Die Gefährtin des Vaganten - Andrea Schacht - E-Book

Die Gefährtin des Vaganten E-Book

Andrea Schacht

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Beschreibung

Ränke, Rachsucht und Reliquien ...

März 1415. Drei Päpste hat die Welt. Doch nur einer reist zum Konzil in Konstanz an – und wird dort mit einer Anklageschrift konfrontiert. Ein guter Grund unterzutauchen. Aus dem Staub macht sich auch Bischof Hagan von Speyer, als ein heimtückischer Anschlag auf ihn verübt wird. Er schließt sich einer Vagantengruppe an, die in einem Gasthof unterkommt. Die misstrauische Wirtin Laure wird schon bald zu seiner Verbündeten auf der Suche nach den Verbrechern, denn mit ihren entlarvenden Karikaturen hält sie die Lösung in der Hand …

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Andrea Schacht

Die Gefährtin des Vaganten

Historischer Roman

1. Auflage

© 2011 by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-07083-0www.blanvalet.de

Die Gefährtin des Vaganten

Jesus, den die Juden einst verkauften,

Wär er auf Erden jetzt, ich glaube, die Getauften

Verkauften ihn zum größten Teile.

Reinmar von Zweter

Erster Teil

Prolog

»Nachdem die Unsrigen die Heiden endlich zu Boden geschlagen ­hatten, durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und rafften Gold und Silber. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren, und entledigten sich Ihm gegenüber ihrer Dankesschuld.«

Chronist über die Eroberung Jerusalems

1253, Al Mansura

Es war staubig, es war heiß, der Sand – wahrscheinlich auch die Flöhe – verursachte ihnen ständigen Juckreiz unter den Kettenhemden. Aber trotzdem waren die drei jungen Kreuzritter guter Laune. Die Palästinafahrt, zu der König Ludwig von Frankreich aufgerufen hatte, hatten sie überlebt, wenngleich das Heer et­liche Schlappen hatte einstecken müssen. Nun aber hielten sie sich im Gefolge des Königs auf, der nun Verhandlungen mit den Sarazenen führte, um die Gefangenen freizubekommen.

Otto von Hürth, Konstantin von Hane und Martin von Iddelsfeld nutzten die Gelegenheit, um sich auf den Bazaren umzusehen. Sie hatten in den vergangenen Jahren genügend Wörter der fremden Sprache aufgeschnappt, vor allem die für Zahlen, um mit den Händlern in einem Kauderwelsch von Französisch, Deutsch und Arabisch zu feilschen.

Und die Händler, denen vornehmlich an ihrem Geschäft und nicht an Glaubenskriegen gelegen war, verstanden ausreichend von diesem Kauderwelsch, um die Kunden aus jedem fernen Land übers Ohr zu hauen.

Gegenseitig fand man Gefallen an den Transaktionen, und so wurde an einem heißen, trockenen Sommertag den drei Recken ein unwidersteh­liches Angebot unterbreitet.

Neugierig folgten Otto, Konstantin und Martin dem bärtigen Händler in eine der vielen Katakomben. Hier enthüllte der Mann mit großem Getue eine hölzerne Kiste und faselte etwas von einer für die christ­lichen Käufer sicher unschätzbaren Reliquie.

»Mumia«, flüsterte Otto seinen Gefährten zu. »Dafür zahlen die Apotheker gutes Geld.«

Martin kratzte sich am Hals und zerdrückte einen Floh.

»Was will der dafür haben?«

»Mehr als dieser vertrocknete Kadaver wert ist.«

Sie musterten das in bräun­liche Binden gewickelte Objekt, das an verschiedenen Stellen dunkle braune Flecken aufwies. An den Füßen, den über der Brust gekreuzten Händen, an der Stirn.

»Er behauptet, das sei der Märtyrer Timon, der für seinen Glauben am Kreuz starb. Ziemlich wirre Geschichte, wenn ihr mich fragt.«

»Ich kenne keinen heiligen Timon«, schnaubte Konstantin verächtlich.

Der in Deutsch geführten Unterhaltung schien der Händler nicht folgen zu können, wohl aber bemerkte er die Zweifel der Ritter und holte zu einer langen, blumig ausgeschmückten Rede über Herkunft und Schicksal des Einbalsamierten aus.

Langeweile war das größte Übel, mit dem die Kreuzritter zu kämpfen hatten, und daher amüsierte sie der wortreiche Vortrag über das abenteuer­liche Leben des angeb­lichen Heiligen.

»Er verdient als Geschichtenerzähler sein gutes Geld«, murmelte Otto.

»Mhm«, sagte Martin. »Mhm. Die Geschichte bringt mich auf Ideen.«

»Dich auch?« Konstantins Augen begannen zu funkeln.

»Mhm«, sagte auch Otto. »Mit Mumien machen nicht nur Apotheker ihr Geld.«

»Wir wollen handeln«, verkündete Konstantin, und der Händler sah beglückt zu ihnen hin.

Einige Wochen später begleiteten drei ernste, junge Kreuzritter eine kostbar geschnitzte Kiste mit einer schier unbezahlbaren Reliquie zurück in ihre Heimat, in die Stadt, die berühmt für ihre Kirchen und die heiligen Gebeine war – nach Köln.

1. Die Bischofsmütze

Hier sollst du wissen, dass viele Päpste Ketzer und auf andere Weise böse waren und dass sie die Papstwürde verloren; und hierüber wäre viel zu schreiben. Zweifle also nicht, dass der Papst ein Ämterkäufer sein kann.

Jan Hus

Konstanz, März 1415

Der Bischof von Speyer eilte durch die dunklen Straßen von Konstanz. Er hatte eine Verabredung mit einer Hure.

Allerdings nicht mit solch unlauteren Absichten, wie sie viele seiner Standesgenossen hegten. Das Konzil hatte Geist­liche, Machthaber und ihre Vasallen aus aller Welt in die Stadt am Bodensee gelockt, und ihrem Tross folgte allerlei Gesindel, das seine Dienste anbot.

Warum auch nicht – lebte ihnen Papst Johannes nicht vor, wie man sich welt­lichen Lustbarkeiten widmete?

Der Bischof allerdings war nicht zu seinem Vergnügen in Konstanz, und sein Treffen mit dem Weib hatte ganz andere Gründe.

Finster war es hier in den Seitenstraßen, und mehr als einmal musste er sein Gewand raffen, weil er glitschigen Unrat unter seinen Füßen verspürte. Getier huschte an Häu­serwänden vorbei, hier und da ertönte ein Quieken, von dem er annahm, dass die Ratte der Tod ereilt hatte. Die nächt­lichen Räuber waren auf der Jagd.

Ansonsten war es ruhig, die lauten Gelage fanden an anderen Orten statt.

Und da es so still war, blieb er stehen, als er eilige Schritte hörte, drückte sich in den Schatten einer Türnische und lauschte aufmerksam. Ein Keuchen, dann ein erstickter Schrei. Ein Mensch fiel zu Boden.

Der Bischof spähte in die von blassem Mondlicht beschienene Gasse.

Eine Frau in einem hellen Gewand lag auf dem Pflaster, ein Mann kniete neben ihr, ein anderer stand und blickte in die andere Richtung. Der Kniende zog ein Messer aus dem Leib des Weibes, wischte es an ihrem Kleid ab.

Der Bischof sah in sein Gesicht, als er aufblickte.

Erkennen durchzuckte die Miene des Mannes. Er richtete sich mit einem Fluch auf, der andere wandte sich um.

»Weg«, zischte er seinem Kumpan zu und lief los. Der aber war zu langsam. Der Bischof sprang ihn an. Ein Messer fiel klirrend zu Boden, dann auch der Mann. Leblos, mit unnatürlich abgewinkeltem Hals.

Ihn würdigte der Bischof keines zweiten Blickes, sondern kniete neben der Frau nieder.

»Hanna?«

Ihr Leben versickerte im Straßenstaub, doch mit flatternden Lidern sah sie ihn an.

»Flucht. Unheiligkeit. Sakram …«

Er strich ihr sanft über die Stirn und murmelte die Absolutionsformel.

Mit einem letzten Zittern starb sie in seinen Armen.

»Hanna!«, sagte er noch einmal leise, und Trauer schwang in seinen Worten mit.

Dann erhob er sich.

Als die Mitternacht verkündet wurde, trat er an das Ufer des Rheins und entledigte sich seines bischöf­lichen Ornats. Achtlos warf er das kostbare, doch blutverschmierte Gewand unter einen Busch und ging, nur mit seiner Bruche gekleidet, in die kühlen Fluten, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Am sandigen Gestade würde man bei Tagesanbruch deutlich sichtbar seine Bischofsmütze finden.

2. Rillette vom Fisch

Laure musterte die starken Federkiele kritisch. Vier Stück hatten ihr ihre beiden Kinder in den vergangenen Tagen gebracht. Sie hoffte, sie hatten sie gefunden und nicht den Gänsen, die sie hüten sollten, ausgerupft. Die Vögel verloren diese Schwungfedern im Frühjahr meist von selbst. Auch einige Rabenfedern und eine von einem Schwan hatte sie gehortet.

Vorne im Hof zeterte Elseken mit einer Magd herum, und vorsichtshalber versteckte Laure die Federn, das Messer und die harten Holzstäbchen unter ihrer Schürze. Sie hoffte jedoch, dass die Frau ihres Stiefsohnes sich bald wieder in die Küche verzog, sodass sie in Ruhe die Kiele zuschneiden konnte.

Es schien so zu sein, und mit einem leisen Seufzer holte Laure ihr Handwerkszeug wieder hervor. Die Federkiele hatten einige Tage in Wasser gestanden, sodass sie nun mit einem spitzen Hölzchen das Mark herauskratzen konnte, um sie dann mit dem sehr scharfen Messer zuzuschneiden. Während sie dieser diffizilen Tätigkeit nachging, erhitzte sich in einer Tonschale feiner Flusssand über einem Feuerchen. Als sie zufrieden mit dem Zuschnitt war, steckte sie die feuchten Kiele in den Sand. Es zischte leise, und sehr sorgsam achtete sie darauf, dass die Federn langsam härteten, ohne Risse zu bekommen. Laure hatte Übung darin, sich ihre Schreibgeräte selbst herzustellen. Doch sie tat es mit Heimlichkeit, denn ihre Fähigkeiten, sie zu nutzen, sahen ihre Angehörigen nicht gerne.

Weshalb sie sich zu ihrer Herstellung meist hinter den Stall zurückzog.

Schließlich hatten die Spitzen der Kiele die durch­scheinende Konsistenz von Fingernägeln angenommen, und Laure löschte das Flämmchen unter dem Sand. Die Federn steckte sie in ihre tiefe Schürzentasche, den Topf mit dem heißen Sand wollte sie in die Remise bringen, wo er unauffällig auf einem Bord auf seine nächste Verwendung warten würde.

Die Remise war ein geräumiges Gebäude, in dem die Gäste des Wirtshauses ihre Pferde, ja sogar zwei, drei Frachtkarren unterstellen konnten. Derzeit stand nur eine magere Mähre dort drin und malmte bedächtig etwas aus der Krippe. Laure stellte den Topf ab und wollte dem Pferd freundlich die Flanken tätscheln, als sie einen ungewöhn­lichen Schatten bemerkte. Sie kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel zu erkennen, was dort anders war als sonst.

Und als sie näher trat, packte sie das Entsetzen.

Ein Mann schwebte dort.

Nein, er schwebte nicht.

Er hing.

An einem Strick.

Ganz still hing er dort, das Gesicht grässlich verzogen.

Der Gestank des Todes umgab ihn.

»Oh, mein Gott«, würgte Laure heraus.

Auf dem Absatz drehte sie sich um und eilte nach draußen.

»Goswin!«, rief sie, und ihre Stimme überschlug sich. »Goswin!«

»Was soll das Gekreisch?«, muffte sie der vierschrötige Mann an, der das geborstene Rad eines zweirädrigen Karrens musterte.

Laure biss sich auf die Lippen und versuchte, ihre zitternden Hände unter der Schürze zu verbergen. Er hatte recht, Gekreisch half nicht weiter. Sie sammelte sich und brachte mit einigermaßen ruhiger Stimme vor: »Im Stall hat sich der Herringsstetz aufgehängt.«

»Häh? Spinnst du?«

»Nein, Goswin. Er baumelt an einem Strick von einem Balken. Ich weiß nicht, was ich machen soll.« Sie versuchte ihre Hände, die sich in die Schürze krallen wollten, ruhig zu halten, um die Schreibfedern nicht zu zerbrechen.

Jetzt sah ihr Stiefsohn sie doch etwas irritiert an.

»Geh hin und sieh selbst«, schlug sie vor.

»Ähm … ja.«

Doch bevor er sich in Richtung Remise in Bewegung setzen konnte, kam ein junger Bandkrämer mit seinem Maultier in den Hof geritten, sichtlich in Eile und aufgelöst.

»Der Pfarrer von Merheim ist ermordet worden. Habt Ihr’s schon gehört? Neben dem Taufbecken erschlagen. Die Haushälterin hat den Amtmann von Porz gerufen. Hat sie.«

Von dem Geschrei angelockt versammelten sich Mägde, Knechte, Gäste und auch Jan und Paitze, Laures Kinder, im Hof.

Laure rief die beiden zu sich und legte schützend die Arme um sie.

»Was ist passiert, Mama?«

»Weiß ich noch nicht. Etwas Schreck­liches.«

Fragen prasselten auf den Unglücksboten ein, doch Laures Gedanken kreisten um ihren eigenen Toten in der Stallung. Goswin schien den wieder völlig vergessen zu haben. Was nichts Neues für sie war. Der älteste Sohn ihres verstorbenen Mannes mochte ein guter Wagner sein, aber von hellem Witz war er nicht. Er war sechs Jahre älter als sie und weit davon entfernt, sie als Stiefmutter anzuerkennen. Das konnte sie ihm nicht übel nehmen, und so lange Kornel Rademacher noch gelebt hatte, hatte Goswin sie wenigstens mit mürrischem Respekt behandelt. Jetzt hingegen übersah er sie so weit wie möglich, und ihre Bitten schien er nur selten zu hören.

Da also Goswin nicht zu helfen bereit war, schickte Laure erst einmal ihre Kinder zurück ins Haus und zupfte dann den ältesten Knecht am Ärmel.

»Der Herringsstetz hängt in der Remise, Karl. Der muss runtergeholt werden.«

»Was?«

»Hat sich aufgehängt, glaube ich.«

»Seid Ihr sicher, Herrin?«

»Geh rein, und schau ihn mit eigenen Augen an.«

Immerhin war der Alte williger, und gleich darauf kam er mit dem Toten über der Schulter aus der Stallung und legte ihn auf den Boden.

Das Geschrei war groß.

Laure zog sich in ihre Kammer zurück und versuchte, Jan und Paitze zu erklären, was geschehen war. Sie waren verständige Kinder, der Junge zwölf, das Mädchen elf Jahre alt. Was der Tod war, wussten sie, denn ihr Vater war vor fünf Jahren gestorben. Was sie nicht verstehen wollten, war, dass ein Mensch freiwillig seinem Leben ein Ende setzte.

»Nein, das sollte man auch nicht tun, Paitze. Das ist eine Sünde wider Gott, der uns das Leben geschenkt hat.«

»Vielleicht hat ihn ja ein anderer da aufgehängt«, wagte Jan zu spekulieren. »Weißt du, Mama, er war ziemlich zänkisch, der Herringsstetz. Und gestern hat er wieder mit dem Lucas Overrath einen Händel gehabt, sagt die Kathrin.«

Laure seufzte noch einmal. Ihr Sohn sprach die Befürchtung aus, die sie auch hegte. In einem Wirtshaus kamen viele unterschied­liche Menschen zusammen, und es ließ sich nicht vermeiden, dass dann und wann ein heftiger Streit ausbrach. Meist aber endete es mit einer herzhaften Prügelei, die schlimmstenfalls Platzwunden, ausgeschlagene Zähne oder gebrochene Knochen zur Folge hatte. Jemanden an einem Strick aufzuhängen war eine kaltblütige Tat, die sie dem jähzornigen Drugwarenhändler Lucas Overrath nicht zutraute.

»Das soll der Amtmann klären, Jan.«

»Ja, aber der Overrath ist schon beim Hahnenschrei heute Morgen aufgebrochen«, warf Paitze ein. »Ich hab seinen Karren durch das Tor rollen sehen.«

»Mag sein, aber es ist nicht unsere Aufgabe, ihn zu beschuldigen. Er ist kein streitbarer Mann, und wir wissen nicht, ob er wirklich ein Mörder ist. So, und jetzt sollten wir alle wieder unseren Pflichten nachgehen. Habt ihr die Eier eingesammelt?«

Hatten sie nicht, und Laure scheuchte sie zu den Hühnerställen.

Im Hof standen noch immer alle untätig um den Leichnam herum und hielten Maulaffen feil. Wildeste Gerüchte breiteten sich wie giftige Pilze aus, allen voran gaben Goswin und Elseken ihre kruden Theorien zum Besten.

»Das Mittagsmahl muss angerichtet werden, Elseken, die Kammern müssen gefegt und die Ställe ausgemistet werden«, sagte Laure mit leiser Stimme in die Runde. »Ihr zwei bringt den armen Mann ins Kelterhaus, aber mit Anstand und Würde«, wies sie zwei Knechte an.

Goswin glotzte sie an, plötzlich seines Publikums beraubt.

»Spielst wieder die Herrin hier«, grollte er.

»Spiele ich nicht, Goswin. Ich bin hier genauso berechtigt, Anweisungen zu geben, wie du!«

Er wandte sich ab, aber sie hörte ihn »Hochnäsige Zicke!« murmeln.

Ihr Verhältnis zueinander war alles andere als freundschaftlich, und wie so oft fragte sich Laure, was ihr gütiger Gatte sich nur dabei gedacht hatte, ihr und seinem ältesten Sohn das Anwesen zu gleichen Teilen zu vermachen.

Immerhin hörte das Gesinde auf sie, und nachdem auch der Bandkrämer weitergezogen war, um seine aufregende Nachricht vom Tod des Pfarrers, und nun auch von dem des Heringshändlers, in der Nachbarschaft zu verkünden, ging alles wieder einigermaßen seinen geregelten Gang.

Bis am Nachmittag der Amtmann von Porz eintraf. Al­­brecht von Zweiffel war ein hagerer, genauer Mann, der mit ruhiger Stimme darum bat, dass alle Anwesenden sich in der Gaststube versammelten, um seine Fragen zu beantworten. Laure achtete seine besonnene Art, wie er die Leute dazu brachte, einigermaßen brauchbare Auskünfte zu geben, und das Durcheinander von Spekulationen und grausigen Einzelheiten zu entwirren.

Auch sie war inzwischen in der Lage, einen nüchternen Bericht darüber abzuliefern, wie sie den Evert von Alfter, Heringshändler und daher besser bekannt als Herringsstetz, in der Remise gefunden hatte. Dass sie dabei von ihren heim­lichen Arbeiten an den Schreibfedern erzählen musste, trug ihr einen giftigen Blick von Elseken ein. Das würde später auch wieder zu zänkischen Bemerkungen führen.

»Den Drugwarenhändler Lucas von Overrath kennt Ihr auch, Frau Laure?«

»Natürlich. Er kommt einmal alle paar Monate hier durch auf seinem Weg von Köln nach Straßburg. Er ist ein anständiger Mann, der seine Rechnung pünktlich begleicht und ordent­liche Waren verkauft.«

»Ihr könnt das beurteilen, Frau Laure?«

»Ich stelle die Rechnung für die Unterkunft und das Essen, und ich beziehe Tinte und Papier von ihm.«

»Er ist ein Säufer und Händelsucher«, fiel ihr der Mann ins Wort, den sie als Alard kannte.

»Er säuft nicht mehr als Ihr auch«, fauchte Laure den Muskelprotz an. Sie mochte ihn und seinen Begleiter Curt nicht, aber beide waren gut Freund mit Goswin.

Der Amtmann wandte sich den beiden zu, und die schilderten den Streit, der am Abend zuvor zwischen dem Herringsstetz und dem Drugwarenhändler in der Schankstube ausgebrochen war. Da sie selbst diesen Raum abends nur sehr selten betrat, konnte sie nichts dazu sagen, aber das Gegröle hatte sie natürlich, wie ihre Kinder auch, gehört und sich von der Schankmaid Kathrin die Auseinander­setzung schildern lassen.

»Frau Laure?«, fragte der Amtmann sie, als er die lautstarken Anschuldigungen der beiden Männer angehört hatte.

»Ich war nicht dabei. Aber der Heringshändler war von galligem Gemüt …«

»Und ist auch gestern in der Kapelle in Merheim gewesen«, warf Elseken ein.

Albrecht von Zweiffel hob fragend eine Augenbraue.

»Ihr habt ihn selbst dort gesehen, Frau Elseken?«

Sie druckste herum. Offensichtlich wollte sie sich nur wieder wichtig machen, vermutete Laure. So war sie eben. Wann immer jemand anderes mehr Aufmerksamkeit erhielt als sie, musste sie sich in den Vordergrund drängen.

Die Glocken der Dorfkirche hatten schon zur Vesper geläutet, und Laure erhob sich, um sich unauffällig in die Küche zu begeben. Es war Elsekens Reich, und sie war auch eine einigermaßen zuverlässige Köchin. Nur sie jetzt, da sie sich in der Aufmerksamkeit des Amtmannes sonnte, daran zu erinnern, dass die Gäste verköstigt werden mussten, das stand nicht in Laures Macht. Sie sah sich suchend um – noch nicht einmal Vorbereitungen für die Suppe hatte sie getroffen, und so nahm sie die Reste vom Mittag und Vortag. Es war Fastenzeit, sodass sie gesottenen und geräucherten Fisch vorfand. Agrez, das säuer­liche Fruchtgelee, war noch vor­rätig, und von der Decke im Vorratsraum holte sie ein Bündel getrockneter Kräuter – Dill und Minze hatten auch über den Winter ihre Würze gehalten. Im Mörser zerkleinerte sie sie mit einigen kräftigen Stößen. Dann öffnete sie einen Steinguttopf mit Butter und leerte ihn in eine Schüssel. Den Fisch, den sie kleingezupft hatte, gab sie dazu, streute Salz und gemörserte Kräuter darüber und verrührte alles, bis es eine gut streichbare Masse gab. Auf dem frischen Brot, das Elseken am Vormittag gebacken hatte, würde es eine sättigende Mahlzeit geben. Die besondere Würze musste der Tod des Herringsstetz und des Pfarrers liefern. Sie bedauerte, dass es noch so gar keine frischen Kräuter gab, aber die zarten Blättchen, die sich in den ersten Frühlingstagen aus dem Boden getraut hatten, wollte sie noch nicht opfern.

»Was machst du denn hier?«, hörte sie Elsekens unangenehm scharfe Stimme fragen, als sie das Brot in Scheiben schnitt.

»Deine Arbeit. Wir verdienen unser Geld nicht mit Schnattern, sondern damit, dass wir den Gästen eine Mahlzeit vorsetzen.«

»Du kannst sie ihnen vorsetzen, ich bereite sie zu. Und allemal besser als du.«

»Heute hast du nichts zubereitet, deswegen kannst du ihnen das hier vorsetzen.«

»Den Teufel werd ich tun. Was hast du mit meinem Räucherfisch gemacht? Die gute Butter hast du verdorben.«

»Wenn du meinst.« Ungerührt strich Laure das Rillette auf das geschnittene Brot, dick und duftend. Dann zerteilte sie noch ein Dutzend schrumpeliger Äpfel und legte sie in Scheiben darauf. Elseken zeterte weiter, klatschte aber den Sauerteig für den nächsten Tag auf den Tisch und begann, ihn mit energischen Bewegungen zu kneten.

Laure nahm die beiden Körbe auf und brachte sie in die Gaststube. Hier brannte nun ein Feuer im Kamin, Goswin schenkte Bier und Apfelwein aus, und von den Gästen erklang ein beifälliges Gemurmel, als sie die Butterbrote anbot.

»Ich bedaure, es war keine Zeit, eine deftige Suppe zuzubereiten. Mag Euch aber auch das Brot sättigen. Auch Käse und Pfannkuchen kann ich Euch noch anbieten.«

»Ist schon recht, Frau Wirtin«, sagte einer und biss ­hungrig in das Brot, kaute, schmatzte und grunzte: »Verdamp gut!«

Natürlich ging es lebhaft zu an diesem Abend, und Laure kam erst spät dazu, ihre Stube aufzusuchen. Sie schirmte das flackernde Handlicht ab und schaute nebenan in die kleine Kammer. Dort lagen Jan und Paitze tief schlummernd unter ihren Decken. Leise zog sie die Tür zu und setzte das Licht auf dem Tisch ab. Endlich kam sie dazu, ihre Tagesausbeute zu begutachten. Die Federkiele waren gut geworden, ordentlich spitz, nur so weit gehärtet, dass sie noch biegsam waren, die einen mit breiter Spitze, zwei mit einer ganz feinen, eine leicht angeschrägt. Zwar war sie müde von dem langen Tagwerk und den Aufregungen, dennoch öffnete sie ihre Truhe und holte das Büchlein heraus, in dem sie ihre Aufzeichnungen machte. Das erste dieser Art hatte ihr Kornel vor elf Jahren geschenkt. Seither hatten sich ein Dutzend dieser Bücher bei ihr angesammelt. Beinahe jeden Abend machte sie ihre Eintragungen. Schreiben hatte sie nie richtig gelernt, aber Zahlen waren ihr geläufig, und für die Monatsnamen hatte sie sich kleine Symbole ausgedacht. Für den Lenzmond hatte sie einen knospenden Zweig gewählt, und heute war sein zweiundzwanzigster Tag. Sie tauchte die Feder in das Tintenfässchen, und mit schnellen, sicheren Strichen warf sie das Bild des Herringsstetz auf die Seite – sein Totenantlitz, entstellt vom Strang. So würde sie sich immer erinnern, was an diesem Tag geschehen war. Auch von dem Amtmann warf sie eine flinke Skizze hin – er war das erste Mal in ihrem Gasthaus erschienen. Dann aber reinigte sie die Feder und legte sie in das Holzkästchen, in dem sie ihre Utensilien aufhob. Sie blätterte die letzte Seite um und besah sich die Bilder, die sie am Vortag angefertigt hatte. Über Elseken hatte sie sich wie üblich geärgert, daher zeigte die Zeichnung eine verbitterte, verkniffene Miene der Köchin, die nur zu deutlich machte, wie unzufrieden sie mit ihrem Los war. Die beiden Saufkumpanen von Goswin waren – wie so oft – auch gestern im Schankraum gewesen, ihre Blicke gierig auf die Würfel gerichtet, die Augen glasig vom Trunk. Laure hatte Angst vor ihnen, traute sich aber nicht, ihnen das Haus zu verbieten. Es waren rohe Gesellen, großmäulig und ungehobelt. Den Schankmaiden hatte Laure geraten, sich von ihnen fern­­­­zuhalten, aber dann und wann brachten Alard und Curt ein paar Dirnen mit. Sie hatte den Verdacht, dass auch Goswin deren Künste in Anspruch nahm – ein Grund mehr, warum Elseken immer bitterere Falten um die Nase bekam. Die eigent­liche Ursache aber war die Tatsache, dass sie in den zehn Jahren ihrer Ehe nicht schwanger geworden war.

Sie hingegen hatte Glück, das führte sich Laure auch jetzt wieder vor Augen. Sie hatte Jan und Paitze, und auch wenn sie Kornel noch immer vermisste, so waren die Kinder lebendiges Andenken an ihn und seine verständnisvolle Güte.

Laure schlug das Buch zu, verstaute es wieder in der Truhe und schloss sie mit dem Schlüssel ab, den sie immer an ihrem Gürtel trug. Sicher war sicher!

3. Die Vaganten

Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist.

Meister Eckhart, Mystische Schriften

Zur näm­lichen nächt­lichen Stunde schlenderte Piet Godemann, der einarmige Anführer einer Gruppe von Vaganten, am Rheinufer entlang. Auf der anderen Seite des Flusses warfen vereinzelte Lichter der Stadt Konstanz tanzende Funken auf das dunkle, leicht gekräuselte Wasser. Ein magerer Mond hing schief zwischen den Wolken und spendete ebenfalls eine gewisse Helligkeit.

Zumindest so viel, dass Piet die kleine Unregelmäßigkeit im sanften Dahinströmen des Flusses bemerkte. Er blieb stehen und wartete, bis er deut­licher erkennen konnte, was da im Wasser schwamm – ein Kopf, ein bleiches Gesicht, um das sich nasse Haare wie Algen ringelten.

Es schnaubte und plätscherte.

Piet trat näher an den Uferrand. Es war sandig, da und dort mit grobem Kies bedeckt. Das Treibholz aber hatten seine Leute bereits aufgesammelt, um ihre Feuer damit zu bestücken. Jungbelaubtes Gebüsch krallte sich an einigen Stellen in den Untergrund, und auf einen Strauch hielt der Kopf des Schwimmers zu.

Piet ging die wenigen Schritte in diese Richtung, beugte sich vor und reichte dem Mann seine rechte Hand. Der ergriff sie und wurde mit einiger Kraft an Land gezogen.

»Verflucht kalt«, sagte er mit klappernden Zähnen.

»Eine Taufe ihrer eigenen Art.«

»Das Fegefeuer wär mir jetzt lieber.«

Piet stieß ein trockenes Lachen aus.

»Ein Lagerfeuer kann ich Euch bieten. Und vielleicht auch ein kratziges Hemd.«

»Ein nackter Mann kann nicht wählerisch sein.«

»Nicht völlig entblößt, scheint mir«, meinte Piet und ließ seinen Blick auf den wohlgefüllten Lederschlauch fallen, der über der tropfenden Bruche hing. Und über den nassen, blutigen Lumpen um den linken Oberarm des Schwimmers.

»Eine Beschwernis, wie ich gerade bemerkte.«

»Ich könnte Euch erleichtern.«

»Könntet Ihr. Werdet Ihr aber nicht.«

»Was gibt Euch die Gewissheit?«

»Sicher nicht Eure Gottgefälligkeit, aber Euer Sinn für Gerechtigkeit.«

»Ihr seid mehr als vertrauensvoll. Folgt mir.«

Barfuß humpelte der Nackte über den kiesigen Strand auf die Feuer zu, an denen ein knappes Dutzend Menschen saßen. Man sah ihm entgegen, und eine Zwergin begann zu kichern.

»Was für einen Wabbelbauch hast du denn da aus dem Fluss geangelt?«, fragte sie Piet.

»Einen gut gemästeten Fisch, Inocenta. Das Wohlleben hat seine Spuren hinterlassen.«

Der nasse Mann schaute einigermaßen betreten an seinem bleichen Wanst herunter.

»Das wird schon wieder«, sagte ein Hagerer, der im Schein des Feuers Löffel geschnitzt hatte. »Ein paar Monate auf der Landstraße, und der Speck ist weg.«

»Inocenta, such ihm ein trockenes Hemd heraus und einen Leinenstreifen für diesen blutigen Kratzer«, befahl Piet, und die Zwergin stand zusammen mit einer dicken Frau auf, um in Bündeln auf einem Karren zu wühlen.

Nicht nur Hemd und Bruche, auch ein wollenes Wams, eine Gugel und ein Paar etwas ausgetretener Stiefel brachten sie ihm, und als er angekleidet und die Wunde an seinem Arm verbunden war, reichte Piet ihm ein Tuch, damit er sich die Haare trocknen konnte.

»Setzt Euch ans Feuer und erzählt«, forderte er dann.

Ein junger Bursche begann, mit einigen rundgewaschenen Kieseln zu jonglieren, und warf dann und wann einen der Steine einem munteren Äffchen zu, das danach schnappte und zurückwarf. Das dicke Weib reichte dem Mann einen Becher sauren Wein und einen Kanten Brot.

»Dank Euch.« Er trank, nahm einen Bissen und blickte in die Runde. »Ja, dank Euch. Dank Euch bin ich nun ein toter Mann. Doch weniger tot, als ich es sein könnte, wäre ich in Konstanz geblieben.«

»Wie sollen wir Euch nennen?«, fragte Piet.

»Magister Hagan, wenn’s beliebt. Als einer der Euren, doch bewandert in der Schrift. Mag sein, dass ich ein paar Groschen damit verdienen kann.«

»Wird gehen«, nickte der Löffelschnitzer.

»Gut denn. Was brachte dich zu Tode, Magister?«, wollte die Zwergin wissen.

»Die Trauer. Man wird die Leiche meiner Geliebten finden und eine Bischofsmütze am Ufer. Wen mein Schicksal kümmert, der wird sich zusammenreimen, was geschah.«

»Dünne Geschichte.«

»Mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein.«

»Was tatest du dem Weib an?«

»Ich? Nichts. Zwei Mordbuben überfielen sie, just als ich mich mit ihr treffen wollte. Einem brach ich das Genick, der andere entkam zunächst.«

»Also nicht nur Wabbelbauch.«

Der Magister grinste schief. Dann aber wurde er wieder ernst. »Die Gesellen waren mir nicht fremd, und der, der entkam, erkannte mich. Besser, ich bin jetzt tot.«

»Wer war’s?«

»Gobel und Coen. Vor fünf Jahren wollten sie mich schon einmal vom Leben zum Tode befördern.«

»Erfolglos, wie man sieht.«

»Und nicht ohne Schrammen für sie.«

»Was suchten sie in Konstanz?«

»Was sucht das Gesindel in Konstanz, Piet?«

»Geld, Macht, Intrige, wie alle. Warum brachten sie deine Geliebte um?«

»Ich werde es herausfinden.« Magister Hagan trank seinen Wein aus und starrte einen Augenblick trübe in die Flammen. »Ich begegnete ihr zufällig, schon vor einigen Tagen. Meine Geliebte war sie nicht mehr; ich habe sie vor zwölf Jahren aus den Augen verloren. Doch wollte ich ihr helfen. Sie hat einen harten Weg eingeschlagen. Sie gehörte zu den Huren, die mit einer Gruppe aus Köln angereist waren. Coen und sein Kumpan waren die Zuhälter, die sie begleiteten.«

»Das Gewissen zwickte dich, Magister?«, fragte Inocenta.

»Das tat es und tut es noch. Nicht nur dass ich Hanna gerne aus den Fängen der Zuhälter befreit hätte, um ihr ein anständiges Leben zu ermög­lichen. Ich erfuhr von ihr auch, dass sie ein Kind von mir hat.«

»Scheiße.«

»Weiß ich nicht, Piet. Eine Tochter, Melle. Sie lebt bei ihrer Tante in Limburg. Hanna hat Geld bei einem Kölner Juden deponiert, das sie als Mitgift erhalten soll.« Wieder starrte er ins Feuer. »Hätte ich früher davon gewusst, hätte ich mich um sie gekümmert.«

»Manche Huren halten ihr Geld ganz ordentlich zusammen«, meinte die Dicke.

»Ja, und manche verkaufen sich ordentlich teuer. Wenn sie ein hübsches Weib war …«

»War sie, und flink im Geist. Aber sie hat sich vermutlich mit einigen Leuten gemein gemacht, die diesen flinken Witz für ihre Zwecke ausnutzten.«

»Spitzeldienste?«

»Scheint so. Und zwar übelster Art. Sie hat ihre Freier für einen Priester ausgeholt.« Magister Hagan gab einen verächt­lichen Laut von sich. »Sie hatte sich eine passende Meinung vom Klerus gebildet, und mich lachte sie herzhaft aus, als sie von meinem Stand erfuhr. Ich kann sie verstehen, Piet. Schaut euch doch die Posse an, die dort drüben bei dem Konzil aufgeführt wird.«

»Drei Päpste, einer ein uralter Tattergreis, der andere ein Ehrgeizling und der dritte ein wüster Söldner ohne Gottesfurcht – eine hübsche Besetzung für eine Posse, da hast du recht.«

»Und mich hielt sie für einen Teil dieses würdelosen Schauspiels.«

»Ja nun, Magister – warum sonst bist du hier?«

Magister Hagan seufzte.

»Aus freien Stücken nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Und nun hat sie eine neue Wendung genommen, und sei versichert, dass ich euch dankbar bin, dass ihr meinen Leichnam aus dem Rhein gefischt habt.«

»Do ut des.«

»Ein guter Grundsatz – zu geben, damit man gibt.«

»Er spricht schon wieder so geschwollen«, murrte der Löffelschnitzer. »Und der andere fängt auch schon so an.«

»Außerdem hat er schon gegeben, dieser Magister Ha­­gan«, kicherte Inocenta. »Damals, in Speyer. Was hast du jetzt vor, Magister?«

»Für ein paar Wochen unsichtbar zu werden. Das dürfte meiner Gesundheit zuträglich sein.«

»Sicher bekömm­licher als ein Messer zwischen den Rippen.«

»Ich muss nach Speyer, um Geld zu beschaffen, und dann will ich nach Limburg, um meiner Tochter die Nachricht über den Tod ihrer Mutter zu überbringen. Und die dritte Station wird Köln sein.«

»Was willst du dort?«

»Mit dem Erzbischof Dietrich ein Huhn rupfen.«

»Wegen der Häscher?«

»Die in seinen Diensten stehen und mir nach dem Leben trachten. Es wird ein ziemlich fettes Huhn sein, das ich zu rupfen habe.«

Piet langte in seinen Gürtel, und eine Messerschneide wirbelte blinkend vor dem Feuer auf. Ein paarmal warf er den Dolch auf und ab, und Magister Hagan drückte seine Bewunderung für diese meister­liche Leistung aus, die der Einarmige damit demonstrierte.

»Speyer, Limburg, Köln – keine schlechten Städte. Könnte sich für uns lohnen«, sagte Piet schließlich und steckte das Messer wieder in die Scheide.

»Müssen ihm die hübschen Locken scheren und ihn auf halbe Ration setzen, sonst erkennt man ihn«, sinnierte die Zwergin.

»Ist recht, schneidet mir die Haare ab, aber barbieren braucht ihr mich in den nächsten Wochen nicht.«

Am nächsten Tag brach die Gruppe Vaganten nach Norden auf, um ein Mitglied reicher, das sich aber auf den ersten Meilen unter einigen Säcken auf dem Karren versteckt hielt.

4. Brennnesselsuppe mit Bärlauch

Ostern war vorüber, die Fastenzeit zu Ende, und es herrschte geschäftiges Treiben im Wirtshaus »Zur Bischofsmütze«. Auf dem Mauspfad, der vielbefahrenen Handelsstraße von Frankfurt herauf, zogen Frachtkarren, Lastträger und Packtiere von Süden nach Norden und umgekehrt, brachten Waren aus den Hansestädten oder den süd­lichen Landen nach Köln und die hiesigen Erzeugnisse zu den anderen Marktstädten. Viele Reisende machten in Brück Halt. Die Aufregung um den Tod des Heringshändlers hatte sich bald gelegt, einige Tage danach auch die um Pfarrer Elias. Man ging inzwischen allerseits davon aus, dass der Drugwarenhändler Overrath den Herringsstetz niedergeschlagen und erdrosselt hatte. Mög­licherweise hatte er auch den Geist­lichen auf dem Gewissen, aber der Amtmann ging davon aus, dass der jähzornige Heringshändler wohl den armen Mann im Zorn niedergeschlagen hatte. Der war unselig mit dem Kopf auf den Taufstein geschlagen und umgekommen.

Der Drugwarenhändler war über alle Berge – sollte er nochmals im Gasthaus einkehren, würde man ihn festnehmen und befragen. Aber Laure vermutete, dass sie ihn, sollte er wirklich der Mörder gewesen sein, nie wieder zu sehen bekommen würde.

Das Leben ging weiter.

Das Grün spross nun eifrig, der Küchengarten bot allerlei Würzkräuter und junges Gemüse, und auch am Feldrain wuchs et­liches, das die Gerichte und Suppen schmackhaft machte. Jan und Paitze hatten beim Gänsehüten Körbe voll junger Brennnesseln gepflückt. Laure hatte Elseken geholfen, die Blätter in Brühe abzukochen und anschließend kleinzuwiegen. Ein paar Tränen hatte sie vergossen, als sie dazu junge Zwiebeln, Bärlauch und Knoblauch hackte, aber in Butter angedünstet, mit Mehl bestäubt und mit dem Brennnesselsud und Milch aufgekocht ergab das eine Suppe, die wegen ihrer Schärfe beliebt war. Um die Mittagszeit musste Laure immer wieder die Holznäpfe befüllen und an die Tische bringen.

Sie tat das nicht ungern. Meist waren die Gäste freundlich, wenn sie mit einem Lächeln Suppe und Brot vor sie hinstellte, die Schankmaiden anwies, die Becher und Krüge zu füllen, sich daran erinnerte, wer lieber Bier, Most oder Apfelwein trank, Käse nicht mochte oder gerne etwas Süßes naschte. Sie hatte ein gutes Gedächtnis für Gesichter, Namen und kleine Eigenarten, erinnerte sich an Anekdoten, die man ihr erzählt hatte, und daran, wer womit handelte.

Elseken nahm ihr auch das übel, aber an den meisten Tagen verschloss Laure ihre Ohren vor den säuer­lichen Bemerkungen über leichtfertige Tändeleien mit den Gästen.

Sie tändelte nicht, sie war lediglich freundlich.

Zu allen, soweit es ihr möglich war. Aber heute waren Alard und Curt wieder aufgetaucht und hatten zwei Dirnen mitgebracht. Gott ja, auch die hatten Hunger, aber als sie begannen, den Männern in der Wirtsstube freche Angebote zu machen, wurde Laure ungehalten. Sie wollte nicht, dass ihr Gasthof in den Ruf kam, ein Hurenhaus zu sein. Sicher, es ließ sich nicht ganz vermeiden, dass in den Schlafkammern dann und wann Unzucht getrieben wurde, aber in dem Schankraum duldete sie es nicht.

Sie versuchte, mit ruhiger Stimme die beiden Frauen zur Ordnung zu rufen, doch Alard grunzte sie nur an: »Lasst die Dirnen in Ruh, Weib. Wir wollen doch Euer Essen bezahlen. Und sie schaffen uns die Münzen dafür an.«

Mit Alard aber mochte Laure nicht disputieren, darum strebte sie, von unterdrückter Wut kochend, in die Werkstatt, wo Goswin ein Rad auf eine Achse schob.

»Ich hab dir schon ein paarmal gesagt, Goswin, dass ich es nicht mag, wenn deine Freunde ihre Huren hierher mitbringen. Geh bitte hinein und sag ihnen, sie sollen die Dirnen wegschicken.«

»Was bist du nur für eine prüde Zicke. Lass die Männer doch ihren Spaß haben.«

»Wenn sie den haben wollen, dann sollen sie ins Frauenhaus gehen. Wir führen eine ehrbare Wirtschaft.«

»Was ist schon ehrbar? Männer, die tagelang unterwegs sind, brauchen willige Weiber. Du solltest dir ein Beispiel an denen nehmen, dann würdest du wenigstens Geld in die Kasse bringen.«

Er war ein grober Stiesel.

»Ich bringe genug ehrbar erworbene Münzen in die Kasse, Goswin, und ich versaufe nicht selbst unseren Wein. Wenn du die Dirnen nicht wegschickst, werde ich Elseken verraten, was du mit derlei Weibsvolk hinter der Remise treibst.«

Sie hatte das Vergnügen, ihren Stiefsohn rot anlaufen zu sehen. Immerhin – ein Druckmittel hatte sie. Elseken würde ihm mit ihrer scharfen Zunge einen Vorgeschmack der Hölle bereiten. Mit einem bitterbösen Blick streifte er sie. Sie lächelte ihn sanft an und wies mit der Hand zum Gasthaus.

»Deine Freunde hören auf dich, nicht wahr?«

Sie hatten ein Palaver veranstaltet, waren zwar nicht fortgegangen, aber die Dirnen hatten sich zurückgehalten. Schließlich machten sich die meisten Gäste wieder auf den Weg, und Laure spannte das Wägelchen an, um nach Poll am Rhein zu fahren. Hier wollte sie für den nächsten Tag frischen Lachs von den Fischern kaufen.

Ein kühler Wind trieb einige Wolken über den Himmel, das langohrige Maultier trottete einigermaßen gehorsam den Karrenweg entlang, und schon bald kamen die Hütten des kleinen Dorfes in Sicht. Nachen dümpelten an der Kaimauer, Netze waren auf Holzgerüsten aufgespannt, Kinder mit eifrigen Fingern flickten sie. In tropfenden Weidenkörben zappelten silbrige Fische, die von einigen Frauen verkauft wurden. Laure sprang vom Wagen, bat ein strubbeliges Mädchen, die Zügel des Maultiers zu halten, und prüfte das Angebot. Sie war bekannt bei den Fischmengerschen, und keine von ihnen wagte es, ihr minderwertigen Fang anzubieten. Ein wenig handelten sie, eher zum Vergnügen als ernsthaft, und mit vier schönen, großen Lachsen konnte sie bald darauf den Wagen beladen.

Sie wollte sich schon auf den Rückweg machen, als sie beinahe über ein kniendes Weib gestolpert wäre, das ihr bettelnd die Hand entgegenhielt.

»Gebt ihr eine kleine Münze«, riet ihr eine der Fischerfrauen. »Sie ist ein bedauernswertes Geschöpf und kann nicht sprechen.«

Laure blieb bei der Bettlerin stehen und sah zu ihr herunter. Lumpen trug sie, und erbärmlich mager war sie darunter. Ihre dunklen Haare wiesen einige silberne Fäden auf, aber ihre Augen blickten klar. Sie betrachtete das verhärmte Gesicht und erkannte Leid darin, doch keine Falschheit.

»Du kannst nicht sprechen, aber hören kannst du?«

Das Weib nickte.

»Kannst du auch arbeiten?«

Wieder nickte sie.

»Ich bin die Wirtin der ›Bischofsmütze‹, oben am Mauspfad. Ich könnte noch eine Magd brauchen. Es ist schwere Arbeit, aber du bekommst dreimal am Tag Essen, ein Lager in der Gesindekammer und neue Kleider.«

Sie hatte ausdrucksvolle Augen, fand Laure, und in ihnen spiegelte sich Hoffnung und Dankbarkeit. Die schmutzigen Finger ergriffen ihre Hand, und die Frau neigte ihren Kopf darüber, um sie zu küssen.

»Na, na, so weit ist es nun doch nicht mit mir her. Steh auf, und setz dich hinten auf den Karren. Oder müssen wir noch deine Habseligkeiten holen?«

Die Frau schüttelte den Kopf und zog ein kleines Bündel hinter einem Busch hervor. Viele irdische Güter schien sie wahrlich nicht zu besitzen.

»Ihr seid eine gottgefällige Frau«, bemerkte die Fischmengersche. »Wir haben ihr geholfen, so gut es ging, aber bei Euch wird sie es besser haben.«

»Woher kommt sie?«

»Wir wissen es nicht. Sie tauchte vor einem Monat hier auf, und – wie gesagt – sie spricht nicht. Sie hat keine Zunge mehr.«

Laure packte ein Grauen. Das Schicksal dieser Bettlerin mochte schlimmer sein, als sie ahnte. War sie eine bestrafte Verbrecherin? Vielleicht, doch wenn, dann hatte sie ihre Strafe erhalten und sollte nun nicht weiter der Ungnade ausgeliefert sein. War sie bösen Gemütes, würde sie sie fortschicken.

Schweigsam machte sie sich mit ihren Einkäufen und der neuen Magd auf den Heimweg.

»Ein schmutziges Bettelweib …?«

»Wir haben viel zu tun, Elseken, ein weiteres Paar Hände ist mir sehr willkommen.«

»Diebische Hände. Ich will so ein Gesindel hier nicht haben.«

»Sie bleibt. Ob sie eine Diebin ist, wird sich zeigen.«

»Ob Diebin oder blöde, sie wird nichts nutzen. Was treibt dich nur dazu, solches Gelichter hier anzuschleppen?«

»Christ­liche Nächstenliebe vielleicht?«

»Ah was. Damit kannst du ein Kloster führen, kein Wirtshaus. Hol ein kräftiges Bauernmädchen, das zupacken kann.«

»Wir werden sehen, ob sie nicht auch zupacken kann, Elseken.« Ungehalten klatschte Laure die Fische auf den Tisch in der Küche. »Sie bleibt vorerst hier und bekommt oben in der Gesindestube ein Bett.«

»Das kannst du ihr selber richten, Frau Wirtin!«

Laure, die schon fast aus der Tür war, drehte sich um: »Wenigstens wird sie hier nicht ständig herumkeifen! Dafür möchte ich schon jetzt Gott danken.« Damit verschloss sie ihre Ohren vor Elsekens giftigem Wortschwall und begab sich auf den Hof, wo die Fremde noch immer still auf einem Fass saß. Sie seufzte. Ja, vielleicht war es leichtsinnig gewesen, die Frau einfach mitzunehmen. Aber Elseken war wirklich ein missgünstiges Geschöpf.

Paitze kam mit einem Korb gelber Rübchen aus dem ­Garten und musterte die Stumme.

»Wer ist das, Mama?«

»Eine neue Magd. Sie kann nicht sprechen, aber sie sucht Arbeit. Bring die Rübchen in die Küche und richte ihr oben ein Lager, Paitze. Ich will sehen, dass ich einen sauberen Kittel und eine Schürze für sie finde.«

Ihre Tochter gehorchte ihr, und als sie aus der Küche zurückkam, hatte Laure der Frau erklärt, was sie vorhatte. Die nickte immer wieder und wies dann auf den Brunnen und ihre Haare.

»Ja, waschen sollst du dich auch. Paitze wird sich darum kümmern. Sie ist ein verständiges Kind. Ich muss aber jetzt im Haus nach dem Rechten sehen.«

Laure erklomm die Stiege zum ersten Geschoss, in dem sich die beiden Gästekammern befanden. Die größere mit vier breiten Betten diente den männ­lichen Gästen als Schlafraum, die kleinere mit zwei Betten stand für die selteneren weib­lichen bereit. Es gehörte zu den Annehmlichkeiten ihres Hauses, dass die Laken alle Woche gewechselt und das Bettstroh regelmäßig erneuert wurde. Laure sammelte ein Paar verlassener Schuhe auf, die jemand wohl bald vermissen würde, prüfte Decken und Polster, kontrollierte dann die Vorratskammern und den Keller, bemerkte, dass das Bierfass fast leer war, und gab Elseken, die für das Brauen zuständig war, den Hinweis, neues Bier anzusetzen. Dann begab sie sich ins Nebengebäude, wo sie und ihre Kinder ihre Wohnung hatten, und kramte aus einer Truhe einen ihrer Arbeitskittel hervor, ebenso eine frische Schürze und ein weißes Kopftuch. Sie achtete auch darauf, dass das Gesinde immer einen adretten Anblick bot, und hoffte, dass die Neue sich entsprechend verhalten würde.

Paitze kam zu ihr und berichtete, das Lager sei gerichtet. Die Frau habe sich mit zwei Schaff Wasser hinter den Stall begeben, um sich zu waschen.

»Dann bring ihr die Kleider.«

»Mach ich. Warum kann sie nicht sprechen?«

»Sie hat keine Zunge.« Das »mehr« unterschlug Laure.

»Oh. Schrecklich. Dann kann sie ja auch gar nichts schmecken.«

Daran hatte Laure noch gar nicht gedacht. Aber sie schob diese Erkenntnis resolut zur Seite – ihre Christenpflicht war es, den Armen zu helfen, nicht mit ihnen zu leiden.

»Ich bring ihr auch meinen Kamm«, sagte Paitze und nahm das Bündel Kleider auf. »Sie hat schöne lange Haare.«

Neue Reisende trafen ein. Laure musste ihnen ihre Schlafplätze zuweisen, den Geleitknechten Ställe und Remise zeigen, noch einmal mit Elseken über die Anzahl der Würste zanken und der Wäscherin den Lohn aus­zahlen. Schließlich sah sie die Fremde wieder. Sie saß wiederum auf dem Fass auf dem Hof, neben ihr standen Jan und Paitze. Als sie näher kam, hörte sie die Unterhaltung, die sie führten.

»Also mit Mmm fängt dein Name an. Und dann? Ma?«

Die Frau nickte.

»Maria?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Magda?«

Verneinung.

»Marthe?«

Jetzt lächelte sie und machte eine flatternde Bewegung mit der Hand.

Paitze lächelte auch.

»Also so ähnlich wie Marthe. Martha? Nein, nicht. Marthi? Uh – fast. Hach, ich hab’s! Martine!«

Erfreut nickte die Frau, und Laure trat näher.

»Martine also?«

Wieder nickte sie, und ihre Augen glänzten. Sie hob ihre Hand und streichelte vorsichtig Paitzes Arm.

»Ja, sie sind kluge Kinder. Und du siehst jetzt besser aus. Jan, begleite Martine in die Küche, damit Elseken ihr eine Schüssel Suppe gibt.«

»Die wird wieder zanken.«

»Jan, es ist mein Wunsch.«

»Das sag ich ihr dann.«

»Genau!«

»Komm, Martine.«

An diesem Abend saß Laure lange vor ihrem Büchlein und sann über eine Zeichnung nach, die sie von Martine angefertigt hatte. Eine Frau, nicht mehr jung, doch mit feinen Gesichtszügen. Nicht verwittert wie das einer Bäuerin, sondern sanft gealtert. Ihr Leben mochte einige Zeit in ruhigen Bahnen verlaufen sein. Ihre Hände waren zwar schmutzig und vernarbt, aber nicht so schwielig wie die einer Arbeiterin oder Magd. Sie war hungrig gewesen, hatte jedoch nicht gierig geschlungen. Und sie bewegte sich gemessen, aber nicht langsam.

Eine ehemalige Nonne?, huschte es Laure durch den Sinn.

Nun, die Zeit würde es zeigen. Sie wollte darüber nachdenken, wie sie etwas mehr aus der Stummen herausbekommen konnte, aber wichtiger war es erst einmal, sie zu beobachten und sich ein Urteil darüber zu bilden, wie anstellig sie ihre Arbeit verrichtete.

Während sie grübelte, entstand noch eine weitere Zeichnung der Frau, so, wie sie vielleicht hätte aussehen können, wenn das Leben gnädiger mit ihr umgesprungen wäre.

Diese Fähigkeit, Gesehenes nicht nur abzuzeichnen, sondern auch zu verändern, war es, die Kornel, ihren Ehemann, vor Jahren fasziniert hatte. Und das war es, wovor Goswin und Elseken so viel Angst hatten, dass sie am liebsten ihre Büchlein verbrannt hätten. Darum zeichnete sie heute nur noch im Geheimen.

Sacht strich Laure über das schöne Papier, das aus Nürnberg stammte.

Ja, Kornel hatte ihr damit ein Geschenk gemacht, damals, als sie ihren Glauben verloren hatte. Er war ein so guter Mann gewesen, auch wenn er fast dreißig Jahre mehr gezählt hatte als sie. Er war geduldig mit ihr, und unter seiner Führung hatte sie gelernt, die Wirtschaft zu führen, hatte seine Kinder empfangen, geboren und aufgezogen, was ihn glücklich gemacht hatte. Ihr hatte das Leben gefallen, die immer verantwortungsvolleren Aufgaben, die er ihr zutraute, die Fürsorglichkeit, mit der er sie behandelte – sie war selbst noch fast ein Kind gewesen und wurde erwachsen unter ­seiner Anleitung.

Dennoch verlor sie ihren Glauben an das Gute in der Welt, als sie eines Tages – sie war gerade einundzwanzig geworden – die bewusstlose, blutende Frau hinter der kleinen Kirche in Merheim fand. Sie wollte ihr helfen, und als das junge Weib wieder zu sich kam, musste Laure sich Anschuldigungen anhören, die ihr Bild von der Welt zer­störten.

Heute, dachte Laure, würde sie anders reagieren, aber damals, erzogen von einer zutiefst frommen Mutter und einem äußerst gottesfürchtigen Vater, behütet und beschützt von einem liebevollen Gatten, erschütterte sie die Erkenntnis, dass der Dorfpfarrer Tilmanus eine Frau brutal vergewaltigt hatte. Die Erkenntnis dieser Bös­artigkeit hatte ihr Leben in ihren Grundfesten erbeben lassen. Ihre Eltern hatten sie in dem Glauben erzogen, die Priester seien Männer von tiefer Weisheit, die den Willen Gottes ergründet hatten. Und ein gottgefälliges Leben führte man, wenn man die Gebote befolgte, regelmäßig zur Messe ging, täglich seine Gebete sprach und dem Pfarrer seine Sünden anvertraute. Für Laure standen alle Geist­lichen direkt mit Gott in Verbindung, und nur über sie, so hatte man sie gelehrt, konnte man Erlösung von den Sünden finden.

Konnte ein Mann Gottes wirklich ein Weib schänden?

Völlig verstört hatte sie des Nachts, als sie neben Kornel im Dunkeln lag, ihrem Gatten diese bange Frage gestellt.

Er hatte sie getröstet, hatte vorsichtig versucht, ihr die Existenz des Bösen verständlich zu machen, und ihr ihre Arglosigkeit und Einfalt Stückchen für Stückchen genommen. Doch es war schmerzhaft für sie, selbst als Kornel dafür sorgte, dass dem Weib geholfen und der Pfarrer seines Amtes enthoben wurde. Wochenlang war sie fassungslos herumgelaufen, bis sie eines Tages mit der Feder spielte, mit der Kornel seine Aufzeichnungen im Registerband machte.

Eine Weinrebe entstand, Blätter, Trauben. Efeuranken wanden sich um das Blatt.

Verschreckt versuchte sie das Buch zuzuschlagen, als ihr Gatte eintrat. Doch er lachte nur fröhlich auf, kaufte dem Lucas Overrath Papier und Tinte ab und zeigte ihr, wie man Federn schnitt.

Ihren Glauben hatte sie allmählich wiedergefunden – zumindest einen Teil davon. Aber ihre Unschuld hatte sie verloren, und sie hatte gelernt, hinter die Gesichter zu schauen.

Die Nacht war vorangeschritten, das Haus war still geworden. Laure schlug ihr geheimes Büchlein zu und verschloss es in der Truhe. Als sie das Licht ausblies, fiel ihr mit einer kleinen Verwunderung ein, dass sie von Pfarrer Tilmanus nie eine Zeichnung angefertigt hatte. Hätte sie den kranken Geist hinter seinen Zügen erkannt?

5. Begegnung in Straßburg

So werden Füchse gefangen!

Papst Johannes XXIII., Baldassare Cossa, vor dem Konzil von Konstanz

Magister Hagan, den vollen Bart sorgsam gestutzt, den kahlgeschorenen Kopf jedoch unbedeckt, saß am Tisch einer lauten Taverne und versicherte mit sorgsam geschriebenen Buchstaben einem Weib seine innigste Liebe. Nicht dass er dieses Weib gekannt hätte, aber den Schilderungen des Handwerksgesellen neben ihm zufolge musste sie einer Heiligen, einer Königin und rosenhäutigen Elfe zu gleichen Teilen ähneln. Er schmückte also nach Gutdünken das Gestammel des jungen Mannes mit blumigen Wendungen aus, in der Annahme, dass jener, der der Jungfer dieses Schreiben vorlas, es mit dem passend sehnsuchtsvollen Pathos tat. Was musste Liebe schön sein.

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