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Sándor Márai

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Beschreibung

Als junger Mann verlässt Sándor Márai (1900–1989) Ungarn, um Europa zu entdecken. Er geht nach Deutschland und Frankreich, arbeitet als Essayist und Kritiker in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin, er sieht Paris, bevor er Ende der Zwanzigerjahre mit seiner Frau nach Ungarn zurückkehrt. Als er 1943 beginnt, sich Notizen zu machen, regelmäßiger erfüllte Augenblicke und Erinnerungen an seine Jugend einem Tagebuch anzuvertrauen, ist er längst einer der einflussreichsten Autoren seiner Heimat. Immer intensiver wird neben der Literatur und seinen Leseeindrücken die Beschäftigung mit aktuellen Ereignissen, mit der Belagerung, die Budapest droht. Immer schärfer formuliert er seine politischen Gedanken. Es ist das eindrucksvolle Porträt des Menschen und Europäers Márai, das uns aus seinen Tagebüchern entgegentritt.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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www.piper.de

Übersetzung aus dem Ungarischen von Akos Doma Mit einem Vorwort von Lásló F. Földényi

Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Ernő Zeltner

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2009

ISBN 978-3-492-96139-4

© Heirs of Sándor Márai Csaba Gaal, Toronto Die ungarische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »A teljes napló 1943

1944« im Helikon Verlag, Budapest. Deutschsprachige Ausgabe: © 2009 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Petra Dorkenwald / Dorkenwald-Design, München Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

László F. Földényi

DER NACHLETZTE BÜRGER

Sándor Márais Tagebücher

1943–19451

Literatur ist nicht nur das, was davon sichtbar ist, was laut oder voller Leuchtkraft oder beispiellos populär ist; nicht einmal das, was beispiellos unpopulär ist.« Sándor Márai schrieb diese Worte im Dezember 1935 in einer Rezension für Nyugat, die progressivste ungarische Zeitschrift der damaligen Zeit. Er selbst war damals bereits »beispiellos populär«, und seine Bekanntheit und Beliebtheit nahmen – vorerst in Ungarn – stetig zu. Doch schon damals beschäftigte ihn auch jene andere Form des Schreibens, die nicht unbedingt sofortige Popularität versprach. »Die Literatur hat auch ein unsichtbares Leben; und dieses ist vielleicht das wirklichere«, setzte er seinen Gedanken fort, eine Mahnung, die er möglicherweise an sich selbst richtete.

Doch noch schrieb er über einen anderen: über das mehr als 800-seitige Tagebuch des an der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert in Vergessenheit geratenen Autors Jules Renard. Etwas an Renards Tagebuch hatte ihn ergriffen. Vielleicht gerade die Tatsache, dass jener vor allem nicht nach Popularität trachtete, mit seinem Tagebuch kein bestimmtes Ziel verfolgte, das Schreiben nicht als Mittel zur Erziehung, zur Erbauung gebrauchte. Wie Márai sagt: »Er sucht keine Läuterung wie Tolstoi. Er will kein Zeitbild zeichnen wie die Gebrüder Goncourt. Er schreibt dieses Buch, dreiundzwanzig Jahre lang, so wie er atmet.«

Márai führte zu diesem Zeitpunkt noch kein Tagebuch, und nichts deutet darauf hin, dass er es vorgehabt hätte. Er war durch und durch ein Mann der Öffentlichkeit und der Presse. Aber vielleicht ließ gerade Renards Buch die Erkenntnis in ihm reifen, dass das »unsichtbare Leben« der Literatur nicht unvereinbar mit dem war, was er machte. »Ein Schriftsteller, der in seinem Tagebuch oder einem privaten Brief einen Satz mit schriftstellerischen Mitteln formt«, schreibt er in derselben Rezension, »geht insgeheim davon aus, dass einst auch diese vertraulichen Zeilen ein Teil seines Werkes sein werden […] Wir müssen uns damit abfinden, dass ein Schriftsteller, ein Künstler unweigerlich für die Öffentlichkeit lebt und stirbt, auf jedes seiner Worte, jede seiner Äußerungen das Echo der Menschen einfordert – selbst wenn dieses Echo erst von der Nachwelt kommt. Nur ein Wahnsinniger brüllt seine Worte ins Nichts. Ein Schriftsteller, der in der Einsamkeit seines Zimmers ein ›vertrauliches Tagebuch‹ schreibt, wähnt sich auf der Bühne der Nachwelt, er benimmt sich keinesfalls natürlich, er verbeugt sich nach jedem gelungenen, vertraulichen Eintrag und bedankt sich für den längst überfälligen Applaus.«

Zu diesem Zeitpunkt, 1935, bedankte sich auch Márai noch auf der Bühne der Öffentlichkeit für den Applaus seiner Zeitgenossen. Sieben Jahre später, Ende 1942, beschloss er jedoch, mit dem Tagebuchschreiben zu beginnen. Die ersten Zeilen brachte er kurz vor seinem 43. Geburtstag zu Papier und sollte fortan nie mehr mit dem Tagebuchschreiben aufhören, was zum größten und wohl bleibendsten Unterfangen seines Lebens werden sollte. Der Gedanke, seine Autobiografie zu Literatur zu stilisieren, hatte Márai immer schon gereizt: Bekenntnisse eines Bürgers (1934) und dessen gleichsam späte Fortsetzung Land, Land (1972) sind Höhepunkte seines Œuvres. Das gewaltige Material der Tagebücher, die von 1943 bis 1989 fast ein halbes Jahrhundert umspannen, ist eine herausragende Schöpfung nicht nur der ungarischen, sondern auch der europäischen Literatur. Das »unsichtbare« und das öffentliche Leben der Literatur verschmelzen darin zu einer Einheit. »Augenblicke, in denen die Stille – in uns und um uns – so groß wird, dass wir das geheime Ticken des Weltmechanismus zu hören glauben.« So lautet der erste Satz des gewaltigen Korpus der Tagebücher vom Anfang 1943, kurz vor seinem Geburtstag am 11.April. »Ich warte auf den Stellungsbefehl; bin nicht ungeduldig, will aber auch nichts hinauszögern. Es ist Zeit.« So lautet der letzte Satz vom 15.Januar 1989 (Tagebücher 1984–1989, S. 149). Fünf Wochen später, am 22.Februar, erschießt er sich.

Alle Tagebücher durchdringt eine dem Lärm der Welt trotzende Stille, der Zauber einer nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Literatur. Márai wollte nicht »geläutert« werden und auch kein »Landschaftsbild« seiner Zeit zeichnen. Er führte nicht Tagebuch, um private oder intime Details aus seinem Leben aufzuzeichnen; noch wollte er die tägliche Routine verewigen, denn eine Datierung findet man nur selten; noch diente ihm das Tagebuch, um seine Projekte, Ideen darin zu notieren; auch seine Phantasien verdrängte er; und obwohl er regelmäßig über seine Lektüren Bericht erstattet, wollte er auch kein Lektüretagebuch führen.

Was beabsichtigte er also mit seinen Tagebüchern?

* * *

Obwohl er über seine Tätigkeit als Tagebuchschreiber nur selten reflektiert, lassen sich aus den Tagebüchern sehr wohl die beiden Gründe rekonstruieren, die ihn zu diesem Unterfangen bewogen haben. Ein Grund ist zweifellos die Verrohung der politischen Zustände im damaligen Ungarn. Das zunehmende Abdriften des Landes nach rechts, die Serie der Judengesetze, die Konzessionen an Hitler-Deutschland und das anschließende Kriegsbündnis: Das alles veranlasste Márai bereits Anfang 1943, sich für die innere Emigration zu entscheiden. Und das, obwohl das Land zum damaligen Zeitpunkt noch nicht von den Deutschen besetzt war (dies geschah am 19.März 1944), niemand ahnen konnte, dass die Deportation der Juden in Europa solch beispiellose Ausmaße annehmen würde, niemand an die Machtübernahme der Pfeilkreuzler glaubte und natürlich auch die Vorstellung einer sowjetischen Okkupation nur wie ein Albtraum anmutete.

Der zweite Grund ist Márais wachsende Unzufriedenheit mit seinem schriftstellerischen Schaffen bis dahin. Darauf lässt sich rückblickend aus vereinzelten Bemerkungen schließen. »Und wie viel Überflüssiges ich geschrieben habe, als ich noch eine Schreibmaschine besaß, nur damit wir uns die Wohnung und den Lebensstil leisten konnten, der zu den zwei Dienstboten passte!«, schreibt er Anfang 1945 (II, 75). Kurz darauf will er seine eigenen Romane zwar nicht verleugnen, bekennt jedoch, »dass mir in den letzten Jahren das Schreiben schon zu leicht gefallen ist, der Widerstand in dem, was ich sagen wollte, zu gering war« (II, 119). 1946 spricht er – auf die Zeit um 1943 verweisend – bereits davon, dass ihm die eigene Stimme »Brechreiz« bereite, diese »melodiöse Márai-Stimme, die zuletzt – vor zwei, drei Jahren!! – schon wirklich etwas Drehorgelartiges hatte, eine knarrende Melodie. Ich hasse diese Stimme« (III, 70)2. Und wenn er an seine bei der Belagerung Budapests zerbombte Bibliothek denkt und überlegt, eine neue Bibliothek anzulegen, kann er sich nicht vorstellen, seine eigenen Romane in die Regale zu stellen: »Ich bin viel anspruchsvoller als die Romane, die ich geschrieben habe« (III, 189). Von dieser Zeit an beobachtet Márai sein eigenes Werk stets mit Vorbehalten – zu Beginn der Achtzigerjahre lehnt er sogar seinen Roman Die Glut (verfasst 1924; in Ungarn erschienen 1990; deutsch 1998) ab. Das hindert ihn allerdings nicht daran, immer neue Werke zu schreiben.

Nach der deutschen Okkupation am 19.März 1944 untersagte Márai die Veröffentlichung seiner Werke und weigerte sich fortan, etwas zu publizieren. Sein Rückzug hatte jedoch schon 1943 begonnen – zu der Zeit, als er sich intensiv dem Tagebuchschreiben zu widmen begann. »Ich habe beschlossen, mit dem Journalismus zu brechen«, schreibt er am Anfang seines Tagebuchs von 1943 (I, 95). Márais Entscheidung war folgenschwer: Seit zwei Jahrzehnten verdiente er seinen Lebensunterhalt vorwiegend als Journalist und war seit Dezember 1936 Mitarbeiter der gemäßigt konservativen Pesti Hírlap, einer der bedeutendsten Zeitungen des Landes. Jeden Sonntag schrieb er ein Feuilleton, für das er ein außergewöhnlich hohes Honorar erhielt: 1001 Pengő, was dem Monatseinkommen eines durchschnittlichen Mittelklasseangestellten oder drei Monatseinkommen eines qualifizierten Fabrikarbeiters entsprach. (Sein Vorgänger, der konservative Dichterfürst Ferenc Herczeg, hatte pro Artikel 1000 Pengő erhalten, und Márai war nur für ein höheres Honorar bereit, das Angebot der Zeitung anzunehmen.) Seinen letzten Artikel für Pesti Hírlap gab er am 17.Januar 1943 ab. Vielleicht begann er gerade an diesem Datum Tagebuch zu führen. Seinen Schritt begründet er kurz darauf damit, dass »ein Schriftsteller in einem bestimmten Alter, ab einer bestimmten Entwicklungsstufe nicht mehr ungestraft für Zeitungen schreiben kann […] Dieses niveaulose, hingestotterte Kommentieren von Begebenheiten und Ereignissen, zu dem die Publizistik heute, da wir keine freie Presse mehr haben, verkommt, ist für jeden Schriftsteller zutiefst erniedrigend und korrumpierend […] jetzt muss ich verstummen, mich in dieses Tagebuch […] zurückziehen […] Vielleicht stellt dieses Opfer meine ›bürgerliche Lebensordnung‹ auf den Kopf – aber ohne Opfer gibt es keine Aufgabe« (I, 95f.).

Márai wäre freilich nicht Márai gewesen, wenn er für immer auf die Öffentlichkeit verzichtet hätte. Wie er schon im Zusammenhang mit Renards Tagebuch schrieb, wähnt sich ein Schriftsteller selbst in der Einsamkeit seines Zimmers noch auf der Bühne der Nachwelt, ja sogar der Gegenwart. Er schrieb sein Tagebuch von vornherein mit der Schreibmaschine und gab darauf genauso acht wie auf seine Romanmanuskripte: Er nahm es überallhin mit und hielt es sorgsam versteckt. Zum einen wegen seines beispiellos scharfen zeitkritischen Tons, zum anderen in der Hoffnung auf eine Veröffentlichung. »Ich muss dieses Tagebuch […] seit zwei Tagen nicht mehr auf irgendwelchen Dachböden verstecken wie in den Monaten zuvor«, schreibt er Ende Dezember 1944 (I, 408), nachdem die Russen das an der Donau nördlich von Budapest gelegene kleine Dorf Leányfalu befreit hatten, wohin er nach der deutschen Okkupation mit seiner jüdischstämmigen Frau Lola gezogen war und wo er die Belagerung Budapests überstand. Seit dem 17.Juni 1945 veröffentlichte er hin und wieder Auszüge aus dem Tagebuch in der liberalen Zeitung Magyar Nemzet, blieb aber auf der Hut und fragte sich immer wieder (weiterhin in Tagebuchform), ob das, was er schrieb, nicht nur Rollenspiel und Selbstdarstellung sei. Man müsse schreiben, als spräche man zu sich selbst, und sich dennoch auch an die Menschen wenden, schreibt er. Ende 1945 erscheint das Tagebuch von 1943/44 bereits als eigenständiger Band. Nur in Auszügen natürlich, denn Márai hatte vieles gestrichen, was sich seiner Ansicht nach für eine Veröffentlichung nicht eignete. Er ging mit seinem Tagebuch genauso an die Öffentlichkeit wie mit seinen Romanen und Theaterstücken. Mit anderen Worten: Er konnte bewusst oder unbewusst auch seine vertraulichsten Bekenntnisse nur als Kunstwerk zu Papier bringen. Und wie es bei Büchern oft geschieht, so hat auch das veröffentlichte Tagebuch fortan sein eigenes Schicksal. Anfang 1946 etwa trägt ein ehemals faschistischer Dorfpfarrer seiner Gemeinde in der Kirche Sätze aus dem Tagebuch von 1943/44 vor, was – jedenfalls nach Márais Ansicht – auf dessen erzieherische Wirkung zurückzuführen sein könnte. Im Sommer 1946 erscheinen Auszüge daraus in einer französischen Zeitschrift in der Schweiz, was zu Hause Anlass für Angriffe auf Márai bietet. Als ein französischer Verlag die Veröffentlichung des Tagebuchs ablehnt, nimmt Márai die Gelegenheit wahr und verhindert noch im selben Sommer die geplante amerikanische Veröffentlichung: »Dieses ›Tagebuch‹ und auch das bereits veröffentlichte schreibe ich für mich, weil ich nicht anders kann, und das, was ich davon dem ungarischen Publikum vorlege, soll unter uns bleiben, in der Familie […] ich will nicht, dass Fremde in fremder Sprache und nicht immer wohlwollender Übersetzung lesen, was innerhalb der Familie unbedingt besprochen werden muss«, schreibt er 1946 (III, 226).

Die »Familie«, also die ungarische Öffentlichkeit, verhielt sich allerdings keinesfalls wohlwollend. Márton Horváth, einer der ideologischen Führer der immer rascher um sich greifenden kommunistischen Diktatur, schreibt um diese Zeit über Márai: »Seine Worte und Sätze sind schön wie grün und golden schimmernde Fliegen, die sich auf Leichen niederlassen«, und 1947 erscheint eine Karikatur anlässlich des Tagebuchs von 1943/44, die Márai unter Rosen sitzend zeigt, während im Hintergrund Juden deportiert werden. Die Zeichnung bezieht sich auf einen Tagebucheintrag nach den Bombardierungen vom 3.Juli 1944: »Ein Moment im Garten. Ein Moment zwischen zwei Unendlichkeiten; die Sonne scheint; die Rosen verblühen; zwischen den Fluten zweier Meere des Grauens [also der Bombardierung und der Verschleppung der Juden; L. Földényi] fühle ich mich restlos glücklich« (I, 255).

Ist das Tagebuch also eine Manifestation des Rückzugs, so lässt es sich auch als eine neue Form der Suche nach Öffentlichkeit verstehen. Statt – oder neben – dem Romanschreiben experimentierte Márai auch mit einer neuen literarischen Ausdrucksform, und es stellte sich schnell heraus, dass er mit dem Tagebuch jene Gattung gefunden hatte, die am meisten auf ihn zugeschnitten war. Das Tagebuch wurde zu einem organischen Teil seines schriftstellerischen Œuvres. Das verdeutlichen sowohl seine Stilisiertheit als auch sein Aufbau, der stets die sichere und geübte Hand verrät. Schon der oben zitierte erste Satz ist stark rhetorisch, und die folgenden Seiten vermitteln eher den Eindruck von Memoiren als den eines Tagebuchs. Kindheits- und Jugenderinnerungen werden heraufbeschworen, Bruchstücke aus der Vergangenheit tauchen auf, Schauplätze werden genannt – Bártfa und Pistoia, die Ungarische Tiefebene und die Normandie –, zeitlich hin und her springend ziehen frühere Erlebnisse vorbei, treten Tote hervor – sowohl unbekannte als auch mit Monogramm gekennzeichnete bekannte Personen, aber auch historische Figuren wie Pál Teleki, der ungarische Ministerpräsident, der zu Beginn der Zwanzigerjahre seine Rückkehr planende Karl IV. oder auch Márais eigener Vater. Anfangs scheinen Vergangenheit und Gegenwart noch durch eine dicke Glasplatte getrennt, um sich dann unbemerkt zu überlagern und den Leser unvermittelt in die Gegenwart zu versetzen. Márai beginnt das Tagebuch wie einen Roman – oder wie ein anderes seiner Hauptwerke, Bekenntnisse eines Bürgers –, und der gehobene Ton und das hohe Maß an Selbstreflexion deuten darauf hin, dass er sich auch diesmal an den Leitfaden der beiden großen Gestalten der europäischen Bekenntnisliteratur, Augustinus und Jean-Jacques Rousseau, halten will. Aber es tauchen auch andere geistige Leitfiguren auf, wobei gar nicht die namentlich genannten, deren Ansichten mit Márais in Vielem übereinstimmen, wichtig sind (etwa José Ortega y Gasset, dessen vernichtendes Urteil über das Massenphänomen in der Moderne er begeistert teilt, oder Oswald Spengler, der wie er die europäische Kultur sich ihrem endgültigen Untergang nähern sieht, oder Ernst Robert Curtius, der Europa vor der Bedrohung der Barbarei warnt).

Nein, die wirklich große Leitfigur ist Mark Aurel, der stoische Kaiser, der seine Gedanken etwa 170n.Chr. in Carnuntum östlich von Wien ebenfalls am Donauufer zu Papier brachte. Immer wieder ruft Márai den Kaiser an. »[…] du bist meine größte Stütze«, schreibt er im Sommer 1944, angesichts der größten Bedrohung (I, 190); aber auch 1945, beim Anbruch der Friedenszeit, findet er seine Ruhe bei ihm. Eingezwängt zwischen Deutschen und Russen, beide gleichermaßen fürchtend, und von den Ungarn erst recht zum Hass veranlasst, blieb Márai in der Tat keine Wahl, als sich dem Stoizismus zuzuwenden. Sein letzter öffentlicher Auftritt Ende 1943 war ein Vortrag – über Mark Aurel. Danach war er nicht mehr bereit, an die Öffentlichkeit zu gehen: »Man kann in Ungarn nicht mehr anders als in innerer Emigration leben. Sich ganz nach innen wenden, seiner Arbeit zuwenden. In die Arbeit auswandern« (I, 180). Márai kannte das 1929 entstandene Gedicht »Marcus Aurelius« seines einstigen Beinahefreunds und großen Vorbilds Dezsö Kosztolányi, in dem Kosztolányi jenen römischen Staatsmann einen »grandiosen Schriftstellergefährten« nannte, der für alles Barbarische und »alles, was Lüge ist«, nur Verachtung übrig hat. Auch Márai folgt dem Beispiel des römischen »Schriftstellergefährten«, indem er zum einen einen scharfsinnigen, ungeheuer genauen Befundbericht zahlreicher gesellschaftlicher und historischer Fragen seiner Zeit erstellt, zum anderen aber auch bemüht ist, die Distanz zur Gegenwart zu wahren und, was ihm später viele vorwerfen werden, den Standpunkt eines Außenstehenden einzunehmen.

Diese stoische Grundhaltung erklärt auch, warum es schwer ist, die Ereignisse dieser schicksalhaften Jahre anhand des Tagebuchs genau zu verfolgen. Atmosphäre spielt für Márai eine größere Rolle als Geschichtstreue, die poetische Grundhaltung ist ihm (obwohl er kein bedeutender Lyriker war) wichtiger als die Chronologie. »Ich ertrage Hitze und Kälte noch immer schlechter als den Weltkrieg«, schreibt er (I, 260), und misst den inneren Vorgängen folglich eine noch größere Bedeutung als den äußeren bei, auch wenn er letztere keineswegs unterschätzt. Mit der Okkupation vom 19.März 1944 etwa beginnt er sich, so schicksalhaft sie für sein Leben auch war, erst Monate später, zur Jahresmitte, eingehender zu beschäftigen (»Als wäre am neunzehnten März etwas in mir zerbrochen«; I, 284). Zugleich notiert er, was sich eines Nachmittags um vier Uhr ereignet hat – ohne allerdings zu erwähnen, an welchem Tag. Er weist auf Geburtstage sowie auf den Todestag seines Sohnes Kristóf hin (sein einziges Kind war am 1.September 1939 nur wenige Monate alt gestorben); er teilt mit, dass die Hitze sechsunddreißig Grad beträgt, aber dass wir uns im Juli 1944 befinden, lässt sich nur erschließen; er berichtet in rührender Ausführlichkeit über den von ihnen 1945 adoptierten vierjährigen János Babocsay, erwähnt die literarischen Dispute von 1945 dagegen nur beiläufig, obwohl sie auch für ihn entscheidend waren, galt es doch, immer klarer für oder gegen die sowjetischen Besatzer Stellung zu nehmen. Er erwähnt den Tag dieses oder jenes Luftangriffs, aber als er über Miklós Horthys Proklamation schreibt, erwähnt er das Datum, den 15.Oktober 1944, nicht und geht auch nicht auf die Quintessenz der Proklamation ein, den (erfolglosen) Versuch zum Austritt Ungarns aus dem Krieg.

Sein Schweigen ist umso bemerkenswerter, als er an den Vorbereitungen des Ausstiegs, der ein lebensgefährliches Unterfangen war, mehr oder weniger auch selbst beteiligt war. Er hatte im Oktober 1944 in seinem freiwilligen Exil in Leányfalu gemeinsam mit Kálmán Hardy, einem Generalleutnant des Königlich-Ungarischen Heeres, jene Botschaft mit der Schreibmaschine getippt, in der Horthy gedrängt wurde, mit den Deutschen zu brechen. (Die Schreibmaschine der Marke Hermes bewahrte Márai bis zu seinem Tod bei sich auf.) Am Tag nach der Verkündung der Proklamation griff die Waffen-SS unter der Führung Otto Skorzenys (der früher schon Benito Mussolini befreit hatte) die Budaer Burg an und entführte den Sohn Horthys, worauf dieser unter dem Druck der Erpressung sein Amt als Staatsoberhaupt niederlegte und am 16.Oktober den Führer der Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi zum Ministerpräsidenten ernannte. Hardy, von 1935 bis 1940 Militärattaché in Berlin und Pate von Márais Sohn, wurde von den Pfeilkreuzlern umgehend verhaftet, ein Schicksal, das auch Márai ereilt hätte, wären die Umstände des Briefes ans Tageslicht gekommen. Diese klägliche – Horthys Schwäche und Verantwortungslosigkeit entlarvende und insofern charakteristisch ungarische – Geschichte findet im Tagebuch kaum Erwähnung; wer auf die Details neugierig ist, muss in den Geschichtsbüchern nachschlagen. Bei Márai lesen wir am 17.Oktober 1944 (wobei auch das Datum nur erschlossen werden kann) lediglich: »Seit zwei Tagen wissen wir, dass es auch vom Höllengrund noch weiter abwärtsgehen kann; als habe sich eine Falltür geöffnet, als empfinge uns nun eine noch tiefere, noch übler riechende Verdammnis als bisher« (I, 344f.).

Auch über vieles andere, was in den Augen der Nachwelt – und seinem eigenen späteren Urteil nach – wichtig ist, berichtet er nicht. Erst seine 1972 erschienene autobiografische Schrift Land, Land enthüllt, was am 18.März 1944, in der Nacht vor der deutschen Besetzung, bei der Namenstagsfeier der Familie geschehen ist. Wie wichtig dieser Tag für ihn gewesen sein muss, zeigt sich schon daran, dass er noch in einem Tagebucheintrag vom 18.März 1984 darauf zurückkommt: »Heute vor 40Jahren ging der kaputt, der ich bis dahin war« (Tagebücher 1984–1989, deutsch 2002, S. 25). Ebenfalls erst Jahrzehnte später erwähnt er das jüdische Mädchen Ági, das er 1944, sie bei der Hand führend, vor den Pfeilkreuzlern rettete – in seinem Tagebuch von 1944 verschweigt er es genauso, wie er auch verschweigt, dass er höchstwahrscheinlich auch half, Juden zu verstecken. (Ági, die bei ihnen in Leányfalu wohnte, war die Tochter der Schwester seiner Frau.) Auch das österliche Abendessen in Leányfalu, bei dem die Gastgeberin neben jeden Teller auch einen gelben Stern legte, erwähnt er nicht; er berichtet nicht, wie ein jüdischer Gastwirt namens Poldi Krausz, der Besitzer eines literarischen Cafés, vor seiner Deportation das Gästebuch mit den Notizen seines großen Vorbilds Gyula Krúdy seiner Obhut anvertrauen wollte; und auch jene Szene, bei der im Dezember 1945, nun schon nach der Befreiung, die Gäste eines Cafés stumm beobachten, wie sich ein jüdischer Polizist genau so aufführt, wie es ein Jahr zuvor seine Verfolger getan hatten, schildert er im Tagebuch nicht. Das Verschweigen dieser Ereignisse lässt sich kaum damit begründen, dass Márai Angst hatte, die Pfeilkreuzler oder später die Sowjets könnten das Tagebuch entdecken. Er hätte die Details ja auch später einfügen können. Es lässt sich nämlich darauf schließen, dass er manches erst nachträglich ins Tagebuch aufgenommen hat. Im Juli 1944 etwa schreibt er über die Gaskammern, die die Juden erwarteten, am 1.September desselben Jahres berichtet er ausführlich über das Konzentrationslager in Auschwitz, über die »Industriegebiete des Todes«, die Krematorien – obwohl Auschwitz erst am 27.Januar 1945 befreit wurde und Márai wie alle anderen wohl erst im Nachhinein in allen Details erfahren hat, was in dem Lager vor sich ging.

Am 18.Januar 1985 durchblättert er in seiner San Diegoer Einsamkeit wieder einmal sein Tagebuch von 1943/44 und notiert dazu: »Das Blättern im Tagebuch 43/44 erinnert mich an den irrwitzigen Massenmord vor vierzig Jahren, und mich wundert manchmal, wie zurückhaltend alles ist, was ich über diese Zeit schreibe« (Tagebücher 1984–1989, S. 61). Diese auffällige Zurückhaltung kommt auch im häufigen Verschweigen zum Ausdruck. Die Erklärung dafür liegt in Márais bereits erwähntem Stoizismus begründet: Dieser setzt andere Schwerpunkte als ein herkömmliches chronologisches Tagebuch. Die stoische Haltung ist jedoch nur zum Teil eine Sache der Veranlagung; sie ist genauso eine Folge seiner spezifischen geschichtlichen Situation. Und von 1943 bis 1945 zählte die stoische Mentalität in Ungarn wenn auch nicht zu den effektivsten, so doch zweifellos zu den edelsten und aufrichtigsten Haltungen.

* * *

»Ungarn hat etwas Unwirkliches«, schreibt Márai kurz nach dem Krieg, irgendwann 1947. Von dem, was sie für die Nation gehalten hätten, sei nichts als »ein Rumpfterritorium, eine kunterbunte Bevölkerung, eine immer verwässertere und schmuddeliger werdende Sprache« übrig geblieben, meint er. Der wachsende sowjetische Terror hatte zweifellos zu Márais Verbitterung beigetragen. Aber wenn wir das Tagebuch zu lesen beginnen, zeigt sich schnell, dass er auch schon 1943, vor der deutschen Okkupation, einen ähnlichen Standpunkt vertrat. Das größte Problem stellten in seinen Augen nicht die fremden Besatzer dar, die Deutschen oder die Russen, vielmehr waren es die Ungarn selbst, die ihm seinen ehemals festen Glauben an das Ungarntum genommen hatten. Zweifellos war auch das ein Grund dafür, dass er 1943Tagebuch zu führen begann. »Man muss Ungarn verlassen«, schreibt er im Januar 1945 (II, 36). Fortan vergeht kaum ein Monat, ohne dass ihn dieser Gedanke beschäftigt. Márai war sich sehr wohl im Klaren darüber, was die Emigration bedeutete: Seine Heimat war 1920 an die Tschechoslowakei angeschlossen worden und er dadurch ungewollt zum Verbannten geworden; zudem hatte er in den Zwanzigerjahren ein Jahrzehnt in Deutschland und in Frankreich verbracht. Nach seiner Rückkehr wurde er alsbald zu einem der populärsten Schriftsteller Ungarns. Aber auch seine ungebrochene Popularität änderte nichts daran, dass er schon während des Krieges das Gefühl hatte, in der Emigration zu leben. Obwohl »nichts Außergewöhnliches« passiert war, wie er sich 1972 an die Zeit erinnert, als der Gedanke der Emigration in ihm reifte. Er hatte einfach seinen Glauben verloren. Das ungarische Volk sei nicht zu jener moralischen Kraftanstrengung bereit, von der die Schweden, die Dänen, die Niederländer, die Finnen, die Engländer in kritischen Zeiten ihrer Geschichte durchdrungen waren; »der Ungar hat kein moralisches Verantwortungsgefühl«, schreibt er (II, 118).

Márai hat nicht immer eine so schlechte Meinung über seine Nation gehabt. Er hatte 1942 eine folgenreiche, viele Kontroversen auslösende Abhandlung mit dem Titel Röpirat a nemzetnevelés ügyében (Traktat über die Volkserziehung; noch nicht ins Deutsche übersetzt) veröffentlicht und das Ungarntum darin noch folgendermaßen beurteilt: »Der Ungar ist weder romantisch noch verträumt. Zu seinen charakteristischen Eigenschaften und Fähigkeiten gehören Besonnenheit, Wirklichkeitssinn und Urteilsvermögen. Der Ungar besitzt ein Gefühl für Maß, wie es nur wenige Völker in Europa haben.« Als Márai diese Worte schrieb, hatte Ungarn infolge des Ersten sowie des Zweiten Wiener Schiedsspruchs bereits einen Teil der durch den Vertrag von Trianon verlorenen Gebiete – so Oberungarn, wo er geboren wurde, die Karpato-Ukraine sowie einen Teil von Siebenbürgen – wieder zurückbekommen. In seiner Rede anlässlich des Wiederanschlusses der ungarischen Territorien beschrieb auch Horthy den Nationalcharakter der Ungarn mit ähnlichen Worten. Auch er berief sich auf das »vornehme Rechtsempfinden der Ungarn« und auf die »uralten ungarischen Tugenden«, und wie Márai hielt er die Ungarn für ritterlich. Selbst der damalige Ministerpräsident Teleki (der am 3.April 1941 Selbstmord beging, da er beim deutschen Überfall auf Jugoslawien für keine der beiden Seiten Partei ergreifen konnte) berief sich bei seinem Versprechen, auf die wiedergewonnenen ungarischen Gebiete achtzugeben, auf die Ritterlichkeit der Ungarn. Dennoch übergaben die ungarischen Behörden umgehend 18000 Juden aus der wieder angeschlossenen Karpato-Ukraine an die SS – und nur wenige Zeitgenossen machten sich Gedanken darüber, wie sich das mit der ungarischen Ritterlichkeit vereinbaren ließ.

Auch Márai schienen die Augen erst später aufzugehen – als die Lage nicht mehr zu ändern war. Anfang 1944 sieht er nur noch Verschlossenheit, Hoffnungslosigkeit und menschliche Niedertracht um sich. Er beobachtet und formuliert immer präziser und erkennt, dass es nicht von einem Tag auf den anderen zu den Ereignissen gekommen war. Das Scheitern des Bauernaufstands von György Dózsa (1514), die Katastrophe von Mohács (1526), die anderthalb Jahrhunderte währende türkische Besatzung, die Niederschlagung des Freiheitskampfs von 1848/49, Trianon und die Verstümmelung des Landes, die deutsche (und die darauffolgende, damals noch nicht absehbare sowjetische) Okkupation: das war mehr als genug, um »das Rückgrat der Nation« zu brechen, wie es Márai ausdrückt (I, 272). Doch die schlimmste Gefahr drohte in seinen Augen nicht von außen. Die Katastrophe reifte von innen heran: Die Ungarn selbst trugen die Hauptverantwortung für ihr Schicksal. Das schrieb Márai im Sommer 1944 und fügte hinzu: »Wir haben uns irgendwo verirrt« [I, 272).

Damit spielt er auf die unter dem gleichen Titel erschienene Artikelreihe des damals führenden ungarischen Historikers Gyula Szekfű an. Dieser Essay hat einen ungeheuer großen Einfluss auf Márai ausgeübt. Den Titel seiner Schrift hatte Szekfű einem Gedicht von Endre Ady aus dem Jahr 1913 entnommen. Der Essay erschien in Fortsetzungen in einer Tageszeitung um die Jahreswende 1943/44. Nur wenige hatten den Ungarn je ein derart illusionsloses Spiegelbild vorgehalten. Szekfű untersuchte der Reihe nach alle Versäumnisse, infolge derer es in Ungarn zu keiner bürgerlichen Entwicklung gekommen und das Land in einem halbfeudalen Zustand stecken geblieben war: Er zählte alle Vorhaben der ungarischen Reformepoche (1825–48) auf, die durch äußeren und inneren Widerstand vereitelt worden waren. Dazu gehörten die Verwaltungs- und Selbstverwaltungsreform, die Vereinigungsfreiheit, die wirtschaftliche Assoziationsfreiheit für Arbeiter und Bauern, das allgemeine und geheime Wahlrecht und der Abbau der staatlichen Übermacht. Diese bürgerlichen Reformen wurden in Ungarn nie durchgeführt, was zur Folge hatte, dass die Übermacht des Staates erhalten blieb. »Das Gewicht des Menschen in einem solchen L’art-pour-l’art-Staatswesen wird immer geringer, sein Stellenwert immer kleiner und vernachlässigbarer«, schrieb Szekfű und betonte, dass in Ungarn auch nach der Abschaffung des feudalistischen Abhängigkeitsverhältnisses von Lehnsherr und Lehnsmann eine Art Feudalismus übrig geblieben war, nämlich der »übergroße politische und gesellschaftliche Einfluss der einstigen Feudalherren, der Mitglieder der Aristokratie«. Das zeige sich auch daran, dass die Repräsentanten des Staates und der Macht ein ungerechtfertigt und unstatthaft hohes Ansehen genössen und demokratisches Denken, selbst dort, wo es sich ansatzweise bemerkbar mache, bloße Rhetorik bliebe. Nach der Unterzeichnung des sogenannten Friedensvertrags von Trianon am 4.Juni 1920 in Paris, infolgedessen das Territorium Ungarns von 282000 auf 93000 Quadratkilometer und die Bevölkerungszahl von 18,2 auf 7,9Millionen geschrumpft war, habe sich die Lage weiter verschlechtert. 1922 etwa sei das Wahlrecht, gemessen an der Gesamtbevölkerung, von früher 40Prozent auf nun 28Prozent gesunken und im damaligen Europa geradezu einmalig offen geworden (nur 20Prozent der Wahlberechtigten habe geheim wählen dürfen), wodurch die Zahl der Großgrundbesitzer im Parlament rasant gestiegen sei. Diese Tatsache sowie die Einschränkung der Pressefreiheit und die religiöse, später rassische Diskriminierung verletzten das staatsbürgerliche Gleichheitsprinzip und stärkten den autoritären Charakter des Staates. Mit Szekfűs Worten: Nach Trianon »konsolidierte sich das Obrigkeitssystem – noch nie wurde so viel über die ›Achtung vor den Autoritäten‹ geredet wie damals.«

Die Ungarn waren nach Szekfűs Ansicht vom rechten Weg abgekommen. Er fiel nicht auf die »Dolchstoßlegende« herein, die in Ungarn genauso virulent wie in Deutschland war, und machte für die Zustände in Ungarn nicht die Liberalen, die Juden oder den Westen verantwortlich. István Bibó, der andere führende Historiker jener Zeit, schrieb von den »Sackgassen der ungarischen Geschichte«. Auch Márai fühlte sich wie in einer Sackgasse, einer Falle – die der inneren Emigration. Er, der bis dahin als einer der angesehensten Schriftsteller des Horthy-Regimes gegolten hatte und im Gegensatz zu seinen bedeutendsten Zeitgenossen Dezsö Kosztolányi, Zsigmond Móricz und László Németh auch Mitglied der konservativen Akademie geworden war, der den erzkonservativen Dichterfürsten Ferenc Herczeg in einem zu dessen Ehren herausgegebenen Gedenkbuch gepriesen hatte und der einen materiell außergewöhnlich hohen Lebensstandard genoss, begann seit 1943 immer radikaler zu werden. Anfang 1945 schrieb er bereits: »Was das Horthy-Regime zu verantworten hat, ist in der ungarischen Geschichte ohne Beispiel; der Tatarensturm und Mohács sind nur Schatten jener fürchterlichen Wirklichkeit, die diese Generation heraufbeschworen und die sich dann unerbittlich eingestellt hat« (II, 43). Márai erwähnt zwar die Tataren, die Türken und die Österreicher, aber die eigentliche Verantwortung gibt er seinesgleichen – jener »Kommanditgesellschaft, die das Land unter dem Etikett der ›Szegeder Idee‹ fünfundzwanzig Jahre lang ausgenutzt hat« (I, 301)3. Was diese Gesellschaft betraf, ließ Márai keinerlei Rechtfertigung gelten; er lehnte ihr Christentum genauso ab wie ihre nationale Ausrichtung. Denn worin bestand das »christliche« Element dieses Kurses? »Christentum, sagten sie – und meinten einen ohne Fachausbildung erworbenen Gewerbeschein. Christentum, sagten sie und meinten den Raub jüdischer Möbel. Christentum, sagten sie und meinten die Einschüchterung jedes freien Gedankens, jeder persönlichen Meinungsäußerung. Ich bin ein Christ, sagten sie hochmütig und hielten die Hand auf« (I, 323). Und worin bestand das »nationale« Element? »Ein Interessenverband hat zum Schutze des feudalen Großgrundbesitzes unter dem Vorwand von Trianon fünfundzwanzig Jahre lang ein System aufrechterhalten, das mit sanftem und weniger sanftem Terror jedes Streben nach Qualität unterdrückt und unterschlagen hat« (I, 285).

Wenn irgendjemand wirklich Grund hatte, Trianon zu bedauern, so war es Márai: Im Gegensatz zu Horthy oder Gömbös war er wirklich in einem der abgetrennten Gebiete zur Welt gekommen, in Kaschau in Oberungarn, das der Tschechoslowakei zugeschlagen wurde4. Aber als Ungarn gemäß dem Münchner Abkommen einen Großteil von Oberungarn zurückbekam, machten sich inmitten des nationalen Jubels nur wenige Gedanken darüber, ob es wirklich so selbstverständlich war, sich über dieses Geschenk Nazideutschlands zu freuen. Nach der Eroberung Kaschaus durch die Russen am 18.Januar 1945 notierte Márai etwas in seinem Tagebuch, wofür man ihn nicht nur damals gesteinigt hätte, sondern noch heute steinigen würde: »Fakt ist jedoch, dass die Ungarn nicht an dem Tag Kaschau verloren haben, als die russischen Truppen dort einmarschiert sind; wir haben es, endgültig, an jenem Tag verloren, als im November 1938 Horthys Truppen vor dem Dom erschienen. Wir haben es verloren, weil wir Reaktion der allerschlechtesten Sorte mitgebracht haben, die Willkür bequemer und habgieriger Beamter, anmaßender, ungebildeter Verwaltungs- und Heeresorgane; weil wir den ungarischen Gnädige-Herren-Geist in eine Stadt brachten, die unter den Tschechen die Demokratie kennengelernt hatte; wir brachten alles mit, was es nach Trianon in Ungarn an Üblem gab. Das Ungarn der Vorrechte, der Bevorzugungen, der Gernegroße, des Pfusches, der Unangemessenheit, der neobarocken aufgesetzten Kultur ist an jenem Tag in Kaschau eingezogen: Diese Stadt hatte eine andere Art von Ungarntum gekannt und eine eher europäische Lebensweise. Damals haben wir Kaschau wirklich, vielleicht für immer verloren. Und wir verdienen Strafe, weil wir uns diese Stadt nicht verdient haben. Es gibt keinen ehrlichen Kaschauer Ureinwohner, der sich in diesen Jahren nicht die Tschechen zurückgewünscht hätte« (II, 44)5. Márai sah nicht erst im Nachhinein klar. Im Sommer 1944, als Oberungarn noch zu Ungarn gehörte, hielt er den Ungarn das Beispiel der Finnen, der Bulgaren, der Rumänen vor Augen: Ihnen sei der Verlust von Teilen ihres Landes genauso schmerzhaft gewesen, und dennoch hätten sie – im Gegensatz zu den Ungarn – kein Bündnis mit den Deutschen geschlossen, da »sie das Land […] das Leben der ganzen Nation retten wollten und nicht die Privilegien und den Großgrundbesitz einer Klasse« (I, 317).

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Ehrliche Worte bar jeglichen Selbstmitleids. Sie mochten seinerzeit auch deshalb seltsam geklungen haben, weil Márai, der populärste Schriftsteller der sogenannten bürgerlichen Mittelklasse, ebendieser Mittelklasse seine Solidarität verweigerte. Wenn er sich mit jemandem solidarisierte, dann mit den Verfolgten. Im Dezember 1945 beendete er seinen Roman Befreiung (Szabadulás; noch nicht ins Deutsche übersetzt), in dem er die Tage der Belagerung beschreibt. Darin heißt es: Ungarn sei »seit der deutschen Besatzung nicht mehr eine Heimat, sondern ein Jagdrevier von Verfolgern und Verfolgten« gewesen. Zu den Verfolgten gehörten in erster Linie die Juden, deren Verfolgung allerdings nicht erst mit der deutschen Okkupation von 1944 begonnen hatte. Im Gegenteil, was die Judenfrage betrifft, ging Ungarn Deutschland voraus. Bereits 1920 hatte man im Sinne des »Geistes von Szeged« die erste Verordnung erlassen (eine Art »Numerus clausus«), um die Zahl der jüdischstämmigen Studenten an den Hochschulen zu reduzieren; zwischen 1938 und 1942 wurden weitere Judengesetze vom Parlament verabschiedet.

Obwohl Horthy zweifellos bemüht war, die Lage der Juden zu erleichtern und auch den deutschen Forderungen so lange wie möglich Widerstand entgegensetzte, waren ihm nach der Okkupation vom 19.März die Hände gebunden. Adolf Eichmann traf in Budapest ein, um die Deportationen zu organisieren. Die ersten Züge verließen das Land am 15.Mai, bis Ende Juni wurden etwa 440000 Juden vor allem aus den ländlichen Regionen deportiert. Als Reaktion auf ausländische Proteste stoppte Horthy Anfang Juli die Deportationen und rettete damit nahezu 200000 Budapester Juden das Leben. Doch nach der Machtübernahme der Pfeilkreuzler (16.Oktober 1944) brach in Budapest die Hölle aus, Pfeilkreuzler-Schergen jagten und ermordeten die zum Freiwild gewordenen Juden – vor den Augen einer passiven nichtjüdischen Bevölkerung. Ungarn führte Krieg in der Sowjetunion – und zur gleichen Zeit seinen eigenen Bürgerkrieg. Denn die Deportation der beinahe 600000 ungarischen Juden beziehungsweise ihre Ermordung in der Heimat war kein Krieg zwischen Ungarn und Juden, sondern die Ermordung ungarischer Staatsbürger durch ungarische Staatsbürger. Für Márai gab es keinen Zweifel, dass diese tiefe Krise der ungarischen Gesellschaft der logische Endpunkt der ungarischen Geschichte der vorausgegangenen Jahrzehnte war. Seine Solidarität mit den Juden entsprang nicht nur einer natürlichen menschlichen und christlichen Haltung, sondern war auch eine Folge seiner illusionslosen Sicht der ungarischen Geschichte.

Sein Mitgefühl mit den Juden kommt im Tagebuch vor allem als emotionale Identifikation zum Ausdruck. Es ist eine biografische Tatsache, dass Márai auch selbst half, Juden zu verstecken, obwohl er darüber sein Leben lang schwieg; sein Mitgefühl zeigt sich eher in Gesten, etwa dass er seit der deutschen Okkupation am 19.März 1944 die Veröffentlichung seiner Schriften untersagte und fortan nicht mehr bereit war, etwas zu publizieren, oder dass er am 4.April 1944, als das Tragen des gelben Sterns obligatorisch wurde, sich den von seinem Vater geerbten Siegelring vom Finger zog6. Viel mehr konnte er nicht tun. Aber schon die bloße Existenz schien ihm eine Sünde zu sein: »Es ist eine Schande zu leben. Es ist eine Schande, unter der Sonne zu sein. Es ist eine Schande zu leben« (I, 232). Natürlich musste auch er unter der Sonne sein. In Vác fällt ihm auf, dass die Leute taktvoll und ernsthaft bemüht sind, die mit gelbem Stern gekennzeichneten Menschen nicht zu bemerken, und rührend beschreibt er auch die absurde Szene, wie er eines Tages im Hotel Gellért zu Mittag isst, wo auf makellosen leinenen Tischtüchern gedeckt wird, stumme Kellner die Speisen auf Silberplatten servieren, die Hemdbrüste weiß leuchten und alles Wohlstand und innigen Frieden atmet – bis er beim Blick aus dem Fenster eine Gruppe Juden auf der Straße bemerkt, die von Polizisten zu einer der Deportationsstellen getrieben wird (I, 381). Die Situation lässt sich aus heutiger Sicht weder rekonstruieren, noch lässt sich psychologisch deuten, was Márai, der durch seinen Wohlstand und seine Herkunft von denen, die er da sah, getrennt war, sich ihnen aber wegen seiner jüdischen Frau und seines deportierten Schwiegervaters mindestens genauso zugehörig fühlte, in diesem Moment empfunden haben mag.

Und was mag er in den ersten Tagen des Juli 1944 empfunden haben, als er mit dem Vorortzug von Leányfalu nach Budapest fuhr und Folgendes beobachtete: »Unterwegs passiert der Zug die Ziegelfabrik von Budakalász. Hier, in den Scheunen, die sonst zum Trocknen der Ziegel dienen, warten siebentausend Juden aus dem Budapester Umland auf die Deportation. Am Bahndamm stehen Soldaten mit Maschinenpistolen« (I, 257). In einer der Scheunen befand sich auch der 14-jährige Junge Imre Kertész, der diesen Sommernachmittag Jahrzehnte später in seinem Roman eines Schicksallosen (1975; deutsch 1990) folgendermaßen beschrieb: »Dann erinnere ich mich nur noch daran, wie ich mit den Jungen wieder zurückgegangen bin, zu unserer Unterkunft, und daß die Sommerdämmerung, die den Himmel über den Hügeln schon rötlich färbte, besonders friedlich und warm war an diesem letzten Tag. Auf der anderen Seite, in Flußrichtung, sah ich über dem Rand des Lattenzauns gerade die Wagendächer des grünen Vorortzuges fahrplanmäßig vorübereilen« (S. 80). In einem der Wagen dieses Zuges saß Márai. Erst lange nachdem er den Roman eines Schicksallosen geschrieben hatte, stieß Kertész auf diesen Tagebucheintrag Márais, eine Koinzidenz, die er später in Galeerentagebuch (1992; deutsch 1993), seinem nicht minder bedeutenden eigenen Tagebuch, auf eine eigenwillige Sternenkonstellation zurückführte: »Ich weiß nicht, warum mich schlagartig noch nachträglich dankbare Freude darüber ergreift, daß Márai mich erblickt hat. Er war vierundvierzig, ich vierzehn. Er erblickte zwischen den Trockenschuppen der Ziegel das Kind mit dem gelben Stern und wußte, was dieses Kind damals nicht wußte: daß es schon bald nach Auschwitz abtransportiert würde. All das schrieb er – was sonst konnte ein Schriftsteller tun – in seinem Tagebuch nieder (und dieses Tagebuch ist, nebenbei bemerkt, der reinste, umfassendste und wichtigste geistige Abdruck dieser Zeit). Was bedeutet all das? Es ist so schwer zu deuten wie eine eigenwillige Sternenkonstellation. Dennoch, ich fühle darin ganz entschieden Sinn, der in einem langsam größer werdenden Kreis leise ausstrahlt« (S. 283).

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Imre Kertész kann Márai natürlich nicht mehr kennengelernt haben, erst später tauchte seine Gestalt ab und zu vor ihm auf: »[…] nach dem Krieg, halb als Kind noch, [sah ich ihn mitunter,] wie er in der Zárda utca, auf den Serpentinen am Fuße des Rosenhügels, spazierenging oder sich im Lukács-Bad sonnte.«7 Márai war zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgekehrt aus seinem freiwilligen Exil in Leányfalu. Seine Wohnung in der Mikóstraße samt seiner 5000 Bücher umfassenden Bibliothek lag in Schutt und Asche (genauso wie das benachbarte Haus, in dem Dezsö Kosztolányi gewohnt hatte). Márai hatte sich von seinen Autorhonoraren noch vor dem Krieg eine kleine Wohnung auf dem Rosenhügel gekauft; dort lebte er mit seiner Frau und seinem Adoptivsohn bis 1948, als er schließlich den jahrelang in ihm reifenden Gedanken in die Tat umsetzte und mit seiner Familie ins Ausland reiste, um nie wieder einen Fuß auf ungarischen Boden zu setzen. Seine Emigration erregte kein großes Aufsehen. Es war Kertész, der in seinem Galeerentagebuch die für die Ungarn bittere Wahrheit aussprach, dass, während die Emigration eines Thomas Mann auf die ganze deutsche Nation ihren Schatten warf, Márais Abreise in Ungarn weitgehend unbemerkt und folgenlos blieb. Das lässt sich damit erklären, dass Márai der Repräsentant eines Bürgertums war, das es in Ungarn im westeuropäischen Sinn eigentlich nie gegeben hat.

Márai ist ein typisches Beispiel dafür, wie für einen durch und durch in seiner Heimat, seiner Sprache und seiner Kultur verwurzelten Schriftsteller der luftleere Raum zum eigentlichen Zuhause wird. Er war deshalb vom luftleeren Raum umgeben, weil das ungarische Bürgertum nichts als eine membrandünne Schicht auf dem Körper eines halbfeudalen, seit dem Ende der Dreißigerjahre rapide faschistischer werdenden Landes war. Márai war seit dem Ende der Zwanzigerjahre vor allem in den Leserkreisen der Mittelklasse ein überaus populärer und geschätzter Autor. Doch zu Beginn der Vierzigerjahre musste er verbittert feststellen, dass diese Mittelklasse keineswegs mit dem von ihm stets idealisierten Bürgertum identisch war. 1943 bezeichnet er die ungarische Mittelklasse bereits als »durch und durch verdorbene«, denn sie »will nicht, wagt es nicht, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen« (I, 149). Seine Überzeugung, dass Bürgertum und Mittelklasse keineswegs dasselbe sind, verfestigt sich in der Folgezeit mehr und mehr. In seinem Tagebuch von 1985, gegen Ende seines Lebens, bemerkt er denn auch, »dass der ›Bürger‹ eine Berufung war, der Mittelstand nur ein Interessenbund« (Tagebücher 1984–1989, S. 61).

Die Lektüre von Márais Tagebüchern wirft natürlich die Frage auf, wo denn die Bürger sind, wenn die Menschen der Mittelklasse keine Bürger sind? Wo verstecken sich jene, die ihm gleich, mit ihm im Bunde, gewillt und auch mutig genug sind, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken? In welchen Katakomben verstecken sie sich, wo lauschen sie Márais mahnenden Worten? Vielleicht ahnte auch Márai selbst, dass es sie in Wahrheit nicht gab, dass er sein Loblied auf das Ethos des Bürgertums als Fürsprecher eines gar nicht existierenden Heeres in die Wüste hinausschrie.

Was bedeutete es für ihn, ein Bürger zu sein? In seinem 1972 erschienenen Buch Land, Land (deutsch 2001) formulierte er es folgendermaßen: »Bürger zu sein, das war für mich nie eine Klassenstellung – ich hielt es immer für eine Berufung. Der Bürger war für mich stets das Beste, was die moderne westliche Kultur hervorgebracht hat, denn er brachte sie hervor: Als eine überalterte gesellschaftliche Hierarchie verschwand, stellte der Bürger das Gleichgewicht der Weltordnung wieder her« (S. 86). Die Balkanisierung des Landes sei eine Folge des fehlenden Bürgertums gewesen, schreibt er 1944 (I, 193), und darin hat er recht. Und doch zeugt sein Urteil von einer gewissen Engstirnigkeit. Denn Márai schwebt ein idealisiertes Bürgertum vor, dessen Rolle die Bewahrung von Bildung und Kultur ist, das sich jedoch – gerade wegen seiner kulturerhaltenden Rolle – aus den wirklichen Ereignissen heraushält, sich nicht mit der Geschichte die Hände schmutzig macht, sich politisch keiner Richtung verpflichtet fühlt. Ein Bürgertum also, das die Geschichte von der hohen Warte aus betrachtet. Ein so konzipiertes Bürgertum wäre dann auch für die historischen Katastrophen des 20.Jahrhunderts nicht verantwortlich; es spielte weder bei den Weltkriegen noch bei der Verbreitung totalitärer Ideen eine Rolle, geschweige denn, dass es dafür verantwortlich wäre. Es gehörte keinem weltlichen Interessenverband an – es wäre gleichsam eine frei schwebende Entität, die, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich von bösen Kräften zu Boden gerissen und zu Tode getrampelt wurde. »Europa wurde von den Bürgern erbaut und von den Proleten zerstört«, schreibt Márai 1945, kurz nach Kriegsende (II, 288), und macht sich keine Gedanken darüber, ob die Proleten des 20.Jahrhunderts nicht demselben Rohmaterial entsprungen waren wie ihre Opfer, die Bürger. Er hat vollkommen recht, wenn er schreibt, der wahre Verlierer des Zweiten Weltkriegs sei nicht allein Deutschland, sondern ganz Europa gewesen, da das, was man bis dahin Bürgertum nannte, vernichtet und durch etwas ersetzt worden sei, was man »intellektuelles Proletariat« nennen könnte (I, 166). Auf die Verantwortung des Bürgertums dagegen geht er kaum ein; lieber konstatiert er mit stoischem Fatalismus, das Bürgertum sei in Europa genauso vergangen, wie alle Naturphänomene gesetzmäßig, ohne jede moralische Verantwortung, vergehen oder auch wiedergeboren werden.

Márai gebärdete sich in der Rolle des »Bürgers« zuweilen so, als sei er das letzte Exemplar eines vom Aussterben bedrohten Menschentyps. Endre Ady hatte sich zu Beginn des Jahrhunderts als den letzten Ungarn bezeichnet, und auch Márai neigte dazu, sich als den letzten Bürger zu sehen. Seinem Verhalten wohnt eine tiefe nostalgische Aufrichtigkeit, aber auch etwas Anachronistisches inne. Man könnte sogar behaupten, Márai habe, indem er sich an sein idealisiertes Bild des »Bürgers« klammerte, genauso ein Luftschloss errichtet wie jene nichtbürgerlichen Ungarn, die er gerade wegen ihrer Träumereien und Luftschlösser verdammte.

Man könnte über Márais diesbezügliche Engstirnigkeit viel schreiben. Weitaus fruchtbarer ist jedoch die Frage, warum er das Bürgertum so sehr idealisiert hat? Die Antwort ist bereits gefallen: deshalb, weil es in Ungarn ein Bürgertum im westeuropäischen Sinne nie gegeben hat und Márai nie wirklich die Gelegenheit hatte, das Bürgertum von innen, seinem wahren Wesen nach, kennenzulernen. Er war ein Städter – aber nicht im Sinne seines gelebten Bürgerdaseins, sondern in seiner Sehnsucht nach Bürgertum. Europa und das Bürgertum verkörperten in seinen Augen die Zukunft – die einzig sinnvolle Zukunft. Aber er ahnte auch, dass diese Zukunft – in Gestalt eines normal funktionierenden bürgerlichen Ungarns – für ihn in der Heimat nicht zu verwirklichen sein würde. Und deshalb dachte er schon lange im Voraus voll wehmütiger Nostalgie an sie. Er beschrieb diese Zukunft, als sei sie längst vergangen.

Er war noch keine 34Jahre alt, als er über seine unmittelbare, erst zwei, drei Jahre zurückliegende Vergangenheit schon so schrieb, als blickte ein alter Mann auf seine Jugendzeit zurück (Bekenntnisse eines Bürgers). Er sehnte sich noch immer nach der bürgerlichen Lebensform zurück, als sie woanders längst im Verfall begriffen war. Und man braucht an dieser Stelle gar nicht an einen sowohl weltanschaulich als auch poetisch weit radikaleren Autor wie Robert Musil zu denken, sondern eher an einen Thomas Mann, dessen Buddenbrooks (1901) er gerade während der Kriegsjahre wieder las und das ihn beim Gedanken an das für immer verschwundene Bürgertum zu Tränen rührte. Allerdings hätte sich Thomas Buddenbrook (zumal mit Manns ironischer Sichtweise gewappnet) sehr darüber gewundert, dass Márai in den Dreißigerjahren das Kaschau der Zehner- und Zwanzigerjahre als das Goldene Zeitalter des Bürgertums darstellt! Márais Kaschau und überhaupt das, was er für die Welt des untergegangenen Bürgertums hielt, war keineswegs identisch mit der Welt Manns. Im Vergleich zu Mann hat Márai etwas Nostalgisches, Konservatives. Schließlich hatte er nicht die solide, zuverlässige Existenz eines Sohnes der Hansestadt und somit auch nichts zu bewahren.

Er hielt weniger an der bürgerlichen Wirklichkeit als an seinen darüber gesponnenen Traumvorstellungen fest. Das Bürgertum galt ihm als das verschwundene Goldene Zeitalter. Da er dennoch einen Realitätssinn besaß, lokalisierte er dieses Goldene Zeitalter in Raum und Zeit: Er beschränkte es auf Siebenbürgen und Oberungarn, also auf die beiden abgetrennten Gebiete, die von Budapest in unerreichbare Ferne gerückt waren. Zweifellos hatte es in diesen Gebieten eine Art bürgerliche Lebensform gegeben, was auf das infolge des Reichtums an Bodenschätzen stark ausgeprägte Handwerks- und Industriegewerbe zurückzuführen war; aber Márais wiederholte Behauptung, wonach es in Budapest kein Bürgertum gegeben habe, ist nicht wahr. Und natürlich ignoriert Márai (der, sosehr er seine Distanz auch betont, zu den sogenannten urbanen Schriftstellern gehörte), dass in Ungarn gerade in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die ebenfalls als bürgerlich zu bezeichnende Schicht jener, die von Bauern zu Intellektuellen geworden waren, stark angewachsen war. Die Ursache für Márais Schweigen liegt in seinem tiefen Widerwillen gegen das Bauerntum und die Bewegung der völkischen Schriftsteller begründet. (Im Vergleich zu den Bauern der Tiefebene oder Transdanubiens hatte das Bauerntum Oberungarns infolge geografischer Nachteile in der Tat stets unter kümmerlichen Bedingungen gelebt.) In seinem Tagebuch schreibt er stets mit negativem Beigeschmack über das »Volk« und die völkischen Schriftsteller, die dessen Interessen vertraten8. Aber indem er die rechtsgerichtete Weltanschauung mancher von ihnen ablehnt, schüttet er das Kind mit dem Bade aus: Er ignoriert eines der brennendsten Probleme der damaligen ungarischen Gesellschaft – die seit anderthalb Jahrhunderten systematisch hinausgeschobene Bodenreform –, dessen Lösung die Entstehung ebenjenes von ihm so herbeigesehnten bürgerlichen Ungarn begünstigt hätte. Indem er sich an ein idealisiertes Bild des Bürgertums klammerte, stolperte Márai manchmal über unmittelbar vor seinen Füßen liegende Gesellschaftsprobleme, ohne sich seines Stolperns überhaupt bewusst zu werden.

Natürlich ist Márai auch die Selbstironie nicht fremd – obwohl sie in der Regel dann zum Vorschein kommt, wenn er genügend Distanz zum Geschriebenen hat. In seinem Tagebuch ist oft von der 5000 Bände umfassenden Bibliothek in der Mikóstraße die Rede, dieser mächtigsten Bastion bürgerlicher Lebensweise, dieser Insel der Kultur, die während der Belagerung Budapests größtenteils vernichtet wurde. Was ihn im zerbombten Zimmer erwartete, beschreibt er so: »Meine Bücher liegen auf dem Boden herum, doch mein Schreibtisch, die beiden französischen Armsessel sind noch da; an der Wand, hinter heilem Glas, hängt unbeschädigt Hufnagels Stich von Kaschau … Alles andere ist kaputt« (II, 106). Am Ende hebt er ein Foto auf, das Lew Tolstoi und Maxim Gorki im Garten von Jasnaja Poljana zeigt, steckt es ein und geht. In Land, Land, ein Vierteljahrhundert später entstanden, erinnert er sich erneut an diese Szene, an die zertrümmerten Brandschutzmauern, den Schutthaufen, die zermalmten Bücher. Und an die Fotografie. Doch diesmal fügt er hinzu: »Nur [ein Buch] lag mit unbeschädigter Titelseite da, unmittelbar neben dem Zylinder. Ich hob es auf und las den Titel: Handbuch zur Pflege des zivilen Hundes. Ich steckte es ein und stieg vorsichtig den Schutthügel hinunter. In diesem Augenblick empfand ich – später habe ich viel darüber nachgedacht – eine merkwürdige Erleichterung« (S. 69). Der Leser mag kaum glauben, dass Márai tatsächlich auf dieses Buch gestoßen ist, dramaturgisch zu gut sitzt die Pointe. Obwohl es wirklich so passiert ist: Márai erwähnt den Band auch in seinem Tagebuch von 1945. Nur misst er ihm dort keine Bedeutung bei, erwähnt ihn nur beiläufig. Doch 1972 ist seine Selbstironie schon am Werk. Er hatte zu jenem Zeitpunkt bereits fast ein Vierteljahrhundert in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten verbracht, hatte erfahren, was Bürgertum in Wirklichkeit bedeutet, und konnte nun auch seine frühere Bürgertumsnostalgie in kritischerem Licht betrachten9.

Márai, der Tagebuchschreiber, erweckt als »letzter Bürger« den Eindruck eines auf einer hohen Warte über der Geschichte sitzenden einsamen Propheten. Der Wahrheit halber muss jedoch hinzugefügt werden, dass Ungarn seit 1943 von so viel Dreck und Schmutz überschwemmt wurde, dass Márai kaum eine andere Wahl blieb als die innere (und später äußere) Emigration. Das Ideal des Bürgertums diente ihm dabei als Rettungsring – und sich das bewusst zu machen ist vielleicht wichtiger, als seine Sicht des Bürgertums zu verurteilen.

Und das Gleiche gilt auch für seine maßlose Voreingenommenheit zugunsten der Bildung und seinen übertriebenen Glauben an die Macht des Geistes. Einer der wiederkehrenden Gedanken in seinen Tagebüchern ist, dass er stets versucht habe, der Nation mit Qualität zu dienen, diese davon jedoch nichts habe wissen wollen. Das war zweifellos der Fall. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, wie er im Zusammenhang mit der Machtübernahme der Pfeilkreuzler schreiben konnte, das Land sei deshalb so tief gesunken, weil »diese Gesellschaft fünfundzwanzig Jahre lang die Kultur verweigert hat« (I, 377), oder dass sich die Juden ihr Unglück auch selbst zuzuschreiben hätten, da zwischen den Weltkriegen geistig anspruchslose Juden durch ihre Zeitungen und andere kulturellen Erzeugnisse die allgemeine geistige Anspruchslosigkeit gefördert hätten. Das ist eine eher törichte Naivität. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung: In einem derart rechtsorientierten, betont rassistischen Milieu, in dem Begriffe wie »Bildung« und »Kultur« zum Teil als antisemitische Codes dienten, wird Márais Standpunkt, seine maßlose Voreingenommenheit zugunsten der Bildung, verständlich. Wenn Ferenc Herczeg nach 1919 bekundet: »Parolen wie Liberalismus, Kultur, Westen, Bildung – erfüllen uns heute mit Abscheu und Ernüchterung«10 (gleichsam als Vorwegnahme von Hanns Johsts Ausspruch von 1933: »Wenn ich Kultur höre […] entsichere ich meinen Browning«11), bringt er eine weit verbreitete antiliberale (und stillschweigend antisemitische) Haltung zum Ausdruck. Blieb Márai in einem solchen Milieu etwas anderes übrig, als allem zum Trotz an jenem Bildungsideal festzuhalten, das irgendwann im 18.Jahrhundert aufgetaucht war und als Kind der Aufklärung kaum zwei Jahrhunderte Bestand hatte? Er blieb selbst dann noch ein Bildungsbürger, als in Europa schon der »Bildungsphilister« (Friedrich Nietzsche) zu einem Anachronismus geworden war – und so gesehen haben wir es doch wieder mit einem charakteristisch ungarischen Schriftsteller zu tun, der in der Falle, der »Sackgasse der ungarischen Geschichte«, zappelnd, versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten.

* * *

Am 11.April 1943, seinem Geburtstag, notierte Márai: »Ich habe bisher dreiundvierzig Jahre gelebt. Und wenn ich noch einmal so lange lebe? Und sechsundachtzig bin? Werde ich dann mehr wissen? Glücklicher sein? Mehr Gewissheit über Gott und Mensch, das Natürliche und das Übernatürliche haben? Ich glaube nicht. Erfahrung bedarf der Zeit, aber jenseits eines bestimmten Grades der Erkenntnis vertieft die Zeit die Erfahrung nicht mehr. Ich werde einfach älter werden, nicht mehr und nicht weniger« (I, 114).

Márai hörte nie mehr auf, Tagebuch zu schreiben; er hatte jene Form entdeckt, die seiner Veranlagung und seinem Talent am meisten entsprach. Seine Tagebücher nahm er überallhin mit und setzte sie fort, wo immer er war. Auch in der Emigration, auch in den Vereinigten Staaten. 40Jahre später, in seiner San Diegoer Einsamkeit, halb erblindet, an der Seite seiner im Sterben liegenden Frau, kurz vor dem Tod seines Sohnes, stieß er am 11.Januar 1985 beim Durchblättern seines alten Tagebuchs von 1943/44 unvermittelt auf die oben zitierten Zeilen. Er übertrug sie in sein damaliges Tagebuch und setzte den 42Jahre früher entstandenen Eintrag so fort: »Diese Zeilen hallen seltsam aus dem Jahr 43, als das Buch gedruckt wurde, in das Jahr 85 herüber. Aus der Frage ist Wirklichkeit geworden, ein Jahr fehlt bis zum 86. Und ich weiß nicht mehr. Eher ist es so, dass ich zusammenkratze, was ich schon vor 43Jahren gewusst, aber inzwischen verloren, vergessen habe« (Tagebücher 1984–1989, S. 60).

Aus dem Ungarischen von Akos Doma

1 Zitate aus Márais Tagebüchern 1943/44 werden im Folgenden mit I und der Seitenangabe der deutschsprachigen Ausgabe versehen. Zitate aus den Tagebüchern 1945 mit II.

2 Sándor Márai, A teljes napló 1946, Helikon, Budapest 2007, ins Deutsche übertragen von Akos Doma für dieses Vorwort; im Folgenden zitiert als III.

3 Der »Geist von Szeged« war ein rechtsradikales Programm nach dem Sturz der Räterepublik in Ungarn, das sich die Verwirklichung des sogenannten »christlich-nationalen Kurses« zum Ziel setzte und sich betont nationalistisch und antisemitisch gab. Unter den Verfassern des »Geistes« befanden sich auch Horthy sowie Gyula Gömbös, der 1932–36Ministerpräsident war (das erste ausländische Staatsoberhaupt, das Adolf Hitler nach seiner Machtergreifung besuchte) und alles tat, um Ungarns Abgleiten in den Faschismus voranzutreiben.

4 Unter den zeitgenössischen Schriftstellern teilten Béla Balázs und Béla Hamvas, beide ebenfalls aus Oberungarn, sowie Kosztolányi, dessen Geburtsstadt Jugoslawien angeschlossen worden war, sein Schicksal.

5 Als 1946 Eduard Beneš, der damalige Staatspräsident der Tschechoslowakei, mit dem Ziel der ethnischen Homogenisierung Tausende von Ungarn aus Oberungarn auszusiedeln begann, nahm Márai einen radikal anderen – aber genauso berechtigten – Standpunkt ein.

6 Das beschreibt Márai in seinem Tagebuch von 1946. Tatsächlich wurde das Tragen des gelben Sterns jedoch schon am 29.März obligatorisch.

7 Imre Kertész, »Hommage an Fejtö«, in: ders., Die exilierte Sprache, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004, S. 184.

8 Die Spaltung der ungarischen Literatur der Zwischenkriegszeit in völkische und urbane Schriftsteller war so ausgeprägt und bestimmend, dass viele in Ungarn die Schriftsteller noch heute danach klassifizieren. Der Unterschied zwischen völkischer und urbaner Literatur, ihr mal feindliches, mal alliiertes Verhältnis zueinander, ist aus ausländischer Sicht praktisch nicht zu begreifen. Die Verbürgerlichung stellte in dem damals halbfeudal eingerichteten Land ein genauso dringendes Problem dar wie die Lösung der Lage des Bauerntums (des »Volkes«). Beide literarischen Lager formierten sich je nach Schwerpunkt. Dass sie nicht oder nur schwer miteinander auskamen, ist ebenfalls eine Folge dieses halbfeudalen Zustands. Reaktion erzeugt Gegenreaktion: Je mehr die urbanen Schriftsteller auf einer ihnen als zeitgemäß erscheinenden literarischen Sprache und Ausdrucksweise beharrten, umso bereitwilliger unterwarfen sich die völkischen Schriftsteller einer gemeinschaftlichen, antimodernen Gesinnung. Während die urbanen Schriftsteller bürgerlich eingestellt waren, obwohl ein Bürgertum kaum existierte, stellten sich die völkischen Schriftsteller so in den Dienst der Gemeinschaft, dass sie das Schicksal des Individuums, dieses zentrale Problem des 20.Jahrhunderts, praktisch ausklammerten.

9 1989, kurz vor seinem Tod, erklärte Márai: »Man bekommt zwei Vignetten verpaßt. Die eine lautet: ›Bürger‹, die andere: ›europäisch‹. Sie heften sie auf einen wie eine Tafel auf ein Denkmal. – Aber Denkmälern ergeht es so: Erst bestaunen es die Schulkinder, dann kommen die Hunde und pinkeln es an.«

10 Zit.n.: Levente Püski, »Die Bethlensche Konsolidierung und die Judenfrage«, in: Rubicon, 2004/11, S. 62.

11 Hanns Johst, Schlageter (1933), I.Akt, 1.Szene.

Augenblicke, in denen die Stille – in uns und um uns – so groß wird, dass wir das geheime Ticken des Weltmechanismus zu hören glauben.

Ein Toter in Pistoia, in der Kirche.

Niemand kümmerte sich um ihn. Man hat ihn aufgebahrt, den Sarg ohne Schmuck und ohne Blumen in der Kirche abgestellt und ist weggegangen.

Am Nachmittag trat ich ein, ziellos, wie man in den Kirchen italienischer Kleinstädte umherzustreifen pflegt. Ich war aus Florenz gekommen, mit dem Wagen. Der Frühling ging zu Ende, es sah nach Regen aus. Unter dem violetten Himmel bogen sich entlang des Weges Zypressen im warmen Wind. Die Luft war schwer mit dem schwülen Duft von Lorbeer und Mimose, dem Geruch der Regenwolken, als trocknete feuchte, schlampig gewaschene, graue Unterwäsche in den Höhen. Eine schirokkohafte Leidenschaft huschte zwischen den schwarz-weißen Steinen des toskanischen Städtchens, als trieben sich noch immer Guelfen und Ghibellinen in den Häusern herum. Dante erwähnt Pistoia.

Der Tote setzte mich in Erstaunen. Er lag so einsam da, so schmucklos, so bar jeder Festlichkeit und falscher Pietät wie jemand, der seinen Verwandten und Landsleuten nicht einmal durch die Tatsache seines Todes eine geheuchelte kleine Ehrenbekundung abzuringen vermocht hatte. Er starb, wurde in einen Sarg gelegt, mitten in der Kirche abgestellt. Der Küster würde ihn am Morgen schon finden.

Ich war jung und hatte in meinem Leben noch nicht viele Tote gesehen. Diesen konnte ich nun ungestört, beliebig lange betrachten. Sonst hatten stets Weihrauch, Gesang, schwarz-weiße Draperien, Klagegeschrei und viele Blumen die Toten umgeben. Dieser Tote war ungeschmückt: ein Mann in mittleren Jahren, in schwarzem Gewand, zwischen vier Brettern. Seine gelbe Nase überragte mächtig den zahnlosen Mund. Er wirkte ernst, gleichgültig. Seine Kleider glichen denen eines Armen, wenn er sich festlich, schwarz anzieht.

Da begriff ich zum ersten Mal, dass der Tod nichts Schreckliches, sondern Gleichgültigkeit ist. Und auch eine Art Fest, bei dem man sich schwarz kleidet. Wenn er stirbt, wird jeder zum Armen und kleidet sich schwarz.

Die Tabaktrafikantin, die nie vorrätig hatte, was ich gerade verlangte. Sie saß in einer kleinen Bude an der Straßenecke zwischen ranzigen Töpfen, lumpigen Häkeleien, abgegriffenen Papierbögen. Durch den Spalt, bei dem sie die Ware hinausschob und das Geld einstrich, strömte aus dem Budeninneren ein Geruch wie aus einem Pumakäfig auf die Straße. So saß sie inmitten ihrer muffelnden Näpfe, alt, mit rotem, aufgequollenem Gesicht, zerzausten grauen Haaren, leeren, blauen, immerfort tränenden Augen, und bot etwas feil, was sie gerade nicht da hatte. Verlangte ich Zigaretten, konnte sie mir keine geben, aber »die Lieferung ist gerade unterwegs«. Verlangte ich Briefmarken, empfahl sie mir Streichhölzer. Bat ich um Streichhölzer, wollte sie mir Briefpapier aufdrängen. Verlangte ich Zigarren, lächelte sie mit einem Anflug von Hochmut wie jemand, der für müde, eitle Scherze nichts übrig hat. Wollte ich die Morgenzeitung haben, versuchte sie mir die Zeitungen vom vergangenen Abend oder zwei Wochen alte Magazine anzudrehen.

Manchmal glaubte ich, dass sie mich foppte. Jahrelang ließ ich nicht locker, führte zur Probe Kontrollen durch, überquerte die Straße, blieb – im Winter, bei Nebel – vor ihrer Bude stehen und verlangte etwas mit tiefer, verstellter Stimme. Sie ließ sich nie täuschen: Sie habe die gewünschte Ware gerade nicht vorrätig, aber »sie ist schon unterwegs«. Immer versprach sie alles für den nächsten, übernächsten Tag. Mir war es unbegreiflich, wovon sie eigentlich lebte, wovon sie die ranzigen Esswaren für ihre Töpfe, das Heizmaterial für den eisernen Ofen kaufte. Sie war vollkommen und makellos wie ein Meisterwerk der Natur. Zehn Jahre lang beobachtete ich sie, stellte sie auf die Probe. Später blieb ich nur noch einmal pro Jahreszeit vor dem Fenster ihrer Bude stehen und verlangte etwas. Aber sie erkannte mich sofort: »Memphis?«, sagte sie schadenfroh, »habe ich nicht. Vielleicht Mirjam gefällig?«

Das Erwachen an frühen Wintermorgen, wenn du spürst, dass du noch gesund bist, Zeit und Alter noch nicht an dir nagen. Kleidest dizitternd, aber gut gelaunt im eisigen Zimmer an. Auf den Straßen treibt Schnee im frostigen Wind; die ersten Straßenbahnen spucken im Dunkeln ein heiseres gelbes Licht, wie Zechbrüder, wenn sie sich frühmorgens mit krächzender Stimme räuspern.

Das Dampfbad an winterlichen Morgen. Ich bin der erste Gast. Das Wasser ist sauber, durchsichtig blassgrün. Der einäugige Apotheker entspannt sich am Fuß des Brunnens im Wasser wie ein einsamer Zyklop. Emsig kneift und knetet der Masseur deine Muskeln, als wollte er dich loben, dass du noch nicht im Schlamm und Spülicht des Lebens verrottet bist. Der Masseur benutzt ein Pseudonym. Man nennt ihn »Viktor«. In Wahrheit heißt er Károly. Warum? … »Das ist sein Künstlername«, erwidert der Bademeister ernst.