Die Träume der Sommerfrauen - Sissi Flegel - E-Book

Die Träume der Sommerfrauen E-Book

Sissi Flegel

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Beschreibung

Vier Freundinnen und die große Liebe: Der turbulente Roman »Die Träume der Sommerfrauen« von Sissi Flegel jetzt als eBook. bei dotbooks Im idyllischen Hinterremsingen geht es drunter und drüber – das große Winzerfest steht kurz bevor… Und nicht nur das: Claudia hat alle Hände voll zu tun, sich einen aufdringlichen Verehrer vom Hals zu halten – nur weil sie eine gemeinsame Tochter haben, muss schließlich noch lange nicht von Liebe die Rede sein … Das sehen ihre drei besten Freundinnen Magret, Simone und Heiderose allerdings ganz anders und werfen ihre vereinten Kupplerkünste in die Waagschale. Dabei ist eines sicher: Bevor das rauschende Weinfest beginnen kann, warten auf die Sommerfrauen noch jede Menge Abenteuer und delikate Geheimnisse! Spritzig, bissig und humorvoll: Nach dem Bestseller »Die Geheimnisse der Sommerfrauen« der neue Roman über die vier Freundinnen, die jedes Leserherz im Sturm erobern. »Hier verbindet sich Lebenserfahrung mit purer Lebenslust.« Rhein-Neckar-Zeitung über Bestsellerautorin Sissi Flegel Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der erfrischende Roman »Die Träume der Sommerfrauen« von der Autorin des Bestsellers »Die Geheimnisse der Sommerfrauen«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 367

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Über dieses Buch:

Im idyllischen Hinterremsingen geht es drunter und drüber – das große Winzerfest steht kurz bevor … Und nicht nur das: Claudia hat alle Hände voll zu tun, sich einen aufdringlichen Verehrer vom Hals zu halten – nur weil sie eine gemeinsame Tochter haben, muss schließlich noch lange nicht von Liebe die Rede sein … Das sehen ihre drei besten Freundinnen Magret, Simone und Heiderose allerdings ganz anders und werfen ihre vereinten Kupplerkünste in die Waagschale. Dabei ist eines sicher: Bevor das rauschende Weinfest beginnen kann, warten auf die Sommerfrauen noch jede Menge Abenteuer und delikate Geheimnisse!

Über die Autorin:

Sissi Flegel (1944–2021) veröffentlichte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden, bevor sie begann, sehr erfolgreich auch für erwachsene Leser zu schreiben; darunter ihre Bestsellerreihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen«.

Bei dotbooks veröffentlichte Sissi Flegel ihre Bestseller-Reihe um »Die Geheimnisse der Sommerfrauen« sowie ihre heiteren Romane »Die Geheimnisse der Lavendelfrauen«, »Der Sommer der Apfelfrauen«, »Roter Wein mit Brombeernote«, »Der Geschmack von Wein und Liebe«, den historischen Roman »Die Keltenfürstin« und mehrere Kinder- und Jugendbücher.

»Die Geheimnisse der Sommerfrauen« sind auch in folgenden Einzelromanen erhältlich:»Vier Frauen und eine SMS«»Vier Frauen und ein Feuerwerk«»Vier Frauen und ein Baby«»Vier Frauen und ein Garten«

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Originalausgabe November 2018

Copyright © der Originalausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Rabea Güttler

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Atstock Productions, Bayanova Studio und Goskova Tatiana

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-325-9

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Sissi Flegel

Die Träume der Sommerfrauen

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

In einer Weingegend ist der Herbst eine ganz besondere Zeit. Der süße Duft reifer Trauben hängt in der Luft, ein Traktor nach dem anderen tuckert durch die engen Straßen, bei den Winzern herrscht Hochbetrieb: Bei der Lese wird jede Hand gebraucht. Fast überall gibt es jetzt Traubenmost zu kaufen, jeder Weingärtner bietet Trauben an, jeder Bäcker stellt Bleche mit Zwiebelkuchen ins Fenster, und Sandra Fischle, unsere Meisterbäckerin, hat sogar ein Brot mit Traubenkernmehl im Angebot: Im Herbst befindet sich Hinterremsingen im Schlaraffenland.

Wie es der Name vermuten lässt, liegt die Kleinstadt an einem Flüsschen. Ganz unspektakulär entspringt die Rems am Albtrauf nahe Aalen, schlängelt sich zuerst durch ein dichtes Waldgebiet, nimmt nach und nach das Wasser etlicher Bäche und Nebenflüsschen auf, wird geradezu stattlich und mündet schließlich nach rund 80 Kilometern in der Nähe von Stuttgart in den Neckar.

Auf der Alb sind die Winter lang und kalt, und nicht viel anders ist das Klima am Trauf. Doch da, wo das Tal immer breiter und sonniger wird, bauen Winzer seit Generationen an den Hängen Wein an – wohin der Blick auch fällt, überall gedeihen die Reben.

Hinterremsingen liegt mitten in einem der größten Weinbauzentren der Region, hier reifen hervorragende Tropfen, und hierher, nach Hinterremsingen, bin ich zu meinem Jörg gezogen.

Ich stamme aus Süddeutschland, habe in Tübingen Anglistik und Geschichte studiert, geheiratet, einen Sohn bekommen und mich nach sechs Jahren scheiden lassen: Zu spät habe ich erkannt, dass sich die Interessen meines Mannes auf Sport beschränkten – er langweilte mich. Damals wohnte ich mit meinem Kind in einem Dorf, unterrichtete meine Fächer am Gymnasium der nahen Kreisstadt und war recht zufrieden mit meinem Leben.

Dann lernte ich Margret kennen. Margret ist mit Heiner verheiratet, dem Bürgermeister von Hinterremsingen. Sie haben eine Tochter, Johanna, die gerade ihr erstes Kind erwartet, und einen Sohn, Andreas, der sich selbstständig gemacht hat und daher kaum von sich hören lässt, so wenig Zeit hat er gerade.

Dann stieß Heiderose zu uns. Sie besitzt das Optikergeschäft Durchblick im Ort und hat so fantastische Brillen im Angebot, dass ihre Kunden sogar aus Stuttgart anreisen. Im vergangenen Jahr wurde der Wettbewerb Hinterremsingens schönster Garten ausgeschrieben, und Heiderose gewann – mit unserer seelischen Unterstützung und trotz etlicher Hindernisse – den ersten Preis. Sie lebt für ihren Garten und ihre Brillen; der einzige Wermutstropfen in ihrem Leben ist ihr Mann Karlheinz, den sie als vielversprechenden Steuerberater kennengelernt hat. »Er startete als Adler und landete als Bettvorleger«, sagt Heiderose manchmal über ihn. Etwas unfreundlich, aber passend, denn leider hielt er nicht, was er versprach: Er liebte zwar ihr Geld, aber er hasste harte Arbeit und, das war das Ärgerlichste, er hatte kein Verständnis für ihre Visionen. »Was das kostet!«, sagte er immer. »Also das geht gar nicht.« Schon längst setzt sie sich über seine Bedenken hinweg und nimmt ihn, wie er ist: ein netter Kerl, aber ein rechter Bremsklotz am Bein. Als sie meinte, das Schlimmste überstanden zu haben, zog ihre Schwiegermutter Else ins Haus. Da lief für Heiderose das Maß über, da hatte sie die Nase aber so richtig gestrichen voll. Doch das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Inzwischen sind die Zeiten ruhiger und Heiderose gelassener geworden.

Die Vierte in unserem Bund ist Claudia. Vor ein paar Jahren bewirtschaftete sie zusammen mit ihrem Mann das Weingut Zweig, doch gerade, als immer mehr ihrer Weine prämiert wurden, starb ihr Mann an einem Aneurysma. Das war ein herber Schlag, aber sie fasste sich und stellte einen tüchtigen Kellermeister ein. Sie trauerte um ihren Mann, doch dann kniete sie sich in ihre Arbeit, feierte weitere Erfolge mit ihren Weinen und wurde wieder glücklich. Bis sie nach einem Fest zu Ehren ihres preisgekrönten Syrah schwanger wurde. Von wem? Das war ein Rätsel, das wir mit Fantasie, Ausdauer und Raffinesse lösten. Doch sie lehnt den Kindsvater ab. Er liebt sie, er will sie lieber heute als morgen heiraten, aber Claudia will nicht.

Genau da komme ich ins Spiel: Als mein Sohn Felix mit seinem Studium anfing, lernte ich Jörg kennen. Er ist Architekt, geschieden und ein paar Jahre älter als ich. Nach kurzer Zeit war ich mir sicher: er oder keiner! Jörg ist der Mann meines Lebens. Trotz seiner zwei pubertierenden Töchtern, der dreizehnjährigen Emma und der fast sechzehnjährigen Nicola, zog ich bei ihm ein. Es folgten harte Monate, bis ich ihr Vertrauen gewonnen hatte; wären mir meine Freundinnen nicht zur Seite gestanden, hätte ich bestimmt das Handtuch geworfen.

Das aber hat Claudia so abgeschreckt, dass sie den Vater ihrer Tochter Antonia immer wieder abweist. Er heißt Phillip Hellrich und ist ein angesehener Rechtsanwalt in unserer Kleinstadt. Beruflich gesehen ist er in Ordnung; ausgerechnet im privaten Bereich fehlen ihm aber oft die richtigen Worte.

Ja, und dann ist da noch Carola Schulz, eine Gemeinderätin. Sie ist forsch und energisch und setzt sich wirklich für die Belange unserer Kleinstadt ein. Sie ist aber auch unglaublich neugierig und die größte – und gefährlichste! – Schwatzbase, die man sich denken kann. Bei ihr und bei unserem Metzger Eugen Kurrle und seiner Frau Ilona laufen die Fäden zusammen; überhaupt ist die Metzgerei die wichtigste Nachrichtenbörse Hinterremsingens. Trotzdem lieben wir Ilona: Sie ist eine wunderbare Metzgersfrau, häkelt leidenschaftlich gern und hat obendrein ein gutes Herz. Ein großes dazu, denn wie Heiderose war sie gezwungen, ihre Schwiegermutter Otti aufzunehmen. Eugen hielt sich zunächst aus den Zwistigkeiten heraus, bis sie ihm die Spitze ihres längsten und schärfsten Messers auf die Brust setzte: sie oder ich. Eugen wand sich wie ein Aal. Einerseits fürchtete er seine energische Mutter, andererseits konnte er es sich mit seiner Ilona auch nicht verscherzen, das hätten ihm seine Kunden sehr übel genommen, denn Ilona ist der gute Geist in Eugens Metzgerei. Als der Kampf in die heiße Phase eintrat, schlug ein gnädiges Schicksal zu: Otti und Else, Heideroses Schwiegermutter, begegneten sich, freundeten sich an und verbrachten fortan die Tage gemeinsam.

Margret, Heiderose, Claudia und ich trafen uns an einem sonnigen Sonntagnachmittag außer der Reihe oben im Zweig, dem Weingut von Claudia. Sonst sehen wir uns immer mittwochs; zuerst zu einer Stunde Pilates, dann schwitzen wir in der Sauna, bevor wir dann in der Traube einkehren. Aber Claudia hatte uns eingeladen, um den frisch gepressten Traubensaft zu kosten. Margret kam mit einer Kürbisquiche, ich hatte ein Gläschen Quittengelee dabei, und Heiderose überreichte unserer Freundin einen Strauß Dahlien. Die Blumen waren aus ihrem preisgekrönten Garten und exakt so dunkelrot wie die Fassung ihrer Brille mit den Fenstergläsern.

Wir saßen im Innenhof zwischen dem Kirschlorbeer, dem Feigenbaum, den Palmen in ihren Terrakottakübeln und den Töpfen voll blühender Geranien. Am Weinstock an der Hausmauer hingen schwere blaue Trauben, Claudias Tochter, sie war jetzt ein knappes Jahr alt, krabbelte auf dem Boden herum, die Sonne war noch wunderbar warm, dickflüssig rann der süße Saft aus dem Krug ins Glas. Rings um uns her leuchteten die Blätter der Reben je nach Sorte in sattem Grün, hellem Rost- und tiefem Dunkelrot. Die Trauben hingen prall und reif an den Stöcken, morgen, am Montag, würde auch bei Claudia die Lese beginnen.

Sie rekelte sich wie eine Katze. »Das ist der letzte ruhige Tag für mich. Ab morgen früh ist hier die Hölle los, da stehen die Erntehelfer im Hof, ich muss sie einweisen, muss überall gleichzeitig sein, muss – ach, das hab ich ganz vergessen: Ich muss unbedingt noch Kurrle anrufen. Eine gute Vesper ist mindestens so wichtig wie gutes Wetter.«

Eugen Kurrle, unser solargebräunter Metzger, macht im Herbst mit seinem Leberkäse, dem Wurst- und Ochsenmaulsalat und seinem Winzerbraten das beste Geschäft des Jahres. Die Ernte ist anstrengend; die Trauben für hochwertige Weine werden bei Sonnenschein von Hand vom Stock geschnitten, nur wenn es regnet und die Trauben der Nässe wegen zu faulen drohen, kommt der Vollernter zum Einsatz.

Es ist eine wunderbare Zeit, an deren Ende ein Fest gefeiert wird. Viele, die aus Hinterremsingen weggezogen sind, kommen an diesem Tag zurück, um mit der Verwandtschaft und Freunden den Tag zu genießen.

Es gibt einen Festausschuss, bei dem Heiner, Margrets Mann und Hinterremsingens Bürgermeister, den Vorsitz führt, aber auch Heiderose sitzt im Ausschuss.

Die Vorbereitungen zum Winzerfest beginnen schon im Spätsommer, aber so richtig Fahrt nehmen sie erst vier Wochen davor auf. Es ist eine gefährliche Zeit, denn während der Sitzungen kochen immer Eifersüchteleien, alte Zwiste und Feindschaften hoch, jeder will im Festzug ganz vorn dabei sein, den dekorativsten Wagen und überhaupt die tollste Deko zeigen, was verständlich ist, weil unser Winzerfest weit über unsere Region hinaus bekannt ist, schließlich wird nicht nur in der Presse, sondern auch im regionalen Fernsehen darüber berichtet.

»Wir vom Festausschuss haben uns vergangenen Freitagabend getroffen«, sagte Heiderose gerade. »Wie immer ging es hoch her, jeder hat besondere Wünsche und stellt Forderungen. Der Dirigent vom Musikverein hat den rechten Arm gebrochen, der vom Blasorchester weigert sich, ihn zu vertreten. Der Trachtenverein will nicht hinter dem Sportverein herlaufen, der Obst- und Gartenbauverein verlangt einen neuen Wagen. Wir müssen diplomatischer agieren als Vertreter zweier verfeindeter Nationen. Mein Gott, die Leute sind einfach grauenhaft!«

»Ist Carola Schulz nicht auch im Ausschuss?«, wollte Claudia wissen.

»Oh Gott, die Carola! Die ist wirklich unser Sargnagel!« Heiderose warf die Hände in die Luft. »Als Gemeinderätin will sie es allen recht machen, was wir verstehen, aber sie hört auch das Gras wachsen und die Flöhe husten – es gibt nichts, was sie nicht weiß!«

»Oder zu wissen meint«, ergänzte Margret trocken.

»Diese Schwatzbase macht immer wieder jemandem das Leben schwer. Neulich hat sie sich sogar mit Else und Otti angelegt«, sagte Heiderose und lachte.

»Wie bitte?« Das mochten wir nicht glauben.

Else, Heideroses Schwiegermutter, und Otti, Ilona Kurrles Schwiegermutter, machen immer einen täglichen Spaziergang durch die Fußgängerzone; die eine geht am Stock, die andere schiebt ihr Gehwägelchen, und beide sind so verschieden wie nur was. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb, schlossen sie Freundschaft. Und ihnen entgeht nichts; ihre Menschenkenntnis, verbunden mit ihrer Kombinationsgabe, würde sogar eine Miss Marple alt aussehen lassen.

»Was hat Carola Schulz den beiden getan?«

»Margret, du wirst es nicht für möglich halten: Carola sagte, mit dem Gehwägelchen und dem Spazierstock würden sie die ganze Breite des Trottoirs einnehmen, wie solle da eine Mutter mit Kinderwagen an ihnen vorbeikommen, die müsse ja auf die Straße ausweichen, und wie gefährlich das wäre, müsse sie ihnen bestimmt nicht sagen. Auf jeden Fall wäre ihr Verhalten nicht sozialverträglich.« Heiderose zeigte ihre Schadenfreude ganz offen. »Ihr könnt euch vorstellen, dass die beiden die Anschuldigung nicht einfach so hingenommen haben.«

»Was haben Else und Otti gesagt?«

Jetzt lachte Heiderose schallend. »Gesagt? Sie haben gehandelt. Otti hat sich auf ihr Gehwägelchen gesetzt und plötzlich so gekeucht und schwer geatmet, als würde sie aus dem letzten Loch pfeifen. Natürlich sind gleich ein paar Leute stehen geblieben, wollten helfen, einen Arzt rufen, jemand hat Otti eine Wasserflasche in die Hand gedrückt, aber die hat nur anklagend den Zeigefinger ausgestreckt. Else hat die Nummer ›ich arme, schwache Kleine‹ abgezogen und gehaucht, ›die da‹ habe sie vom Gehweg schubsen wollen, worauf etliche Handys gezückt wurden.«

Wir konnten uns die Szene bestens vorstellen. »Und?«

»Nichts und. Carola Schulz wollte natürlich den Sachverhalt klarstellen, aber die Umstehenden ließen sie nicht zu Wort kommen, die blickten finster, und einer meinte wohl: ›Wer sich an Alten vergeht, hat in Hinterremsingen nichts verloren.‹ Da hat Carola die Beine in die Hand genommen – als

Gemeinderätin will sie ja wiedergewählt werden.«

Im Grunde genommen war Carola Schulz eine sehr tüchtige Frau. Sie war couragiert, stand zu ihrer Meinung und ließ sich von niemandem den Mund verbieten. Nur leider fehlte es ihr manchmal an Taktgefühl, und überhaupt hätte sie wissen müssen, dass sich Else und Otti auf ihre ganz spezielle Weise wehren würden.

Wir wandten uns wieder dem Thema Winzerfest zu.

»Unsere neuen Mitbürger«, fuhr Heiderose fort, »werden zum ersten Mal auch mitmachen. Seretse und Obed, ihr wisst, das Paar aus Afrika, bieten einen Eintopf an, bestehend aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch, das Ganze soll rattenscharf sein. Und Mustafa wird mit seinen Kumpels Döner braten. Das Ganze hat Carola Schulz in die Wege geleitet. Mal sehen, was die Hinterremsinger davon halten.«

»Das diene der Integration und sei eine gute Sache, meint Heiner. Übrigens: Unsere Tochter Johanna reist aus Berlin an«, sagte Margret. »Angeblich wegen des Winzerfests. Ich vermute aber, dass das nur ein Vorwand ist; sie kommt nicht allein, sie bringt ihren Freund mit. Genauer: Sie kommt mit dem Vater ihres Kindes.«

Claudia hob die Augenbraue. »Das ist doch was! Deine Tochter will tatsächlich heiraten?«

»Sieht ganz danach aus.« Margret rieb sich die Nase. »Johanna hat beiläufig erwähnt, sie würden eine Heirat in Erwägung ziehen.«

»Margret!«, rief Heiderose. »Dann bist du die Erste von uns, die einen Schwiegersohn bekommt und Oma wird!« Und dann fügte sie voll Schadenfreude hinzu: »Meine Liebe, nichts stempelt dich so zur Alten wie das Wort ›Oma‹!«

»Halt die Klappe. Noch bin ich weder das eine noch das andere.«

Heiderose lachte lauthals. »Es wird aber nicht mehr lange dauern. Shit happens, wie wir alle wissen, nicht wahr, Claudia?«

Um Schadensbegrenzung bemüht, wollte ich wissen, wie der Freund denn hieße.

»Mirco.« Margret verdrehte die Augen.

»Ein schöner Name«, stellte Claudia fest. »Und so ungewöhnlich. Wo hat Johanna ihren Mirco denn kennengelernt?«

»An der Uni. Er studiert wie sie BWL. Und nebenbei noch Kunstgeschichte.«

»Himmel aber auch! Was fängt man mit dieser Kombination denn an?«, überlegte Heiderose laut.

Margret hob die Schultern. »Woher soll ich das wissen? … Wer will noch ein Stück von der Kürbisquiche?«

»Ich.« Claudia reichte ihr den Teller. »Erinnert ihr euch noch an Anna, die Journalistin, die mit Kurt, dem Fotografen, zusammenarbeitet? Gestern hat sie mich interviewt. Sie wollte wissen, was mir als Winzerin das Winzerfest bedeutet.«

»Und? Was hast du gesagt?«

»Nicht viel.« Claudia runzelte die Stirn. »Dass wir den Wein den Römern zu verdanken haben, schließlich haben sie die Trauben in unser Land gebracht. Dann sagte ich, dass vor weniger als 200 Jahren die Reblaus aus dem Osten der USA zu uns gekommen ist. Sie beschädigte das Wurzelwerk, wodurch der Stock nicht mehr mit Wasser und Nährstoffen versorgt wurde und einging. Das war echt dramatisch, sag ich euch; die meisten Winzer haben durch die Laus ihre Lebensgrundlage verloren. Aber dann hat man –«

»Gift gespritzt?«, vermutete Heiderose.

»Von wegen! Nein, man griff zu einem Trick. Man pfropfte auf eine resistente amerikanische Rebwurzel eine deutsche Rebe – veredeln nennt man das. Was bedeutet«, Claudia hob den Zeigefinger, »jede Rebe in Deutschland steht heute auf amerikanischen Wurzeln.«

»Ach! Und wegen des Tricks mit der Laus feiern wir das Winzerfest?«

»Nein, nein, Anna meinte, das gehe auf ein früheres Ereignis, auf eine Hungersnot infolge eines Vulkanausbruchs, zurück. Hab ich nicht gewusst.«

»War das der Vesuv?«, erkundigte sich Heiderose. »Oder vielleicht der Ätna?«

»Nichts da, der betreffende Vulkan war viel weiter entfernt«, sprang ich ein. »Im Jahre 1815 spuckte in Indonesien der Tambora so wahnsinnig viel Gestein, Staub und Asche in die Luft, dass sich die Staubteilchen infolge der Luftströmungen auf der ganzen Erde verteilten. Stellt euch nur vor: Die Sprengkraft des Ausbruchs entsprach 170.000 Hiroshimabomben, und die Druckwellen waren sogar noch in einer Entfernung von 1.500 Kilometern wahrnehmbar. Der Ausbruch hatte verheerende klimatische Folgen, er verursachte sogar noch bei uns in Europa katastrophale Missernten. Der Winter 1815/16 war der kälteste, seit es Wetteraufzeichnungen gibt, der folgende Sommer fiel sogar ganz aus. Fast die ganzen Monate über regnete es, eisige Winde bliesen von Nordost, Schnee fiel sogar noch im Juli und August bis in die Täler der Alpen runter. Flüsse traten über die Ufer, das Sommergetreide wie auch die Kartoffeln verfaulten, und obendrein schneite es wieder viel früher als sonst. Die Schweiz, Österreich und unser Süddeutschland traf es am härtesten – die Hungersnot war so fürchterlich, dass der damalige württembergische König Wilhelm I. seinen Schwager, Zar Nikolaus von Russland, um Getreide bat.«

»Genau das hat Anna auch gesagt«, stellte Claudia fest. »Erst 1817 wurde wieder eine Ernte eingefahren. Zum Dank stiftete der König zusammen mit seiner russischen Frau ein landwirtschaftliches Fest – das war das erste Cannstatter Volksfest. Na, unsere Hinterremsinger wollten da nicht zurückstehen, auch sie hatten furchtbar gelitten. Damals waren sie so dankbar, dass auch sie den Beginn einer besseren Zeit feierten. Das ist der Ursprung unseres Winzerfests.«

»Aha«, spottete Heiderose, »dann ist also ein indonesischer Vulkan und kein schicker, schwarzlockiger Römer für unser Fest verantwortlich!«

»Aber auch keine fiese Reblaus!«, ergänzte Claudia lachend.

Heiderose tupfte ein paar Krümel auf. »Indonesien ist für mich unvorstellbar weit von Hinterremsingen entfernt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal genau, wo auf der Karte ich das Land suchen müsste. Wenn ich mir vorstelle, dass ein einziger Vulkanausbruch so dramatische Folgen haben kann, sträuben sich mir buchstäblich die Haare. Klar, unser Winzerfest ist toll, aber –«

»Das ist noch nicht alles!«, unterbrach sie Claudia. »Anna sagte, wegen der Missernten und der damit verbundenen Hungersnot seien viele Leute nach Amerika ausgewandert. Sogar Hinterremsinger seien darunter gewesen.«

»Ich weiß, dass auch einer meiner Vorfahren auswanderte, allerdings war das später«, sagte Margret langsam. »So um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum muss das gewesen sein, ein Urur…urgroßvater hat das in der Familienbibel aufgeschrieben.«

»Besitzt du die Bibel noch?«

»Natürlich, sonst wüsste ich’s ja nicht, oder? Jedenfalls steht da, dass auch im Winter 1844/45 die Reben erfroren, danach gab’s eine verheerende Kartoffelfäule. Damals war das Leben wirklich hart.«

»Habt ihr noch Kontakt zu den Leuten in den USA?«

»Wie man’s nimmt … Meine Mutter schrieb jedes Jahr eine Karte zu Weihnachten, sie bekam auch eine zurück, aber seit ihrem Tod ist das ein wenig im Sand verlaufen. Sie haben übrigens ihren Namen amerikanisiert, Schott war ihnen vermutlich zu deutsch; nun nennen sie sich Scott.«

»War derjenige, der damals ausgewandert ist, ein Winzer?«, erkundigte sich Claudia. Sie putzte der kleinen Antonia die Nase und drückte ihr eine Puppe ins Händchen.

Margret tupfte ein paar Krümel auf. »Ja, das war er wohl, aber soviel ich weiß, ließ er sich in einer Gegend nieder, in der es für Reben zu kalt war. Zuerst braute er für die dortigen Deutschen Bier, dann musste er umsatteln. Keine Ahnung, warum. Jetzt besitzt die Familie eine Firma, die Eiscreme produziert. Muss ziemlich erfolgreich sein.«

»Lade sie doch zum Winzerfest ein«, schlug Claudia spontan vor.

»Wie? Jetzt? Einfach so?«, entgegnete Margret verdutzt. Doch dann nickte sie. »Warum eigentlich nicht? Es wäre doch ganz nett, den Kontakt aufleben zu lassen.«

Kapitel 2

Als ich an diesem Abend vom Gymnasium in der nahegelegenen Kreisstadt nach Hause kam, war wie so oft Nicolas Freund Tommy bei uns. Wir aßen gemeinsam, er verabschiedete sich gegen 20 Uhr, Nicola begleitete ihn zum Ausgang, ich hörte, wie sie »Tschüss, bis morgen!« rief, dann fiel die Tür ins Schloss. Nic tappte die Treppe hoch und verschwand in ihrem Zimmer.

Ich hatte meiner Klasse versprochen, sie würde ihre Klassenarbeit am Montag zurückbekommen. Leider hatte ich noch einige Hefte zu korrigieren, deshalb ging Jörg gegen elf schon mal ins Bett. Als ich dann kurz vor zwölf fertig war und ins Bad gehen wollte, drang aus Nics Zimmer verhaltenes Kichern. Das machte mich stutzig, aber als Stiefmutter ist es ratsam, nicht einfach ins Zimmer zu platzen, daher klopfte ich an.

Keine Antwort.

Ich klopfte ein zweites Mal.

Wieder blieb alles ruhig.

Muss mich getäuscht haben, dachte ich schon, da drang erneut dieses Kichern an mein Ohr. Ich machte die Tür auf und knipste das Licht an.

Nicola schlief – oder tat nur so? Ich horchte … und dabei fiel mein Blick auf den Fuß, der da aus dem Bett herausragte. Es war nicht Nicolas Fuß mit den lackierten Nägeln, es war eindeutig der knochige Fuß eines Jungen.

Mit einem Satz war ich am Bett und zog die Decke zurück. »Tommy! Das gibt’s doch nicht! Was machst du hier? Raus, aber ein bisschen plötzlich!«

Tommys Vater – und auch Vater von Claudias Tochter – war alleinerziehender Vater und zudem ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt. Tagsüber war sein Sohn meist bei uns, doch spätestens um 20 Uhr musste er gehen; als Lehrerin wollte ich keinesfalls in den Ruf einer Kuppelmutter geraten. Beide wussten das, und Tommy kroch auch sofort aus den Federn.

Nur Nicola spielte die Beleidigte. »Mensch, Simone, immer musst du den Spielverderber geben! Ich finde dich ja so dermaßen ätzend – wie fies ist das denn? Und überhaupt hast du mir nichts zu sagen, du bist nur meine Stiefmutter!«

Sofort war ich auf 180 – Stiefmutter ist für mich das Reizwort schlechthin. Ich fauchte: »Halt die Klappe, Nic! Und für dich war’s das, mein Lieber. Du hast Hausverbot, hast du mich verstanden?«

Nicola heulte auf wie eine Sirene. Es war unvermeidlich, dass Jörg und Emma aufwachten und ins Zimmer stürzten.

Sofort hing Nicola am Hals ihres Vaters. »Papa, die Simone ist wieder so gemein! Bitte hilf mir, bitte, bitte, lieber Papi, sag, dass Tommy hierbleiben darf!«

Ich kreuzte die Arme vor der Brust, lehnte mich an die Wand und fragte mich, ob Jörg zu mir halten würde.

Wir hatten schon einige schwierige Situationen überstanden. Damals, als Suse, Jörgs Ex, überraschenderweise auftauchte, sich im Haus einnistete und die Ehe wiederaufleben lassen wollte, stand es Spitz auf Knopf. Natürlich wusste er, dass sie vor Jahren wegen ihres damaligen Liebhabers die Scheidung eingereicht hatte, aber die ganze Situation überforderte ihn – Suse behauptete, die Töchter bräuchten sie und keinesfalls eine böse Stiefmutter.

Ich zog aus.

Meine Freundinnen setzten Jörg den Kopf zurecht. Sie erklärten, er und kein anderer müsse seine Ex zur Räson bringen und ihr die Tür weisen. Er wollte nichts lieber als das, nur dass eben die Töchter ihre Mutter behalten wollten, was ich durchaus verstehen konnte. Doch Suse, dumm, wie sie nun mal war, warf sich ausgerechnet in dieser Zeit unserem schönen Metzger an den Hals. Das versetzte Ilona in helle Wut. Sie wetzte ihr Messer und setzte es, bildlich gesprochen, Jörgs Ex an den Hals. Die gab Fersengeld und ließ ihre Töchter zum zweiten Mal einfach zurück.

Für beide, besonders aber für Nicola, war das ein furchtbarer Schock gewesen. Trotzdem – in kritischen Situationen war ich eben nicht Simone, sondern die doofe, ungeliebte Stiefmutter.

»Es war ausgemacht, dass Tommy spätestens um 20 Uhr nach Hause geht. Das war eine Vereinbarung, ihr habt euer Wort darauf gegeben, das habt ihr nicht eingehalten, jetzt habt ihr die Konsequenz zu akzeptieren«, erklärte Jörg sachlich und kalt.

Nicola gab nicht auf. »Aber, Papi …«

»Keine Diskussion. Ich fahre Tommy nach Hause.«

Wie ein begossener Pudel schlich Tommy hinter Jörg aus dem Haus. Nic warf sich wütend aufs Bett, und als wir hörten, wie Jörg das Auto aus der Garage fuhr, sagte Emma: »Nic, ich hab dir gleich gesagt, dass das eine ganz dumme Idee von dir war. Das hast du nun davon.«

Ich fuhr herum. »Wie war das? Du hast es gewusst? Und nichts gesagt?«

Emma zog die Augenbrauen hoch. »Mensch, Simone, ich kann doch meine Schwester nicht verpfeifen!«

Aber dass ich als Kupplerin dastehen würde, macht dir nichts aus, wollte ich entgegnen. Doch ich schluckte meine Wut hinunter: Die Mädchen und Tommy waren zu jung, um die Tragweite ihrer Handlungen abschätzen zu können.

Als ich später neben Jörg im Bett lag, kuschelte ich mich an ihn. »Danke«, flüsterte ich ihm ins Ohr.

Schläfrig zog er mich an sich. »Wär ja noch schöner, wenn wir zulassen würden, dass uns die Kids auf der Nase herumtanzen.«

Am Morgen bekam ich von Tommys Vater eine SMS. »Wegen Thomas. Wir sollten uns treffen. Phillip Hellrich.«

Typisch Rechtsanwalt. Kein Herumeiern, der Mann kam sofort auf den Punkt.

Als mein Unterricht zu Ende war, parkte ich vor Hellrichs Kanzlei. Und hatte Glück: Ein Klient verspätete sich, er hatte ein paar Minuten Zeit.

»Kaffee?«

»Nein, danke. Sie wissen, dass Tommy Hausverbot hat? Als Lehrerin kann ich es mir nicht leisten, wegen der Kinder in einen zweifelhaften Ruf zu geraten.«

Er fuhr sich mit der für ihn typischen Geste durchs stoppelkurze Haar. »Ich bitte Sie – ich bin’s, der sich entschuldigen muss. Wissen Sie, der Junge raubt mir den letzten Nerv. Er weiß genau, dass ich die Brötchen für uns beide verdiene, er weiß, dass ich nicht gleichzeitig ganztägig mit ihm zusammen sein kann, er weiß, dass das für uns beide eine unbefriedigende Situation ist. Und trotzdem benimmt er sich wie …« Er suchte vergeblich nach einem treffenden Vergleich und hob die Hände. »Seitdem er von Claudia und der kleinen Antonia weiß, hat er sich mir gegenüber völlig verändert. Wie soll ich nur mit ihm umgehen? Ich bin hilflos. Dabei war er anfangs Claudia gegenüber durchaus aufgeschlossen. Aber jetzt …«

Na ja, an einem Sonntagnachmittag hätte er durchaus etwas mit seinem Sohn unternehmen können, dachte ich, aber vermutlich waren ihm seine Akten wichtiger gewesen. Und was sein Verhältnis mit meiner Freundin betraf – also, das hätte er seinem Sohn viel früher erklären müssen. »Es war unverantwortlich von Thomas, Ihr Vertrauen zu missbrauchen«, setzte Hellrich hinzu. »Was machen wir denn nun?«

»Na ja, Tommy wird nicht allein die Schuld daran getragen haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Nicola Tommy zum Bleiben überredet hat. Aber wir ist gut.« Ich schlug die Beine übereinander. »Überlegen Sie doch: Sie sind mit Claudia liiert, Sie beide haben eine gemeinsame Tochter, aber wo ist Tommys Platz? Welche Rolle fällt ihm denn nun zu? Es ist doch verständlich, dass er nicht weiß, ob er Ihnen noch wichtig ist oder ob Sie nur noch Augen für Ihre kleine Tochter haben. Dazu kommt die ungeklärte Situation mit Claudia, die –«

»Von meiner Seite aus ist die keineswegs ungeklärt«, unterbrach mich Hellrich. »Claudia weiß, dass ich sie lieber heute als morgen heiraten würde.«

»Womit Sie meine Freundin zur Stiefmutter machen würden.«

»Na und? Sie sind doch auch eine.«

»Was Claudia abschreckt«, erklärte ich hart. Als ich Hellrichs verständnislosen Blick sah, setzte ich hinzu: »Stiefmutter zu sein ist alles andere als vergnüglich. Einerseits kümmern sie sich um das fremde Kind, sie waschen seine Wäsche, sie kochen, sie sind Ansprechpartner in allen Belangen des täglichen Lebens, sie besuchen seinetwegen den Elternabend, sie sprechen mit den Lehrern, im Krankheitsfall rufen sie den Arzt – alles ist selbstverständlich, alles wird gerne hingenommen. Aber sobald – wie zum Beispiel gestern Abend – eine kritische Situation eintritt, sucht das Kind Unterstützung, Verständnis, auch Hilfe beim leiblichen Elternteil. Das ist ziemlich ärgerlich, es ist so frustrierend, dass Claudia verständlicherweise davor zurückschreckt.« Ich atmete auf. »So, das musste mal gesagt werden. Vielleicht verstehen Sie nun Claudias Zögern besser.«

Hellrich schob den Füller einer bekannten, sehr teuren Marke auf der Schreibtischplatte hin und her.

»Und was Tommy angeht, spielt da noch etwas rein«, sagte ich. »Die Eifersucht nämlich. Nach der Scheidung war Tommy der wichtigste Mensch in Ihrem Leben. Nun muss er Sie mit zwei anderen teilen: mit einer Stiefmutter und mit einem niedlichen kleinen Mädchen.«

»Ich bitte Sie, er muss mich doch nicht teilen! Ich bin immer für meinen Sohn da, egal –«

»Das sagen Sie«, unterbrach ich ihn rüde. »Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Tommy das auch so sieht? Dass er weiß, dass er sich wie bisher auf Sie verlassen kann? Ich bezweifle, dass ein junger Mensch sich das so rational erklärt. Überhaupt – Sie als Rechtsanwalt kennen bestimmt Fälle, in denen selbst Erwachsene einer Stiefmutter oder einem Stiefvater spinnefeind sind. In den meisten Fällen wird es um enttäuschte Liebe, um Vertrauensverlust und Verlust der – vermeintlichen – Sicherheit gehen. Eifersucht hat viele Gesichter, Hellrich.«

Wieder fuhr er sich durch die Stoppeln. »Was soll ich nur tun?«

»Reden Sie mit Tommy. Machen Sie ihm Ihre Situation klar: Sagen Sie ihm, Sie hätten sich wieder verliebt, was aber nicht bedeuten würde, dass –«

»Das kann ich nicht!«, rief er spontan.

Da musste ich lachen. »Mensch, Hellrich, Sie sind ein bekannter, angesehener Rechtsanwalt. Und da behaupten Sie allen Ernstes, Sie könnten nicht reden? Das nehme ich Ihnen nicht ab. Obwohl …« Ich legte den Kopf schief. »Sobald es um Ihre Gefühle geht …«

»… bin ich überfordert«, gestand er.

In diesem Augenblick streckte Ruth, die Sekretärin, den Kopf ins Zimmer. »Herr Hellrich, Ihr Klient sitzt im Vorzimmer.«

»Er muss sich noch einem Augenblick gedulden«, schnauzte Hellrich.

»Sehen Sie«, sagte ich genüsslich, »Sie können durchaus den Mund aufmachen. Denken Sie daran: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.«

Ich stand auf und ging zur Tür. Hellrich hielt mich am Arm zurück. »Einen Augenblick noch. Ich brauche wirklich Ihren Rat, Simone: Wie soll … Wie kann ich vorgehen?«

»In Sachen Tommy?«

»Ja. Nein. In der ganzen Angelegenheit überhaupt. Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären?«

»Oje …«

»Bitte, Simone!«, rief er gequält.

Dem Mann war’s wohl bitterernst. »Zunächst würde ich meinem Sohn erklären, dass es ein ungeheurer Glücksfall ist, wenn man sich im fortgeschrittenen Alter nochmals verliebt. Dass man dafür dankbar ist, Verständnis erwarten darf und ein Kind einen solchen Glücksfall akzeptieren muss – jeder hat schließlich nur ein Leben. Und wenn Sie das mit Tommy geklärt haben, gehen Sie zu Claudia. Haben Sie ihr überhaupt schon ausdrücklich gesagt, wie sehr Sie sie lieben? Dass Sie vielleicht sogar bereit wären, zu ihr zu ziehen? Mit Sohn und allem Drum und Dran?«

Er schüttelte den Kopf.

»Na, das überrascht mich jetzt nicht wirklich, Hellrich. Fehlt nur, dass Sie von Claudia erwarten, sie könne Ihre Gedanken lesen und Ihre Gefühle erraten.«

»Aber …«

»Nix aber! Sie wollten meinen Rat, nun haben Sie ihn. Sie wissen, was zu tun ist. Packen Sie’s an, kneifen Sie nicht! Handeln Sie wie ein Mann!«

Fast hatte ich Mitleid mit ihm. Warum nur, fragte ich mich, als ich ins Auto stieg, fegt ein Mann im Beruf einen Gegner mit Hochgenuss und ohne mit der Wimper zu zucken beiseite und wird dann zum hilflosen, stummen Wesen, wenn’s um seine Gefühle geht? Ist die sogenannte Überforderung echt? Oder etwa nur gespielt?

Ich war mir wirklich nicht sicher und nahm mir vor, Claudia am Nachmittag zu besuchen. Möglich, dass sie Hellrich auf halbem Weg entgegenkommen würde … Überhaupt war es auch ihre Aufgabe, mit Tommy ein ausführliches Gespräch zu führen. Nicht nur eines auf der Basis: »Nett, dass du hier bist …«

Kapitel 3

Es kam dann ganz anders als geplant.

Am späten Nachmittag fuhr ich mit Emma zum Einkaufen; der Kühlschrank war so gut wie leer, uns fehlten Butter, Joghis, Milch, Frühstücksflocken, Obst, Käse und Wurst. Sogar das Brot war uns ausgegangen. Wir machten also unsere Runde, und weil Emma noch kurz bei ihrer Freundin vorbeischauen wollte, fuhr ich allein nach Hause zurück.

An der Hauswand lehnte Tommys Rad. Aber hallo, der Junge hat doch Hausverbot!, dachte ich, schloss die Haustür auf – und in diesem Augenblick hörte ich Nicolas gellende Stimme. »Hau bloß ab, du Loser! Du fieser Kerl, du Lügner!«, kreischte sie. Eine Sekunde später stürzte Tommy an mir vorbei, schnappte sich das Rad und strampelte wie ein Wilder von dannen.

Das sah irgendwie lustig aus. Ich verkniff mir ein Grinsen – schließlich war der Kerl verbotenerweise im Haus gewesen – und wollte von Nic, die auf halber Höhe auf der Treppe stand, wissen, was denn los sei. Doch die schlug die Hände vors Gesicht und verschwand laut heulend in ihrem Zimmer.

Ich zuckte die Schultern, verstaute den Einkauf, kochte eine Kanne Tee, füllte einen Becher und ging hoch. Dort klopfte ich an ihre Tür. »Ich hab dir einen Tee gekocht, Nic! Darf ich reinkommen?«

»Hau bloß ab, ich will nichts!«

Okay, da war nichts zu machen, das Mädchen litt offensichtlich an akutem Liebeskummer. Ich zog mich zurück und setzte mich an meinen Schreibtisch. Weil ich wirklich viel vorbereiten musste, verschob ich den Besuch bei Claudia auf den nächsten Tag.

Nic kam nicht zum Abendessen runter; durch Emma ließ sie uns ausrichten, sie habe keinen Hunger. Jörg wollte wissen, was denn los sei, und Emma behauptete, sie habe keine Ahnung, Nic habe so geheult, dass sie keine Tränen mehr habe – richtig grausam sei das, und überhaupt würde sie grässlich aussehen.

Da Jörg nachbohrte, gab sie schließlich zu, dass Nic Streit mit Tommy habe. Aber worum es gegangen sei, wisse sie ehrlich nicht.

Erst am Abend des nächsten Tages erfuhr ich die Ursache.

Bleich und schweigsam schlich Nicola durchs Haus, und da sie wieder nicht zum Abendessen erschien, klopfte ich später mit einem Becher heißer Schokolade mit Sahnehaube an ihre Tür, und dann … dann blieb ich fassungslos stehen. »Was machst du da?«

»Siehst du doch. Ich räume auf. Alles muss raus«, erklärte sie wild.

»Wie jetzt?«

»Der Kinderkram muss endlich weg.«

Die Bilderbücher füllten einen Karton, die Kinderbücher einen zweiten, ihre Kuscheltiere steckten in einem blauen Müllsack, das rosarote Glitzerzeug aus ihrer Lillifee-Phase in einem anderen. Nur ihre Lieblingspuppe Susi, die so groß war wie ein Baby von drei Monaten, Mama quäken und pinkeln konnte, blieb verschont. Nicht, dass Nic noch mit ihr spielte, aber sie saß nach wie vor auf der weißgestrichenen Kommode.

»Aber warum muss denn der Kinderkram weg?«, insistierte ich.

»Weil ich jetzt erwachsen bin.«

»Nic, niemand wird mit einem Schlag erwachsen. Das dauert.«

»Bei mir nicht«, erklärte sie heftig.

Ich sank auf ihr Bett. »Wenn du meinst … Aber trag die Sachen auf den Speicher. Wenn du mal eine Tochter hast, freut sie sich über deine Spielsachen.«

»Du machst Witze! Ich werde nie ein Kind bekommen, und heiraten werde ich schon gar nicht. Alles kommt auf den Müll!«

»Ohne dein Häschen kannst du nicht mal einschlafen, Nic.«

»Ich kann alles, und du nervst, Simone.«

Ich wusste, im Augenblick kam ich an Nicola nicht ran. Ihr Zimmer sah jetzt richtig kahl und ungemütlich aus, und wenn es ihr mit dem Erwachsenwerden ernst war, müsste es auch neu tapeziert werden, die weißen Wölkchen auf rosa Grund waren so kitschig wie die Rüschengardine. Nicola schien das ähnlich zu sehen.

»Morgen kaufe ich Farbe«, sagte sie und zupfte mit Daumen und Zeigefinger ein Stück Tapete ab.

»Farbe?«

»Schwarze Farbe. Damit überpinsle ich diese scheußliche Tapete. Der Vorhang muss auch weg.« Sie plumpste neben mich aufs Bett. »In diesem Zimmer«, stellte sie theatralisch fest, »ist die Uhr auf Babyzeit stehen geblieben. Verstehst du, Simone, das muss ich radikal ändern.«

»Ja«, sagte ich und stand auf. »Das verstehe ich. Aber ob du dich in einer finsteren Gruft wohlfühlen wirst, wage ich zu bezweifeln. Mich würden schwarze Wände doch sehr an einen Sarg erinnern. Aber gut: Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Ich jedenfalls könnte in einem schwarzen Zimmer nicht schlafen.«

Nic beäugte mich abschätzend. »Du bist ja auch um etliches älter als ich, du …«

»… stehst schon mit einem Bein im Grab«, beendete ich todernst ihren Satz.

Meine Stieftochter verbesserte mich nicht.

Später am Abend setzte Jörg durch, dass sie die Schachteln und Säcke auf den Speicher trug und statt schwarzer Farbe ein weniger depressives Mittelblau kaufte. Damit, so dachten wir, sei die Sache erledigt.

Dann kam der Mittwoch.

Wie immer trafen wir vier Freundinnen uns zum Pilates, und als wir danach in der Sauna schwitzten, erwähnte Margret beiläufig, sie habe die Adresse der Verwandten in den USA ausgegraben und ihnen eine Mail geschickt. »Damit sie ganz unkompliziert antworten können. Heiner hat mich zwar für verrückt erklärt, aber der hat ja nur noch das Winzerfest im Kopf. Jetzt haben nämlich die Landfrauen mit den Frauen vom Trachtenverein Streit angefangen.«

»Ach nee! Warum das denn? Weißt du Genaueres, Heiderose?«

»Na klar! Seit ewigen Zeiten backen die Landfrauen Kuchen. Ihr wisst schon: Apfel-, Birnen- und Zwetschgenkuchen. Schwarzwälder Kirschtorte, Zitronen- und Marmorkuchen … und so weiter und so fort. Nun behaupten die Frauen vom Trachtenverein, sie würden Waffeln und Crèpes anbieten, mit Puderzucker, aber auch mit Apfelmus oder Nutella. Deshalb –«

Wir lachten. »– fürchten die Landfrauen, sie würden auf ihren Kuchen sitzen bleiben?«, beendete ich den Satz.

»Richtig«, bestätigte Heiderose. »Heiner hat keinen Schimmer, wie er das Problem lösen könnte. Sagt er den Trachtenfrauen zu, sind ihm die Landfrauen spinnefeind. Verbietet er Waffeln und Crèpes, sagen die Leute vom Trachtenverein ihre Teilnahme am Festumzug ab.«

»Sollen sie halt wegbleiben«, erklärte Claudia kurz.

»Wenn es nur so einfach wäre! Die Jägergruppe hat sich mit dem Trachtenverein verbündet; die sagt dann auch ihre Teilnahme ab. Dazu kommt, dass unsere allseits verehrte Carola Schulz ihre Schützlinge favorisiert: keine Crèpes, keine Waffeln, und Kuchen so wenig wie möglich.«

»Wie bitte? Seit wann gehört sie zur ›Zucker? Nein danke!‹-Fraktion?«

Ungeduldig schüttelte Heiderose den Kopf. »Ihr geht es nicht um den Zucker. Sie möchte, dass möglichst viele Festgäste ihren Hunger mit dem Eintopf von Seretse und Obed stillen. Oder sich halt einen Döner holen. Aber stellt euch unsere Hinterremsinger vor, wenn sie keinen Kaffee-und-Kuchen-Stand vorfinden würden – das würde einen Aufstand geben! Ich bin froh, wenn der Spuk endlich vorbei ist.«

»Vier Wochen musst du noch durchhalten«, sagte Claudia und klopfte an die Sanduhr. »Leute, die Zeit ist um.«

Als wir uns wie immer in der Traube an den für uns reservierten Tisch setzten und bei Olga das Essen bestellten – Kutteln in Riesling- oder Trollingersoße beziehungsweise Toast Hawaii –, kam Heiderose auf das Thema zurück. »Heiner hat gemeint, vielleicht wüssten ja wir eine Lösung.«

Nachdem der Wein unser Hirn auf Touren gebracht hatte, entschieden wir uns für eine naheliegende Vorgehensweise. »Wenn sich dein Heiner einmischt, hat er verloren«, fanden wir. »Er muss die Vorsitzende der Landfrauen und die der Trachtengruppe an einen Tisch bringen; die zwei sollen sich einigen, dann ist er aus dem Schneider.«

Heiderose spielte mit ihrer Brille. An diesem Tag trug sie ihr einfaches Sportmodell ohne Swarovskibrillis oder sonstigem Schmuck. »Ich werde deinen Mann unterstützen, Margret.«

»Gut. Das ist sogar sehr gut«, fand Margret. »Gibt es sonst was Neues?«

»Ja«, sagte ich. »Es geht um Claudia und Hellrich.«

»Der schon wieder! Du verdirbst mir den Appetit!«, wehrte Claudia ab.

Ich berichtete von der Nacht, in der Tommy in Nics Bett lag und heimgefahren wurde, vom Gespräch mit dem in Gefühlsangelegenheiten überforderten Hellrich und schließlich vom Streit zwischen seinem Sohn und Nicola. »Von allen Beteiligten bist du die Vernünftigste«, schloss ich. »Claudia, du musst unbedingt mit seinem Sohn reden, und dann mit Hellrich.«

»Liebe Simone«, rief sie empört, »du ahnst ja nicht, was du von mir verlangst! Hast wohl vergessen, dass ich mich mitten in der Weinlese befinde, der stressigsten Zeit des Jahres! Und dazu steht auch noch das Winzerfest vor der Tür! Alles, was recht ist, aber du mit deinen paar Stunden Unterricht hast keine Ahnung vom wahren Leben!«

Wenn Claudia nicht weiterwusste, kam sie mit diesem Argument daher – wir nahmen es längst nicht mehr ernst.

Heiderose legte ihr die Hand auf den Arm. »Simone will dir doch nur helfen. Ich finde auch, dass du mit den beiden reden solltest, vorausgesetzt, dir liegt etwas an Hellrich.«

»Und«, setzte Margret hinzu, »du musst auch an den Jungen denken, schließlich wird er zur Familie gehören. Sag ihm wenigstens, dass du ihn magst und dass er dir willkommen ist.«

»Ich mag ihn nicht besonders, und willkommen ist er mir schon gar nicht. Wenn ich dran denke, ich müsste ihm morgens ein Pausenbrot schmieren, wird mir schlecht.« Claudia kratzte die letzten Kutteln zusammen und schob sie in den Mund. »Ich will nicht Stiefmutter spielen müssen. Hellrich soll ihn in ein Internat stecken, dort ist er gut aufgehoben.«

Wir starrten sie an. »So böse bist du eigentlich nicht«, sagte Margret schließlich. »Seit wann machst du aus deinem Herzen eine Mördergrube?«

»Seitdem ich Simones Stiefmuttertragödie miterlebe«, antwortete Claudia prompt.

Das war genau das, was ich befürchtet hatte: Ich war ein schlechtes Beispiel. »Du kannst zwei Mädchen nicht mit einem Jungen vergleichen.«

»Wer sagt mir, dass ein Junge nicht noch schlimmer ist?«

Margret knallte die Faust auf den Tisch. »Jungs sind einfacher! Selbst in den schlimmsten Zeiten der Pubertät war mein Sohn, verglichen mit Johanna, ein Lämmchen«, behauptete sie. »Nun reiß dich mal zusammen, Claudia, den Tommy wickelst du doch spielend um den Finger. Versprich, dass du es wenigstens versuchst.«

Sie knurrte. »Mal sehen …«

Kapitel 4

Als ich zu Hause meine Jacke an den Haken hängte, beugte sich Emma übers Geländer. »Simone, ich hab auf dich gewartet. Hast du ’ne Sekunde Zeit?«

»Aber sicher, Emma.«

»Gut. Du, Simone, ich hab uns einen Tee gekocht. Kanne und Tassen sind schon in deinem Arbeitszimmer.«

»Wie fürsorglich von dir, Emma, ich bin ganz gerührt. Oder hast du so schreckliche Nachrichten, dass du mich mit dem Tee aus einer Ohnmacht erwecken musst?«

Emma lachte leise. »Ganz so fürchterlich wird es nicht werden.«

Wir setzten uns aufs große Sofa und zogen die Beine an. »Also. Ich bin ganz Ohr. Worum geht es?«

»Um Nicola natürlich.« Emma spielte mit einer Haarsträhne. »Ich weiß jetzt, worüber sie sich mit Tommy gestritten hat.«

»Ja?«

»Ja. Der Kerl hat eine andere.«

»Wie bitte?« Ich setzte die Tasse ab. »Das glaube ich nie und nimmer. Tommy doch nicht!«

»Nic hat Beweise. Sie hat es schwarz auf weiß gelesen.«

»Gelesen? Hat sie einen Brief abgefangen?«

»Einen Brief? Wie kommst du denn auf einen Brief? Ehrlich, Simone manchmal lebst du echt im letzten Jahrhundert. Nic hat eine SMS auf Tommys Handy gelesen, die der Loser der Anna-Maria geschrieben hat.«

»Anna-Maria? Ist das die Blonde aus Nics Klasse? Klein, zierlich, große blaue Augen?« Ich erinnerte mich gut an das Mädchen. Es war das absolute Gegenteil zu unserer selbstbewussten, hitzigen, temperamentvollen Nicola. Anna-Maria war ausgesprochen schüchtern, ich konnte mir verstellen, dass sie bei den Jungs den Beschützerinstinkt weckte.