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Es ist die Nacht vor der Scheidung, in der der angesehene Budapester Arzt Imre Greiner seinen Freund aus Jugendzeiten, den Richter Kömüves, um ein dringendes Gespräch bittet. Nur von ihm glaubt er Antwort auf eine entscheidende Frage zu erhalten. Obsession und existentielle Einsamkeit, emotionale Nähe und der Zerfall einer Lebensordnung – unter der Vorahnung des Zweiten Weltkriegs verbinden sich die Schicksale dreier Menschen auf tragische Weise. »Ein Liebes-Beziehungs-Drama am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, psychologisch tieflotend und brillant erzählt.« Focus
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Veröffentlichungsjahr: 2012
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Übersetzung aus dem Ungarischen von Margit Ban
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe
1. Auflage 2005
ISBN 978-3-492-96006-9
© Nachlaß Sándor Márai Vörösváry-Weller Publishing, Toronto Titel der ungarischen Originalausgabe: »Válás Budán«, Révai Verlag, Budapest 1935 Deutschsprachige Ausgabe: © 2004 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Dorkenwald Grafik-Design, München
»Was er des Tags erbaute,
es stürzte in der Nacht …«
Szekler Volksballade
1
Zu Anfang September war es noch sehr heiß. An einem solchen Frühherbstnachmittag, der von Sonne durchglüht war, studierte der junge Richter Christoph Kömüves in seinem Amtszimmer die Akten der Scheidungsprozesse.
Ein Fall erregte seine besondere Aufmerksamkeit, weil er das Ehepaar, das am nächsten Tag geschieden werden wollte, persönlich kannte. Der Ehemann, ein bekannter junger Arzt, Leiter des Laboratoriums einer hauptstädtischen Heilanstalt, war sein Schulkamerad gewesen. Sie hatten zusammen die Unterprima besucht und einander auch später noch bei geselligen Anlässen des Universitätslebens, bei Bällen und Versammlungen getroffen. Der Richter hatte stets gern an diesen bescheidenen, stillen, fast schüchternen Schulgenossen zurückgedacht. Jetzt, als er die Akten durchblätterte, stand die Gestalt des Arztes klar vor ihm: Er sah wieder den zwei- oder dreiundzwanzigjährigen jungen Mann, wie er bei einem längst vergangenen Universitätsball in der prächtigen Halle eines großen Hotels herumstand und mit belegtem Lächeln undder hilflosen Geste des in der großen Welt nicht beheimateten Menschen die freundlich-herablassenden Fragen der hohen Herren beantwortete. In der Gruppe befand sich auch er, der junge Rechtspraktikant, der plötzlich Sympathie für den schon fast vergessenen Schulkameraden empfand.
Dies war der Augenblick einer jäh aufflammenden, durch nichts begründeten Zuneigung. Dann jedoch, als wären sie durch unüberwindliche Schranken getrennt, gingen sie mit wenigen oberflächlichen Worten und höflichem Lächeln aneinander vorbei. Die unbeholfenen und zaghaften Annäherungsversuche wiederholten sich: Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, begrüßten sich freundlich, wußten aber zugleich, daß auch diese Begegnung nur zu einem flüchtigen Händedruck und einigen verlegen gestammelten Worten führen würde, obgleich sie über mehr und »anderes« sprechen wollten.
Worüber eigentlich? Der Richter verlor sich in Gedanken und trat versonnen ans Fenster. Vom Gefängnishof drang das Rumpeln eines Lastwagenszu ihm hinauf. Er hörte die Befehle der Gefängniswärter, dann den dumpfen Fall schwerer Gegenstände, wahrscheinlich waren es Säcke. Diese Zeichen menschlicher Betriebsamkeit drangen in die Stille seines Amtszimmers, dessen Fenster gegenüber der von kleinen Luftlöchern unterbrochenen Feuerwand des Gefängnisses lag. Er, als ein im Rang untergeordneter, am Anfang seiner Laufbahn stehender Beamter, hatte vorerst diesen wenig komfortablen, im Sommer stickigen, an Winternachmittagen schon frühzeitig dunklen Raum erhalten. Die straßenseitig gelegenen größeren Zimmer wurden von den älteren und höhergestellten Beamten genutzt, und er hielt dies auch für durchaus angemessen. Ja, nun sah er es deutlich, im Hofe hoben Gefangene Säcke von einem Lieferwagen und verschwanden mit ihrer Last auf den Schultern im Gänsemarsch hinter der Falltür des Untergeschosses.
Der Richter arbeitete bereits seit drei Jahren in diesem Zimmer und beobachtete täglich einige Minuten lang das Leben und Treiben dort unten. Die Sträflinge wurden zum Spaziergang auf diesen Hof geführt, die Angehörigen der Verhafteten und Verurteilten eilten in der Besuchszeit hierher, und dies war auch der Weg der Gefangenen, wenn sie zum Verhör oder zur Verhandlung ins Gerichtsgebäude bestellt waren. Bis zum Überdruß kannte Kömüves die eintönige Melodie dieser traurigen, düsteren Welt, aber es verging trotzdem kein Tag, an dem er sich nicht ans Fenster gestellt und dem Treiben eine Weile zugesehen hätte, als wollte er sich immer wieder vom Gleichmaß des Geschehens überzeugen. Das Leben im Gefängnishof schien ihm wie der Betrieb in einer Fabrik, in der sich täglich, auf die Minute genau, dasselbe vollzieht – und vielleicht ist das Vollzogene gar nicht so furchtbar, wie der Außenstehende meint; es ist vielleicht nur traurig und hoffnungslos. Immer wenn er die Feuerwand des Zuchthauses und den mit Eisentüren gesicherten Hof sah, überkam ihn dieses Gefühl.
Imre Greiner, Doktor Imre Greiner, dachte er zerstreut, denn so hieß der Arzt, der sich jetzt von seiner Frau scheiden lassen wollte. Kömüves las noch einmal aufmerksam die Personalien des Arztes, suchte nach gemeinsamen Erinnerungen. Doktor Greiner stammte aus Oberungarn, seine Vorfahren waren von Deutschland eingewandert. Er war, obwohl ein Mitschüler von Kömüves, ein halbes Jahr älter und bereits im Juni achtunddreißig geworden, während der Richter erst im Dezember Geburtstag hatte, was ihn, ohne daß er es hätte begründen können, ein wenig verstimmte.
Auch das Alter der Frau überraschte ihn. Frau Imre Greiner, geborene Anna Fazekas, war schon über dreißig. Er rechnete nach und überließ sich seinen Gedanken. Nun, da Menschen von Fleisch und Blut aus den Akten heraustraten, entsann er sich auch verschiedener Begebenheiten. Zum Beispiel eines besonders heißen und schwülen Sommertages vor neun Jahren, als er auf der Margareteninsel – jener reizvollen Insel inmitten der Donau zwischen den beiden Ufern von Buda und Pest – dem Mädchen Anna Fazekas begegnet war. Damals hatte sie wohl Doktor Greiner noch nicht gekannt, er zumindest wußte nichts von einem Verlöbnis. So wanderten sie eines Abends, gemeinsam mit Annas Freundin und deren Vater, nebeneinander auf dem Inselpfad. Christoph Kömüves trug Annas Tennisschläger, blau und weiß gestreift war ihr Sommerkleid, dunkel beschattet der Weg, auf dem sie gingen und über einen Ausflug auf der Donau sprachen. Im Schein einer Bogenlampe betrachtete er ihr Profil, ihr Antlitz, das sich ihm in der schwachen Beleuchtung zugewandt hatte, und er hörte ihre Stimme, die weich und zärtlich war – aber vielleicht bildete er sich diese Sanftheit, den unbestimmten, schwebenden Ton in ihrer Stimme auch erst jetzt, nachträglich, ein. Vor dieser Begegnung hatte er sie nur zwei- oder dreimal gesehen. Ihr Vater war Schulinspektor in der Provinz gewesen. Nach seiner Pensionierung war er mit der Familie nach Budapest gezogen. Schon vordem aber war das Mädchen in einem Pensionat in der Hauptstadt erzogen worden.
Worüber sprachen sie damals eigentlich? Er erinnerte sich der Worte nicht mehr, aber die Stimme des Mädchens – sie war doch weich und zärtlich gewesen – klang ihm auch jetzt noch im Ohr … Sie waren dann eine Zeitlang schweigend auf den dämmrigen Wegen gegangen, bei einer Biegung war er stehengeblieben, und sie hatte sich ihm sofort zugekehrt, als wollte sie etwas sagen. Aber wortlos waren sie dann weitergewandert bis zur Brücke, wo sie voneinander Abschied nahmen.
Am nächsten Morgen fuhr er auf Urlaub, blieb vier Wochen in einem österreichischen Kurort und lernte dort seine Frau kennen, die er dann im folgenden Jahr heiratete. Während der Monate, in denen er seiner zukünftigen Frau schon den Hof machte, verkehrte er noch in der Gesellschaft und bei Familien mit erwachsenen Töchtern – jedoch glaubten die interessierten Mütter und Mädchen durch ihren geheimnisvollen weiblichen Nachrichtendienst bereits zu wissen, daß er verlobt sei. Während dieser Zeit sah er Anna Fazekas wieder. Eine auffallend schöne Gestalt hatte dieses Mädchen, vielleicht war sie sogar eine Schönheit? Der Richter blickte wieder auf den Hof hinab, als suche er jemanden; nun war der Lieferwagen leer, und die Gefängniswärter begleiteten die letzten der beiden Lastenträger zu der Eisentüre. Kömüves sah noch, wie sich das Tor hinter ihnen schloß, dann kehrte er zu den Akten zurück.
Die Unterlagen entsprachen den gesetzlichen Vorschriften. Die Eheleute hatten sechs Monate lang getrennt gelebt und verlangten die Scheidung der Ehe wegen »böswilligen Verlassens«.
Der Richter kramte aus der unteren Lade seines Schreibtischs eine Schachtel mit selbstgedrehten Zigaretten hervor und füllte sein ledernes Etui. Einer anderen Lade entnahm er eine bessere Sorte, die eigentlich nur seinen Besuchern zugedacht war – denn er selbst begnügte sich mit den billigen, die Hertha und das Kinderfräulein zu Hause drehten –, jetzt aber ging er in Gesellschaft und würde vielleicht anbieten, also gab er für alle Fälle noch einige mit goldenem Mundstück in die Tabatiere. Er ordnete sie in eines der Fächer ein und bedachte dabei, daß diese kleinen, gefälligen Verpflichtungen jenen geringen Gehaltsüberschuß aufbrauchten, durch den sein und seiner Familie Leben etwas bequemer, ruhiger und ökonomischer hätte gestaltet werden können. Er begnügte sich mit billigem Tabak, und er hätte sich auch mit einfacherer Kleidung, bescheidenerer Wohnung begnügt. Die repräsentativen Zigaretten mit goldenem Mundstück war er der Welt schuldig!
Dieser Überlegungen war er allmählich überdrüssig, und jetzt, da sie ihm wieder einfielen, weil er an einer Gesellschaft teilnehmen wollte, bei der er pflichtgemäß zu repräsentieren hatte, seufzte er kurz auf und lächelte verbittert. Er seufzte, weil ihm die meisten gesellschaftlichen Pflichten lästig waren, und er lächelte, weil er wußte, daß er an alldem nichts ändern konnte.
Dann legte er die Akten genau aufeinander und sperrte mit mechanischen Handgriffen die übrigen Zigaretten und einige Gebrauchsgegenstände in die Lade: seine Füllfeder, die Lupe und ein kleines Glas mit grüner Tinte, deren Farbe ihm besonders zusagte. Es war ihm stets, als fehlte etwas, wenn diese Tinte durch seine oder des Amtsdieners Vergeßlichkeit eingetrocknet war oder wenn das Glas zufällig nicht auf dem Schreibtisch stand.
Anna Fazekas und Imre Greiner! So dachte er wieder und steckte den Schlüssel in die Tasche. Es war halb sieben vorbei, und das große Gebäude lag zu dieser Stunde still und verlassen. Er suchte die Erinnerung an die letzte Begegnung mit Anna, konnte sich aber nicht erinnern. Möglichst selten war er in den letzten Jahren ausgegangen. Er lebte zurückgezogen und beschied sich, vielleicht etwas zu früh für seine Jahre, mit dem geschlossenen Kreis seines Berufs und seiner Familie. Ungern stellte er dies fest, weil er fühlte, daß dieser Tatsache etwas zugrunde lag, was er nicht näher untersuchen wollte. Von Anna Fazekas’ Vermählung erfuhr er damals aus Zeitungen, und jetzt fiel ihm auch der Augenblick ein, da er mit überraschtem Befremden feststellte, daß Imre Greiner, eben jener Schulkollege, an den er gern und mit Wohlwollen zu denken pflegte und mit dem er, wenn sie einander zuweilen begegneten, doch nicht plaudern konnte, das Mädchen geheiratet hatte, mit dem er selbst einst an einem Sommerabend über die dämmrigen Inselpfade gegangen war.
Hier aber blieb er in seinen Gedanken stehen. Wer war denn Anna Fazekas? Sie hatte ihm doch nicht mehr bedeutet als jede andere flüchtig Bekannte! Als er noch ledig war, sah er sie zwei- oder dreimal, und dann traf er sie auch noch später, aber da war er schon verheiratet. Hatten ihm denn diese Begegnungen mehr bedeutet als die mit anderen jungen Mädchen und Frauen, die er wohl kennengelernt hatte, deren Vornamen er aber kaum noch wußte? Und doch hatte es ihn überrascht, daß Doktor Greiner und Anna Fazekas ein Paar geworden waren. Anna Fazekas, die sich ihm einmal auf einem Inselweg im Abenddämmer zugewandt hatte – und die dann dennoch schwieg. Jetzt aber lagen auf dem Schreibtisch diese Akten. So spielt das Leben, dachte er zerstreut und lachte leise und spöttisch, als wollte er sich dieser banalen Feststellung wegen tadeln.
Auf dem Stapel lagen auch die Akten dreier weiterer Prozesse, und er betrachtete ärgerlich die Schriftstücke. Wäre er Strafrichter gewesen, so hätte er sich geweigert, sich eines Falles anzunehmen, der Bekannte betraf – und wären es auch nur entfernte Bekannte, so wie dieser ehemalige Schulkollege und Anna Fazekas –, die Unterlagen dieser Scheidungsklage aber entsprachen den Bedingungen, und wenn sich inzwischen nichts Außergewöhnliches ereignet hatte und der Aufruf zur Versöhnung erfolglos bliebe, würde er morgen mittag die Ehe von Imre Greiner und seiner Frau kraft des Gesetzes trennen. Es gab keinen Grund, einen Kollegen zu bitten, die Verhandlung an seiner Stelle zu führen.
Es war schon spät. Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. Langsam ging er durch die gewundenen vertrauten Gänge des großen Gebäudes, in dessen Treppenhaus ihn der alte Torwächter achtungsvoll und ein wenig vertraulich grüßte. Diese kaum erkennbare Vertraulichkeit, die ein Fremder wahrscheinlich nicht wahrgenommen hätte, fiel dem jungen Richter jedesmal auf, wenn er das Gebäude betrat oder es verließ. Wohl störte es ein wenig sein jugendliches Selbstbewußtsein, war ihm aber zugleich angenehm. Es war das Benehmen des untergeordneten älteren Staatsangestellten, der auf solche Art den im Range viel höher stehenden, einer anderen Gesellschaftsklasse angehörenden Richter grüßte. Kömüves verstand diese Vertraulichkeit, diese ehrfurchtsvoll-väterliche Zärtlichkeit; er nickte zurückhaltend, aber freundlich, denn der aus dem Bauernstand stammende Pförtner gehörte ja ebenfalls der großen und weitverzweigten Familie an, deren Miglied auch Kömüves war. Unter dem Torbogen blieb der junge Richter stehen und stellte die Zeiger seiner Armbanduhr nach der Uhr im Treppenhaus. Er dachte an den Gefängnishof, an die Akten auf seinem Schreibtisch, an diese korrekte und vertraute Atmosphäre, in der er sich, umgeben von Richtern, Beamten und Amtsdienern, geborgen fühlte, und wie schon so oft ging er auch jetzt beinahe mit Bedauern von hier fort, später als alle übrigen Richter, als verließe er ungern die Arbeitsstätte, gleich dem Mönch, der nur zögernd aus dem Tor des Klosters in die Welt hinaustritt.
2
Er war für den späten Nachmittag eingeladen – für eine Art Sieben-Uhr-Tee, der zugleich Abendessen war. Die Gäste wurden mit Tee, Kaffee, Wein und kaltem Braten bewirtet. Man kam und ging zwanglos, und die Gesellschaft blieb, an kleinen Tischen sitzend, oft bis in die späte Nacht. Ein solch ungebundenes Zusammensein bedeutete für die Gastgeber selbstverständlich Erleichterung und einen viel weniger strengen Ablauf als die festlichen, ernsten Diners. Man lebte im Zeichen der Sparsamkeit, und der Mittelstand, dieser mit einem Mädchen für alles wirtschaftende, die gekürzte Pension oder das kleine Gehalt ängstlich und doch geschickt einteilende gebildete höhere Mittelstand, der den Anschein der würdigen und standesgemäßen Vornehmheit wahrte und in verwandtschaftlichem Klassenbewußtsein fest und schamhaft zusammenhielt, versuchte mit solch einfachen Lösungen die gelockerten Formen des geselligen Lebens zu wahren. Auch Kömüves und seine Frau hatten schon einige Male ihre Freunde zu solch modern-anspruchslosen Zusammenkünften geladen, die die einstigen reichhaltigen Diners ersetzten. Diese Art der Gastfreundschaft ersparte den Gastgebern und den Dienstboten doch ein wenig Kosten und Mühe.
Unterwegs bedachte der Richter, wie sehr sich doch in diesen Jahren alles veränderte, wie alles auseinanderfiel – auch die Formen des geselligen Lebens.
Er liebte die bescheidene, gebildete Gesellschaftsklasse, deren Mitglied er war, und betrachtete sie als eine große Familie. Er teilte ihre Neigungen und fühlte sich für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit, sowohl in seinem Amt als auch im Privatleben, verantwortlich.
Gemächlich schlenderte er über die Brücke, die nach Buda führte. Wie er so, die Hände auf dem Rücken verschränkt, mit etwas vorgebeugtem Oberkörper, den Blick zu Boden gerichtet, inmitten der eiligen, von der Arbeit heimkehrenden Passanten einherging, wirkte er älter, als er war. Christoph Kömüves war frühzeitig ergraut und hatte in den letzten Jahren, seit er in die Zentrale berufen worden war und eigentlich den ganzen Tag sitzend verbrachte, ein wenig zugenommen. Dieser körperliche Zustand war ihm nicht angenehm, denn in tiefster Seele verabscheute er jede Lässigkeit, so auch das bequeme Sichgehenlassen des Körpers. Er neigte zur Verherrlichung der Askese und betrachtete mit Wohlwollen alle Arten des modernen Sports, davon überzeugt, daß, wer der Bequemlichkeit und den leiblichen Wünschen allzusehr huldigt, auch seelisch nachlässig wird und geistig verfettet. Zwar war er keineswegs dick zu nennen, auch lebte er enthaltsam und mäßigte sich bei Essen und Trinken; seit einigen Jahren aber nahm dieser Verfall, diese Lockerung in seinem Organismus, überhand.
Er beobachtete diese Erscheinung mißtrauisch, verachtete sie ein wenig und bekämpfte sie zeitweilig mit dem Entschluß, seine Lebensweise zu ändern. Wenn er sich auch nicht zu einer jener modernen und jetzt so beliebten Abmagerungskuren entschließen konnte, hielt er sie doch für weibisch und seiner unwürdig, so ertappte er sich dennoch von Zeit zu Zeit dabei, daß ihn sein körperlicher Zustand ernsthaft beschäftigte. Ja, er wirkte älter, als er war, fast wie ein gesetzter Herr von mindestens vierzig Jahren, bereits ergraut und mit dem Ansatz eines Bäuchleins. Gelegentlich scherzte er darüber mit guten Freunden, die ihm sagten: »Ein Bauch bedeutet Ansehen.« Dies tröstete ihn, denn er war stets bemüht, eine Würde auszudrücken – sei es nun in Bewegungen oder Gesten –, mit der er von seiner Jugend ablenken wollte. Er betonte das Ansehen des Bürgers und Richters in Auftreten, Sprechweise und Lebensführung.
So frühzeitig wie zu den grauen Haaren war er eigentlich zu allem in seinem Leben gekommen: zu den ersten Stufen seiner Karriere, zu der Gesetztheit, den Familiensorgen und zu Ansehen. Was war der Grund zu dieser Hast? Vielleicht der Tod – so dachte er in trüben und unruhigen Stunden –, vielleicht eine tiefe und geheime Todessehnsucht oder Todesangst, und seit geraumer Zeit meinte er, diese beiden wären ein und dasselbe. Diese Ansicht hatte er in einem ganz bestimmten Augenblick gewonnen, der im seltsamen Tagebuch seines Privatlebens genau verzeichnet stand: Es war dies der Augenblick, da er vor eineinhalb Jahren zwischen zwei Verhandlungen zum erstenmal von einem sonderbaren Schwindel befallen worden war, der sich seitdem in unregelmäßigen Abständen wiederholte. Dieses Schwindelgefühl war erschreckend und beschämend zugleich, es gehörte nicht zu einem Richter und auch nicht zu einem Bürger, und Christoph Kömüves verachtete sich dafür.
Natürlich war es nicht seine Schuld, selbstverständlich nicht. Eine physische Störung, ein vorübergehendes Unwohlsein, Überarbeitung – so sagte auch der Arzt. Als nämlich der Anfall sich ein zweites und sogar ein drittes Mal wiederholte, als er mittags mit einem Taxi aus der Stadt heimkommen mußte, weil ihn der Schwindel während eines Spaziergangs überrascht hatte, war er zum Arzt gegangen, um sich gründlich untersuchen zu lassen. Es beruhigte ihn sehr zu erfahren, daß er keine organische Krankheit habe und daß sein Herz gesund sei. In seiner Familie hatten seine Verwandten sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits ein hohes Alter erreicht, und er selbst hatte immer maßvoll gelebt. Es waren also Nervosität und Erschöpfung. Seit einigen Monaten nahm er sich vor Nikotin in acht – Rauchen war seine einzige Leidenschaft, und ihr wollte und konnte er nicht völlig entsagen –, daraufhin fühlte er sich viel wohler. Es flimmerte nicht mehr vor seinen Augen, es kribbelte nicht mehr in den Gliedern, und die Schwindelanfälle hatten sich nicht mehr wiederholt.
Eine mäßige Lebensweise, weniger Zigarren und Zigaretten, etwas körperliche Bewegung, leichter Sport, Spaziergänge – seit einigen Monaten ging er jeden Morgen zu Fuß ins Amt und am Abend zu Fuß nach Hause –, das alles hatte zweifellos geholfen. Das erniedrigende und beschämende Gefühl, daß jederzeit etwas geschehen könnte, was nicht zu ihm gehörte und nun gleichsam aus dem Dunkel zum Vorschein kam, wiederholte sich nicht mehr. Ein bitterer Nachgeschmack aber blieb in seinen Nerven zurück. Ja, die Nerven! Jeder war heutzutage »nervös«, und Kömüves verachtete die Nervosität, gab aber diese Meinung nie in Worten kund. Ein anständiger, ehrenhafter Mann durfte nicht nervös sein, es sei denn, er hatte ein Nervenleiden geerbt. Nervös zu sein war nur eine Ausrede, wohlfeile Verteidigung einer Epoche, die damit eine strenge Verantwortung achselzuckend von sich weisen wollte. Man war krank oder gesund, keinesfalls aber nervös. Verächtlich blickte er auf diese nervöse klägliche Welt, die nicht Herrin ihrer Wünsche war, diese unverantwortliche Welt – verächtlich auch blickte er auf die »modernen« nervösen Ehen, aus denen Mann und Frau leichtfertig zum Richter zu flüchten pflegten, und auf die »nervösen« Verbrecher, die sich mit eingebildeten, aus der Kindheit stammenden seelischen Schocks entschuldigten und dem Richter beteuerten, sie seien gegen ihren Willen und ihre Absicht, aus Neigung und unwiderstehlichem Zwang zur Tat getrieben worden. Nein, Kömüves glaubte nicht an unwiderstehlichen Zwang und lehnte diese Ausrede ab.
Das Leben war eine Pflicht, die man zu erfüllen hatte, eine oft lästige und komplizierte Pflicht, und manches war nur durch Selbstaufopferung zu ertragen. Er vermochte diese Menschen wohl zu bedauern oder zu bemitleiden, konnte ihnen aber keine Absolution erteilen. Er glaubte an den Willen. Der Wille war alles. Nur Wille und freiwilliger Gehorsam, mit einem milderen Wort: Demut, christliche Demut, konnte dem Menschen über die unerträglichen – war dieses Wort nicht übertrieben, modern, überschwenglich? –, die schwer erträglichen Martern des Lebens hinweghelfen.
Unerträglich! Noch einmal wog er diesen Ausdruck, denn er liebte es, mit dem Gewicht der Worte zu spielen, und es wurde ihm zur Gewohnheit, den tiefen Sinn auch zufällig hingeworfener Worte zu prüfen. Er war besonders streng solch verdächtigen Worten gegenüber, die aus einem vom Verstand nicht gezügelten Bereich so vorlaut in Gespräche oder Gedanken sprangen. War das Leben unerträglich? Kömüves schätzte die Zivilisation, die mit ihren Lichtsignalen und Motorgeräuschen rings um ihn blitzte und knatterte, nicht sehr hoch ein. Er kannte die einschränkende Kraft dieser Zivilisation, er rechnete mit ihrer Zensur und achtete sie als Geborgenheit, in welcher der Mensch mit seinen im Zaum gehaltenen Trieben Unterschlupf fand. Diese Zensur hatte natürlich ihren Preis – könnte es aber anders sein? Es war seine Sache, Sache des Richters also, den Trieben zu gebieten, die gegen die Disziplin der Zivilisation aufbegehrten.
Nie zuvor war das Amt des Richters zur Rettung und Erziehung der Gesellschaft so wichtig gewesen wie eben in dieser unruhigen Epoche. Kömüves war sich seiner Aufgabe bewußt und war bemüht, all sein Streben und all seinen Glauben in den Dienst dieser Berufung zu stellen. Ein Richter hatte heute nicht mehr nur die Aufgabe, den Schuldigen zu bestrafen und dem Unschuldigen zu seinem Recht zu verhelfen. Heute handelte es sich um die Zivilisation schlechthin, um den Frieden einer Gesellschaft, um die überkommenen Formen, deren Kraft bisher das Leben erhalten und gestaltet hatten und die nicht durch geheim wirkende, verdächtige Hände zerstört und beschmutzt werden durften. Er würde auf seinem Posten jedenfalls auf der Hut sein. Verdiente aber diese Zivilisation eine solch schrankenlose Verteidigung? War sie unschuldig? Hatte diese motorisierte, genußsüchtige Zivilisation noch diesen Wert? Hing das seltsame Schwindelgefühl, das unbedeutende, gottlob in keinerlei organischer Krankheit begründete Schwindelgefühl, diese verworrene, ein wenig erniedrigende Auflehnung seiner Nerven, nicht vielleicht mit dem Zweifel zusammen, den er gegen die Gültigkeit der herrschenden Formen, gegen den moralischen Inhalt der um jeden Preis geschützten Zivilisation hegte?
Dies waren Fragen, die Kömüves auf dem Richterstuhl mit fester Stimme entschieden zurückgewiesen hätte – höchst zeitgemäße Fragen aber, die vom geheimnisvollen Tiefwasser der Seele von Zeit zu Zeit emporgespült wurden. An ein soziales Idyll glaubte er nicht mehr. Die Gesellschaft war auf der Suche nach neuen Lebensformen, und ihm, dem Richter, kam es zu, auf diejenigen zu achten, die, bewußt oder irrgeführt oder nur aus Feigheit und Nervenschwäche, gegen die Zensur der alten Gesellschaft rebellierten.
Er war ein noch junger Mann; und so, wie er sich körperlich seinem Beruf, seiner Mission angepaßt hatte, so schuf er sich auch eine seelische Form, in die er seine Ansichten und Zweifel legen konnte. Er prüfte diese Anschauungen gründlich und übernahm für sie die volle Verantwortung. Mit seinen Zweifeln blieb er für sich allein in seiner Welt, der Welt der Familie und des Amtes. Niemand konnte ihn der Bequemlichkeit oder der Feigheit beschuldigen, er gab sich nicht bedingungslos den Ansprüchen hin, welche der Beruf, der Staat, die Gesellschaft ihm stellten. Kömüves senkte den Blick nicht zu Boden, er war bemüht, seine Zweifel unerschrocken zu betrachten, und er war sich der Verantwortung bewußt, die seine Unabhängigkeit und das Richteramt ihm auferlegten. Streng und wortgetreu mußte er im Sinne des Gesetzes urteilen, und manchmal, wenn er in den Abgrund dieser Zeit blickte, hatte er das Gefühl, daß die Gesetze hinter der Zeit zurückblieben. Das Gesetz hatte diese Auflösung, diesen Sturm, der die Grundfesten der alten Ordnung erschüttert hatte, nicht vorgesehen. Das Gesetz in seiner unbarmherzigen Folgerichtigkeit schien manchmal schwach und kraftlos gegenüber der Willkür der Zeit. Er, der Richter, hatte die Buchstaben des Gesetzes mit zeitgemäßem Inhalt zu füllen. Hinter jedem kleinen Prozeß stand das zur Grimasse verzerrte Antlitz einer Generation, die von Aufbau predigte und mit beiden Händen im Schutt der Zerstörung wühlte.
Nun gehe hin und richte! – dachte er oft. Er ging aber dennoch hin und sprach das Urteil nach seinem besten Wissen, im Geiste des Gesetzes, untadelig. Welch ein Beruf! – dachte er manchmal ermüdet. Doch gleichzeitig hob er den Kopf und sagte stolz: Ja, welch ein Beruf! Wie bedrückend und doch – wie menschenwürdig! Hatte der ganze Apparat, die große juristische Organisation, die ihn umgab und bei der der einzelne nur die Rolle des empfindsamen kleinen Bestandteils spielte, dasselbe Gefühl wie er? Von den alten Richtern, seinen Meistern, kannte er mehrere, die um diese Verantwortung wußten. Sie empfanden wie er, daß es sich jetzt um das Ganze einer Generation handelte – ja, über die Buchstaben des Gesetzes hinaus ging es um die Neutralisierung einer handgreiflichen Gefahr. Man mußte die Gesellschaft retten; nicht nur die Formen, sondern auch den Inhalt: die Erwachsenen, die Kinder, das Monatsgehalt des Beamten, den Kredit des Kaufmanns. Sprach man darüber auch innerhalb des »Apparates«? Selten. Er aber dachte daran, wenn er ein Urteil verlas.
Ende der Leseprobe
