Die Geheimnisse der Lavendelfrauen - Sissi Flegel - E-Book

Die Geheimnisse der Lavendelfrauen E-Book

Sissi Flegel

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Beschreibung

Drei Frauen, ein Wochenende, und jede Menge Abenteuer: Der Freundinnenroman »Die Geheimnisse der Lavendelfrauen« von Sissi Flegel als eBook bei dotbooks. Der Zufall verschlägt sie alle am selben Wochenende in das Waldhotel »Lavendelhof«: die quirlige Design-Studentin Nane, die lebenslustige Rentnerin Eva und die pfiffige Unternehmergattin Katrin, die gerade beschlossen hat, ihren betrügerischen Ehemann zum Teufel zu jagen. Aber dann wäre da auch noch seine Firma, die Katrin voller Herzblut aufgebaut hat … Wie kann es sein, dass der Schuft kein bisschen büßen muss, während Katrin alles verliert? Das darf nicht sein, meinen Eva und Nane empört und laden Katrin zum Abendessen ein – die besten Rachepläne lassen sich schließlich bei einem belebenden Aperitif schmieden. Bis sie beim Dessert angekommen sind, ist den drei Frauen allerdings klar geworden: Katrin ist nicht die einzige mit einem Männerproblem – warum sich also nicht zusammentun und den Herren der Schöpfung einen gepfefferten Denkzettel verpassen? Nach dem Bestseller »Die Geheimnisse der Sommerfrauen« der neue turbulenter Roman von Sissi Flegel – über drei gewitzte Frauen und einen teuflischen Plan! »Hier verbindet sich Lebenserfahrung mit purer Lebenslust.« Rhein-Neckar-Zeitung über Bestsellerautorin Sissi Flegel Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der spritzige Sommerroman »Die Geheimnisse der Lavendelfrauen« von Bestsellerautorin Sissi Flegel. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 379

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Über dieses Buch:

Der Zufall verschlägt sie alle am selben Wochenende in das Waldhotel »Lavendelhof«: die quirlige Design-Studentin Nane, die lebenslustige Rentnerin Eva und die pfiffige Unternehmergattin Katrin, die gerade beschlossen hat, ihren betrügerischen Ehemann zum Teufel zu jagen. Aber dann wäre da auch noch seine Firma, die Katrin voller Herzblut aufgebaut hat … Wie kann es sein, dass der Schuft kein bisschen büßen muss, während Katrin alles verliert? Das darf nicht sein, meinen Eva und Nane empört und laden Katrin zum Abendessen ein – die besten Rachepläne lassen sich schließlich bei einem belebenden Aperitif schmieden. Bis sie beim Dessert angekommen sind, ist den drei Frauen allerdings klar geworden: Katrin ist nicht die einzige mit einem Männerproblem – warum sich also nicht zusammentun und den Herren der Schöpfung einen gepfefferten Denkzettel verpassen?

»Hier verbindet sich Lebenserfahrung mit purer Lebenslust.« Rhein-Neckar-Zeitung über Bestsellerautorin Sissi Flegel

Über die Autorin:

Sissi Flegel (1944–2021) veröffentlichte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden, bevor sie begann, sehr erfolgreich auch für erwachsene Leser zu schreiben; darunter ihre Bestsellerreihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen«.

Bei dotbooks veröffentlichte Sissi Flegel ihre Bestseller-Reihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen« und »Die Träume der Sommerfrauen« sowie ihre heiteren Romane »Der Sommer der Apfelfrauen«, »Roter Wein mit Brombeernote«, »Der Geschmack von Wein und Liebe«, den historischen Roman »Die Keltenfürstin« und mehrere Kinder- und Jugendbücher.

»Die Geheimnisse der Sommerfrauen« sind auch in folgenden Einzelromanen erhältlich:»Vier Frauen und eine SMS«»Vier Frauen und ein Feuerwerk«»Vier Frauen und ein Baby«»Vier Frauen und ein Garten«

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Originalausgabe September 2020

Copyright © der Originalausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Renate Kunstwadl

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Nella, Africa Studio und Creative Travel Projects

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96655-386-5

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Sissi Flegel

Die Geheimnisse der Lavendelfrauen

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Regen und Schnee, riesige Pfützen auf der Straße. Verflixtes Aprilwetter!

Mit eingezogenem Kopf stürmte Katrin zum Geldautomaten in der Bank. Steckte die Karte in den Schlitz, gab die PIN-Nummer ein … Verdammt, sie hatte sich vertippt! Sie zwang sich, ruhiger zu atmen. Nächster Versuch. 2 000 Euro. Jetzt klappte es. Sie stopfte die Scheine in einen Umschlag, rannte zu ihrem Auto zurück, warf die Tasche auf den Beifahrersitz, fuhr los.

Noch immer zitterten Knie und Hände, ihre Nase lief, Tränen brannten ihr in den Augen. Sie drückte das Gaspedal durch. Geschwindigkeitsbegrenzung? Nicht für sie. Nicht heute. Sie führte Krieg!

Und um sich in den nächsten Tagen einen Schlachtplan auszudenken, war sie nun auf dem Weg zum Lavendelhof, den ihre Freundin Uta neulich als einen Quell der Ruhe und Inspiration in den höchsten Tönen gelobt hatte.

20 Minuten später hatte sie die Autobahn erreicht, LudwigsburgSüd, dann Nord, schließlich Weinsberger Kreuz. Kein Stau. Ein Wunder! Rauf auf die A 8 … Ausfahrt Öhringen. Fast verpasst! Im letzten Augenblick lenkte sie den Wagen nach rechts, das Auto schlingerte. Nichts passiert.

Die Augen starr auf die Straße geheftet, fuhr Katrin durch das beschauliche Städtchen. An einer Ampel ein Wegweiser. Links ging’s ab nach Düblingen. Die letzten Häuser.

Nun Wiesen und Felder. Katrin beschleunigte. Noch zehn, zwanzig Minuten, dann war sie da. Ruhe! Frieden! Zeit zum Überlegen! Mord? Nein! Aber Rache! Nur wie?

Jetzt der Wald. Schön eigentlich. Hier lag noch ein wenig Schnee auf den Tannen. Die Fahrbahn war ein bisschen rutschig. Also runter mit der Geschwindigkeit. Langsamer eben. Aber doch nicht sooo langsam, nicht, dass der Wagen stehen bleibt …

Er blieb stehen.

Wie bitte? Mit beiden Händen fuhr sich Katrin durch die Haare: Der Tank war leer.

Noch nie zuvor war ihr das passiert. Auch daran war der Kerl schuld!

Kapitel 2

Rummms, die Tür war zu. Weiber, dachte Eddi und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.

Na ja, Katrin würde schon wieder zur Besinnung kommen. In ein, zwei Tagen würde er ihr so fehlen, dass sie reumütig zu ihm zurückkommen würde. Vielleicht war er ja wirklich etwas hart zu ihr gewesen, schließlich hatte sie vor kurzem die Eltern verloren. Geschwister hatte sie nicht, was bedeutete, dass er ihr am nächsten stand – er und niemand sonst war ihr Fels in der Brandung, nur an ihn konnte sie sich anlehnen. Katrin würde das sehr schnell kapieren, sie war realistisch und wusste, auf welcher Seite ihr Brot gebuttert war. Also war jede Sorge unnötig, in null Komma nichts würde sie zu ihm zurückkommen.

Eduard-Johannes blickte sich um: Katrin hatte bei der Renovierung seines Büros auf Parkett bestanden, Parkett, hatte sie gesagt, sei einfach eleganter als ein noch so schöner Teppichboden. Sie hatte auch den großen Seidenteppich entdeckt und günstig erstanden – eBay, klar, aber der Perser machte echt was her. Dazu die neuen Vorhänge und die Sitzgruppe aus Leder … Eddi nickte anerkennend. Katrin hatte Geschmack. Und eine Fähigkeit, die ihm völlig fehlte. Sie hatte Kunden an Land gezogen, von denen er vor ihrer Zeit noch nicht mal träumte. Seine kleine Firma beriet ausländische Pharmaunternehmen und half ihnen, ihre Produkte auf dem deutschen Markt zu platzieren, und hatte einen wunderbaren Aufschwung hingelegt. Natürlich war sein Know-how gefragt, aber ohne Katrins Charme und Zielstrebigkeit wäre er an die Kunden nicht rangekommen. Ja, er hatte Katrin viel zu verdanken, sehr viel sogar; er war Arzt, sie Apothekerin, zusammen waren sie ein unschlagbares Team.

Zu dumm, dass sie ihn wegen einer Lappalie verlassen hatte. Mein Gott, eine kleine Geliebte gehörte für einen Mann von heute zum normalen Lebensstandard. Da war doch wirklich nichts dabei.

Obwohl Nane ihm durchaus etwas bedeutete. Nane war jung. Sie konnte so unbeschwert fröhlich sein, dass er sich um Jahre, ach was!, um Jahrzehnte jünger fühlte. Mit ihrem Schwung katapultierte sie ihn fast wieder in seine Studentenzeit zurück, mit Nane kehrte er in Kneipen ein, von denen er nicht mal gehört hatte, mit Nane tanzte er sogar – er, der seit Jahren bei dem Wort TANZ höchstens ans Stuttgarter Ballett gedacht hatte.

Eddi stellte sich ans Fenster. Er legte die Hände auf den Rücken und dachte an die letzte Nacht. Da war er nicht mit Nane, sondern mit Katrin, seiner Lebensgefährtin, ins Bett gegangen. Das hatte er beabsichtigt, es musste sein, denn Katrin war ein paar Wochen auf Mallorca gewesen, wo sie das Ferienhaus ihrer Eltern verkauft hatte. Ein großes Grundstück mit eigenem Zugang zum Strand hatte dazugehört, sie hatte richtig Kohle gemacht. Da war es doch das Normalste von der Welt gewesen, dass er sie um einen kleinen Teil ihres Vermögens gebeten hatte. Tatsächlich war sie nicht abgeneigt gewesen; er hatte auch in weiser Voraussicht für Champagner, sein bevorzugtes Schmiermittel, gesorgt. »Wir müssen deine Rückkehr feiern!«, hatte er gesagt, wobei er natürlich an ein paar Hunderttausender gedacht hatte. Er hatte den Korken knallen lassen, der war weggeflogen und unters Bett gerollt. Als Katrin ihn holen wollte, hatte sie die benutzten Papiertaschentücher entdeckt. Und das Kondom. Ebenfalls benutzt.

Er musste die Putzfrau entlassen. Genaugenommen war es ihre Schuld, dass Katrin ihn verlassen hatte. Der würde er die Leviten lesen, die konnte was erleben, so schnell würde die keine gut bezahlte Putzstelle mehr bekommen!

Natürlich war er in der Nacht nicht zum Zug gekommen. Katrin hatte ihm das Kondom ins Gesicht geschleudert, hatte im Gästezimmer geschlafen und war am Morgen mit den Koffern ins Auto gestiegen.

Das war wirklich blöd gelaufen … Er mochte Katrin. Klar, in seinem Alter sprach man nicht mehr von Liebe, mit über 60 war man Realist, deshalb hatte er sie ja auch nicht geheiratet. Die Scheidung von Eva war ihm eine Lehre gewesen, so was musste man sich kein zweites Mal antun. Ganz abgesehen davon, dass er für seine Ex finanziell immer noch blutete.

Kapitel 3

Eva stand vor ihrem Kleiderschrank. Mein Gott, was hatte sich ihre Tochter dabei gedacht? Ein Gutschein zum 60. Geburtstag war ja was Nettes, aber musste es ausgerechnet Wellness sein? Weitab vom Schuss, in einer Gegend, die zweifellos malerisch war und sogar romantisch genannt wurde, in der sich aber nur Fuchs und Hase begegneten?

Vor Langeweile würde sie eingehen wie ein Veilchen bei Frost. Ein verlängertes Wochenende, in einem Hotel namens Lavendelhof! Wie blöd war das denn? Anfang April hielt der Lavendel noch Winterschlaf, und überhaupt – was, zum Donnerwetter, packte man dafür in den Koffer? Jeans und Bademantel würden wohl nicht reichen. Wellness! In ihrem Alter!

»Mama, gerade in deinem Alter ist Wellness angesagt«, hatte ihre Tochter Anja behauptet. »Du musst dir dein gutes Aussehen bewahren.«

Sie hatte geschnaubt. »Zu diesem Preis? Kannst du dir die Ausgabe denn leisten?«

»Papa hat etwas dazugegeben.«

»Auch das noch!«

»Kein Grund, den Gutschein nicht einzulösen«, hatte Anja hastig erklärt. »Er nagt nicht am Hungertuch, das weißt du doch, und überhaupt fand er das Geschenk gut.«

Der Gedanke, dass sie ihrem Ex vier Tage Langeweile verdankte, brachte sie erst recht auf die Palme. »Ich finde die Idee bescheuert!«

Das hatte sie schon an ihrem Geburtstag gedacht, und sie hatte ihre Meinung bis heute nicht geändert. Aber zu kneifen konnte sie dem Kind, auch wenn das inzwischen erwachsen war, nicht antun. Und nun war der Koffer gepackt. Sie schloss die Schranktür, ging zum Nachtkästchen und nahm das Foto von Burkhart in die Hand. Seit einem guten Jahr war sie mit ihm befreundet. Mit einem Rentner, der sich in seiner vielen freien Zeit ums Lesenlernen und die Hausaufgaben von zwei Jungen, acht und zehn Jahre waren sie alt, kümmerte und sich damit ein kleines Taschengeld verdiente. Das er als ehemaliger Oberstudienrat nicht nötig hatte, aber doch etwas Sinnvolles tun wollte.

Burkhard? Eva stellte das Foto zurück. Schade, dass er nicht mitkam. Wirklich, sehr schade.

Gemeinsame Spaziergänge wären schön gewesen. Vier Tage zu zweit auch. Die Nächte nicht weniger. Burkhard zeigte weder im Kopf noch sonst wo Ermüdungserscheinungen …

Nach ihrer Scheidung war Eva in ein Sechs-Familien-Haus in Sillenbuch gezogen. Zweiter Stock. Drei Zimmer, Küche, Bad, Südbalkon. Keine Garage, aber in diesem Vorort Stuttgarts fand sie immer einen Parkplatz in der Nähe.

Ein letztes Mal kämmte sie die Haare, dann kontrollierte sie, ob die Fenster zu und alle Lichter aus waren. Schloss die Tür ab und klingelte bei Ilse Schlotz.

»So, geht’s jetzt los? A schönes Wetter hend Sie sich ausg’sucht. Aufpasse, gell, die Straße send rutschig. Ned, dass Sie im Graben landet.«

Eva drückte ihr den Wohnungs- und Briefkastenschlüssel in die Hand. »Wenn ich nur schon wieder hier wäre!«

»Ha no! Einem geschenkten Gaul guckt m’r net ins Maul, des wisset Sie doch!«

»Ich will kein Pferd, ich habe ein Auto.«

Der Berufsverkehr war durch um diese Zeit, und trotz des Schneeregens hatte Eva nach einer Viertelstunde die Autobahn erreicht. Und wieder hatte sie Glück. Kein Stau, selbst am Leonberger Dreieck und sogar am berüchtigten

Weinsberger Kreuz kam sie ohne Verzögerung durch. Dann Öhringen. Ein Beamtenstädtchen, sehr sauber, sehr gediegen, sehr ruhig. Entlang der Durchgangsstraße gab’s nichts Besonderes zu sehen.

Doch kurz vor den letzten Häusern stand ein Mädchen am Straßenrand. Der schicke schwarze Parka fiel Eva sofort auf. Und die Lederstiefel. Kniehoch. Nicht gerade billig. Dann fiel ihr Blick auf die prall gefüllte Reisetasche. Das Mädchen hielt den Daumen in die Höhe. Eva bremste, ließ die Scheibe nur ein kleines Stück herunter, um die Nässe nicht in den Wagen zu lassen, und beugte sich nach rechts. »Ja?«

»Mir ist der Bus vor der Nase weggefahren. Weit und breit kein Taxi. Dazu der Regen! Aber Sie kommen doch aus Stuttgart. Ich meine, dem Nummernschild nach …«

Kapitel 4

Eva hatte sich getäuscht. Das Mädchen war eine junge Frau. Etwa im Alter ihrer Tochter Anja. Mitte 20 also. Keine Schwäbin, dem guten Hochdeutsch nach. Schwarze Augen. Getuschte Wimpern. Dezenter Lidstrich. Schulterlange, schwarze krause Haare, die unter der Kapuze hervorquollen. Spuren eines hellroten Lippenstifts. Die junge Frau war hübsch, keine Frage, und so vergnügt, wie sie trotz des Schmuddelwetters und des verpassten Busses lächelte, auch kein Trauerkloß. »Wohin wollen Sie denn?«

»Nach Düblingen. Fahren Sie in die Richtung?«

Eva blickte auf ihr Navi. »Düblingen, sagen Sie? Die Richtung stimmt, allerdings fahre ich nur bis zu einem Hotel. Das liegt etwas außerhalb des Dorfs, aber bei dem Regen …«

»Da muss ich auch hin«, unterbrach sie die Fremde. »Hotel Lavendelhof.«

Eva lachte. »Ihr Glückstag! Steigen Sie ein, wir haben dasselbe Ziel.«

Sie blickte in den Rückspiegel. Die Fahrbahn war leer, sie gab Gas und wandte sich ihrem Fahrgast zu. »Eva Wolf.«

»Nane Turcu.«

»Nane?«

»Ist ein türkischer Name. Nane bedeutet Minze. Sie wissen schon: Pfefferminze.« Nane schob die Kapuze in den Nacken. »Sie wollen wellnessen? Nicht, dass Sie’s nötig hätten«, setzte sie hastig hinzu.

»Ein Gutschein zum Geburtstag. Von meiner Tochter. Für ein verlängertes Wochenende. Vier verdammte Tage muss ich es dort aushalten.«

Der Regen hatte kurz nachgelassen. Jetzt aber standen tiefschwarze Wolken am Himmel, und ein so heftiger Graupelschauer platzte aufs Autodach, dass beide unwillkürlich die Köpfe einzogen.

»Und Sie?« Eva hob die Augenbrauen. Oh Gott, vor tausend Jahren war ihre Haut auch mal so prall und faltenlos gewesen.

»Auf mich wartet Arbeit.«

»Arbeit?«, wiederholte Eva verdutzt. »Wie eine Sekretärin sehen Sie nicht aus. Für eine Köchin sind Sie zu dünn. Masseurin? Kosmetikerin? Hand- und Fußpflege? Niemals. Etwas Sportliches? Schon eher, aber das trifft’s auch nicht so ganz. Klären Sie mich auf.«

»Ich«, Nanes Gesicht war ein einziges fröhliches Strahlen, »trete meinen ersten richtigen Job an. Ist eine Wahnsinnschance, echt, wie ein Sechser im Lotto ist er. Ich freue mich riesig, denn … Moment mal, da vorne. Halten Sie an, Frau Wolf. Schätze, der Frau geht es nicht gut, die braucht Hilfe.«

Noch bevor Evas Wagen richtig zum Stehen gekommen war, sprang Nane heraus. Stülpte die Kapuze über die Locken, rannte die paar Meter hin zu der Frau, die gekrümmt an ihrem Wagen lehnte, und legte der Frau die Hand auf den Arm.

Als auch Eva ausgestiegen war und näher kam, hob die Frau den Kopf. Das Gesicht war nass. Wegen der Nässe von oben? Auch, aber nicht nur. Die Dame weinte, die Tränen strömten ihr nur so aus den Augen. Eva fummelte ein Taschentuch aus der Packung, die sie immer in einer Tasche dabeihatte: Einmal Mutter, immer Mutter, dachte sie und reichte der Weinenden das Tuch. Und gleich noch ein zweites.

»Danke.« Die Frau wischte sich wütend übers Gesicht, dann trat sie kräftig gegen den Reifen. »Der Tank ist leer. Ich bin losgefahren, ohne …« Schon wieder kullerten Tränen. »Ich hab einfach Pech!«

»Solche Tage gibt’s. Wohin wollen Sie denn?«, erkundigte sich Nane.

»Zum Lavendelhof, der muss ganz in der Nähe sein, aber die Karre hat’s nicht geschafft. Ich sag’s ja: Pech auf der ganzen Linie.«

Eva und Nane sahen sich an. »Ach woher, Ihre Retter stehen neben Ihnen, wir haben das gleiche Ziel. Nicht wahr, Eva, wir nehmen die Dame doch mit?«

»Aber sicher. Wir laden Ihr Gepäck in mein Auto. Um Ihren Wagen sollen sich die Leute aus dem Hotel kümmern. Alles kein Problem.«

Die Gestrandete putzte sich die Nase. »Katrin Hufnagel«, stellte sie sich vor und öffnete den Kofferraum ihrer C-Klasse. »Aus Stuttgart.«

Eva zeigte auf ihren Opel Corsa. »Ich fürchte, der Koffer muss auf den Rücksitz.«

Wenige Minuten später kam das Hotel in Sicht. Mit Schwung und quietschenden Reifen umrundete Eva ein Rondell. Es war mit einer Menge Lavendel bepflanzt, dazwischen erhoben sich Zypressen. Vielleicht waren es auch nur Scheinzypressen, aber das Ganze erinnerte an die Provence und gab im Sommer bestimmt ein schönes Bild ab.

Lavendel in Hohenlohe? Vielleicht hatten die hier jede Menge Läuse, die sie damit verscheuchen wollten. Bekanntlich hielten die lästigen Krabbler nichts von Lavendel, dachte Eva und fuhr in eine Lücke zwischen einem Porsche und einem BMW-Geländewagen, stellte den Motor ab und fragte: »Soll ich sagen, ich hätte das Auto meiner Putzhilfe ausgeliehen?«

Nane lachte. »Aber warum denn? So ein Kleinwagen zeugt heute von edler Bescheidenheit.«

»Wer’s glaubt …«

Sie luden ihr Gepäck aus und rannten mit eingezogenen Köpfen durch den Regen und in die Eingangshalle. An der Rezeption lächelte ihnen eine junge Dame entgegen: weiße Bluse, schwarzes Kostüm, am Revers ein Schildchen, das ihnen den Namen verriet: Dorle Härle.

Wer hieß heute noch Dorle?, dachte Nane geringschätzig und hielt sich im Hintergrund.

Eva und Katrin nannten ihre Namen, füllten brav die Formulare aus und nahmen die altmodischen Schlüssel in Empfang. »Unser Fritz bringt Ihnen das Gepäck aufs Zimmer«, erklärte das Dorle. Das war das Stichwort für einen pickligen jungen Mann, und obwohl Eva auf ihren Rollkoffer zeigte und »Danke, das ist wirklich nicht nötig!« sagte, spielte er den Volltauben. Eva und Katrin blieb nichts anderes übrig, als ihm hinterherzudackeln. Klar, der Hilfsbereite war aufs Trinkgeld aus.

Nun wandte sich das Dorle an Nane. »Und wie kann ich Ihnen helfen, Frau …?«

»Nane Turcu. Ich bin beruflich hier und möchte Frau Ziebart sprechen.«

»Ahh, wegen der neuen Internetseite.« Dorle lächelte unterkühlt. »Frau Ziebart erwartet Sie bereits. Doch zunächst fahren Sie mit dem Aufzug in den dritten Stock, dann die Treppe hoch ins Dachgeschoss, erstes Zimmer rechts. Stellen Sie Ihre Reisetasche ab, und kommen Sie zurück. Ich führe Sie dann zu Frau Ziebart. Trödeln Sie nicht; die Chefin wartet nicht gerne.«

»Na toll. Da haben wir ja was gemeinsam. Worauf muss ich sonst noch achten? Der Job ist mir wichtig.«

»Verstehe.« Dorle sah Nane so lange an, bis bei ihr der Groschen fiel. »Sag mal, du willst Bakschisch? Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

Das Dorle hob nur eine Augenbraue.

»So wird das nichts mit uns«, erklärte Nane energisch. Nahm den Schlüssel, marschierte zum Aufzug und sagte, während sie wartete, bis sich die Türen zurückgeschoben hatten: »Dorle Härle, nur damit wir uns verstehen: Du überschätzt dich.«

»Und du wirst nie und nimmer meine Freundin!«, entgegnete die gehässig.

»Wer sagt denn, dass ich dich als Freundin gewollt hätte?«

Nach dem eleganten Empfangsbereich mit dem Marmorboden, dem vergoldeten Stuck an der Decke und der eleganten Sitzgruppe war ihr Zimmerchen eine einzige Enttäuschung. Es war so klein, dass sie sich am Bett vorbeiquetschen musste, um das Fensterchen im schrägen Dach zu kippen. Ein Tischchen samt Stuhl – ohne Polsterung! –, ein Schrank, dessen Tür sich nicht schließen ließ, eine winzige Nasszelle. »Ist halt eine Dienstbotenkammer«, dachte Nane ernüchtert und warf die Reisetasche aufs Bett.

Dann erst fiel ihr Blick aufs schmale Fensterbrett. Dort stand ein Töpfchen mit eingepflanztem Lavendel. Und einem Schildchen »Herzlich willkommen!«

Ein paar Pralinen wären mir lieber, dachte Nane. Sie schob das Töpfchen beiseite, um das Fenster zu öffnen. Die Luft in dem Kämmerchen roch muffig.

Kapitel 5

Im Gegensatz zu Nane war Eva mit ihrem Zimmer, das sogar über eine kleine Sitzgruppe verfügte, sehr zufrieden. Durch eine zweiflüglige Glastür gelangte sie auf die Terrasse, die, nur durch ein Lavendelbeet mit einem beeindruckend großen Rosenbusch getrennt, in den Park überging. Als sie die großen alten Bäume bewunderte, kam auch Katrin aus ihrem Zimmer.

»Wir sind Nachbarinnen«, sagte Eva freundlich.

»Ja, aber nachts können wir die Terrassentüren nicht offen lassen. Da kann uns ja jeder Einbrecher im Schlaf überfallen«, erklärte Katrin missmutig.

Eva musste lachen. »Oder noch schlimmer: Ein Eichhörnchen kuschelt sich zu Ihnen unter die Bettdecke. Oder eine Maus …«

»Ich hasse Mäuse«, unterbrach Katrin sie heftig. »Ich hasse Mäuse und alles hier!«

»Warum sind Sie dann hier?«

»Weil … Ach, das ist doch egal.«

Die Frau war mit den Nerven am Ende, erkannte Eva, und im selben Augenblick erinnerte sie sich an die kleine Flasche Sekt, die zusammen mit einer kleinen Lavendelpflanze zum Empfang im Zimmer bereitstand. »Kommen Sie, trinken wir ein Gläschen, wo’s doch gleich zu regnen beginnen wird.« Sie zeigte auf die dunklen Wolken, und tatsächlich: Schon fielen die ersten Tropfen.

Katrin zuckte die Schultern. »Von mir aus.«

Oh Gott, dachte Eva, die Frau ist wirklich komplett durch den Wind. Sie ärgerte sich über ihre Gutmütigkeit. Aber so war sie eben; als gelernte Kinderkrankenschwester war sie mit einem ausgeprägten Helfer-Gen geschlagen. Während der letzten Jahre hatte sie dagegen angekämpft – offensichtlich mit wenig Erfolg.

Sie schloss die Terrassentür und nahm sich vor, nach dem Piccolo den Kontakt zu ihrer Nachbarin abzubrechen. Jetzt, wo sie nun mal hier war, wollte sie nur ihre Ruhe, wollte sich erholen und schön machen lassen.

Doch als ihr Katrin in dem mit hellgrünem Samt bezogenen Sessel gegenübersaß, kam ihr Entschluss ins Wanken. Erstens hatte sich Frau Hufnagel frisch gemacht und trug nun statt des Kostüms Jeans und Pulli, wodurch sie wesentlich zugänglicher aussah, und zweitens hatte sie sogar das Fläschchen aus ihrem Zimmer mitgebracht. Als die Gläser gefüllt waren, entschuldigte sie sich für ihr Benehmen.

»Eigentlich«, erklärte sie, »bin ich ziemlich umgänglich. Aber mir hat jemand so richtig übel mitgespielt.«

»Oh! Das tut mir leid.«

»Mir auch«, erwiderte Frau Hufnagel knochentrocken und streckte die Hand aus. »Ich heiße Katrin.«

Worauf sie reflexartig »Und ich Eva« sagte.

In diesem Augenblick meldete sich das Telefon. Eine Sylvia war dran und bestellte sie in den Spa-Bereich. »Zwecks der Termine für Ihre Behandlungen.«

»Na, dann woll’n wir mal«, sagte Katrin. Sie nahmen Handtaschen und Zimmerschlüssel, traten auf den Gang hinaus und blieben überrascht stehen, denn dort wartete der Picklige und erklärte, er würde ihnen den Weg weisen.

In diesem Augenblick wurde Eva klar, dass Katrin absolut kein Weichei war.

»Junger Mann«, sagte die so freundlich wie entschieden, »wir beide benötigen Ihre Dienste nicht. Wir können lesen.« Dabei zeigte sie auf die eleganten messingumrahmten Wegweiser an der Wand. »Sehen Sie die? Na, dann wissen Sie ja, was ich meine.«

»Aber …«, wollte der Junge protestieren.

»Sie können gerne mitkommen«, erklärte Katrin geduldig. »Aber Trinkgeld gibt’s keines.«

»Verstehe«, sagte Fritz muffig und trollte sich.

»Wir müssen aufpassen«, sagte Katrin, als sie den Wegweisern folgten, »offenbar wird hier Melken als Dienst am Gast interpretiert.«

Kapitel 6

Frustriert schlug Nane die Beine übereinander. »Frau Ziebart, ich kann nur dann meine Aufgabe zu Ihrer Zufriedenheit erledigen, wenn ich Ihre Wünsche kenne. Was schwebt Ihnen denn vor?«

»Was Modernes. Etwas, das sowohl junge wie nicht mehr ganz junge Gäste anspricht. Zahlungskräftige Gäste natürlich. Sie sollen sehen, was sie für ihr Geld bekommen.«

»Ja, das sagten Sie bereits. Soll es denn etwas Gediegenes …?«

»Gediegen!«, rief Frau Ziebart, die Geschäftsführerin des Lavendelhofs, »ich bitte Sie, Nane! Ich stelle mir schon etwas Spritziges vor!«

In diesem Sinne ging es weiter und weiter. Bis Nane der Geduldsfaden riss. »Wissen Sie, was, Frau Ziebart? Am besten führen Sie mich erst mal durch Haus und Park, damit ich einen Eindruck bekomme, was Sie denn Ihren Gästen bieten.«

»Das macht dann der Fritz, unser …«

»Nein«, widersprach Nane energisch. »Der Fritz macht das nicht. Nur wenn Sie meine Fragen beantworten, kann ich mir einen Eindruck von Ihren Vorstellungen verschaffen.«

Frau Ziebart war dieser Ton fremd. »Also wirklich! Hören Sie –!«

»Sonst«, unterbrach sie Nane, »fahre ich auf der Stelle nach Hause.«

»Aber warum denn?«, rief Frau Ziebart empört.

Natürlich verfluchte sich Nane selbst. Immer diese Ungeduld! Irgendwann musste sie die in den Griff bekommen. Doch Frau Ziebart verweigerte jede Kooperation; sie hatte, das war ja das Schlimme, keinen Schimmer davon, was sie sich eigentlich vorstellte. Für einen Moment schloss Nane die Augen, holte tief Luft und stand auf. »Weil ich keine Hellseherin mit einer Kristallkugel bin, in der sich Ihre Wünsche zeigen.«

Sie stand schon an der Tür, als Frau Ziebart sagte: »Einen Augenblick, Nane.«

»Ja?«

Inzwischen lehnte Frau Ziebart am Fenster. Hielt sich an den Ellbogen fest und schaute höchst konzentriert zu Boden. »Es ist so … also ich … Sie müssen mir helfen! Wirklich! Ich habe ja keine Ahnung, wie so eine Werbung im Internet aussehen soll«, brach es aus ihr heraus. »Verstehen Sie? Ich habe einfach keine Fantasie!«

»Dann bremsen Sie mich bitte nicht ständig aus. Urteilen Sie nicht, bevor Sie meine Vorschläge überhaupt angehört haben! Zeigen Sie mir das Hotel! Ich muss doch wissen, was Ihnen, und Sie sind nun mal mein Auftraggeber, wichtig ist. Womit Sie punkten können. Was die Alleinstellungsmerkmale des Lavendelhofs sind. Worin unterscheidet sich Ihr Hotel von Abertausend anderen? Durchs Essen? Steht etwa Lavendeleis auf der Nachtischkarte? Bieten Sie Gerichte mit Produkten aus der Region an? Loben Sie die gute Luft hier in der Pampa? Ist Ihnen das hochnäsige Dorle an der Rezeption eine Erwähnung wert? Laden Sie Künstler ein? Bieten Sie Konzerte an? Oder Vorträge? Oder dürfen Ihre Gäste vielleicht die Amseln im Park zählen? Oder eigenhändig Regenwürmer aus dem Boden buddeln? Sagen Sie’s mir! Ich brauche nicht Ihre Fantasie, ich brauche Infos!« Nane war wirklich wütend. Lieber ließ sie ihren ersten richtigen Auftrag sausen, als dass sie sich den Launen einer solchen Zicke aussetzte. Natürlich musste man bei jedem Kunden die oft sehr speziellen Wünsche und Vorstellungen ermitteln; während des Studiums an der Hochschule für Medien- und Informationswissenschaften war ihnen das immer wieder aufs Neue eingetrichtert worden. Gleichzeitig waren die Studenten aber auch vor Kunden gewarnt worden, die sich jeder konstruktiven Mitarbeit verweigern. »Sie können nun mal keinen Pudding an die Wand nageln«, hatte der Professor immer gesagt. Wie recht er hatte, zeigte das Verhalten von Frau Ziebart: »Ich weiß ja nicht, was ich will, aber eins müssen Sie wissen: Ich lehne jeden Vorschlag ab!« Pah! Nicht mit ihr! Nicht mit Nane Turcu! Aber was für ein Pech, dass ausgerechnet ihre erste Kundin eine solche Ziege war …

Inzwischen hatte sich Nanes Herzschlag etwas beruhigt. »Frau Ziebart, ich bitte Sie, gehen Sie mit mir durchs Hotel. Zeigen Sie mir, worauf Sie stolz sind. Alles Weitere überlassen Sie mir.«

»Und wenn mir das nicht gefällt?«

»Dann überlegen wir gemeinsam, was Ihnen gefallen könnte. Sie wollen doch etwas Besonderes, etwas Innovatives, nicht wahr? Schließlich haben Sie sich mit Ihrem Auftrag nicht an eine Agentur, sondern ausdrücklich an Studenten der Hochschule für Medien gewandt.«

Wie ertappt zuckte Frau Ziebart zusammen. Da, endlich, begriff Nane – sie, nicht die Ziege, war die Dumme! Die Frau wollte Qualität zu einem möglichst geringen Preis! Eine Studentin wie sie würde jede Kröte schlucken, die musste sich ja erst einen Namen machen! Enttäuscht, ja ernüchtert, sagte sie: »Okay, mit uns wird das nichts. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit dem nächsten Bewerber.«

»So warten Sie doch, Nane!«

Kapitel 7

Sylvia trug Weiß. Weiße Sneakers, weiße Hosen, weißes Polo. Darüber einen weißen Kittel. Sogar das Armband ihrer Uhr war aus weißem Plastik.

Ich bin doch nicht in einer Arztpraxis, dachte Katrin. Missmutig überflog sie die Liste und sagte: »Ich nehme einmal die Ganzkörpermassage und die normale Gesichtsbehandlung. Mehr nicht.«

»Sehr wohl«, antwortete Sylvia und fügte geschmeidig hinzu: »Allerdings darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass in Ihrem Alter die Maske anzuraten ist. Ihre Haut macht einen etwas müden Eindruck. Sehen Sie …«

Sylvia hielt ihr einen Spiegel vors Gesicht.

Katrin erschrak. Sah sie wirklich so aus? So alt, so erschöpft, so ohne Leben? »Na gut.«

Das Ende vom Lied war, dass Sylvia die Hot-Stone-Massage, die Ganzkörpermassage, die Lymphdrainage und die Gesichtsbehandlung, speziell für die nicht mehr ganz jugendliche Haut, ankreuzte. Mit Aufpreis fürs Augenbrauenzupfen. »Wir sehen uns dann morgen um neun Uhr, Frau Hufnagel. Hier im Wartebereich. Kommen Sie bitte im Bademantel.«

Da saß sie also jetzt. Im Bademantel und mit weißen Schlappen aus Frottee an den Füßen. Sie nippte an dem Kräutertee und rutschte ein paar Zentimeter zur Seite, damit Eva neben ihr Platz nehmen konnte.

»Wie hast du geschlafen, Katrin?«

»Geht so. Ich bekomme jetzt gleich die Lymphdrainage. Und du?«

»Hand- und Fußnägel. Mit Lack«, antwortete Eva. »Meine Tochter hat für mich das Spezial-Paket des Hauses gebucht.«

»Hätte ich auch machen sollen«, entgegnete Katrin muffig. »Ich habe mich zu teuren Einzelbehandlungen überreden lassen.«

»Oh! Guten Morgen, die Damen! Da sieht man sich wieder?«

»Nane! Was machen Sie denn hier? Nicht im Bademantel?«

»Ich bin doch zum Arbeiten hier. Ich treffe mich mit der Geschäftsführerin. Sie sollte mir den Spa-Bereich zeigen.«

»Dann sind Sie doch Kosmetikerin?«, erkundigte sich Eva verwundert.

»Nein, ich bin alles andere als eine Kosmetikerin. Ich bin hier, um einen Internetauftritt des Hotels zusammenzustellen. Aber ehrlich gesagt, ist das nicht gerade einfach. Frau Ziebart weiß nicht, was sie will.«

»Das ist schlimm«, meinte Eva, was Katrin bestätigte. »Sie müssen ihr eine Frist setzen. Wenn Sie’s nicht tun, sind Sie eine Ewigkeit hier. Ich kenne mich mit solchen Leuten aus, die sind …«

Eva räusperte sich und stieß ihr den Ellbogen in die Rippen, denn gerade trat eine Dame im dunklen Kostüm aus dem Aufzug.

Das und die Bluse ist garantiert von Boss, dachte Katrin mit Kennermiene und setzte sich aufrecht: Kurz nickte die Dame Nane zu, dann trat sie mit ausgestreckter Hand und strahlendem Lächeln auf Eva und Katrin zu. »Da sind ja unsere Gäste aus Stuttgart! Wie schön, dass wir Sie im Lavendelhof verwöhnen dürfen! Und Sie«, wandte sie sich an Katrin, »sind die Dame, deren Auto stehen geblieben ist? Unser Fritz hat sich um Ihren Wagen gekümmert; inzwischen steht er aufgetankt und fahrbereit auf unserem Parkplatz.«

Katrin bedankte sich, und als Frau Ziebart mit Nane Richtung Hallenbad verschwunden war, sagte Eva aufsässig: »Ich wette, unser Fritz hält für diesen Dienst beide Hände auf.«

»Ganz sicher«, bestätigte Katrin und zuckte zusammen: Ihr Handy meldete sich. Sie fischte es aus ihrer Badetasche, schaute auf die Nummer, drückte den Anruf weg und warf das Handy in die Tasche zurück.

Eva schwieg. Es klingelte wieder. »Stumm- oder ausschalten«, riet sie leise.

Katrin nickte, in ihren Augen standen Tränen.

»So schlimm?«

»Nein. Schlimmer.«

»Hm. Manchmal hilft’s, wenn man drüber redet.«

»Nicht in diesem Fall«, schluchzte Katrin. »Ein Esel bleibt nun mal ein Esel, so wie auch ein eingefleischter Lügner immer ein Lügner bleibt. Der ändert sich niemals.«

»Es geht um deinen Mann?«

»Um meinen Lebensgefährten«, korrigierte Katrin. »Wir sind nicht verheiratet.«

Eva zog die Nase kraus. »Heute endet meine letzte Behandlung um 16 Uhr. Wie sieht es bei dir aus? Sollen wir uns dann in meinem Zimmer treffen? Ich war nämlich auch mal mit einem Esel verheiratet, ich weiß, wie ein solcher mit den Hinterbeinen ausschlagen kann. Die Tritte sind nicht ohne, die knocken dich aus.«

»Und wie sie dich ausknocken! Bildlich gesprochen liege ich am Boden. Niemand, nicht mal du, stellt mich wieder auf die Beine.«

»Lass es uns doch versuchen. Na, was meinst du?«

In diesem Augenblick riefen sie zwei weiß gekleidete Damen in ihre Kabinen.

»Okay«, sagte Katrin hastig, »ich komme zu dir.«

Eva war sich nicht sicher, ob Katrin ihr Versprechen einhalten würde. Im Grunde genommen ärgerte sie sich schon wieder über ihre Gutmütigkeit; sie war hier, um sich schön machen zu lassen. Und nicht, um sich den Bericht über das verkorkste Leben einer Fremden anzuhören.

Doch als Katrin kurz nach 16 Uhr an ihre Tür klopfte, lud sie sie mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. »Du siehst viel besser aus«, stellte sie fest.

»Die Massage hat mir gutgetan«, bestätigte Katrin. »Die Marion kann was.«

»Oh!«, rief Eva nach einem Blick auf ihren Behandlungsplan, »bei der bin ich morgen. Aber nun berichte; was liegt dir auf der Seele?«

»Ein ganzer Geröllhaufen. Nein, ein komplettes Gebirge drückt mich nieder.«

Katrin schnäuzte sich und verstummte.

Eva wartete geduldig; sie wusste, früher oder später würden bei Katrin alle Dämme brechen. Und so war es auch; es dauerte keine Minute, bis sie die geballten Hände auf die Knie legte und berichtete. »Vor vier Jahren habe ich einen Mann kennengelernt. Zwei Jahre später habe ich meinen Job aufgegeben und bin zu ihm gezogen. Er hat ein kleines Unternehmen und schlug mir vor, doch bei ihm einzusteigen. Zuerst als Angestellte, später dann als Ehefrau und Partnerin.«

Entsetzt riss Eva die Augen auf. »Darauf hast du dich eingelassen?«

»Er sagte, er habe eine gescheiterte Ehe hinter sich, sei ein gebranntes Kind und wolle sichergehen, dass wir auch wirklich zusammenpassen. Damals«, Katrin schluckte, »hat mir das eingeleuchtet.«

»Du warst nicht verheiratet?«

Katrin schüttelte den Kopf. »Ich hatte eine langjährige Affäre mit einem verheirateten Mann. Die habe ich schließlich beendet, ich hatte seine Ausflüchte satt, er konnte sich einfach nicht entscheiden. Als ich Hannes kennenlernte, konnte ich mein Glück kaum fassen: ein Single!«

»Und seinetwegen hast du deinen Job aufgegeben? War das klug?«

»Es war ein bisschen komplizierter. Ich habe Pharmazie studiert. Meine beste Freundin erbte die elterliche Apotheke, sie hat einen Sohn, der ebenfalls Pharmazie studierte. Es war ganz klar, dass er nach dem Studium bei seiner Mutter einsteigen und später die Apotheke übernehmen würde. Als ich Hannes kennenlernte, war es so weit. Ich hätte mich auf jeden Fall nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen müssen.«

»Jetzt verstehe ich deine Entscheidung«, erklärte Eva. »Du warst also vier Jahre mit diesem Hannes zusammen. Was passierte dann?«

»Die erste Zeit war ein Traum. Wir sind viel ausgegangen, und weil ich gerne und gut koche, haben wir viele Einladungen gegeben. Hannes kennt sich mit Weinen aus; da kamen dann schon sehr edle Tropfen auf den Tisch, die auch schon mal mehrere Hundert Euro kosteten.«

Eva runzelte die Stirn und schlug die Beine übereinander. »Ach ja?«

»›Uns geht’s gut, wir dürfen nicht kleckern, wir können klotzen‹, sagte Hannes immer. Solche Weine und Champagner hat er auch ziemlich freigebig seinen Kunden geschenkt; ich habe mich oft gefragt, wie er die Ausgaben bewältigt. Aber das war’s nicht, was mich störte. Ich habe neue Kunden an Land gezogen, ich war die gute Fee in Hannes’ Firma, in der es außer uns beiden nur noch die Sekretärin gab, die in erster Linie für die Buchhaltung zuständig war, und nebenbei war ich die perfekte Gastgeberin. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, das darfst du mir glauben, Eva.«

»Aber wenn du ihn auf Ehe und Partnerschaft angesprochen hast, hat er …«

»… mich vertröstet, immer fand er neue Argumente, um eine Entscheidung rauszuschieben!«

»Doch nun hattest du die Kraft, einen Schlussstrich zu ziehen? Du wolltest dich nicht länger ausnützen lassen?«

»Nein.« Katrin zögerte. »So weit war ich nicht. Der Schlamassel begann mit dem Unfall meiner Eltern.«

Kapitel 8

»Das tut mir leid. Was ist passiert?«

Katrin schlüpfte aus ihren Schuhen und zog die Beine aufs Sofa. »Wir, meine Eltern, haben ein Haus in Stuttgart. Vor langer Zeit schon haben meine Großeltern das Grundstück in Degerloch gekauft, es ist ziemlich groß, heute könnte ich es mir niemals mehr leisten. Vor Jahren haben sich meine Eltern in eine Insel verliebt – ausgerechnet in Mallorca. Dort haben sie eine Finca gekauft. Meine Mutter hat nicht gearbeitet, sie hat, wie sie immer sagte, ihrem Mann den Rücken freigehalten.« Katrin verzog spöttisch das Gesicht. »Nachdem mein Vater in den Ruhestand ging, wohnten sie einen großen Teil des Jahres auf der Insel. Während eines Gewitters mit Platzregen waren sie mit ihrem Auto auf einer der kurvenreichen Straßen entlang der Küste unterwegs, ein Laster kam ins Schleudern … das war’s. Ihr Wagen überschlug sich und landete im Meer. Das geschah im vergangenen Herbst.«

»Wie furchtbar! Hast du Geschwister?«, unterbrach sie Eva.

Katrin schüttelte den Kopf. »Einzelkind.«

»Aha. Was geschah dann?«

»Ich flog auf die Insel und kümmerte mich um die Überführung nach Stuttgart und um die Beerdigung. Und natürlich um alles, was mit dem Unfall zusammenhing, um die Versicherung … na, du kannst dir denken, was ich zu organisieren hatte.« Katrin strich sich über die Stirn. »Zuerst wollte ich die Finca behalten, aber das verwarf ich dann doch, ich hatte ja auch das Haus in Stuttgart. Anfang des Jahres flog ich dann wieder auf die Insel, räumte die Finca aus und verkaufte sie. Das dauerte natürlich einige Zeit, und als ich vorgestern zurückkam …« Obwohl Katrin die Augen zusammenkniff, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. »Es war so fies, so abgrundtief gemein«, schluchzte sie. »Ich wollte von Hannes in den Arm genommen werden, ich hoffte, er würde sich genauso aufs Wiedersehen freuen wie ich! Das ist doch nicht zu viel verlangt, wenn man seine Eltern verloren hat, deren Haus ausräumen und verkaufen muss! Aber nein! Als ich nach Hause kam, lag im Bad ein fremder Lippenstift, und ein Kondom, ein benutztes obendrein, fand ich unter … Aber das ist nicht wichtig. Tatsache ist: Der Kerl hat sich während meiner Abwesenheit eine Geliebte genommen.«»Hat er es zugegeben?«

»Nein!«, rief Katrin. »Er hat alles geleugnet, sogar das Kondom, obwohl ich es ihm unter die Nase hielt! Er behauptete steif und fest, er benutze kein Kondom, er habe keine Ahnung, wie so ein Ding unters Bett kommen könne«, erklärte Katrin verbissen. »Ich war völlig fertig. Hätte er den Seitensprung zugegeben, hätte ich ihm vielleicht sogar verziehen. Aber sein Leugnen hat mich fertiggemacht. Der Tod meiner Eltern, das Ausräumen und der Verkauf des Hauses … Ich war wirklich am Ende meiner Kräfte. Und der Kerl sprühte nur so vor Liebesglück und Lebensfreude! Ich hätte ihn umbringen können; stattdessen habe ich gleich am nächsten Morgen meinen Koffer genommen – er war ja noch gepackt – und bin hierhergefahren. Aber sogar da bin ich auf der Strecke liegen geblieben.«

»Na und? Nane und ich haben dich gerettet«, versuchte Eva sie zu trösten.

Katrin ging darauf nicht ein. »Das ist so typisch für mich und mein Leben. Nichts krieg ich gebacken, nirgendwo komme ich an.«

»Wenn du das so siehst, solltest du schleunigst …«

Katrin hielt sich die Ohren zu. »Hör mir bloß auf mit Ratschlägen!«

Eva wartete, bis sich Katrin etwas gefasst hatte. »Du bist nicht die Erste und Einzige, der so etwas passiert.«

Katrin putzte sich die Nase. »Heißt das, dass du …?«

Eva nickte. »Ich bin geschieden. Der Ochse fand jeden Grashalm jenseits seiner Wiese appetitlicher als die komplette sattgrüne Weide. Zunächst dachte ich, irgendwann würde er sich den Magen verderben. Von wegen! Von Jahr zu Jahr wurde er zwar vollgefressener, aber sein Hunger war nicht zu stillen. Als ich das endlich kapiert hatte, bin ich gegangen.«

»Ach je! Aber so einer ist Hannes nicht. Ich bin sicher, er war mir treu, bis er eben …«

»Vier Jahre seid ihr zusammen?«, unterbrach sie Eva.

»Vor vier Jahren haben wir uns kennengelernt, zwei Jahre sind wir zusammen. Wieso?«

»Na ja, zunächst schien bei mir auch alles in Ordnung zu sein. Bis ich feststellte, dass er sich, wenn in seinem Kalender ›Geschäftsessen‹ stand, nicht von Rindsrouladen und Spätzle ernährte. Auf seiner Speisekarte standen ganz andere fleischliche Genüsse. Ich war eine ziemlich dumme Nuss«, setzte sie lachend hinzu. »Damals dachte ich, Untreue fände nur abends statt.«

Katrin stutzte. »Hannes ist ziemlich oft zu Geschäftsessen gegangen. Eigentlich ziemlich regelmäßig. Ich habe mir nichts dabei gedacht.«

Jemand rückte einen Stuhl auf Evas Terrasse zur Seite. Dann lugte Nane durch die Scheibe, hielt eine Kamera hoch und machte ein Zeichen, ihr die Tür zu öffnen.

Kapitel 9

»Entschuldigung, die Damen, darf ich bei Ihnen kurz verschnaufen? Die Frau macht mich wahnsinnig, ich komme fast nicht von der Stelle.«

»Natürlich. Kommen Sie nur herein«, schlug Eva vor. »Meinst du nicht auch, Katrin?«

»Nur zu«, antwortete diese einsilbig.

Nane brachte einen Schwall kalte Luft herein, legte die Kamera aufs Bett, ließ sich in einen Sessel fallen und stöhnte. »Dass Geldverdienen so mühsam ist! Mit Frau Ziebart habe ich wirklich die A…karte gezogen. Aber«, sie warf die Arme hoch, »da muss ich durch. Kneifen ist keine Option. Nicht für mich! Sagen Sie mal«, sie sah sich um, »weshalb sitzen Sie so triefäugig herum? Haben Sie den Sekt ausgetrunken? Wie wäre es mit einem Eierlikörchen? Ich dachte, Damen Ihres Alters würden am Nachmittag immer etwas Süßes süffeln.«

»So kann man sich täuschen«, erklärte Eva. »Und wie ist’s mit Ihnen? Keine Selbstgedrehte, um dem schnöden Gelderwerb etwas Pepp entgegenzusetzen?«

»Ich brauche kein Mittelchen zum Hochpuschen«, erklärte Nane indigniert. »Wofür halten Sie mich?«

»Ha! Wofür halten Sie uns? ›Damen Ihres Alters‹, ich bitte Sie, Nane. Wir stehen doch nicht am Rand der Grube! Außerdem könnte Katrin meine Tochter sein.«

»Na ja, so, wie Sie aussehen, schließen Sie gerade mit dem Leben ab. Hab ich recht?«

»Ganz im Gegenteil«, widersprach Eva. »Wir haben zwar über einen Tiefpunkt in unserem Leben geredet, aber jetzt …«

Jemand klopfte ans Glas der Terrassentür.

»Ich fass es nicht! Die Ziebart ist mir tatsächlich nachgegangen!« Nane sprang auf, aber Eva war schneller. »Frau Ziebart! Was für eine schöne Überraschung! Kommen Sie doch herein! Wir sind gerade dabei, Ihrer reizenden Mitarbeiterin von den Behandlungen zu berichten.«

So flugs wie Aprilschnee in der Sonne schwand das Misstrauen aus Frau Ziebarts Gesicht. »Sie waren zufrieden?«

»Aber ja doch«, bestätigte Katrin liebenswürdig.

»Nichts anderes habe ich angenommen. Doch weshalb sitzen Sie denn so trocken herum? Lassen Sie sich doch in unserer Jägerstube einen Tee und ein Likörchen servieren. Dort ist es gemütlich, unser Fritz hat sogar ein Feuer im Kamin gemacht.«

Nane kicherte, dann hielt sie sich die Hand vor den Mund und hustete. »Genau das habe ich den Damen soeben empfohlen. Ein kleines Likörchen vorm Kamin …«

»Na dann!« Frau Ziebart hielt schon mal die Tür auf. »Nach Ihnen, die Damen!«

Beim Rausgehen hauchte Nane Eva »Nach dem Essen in der Bar. Okay?« ins Ohr.

Eva trug ihr Etuikleid, das ihre Augen und ihre blonden Haare gut zur Geltung brachte. Katrins dünner roter Pulli mit dem tiefen, mit Strasssteinchen besetzten Ausschnitt lockte einen Mann mit schütterem Haar und dezentem Rasierwasser auf den Barhocker neben ihrem. Sie schüttelte höflich, aber bedauernd den Kopf und erklärte, sie beide würden auf eine Freundin warten … »Da kommt sie schon!«

Wohl oder übel musste der Herr wieder von dannen ziehen.

Schwarze Locken, schwarze enge Jeans, ein schwarzes Top, darüber ein langes weißes Seidenhemd – Nane genoss ihren Auftritt. Sie rutschte auf den Hocker, zog die Karte zu sich her, warf einen Blick auf die Preise und bestellte eine Cola. »Was anderes kann ich mir nicht leisten. Wir sollten uns in die Jägerstube setzen. Hier«, sie blickte kurz zum Barkeeper hinüber, »können wir uns nicht unterhalten.«

»Moment mal.« Eva deutete auf die Weinflasche, die zwischen ihr und Katrin stand. »Sollen wir uns duzen? Und trinkst du ein Glas mit uns? Wir laden dich ein.«

»Oh! Gerne!«, erwiderte Nane erfreut.

»Dann«, sagte Eva zum Barkeeper, »brauchen wir noch ein Glas. Auf die Cola verzichten wir.«

Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch am Fenster. Der Regen schlug gegen die Scheiben, das Feuer brannte im Kamin, die Gäste unterhielten sich so leise, dass auch Eva, als sie Flasche und Glas abstellte, ihre Stimme dämpfte. »Wo brennt es denn?«

»Überall!«, erklärte Nane prompt.

»Dann erklär’s uns. Aber bitte von Anfang an. Weshalb bist du hier?«

Und Nane berichtete. Dass ihre Großeltern aus Anatolien nach Deutschland gekommen waren, dass sie, »So typisch!«, mit einer Dönerbude angefangen hatten. Dass die sich so gut entwickelt hatte, dass sie sogar im Magazin TOP STUTTGART erwähnt wurde. Dass ihre Eltern nun ein angesagtes Restaurant betrieben und die Großeltern noch täglich in der Küche mitarbeiteten.

»Ich bin das einzige Kind, und natürlich musste ich Abitur machen und sollte studieren. Möglichst Jura. Oder Medizin. Ihr könnt euch die Kämpfe nicht vorstellen, die wir uns lieferten, als ich ›nur‹ auf die Hochschule für Medien und Informationswissenschaften wollte. Und auch noch angenommen wurde!« Nane verdrehte die Augen. »›In schlechten Zeiten verdienst du mit Kunst keinen Cent‹ – das ist das Credo meiner Eltern und Großeltern. Sie sind sehr pragmatisch; sicher, sie sind begeisterte oder sogar begnadete Köche, doch nicht deshalb haben sie das Restaurant eröffnet, nein. Sie sagen: Essen muss man immer.

Ständig wird gestritten, und dass der Mensch mal einen Arzt braucht, ist ziemlich wahrscheinlich. Deshalb kam für mich nur Jura oder Medizin in Frage.«

»Aber du hast deinen Willen durchgesetzt«, stellte Eva fest.

»Ja, dafür habe ich einen hohen Preis bezahlt. Meine Eltern haben schließlich die Gebühren übernommen, aber meine Miete – ich bin ja ausgezogen –, das Essen und die Kleider habe ich mit Kellnern finanziert. Kellnern war ich ja von Kindesbeinen an gewohnt.«

»Bei deinen Eltern?«

»Wo denkst du hin, Katrin! Ich habe in einer Tapas-Bar gearbeitet!«

»Als schwäbische Türkin beim Spanier. Das hat doch was!« Katrin goss Wein nach. »Was genau machst du nun beruflich?«

»Falsche Frage.« Nane lächelte. »Das Examen habe ich bestanden, jetzt suche ich eine Stelle.«

»Die hast du doch, wenn du hier …«

»Wieder falsch«, unterbrach sie Nane. »Es ist so: Noch während des Examens habe ich die Aushänge am Schwarzen Brett studiert. Ihr wisst schon: Putzhilfe gesucht oder Babysitter oder Hilfe im Garten … Eines Tages leuchtete zwischen all den banalen Anfragen ein Juwel: Onlineauftritt für den Lavendelhof. Ich habe ein paar Nächte durchgearbeitet, eine Mappe mit Vorschlägen zusammengestellt und abgeschickt. Ich wusste ja, dass Geschwindigkeit und Fantasie zählen und dass ich nicht die einzige Bewerberin war.«

»Du wurdest ausgewählt«, stellte Eva anerkennend fest.