Tagebücher 1984-1989 - Sándor Márai - E-Book

Tagebücher 1984-1989 E-Book

Sándor Márai

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Beschreibung

Die Tagebücher Sándor Márais von 1984 bis zu seinem Freitod 1989 sind ein überaus bewegendes Zeugnis. Ohne zu beschönigen, beschreibt der Schriftsteller Krankheit und Tod seiner geliebten Frau, mit der er sechzig Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er hält den Prozeß des eigenen Alterns fest, berichtet von der zunehmenden Einsamkeit, auch wenn er nach wie vor an den gesellschaftlichen und literarischen Ereignissen seiner Zeit Anteil nimmt.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

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Ausgewählt und aus dem Ungarischen von Hans Skirecki

Herausgegegen von Siegfried Heinrichs

Nachwort zur Taschenbuchausgabe von Ernő Zeltner

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen ungekürzten, um das Nachwort erweiterte, Taschenbuchausgabe

1. Auflage 2002

ISBN 978-3-492-96011-3

© Rechtsnachfolger Sándor Márai: Vörösváry-Weller Publishing, Toronto Titel der ungarischen Originalausgabe: »Napló 1984

1989«, Vörösváry Publishing Co. Ltd., Toronto 1997 Deutschsprachige Ausgabe: © 2000 Oberbaum Verlag GmbH, Berlin © des Nachworts: 2002 Ernő Zeltner Umschlag

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Bildredaktion: Büro Hamburg Isabel Bünermann / Julia Martinez / Charlotte Wippermann Umschlagfoto: Petőfi Múzeum, Budapest

1984

7.Januar

Das Titeljahr des Orwellschen Superschunds. Die Weissagung hat sich bisher nicht erfüllt, aber alltägliche Wirklichkeit geworden ist der nukleare Terrorismus. Ein Briefschreiber erwähnt nostalgisch das 19.Jahrhundert, erinnert an den friedlichen Fortschritt. Ich bin hierhergelangt von der Schwelle des Jahrhunderts, und wenn ich an das erste Jahrzehnt meines Lebens zurückdenke, als das 19.Jahrhundert noch Wirklichkeit war, entsinne ich mich nur, daß das Alltagsleben unsäglich mühseliger, primitiver und ungesünder war als das verfluchte 20.Jahrhundert, in dem viele Millionen Menschen in Kriegen und Revolutionen umgebracht wurden, aber gleichzeitig war es für die Massen auch leichter als im 19. oder einem anderen vorangegangenen Jahrhundert. Und die Lebenserwartung doppelt so hoch wie 150Jahre vorher. Im ersten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts lebte auf der Erde ungefähr eine Milliarde Menschen, bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden es aller Wahrscheinlichkeit nach sechs Milliarden sein. Im 19.Jahrhundert verkündeten die Menschen voller Stolz, man könne in 80Tagen um die Erde reisen – heute genügen 90Minuten. Ein Onkel väterlicherseits starb 1849 an einer »Darmschwäche, gefördert durch die unglücklichen Verhältnisse in unserem Heimatland«, heute stirbt an einer Blinddarmentzündung nur ein Dussel. War es »besser« im vergangenen Jahrhundert? »Besser«, was ist das? Insgesamt gesehen leben wir heute viel schneller und länger.

9.Januar

»The portable Edmund Wilson.« Es ist noch nicht lange her, daß er starb, jetzt ist eine Auswahl seiner kritischen Schriften erschienen. Er gehörte zu den gebildetsten literarischen Augenzeugen des Jahrhunderts und war auf dem kommerziellen Trödelmarkt, wie er so typisch ist für die amerikanische und großenteils auch für die europäische Literaturkritik, einer der bewußten, unabhängigen Köpfe. In einem Aufsatz nennt er die Entstehungsumstände des Melodrams »Onkel Toms Hütte«. Ich habe Harriet Beecher-Stowes berüchtigtes Buch als Halbwüchsiger gelesen, danach kam es mir nicht mehr zwischen die Finger. Das Buch ist so aktuell wie das, was Wilson schreibt, denn in diesem Jahr bewirbt sich auch ein Schwarzer namens Jackson um das Präsidentenamt. Als wir vor 32Jahren hierherkamen, wäre das noch undenkbar gewesen. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben die Schwarzen in Amerika einen unglaublichen Sprung gemacht – sie sind nicht »frei geworden«, denn sie sind unverändert schwarz, aber als Schwarze haben sie Positionen besetzt, von denen sie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts nicht einmal geträumt hätten. Hoffentlich wird Jackson im Durcheinander der Wahlleidenschaften nicht von irgend jemandem niedergeschossen, das könnte eine große Krise auslösen. »Onkel Toms Hütte« ist inzwischen ein Seminarthema, aber in der Realität gibt es so etwas immer noch – Onkel Tom fährt heute Auto, geht frei aus und ein in Restaurants, kann es auf allen Arbeitsgebieten zu etwas bringen, wenn er befähigt ist, doch das ist er nicht immer. Dennoch, Harriet Beecher-Stowes naives und sentimentales Buch ist heute eine grotesk furchterregende Lektüre. Wilson zitiert aus dem berühmten Buch die Methoden eines gewissen Simon Legree, der Plantagenaufseher ist und die Negersklaven auspeitschen läßt. Ähnlich ging es in den Schinderlagern der Nazis zu, wo die Kapos – mitunter polnische Juden ihre Schicksalsgefährten ebenso grausam behandelten wie die Nazis. Und so war und ist es im Gulag, wie Solschenizyn und andere es beschrieben haben.

15.Januar

Man lobt einen fleißigen, schnaufenden Essayisten, daß er »viel weiß«, weil er in seinen Schriften kunterbuntes Zeug zusammenschwatzt. Aber seit der Erfindung des Buchdrucks ist das »Wissen« kein Verdienst – man braucht nur ins Regal zu langen, wo in unabsehbarer Menge Enzyklopädien stehen, in denen alle Daten festgehalten und erklärt sind. Vor Gutenberg war das »Wissen« etwas, das man sich unter Opfern und Mühen zusammensuchen mußte. Heute ist es nicht mehr anstrengend – wenn jemand nicht »weiß«, worüber er gerade referiert, ist das nur Faulheit. Die Kenntnisse, die das »Wissen« ausmachen, sind nur ein Verdienst, wenn Neues und Originelles aus all dem folgt, was der Schriftsteller zusammenstellt. In der Enzyklopädie sind Waggons voller Ziegelsteine enthalten, aus denen man heute ein Zuchthaus oder eine Kathedrale bauen kann. »Wissen« ist nicht mehr schwer; schwer ist es, wie immer, aus dem Wissen Neues zu schöpfen.

Es gibt keine »schlechten Ehen«. Alle Ehen sind gleich: nicht schlecht und nicht gut – eben Ehen.

20.Januar

Müdigkeit, Schwäche, taumelnder Gang. Wie wenn die Batterie leer ist und die Taschenlampe nur noch glimmt.

Am Abend lese ich L. von den ägyptischen Plagen vor. Der Sadismus der Geschichte, schroff und schonungslos aufrichtig. Immerfort »verhärtet« der Herr Pharaos Herz, damit er die Juden nicht aus Ägypten wegziehen läßt – warum nur? Ebensogut könnte er Pharaos Herz erweichen, auch das steht in seiner Macht. Die Plagen, die Finsternis, die Pest, Heuschrecken, Stechmücken, Hagel … das alles könnte ausbleiben, denn der Herr kann auch mit friedlichen Mitteln etwas für das auserwählte Volk tun, er muß nicht ununterbrochen die Ägypter ausrotten und bestrafen. Aber er rottet aus und straft, bis ins siebente Glied, und »verhärtet« immer wieder Pharaos Herz … Ein seltsamer Gott, dieser Gott der Juden.

Lincoln hat gesagt, über 40 sei jeder Mensch selbst für sein Gesicht verantwortlich. In existentiellem Sinn stimmt das: Der Mensch ist nicht der, als der er geboren wird, sondern der, der aus ihm wird. Aber über 80 kann man nichts mehr für sein Gesicht – darüber verfügen Kräfte, über die Persönlichkeit und Bewußtsein keine Macht haben.

27.Januar

Mittags große Hitze, abends Sturm und arktische Kälte. Als stünde alles auf dem Kopf. Zahlenspiel: Ich war 48, als wir Ungarn verließen. Jetzt haben sich die Ziffern verkehrt, aus der 48 ist eine 84 geworden. Wir sind so alt wie die Zeit, in der wir leben.

Nachts lese ich Gedichte von Benedek Virág. Wir waren Nachbarn in Buda, in der Christinenstadt, nur zog er 200Jahre früher dorthin. Ich lese seine Gedichte mit der Freude des Entdeckers. Sie sind neuartig und überraschend, weil sie nicht um jeden Preis neu sein und überraschen wollen. Also Avantgarde mit weißer Perücke. Sein Patriotismus klingt mißlaunig, mürrisch. Er war Mönch und Dichter ohne Verstellung, ohne Schauspielerei. Wie gut es tut, um Mitternacht am Strand des Stillen Ozeans ein Wort mit dem Nachbarn zu wechseln.

Dicke Buchhändlerkataloge, jede Woche ein, zwei. Tausend und zehntausend Bücher, allesamt Neuerscheinungen, aus jedem Genre Hunderte. Würgender Widerwille. Kurze Sätze schreiben. Oder nur Wörter. Wörterbuch lesen. Die Literatur ist tot, es lebe die Buchindustrie.

29.Januar

Die benachbarte Kirche, die pleite gegangen ist, weil ihr die Gläubigen wegliefen – es mag sich um irgendeine Kongregationssekte gehandelt haben –, hat ein Weinhändler gekauft. Im Verlauf von mehreren Monaten wurde das schöne große Gebäude völlig umgestaltet, aber der Engel an der Kuppel, der ins Horn bläst und über die Umgebung, auch über uns, wacht, ist geblieben. Er hat jetzt einen goldenen Mantel bekommen, und die Kirche wurde in luxuriösem Übermaß umgebaut, geplant sind große Bankette und französische Küche, angeboten werden Weine ausgewählter Jahrgänge. Zur Eröffnungsgala zahlten 550Menschen pro Kopf wo Dollar für das Essen, das Geld geht an die hiesigen Philharmoniker, die ebenfalls pleite sind. Die Preise sind auch tagsüber hoch, aber die Kirche, wo Brot und Wein den Gläubigen jetzt in Gestalt von Hummer und Château Lafite gereicht werden, ist eine typische Variante von Religion und feiner Küche.

Eine neue Dostojewski-Biographie ist erschienen, der Verfasser heißt Joseph Frank. Die Besprechung (von dem ausgezeichneten V. S.Pritchett) erwähnt, daß diese neueste Biographie den russischen Schriftsteller-Evangelisten von einer neuen Seite zeigt: Dostojewski fing als eine Art bürgerlicher Dandy an, geriet in die romantisch-sozialistische Bewegung, kam ins Straflager und kehrte als regulärer nationalistisch-evangelistischer Prophet in die Literatur zurück. Er schuf Großes, und eine Überraschung in seiner Laufbahn war es, als er in Sibirien und später nochmals entdeckte, daß die Leibeigenen eine Aufhebung der Klassenunterschiede gar nicht wollen. Später glaubte er nicht mehr daran, daß die sogenannten radikalen Intellektuellen einen Einfluß auf die werktätigen Massen Rußlands haben könnten. Die Leibeigenen wollten ein besseres Los und Freiheit, aber sie hatten kein Zutrauen zu den bärtigen, evangelistischen, bürgerlichen Propheten. »A man should not pretend to be other than he is«, schreibt Pritchett. Ein solches Widerstreben und Mißtrauen ist nicht nur im 19.Jahrhundert, sondern auch bei der gesellschaftlichen Umschichtung der heutigen Zeit zu beobachten, und nicht nur in Rußland.

Dostojewski überraschte der Klassenhaß im Gefängnis. Ein verbannter Leibeigener, und nebenbei Verbrecher, fühlte sich im Gefängnis heimischer als ein revolutionärer Schriftsteller, der glaubte, er habe sich mit den Verbannten und Elenden identifiziert. Er fühlte sich in der Verbannung »wie ein Wolf in der Falle«. Dem Biographen zufolge glaubte Dostojewski nicht mehr, die großen Massen des russischen Volkes würden sich je von den Anstrengungen der radikalen Intelligenz beeinflussen lassen. Und er entdeckte, daß die Bauern nichts an der Klassensituation ändern wollten sie wünschten sich ein besseres Leben und mehr Freiheit, aber nicht, daß die Klassenunterschiede verschwänden. Solche Symptome waren nach 1945 auch in Ungarn und anderswo zu beobachten, wo die Berufsrevolutionäre den Volkswohlstand proklamierten, das Volk jedoch argwöhnisch beobachtete, daß anstelle des Volkswohlstands ein Parteiwohlstand auf die frühere Hierarchie folgte.

2.Februar

»Meinen täglichen Gleichmut gib mir …«

5.Februar

Ein Brief aus Budapest von meinem Bruder Gábor. Tuci, seine Frau – sie war Klavierlehrerin, eine Schülerin Bartóks –, ist »unerwartet« gestorben. In den »unerwarteten« Todesfällen steckt für die Überlebenden stets etwas Beleidigendes. Sie schreien auf, entrüstet, als wollten sie fragen: Was ist das für eine Taktlosigkeit?!

Seit Wochen habe ich nicht das Krimimanuskript aus dem Schubfach genommen, ich vertraue weder mir noch dem Manuskript. Noch dem Zweck, der Berechtigung von »Literatur«. Wenn ich gelegentlich schreibe, ist das nur noch eine Art Frühgymnastik, ein Schutz gegen die Verkalkung. Wenn ich jetzt das Manuskript aufschlage und Seiten zu lesen versuche, ist es so, wie wenn der Arzt das Stethoskop auf den Bauch der werdenden Mutter hält und lauscht, ob Herztöne des Embryos zu hören sind.

In der Nacht die Verwünschungen, die János Vajda um 1860 über die Verräter ausstößt. Ohne einen Buchstaben zu verändern, könnte das Gedicht auch heute veröffentlicht werden, es ist aktuell, Wort für Wort.

10.Februar

In seiner Puschkin-Studie erwähnt Wilson die Dichter, die im Alter von 30Jahren fast gleichzeitig den Tod fanden, »durch eine Krankheit oder im Duell«, wie Puschkin und Lermontow, dann Byron, Shelley, Keats, Leopardi und Poe, oder die ausbrannten, wie Coleridge oder Wordsworth. Nach Wilson geschah das zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, weil sie nicht mit den bürgerlichen (oder feudalen, wie in Rußland) Veränderungen ihrer Zeit und den verbliebenen Traditionen zurechtkamen. Das klingt gefällig, ist aber unwahrscheinlich. Kleist und Novalis, Musset, dann Attila József, sie alle brannten um die Dreißig aus, gleichzeitig ertrugen Goethe, Hölderlin und zahllose weitere Dichter die sozialen Konflikte und erreichten ein hohes Alter. Die Romantiker hatten vielleicht einen gemeinsamen Weltschmerz, der individuelle Tragödien auslöste – aber die Tragödie war ja stets eher etwas Individuelles als eine Schicksalsgemeinschaft von Zeitgenossen.

12. Februar

Edmund Wilson darüber, daß San Diego um 1932, in den Jahren der großen Depression, ein beliebtes und erwähltes Ziel der amerikanischen Selbstmörder war; hierher kamen die Verzagten und Hoffnungslosen zum Sterben. Zwischen 1911 und 1927 kamen über 500Menschen nach San Diego, um sich hier das Leben zu nehmen. Zu der Zeit hatte die Stadt ungefähr 300000 Einwohner. Heute dreimal soviel, aber die Zahl der Selbstmorde ist auf ein Minimum gesunken, die Leute ziehen eher hierher, weil sie hoffen, im Sonnenschein länger zu leben.

17.Februar

Für die Hypothese, die von den Shakespeareologen gelegentlich vorgetragen wird, der Dichter sei insgeheim ein Papist gewesen, findet sich in seinem Lebenswerk keinerlei Beweis. Es gibt die Hölle im Shakespeareschen Werk, aber sie befindet sich hier auf Erden. Von Eschatologie keine Spur. Die Hölle liegt dem Dichter zufolge nicht tief unter der Erde, sondern an deren Oberfläche, in der Wohnung, dem Beruf, der Gesellschaft, dem Menschen. Der Mensch ist keine Ausgeburt der Hölle, wie man so sagt, sondern ihr Schöpfer.

20.Februar

Die Exilpresse über die Zweisprachigkeit. Für jede Emigration ist es ein Schicksalsproblem, inwieweit der Emigrant bereit ist, sich auf Kosten der Muttersprache die Sprache der neuen Gemeinschaft anzueignen. Für Exilschriftsteller ist das keine Frage, denn wenn sie sich von der Muttersprache lösen und in einer fremden Sprache zu schreiben versuchen, zerschneiden sie die Nabelschnur, die sie mit der lebenspendenden Muttersprache verbindet und die ihr Selbstbewußtsein, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten speist. Man kann sehr wohl Gedanken in einer fremden Sprache schriftlich ausdrücken, aber »schreiben«, also schöpfen, kann man nur in der Muttersprache. Das war für mich kein Geheimnis, als ich vor 36Jahren Ungarn verließ: Wohin es mich verschlägt, dort werde ich ein ungarischer Schriftsteller sein.

Eine ausgezeichnete Abhandlung von Wilson über die Beziehung zwischen Marx und Engels. Die Londoner Jahre in Soho und dann in einem der ärmsten Viertel der Stadt (1850–1865 und auch noch später) waren für Marx und seine Familie Jahre voll Schmutz und Elend. Er schreibt das Kapital sowie Fünf-Dollar-Beiträge für die New York Tribune und für eine Enzyklopädie, Kinder kommen zur Welt und sterben, die Familie haust in zwei engen, mit wackeligen Möbeln eingerichteten, verschmutzten Stuben, seine Frau ist bereits abgestumpft, sie essen tagelang nichts anderes als Brot und Kartoffeln, Marx’ Pfeifenrauch durchtränkt die beiden Räume, alles wandert in die Pfandleihe, auch Kleider und Schuhe. Engels unterstützt Marx, hin und wieder. Nicht sehr. Das Verhältnis zwischen den beiden und Liebknecht als Zuschauer ist unharmonisch. Aber Engels steht loyal zu Marx, den er für ein wenig romantisch hält, für doktrinär. Der zu Recht über die Grausamkeiten des Monopolkapitalismus erboste Marx versucht die Verantwortung für sein und seiner Familie Elend bedingungslos auf die Gesellschaft und das kapitalistische System abzuwälzen, aber zugleich hat er (und Engels scheint es gewußt zu haben) ein Schuldbewußtsein, daß er nichts unternimmt, das Elend der Seinen zu mildern und eine menschlichere Lebenssituation herzustellen, was auch innerhalb des kapitalistischen Systems möglich ist. Der Prophet lehnt die Verantwortung für das persönliche Schicksal ab und schreibt die welterschütternde Anklageschrift Das Kapital, in der er alle Probleme der Ausgebeuteten in eine Doktrin zu zwängen versucht. Darauf spielt Engels an, wenn er sagt, es sei richtiger, es den Arbeitern zu überlassen, ihre Forderungen zu formulieren und dann schriftlich in einer Doktrin niederzulegen. Wie Dostojewski in Sibirien, als er verwundert gewahr wurde, daß das Proletariat keine Belehrung von der radikalen Intelligenz erwartete.

29.Februar

Schaltjahr. Ein Tag mehr. Ein Tag Aufschub vor der Hinrichtung. Immerhin.

Mir fällt mein Schreibtisch ein, der in Buda blieb, in der zerstörten Wohnung. Zu mir war er aus dem Ordenshaus von Szepesolaszi gelangt; ein schrägbeiniger Vier-Zoll-Kantinentisch. Während der Belagerung wurde er beschädigt, ein Bombensplitter schlug ein. Er ist der einzige Gegenstand aus meiner Wohnung, an den ich mich erinnere.

Das Leben imitiert die Kunst … Der Ausspruch von Wilde wird manchmal gespenstisch wahr. Zeitung und Rundfunk posaunen in die Welt, daß in La Jolla ein Finanzmensch verhaftet wurde, der 125Millionen Dollar von den Konten seiner Klienten unterschlagen hat. Behörden und Geschädigte zerbrechen sich den Kopf, wo er die Unmengen Geld versteckt hat. So einen Kerl möchte ich im Krimi beschreiben, seit Monaten schleiche ich um ihn herum, immer kam es mir unwahrscheinlich und übertrieben vor. Jetzt schreibt die Zeitung wortwörtlich so darüber, wie ich es gern getan hätte.

In einem Buch, das unter dem Titel Lustspiel an der Donau in Budapest erschienen ist, veröffentlicht ein dortiger Reporter Gespräche, die er im Ausland mit noch lebenden Größen des Ancien régime geführt hat, mit Diplomaten und Generälen, die berichten, was sich 1944 und 1945 in Budapest abspielte. Worüber er nicht spricht: daß die Polen, Tschechen und Rumänen gegen die Nazis kämpften oder »absprangen« und daß die widerspenstigen Völker lediglich erreichten, daß aus der Nazikolonie eine Sowjetkolonie wurde. Der Journalist sprach auch mit Kálmán Hardy, und Kálmán erzählte, daß wir im Oktober 1944 in meiner Leányfaluer Wohnung die mit Bleistift abgefaßte Botschaft in die Maschine tippten, in der Horthy von Kálmán Kánya gedrängt wurde, sofort mit den Deutschen zu brechen. Horthy zerriß den Zettel, verbrannte ihn im Kamin und zerkrümelte die Asche, denn er traute seiner Umgebung nicht. Die kleine Hermes-Schreibmaschine, auf der ich die Aufforderung abtippte, besitze ich heute noch. Kálmán ist inzwischen. gestorben. Über Horthy sagt der emigrierte Offizier Szentmiklósy, er habe sich am Morgen des 15.Oktober in der Burg aufgehalten, als der Reichsverweser auf dem Burghof auf und ab ging, während er auf den deutschen Gesandten Veesenmayer wartete, der mit dem Wagen kam und ihn festnahm. Sie begrüßten sich herzlich (sic!), der Gesandte nahm Horthys Arm und half ihm einsteigen. Betont wird die »Herzlichkeit« der Festnahme. Unwahrscheinlich., daß der alte Pétain herzlich mit dem amerikanischen Soldaten plauderte, der ihn festnahm.

In Győr veröffentlicht eine Zeitschrift einen längeren Aufsatz über den ungarischen Schriftsteller S.M., den »letzten Vertreter der abgedankten bürgerlichen Welt«, von dem die junge Generation nicht einmal mehr den Namen kennt und so weiter. Der Beitrag wägt die verschiedenen Experimente meines Lebens und fragt, ob der Schriftsteller immer noch daran glaube, daß das Bürgertum auch weiterhin für den Schwung des Fortschritts und der Entwicklung stehe und so weiter. Auf den Fragesatz kann ich nur mit Ja antworten; das bürgerliche Lebensgefühl und die bürgerliche Lebensform sind auch heute, wie zu jeder Zeit seit dem Mittelalter, der Katalysator, der auch unter den Massen dem Fortschritt und der Entwicklung Schwung verleiht.

Ende der Leseprobe