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Vampire gehören längst zum Stammpersonal populärkultureller Gruselgeschichten. Doch die Vorstellung von Untoten, die Menschen das Blut aussaugen, ist älter als die moderne Kulturindustrie. Wann also kam der Vampir zur Welt? Bereits in den alteuropäischen Mythen gibt es Berichte über körperliche Wesen, die ihre Gräber verlassen und Unheil stiften. Doch mit Ausnahme der griechischen Lamia fehlt jenen Kreaturen die eine entscheidende Eigenschaft: der Durst nach Blut. Erst im 12. und 13. Jahrhundert beginnen sich die Vorstellungen des Wiedergängers zunehmend in eine bestimmte Richtung zu entwickeln: Da liest man von Toten, die aus ihrem Grab auferstehen, Blut saugen und Krankheiten übertragen. Ist dieser wandelnde Verdammte das kulturgeschichtliche Missing Link zwischen den rachsüchtigen Untoten der alteuropäischen Mythologien und dem balkanischen Vampir der Neuzeit? Moderne Publikumsmagnete wie die »Twilight«-Saga und »Nosferatu« zeugen von der ungebrochenen Popularität jener Schreckensgestalten mit Blutdurst. Simeon Elias Hüttel hat sich auf die Spur des Vampirglaubens gesetzt und dabei überraschendes neues Material zutage gefördert.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2026
SIMEON ELIAS HÜTTEL
Die Geburt des Vampirs
Zur Geistesgeschichte einer Schreckensvision
zu Klampen
Simeon Elias Hüttel, geboren 1995, hat Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Gegenwärtig ist er Doktorand an der Universität Oldenburg und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Karl-Jaspers-Haus. Zuletzt ist von ihm erschienen »Europa. Im Blick bedeutender Kartographen der frühen Neuzeit«.
Cover
Titel
Ein Phantom wird geboren
Schatten der Aufklärung
Goethes leidender Vampir: Erlösung durch Genuss
Der Vampir als Gentleman
Die untote Verführerin
Der Fürst der Finsternis
Der Vampir der tausend Gesichter
Der Vampir ist tot, es lebe der Vampir!
Quellenverzeichnis
Impressum
Wann wurde der Vampir geboren? Eine paradoxe Frage. Untote werden nicht geboren. Sie erstehen aus ihren Gräbern und beginnen dann, ihr Unwesen zu treiben. Dennoch: In der Geschichte der menschlichen Kultur gibt es für alles einen Anfang. Eine so tiefsitzende Furcht wie die vor dem Vampir muss irgendwann begonnen haben. Die Menschen müssen erst eine unsagbare Angst vor der körperlichen Hülle eines Toten entwickelt haben, als einem Leichnam, der nicht zur Ruhe gekommen ist. Und sie müssen dem Blut, das dieser Wiedergänger saugte, eine besondere Bedeutung beigemessen haben. Lässt sich ein bestimmter geschichtlicher Augenblick benennen, bei dem sich erstmals von Vampiren sprechen lässt? Existiert am Ende gar so etwas wie eine kulturgeschichtliche Geburtsurkunde, die es uns erlaubt, das wahre Alter des untoten Bluttrinkers zu datieren? Das Alter eines Phantoms, ungleich reicher an Jahren als die düsteren schriftstellerischen Fiktionen des 19. Jahrhunderts?
»Blut ist ein ganz besonderer Saft«, bemerkt Goethes Mephistopheles, als dieser den Vertrag mit Faust abschließt. Der Doktor soll diesen Teufelspakt mit dem flüssigen Inhalt seiner eigenen Adern besiegeln. Die schlichte Feststellung ist in Wahrheit die Erwiderung des Mephisto auf eine skeptische Bemerkung Fausts, die wie eine Reflexion auf Leben und Tod wirkt: »Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt, / Ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen. / Das Wort erstirbt schon in der Feder«. Damit dieses Wort nicht ersterbe, damit es fortleben könne, muss der Doktor den Pakt auf diese Weise bekräftigen. Dieser purpurne Lebenssaft garantiert die Geschäftsbeziehung zwischen dem Teufel und seinem Klienten, scheint dem Buchstaben selbst eine vitale Dauerhaftigkeit zu verleihen, die gewöhnlicher Tinte niemals zukäme. Dieser Vertrag ist gekoppelt an die unbedingte Bedingung des Lebens dessen, der ihn abschließt: eben an das Blut.
Nun ist Mephistopheles kein Vampir. Er ist – sicherlich nicht minder beunruhigend – der Leibhaftige selbst. Allerdings reflektiert Goethe mit dieser Metapher eine uralte Überlieferung, die das Blut zum Medium des Lebens und die Adern einer jeden Kreatur zum eigentlichen Sitz ihrer Vitalität erhebt. Warum also das Blut nicht trinken, warum es nicht genießen, um sich der Lebenskräfte derer zu bemächtigen, durch deren Venen es pulsiert? Warum das Blut nicht nutzen, um selbst stärker und mächtiger zu werden? Warum aus der Vitalität eines anderen nicht eigene Lebenskraft schöpfen? Ein Gedanke, der in vielen alten Kulturen naheliegend gewesen zu sein scheint. Das biblische Buch Deuteronomium rät: »Doch beherrsche dich und genieße kein Blut; denn Blut ist Lebenskraft und du sollst nicht zusammen mit dem Fleisch die Lebenskraft verzehren.« Man tue gut daran, es fortzuschütten, scheinbar achtlos. Es ist, als dürfe dieses Blut auf gar keinen Fall genutzt werden.
Sehr viel deutlicher noch äußert sich die Bibel im Buch Levitikus, das den Konsum des Blutes mit aller Ausdrücklichkeit untersagt und von seiten Gottes härteste Strafen androht: »Jeder Mann aus dem Haus Israel oder jeder Fremde in eurer Mitte, der irgendwie Blut genießt, gegen einen solchen werde ich mein Angesicht wenden und ihn aus der Mitte seines Volkes ausmerzen. Die Lebenskraft des Fleisches sitzt nämlich im Blut. Dieses Blut habe ich euch gegeben, damit ihr auf dem Altar für euer Leben die Sühne vollzieht; denn das Blut ist es, das für ein Leben sühnt. Deshalb habe ich zu den Israeliten gesagt: Niemand unter euch darf Blut genießen, auch der Fremde, der in eurer Mitte lebt, darf kein Blut genießen.«
Wer aber war dieser Fremde, der – unter den Israeliten lebend – Blut genoss? Vielleicht ein Angehöriger benachbarter Stämme, ein ammonitischer Götzendiener aus dem Süden, oder aber ein Sprössling des mit den Hebräern traditionell verfeindeten Königreichs Edom? Ein Auswärtiger, der sich den strikten Ritualgeboten der Juden, der Anweisung, nur mehr das Fleisch geschächteter, also regelrecht ausgebluteter Tiere zu genießen, nur widerstrebend fügen wollte? Ein Verehrer alter semitischer Götter, der sich den rituellen Weisungen dieses einen Gottes JHWH nur unwillig beugen mochte?
Aber sogar in den Reihen der Israeliten selbst scheint es einen bemerkenswerten Widerstand gegen den Verzehr »blutleeren« Fleisches gegeben zu haben. Warum sonst hätte der Gott der Juden seinen Gläubigen mit solcher Unmissverständlichkeit die härtesten Strafen androhen sollen, wenn sie auch nur einen Tropfen dieses Lebenssaftes auf ihre Lippen gelangen ließen? »Blut ist ein ganz besonderer Saft« und schon in frühester Zeit mit einem Tabu belegt. Im Buch Levitikus wird das Blut als eine Art heiliger Stoff bezeichnet, ein unmittelbar göttliches Element, insofern doch alles Leben von Gott ist. Den Inhalt von Adern und Venen zu konsumieren, das hieße, sich in den Besitz aller Rechte des Lebens zu setzen und Gott verhöhnen zu wollen.
Diese rituelle Bedeutung des Blutgebrauches, von seiten der jüdischen Tradition scharf beäugt, scheint sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kulturgeschichte Europas und des Nahen Ostens zu ziehen. So etwa erwog Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie, ob der germanisch-nordische Begriff des blòt, der eine Opferhandlung zugunsten der Götter von Walhalla bezeichnet, mit der Idee des Blutes in Verbindung stehe. Mircea Eliade unterdessen führt in seinem ethnologischen Klassiker »Schamanismus und archaische Extasetechnik« das Beispiel des fili, des Barden oder Sängers der alten keltischen Religion, an. Bedarf dieser einer Antwort von seinen Göttern, so isst er das Fleisch eines Stieres, trinkt dessen Blut und schläft eingehüllt in den Häuten dieses mächtigen Tieres. Und John Milton schließlich, der große englische Dichter des 17. Jahrhunderts, schildert in seinem Epos vom verlorenen Paradies den Götzen Moloch, die Personifikation des Menschenopfers. Dieser höllische Dämon, im ammonitischen Heiligtum von Rabbah thronend, erscheint in diesen Versen als mit Blut beschmiert, verdünnt von den Tränen der Eltern geopferter Kinder.
Ganz gleich, ob diese Beispiele der Wirklichkeit realer historischer Kulte entsprechen oder ob sie Ergebnisse nachträglicher Überzeichnung sind: In ihnen deuten sich auf subtile Weise zentrale Elemente der späteren Vampirtradition an. Unwillkürlich kann man sich hier sogar schon an Bram Stokers Figur Renfield erinnert fühlen, an jenen unberechenbaren Psychopathen, dessen zerrütteter Geist auf rätselhafte Art mit den Weisungen des Grafen Dracula in Verbindung zu stehen scheint. In seiner kleinen Zelle fängt und verspeist Renfield zuerst Fliegen, später dann auch Spinnen, und verlangt schließlich nach Mäusen und Katzen. Renfield scheint wie besessen von dem Gedanken, stärker zu werden, indem er sich rohes, sozusagen blutiges Leben zu eigen macht.
Aber von Vampiren im eigentlichen Sinne dieses Wortes kann man bei allen diesen Beispielen noch nicht sprechen. Ganz gleich, ob das Blut – wie bei den Kelten – das Medium einer besonderen Inspiration, einer tiefen, geradezu poetischen Verbindung mit den Göttern ist oder ob es – wie im Judentum – Objekt eines religiösen Tabus und Kultgegenstand von Götzen ist, die dem JHWH gegenüberstehen: Was hier fehlt, ist die paradoxe Idee des lebendigen Toten, die Vorstellung von einem Leichnam, der nicht zur Ruhe kommt und Übles bewirkt.
Dabei scheint auch dieser Gedanke alt zu sein: Die früh- und hochmittelalterlichen Sagas des alten Nordens sind voll von Beschreibungen des draugr, eines böswilligen Wiedergängers, der in den Grabhügeln ein sehr vitales Nachleben führt, der Grabräuber in Kämpfe verwickelt und besonders um die Mittwinterzeit herum zu einer konkreten Bedrohung für Mensch und Vieh wird. Die Sagas führen unterschiedliche Merkmale für diesen draugr an, doch gibt es Eigenschaften, die die allermeisten dieser Untoten zu teilen scheinen: Ihr Äußeres verweist häufig auf ihre Todesart, und sie stellen eine in der Tat einschüchternde Erscheinung dar. Der draugr ist groß und stark und wird als äußerst schwergewichtig beschrieben. Schleifen ihn Männer, die es leid sind, immer wieder von ihm angegriffen zu werden, gefesselt über den Boden, so wird er desto schwerer, wenn sie ihre Last in die Nähe einer Kirche ziehen. In der Regel ist der draugr gewalttätig und dumm, aber manchmal gibt er Äußerungen von sich, die man als geradezu hellsichtig und poetisch bezeichnen könnte. Nicht unähnlich der südosteuropäischen Erscheinung des eigentlichen Vampirs, für den sich ab dem späteren Mittelalter ähnliches nachweisen lässt, wird der draugr häufig vernichtet, indem man ihn enthauptet und seine körperlichen Überreste anschließend verbrennt.
Zwar ist eine übermäßige Gier, ein Hunger nach Fleisch oder ein Durst nach Blut, kein unhintergehbares Kennzeichen des draugr. Er scheint in vielem noch weit entfernt vom eigentlichen Vampir. Dennoch findet sich im fünften Buch der Dänenchronik des Saxo Grammaticus, einem Geschichtswerk des ausgehenden 12. Jahrhunderts, eine Begebenheit niedergeschrieben, die stark in Richtung eines blutgierigen Wiedergängers zu verweisen scheint. Nach der altnordischen Mythologie, deren Elemente Saxo nochmals aufnahm, ist die Seele eines Toten kein metaphysisches Abstraktum, das sich einfach von seinem Körper löst, sondern sie ist und bleibt Persönlichkeit und verfügt auch weiterhin über die alltäglichen Bedürfnisse von Speis’ und Trank. Dies ist auch der Grund für die reichen Grabbeigaben in Form von Proviant und Naturalien, die die Nordgermanen ihren Toten zugedachten. Saxo schildert nun, wie der Nordmann Aswid an einer Krankheit stirbt und – wohl im Hinblick auf die lange Wanderung, die er nun ins Totenreich zurückzulegen haben wird – zusammen mit reichhaltigen Speisen, seinem Hund und seinem Pferd in einem Grabhügel beigesetzt wird. Asmund, ein anderer Nordmann, der dem Aswid zu Lebzeiten einen Freundschaftsschwur abgelegt hatte, beschließt, dem Toten in sein Grab zu folgen und sich ebenfalls beisetzen zu lassen.
Was nun geschieht, liest sich bei Saxo Grammaticus beinah wie der Plot zu einem modernen Horrorfilm: Fremde Krieger kommen in die Gegend und traktieren den versiegelten Grabhügel mit Hämmern, in der Hoffnung, auf Schätze zu stoßen. In das Innere der Totenstätte vordringend, machen die Krieger schließlich vor einer tiefen dunklen Mulde halt. Einer ihrer Männer wird deshalb in einem Korb hinabgelassen. Schon nach kurzer Zeit wird den Kriegern, die oben warten, zu verstehen gegeben, den Korb wieder hinaufzuziehen. Doch wie groß ist ihr Schrecken, als sie bemerken, was sie hier ins flackernde Licht ihrer Fackeln gezerrt haben: Nicht ihr vertrauter Gefährte sitzt in dem Korb, sondern der über und über mit Blut verschmierte, bleiche Asmund. Entsetzt fliehen die Krieger und lassen Asmund in die Tiefen des Grabes zurückstürzen.
Weshalb diese heftige Reaktion? Haben die fremden Krieger in das verheerte Gesicht eines Untoten geblickt? Noch während die Grabräuber panisch die Totenstätte verlassen, versucht sich der unglückliche Asmund zu erklären: Der Leichnam seines einstigen Gefährten Aswid sei jäh und plötzlich erwacht. Die Seele des Toten sei durch ein seltsames Unternehmen der Höllenkräfte – dies Saxos Konzession an den neuen christlichen Glauben – aus der Unterwelt wieder emporgeschickt worden, habe ihre einstige fleischliche Hülle von neuem belebt und einem ungeheuerlichen Hunger stattgegeben. Erst habe sich Aswid auf die Leiber seines Hundes und seines Pferdes gestürzt, auf die Grabbeigaben also, dann aber habe er seinen einstigen Freund angefallen. Der unglückliche Asmund sei gezwungen gewesen, einen verzweifelten Ringkampf mit dem Untoten auszutragen. Dass er über und über mit Blut verschmiert sei, erklärt Asmund damit, dass ihm der hungrige Wiedergänger ein Ohr abgebissen habe.
Beinhaltet das fünfte Buch der Gesta Danorum die gesuchte Geburtsurkunde des Vampirs? Aus dem Bericht des Saxo Grammaticus lassen sich jedenfalls mehrere Merkmale destillieren, die der untote Aswid mit dem Vampir zu teilen scheint: Erstens kreisen alle Motive dieses Wiedergängers um eine unermessliche und schier unstillbaren Gier nach Leben. Zweitens liegt der Grund für seine Existenz im Willen dunkler, geradezu satanischer Mächte sowie im Unvermögen seiner Seele, zur Ruhe zu kommen.
Vielleicht könnte man noch ein drittes wichtiges Merkmal der Vampirerzählung in der Gesta Danorum angedeutet finden, wenn man auf die genaue Wortwahl des unglücklichen Asmund achtet: Die Rufe, mit denen der Zurückgelassene die fliehenden Grabräuber zurückzuhalten versucht, sind in der Tat herzerweichend. Der grässliche Boden, der zerbröckelnde Grabhügel und die gewaltige Flut des Schmutzes hätten die Anmut seines jugendlichen Antlitzes getrübt und seinen gewohnten Mut und seine Kraft geschwächt. Außerdem habe er mit dem Toten in einem kräftezehrenden Kampf gerungen und dabei eine beträchtliche Last auf sich genommen.
Die Verheerung seines Gesichtes und seines Körpers führt Asmund somit wenigstens teilweise auf die Gegenwart des Wiedergängers zurück. Dieser scheint nicht allein das körperliche Wohlbefinden seines einstigen Freundes bedroht zu haben, sondern er hat ihn auch seiner Jugend und vitalen Frische beraubt. Damit hat Aswid seinem einstigen Freund selbst das Aussehen eines Toten aufgeprägt, ähnlich, wie der Vampir seinen Opfern die Totenblässe verleiht.
Ist nun dieser untote Nordmann, dieser neubeseelte Leichnam aus einem skandinavischen Hügelgrab, der erste bekannte Fall, auf den die Diagnose des Vampirismus zutrifft? Zugegeben: Dem grauenerregenden Aswid fehlt eine ganze Reihe von Eigenschaften des Vampirs. Einmal ganz davon abgesehen, dass ihm die Hinterlist, Tücke und Subtilität moderner Roman-Vampire vollkommen abgeht, ist ein zentrales Grundmoment des Vampirismus hier nicht gegeben: das Blutsaugen. Auch kann er, insofern doch Hund und Pferd bei der Beerdigungszeremonie bereits hingeschlachtet worden waren, zumindest teilweise als »Aasfresser« gelten. In Aswid scheint noch viel vom alten draugr nordischer Sagen zu stecken. Er ist eine tumbe wandelnde Leiche und dürfte die Besucher des modernen Horrorkinos eher an einen stumpfsinnigen Zombie denn an einen wirklichen Vampir gemahnen. Diese schauerliche Erzählung aus der Gesta danorum taugt daher nicht als eigentliche Geburtsurkunde des Vampirs.
Dennoch führt die Suche nach den ersten blutsaugenden Wiedergängern bei Saxo Grammaticus schon auf die richtige Spur: Aswids unstillbarer Hunger nach Leben, wie ihn die draugr der älteren Saga-Literatur noch nicht besaßen, lässt ihn beinah wie einen Hybrid zwischen den untoten Unruhestiftern der nordischen Mythologie und dem eigentlichen Vampir erscheinen. Das nördliche Europa des ausgehenden 12. Jahrhunderts scheint daher ein geeignetes kulturgeschichtliches Substrat zu sein, um weiter nach den frühen Wurzeln des Vampirs zu suchen.
Richten wir den Blick von den traditionellen Wohnstätten der Nordmannen in Skandinavien auf eines ihrer bevorzugten Plünderungsgebiete: das temperiertere England. Die »Dänen«, wie die angelsächsischen Chronisten die Eroberer für gewöhnlich nannten, hatten hier während des frühen Mittelalters in großem Stil zu siedeln versucht. Gibt es im altenglischen Aberglauben Elemente, die denen des draugr ähneln?
Die Historia Rerum Anglicarum, eine breit angelegte Chronik, die voll denkwürdiger und seltsamer Geschichten steckt, ebenfalls aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert, enthält ähnliche Hinweise auf die Geburtsstunde des Wiedergängers. Ihr Verfasser, der Augustinerkanonikus Wilhelm von Newbury, schildert darin mehrere äußerst beängstigende Ereignisse mit Bezug zu aus ihrem Grab auferstehenden Toten. Einer dieser Vorfälle soll sich im südenglischen Buckinghamshire, pago Bukingamensi, zugetragen haben. Ein Verstorbener, am Vortag beigesetzt, wandelt des Nachts durch die Gassen und kehrt in sein einstiges Wohnhaus zurück, wo er seine erschrockene Witwe vorfindet. Wortlos stürzt sich der Wiedergänger auf seine einstige Ehefrau, wirft sie zu Boden und erdrückt sie fast unter seinem Gewicht.
Darf man sich angesichts der körperlichen Schwere des Untoten hier nicht an die nordischen draugr erinnert fühlen, von denen doch zuweilen ähnliches berichtet wird? In der folgenden Nacht wiederholt sich dieses schreckliche Ereignis: Wieder dringt der Tote in sein einstiges Zuhause ein, um seine Witwe zu quälen. Die verzweifelte Frau entschließt sich endlich, Hilfe anzufordern. Ein mutiger Beschützer kann den Wiedergänger in der dritten Nacht vertreiben. Es sieht ganz nach einer Atempause für die Witwe aus. Doch geht der Untote in den folgenden Nächten dazu über, die Dorfstraßen unsicher zu machen und die Bauern zu ängstigen. Diese wenden sich schließlich an die Geistlichkeit. Wie den Untoten vernichten? Bischof Hugo von Lincoln weiß Rat. Wilhelm berichtet, dass dieser weise Mann schon mit ähnlichen Vorfällen in England bekannt geworden sei und daher vielleicht zu einer Art Routine im Umgang mit Untoten gefunden hatte. Bischof Hugo schreibt kurzerhand einen Absolutionszettel. Er rät den Bauern, bei Tag auf den Friedhof zu gehen, das Grab des jüngst Verstorbenen zu öffnen und dieses kleine Schriftstück im Sarg, auf der Brust der Leiche, zu plazieren. Eine ebenso einfache wie effektive Strategie, denn die Angriffe des Wiedergängers nehmen sofort ein Ende.
Dass es nun ausgerechnet ein Absolutionszettel, also ein Freispruch von aller Sündhaftigkeit ist, durch den der Bischof von Lincoln dem Untoten beikommt, erinnert an den Bericht des Saxo Grammaticus: Hier war ja eine höllische oder satanische Macht benannt worden, die die Seele des Toten hatte wiederkehren lassen. Doch weiß Wilhelm von Newbury noch über einen anderen Vorfall zu berichten, bei dem zur Vernichtung des Wiedergängers weit rabiatere Mittel angewendet werden mussten: Der Tote wird hier nicht einfach von geistlicher Seite freigesprochen und damit dem satanischen Zugriff entzogen, sondern er muss verbrannt werden. Die körperliche Hülle einer verruchten Seele, das fleischliche Werkzeug ihrer Grausamkeit, muss vernichtet werden, um die Seele selbst unschädlich zu machen.
Grund für diesen verzweifelten Schritt ist ein Wiedergängerphänomen, das mit einer regelrechten Seuchenwelle einhergeht: In einer Ortschaft namens Berevic, dem heutigen Berwick-upon-Tweed nahe der Grenze Englands zu Schottland, verbreitet sich mit dem Untoten zugleich die Pest. Er ist Krankheitsbote, ja mehr als das: Er selbst ist der eigentliche Auslöser der Krankheit. Unwillkürlich fühlt man sich an dieser Stelle an die klassische Filminszenierung Nosferatu – Symphonie des Grauens durch Friedrich Wilhelm Murnau erinnert, die zeigt, wie unter dem Einfluss des fremden Grafen Orlok im Jahr 1838 die fiktive Hafenstadt Wisborg von einer Seuche erfasst wird. Oder an Werner Herzogs Hommage Nosferatu – Phantom der Nacht: Diese lässt zwar in der Dunkelheit den Vampir umgehen, tagsüber aber präsentiert sie die Stadt in einer hedonistischen Untergangsstimmung. Die todgeweihten Bürgersleute zechen munter drauflos und freuen sich des Lebens, so die Pest sie noch nicht dahingerafft hat.
Angelegt ist dieses Setting wohl schon in der eigentlichen literarischen Vorlage dieser Filme: Eine der bedrückendsten Szenen in Bram Stokers Dracula spielt sich in dem verfallenen Herrenhaus von Carfax ab, in dem die beherzten Vampirjäger um Professor Van Helsing das Versteck des Grafen vermuten. Geschildert wird ein beißender Gestank, der in den Räumen von Carfax vorherrscht. Das alte Herrenhaus ist einer massenhaften Übervölkerung von Ratten anheimgefallen. Zwar ist bei Stoker – trotz der morbiden Atmosphäre von Carfax – die Assoziation des Vampirs mit Krankheit und Pest noch nicht in gleicher Weise ausgeprägt wie etwa bei Werner Herzog. In dessen filmischer Umsetzung plant Nosferatu eine tödliche Infizierung des gesamten Ostseegebietes, spricht seinem willfährigen Diener gegenüber etwa die folgenschweren Worte aus: »Geh nach Riga! Das Heer der Ratten wird dir folgen!« So oder so scheint der moderne Vampir von Roman und Film zuweilen über ein Merkmal zu verfügen, das Wilhelm von Newbury schon im 12. Jahrhundert benannt hatte und das dieser vielleicht als das Schrecklichste am ganzen Wiedergängerphänomen empfand. Seine Berichte lassen darauf schließen, dass der Glaube, das plötzliche Auftreten einer Seuche gehe mit dem Nachtwandeln eines jüngst Verstorbenen einher, im englischen Hochmittelalter durchaus verbreitet war. In Yorkshire etwa soll ein Mann ohne Sterbesakramente verschieden sein, also wiederum ohne den von aller Sünde entlastenden Segen der Kirche. Mit Hilfe des Teufels, so Wilhelm, verließ er sein Grab und verbreitete im nahen Dorf die Pest. Zwei entschlossene Männer öffneten schließlich den Sarg des Scheusals und entfernten das Herz aus dem von Blut aufgedunsenen Leichnam. Dann verbrannten sie den Toten.
