahe ertappten Privatdetektivs den Aushang des ortsansässigen Schiffahrtsunternehmens zu studieren. »Eine unangenehme Nachricht, gnädiger Herr?« fragte der Portier und griff nach dem Fahrplan. Und als er keine Antwort bekam, kühler: »Der Schlafwagen wird erst in Spalato angehängt. Um sieben Uhr morgen geht ein Schiff. Der Herr reist Richtung Zagreb oder über Venedig?« Sie sprachen deutsch; die Ellbogen aufgestützt, beugten sie sich über die Theke der Portiersloge und steckten die Köpfe vertraulich zusammen. Der Fremde schneuzte sich lange und fast gerührt in sein ohnehin schon durchweichtes Taschentuch.

In diesem Moment schritt die aschblonde Dame durch die Empfangshalle, die Frau mit der sehr weißen Haut, die die klimatischen Torturen mit sichtlicher Überlegenheit ertrug. Auch sie blieb vor der Drehtür stehen und starrte mit der Ratlosigkeit des Müßiggängers auf die Landstraße hinaus, wo der heiße Wind weiße Staubwolken vor sich hertrieb.

Der Fremde und der Portier blätterten in Fahrplänen und Prospekten, ihre Bewegungen wirken wie einstudiert, ganz und gar nicht »natürlich« – der Fremde mit einem zu Hotelfoyers passenden weltmännischen Gebaren, das auf Kinoerinnerungen zurückzugehen schien.

»Es gäbe da ein Schiff«, sagte der Portier vertraulich und mit enthusiastischer Handbewegung, als wollte er eine unziemliche Bekanntschaft vermitteln, sein Mund verzog sich zu einem Grinsen, die Pferdezähne entblößten sich, doch seine Stirn blieb umwölkt. »Ein Schiff, das in gewissem Sinne Eigentum des Hauses ist. Die Kumanovo. Ein Luxusschiff … das schönste Schiff dieser Gewässer«, setzt er mit einer plötzlichen Gefühlsaufwallung hinzu, als hätte er sich zu einem sinnlichen Geständnis entschlossen. Seine Stimme klang geradezu leidenschaftlich. Der Fremde starrte mit gerunzelten Brauen und verdrießlicher Miene vor sich hin. »Kumanovo?« wiederholte er. »Ja, dieses schmale …« Er verstummte, griff sich mit einer zögernden, fast kindlichen Bewegung nervös an den Mund. Was haben die hier alle mit der Kumanovo? Der Steward, der Lohndiener, der barman, die Stubenmädchen, alle hatten die »Kumanovo« genannt, »das« Schiff, als er sich am Ankunftstag nach Wasserfahrzeugen erkundigte, die ihn nach Cattaro bringen konnten, und alle protestierten lautstark, aufgeregt und gekränkt, als er sie aufs Geratewohl um Auskunft über andere Verkehrsmittel ersuchte.

Die Kumanovo war ein schmales, schlingerndes Schiff und unterschied sich, wie er später feststellen sollte, überhaupt nicht von den Dampfern, die entlang der Küste verkehrten. Der Luxus bestand lediglich aus zwei Palmen im Salon. Schließlich gab er dem Terror des Personals nach und wählte für den Ausflug nach Cattaro tatsächlich besagtes Schiff.

Später bereute er seine Nachgiebigkeit bitter, denn bei der abendlichen Heimfahrt aus Cattaro wurde er an Bord des stark schwankenden Schiffes seekrank. Die Kumanovo schien die fixe Idee der Einheimischen zu sein. Zwanzig Jahre nach dem Stapellauf war das einstige Vergnügungsschiff des Besitzers des Argentina in den Augen des Personals und der Küstenbevölkerung immer noch der Inbegriff von Luxus, Seefahrt und jeder irdischen Schönheit überhaupt. Er blinzelte verlegen. »Leider«, sagte er mit einer abwehrenden Bewegung, um den empfindlichen Portier zu schonen, der kritische Bemerkungen über den schlanken Götzen nicht vertragen hätte. »Sie müssen wissen … Kurzum, ich muß morgen abend in Spalato sein«, entschloß er sich. Leise setzten sie ihre Verhandlungen fort.

Die aschblonde Dame schlenderte gelangweilt zwei Runden durch die Empfangshalle. In ihrer libellenhaften Blutlosigkeit und raschelnden Fleischarmut ging sie anspruchslos und doch mit einer Art passiver Zudringlichkeit auf und ab.

Im ersten Stock hörte man Türen schlagen. Wie an allen Orten, wo sich untätige und ausgeruhte Menschen nach einem üppigen Mittagsmahl hinter verschlossenen Türen der Verdauung und der Intimität partnerschaftlicher Zweisamkeit hingeben, herrschte in der Stunde der Siesta auch hier eine unverhohlene und schamlose Atmosphäre der Körperlichkeit.

»Kumanovo hin, Kumanovo her«, sagte der fremde Herr schließlich und winkte ab. »Den Schlüssel bitte. Um sieben Uhr zwanzig in der Früh. Den Schlafwagenplatz besorge ich mir selbst in der Stadt.« Er nahm den Schlüssel entgegen und ging zur Treppe.

»Zwoundvierzig«, sagte die aschgblonde Frau in diesem Augenblick sehr laut. Der Portier lüftete seine Mütze und reichte ihr den Schlüssel des Zimmers Nummer zweiundvierzig. Als hätte sie einen Entschluß gefaßt, machte sie ihrer zudringlichen Stummheit und raschelnden Unauffälligkeit ein Ende und sagte die Zimmernummer mit einer Betonung, als würde sie nach reiflicher Überlegung eine Erklärung abgeben. Infolge der Mitteilung hielt nicht nur der Fremde auf der untersten Treppenstufe inne, auch der Porzellanfabrikant wandte sich ihr zu.

Ganz offensichtlich war etwas geschehen. Der Portier betrachtete diskret die Decke, mit der Aufmerksamkeit des Fachmanns. Ohne irgendwen zu beachten, ging die Frau an dem fremden Herrn vorüber, mit ruhigen und gleichmäßigen Schritten, in gerader Haltung, den Kopf zurückgeworfen; ihre grotesk dünnen Beine nahmen die Stufen mit Leichtigkeit, so wie ein aus fragilen Gliedern zusammengesetztes Insekt die Furchen eines steilen Asts hinaufkrabbelt.

Der Fremde blickte ihr bis zum Treppenabsatz des ersten Stocks nach. Um die verschwindende Gestalt länger sehen zu können, näherte sich der Porzellanfabrikant, schamlos und gewöhnlich, wie es seiner Natur entsprach, mit einigen raschen Schritten der Treppe. Nichts für dich, dachte Askenasi mit plötzlicher Schadenfreude. Er lächelte, zuckte die Achseln. Der Porzellanfabrikant, der das Lächeln sofort mißverstand, öffnete seine wulstigen Lippen schon zu irgendeiner ordinären Männervertraulichkeit, doch der Fremde entging der Bemerkung, indem er der Frau die Treppe hinauffolgte.

Eigentlich gefällt sie mir gar nicht, dachte er; noch Jahre später empfand er, wenn ihm diese Feststellung einfiel, eine quälende Ratlosigkeit ob der Frage, warum sein Eindruck in dem Moment dieses »eigentlich« enthalten hatte.

Ende der Leseprobe